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am 27. Mai 2010
Stephen Jay Gould (1941-2002) war ein Amerikanischer Paläontologe, Geologe und Evolutionsforscher, der mit revolutionären Thesen und einer Reihe populärwissenschaftlicher Bücher immer wieder im Blick der Öffentlichkeit stand.

Mit Illusion Forschritt" versucht Stephen Jay Gould das in den Köpfen der breiten Bevölkerung und auch vieler Wissenschafter verankerte Bild von der Evolution der Lebewesen als ständig in Richtung höherer Komplexität gehenden Trend zu demontieren. Dazu bedient er sich einer bestechend logischen und durch empirische Daten gestützten Argumentation.

Der erste Teil des Buches ist grundlegenden statistischen Betrachtungen gewidmet. Er beschreibt die Charakteristika von Normalverteilungen und erläutert Begriffe wie Mittelwert, Median und Modus. Darüber hinaus geht er vor allem auf rechts- und linksschiefe Normalverteilungen ein und führt den Begriff der Wände ein (mathematisch erstrecken sich Normalverteilungen in beide Richtungen gegen unendlich, in der Realität hingegen sind der Abweichung vom Mittelwert jedoch Grenzen gesetzt, welche Gould als Wände" bezeichnet). Dieser Teil des Buches bietet für statistisch Vorgebildete wenig Neues, für den Vollkommenen Laien, ist die Darstellung gerade ausreichend, um den Rest des Buches ohne Verständnisschwierigkeiten Lesen zu können.

Der gesamte zweite Teil des Buches beschäftigt sich, was bei einem Buch über Evolutionstheorie eher zu verwundern mag, mit Baseball. Beim amerikanischen Profibaseball, ist der Trefferschnitt von 0,400 (das bedeutet ein Schläger trifft im Saisondurchschnitt mindestens 40 % Prozent der Bälle) seit 1941 von keinem Spieler mehr erreicht worden, obwohl dies davor keine Seltenheit war. Gould versucht nun aufzuzeigen, dass dies nicht an einer VerSCHLECHTERUNG der Schlagleistung liegt, sondern im Gegenteil an einer VerBESSERUNG der Spielqualität. Er zeigt auf, dass sich das Baseballspiel ständig verbessert hat und - jetzt kommt das zentrale Thema des Buches ins Spiel - die Verschlechterung der Schlagleistung kein Trend in irgendeine Richtung ist, sondern das Produkt einer abnehmenden Variationsbreite, während sich das Gesamtsystem in die Richtung einer Wand verschiebt, die durch die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit determiniert wird. Kurz - einen allgemeinen Trend zur Verschlechterung der Schlagleistung im Baseball gibt es nicht, das Spiel ist so perfekt geworden (hat sich soweit an die rechte Wand angenähert), dass eine herausragende Leistung, wie ein 0,400er-Trefferschnitt nur noch so schwierig erreicht werden kann, dass dies seit nunmehr 70 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Dies untermauert er bestens mit der raffinierten Analyse der statistischen Daten.

Nach diesem langen Exkurs in die amerikanische Lieblingssportart, geht es (endlich) zum eigentlichen Thema des Buches, Evolution. Gould legt seine Erkenntnisse aus dem Baseballsport auf die Gesamtheit des Lebens auf der Erde um. Seine These: Einen Trend zu höherer Komplexität (von prokaryotischen Bakterien zu eukaryotischen Einzellern zu Vielzellern bis hin zum Menschen) gibt es nicht. Vielmehr ist die Entwicklung hochkomplexer Lebewesen das Ergebnis einer zunehmenden Variationsbreite des Systems das in diesem Fall von einer linken Wand (Gould setzt den Bau von Bakterien als geringstmögliche Komplexität eines Lebewesens an) begrenzt wird. Jede Änderung der Komplexität muss also zwangsläufig in Richtung höherer Komplexität gehen. Mit anderen Worten: Die Komplexität EINZELNER Lebewesen kann zwar zunehmen, von einem Trend zu höherer Komplexität" kann allerdings keine Rede sein. Die Beherrschende Lebensform auf diesem Planeten waren immer Bakterien, sie sind es heute und sie werden es immer sein! Auch hier ist seine Argumentation logisch stichfest und durch empirische Daten bestens gestützt.

Was sind nun die Konsequenzen aus dieser Überlegung? Nun, diese sind mehr als weitreichend. Es gibt in der Evolution des Lebens im Lebensbaum keinen Hauptstamm, der sich vom ersten Bakterium bis zum Menschen hindurchzieht. Viel mehr ist der Mensch nur ein winziger Seitenzweig in einem gewaltigen Lebensbusch. Es geht sogar noch weiter: Das Reich der Eukaria ist nur eines von drei Reichen von denen zwei aus nichts anderem bestehen als Bakterien (genauer den Bakteria uns Archaea, die allerdings im allgemeinen Sprachgebrauch unter dem Begriff Bakterien" subsummiert werden), die Vielzeller (Pflanzen, Tiere und Pilze) stellen wiederum nur einen kleinen Teil dieses Astes dar. Oder: Würden alle Vielzelligen Lebewesen mit einem Schlag aussterben, bliebe der Großteil Biodiversität dieses Planeten erhalten.

Der Rest des Buches ist eher spekulativ, aber nicht minder interessant. Bakterien waren und sind die beherrschende Lebensform auf diesem Planeten. Ihre Zahl ist gewaltig, sie besetzen alle Lebensräume, die von den Vielzellern besetzt werden, aber auch - und jetzt kommt es - die gesamte Erdkruste bis in eine Tiefe von mehreren Kilometern. Die Lebensräume an der Oberfläche seien eher eine Ausnahme als die Regel. Dies hat äußerst weitreichende Konsequenzen. Die heute noch in Schulen gelehrte These, alles Leben auf der Erde werde von der Sonne mit Energie versorgt und somit erhalten ist falsch. Groben aber vorsichtigen Schätzungen zufolge übersteigt die Gesamtmasse der im Gestein lebenden Bakterien, welche unabhängig von der Sonne mit Energie aus dem Erdinneren existieren können, die aller restlichen Lebewesen auf dem Planeten zusammen! Dies sollte, es sich irgendwann als richtig herausstellen, muss unser Verständnis von bewohnbaren Orten außerhalb der Erde grundlegend ändern. Konsequent weitergedacht, bedeutet das nämlich, dass die Bedingungen für Leben nicht so selten im Universum vorkommen, wie angenommen (Gould spricht von etwa 10 Himmelskörpern im Sonnensystem, welche Bedingungen aufweisen unter denen auch auf der Erde Leben existiert), dieses allerdings seinen Schwerpunkt (oder einzige Form) wie auf der Erde auf Bakterien liegen hat. Mit diesen Überlegungen endet das Buch mehr oder weniger.

Fazit: Illusion Fortschritt ist ein Buch, welches dem geneigten Leser eigentlich Offensichtliches eindrucksvoll vor Augen führt, nämlich dass es in der Entwicklung des Lebens keine Trends gibt und der Mensch kein zwangsläufiges Produkt der Evolution ist. Goulds Schreibstil ist durchaus unterhaltsam, wenn auch anfangs etwas gewöhnungsbedürftig (zumindest in der deutschen Übersetzung). Zudem neigt der Autor zu langen Ausführungen mit zahlreichen Wiederholungen. Mehr als einmal verspürt man beim Lesen den Drang auszurufen Schon gut, ich hab's begriffen, gehen wir endlich weiter!" Dies ist vor allem im zweiten Teil des Buches der Fall, der um einiges kürzer gehalten hätte werden können. Dennoch ist Illusion Forschritt ein gelungenes Buch, mit vielen vielleicht nicht neuen oder besonders spektakulären, aber sehr zum weiteren Nachdenken anregenden Sichtweisen, das es auf jeden Fall wert ist gelesen zu werden. (4 von 5 möglichen Punkten)
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35 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 5. Oktober 2001
Das Buch besteht im Grunde aus einer einzigen Feststellung: "Der Evolution wohnt kein Drang zu immer weiter fortschreitender Komplexität inne; bestimmend für das Leben waren und sind die Bakterien. Bestenfalls hat sich die Variationsbreite vergrößert." Das ist hochinteressant - aber viel mehr steht in dem ganzen Buch nicht drin! Statt über die Konsequenzen nachzudenken, wird die eine These ständig wiederholt und illustriert. Die Hälfte des Buches besteht aus Weisheiten über Baseball, die vor allem für europäische Leser wenig zum Thema beitragen. (Überträgt man sie auf den Fußball, werden sie zudem noch banal, denn das leuchtet jedem sofort ein: wenn es heute keinen Gerd Müller mehr gibt, der 40 Tore in einer Saison schießt, liegt das nicht daran, daß die Spieler schlechter, sondern daß sie besser geworden sind.)Aus einem Satz ein Buch zu machen: daran erkennt man den professionellen Sachbuchschreiber.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Auf S. 24 schrieb Gould:
"Die Natur ist objektiv, und die Natur ist auch begreiflich, aber wir können sie nur dunkel durch eine Brille betrachten - und die Trübung unseres Blickes ist selbstgemacht: gesellschaftliche und kulturelle Voreingenommenheiten, gefühlsmäßige Vorlieben und geistige Beschränkung (in umfassenden Denkweisen, nicht nur durch individuelle Dummheit)."

Langjährige gründliche Beobachtung (insbesondere der immensen Bakterienvielfalt) sowie seine Vorliebe für Statistik bringen Gould zu dem Schluss, dass die Existenz der Säugetiere und des Menschen nicht einer fortschreitenden Höherentwicklung zuzuschreiben ist, sondern sich eher zwangsläufig aus der vorhandenen Variationsbreite der Lebewesen ergibt.

Dieser Gedanke steht im Widerspruch zum üblichen Glauben an eine Höherentwicklung - laut Gould existiert diese nicht. Nun, nicht jeder ist Statistik-Fachmann/-frau und sieht das sofort ein. Darum verwendet der Autor viel Energie auf die Veranschaulichung seiner Schlussfolgerung, greift dazu Statistiken über seine eigene Krankheit und sehr ausführlich über Baseball auf. Damit untermauert er seine Aussage sehr fundiert.

Nebenbei lernt man so eine Menge über den amerikanischen Lieblingssport Baseball. Wer sich daran stört, wird mit dem Buch Mühe haben.

Ein sehr interessantes Buch von einem großen Wissenschaftler mit einer (selbst unter Naturwissenschaftlern) ungewöhnlich scharfsinnigen Beobachtungsgabe.
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2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Ich hatte mir aufgrund der (wenigen aber positiven) Rezensionen viel von diesem Buch erhofft und würde gründlich enttäuscht. S.Gould hat zwei simple Weisheiten zu bieten, die er auf fast 280 Seiten ausführt: Eine statistische Verteilung kann mit dem Mittelwert nicht ausreichend beschrieben werden und ein linear-sequentielles Modell kann die Evolution nicht ausreichend beschreiben. Beide Beobachtungen sind Grundstoff der jeweiligen Fachgebiete (Statistik, Evolutionstheorie) und haben damit geringsten Neuigkeitswert.

Verknüpft werden die Beobachtungen mit reichlich Zitaten von Gould über Gould (hier lobt sich der Autor selbst) und Verweisen auf Wissenschaftler, die in ihrer Arbeit eines der beiden Prinzipien mehr oder weniger missachtet haben - oft Quellen aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Die eigenen Analysen (z.B. zur magischen 0.400-Quote im Baseball) sind monokausal auf die Aussage ausgerichtet, die Gould stützen will (eine schmalere Glockenkurve hat auf *beiden* Seiten weniger Ausreisser), beschäftigen sich aber nicht wirklich mit der zugrundeliegenden Problematik (Warum gibt es die Ausreisser nach oben heute nicht mehr - immerhin sind das keine Statstiken sondern Individualfälle.). So fängt sich Gould in seinen eigenen Widersprüchen - sein eigenes Schicksal, eine Erkrankung mit einer *mittleren* Lebenserwartung von wenigen Monaten doch überlebt zu haben (Er ist also ein signifikanter Ausreisser aus einer schiefen Glockenkurve), vs. der Tatsache, dass es in einem Sport mit massenweise statistischen Einzelfällen seit 50 Jahren keinen signifikanten Ausreisser mehr nach oben gegeben hat.

Die Argumentationen zur Beschreibung von Evolutionsbüschen sind ähnlich trivial und zugleich ungenau: Natürlich wird ein Evolutionsbiologe, der *heutzutage* etwas auf sich hält, keine einfache lineare Entwicklung einer Art propagieren. Andererseits ist es durchaus legitim, eine heutige Art mit ihren genetisch direkten Vorgängern zu vergleichen - speziell, wenn man ein komplexes Thema wie Evolution einem breiten Publikum erklären will. Nebenbemerkung: Dass man dafür Tiere wie z.B. das Pferd verwendet, könnte u.U. andere Gründe haben, als die Erfolgsquote der Pferde auf der Erde ...

Zusammenfassung: Eingehende Analysen statistischer Verteilungen sollten von jedem Naturwissenschaftler verinnerlicht werden - S.Gould berichtet in diesem Buch dazu nichts wirklich neues. Schade!
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1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 8. Oktober 2011
Stephen Gould erläutert auf Basis des Baseball kritisch verschiedene Theorien. Für Baseballfans wahrscheinlich toll, für die meisten Europäer leider nicht interessant.
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