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397 von 404 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Der Sog,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
Selten hat ein Buch mich so aufgewühlt. Man hat gehört, in Indien gebe es Slums, Kasten, Ausbeutung, Millionen, die auf der Straße leben; das ist weit weg, selbst dann, wenn man hinfährt, mit Visacard und Rückholversicherung.Ich habe überhaupt kein Faible für Indien, nahm den Roman, ein Geschenk, voll Skepsis in die Hand. Spannend wurde er bald, aber irgendwo im dritten Kapitel geschah es: die Wörterwelt wurde realer als die reale, ich wollte in dem Buch bleiben, las gegen die Uhr. Die vier Hauptfiguren sind zwei Unberührbare, die um ihren Aufstieg kämpfen und zwei Bürgerliche, die sich gegen den Abstieg wehren. Wie ihre Schicksalsfäden verknüpft und wieder gelöst werden (die Metapher drängt sich auf, denn drei der vier sind Schneider), wie die Szenerie sichtbar, die Atmosphäre fühlbar wird- das erinnert mich an die Epiker des 19. Jahrhunderts, Eliot, Thackeray, Flaubert, und vor allem Dostojewski, dem die Erniedrigten und Beleidigten ebenso am Herzen lagen. Mistry predigt nicht, er belehrt nicht. Mistry erzählt. Und schafft, ohne Breitleinwand und Dolby-Surround, Szenen, die einen beinahe das Atmen vergessen lassen. Alles Geschmackssache. Der Freund, der mir das Buch schenkte, teilt meine literarischen Vorlieben nicht- doch dieses eine Mal waren wir beide verzaubert. Wenn Sie epische Werke schätzen, die auf vielen hundert Seiten einen Teil der Welt wiedererschaffen und ausbalancieren, dann freuen Sie sich auf eines der Gipfelwerke des Genres! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
119 von 123 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Ein Juwel,
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
In " Das Gleichgewicht der Welt", dem Geniestreich von Rohinton Mistry merkt der Leser sehr bald, dass sich die Welt der vier Hauptcharaktere hier ganz und gar nicht im Gleichgewicht oder im Einklang befindet. Auf gnadenlose Weise erfährt der Leser, der diesem Buch nach einigen Seiten bereits auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, wie die vier Protagonisten und die zahlreichen, mit Liebe zum Detail versehenen Nebenfiguren, mit den Wechselseitigkeiten und Ungerechtigkeiten des Lebens fertig zu werden versuchen. Der Zufall bringt hier vier Personen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten; zwei Schneider, ein Student sowie eine Witwe; - alle haben ihre ganz eigene Vergangenheit, durchleben zusammen ein Stück Gegenwart um dann auf fatalistische Weise in ihre oft zu grausame Zukunft entlassen zu werden. All dies wird detailgetreu erzählt - und Rohinton Mistry könnte uns das ein oder andere Schicksal fürwahr ersparen - keine Frage bleibt unbeantwortet und kein Charakter ist zufällig gewählt - er wird uns noch wochenlang weiter beschäftigen und unser Wertesystem bis in die Grundfesten erschüttern. Ein Buch, das einem nicht mehr loslässt und daher mit Fug und Recht weiterempfohlen werden kann.
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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Lieblingsbuch!!!!,
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt. (Broschiert)
Ich habe überhaupt keinen Bezug zu Indien, war deshalb etwas skeptisch, ob ich das Buch lesen soll. Doch einmal angefangen hat es mich völlig begeistert!!!Anhand von vier Hauptpersonen (Dina, Maneck, Ishvar und Omprakash) beschreibt Rohinton Mistry den zeitgeschichtlichen Verlauf Indiens und geht kritisch auf die gesellschaftlichen und politischen Zustände ein. Harte politische Maßnahmen wie z.B. die Beseitigung der Slums im Rahmen einer Stadtverschönerung oder die Zwangssterilisierung der unteren Schichten nehmen direkten tragischen Einfluss auf das Leben der vier Hauptpersonen, die man im Laufe der Zeit lieb gewinnt, ja sogar zu kennen meint. Mistry versteht es auf wunderbare Art, den Leser in das Leben dieser vier Personen hinein zu versetzen und an ihrem Schicksal teil haben zu lassen. Oft ist es einfach nur schockierend, was hier erzählt wird und die Tatsache, dass vieles wohl wirklich in ähnlicher Form passiert ist, lässt den Leser mit leiden. Besonders gut hat mir gefallen, wie Mistry seinen Figuren in all dem Elend ein gutes Maß an Gewitzheit und Humor verleiht, mit dem sie versuchen, sich ihrem Schicksal zu widersetzen. Dieser Roman ist nicht zu Ende, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Das Schicksal der Figuren geht einem so nahe, dass man noch lange an sie denkt. Kurz: ein Roman, den man unbedingt lesen sollte. Für mich eines meiner absoluten Lieblingsbücher!!! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Faszinierend und verstörend,
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
Es gibt Bücher, die lassen einen nicht mehr los. "Das Gleichgewicht der Welt" ist eins dieser Bücher. Es fasziniert auf eine grausame, tragische, zynische und manchmal kaum auszuhaltende Weise. Es dauerte bei mir jedoch eine Weile, bis ich mich wirklich in das Buch eingelesen hatte - doch dann ließen mich die Schilderungen Mistrys nicht mehr los. Er nimmt den Leser mit ins Indien der Jahre 1975/ 1976, einer Zeit des Ausnahmezustandes, der das Innere des Landes zutiefst erschütterte. Das Leben von vier Personen wird vom Autor in dieser Zeit zusammengeführt - vier ganz unterschiedliche Menschen, die sich zunächst fremd sind und im Verlauf der Erzählung zu Freunden werden. Rohinton Mistry bringt dem Leser die Schicksale dieser vier Menschen näher, indem er von fernen Tagen erzählt, von Familien und ihren Verlusten, von Gewalt und Schmerz, von Leiden und Lachen. Er taucht ein in die Vergangenheit dieser Personen und erzählt nicht nur das Schicksal jedes einzelnen, sondern das eines ganzen Landes. All diese schicksalhaften Ereignisse webt er zusammen zu einem großen Netz, bestehend aus Tragik und Hoffnung. Je mehr er den Leser mitnimmt auf diese Reise, je tiefer er eindringt in die Lebensgeschichte dieser unterschiedlichen Charaktere, desto näher fühlt man sich den Protagonisten. Mistry versteht es, die Grausamkeiten des damaligen Lebens ohne Beschönigungen zu erzählen, aber auch ohne spektakulär und reißerisch zu klingen. Seine Sprache ist zum Teil sehr poetisch und es ist ein Genuss, seinen Worten zu folgen - auch wenn diese fast liebliche Sprache in krassem Gegensatz zum Inhalt des Romans steht. Vielleicht macht dies für mich auch teilweise den Reiz dieses Buches aus; manche Sätze habe ich zwei, drei Mal gelesen, weil sie mich sehr fasziniert haben. Ein verstörendes Buch, das man nicht eher aus der Hand legen kann, bis man es zu Ende gelesen hat und dessen Wirkung noch in einem nachhallt.
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28 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Wer das nicht liest, verpasst ein Meisterwerk!,
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt (Gebundene Ausgabe)
Die Anzahl der Rezessionen zeigt schon: Das ist ein Buch, über das sich viel sagen lässt. Ich bin kein klassischer Bücherwurm, doch die Lektüre dieses Buches zog mich in ihren Bann. Als erstes bemerkte ich positiv, dass der Autor es nicht nötig hat, mit Fremdwörtern zu protzen. Dadurch kann man sich voll auf die Handlung konzentrieren, die sich vor dem geistigen Auge entwickelt. Dann steht dem Leser ein ganzer Kosmos offen: Er kann sich an der Metaphorik ergötzen, mit den Charakteren leiden, die politischen Hintergründe reflektieren, ein fremdes Land erforschen oder sich einfach mit den fabelhaft strukturierten Sätzen treiben lassen, dieser Roman bietet so viel, dass man für die Zeit des Lesens alles um sich herum vergisst. Um in der Bilderwelt des Romans zu bleiben: Man kann sich an so vielen Flicken der virtuos zusammengenähten Decke erfreuen, ein Meisterwerk! Für den westlichen Leser, der sich über zu hohe Benzinpreise oder über den Teuro aufregt, kann wohl am ehesten Maneck als Identifikationsfigur dienen: Ein junger Mann, der aus der Sicherheit seines Elternhauses in die Realität Bombays gespült wird, Freundschaft schließt mit Menschen, deren Schicksal ihn und den Leser schließlich zur Verzweiflung treibt. Kein Buch zum Schmökern nach Feierabend, dieser Roman bietet für die grauen Zellen Beschäftigung auf so vielen Ebenen, dass man hier nur kleine Bruchstücke anreißen kann. Unbedingt lesen!
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Weltliteratur-Rang!,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
In diesem preisgekönten und mit epischer Breite geschriebenem Werk treffen vier Menschenschicksale im Bombay von 1975 zusammen. Ihre Vergangenheiten werden in Rückblenden ausführlich dargestellt, wobei Landschaften und zeitgenössische Politik, das Leben der Bettler und der armen Land- und Stadtbevölkerung, die Willkür der oberen Kasten in der Behandlung der unteren und die ganze Vielschichtigkeit des indischen Alltags erfahrbar gemacht werden.Dabei kommt eine tiefe Menschlichkeit der Haupt-Charaktere zum Tragen, die sich trotz aller zu erduldenen Rückschläge den Humor nicht nehmen lässt. Faszinierend ist die Entwicklung Dina Dalals geschildert, einer 40-jährigen Witwe, die sich den Wiederverheiratungswünschen des Bruders widersetzt und eine Autonomie und Menschlichkeit anstrebt, die der Bruder nicht begreift, resultiert doch aus ihr viel soziales Ungemach. Die tiefe Verbundenheit Dinas zu Ishvar Darij und seinem widerspenstigen Neffen Om, den beiden von ihr angestellten Schneidern, die sich im Laufe des Romans aus zunächst gezwungenermaßen eingegangenem Zweckbündnis zu einer quasi familiären Verbundenheit entwickelt, ist meisterhaft und anrührend geschildert. Obwohl den Schneidern immer wieder übel mitgespielt und Dinas Geduld durch damit verbundene Abwesenheit der beiden auf die Probe gestellt wird, bleibt Dina als eine „Mutter Courage" ihnen treu verbunden, viel stärker als ihren eigentlichen Familienangehörigen. Maneck Kolah, der als Student aus dem Himalaja ebenfalls in den Haushalt der entfernten Verwandten gerät, geht letztlich an der Entfremdung von seinen Eltern und der Erfahrung von Leid und Ungerechtigkeit sowie der Sinnlosigkeit des Daseins zugrunde. Um die vier Hauptpersonen ranken sich allerlei andere Menschen mit ihren jeweiligen Schicksalen, vor allem auch der zu Beginn Maneck als Korrektor, später Dina als Anwalt begegnende Mr. Valmik, der eigentlich philosophisches Sprachrohr des Autors ist: „Man muß ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung einhalten." Dina und den Schneidern gelingt dies, Maneck nicht. Unbedingt lesenwert. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Ein wortgewaltiges ins Detail gehende Buch,
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
Dieses Buch ist ein "MUSS" für Menschen die Indien kennen oder die es kennen lernen wollen. Mit einer wortgewaltigen Eindringlichkeit schildert der Autor das Leben der vom Schicksal benachteiligten einfachen Menschen in Indien. Er lässt uns aber auch miterleben wie religiöser und politischer Fanatismus, der sich leider bis zum heutigen Tag erhalten hat, ein ganzes Volk, besonders aber die von der Gesellschaft ausgesperrten Menschen, in Tod und Verderben stürzt. Wenn man das Buch gelesen hat, erkennt man, dass es auf dieser Welt mehr Armut und Elend gibt als Wohlstand und Glück. Es ist ein sehr nachdenkliches Buch
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Genial und schonungslos,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt (Gebundene Ausgabe)
Rohinton Mistrys zweiter Roman folgt, vor dem Hintergrund der Notstandsregierung Indira Gandhis in den 70ern, dem Geheimnis des Überlebens: die Kunst, zwischen Hoffnung und Verzweiflung das Gleichgewicht zu finden - illustriert durch die 3jährige Akrobatin auf dem Bucheinband. Die vier Hauptpersonen treffen in einer kleinen Wohnung einer großen Stadt aufeinander. Nie erwähnt, doch klar erkennbar handelt es sich um Mumbai/Bombay. Ishvar und sein Neffe Om, beide von Beruf Schneider, die ihre alptraumhafte Vergangenheit meistern, der Student Maneck aus einem Dorf am Fuße des Himalaya, und Dina, früh verwitwet, desillusioniert vom täglichen Kampf gegen die Unabhängigkeit von der Bevormundung ihres Bruders. Aus einer Perspektive, welche soziale Ungerechtigkeit ins Visier nimmt, wird eines/einer jeden Kampf, mit dem Leben Schritt halten zu können, dargestellt, und ihre gegenseitige Annäherung trotz unterschiedlicher sozialer Hintergründe. Hineingewoben in die Erzählung sind haarsträubende, doch realistische Beschreibungen des Dorflebens und des Lebens im Moloch Mumbai/Bombay. Der Blick wird nicht abgewendet von Korruption und Gewalt, den Tragödien des Überlebenskampfes. Vor allem die realistischen Erzählweise, die weder ausschmückt noch wertet, die nichts verharmlost, macht diesen Roman zu einem der beeindruckendsten der letzten Jahre. Das Ende deckt auf, wer sie beherrscht, die Kunst des Überlebens, wer dies feine Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung halten kann. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
"Das Böse ist eine reale Spiegelung des gleichgültigen & gefühllosen Weltalls" (R. Sheckley),
Von Dimitri Banick "aka Ceylon1979" (Hannover) - Alle meine Rezensionen ansehen (VINE®-PRODUKTTESTER) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
Fokussierter zeitlicher Umfang der Geschichte: Indien 1975 - 1984, wobei die Lebensläufe der Koryphäen noch weiter in die Vergangenheit zurückreichen.Worum geht's? Im Großen um das Leben von vier Personen, konzentrisch angelegt um Dina Dalal - eine Parsi-Mittvierzigerin, die nach dem frühen Tod ihres jungen Mannes eine kleine Wohnung unterhält (und mit allen Mitteln verteidigt) und trotz bevormundschaftlicher Agitationen ihres älteren Bruders nicht wieder heiratet; im Lauf der Zeit die beiden Schneider, Ishvar und Om, einstellt, die im Hinterzimmer für sie nähen. Und Maneck, Sohn einer ehemaligen Mitschülerin, der sich bei ihr einquartiert: scheuer, aufrichtiger junger Mann und Student. Unruhen im Land, Wahl der neuen Ministerpräsidenten und das Inkrafttreten des Ausnahmezustands bilden den zentralen politischen Rahmen dieser Geschichte. Wir begegnen einem Moslem, der für die beiden Schneider zum Schutzengel wird - und umgekehrt (!), einem Chamaar-Gerber, der sich gegen das Kastensystem auflehnt und dafür von den Großgrundbesitzern verachtet und misshandelt wird; seiner Frau, die drakonisch bestraft wird, weil sie gezwungen ist ein wenig Obst zu stehlen, damit ihr Kind überlebt ... Warum lesen? Schon allein deswegen, weil man die Koryphäen nach dem Lesen nie wieder vergessen wird! Die Zeit wird sie nicht auflösen. Nach der letzten Seite wird einen jedoch eine solche Leere erfassen, dass ein Teil der erlittenen Schmerzen auf einen selbst übertragen wird. Und dafür wird man dankbar sein. Die Absurdität und Unmenschlichkeit der Ereignisse, die vor allem den gütigen Ishvar und den bockigen Om mit all ihrer Wucht erfassen und beinahe buchstäblich zermalmen, sind schwer zu ertragen. Die Schicksale ihrer Eltern und anderer Dörfler, der Unberührbaren, lassen die Seele Amok laufen. Der Ausnahmezustand raubt dann einem den letzten Nerv, lässt aufstöhnen - vor Mitleid und Wut. Das schaffen nur wenige Bücher. So stark fühlt man nur selten mit. Ich selbst lag am Stand in der dominikanischen Republik und erlitt die Unmittelbarkeit der letzten Sätze in Form psychosomatischer Tortur. Körper und Geist sträubten sich gegen das Unausweichliche. Windböen, die mir vorher Linderung brachten, kühlten mich nun aus. Bei 35 °C lag ich zitternd auf meiner Liege und wollte nicht, dass ... Wer das Buch kennt, wird mich verstehen. Ich jedenfalls kehrte schweren Herzens sofort zu Seite 1 zurück und las die Passage über die Zugfahrt erneut ... Kritik Kleine Abzüge gibt es für das Buch wenn überhaupt in der B-Note. Von der guten Übersetzung abgesehen werden viele Begriffe im Original (also Hindi?) belassen, was wohl die Intention des Autors gewesen ist. Erläuterungen wären in einigen Fällen trotzdem nicht verkehrt. Des Weiteren: während kleine, unbedeutende Personen große Leiden ertragen (darauf konzentriert sich der Autor), wird das große Bild der Politik des Landes (Wirtschaft, Ideologien etc.) nur schraffiert. Insofern kann es nicht schaden, sich - VOR dem Lesen - ein wenig mit der indischen Geschichte anzufreunden. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- PS Das vorangestellte Zitat ist dem Roman "The Status Civilization" (dt. Titel: Omega) von Robert Sheckley entnommen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Humorvoll, vital, realitätsnah, vielschichtig, erschütternd.,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Gleichgewicht der Welt: Roman (Taschenbuch)
Rohington Mistry ist ganz offensichtlich ein begnadeter Erzähler: Mit diesem fesselnden Roman ist es ihm gelungen, ein durch und durch humorvolles Buch über Menschen zu schreiben, die Tag für Tag rastlos bis zur Erschöpfung darum kämpfen müssen, den sozialen Abstieg ins Elend zu vermeiden. Doch in zahlreichen kleinen Schritten geht dieser Kampf für alle vier Protagonisten unerbittlich verloren. Dabei ist es faszinierend zu erleben, wieviel Zuversicht die Menschen aus den kleinen Erfolgen des Alltages schöpfen - wieviel Zufriedenheit, Humor und (oft auch realitätsfremde) Hoffnung sich darin gründen. So leidvoll das Leben diesen vier Menschen auch immer gekommen sein mag, sie finden immer wieder erstaunlich viel zu lachen. Und der Leser wird hin und her getrieben zwischen Erschütterung und dem befreienden Lachen, welches er mit den Protagonisten teilen darf. Im großen und ganzen ist das Leben erbärmlich, doch im Detail ist es fröhlich. Insgesamt ist der Roman sagenhaft reich an diversen Ereignissen und Nebengeschichten, die dem Leser das Leben in einem mehr oder minder anarchischen Staat näher bringen. Es gilt in nahezu jeder Hinsicht das Recht des Stärkeren - wer mehr Kontakte besitzt, wer Geld hat, mit dem er schmieren kann, der braucht sich um das formale Recht nicht zu kümmern und die Polizei nicht zu fürchten. Die Ausprägungen und Formen dieses sozialen Faustrechtes sind dabei höchst unterschiedlich. Am Land noch sehr geprägt von den althergebrachten Traditionen und Kastenstrukturen, in der Großstadt hingegen herrschen kurzlebige, kafkaeske und bisweilen völlig unberechenbare Machtstrukturen. Beeindruckend. Der Staat selbst demonstriert seine Macht nur punktuell und ohne Nachhaltigkeit. Auf seinen Schutz ist kein Verlaß - im Gegenteil, seine Maßnahmen zur Bekämpfung des Elends sind unsäglich würdelos und werden von seinen Beamten teilweise in verbrecherischer Weise ausgeübt. Der Autor beschreibt Aktionen, die ich bislang nur in Diktaturen für möglich gehalten habe, nicht aber in Demokratien. Doch offenkundig ist das im Roman beschriebene Indien weniger Demokratie als vielmehr Anarchie. Ich habe diese Beschreibungen nicht zuletzt auch deshalb so interessant gefunden, weil sie eine Gesellschaft beschreiben, der das Geld fehlt, um sich ein soziales Sicherheitsnetz zu leisten, um sich eine Rechtsstaatlichkeit zu erhalten und um eine Kontrolle der verfassungsgemäß verteilten Macht zu gewährleisten. Wie könnte Europa aussehen, wenn unsere Volkswirtschaften nicht mehr die Kraft hätten, sich angemessene Pensionssysteme, Gesundheitssysteme und Sozialhilfesysteme zu leisten. Was wäre, wenn in weiterer Folge gar die Justiz und die Exekutive ausgedünnt würden. Wie weit wären wir dann noch von jenem Indien entfernt? Vor allem: welche Bevölkerungsgruppen wären es, die unter solchen Bedingungen zu leiden hätten? Es ist unfaßbar, wie wenig ein Mensch zählt in einem Land, in welchem es zuviele Menschen gibt, als daß der Staat jedem Schutz gewähren könnte. Ein lesenswertes Buch. Humorvoll, vital, realitätsnah, vielschichtig, erschütternd. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen |
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Das Gleichgewicht der Welt: Roman von Rohinton Mistry (Taschenbuch - 19. November 1999)
EUR 9,95
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