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5.0 von 5 Sternen Vollkommene Faszination!, 30. Juni 2011
Von 
Timo Brandt "Ways are, there you go" (Quickborn) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Taschenbuch)
Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwanderte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand - was dann?"
Samuel Taylor Coleridge

"Zwei Tendenzen", schrieb Borges im Epilog, "habe ich beim Korrigieren der Druckfahnen in den vermischten Arbeiten dieses Bandes entdeckt.
Zum einen die Tendenz, religiöse und philosophische Ideen wegen ihres ästhetischen Wertes und dessentwegen zu schätzen, was in ihnen an Einzigartigem und Wunderbarem enthalten ist. Zum anderen die Tendenz, anzunehmen (und mich dessen zu vergewissern), dass die Zahl der Fabeln oder der Metaphern, die zu erfinden die Vorstellungskraft der Menschen fähig ist, begrenzt sei, dass aber die zählbaren Erfindungen jedem alles bedeuten können, wie der Apostel Paulus."

Jorge Luis Borges gehörte zu den seltenen Literaten, die ihr Leben nicht nur dem Schreiben, sondern vor allem dem Lesen und auch ihr Herz der Faszination und Bescheidenscheit weihten. Kaum einer, der seine Erzählungen (Das Aleph,Fiktionen), seine Gedichte (Mond gegenüber;Schatten und Tiger) oder eben seine Essays liest, wird darin nicht einer der schönsten Ausformungen von gesetzter und doch von wundersamen Themen und Ideen angefühlter Sprache und Gelehrtheit begegnen.

"Die Musik, die Zustände des Glücks, die Mythologie, die von der Zeit gewirkten Gesichter, gewisse Dämmerungen und gewisse Orte wollen uns etwas sagen oder haben uns etwas gesagt, was wir nicht hätten verlieren dürfen, oder schicken sich an, uns etwas zu sagen; dieses Bevorstehen einer Offenbarung, zu der es nicht kommt, ist vielleicht der ästhetische Vorgang."

In diesem Buch teilen sich die Literatur, die Philosophie und die Geschichte das Feld. Von einer Notiz zum 23. August 1944 (Befreiung von Paris) und einer daraus folgenden These über das Böse an, über Literaten wie Kafka, Coleridge, Wilde, Valéry, Nathaniel Hawthrone (diesen Autor kann ich, dank Borges, nur jedem empfehlen!), bis zum etwas längeren Essays "Widerlegungen der Zeit", in dem Borges eine persönliche Theorie der Einheitlichkeit der Zeit vorstellt, wird der Leser auf einem Fluß der reinen Faszination mitgetragen. Ich denke man kann beim ersten Mal noch nicht alles fassen, was Borges hier in meist nur 3-5 Seiten langen Texte anschneidet, aber ich denke auch, dass jeder mit einer bestimmten Anregung oder neuem Wissen dieses Buch schließt - und es bestimmt wieder zur Hand nimmt!

Ohne Borges wäre sicherlich die südamerikanische Literatur nie ganz ins Rollen gekommen. (Er selbst schrieb lakonisch über die Argentinier: "Der Europäer und der Nordamerikaner sind der Ansicht, dass ein Buch, das irgendeinen Preis erhält, gut sein muss; der Argentinier gibt die Möglichkeit zu, dass es vielleicht nicht schlecht ist, trotz des Preises.) Borges muss eine unglaubliche faszinierende Gestalt gewesen sein. Seine Passion waren alle erdenklichen Ausformungen menschlichen Glaubens und Denkens; in seinen Essays hat er sie ausgebreitet, in seinen Gedichten bedacht, in seinen Geschichten kombiniert und verschmolzen.

"Im Laufe eines Lebens, das weniger dem Leben als dem Lesen gewidmet war, habe ich oft festgestellt, das literarische Absichten und Theorien nichts anderes sind als Reizmittel, und dass das abgeschlossene Werk sie meistens ignoriert und sogar widerlegt. Wenn in einem Autor etwas steckt, kann keine Absicht, mag sich noch so albern oder irrig, dem Werk einen Schaden unheilbarer Art zufügen."

Borges lesen, dass ist Träumen und Lesen zugleich. (Schopenhauer schrieb bereits, dass unser Leben unser Träumen Blätter desselben Buches seien und dass sie in der richtigen Reihenfolge lesen leben, sie durchzublättern träumen sei.)
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Wirklichkeit ist immer anachronistisch.", 9. Januar 2013
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Taschenbuch)
Jorge Luis Borges (1899 – 1986) war ein argentinischer Literat und Autor von Essays, Erzählungen und Lyrik. Wie kein anderer kannte sich Borges in der Literatur aus und verband seine Kenntnisse in einem ihm eigenen Stil und philosophischen Gedankenkomplex. Die ihm bekannten Autoren und Schriftsteller – und es waren unheimlich viele – analysiert und kommentiert er anders als die meisten Literaturkritiker, denn Borges nimmt eigene, nicht so bekannte Aspekte der Werke dieser Autoren unter die Lupe, so dass er als Querdenker und Initiator eigener Gedanken gilt. Im Alter verlor er immer mehr seine Sehkraft, was ihn aber nicht hinderte trotzdem seine Arbeit fortzuführen, indem er sich vorlesen ließ und während des Vorlesens gleich seine Interpretationen und Gedankengänge lieferte. In seinem philosophischen Denken wurde er von amerikanischen und englischen Philosophen wie Whitman und Hume aber auch von Schopenhauer und Kafka beeinflusst. Themen, die bei Borges immer wiederkehren und mit denen er sich philosophisch stark auseinander setzt sind: das Unendliche, die Ewigkeit, die Zeit, der Traum, der Geist im Menschen und die Sprache.

Diese zwischen 1941 und 1952 entstandenen Essays beinhalten in erster Linie Gedanken über die Themen Traum, Zeit, Sprache und Geschichte. Diese Themen sind eingebettet in die Interpretation der Werke unterschiedlicher Autoren wie Coleridge, Cervantes, Valéry, Kafka und Shaw, um nur ein paar zu nennen.
Was mir an den Essays von Borges so gut gefällt, ist, dass er unheimlich genau und realistisch gewisse Wörter, Themen und Autoren und deren Gedanken beschreibt und doch immer wieder absichtlich in das Reich der Phantasie, des Traumes, der Inkonsistenz abrutscht. Dadurch zeigt er uns, dass die Realität etwas vom Menschen Gemachtes ist, nur einen kleinen Teil des Ganzen ausmacht. Das „Ich“ ist nicht nur eine Illusion, sondern etwas, was der Mensch nicht begreifen kann, denn der Mensch ist mehr und etwas Anderes als das „Ich“. Bei Borges verliert sich das Subjekt in einem größeren Ganzen und doch ist es dieses große Ganze selbst, aber nur dann, wenn es nicht daran denkt. Die Philosophie Borges erinnert mich sehr an Luigi Pirandello, welcher sich zeit seines Lebens auch mit Fragen um das Subjekt im Menschen und um die Grenzen des Geistes und des Verstandes beschäftigt hat. Wo fängt der Wahn an, was kann als wahnhaft bezeichnet werden und welchen Illusionen, welchen Trugschlüssen ist der Mensch ausgeliefert? Diese Vermischung von Realität und Fiktion, die doch bei Borges sehr gut getrennt werden, sind ein Charakteristikum postmoderner Literatur, die gute Autoren, wie Daniel Kehlmann (für den Borges der Lieblingsschriftsteller ist) heute auszeichnet bzw. bis vor kurzem ausgezeichnet hat. Die Belesenheit Borges (Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn) und seine treffenden, im Zeitgeist der Postmoderne geäußerten Beobachtungen, erlauben es uns Lesern, unseren Geist und Blickwinkel in der Welt und in unserem Denken zu erweitern.

Man lese zum Beispiel folgende Textstellen aus dem Buch:

Schopenhauer schrieb bereits, dass unser Leben und unser Träumen Blätter desselben Buches seien und dass sie in der richtigen Reihenfolge lesen leben, sie durchblättern träumen sei.
Dunne versichert, dass wir im Tode lernen werden, mit der Ewigkeit richtig umzugehen. Wir werden alle Augenblicke unseres Lebens wiedererlangen und sie kombinieren, wie es uns gefällt. Gott und unsere Freunde und Shakespeare werden unsere Mitarbeiter sein.

Die Zukunft ist unvermeidlich, präzise; aber es mag sein, dass sie nicht zustande kommt. Gott lauert in den Intervallen.

Bertrand Russell … nimmt an, dass die Welt erst vor ein paar Minuten geschaffen wurde, ausgestattet mit einer Menschheit, die sich einer illusorischen Vergangenheit „erinnert“.
„Dieser Schlund“, sagte ihr Freund, „war nur ein Mund des Abgrunds von Dunkelheit, der überall unter unseren Füßen ist. Die festeste Substanz menschlichen Glücks ist nur eine dünne Schicht über diesem Abgrund und trägt unsere wahnhafte Welt. Es braucht kein Erdbeben, um sie zu zerbrechen; man braucht nur den Fuß aufzusetzen. Man muss sehr vorsichtig gehen. Es ist unvermeidlich, dass wir am Ende versinken. Es war ein dummer Anfall von Heroismus, als Curtius vortrat, um sich in die Tiefe zu stürzen, da ganz Rom, wie man sieht, hineingestürzt ist. Der Palast der Cäsaren ist mit einem Geprassel stürzender Steine gefallen.

Gott, schrieb Spinoza, verabscheut niemanden und liebt niemanden.

Sir Thomas Browne schrieb gegen 1642: „Zwei Bücher sind es, aus denen ich Theologie zu lernen pflege: die Heilige Schrift und jenes universale und allen zugängliche Manuskript, das vor aller Augen liegt. Die Ihn in dem ersten nie erblickt hatten, entdeckten Ihn in dem anderen. Im selben Paragraphen heißt es: „Alle Dinge sind künstlich, weil die Natur die Kunst Gottes ist.“

„Alles ist Symbol, auch der zerreißendste Schmerz. Wir sind Schlafende, die im Schlaf aufschreien. Wir wissen nicht, ob etwas, das uns betrübt, nicht der geheime Beginn unserer späteren Freude ist. Wir sehen heute, versichert der heilige Paulus, per speculum in aenigmate, wörtlich: in ein Rätsel vermöge eines Spiegels. Und werden auf keine andere Weise sehen vor dem Kommen dessen, der ganz Feuer ist und uns alles lehren soll.“
Per speculum in aenigmate, sagt der heilige Paulus. Wir sehen alle Dinge verkehrt herum. Wenn wir zu geben meinen, empfangen wir usw. Also (sagt mir eine teure Seele in Bedrängnis) sind wir im Himmel, und Gott leidet auf der Erde.“

Die berühmteste der literarischen Unterwelten, das dolente regno der Commedia, ist kein grässlicher Ort, es ist ein Ort, an dem grässliche Dinge geschehen. Der Unterschied ist wichtig.

… dass die Phantasien eines Menschen mit der Zeit zu persönlichen Erinnerungen vieler werden.

Etwas sein heißt unumgänglich, alles andere nicht sein; die wirre Intuition dieser Wahrheit hat die Menschen dazu geführt sich einzubilden, dass Nicht-sein mehr ist als Etwas-sein und dass es auf gewisse Art Alles-sein bedeute.

Die Lehre Spinozas, der aus Ausdehnung und Denken bloße Attribute einer ewigen Substanz macht, die Gott ist, kann sehr wohl eine Übersteigerung dieser Idee sein: „Gott existiert doch; wir sind diejenigen, die nicht existieren“, schreib entsprechend ein Mexikaner.
Dieser ersten Deutung zufolge ist Ich Bin Der Ich Bin eine ontologische Feststellung. Andere meinten, die Antwort weiche der Frage aus; Gott sage nicht, wer er ist, weil er damit das Verstehen seines menschlichen Gesprächspartners überfordern würde. Martin Buber deutet an, dass ehyeh asher ehyeh auch mit Ich Bin Der Ich Sein Werde oder Ich Werde Sein Wo Ich Sein Werde übersetzt werden kann.

Sind nicht alle, die sich inbrünstig einer Zeile von Shakespeare hingeben, buchstäblich Shakespeare?

„Was du erleiden kannst, ist das Maximum dessen, was auf Erden erlitten werden kann. Wenn du verhungerst, wirst du allen Hunger leiden, den es je gegeben hat oder je geben wird. Wenn zehntausend Menschen mit dir sterben, wird ihre Teilnahme an deinem Los nicht bewirken, dass du zehntausendmal mehr Hunger hast; auch wird es die zeit deiner Agonie nicht zehntausendmal länger machen. Lass dich von der grauenerregenden Summe menschlichen Leidens nicht betäuben: es gibt keine derartige Summe. Weder die Armut noch der Schmerz sind summierbar. (Zitat von George Bernard Shaw)
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Welt im Kopf", 12. April 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Taschenbuch)
Jorge Luis Borges(1899-1986) war sehr belesen und positioniert sich hier in kurzen Texten zu den Großen Denkern der Welt, dabei greift er auch gerne religiöse und philosophische Ideen auf.
Dicht gedrängt findet man in dem Buch z.B. Gedanken von Berkeley; Lichtenberg; Lukrez; Bernard Shaw, Parmenides; Plotin; Swedenborg; Schopenhauer; David Hume; Plutarch; Angelus Silesius; Oscar Wilde; Pascal; Giordano Bruno; Platon.
Zu Kafka; Valéry; Bernard Shaw; Cervantes; Quijote; Coleridge; Hawthorne; Chesterton; Wells; usw. zeigt er neue Aspekte ihrer Werke.

Lesenswert ist zum Beispiel seine kurze und bündige Abgrenzung von dem Vergleichspaar Whitman und Valéry.
Zu Oscar Wilde schreibt Borges: "Nachdem ich im Laufe der Jahre Wilde gelesen und wiedergelesen habe, bin ich auf eine Tatsache aufmerksam geworden, die seine Lobredner, so scheint es, nicht einmal geahnt haben: die nachprüfbare und elementare Tatsache nämlich, daß Wilde fast immer recht hat. Der Sozialismus und die Seele des Menschen ist nicht nur beredt, es ist auch richtig."(S.93)

"Coleridge bemerkte, daß alle Menschen entweder als Aristoteliker oder als Platoniker geboren werden. Die Platoniker empfinden die Klassen, die Ordnungen und die Gattungen als Realitäten; die Aristoteliker als Verallgemeinerung; für sie ist die Sprache nichts mehr als ein annäherndes Zeichenspiel, für jene ist sie die Karte des Universums."(S.130)

Zitate aus dem Buch:

"Niemand hat die Vergangenheit gelebt, niemand wird in der Zukunft leben: Die Gegenwart ist die Form allen Lebens und ein Besitz, den ihm kein Übel entreißen kann..." Schopenhauer (S.203)

"Der Mensch von gestern ist in dem von heute gestorben, der von heute stirbt in dem von morgen." Plutarch (S.204)

"Die Zeit ist ein Fluß, der mich davonreißt, aber ich bin der Fluß; sie ist ein Tiger, der mich zerfleischt, aber ich bin der Tiger; sie ist ein Feuer das mich verzehrt, aber ich bin das Feuer. Die Welt, unseligerweise, ist real; ich unseligerweise, bin Borges. (S.205)

Weiterer Lesetipp: Spiegel und Maske: Erzählungen 1970-1983: Erzählungen 1970 - 1983. (Werke in 20 Bänden, 13)
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dieses Buch ist die Welt., 14. April 2012
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Taschenbuch)
"Die Literaturgeschichte sollte nicht die Geschichte der Autoren sein und der Zufälle ihrer Karrieren
oder der Karriere ihrer Werke, sondern die Geschichte des Geistes als Literaturproduzent oder -konsument."
(Paul Valery)

Jorge Luis Borges (1899-1986) ist der bekannteste und größte argentinische Schriftsteller. Gleichzeitig ist unstrittig, dass er einer größten Vielleser ist und das, was seinen Gedanken lesend entgegen fliegt, um mit seinen kombiniert zu werden, ist nun schwarz auf weiß zu lesen. Und es ist eine hohe Freude. Ihm gelingt es in vielen Miniaturen Literaturgeschichte auf interessante, spannende und ansprechende Weise dem Leser näher zu bringen. Borges lebt mit Büchern, für ihn sind sie die Welt und doch scheint die Welt ein einziges Buch. Aus diesem kann Wissen verbal in all den Gesprächen weitergegeben werden, aus diesen kann vorgelesen werden und schriftlich läßt sich alles ergänzen. So wie in der 13. Sure des Korans von einer Mutter der Bücher gesprochen wird, so hatte Platon im Phaidros aufs beste die Unterschiedlichkeit von Rede und Schrift, von emotionaler Beteiligung und distanzierter Wahrnehmung beschrieben. Und so findet Borges mit diesen Beispielen die Wichtigleit von beidem, gar die gegenseitige Beeinflussung. Denn nichts anderes passierte wunderbarerweise in der 602. Nacht der arabischen Märchen. Der Text aus dem Märchen band die Gegenwart ein, der Zuhörer wurde zum Teil der Geschichte. So geht es den Lesern, die sich verbrüdern, verschwestern mit den Protagonisten, die Eintauchen in ein anderes Leben und doch ihr eigenes nicht verlassen können.

Ein Traum wird wahr, hier und dort gelingt es selbst den Protagonisten den Überschwank des Schriftstellers zu überbieten, als wenn dieser mitschriebe. Cervantes, der erste große Schriftsteller verfiel seinem Don, Coleridge Traum mutet so unwirklich und doch übertrug sich gegebenes in andere Zeiten. Imaginäre Welten werden verbunden mit den realen, Poesie trifft prosaische Realität und die Schriftsteller bringen aus der Zukunft verwelkte Blumen mit.

Ein virtuoser Borges ist hier am Werk, eine Freude, ihn zu lesen, wenn er mit Pascal, Wilde, Kafka usw. spricht und mit deren Vorläufern. Ja, die Ideen der Literatur scheinen überreich an Übereinstimmung zu sein, es scheint, als wenn das Zenon Paradoxon von Achilles und dem Pfeil eine erste Kafkaeske ist, denn im späteren Schloss-Roman war für den Landvermesser ebenso kein erreichen. Ein Gedanke erhitzt den anderen, so einst der große Montaigne, und hier ist auch Borges erhitzt ob der vielen Kompositionen von Lyrik und Prosa und deren gegenseitigen Einfluss.

"Die Welt existiert, um in ein Buch einzugehen". So wird Mallarme hier zitiert. Und bei Homer ist zu lesen, dass die Götter die vielen Geschicke weben, damit den Zukünftigen nicht der Stoff zum Singen fehle. Nun gut, hier wird gelesen und gelesen wird von der Welt und der Leser wird animiert, seine Welt zu lesen. Oder mit Angelus Silesius zu sprechen:

"Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen."

Sehr lohnenswerte Lektüre.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unterhaltsam, lehrreich und gut übersetzt, 24. März 2011
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Rezension bezieht sich auf: Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Taschenbuch)
Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen. Vor allem wegen der guten Übersetzung.
Borges entzieht sich jeder Kritik. Er war einer der belesensten und bescheidensten Autoren und Dichter. Seine Betrachtungen haben auch heute nichts an Aktualität verloren.
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Inquisitionen: Essays 1941 - 1952
Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 von Jorge Luis Borges (Taschenbuch - 26. Januar 2007)
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