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5.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach der Erinnerung
Ein nicht näher vorgestellter Erzähler trifft bei seinen architekturgeschichtlichen Streifzügen durch die Städte Mitteleuropas auf den etwas älteren Austerlitz, einen universal gebildeten sehr zurückhaltenden Menschen, mit dem sich über große Zeiträume hinweg eine intensive, zuerst sachliche, später persönliche...
Veröffentlicht am 1. April 2007 von euripides50

versus
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Etwas überschätzt
W. G. Sebald gilt gerade im Ausland als einer der besten deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Irgendwann beschloss ich, ihn endlich zu lesen, und wählte dafür diesen Roman. Nun stehe ich jedoch vor einem Rätsel. Wie soll man dieses seltsame Buch bewerten?
Ich tat mich lange schwer. Begeistert haben mich die dichten, eigentümlichen...
Vor 9 Monaten von Antoine Peters veröffentlicht


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35 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach der Erinnerung, 1. April 2007
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Ein nicht näher vorgestellter Erzähler trifft bei seinen architekturgeschichtlichen Streifzügen durch die Städte Mitteleuropas auf den etwas älteren Austerlitz, einen universal gebildeten sehr zurückhaltenden Menschen, mit dem sich über große Zeiträume hinweg eine intensive, zuerst sachliche, später persönliche Konversation ergibt. Man erfährt, dass der kleine Austerlitz als ein Waisenkind zunähst unbekannter Herkunft im Haushalt eines Geistlichen aufwuchs, dass er zur Schule ging, dass er dort Freunde und Gefährten traf, eine Leidenschaft für Kunst und Kultur und entwickelte und mit seinen herausragenden Begabungen zu den schönsten Hoffnungen berechtigte - wäre da nicht die Grundstimmung einer trübsinnigen Gemütsart, die dem heranwachsenden Austerlitz alle Freuden des Lebens gründlich vergällte. Schließlich kam es sogar zu einer manifesten Persönlichkeitskrise, in deren Verlauf dem Literateten und Bücherfreund Austerlitz zuerst das Schreiben und dann das Lesen entglitt, bis er von permanenter Schlaflosigkeit gepeinigt, Nacht für Nacht durch London lief, ohne zu wissen, was er eigentlich suchte. In einem dunklen Londoner Bahnhof steht er plötzlich einem fünfjährigen Waisen und zwei verhärmte Erwachsenen gegenüber und erkennt in dieser Halluzination urplötzlich die Szene seine Abkunft in London vor mehr als einem halben Jahrhundert. Doch woher kam er? Auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit beginnt Austerlitz alle Barrieren der Verdrängung beiseite zu schieben und aus dem Fundus einer sich immer weiter erschließenden Erinnerung seinen Werdegang zu rekonstruieren. Es stellt sich heraus, dass der kleine Austerlitz aus Prag stammt und dass er von seiner jüdischen Mutter im letzten Augenblick vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten im Jahre 1939 zusammen mit anderen jüdischen Kindern nach Großbritannien verschickt wurde. Einmal auf der Fährte seiner Herkunft gesetzt, forscht Austerlitz weiter, reist nach Prag, ermittelt den Wohnort seiner Kindheit, trifft seine Kinderfrau wieder und erfährt von der Verschickung seiner Mutter erst nach Theresienstadt, dann in eines der Vernichtungslager Osteuropas.

Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, die in einer ungewöhnlichen Erzählkonstruktion vor dem Leser ausgebreitet wird, aber noch viel ungewöhnlicher um nicht zu sagen: einzigartig, ist die Sprache, in der dies geschieht. Sebald ist ein Stilist allerhöchsten Grades, ein Sprachsinfoniker, dessen literarisch ausgefeilte Girlandensätze nicht nur eine ungemeine Prägnanz sondern einen fast musikalischen Rhythmus beisitzen. Ganz egal, ob die Sätze eine halbe oder dreiviertel Seite lang sind, ganz egal ob der ersten Absatz nach 173 Seiten kommt. ob das Dach eines Bahnhofs, die Fortifikation einer Festung oder der Tod einer Motte beschrieben wird, immer empfindet man Sebald Sprache als ein ungemein wirksames Mittel zur Aufschließung der Welt, als einen Wahrnehmungsverstärker und ein Medium der moralischen Sensibilisierung zugleich, mit des Sebald gelingt, Nuancen vorzuführen, wie man sie so noch nie gelesen hat. Aber Sebalds Ambition geht noch weit über die Gestaltung solcher literarischer Meisterminiaturen hinaus: Sebalds Thema ist die Erinnerung, genauer gesagt: ist die Rekonstruktion der Gegenwart aus der Erinnerung, einer Erinnerung, die sich nach noch unbekannten Regeln mal verschließt und mal öffnet und zusammen mit Einbildungskraft den Menschen zu dem macht, was er ist. Dabei waltet über allem Rekonstruierten die düstere Stimmung einer allgemeinen Sinnlosigkeit, von der man sich fast anstecken lassen könnte, wenn man liest, dass der Autor kurz nach der Vollendung dieses Meisterwerkes bei einem Verkehrsunfall zu Tode kam. Ein verstörendes Werk, das dem Leser ganz neue Horizonte der Literatur eröffnet.
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30 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk, 30. Dezember 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
„... Nach und nach entsann ich mich auch, wie es mir während der Fahrt auf einmal unwohl geworden war, wie ein Phantomschmerz sich ausbreitete in meiner Brust und wie ich dachte, ich werde jetzt sterben müssen an diesem schwachen Herzen, das ich geerbt habe, ich weiß nicht, von wem ...", sagt Austerlitz, meint der Erzähler, in Sebalds Werk (S. 378). Der Autor muß gewußt haben, wovon er sprach, denn am 14. Dezember 2001 erlitt W. G. Sebald, während er mit seinem Auto in Norwich unterwegs war, einen Schwächeanfall des Herzens, geriet mit dem Fahrzeug auf die gegenüberliegende Strassenseite, wo er mit einem Lastkraftwagen zusammenstieß, der Sebald tötete; seine Tochter, die ihn als Beifahrerin begleitet hatte, überlebte den Unfall verletzt. Sebalds Tod ist zweifelsohne ein großes Unglück auch für die deutsche Literatur.
So ist „Austerlitz", Sebalds letztes zu Lebzeiten erschienenes Werk, das literarische Vermächtnis Sebalds. Es fällt auf, dass Sebald dem Werk keine Gattungsbezeichnung gegeben hat: weder Biographie, noch Roman, noch Bericht, noch Erzählungen oder dergleichen. Wahrscheinlich sperrt sich „Austerlitz" auch gegen eine solche Ettikettierung: viele Elemente des Werks werden auf Erzählungen einer oder mehrerer realen Personen beruhen: in England leben noch heute viele während der Nazizeit ausgewanderte Juden, wie Sebald kurz vor seinem Tod meinte, und er, der aus Deutschland weggegangene Nichtjude Sebald, habe manche von ihnen dort kennengelernt. So mag dieser Roman - Germanisten mögen es herausfinden - auch zugleich das Dokument einer Freundschaft zwischen Sebald und einem „Emigranten" wie Jaques Austerlitz sein. Aber vieles wird auch der Einbildungskraft Sebalds entsprungen sein: so erinnert etwa die Verankerung der Vita Austerlitz' in Prag „prototypisch" an die Leidensgeschichte der Familie Kafka und der anderer osteuropäischer Juden.
Wie Sebald das alles schildert, wie er langsam, aber mit einer sich auch auf den Leser übertragenden stetig wachsenden Spannung, die Selbstentdeckung des Austerlitz entwickelt,
raffiniert in der für Sebald typischen Weise mit zwischen den Text eingestreuten Fotografien und Zeichnungen „belegt", die Monstrositäten der Architektur (in der Länge der Schilderungen manchmal langatmig und ausfransend) als Spiegelbild der Monstrosität und Abgründe der (nicht nur, aber vor allem) deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts darstellt, dabei aber nicht in eine Technokraten- oder Journalistensprache verfällt, sondern angemessen und getragen wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts erzählt - das ist schon meisterhaft und sucht seinesgleichen. Eine der renommiertesten literarischen Zeitschriften der Welt, das New York Book of Reviews, hat Sebalds „Austerlitz" Anfang Dezember zum wichtigsten Roman des Jahres 2001 erklärt.
Die Vergangenheit und die Zukunft als seelischen Raum darzustellen, den man betritt, mit einer Erzählung die Grenzen der Zeit zu sprengen und den Leser in diesen Raum der Vergangenheit und der angedeuteten Zukunft zu führen: diese Leseerfahrung ermöglichen in besonderer Weise W. G. Sebalds Erzählungen („Die Ausgewanderten") und daran anknüpfend, „Austerlitz".
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25 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das schönste traurigste Buch, 4. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Das ist vielleicht das beste Buch der deutschen Gegenwartsliteratur. Vielschichtig im Inhalt, in einer wunderbaren Sprache geschrieben. Eigentlich eine Komposition, vergleichbar mit einem Werk von Johann Sebastian Bach. Die wenigen stillen Fotos aus dem Archiv des Autors illustrieren nicht, sondern berühren beim Lesen auf merkwürdige Weise. Die Vergangenheit in der Gegenwart, geknüpft an Architekturbetrachtungen von Festungsbauwerken und Bahnhöfen, Symbole für den Seelenzustand. Ein älterer Mann sucht in langsamen, traurigen Schritten seine Vergangenheit. Als Kind jüdischer Eltern zur Rettung in die Fremde verschickt beschäftigt er sich sein Leben lang nicht mit seiner Herkunft. Er ist gleichsam abgeschnitten von seiner Identität. Erst als die Zeichen aus der Vergangenheit sich mehren, macht er sich auf eine vorsichtige Suche und findet Schatten. Als er alles weiß und sich gefunden hat, endet sein Leben. Ein trauriges Buch, aber ohne Verzweiflung. Traurig ist auch, dass Sebald so spät mit dem Schreiben von solchen Büchern begonnen hat und dann so früh starb. Um so kostbarer ist alles, was er geschrieben hat. Im Marbacher Literaturarchiv kann man die Materialien Sebalds zu Austerlitz betrachten.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Anrührend!, 23. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch, das nicht einfach zu lesen ist und dennoch - ein sehr gutes Buch!
Nicht einfach zu lesen, weil der Autor ellenlange Sätze hintereinander reiht, wobei ihm dies nicht ganz so souverän gelingt, wie z.B. Thomas Mann. Auch deshalb nicht einfach, weil diese langen Sätze ineinander fließen, ohne durch Kapitel unterbrochen, oder gar strukturiert zu werden. Schließlich nicht einfach, weil das Thema dieses Buches das düsterste Kapitel deutscher Geschichte beschreibt.
Ein gutes Buch, welches einen Ehrenplatz in meinem Bücherschrank erhalten wird. Gut, weil es einen Erzählrhythmus hat, der einen wie ein Malstrom in die Geschichte hineinzieht. Gut, weil der Autor unglaublich gebildet ist und diese Bildung mühelos an seine Leser weiter gibt. Gut, weil die Geschichte sehr kreativ aufbereitet wird, mit die Geschichte illustrierenden Schwarz-Weiss Photos. Und gut, zum Schluss, weil das Sujet sehr gelungen gewählt wurde. Nichts schildert das Unmenschliche des Nazi-Regimes besser als Biografien, in die sich der Leser hinein versetzen kann, die ihn fragen lassen "Warum?" und Wie konnte man nur?". Ein besonderer Dank gebührt dem Hanser-Verlag, der das Werk in einer sehr gelungenen Edition präsentiert. Allein das Titelphoto auf dem Einband wird man nach der Lektüre des Romans so schnell nicht vergessen.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Fund-Palast, 19. Februar 2001
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
Was die kommende E-Literatur verbergen könnte, das hat bisher noch jedes Buch schon eingangs verraten: seinen Umfang. Durch eingestreute Fotos verraten Bücher von Sebald noch mehr, sofern man sie voreilig durchblättert. Sebald entwickelt aus einer Fülle von detektivisch Gesuchtem und traumwandlerisch Gefundenem eine geheimnisvolle Gestalt (mit Zügen von Ludwig Wittgenstein). Einen, der seine verborgene Herkunft aufdecken will - erst wie träumend, dann wie erwachend, dem Geheimnis mal näher, mal ferner. Einen, der im Nazi-Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" den Schatten seiner Mutter zu finden glaubt. In Paris den Vater: in einer wunderbaren Szene erleuchtet den Leser wie im Traum ein "endlich fügt sich alles!" Oder ist es umgekehrt? Der Leser ist wie erwacht, aber Austerlitz - so heißt der Held - Austerlitz träumt tiefer als zuvor. Mit welcher Fülle von historischen Details und Beobachtungen macht Sebald die großen Bahnhöfe in London und Paris zu Traumgebilden! Er scheint nichts zu erfinden; das Finden hat er allerdings neu erfunden. Mögen sonst Autoren über ein Fundbüro gebieten - Sebald ist von anderem Zuschnitt. Wenn auch aus der Überfülle wird manchmal etwas wie eine "erdrückende Beweislast" wird. Vielleicht wird ein zukünftiger Autor uns Lesern den Beleg zu jeder Behauptung direkt aus dem Britischen Museum und anderswoher zugleich verbergen und per Mausklick zugänglich machen.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Austerlitz - eigenwillig, fesselnd, genial!, 21. März 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
"Austerlitz" fesselt den Leser von der ersten Seite an. Mit akribischer Genauigkeit hat W.G. Sebald Fragmente aus Lebensgeschichten, Bibliotheken und Filmen zusammengetragen. Die Atmosphäre, die Sebald in diesem Buch durch eine Kombination von Text und Bildern schafft, ist gewaltig. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Buch je mehr beeindruckt hätte als Sebalds "Austerlitz". Was für ein Autor, was für ein Stil, was für ein Buch. Man kann nur hoffen, dass Sebalds Name bald auch in Stockholm berücksichtigt wird. Was für ein Autor! Was für ein grossartiges Buch!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einzigartige (seltene) Sprache. Es bleibt ein großes Rätsel..., 10. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte von Jacques Austerlitz ist das zugänglichste, leichteste und tränenreichste Werk dieses Schriftstellers, eine Wanderung rückwärts durch das Leben der Titelfigur, durch europäische Geschichtslandschaften, auf der immer wieder zwei Motive aufeinanderstoßen: die Schrecken der Geschichte und die Schönheit der Landschaften.

Jacques Austerlitz, zum Zeitpunkt des Erzählens ein rastloser Reisender kreuz und quer durch den Kontinent, gekleidet in eine Arbeitshose aus verschossener blauer Baumwolle sowie in ein 'maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett', hatte dreißig Jahre lang als Kunsthistoriker in London gearbeitet. Davor war er Schüler an einem wunderlich verstaubten Internat in England gewesen, davor Kind eines calvinistischen Predigers an der Küste von Wales. Bald aber ist J. Austerlitz unterwegs nach Prag, zu seiner eigentlichen, im Holocaust verschwundenen Familie, zu seinem eigentlichen Ich ' und unterwegs nach Theresienstadt. Denn Jacques Austerlitz, der jüdische Knabe, war kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mit einem 'Kindertransport' aus der Tschechoslowakei nach England geschickt worden, um dort in der Adoption zu überleben.

Die Suche nach der persönlichen Identität scheint diesem Buch das Handlungsmodell zu liefern. Doch so einfach ist es nicht. Denn dahinter, in einem beispiellosen Amalgam aus Essay, Poesie, Tatsachenbericht und Roman, entfaltet sich der Versuch, die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als das Leben eines einzelnen Menschen zu erzählen, so nah wie möglich, so vielfältig, so disparat wie nötig.

Zusammengehalten wird dieses Unternehmen durch eine einzigartige Sprache: W. G. Sebald ist ein Meister der literarischen Vergegenwärtigung. Der ruhige Wellenschlag seiner Sätze erinnert an eine längst vergangene Kunst, die ins neunzehnte Jahrhundert zu gehören scheint. In dieser Sprache wird das Persönliche, das Private, zu etwas schlicht und einfach Vorfallenden, und das Große schrumpft, und doch verliert es nicht das Ungeheuerliche. Diese Sprache bringt alles, was sie berührt, auf mehr oder minder menschliche Maß ' auch das Unmenschliche. Darin gleicht sie dem Helden dieser Geschichte: einer seltsam ungebundene Gestalt von auswärtiger Verfassung, kultiviert, diskret und sehr fein.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr tiefe Melancholie, 21. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
ich brauchte ein bisschen, mich an die Abwesenheit von Paragraphen zu gewoehnen, aber danach las ich das Buch mit wachsender Faszination, geradezu Spannung. Es ist ein tief melancholisches Buch und kreeirt eine sehr spezifische Atmosphaere. In Abwesenheit von Paragraphen punktuieren Schwarzweissfotos den Text auf ihre eigene Weise, sodass man zeitweise den Eindruck hat, ein wirkliches Leben sei hier dokumentiert. Als Studentin konnte ich Thomas Mann nicht lesen wegen der langen Saetze (das hat sich mittlerweile gegeben), aber Sebald stellt glaube ich Thomas Mann in dieser Beziehunge in den Schatten. Ein wirklich einzigartige literarische Stimme. Ich lebe seit 30 Jahren in England, wo der Autor hoch eingeschaetzt wird, und jetzt weiss ich endlich, warum! Habe gleich zwei weitere Buecher bestellt - Gedanken ueber verschiedene Autoren und Gedichte.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichte durch Geschichten, 20. Juli 2001
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
W.G. Sebald erzählt unglaublich fesselnd die Lebensgeschichte des J. Austerlitz, die dieser ihm erzählte, während zugleich wieder die Geschichte und Geschichten von anderen erzählt werden. Ohne im Detail auf den Handlungsablauf einzugehen, jeder Leser und jede Leserin sollte ohne Vorinformationen sich darauf einlassen, bleibt die Garantie eines wunderbaren Leseerlebnisses. Lange nicht mehr habe ich eine solche Fülle an Informationen über uns und unsere Geschichte in den Lebensgeschichten anderer Menschen gefunden. Eine wunderbare Reise durch das Europa der Gegenwart und der letzten Jahrzehnte in einer klugen Sprache beschrieben. Sehr zu empfehlen!
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14 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt lesen - und nicht nur einmal!, 17. Juni 2003
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Keine (Auto)biographie, kein Roman, kein Bericht ... man muss hier schon eher von Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes sprechen, einer dicht gedrängten Fülle von Erinnerungsfetzen, Träumen und Bildern, bei denen der Erzähler und sein Gesprächspartner, Austerlitz, mehr und mehr verschmelzen.
Manche Bilder tauchen immer wieder auf: allen voran Bahnhöfe. Bahnhöfe spielen für Sebald persönlich und für seine Emigranten zweifellos eine wichtige Rolle, und für Austerlitz eine ganz zentrale. Vor allem die von ?ewiger Düsternis erfüllte? der Liverpool Street Station in London, die Austerlitz als den Eingang zur Unterwelt beschreibt. Hier, im Halbdämmer des Wartesaals sieht er den Priester und seine Frau auf sich zukommen, als eines jener Kinder, die mit einem Kindertransport aus Prag nach England in Sicherheit gebracht wurden, um den KZ zu entgehen. Eine Sicherheit, allerdings, die mit unsäglichen Schmerzen und Opfern verbunden war: nicht nur dem Verlust der eigenen Habseligkeiten, der Kleider, des Rucksacks usw., sondern dem Absterben der Muttersprache, der Erstarrung der Gefühle, aber auch dem Vergessen, der Selbstzensur der Gedanken, und des Verlusts des Namens und damit der eigenen Identität. Andere häufige Bilder haben zu tun mit Dämmerung bzw. der Unmöglichkeit, Dinge deutlich zu sehen: zum ersten Mal im Nocturama in Antwerpen direkt vor der ersten Begegnung des Erzählers mit Austerlitz; dann die schwindende Sehkraft des Erzählers, die zur überraschenden erneuten Begegnung mit Austerlitz im Bahnhof Liverpool Street führt; die Düsterkeit des Wartesaals im Bahnhof Liverpool Street, das Halbunkel im Hause des Predigers, von dem Austerlitz sagt, es hätte in ihm jegliches Selbstwertgefühl ausgelöscht. Immer wieder auch Hinweise auf Sprache und Sprachlosigkeit: Die Sprache, die Austerlitz fehlt, als er vom Prediger und seiner Frau mit nach Wales genommen wird; später, mit Marie in der Kirche in Norfolk, als er die Worte nicht hervorbringt, die er eigentlich sagen sollte.
Seltsam und mysteriös muten auch die zahlreichen weiblichen Randfiguren an, die wie Hüterinnen von Geheimnissen fungieren, etwa Penelope im Antiquariat, die Kreuzworträtsel löst und eine Radiosendung hört, in deren Verlauf Austerlitz sich bewusst wird, dass er mit einem Kindertransport nach England gekommen ist; die Büffetdame in Amsterdam, die sich die Fingernägel schneidet und von Austerlitz als die ?Göttin der Zeit? beschrieben wird; die strickende Wirtin; dann die Geranien gießende Frau Ambrosova im Prager Staatsarchiv, die Austerlitz die Adresse des Wohnhauses seiner Familie offenbart, und schließlich die alte Wärterin auf dem jüdischen Friedhof hinter Austerlitz? Wohnung in London. Diese weiblichen Gestalten dienen als eine Art Wegweiser, meist in die Vergangenheit, mit Ausnahme von Marie, die Austerlitz die Möglichkeit menschlicher Nähe aufzuzeigen versucht, aber scheitert.
Als Austerlitz schließlich auf den Spuren seiner Vergangenheit nach Prag reist, ist es ihm, als sei er in diesen Gassen schon einmal gegangen; lange betäubt gewesene Sinne erwachen in ihm, und bei der Begegnung mit seinem ehemaligen Kindermädchen findet er seine Muttersprache wieder, ?wie ein Tauber, der durch ein Wunder das Gehör wiedererlangt.?
Bezüglich seiner Gefühle widerfährt ihm keine solche Wendung, keine Genesung, obwohl sich ein Hoffnungsschimmer zeigt, als er mit Marie den Kurort Marienbad besucht: ?Tatsächlich bin ich nie zuvor in meinem Leben besser eingeschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht.? Doch die Nähe mit einem anderen Menschen bleibt ihm grausam versagt (?In Wirklichkeit ist es dann aber ganz anders gekommen.?) Marie kann den Grund dieser Unnahbarkeit nur ahnen, aber ihm nicht daraus heraus helfen. Denn Austerlitz kann nicht ausbrechen aus seinem Ausgeschlossensein (?Auch hatte ich mich nie einer Klasse, einem Berufsstand oder einem Bekenntnis zugehörig gefühlt.?), kann die Furcht vor menschlicher Nähe nicht ablegen: ?Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten ...?.
Immer wieder auch der Hinweis auf das Unbehagen in Bezug auf Deutschland, das wir vom Autor W.G. Sebald kennen. ?Deutschland ... wohl das unbekannteste aller Länder, unbekannter noch als Afghanistan oder Paraguay ...?. Der Erzähler selbst geht 1975 nach Deutschland zurück, in der Absicht, dort nach neunjähriger Abwesenheit wieder Wurzeln zu schlagen. Doch ist ihm die Heimat so fremd geworden, dass er bereits ein Jahr später wieder auf die ?Insel? zurückgeht (was auch wie eine Flucht anmutet).
Was Sebald uns hier vorlegt, ist ein wundersames Gewebe aus Wirklichkeit und Einbildung, Biographie und Autobiographie, eine Montage von Beobachtungen, Assoziationen und Schwarzweißfotos, die an tief Menschliches rührt und Geschichte auf empfindsame Weise aufarbeitet. Es ist ein Buch, das sich wohl kaum beim erstmaligen Lesen in seinem ganzen Reichtum erschließt und das man deshalb immer wieder neu lesen und entdecken kann.
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Austerlitz
Austerlitz von W. G. Sebald (Taschenbuch - 2011)
EUR 9,95
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