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am 26. September 2015
Die Geschichte des (zweiten) deutschen Kaiserreiches (1871-1918) war verhältnismäßig kurz, aber intensiv. 1871 war ein moderner, wirtschaftlich und militärisch kraftstrotzender Machtstaat entstanden, dessen Kultur, Wirtschaft und Außenpolitik sich besonders seit den 1890er Jahren unter dem jungen Kaiser Wilhelm II. immens beschleunigten. Auf dem Höhepunkt seiner Bedeutung taumelte das Reich - unter seiner eigenen maßgeblichen Mitwirkung - mitsamt Rest-Europa in den Ersten Weltkrieg und ging dort unter. Generationen von Historikern haben sich an diesem Forschungsgegenstand abgearbeitet, haben die Rolle zu bestimmen versucht, die die deutsche Außenpolitik für die Entstehung des Ersten Weltkrieges gespielt hat und nach der Bedeutung gefragt, die die nationalistischen, militaristischen und obrigkeitsstaatlichen Strukturen des Reiches für den Aufstieg des Nationalsozialismus gehabt haben. Herausgekommen sind oft Deutungen, die das Kaiserreich zu einer Art Vorhölle gemacht haben, zu einer Zeit, in der spätere Katastrophen gleichsam zwingend angelegt waren, Bismarck oder Wilhelm II. in der ein oder anderen Weise zu logischen Vorgängern Hitlers gemacht wurden usw. Andere, nostalgischere bzw. apologetischere Stimmen haben vielmehr, angesichts der späteren Katastrophen, Unruhen sowie der jahrzehntelangen Teilung des deutschen Nationalstaates diese Epoche zu einer "guten, alten Zeit" (v)erklärt.

In jedem Fall ist auch aufgrund des umstrittenen Gesamtcharakters dieser faszinierenden Zeit viel über selbige geschrieben worden, teilweise mehrbändige Synthesen wie etwa von Thomas Nipperdey oder Wolfgang Mommsen. Warum hat sich der in Geschichte promovierte Journalist Volker Ullrich dann im Jahre 1997 noch einmal an die Aufgabe einer solchen Synthese gemacht? Er sah damals die entsprechende Notwendigkeit in zwei wesentlichen Punkten begründet: Erstens waren viele der bis dato erschienenen Gesamtdarstellungen oft zu umfangreich, zu fachwissenschaftlich und anspruchsvoll geschrieben oder zu viele Aspekte ausklammernd (Frauen und Geschlechter, Alltagskultur).
Ullrich hat daher eine Darstellung verfasst, die zwar ausführlich, aber nicht ausufernd ist, eine verkraftbare Länge aufweist. Er berücksichtigt die politischen, politisch-kulturellen, verfassungsgeschichtlichen, außenpolitischen, gesellschaftlichen, kulturellen, alltagsgeschichtlichen, geschlechtergeschichtlichen und wirtschaftlichen Facetten - allerdings kommt die Wirtschaft teilweise etwas kurz. Er verfolgt hier die Geschichte Deutschlands von der Reichsgründung infolge des Deutsch-Französischen Krieges im Jahre 1871, über den Sturz Bismarcks und den außenpolitischen Kurswechsel Wilhelms II. 1890, bis zum Ausbruch und Ende des Ersten Weltkrieges, welchen er in einem ausführlichen, letzten Kapitel behandelt. Ullrich thematisiert die Linien dieser großen Politik, samt den verfassungsmäßigen Strukturen, ebenso wie Gesellschaft, Alltag und Leben der bürgerlichen Schichten und der armen Arbeiter und ihrer Familien. Er zeigt mithin die wichtigen Stationen der Geschichte des Kaiserreichs, die innenpolitischen Debatten und Entscheidungen sowie die außenpolitischen Krisenmomente ebenso nach wie er die Frage beantwortet, wie man denn im Kaiserreich damals so lebte. Im Gegensatz zu älteren und oft genug trockenen Darstellungen möchte Ullrich eine lebendige Geschichte des Kaiserreichs schreiben und zitiert sehr oft Quellen - sowohl lässt er Intellektuelle und Politiker als auch einfache Leute zu Wort kommen, kann aus Memoiren adeliger Politikbeobachter ebenso zitieren wie aus Aufzeichnungen über Kneipengespräche von Hamburger Arbeitern. Dies alles macht seine Darstellung informativer und zugleich facettenreicher und lebendiger als andere Bücher über diese Zeit.

Der zweite Grund, weshalb Ullrich dieses Buch schrieb: Während Historiker wie Nipperdey das Kaiserreich ausschließlich für sich und nicht darauf hin untersuchten, was nach ihm kam, während demgegenüber Hans-Ulrich Wehler das Reich Bismarcks und Wilhelms in vielerlei Hinsicht als logischen Vorläufer und Wegbereiter des Nationalsozialismus zeichnete, möchte Ullrich versuchen, das Kaiserreich auch für sich, aber immer auch vor dem Hintergrund des NS zu betrachten. Das ist nicht ahistorisch, solange man Kaiserreich nicht als bloße Vorgeschichte des NS sieht, sondern einfach den Ursprüngen bestimmter Aspekte des NS-Unheils ergründen will. Wer solche Fragen stellt, kommt nicht daran vorbei, sie auch an die Geschichte des Kaiserreichs zu richten und den dortigen radikalen Nationalismus, sich entwickelnden modernen Antisemitismus, Rassismus und allgemein die Gegenbewegungen zur sich immer stärker entfaltenden Moderne zu berücksichtigen. Neuere Arbeiten wie Kroll versuchen demgegenüber, in einem Anflug konservativer Geschichtsklitterung, das Kaiserreich als rein fortschritts- und Richtung Moderne orientierten Reformstaat hinzustellen, der erst durch den Ersten Weltkrieg auf Abwege geraten sei. Wer so argumentiert und sich weigert, das Kaiserreich auch unter der Frage zu untersuchen, welche dunklen Elemente später noch wirksam werden konnten, auf welche Traditionen der Nationalsozialismus aufbauen konnte, der betreibt keine seriöse Forschung über diesen Forschungsgegenstand.
Ullrich hingegen berücksichtigt ausführlich die Geschichte der radikal-rechten Tendenzen des Kaiserreichs - ohne sie überzubetonen, aber nicht, ohne nach ihrer historischen Bedeutung zu fragen.

Volker Ullrich hat 1997 mit diesem Buch ein Standardwerk vorgelegt, doch die Forschung ist seitdem nicht stehen geblieben und daher hat er sein Buch 2013 noch einmal überarbeitet, indem er in einem ausführlichen Zusatzkapitel die neueste Forschung in einer Art Forschungsbericht rekapituliert und bewertet. Dazu gehört natürlich auch Christopher Clarks Schlafwandler, wobei dieser Ullrich allerdings nicht überzeugen konnte... Aber auch so wichtige Werke wie Philipp Bloms Arbeit über Europa zwischen 1900 und 1914 oder die beiden letzten Bände von John Röhls großer Wilhelm-Biographie, daneben auch viele Spezialstudien, werden ausführlich besprochen. Dieses letzte Kapitel eignet sich daher hervorragend als Forschungsüberblick über die jüngsten Studien und wichtigsten Werke zum deutschen Kaiserreich. Es ist beeindruckend, dass Autor Ullrich für diese umfassende Überarbeitung neben seiner Arbeit an seiner neuen Hitler-Biographie noch Zeit hatte...

Welches Bild zeichnet Ullrich vom Kaiserreich? Es ist das Bild eines ambivalenten Staates zwischen Moderne und Beharrung, zwischen Unsicherheit und Nervosität, Selbstbewusstsein und Fortschrittsgläubigkeit auf der anderen Seite. Ein Staat mit einem merkwürdigen politischen System zwischen "semikonstitutioneller" Monarchie mit starken Eliten-, Monarchen- und Adelsvorrechten; und einem demokratischen, durch das modernste Wahlrecht seiner Zeit gewählten Reichstag, mit selbstbewussten Parteien. Ein Staat mit einer starken Wirtschaft, einer haarsträubenden Außenpolitik nach 1890 und einer interessanten kulturellen Landschaft:

Nach 1890 wuchs die deutsche Industrie in derart rasantem und beeindruckendem Maße, dass Deutschland zur wirtschaftsstärksten Großmacht neben Großbritannien und den USA aufstieg. Dieses auch militärisch starke Deutschland drängte bald nach mehr, vor allem, nach der Entlassung des Reichsgründers Bismarck, der noch in einer Zeit regierte, in der die Industrie noch nicht so stark wuchs und der Außen- und Kolonialpolitik noch mäßigte. Das neue Reich wollte jedoch Wirtschaftsmacht, Militärmacht, Weltmacht sein - hinter diesem Ziel stand die breite Masse des Bürgertums. Die Vergottung des Militärischen, des pompösen Nationalismus musste als Ersatz für andere nationale Traditionen herhalten (S. 359).

Daneben war das Kaiserreich auch von einem hohen Maße an sozialer Ungleichheit geprägt; die große Masse der Bevölkerung lebte in "materiell beengten Verhältnissen" (S. 309). Das Kaiserreich war und blieb eine Klassengesellschaft, die von den Vorrechten des Adels in Bürokratie und Armee ebenso geprägt (S. 278) war wie allgemein von der Relevanz von Besitz und Prestige für die gesellschaftliche Stellung.

Der Reichstag hatte zwar durchaus wachsenden Einfluss auf die Politik, musste allen Gesetzen zustimmen, doch er war weder in der Lage noch daran interessiert, die Regierung zu stellen oder stürzen zu können. Kaiser und Armee hatten in der Militär- und Außenpolitik nach wie vor am meisten zu sagen - der Reichstag richtete sich im Vorhof der Macht ein. Von einer Demokratie war Deutschland vor 1917/18 noch weit entfernt; auch, weil im Reichstag selber sie kaum jemand wollte (S. 163-165).

Demgegenüber tut Ullrich durchaus gut daran, die insgesamt zwar überzogenen, aber im Kern doch nicht falschen Urteile John Röhls zur Stellung und Macht Wilhelms II. in der politischen und verfassungsmäßigen Wirklichkeit des Reiches stark zu machen; Röhl und Ullrich können zeigen, dass dieser seine Position, auch durch seine Ratgeber, immer weiter stärkte und die Politik maßgeblich mitbestimmte.

Ullrich stellt - entsprechend seiner Vorüberlegungen - die Geschichte und die Entwicklung von radikalem Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und antidemokratischen Tendenzen für die politische Kultur stark heraus. So zeigt er, dass der "Alldeutsche Verband" wie kein anderes Phänomen rassistische Diskurse salonfähig gemacht und in gebildete Schichte wie die einfache Bevölkerung getragen hat. Der Radikalnationalismus, die radikale Rechte, formierte sich, wie jüngst Ulrich Herbert in seiner "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" gezeigt hat, im deutschen Kaiserreich als die rechte Antwort auf die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen der Durchsetzung der industriegesellschaftlichen Hochmoderne, stellte sich gegen die immer stärker werdende Arbeiterbewegung, forderte außenpolitischen Expansionismus, antiparlamentarische und judenfeindliche Gesetze und redete einer rassistischen und sozialdarwinistischen Weltsicht das Wort, die zunehmend einflussreich wurde. Auf diese Weise wurden politische Haltungen kultiviert, wie sie an die späteren Ideen des Nationalsozialismus erinnerten. (S. 584). In der Tat waren dies durchaus Vorläufer des NS- und dies herausgestrichen und damit eine dunkle Bedeutung bestimmter Aspekte der Geschichte des Kaiserreiches aufgegriffen zu haben, ist ein besonderes Verdienst des Autors. Dazu gehört zwingend, dass Ullrich auch darauf hinwies, dass sich nicht zuletzt der radikale, der rassistische Antisemitismus erst im Kaiserreich, u.a. als Reaktion auf die Durchsetzung der Moderne und die damit einhergehenden Ängste, herausgebildet hat und durchaus auch Resonanz fand. Ein Beispiel, das Ullrich nennt: Besonders einflussreich wurde ein entsprechendes Gedankengut im Kaiserreich an den Universitäten. Dort wurde den Studenten nicht nur Staats- und Obrigkeitshörigkeit eingebläut, sondern dort verbreitete sich auch antisemitisches und radikalnationalistisches Gedankengut - und zwar unter einer Gruppe, die hier gerade darauf vorbereitet wurde, später die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Elite zu stellen! Ullrich weist zurecht darauf hin: Wer das spätere Verhalten der Eliten in Weimarer Republik und NS-Staat, vor allem gegenüber den Juden, verstehen will, der kommt nicht daran vorbei, sich diesem Sachverhalt zu stellen. (S. 391).

Das Kaiserreich wird von Ullrich als ein für die damalige, atemberaubende Zeit um 1900 typischer Staat beschrieben: Eine enorme Expansion des Zeitungswesens, Elektrifizierung (auch des Verkehrs), das Entstehen von Warenhäusern mit Massenwaren, des Stummfilms, die zaghafte Entwicklung einer Konsumkultur und der Werbung, die Explosion der Städte, die neuesten Experimente in Literatur und Kunst sowie die Entdeckungen der Wissenschaften - aber auch allgemein das Zusammentreffen von Lärm, Tempo und Reizüberflutung führte bei den Menschen zu Nervosität und Reizbarkeit.

Ullrich fasst seine Deutung des Kaiserreichs als ambivalenten Staat noch einmal auf S. 580 zusammen:
Das Kaiserreich war ein klassischer Staat "zwischen den Zeiten", zwischen Modernität und Beharrung, Fortschritt und Reaktion.
Ein dynamisches Wirtschaftsbürgertum, das maßgeblich zu einem modernen Wirtschaftsaufschwung beitrug, stellte gleichzeitig eine wichtige Stütze des autoritären politischen Systems dar und kultivierte gegenüber den Arbeitern einen "Herr im Hause"-Standpunkt.
Ein modernes, effizientes Bildungssystem korrespondierte mit einem elitären, illiberalen Akademikertypus.
Einem durchaus fortschrittliches Rechtssystem stand eine gleichzeitige rigide Klassenjustiz gegen sogenannte "Reichsfeinde" gegenüber.
Das demokratisch gewählte Parlament wollte eigentlich gar keine Demokratisierung der Reichsverfassung (von den Sozialdemokraten einmal abgesehen und bis 1917).
Eine - gerade von Kroll hervorgehobene - fortschrittliche und soziale Arbeitnehmerpolitik kollidierte mit der anhaltenden Verfolgung und Diskriminierung der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie.
Die durchaus vorhandene Dominanz bürgerlicher Werte und Normen korrespondierte mit der gleichzeitigen Dominanz des Militärischen in Alltag, Beruf und Gesellschaft allgemein - und das in einem Maße, dass sich gerade das Bildungsbürgertum dieser Vergottung des Militärischen nicht entziehen konnte, nicht entziehen wollte, sondern zum Beispiel nach dem Posten des Reserveleutnants lechzte.

Ullrichs Bemühen, deutlich die dunklen, rückschrittlichen, kritischen Seiten des Kaiserreiches herauszustreichen, finden aber am deutlichsten ihren Ausdruck in der Darstellung der deutschen Außenpolitik seit dem Rücktritt Bismarcks. Hier bewegt sich Ullrich noch gänzlich in den Bahnen der älteren Forschung - und das heißt, dass er, ungeachtet aller neuesten Forschungsergebnisse, die ein deutlich differenzierteres Bild gezeichnet haben, die Hauptschuld für die Verschlechterung der internationalen Position des Reiches und den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in allererster Linie in Berlin sieht. Auch wenn man durchaus nach wie vor der Ansicht sein kann, dass die in Wien und Berlin im Juli 1914 getroffenen Entscheidungen als am schwerwiegendsten für den Ausbruch des Weltkrieges angesehen werden können, vermittelt Ullrichs Darstellung einen hoffnungslos germanozentrischen Blick. Das soll nicht heißen, dass alle Urteile (oder auch nur die meisten) falsch seien; aber wenn Ullrich zum Beispiel schreibt, dass die Berliner Risikopolitik im Sommer 1914 den Kriegsausbruch "unvermeidlich" machte, dann zeugt genau dies von einer mangelnden Einbettung der kaiserlichen Politik in den internationalen Kontext, ohne den die Entstehung des Ersten Weltkrieges nicht zu verstehen ist. Darüber hinaus: Selbst wenn man sich die Argumente des Fritz-Fischer-Schülers Ullrich zu eigen macht; eines habe ich nie verstanden: Wieso wird von einer deutschen Hauptschuld geredet; so gut wie nie von einer deutsch-österreichischen? Die Politik der beiden Mächte in der Julikrise hing zusammen und es war Österreich, das den lokalen Krieg wollte. Ohne Berlins Rückendeckung wäre dies zwar nie ins Auge gefasst worden, aber gut: Ohne Österreichs Kriegskurs hätte Berlin niemals Stellung bezogen. Berlin hat Wien nicht zum Krieg gegen Belgrad veranlasst; Wien wollte dies aus Eigenantrieb, Berlin ließ es zu. Daraus die These einer DEUTSCHEN Hauptverantwortung zu konstruieren, war schon immer falsch. Daher irrt meiner Erachtens nach Ullrich auch, wenn er den entscheidenden deutschen Teil der Verantwortung darin erblickt, dass Berlin Wien zu einem harten Vorgehen gegen Belgrad veranlasst habe; entscheidender ist vielmehr, dass man Wien hier freie Hand gelassen und für jeden Fall Unterstützung zugesagt hat. Demgegenüber fielen die Stimmen, die Wien zur Härte drängten, nicht so sehr ins Gewicht. Relativieren muss man eine deutsch-österreichische Hauptverantwortung (von der man weiterhin sprechen kann) nach den Ergebnissen der neusten Forschung im Hinblick auf die Politik Frankreichs, Russlands, Serbiens und Englands. Aber wie auch immer: Die Beibehaltung der alten Darstellungsweise bei Ullrich (die 1997 durchaus noch den Forschungsstand widerspiegelte) hat seine Vorteile; hat man doch hier ein glänzendes Beispiel für den "Common Sense" der (deutschen) Historiker über die Kriegsursachen. Doch zeigt sie auch andere Nachteile des Buches:
Die Idee des umfassenden Forschungsüberblicks am Ende des Buches war ja ganz gut; aber offenbar hat sich ansonsten am reinen Haupttext des Buches seit 1997 nicht viel getan, es wurden keine Abstriche am bis dahin Geschriebenen gemacht, es wurde kein Urteil korrigiert. Gerade bei der Darstellung der Außenpolitik wäre dies nötig gewesen.

Insgesamt aber hat Ullrich hier das beste Buch vorzuweisen, dass es zur Geschichte des deutschen Kaiserreichs gibt. Er berücksichtigt "Oben und unten", "Schwarz und Weiß" der Politik und der Gesellschaft, bezieht alle wichtigen Aspekte ein, schreibt lebendig, quellengesättigt und anschaulich und hält seine Darstellung in einem auch für Laien zu bewältigendem Maß. Top - trotz aller Fehler.
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Ob Laie oder Profi, ob Schüler, Student oder Hobbyhistoriker; Volker Ullrichs Standardwerk "Die nervöse Großmacht 1871-1918" ist die mit Abstand beste Gesamtdarstellung über die Geschichte des deutschen Kaiserreichs.

Das erste Drittel bietet eine inhaltlich sehr dichte Ereignisgeschichte, beginnend mit der Gründung des Kaiserreichs bis hin zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Der folgende Abschnitt betrachtet verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Aspekte des Kaiserreichs. Neben der Radikalisierung des Antisemitismus und des Militarismus, analysiert Ullrich auch das Schulwesen sowie die Rolle der Sexualität im Alltagsleben. Abschließend widmet sich ein langer Abschnitt Geschichte und Kultur des Ersten Weltkrieges.

Neben der inhaltlichen Dichte überzeugt Ullrichs Darstellung vor allem durch seinen flüssigen und gut lesbaren Schreibstil. Der Autor versucht nicht, seinen Kenntnisreichtum durch einen besonders akademischen Schreibstil zu betonen. Auch die vielen Zitate, die in dem Buch verwendet werden, gestalten die Lektüre spannend und lebendig.

Erstmals vor sieben Jahren erschienen, wurde dieses Jahr bereits die sechste Auflage von "Die nervöse Großmacht 1871-1918" auf den Markt gebracht. Auch wenn Ullrich die Eigenständigkeit der Epoche 1871-1918 herausstellt, betont er immer wieder Elemente, die im Kaiserreich ihren Ursprung hatten, um dann im Nationalsozialismus ihre ganze zerstörerische Wirkung zu entfalten. Das Ergebnis ist eine komplette Darstellung, die keine Wünsche offen lässt.
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am 11. August 2001
Dieses Buch von Volker Ullrich gehört zu dem Besten, was ich über das Deutsche Kaiserreich gelesen habe. Nach dem sehr interessanten, wenn auch umstrittenen Buch von Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich von 1973 sowie dem Buch von Wilfried Loth: Das Kaiserreich: Obrgkeitsstaat und politische Mobilisierung von 1996 wird hier ein umfangreiches Buch geboten, welches alle relevanten Aspekte der Innen-, Außen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik des Kaiserreiches umfasst. Es ist weniger umfangreich wie die Werke von Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918, W.J. Mommsens: Das Ringen um den nationalen Staat oder Hans-Ullrich Wehlers: Deutscher Gesellschaftsgeschichte. Der Anspruch des Autors, "die Geschichte des Kaiserreichs nicht nur in einem überschaubaren Rahmen zu halten, sondern sie auch so zu erzählen, daß ein größeres, nicht nur fachlich interessiertes Publikum daran Gefallen finden kann" (Vorwort, Taschenbuchausg., S. 12) wird erfüllt. Es wird nicht nur das "eigentümliche Zwitterwesen" des Kaiserreiches, die widerspruchsvolle "Verbindung von Immobilität und Modernität" deutlich herausgearbeitet, auch die Gründe, die die Eliten (Fritz Fischer) dazu brachten, die "Flucht nach vorn" in den Weltkrieg anzutreten, werden gut herausgearbeitet. Fazit: ein gut lesbares, hervorragend recherchiertes Werk zum Kaiserreich.
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am 19. November 2009
Leider kann ich die ausnahmslos sehr guten Kritiken der anderen Rezensenten nicht nachvollziehen. Ullrich liefert mit diesem Werk einen intellektuell bemantelten Abgesang auf das Kaiserreich, das zunächst vor allem im Subtext eine vorgefertigte negative Grundeinstellung gegenüber dem Kaiserreich erkennen lässt.

Bei aller berechtigten Kritik an bestimmten politischen Entscheidungen, sowohl unter Wilhelm I. als auch Wilhelm II., und der gesellschaftlichen Zustände, hat doch gerade die neuere Geschichtsforschung einen differenzierten Blickwinkel auf das Kaiserreich geschaffen. Leider berücksichtigt Ullrich solche Erkenntnisse nicht und singt wie viele andere die ewige Leier des angeblich rundherum rückständigen Kaiserreichs, das aus seiner Sicht quasi als historisches Brückenelement zwischen Preußen und dem Dritten Reich fungiert. Dies wiederum muss man gar nicht erst zwischen den Zeilen herauslesen, das wird dem Rezipienten explizit serviert.

Erfrischende und vor allem weitgehend wertneutrale Geschichtsschreibung wie bei Clark oder Osterhammel, Herren vom Fach, vermag Ullrich nicht zu liefern.
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am 24. September 2015
Gute und spannende Lektüre. Sehr interessant geschrieben. Wissenswerte Inhalte. Gäbe es dieses Buch nicht, es müsste jamand unbedingt schreiben. Wird immer wieder gern verkauf und weitergereicht.
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am 1. August 2007
Volker Ullrich bietet einen kompletten Überblick über die Geschichte des Kaiserreiches. Er unterteil das Buch in vier Abschnitte. Davon behandeln die ersten beiden vorrangig die politische Geschichte (Bismarckzeit/Wilhelminismus). Danach wendet sich Ulrich der Gesellschaft des Kaiserreichs zu, um dann abschließen den ersten Weltkrieg (hier wieder unterteilt in politische und geselllschaftliche Darstellung)zu behandeln. Diese Form der Gliederung, kombiniert mit einem zu jeder Zeit flüssig und interessant gehaltenen Stil machen das Buch zu einem muss, für jeden der sich mit dem Kaiserreich beschäftigen will. Man erhält vom Ablauf der Kaiserproklamation, über die Frauen- und Arbeiterbwegung, bis zur Entstehung der Julikrise einen umfassenden Einblick in die neuesten Forschungsergebnisse. Ullrich erläutert sie einleuchtend und wägt auch sich widersprechende Meinungen gegeneinander ab. So gelingt es ihm wirklich alles zu erfassen ohne zu langweilen. Eine Seltenheit unter den deutschen, historischen Darstellungen. Kurz: das Buch ist eine rundum gelungene Sache!
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am 16. April 2016
Bin Geschichtsanfänger und für mich war dieses Buch eine tolle Gelegenheit mehr über die Zeit meiner Ur- & Ururgroßväter zu lernen. Es ist allerdings auch ein Buch das sehr stark auf das Politische und Gesamtgesellschaftliche Leben eingeht. Schlüsse auf das Leben einzelner lassen sich nur schwer ableiten. Dennoch bietet es einen sehr guten Rahmen, um alles was in der Zeit geschah besser zu verstehen und ein zu ordnen.
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am 23. Oktober 2015
Nachdem ich schon recht viele Bücher - von der Rechtfertigungsliteratur ab 1919 bis zu den "Schlafwandlern" - über das wilhelminische Zeitalter sowie Vorgeschichte und Verlauf des Ersten Weltkrieges gelesen habe, hat mir bei diesem schon etwas älteren Werk die Gesamtschau der diversen gesellschafttlichen, wirtschaftlichen und politischen Facetten des deutschen Kaiserreichs von 1870 bis 1918 gefallen.
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am 4. Juli 2012
Sehr gut und auch für Nicht-Historiker flüssig und spannend lesbar geschrieben. Das Kapitel über das Leben im Kaiserreich ist estws zu üppig ausgefallen - man erwartet bsi diesem Titel doch mehr die große Politik, als soziologische Informationen zum Leben der kleinen Leute - denen geht's halt zu jeder Zeit und in jedem Staat immer eher mies...
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am 23. September 2014
Geschichte kann man nicht besser erzählen. Wenn Sie verstehen wollen, warum wir Deutschen heute so sind wie wir sind, lesen Sie dieses in jeder Hinsicht brilliante Buch!
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