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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großer Entwurf...
Dieser 1912/13 aus vier nacheinander in der Zeitschrift Imago veröffentlichten Teilen komponierte Essay mit dem Untertitel "Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" ist eine kühne Spekulation zum Ursprung sozialer und religiöser Institutionen aus dem von Freud angenommenen Vatermord in der Urhorde, ein erster...
Veröffentlicht am 27. Februar 2007 von Shaun

versus
13 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen wie ein "abenteuerlicher Roman" zum "kleinen Evangelium" der "abendländischen Intelligenz" wurde.
Die Zitatfetzen stammen aus Mircea Eliades Werk "Das Okkulte und die moderne Welt". Das Okkulte ist dabei das Gegenstück zur Wissenschaft, für die sich das Bürgertum eigentlich nur interessiert, wenn es ihm in den Kram passt. Ansonsten bestimmt nicht der wissenschaftliche Konsens sondern die kulturelle "Zeitströmung" darüber, ob ein Werk für...
Veröffentlicht am 3. Februar 2007 von johannes eichstätter


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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großer Entwurf..., 27. Februar 2007
Von 
Shaun - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie) (Taschenbuch)
Dieser 1912/13 aus vier nacheinander in der Zeitschrift Imago veröffentlichten Teilen komponierte Essay mit dem Untertitel "Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" ist eine kühne Spekulation zum Ursprung sozialer und religiöser Institutionen aus dem von Freud angenommenen Vatermord in der Urhorde, ein erster Versuch also zum Erweitern der Individual- zur "Völkerpsychologie". Ihm sollten weitere Aufsätze in dieser Richtung folgen: "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921), "Die Zukunft einer Illusion" (1927), "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) und "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" (1939).

Teil I ("Die Inzestscheu") macht den Versuch, anhand der noch heute vorkommenden Ureinwohner Australiens deren vor jeder Religion installiertes System des Totemismus zur Verhinderung inzestuöser Verbindungen der Clan-Geschlechter zu erklären. Mitglieder desselben Totem (Stammvater einer Sippe, zugleich ein bestimmtes Tier bzw. dessen Charakter) dürfen nicht in Beziehung zueinander treten (sog. Exogamie, also eine Inzestscheu). Auch weitere daraus abgeleitete Vermeidungen und Verbote, z.B. zum Verhindern von Kontakten zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter werden geschildert. Freud sieht in dieser Inzestscheu der Wilden die nämlichen infantilen Seelenzüge des männlichen Neurotikers, der als Knabe die erste sexuelle Objektwahl Mutter und Schwester gegenüber nicht überwunden hat, oder zu ihr in Regression zurückgekehrt ist. Dem modernen Menschen seien diese Inzestwünsche längst nicht mehr bewusst und der Verdrängung anheim gefallen.

In Teil II ("Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen") wird der aus dem Polynesischen stammende Begriff des "Tabu" als ein ältester und ungeschriebener, noch vor jeder Religion entstandener Gesetzescodex vorgestellt. Was "tabu" ist, dem kommt eine geheimnisvolle Kraft zu, es umgibt dieses zugleich Ehrfurcht als auch Abscheu. Freud zieht Parallelen zum Vermeidungsverhalten des Zwangskranken: das Kernverbot der Neurose sei, wie beim Tabu, das der Berührung, egal ob man sich bestimmte Gedanken daran oder die eigentliche Berührung versage. Grundlage des Tabu (wie auch der Zwangsneurose) sei ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten bestünde. Und so wie sich die Tabu-Zonen ausweiten können, so auch bei der Zwangserkrankung die Gegenstände des Zwangs. Auch der König bei den Primitiven habe einen Tabu-Status, das Volk fürchte ihn auf der einen Seite und wolle ihn auf der anderen Seite töten, sich an seine Stelle setzen. Dem entspräche nach Freud das ebenso ambivalente Verhältnis aus Misstrauen und Hochschätzung, welches der Sohn seinem Vater gegenüber zeige. Der Dämonen-Glaube entstehe gerade aus der Projektion von Schuldgefühlen des Trauernden dem Verstorbenen gegenüber, aus uneingestandenen ambivalenten Todeswünschen, die sich nach dem Ableben des Totgewünschten rächen. "Das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung lässt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen", damit - so Freud - sei es wahrscheinlich die ursprünglichste Form des Gewissens in der Menschheitsgeschichte.

Teil III ("Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken") geht auf die Ursprünge der Religion aus dem Animismus ein, jene Vorstellung von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur. Alles, auch der Mensch, sei beseelt, und die Seelen könnten hin- und herwandeln zwischen den unbeseelten Dingen der Natur, es ist also eine dualistische Naturphilosophie. Mit Magie ist die Strategie des Animismus gemeint, der Seelen und Geister Herr zu werden, sie zu beeinflussen, z.B. im Voodoo-Kult, wo der einem Bildnis zugefügte Schaden den eigentlich gemeinten Feind schädigt. Der Kannibale versucht sich über das Verzehren des Feindes dessen Eigenschaften einzuverleiben. Der Magie liegt demnach ein Zutrauen in die eigene "Allmacht der Gedanken" zugrunde. Den Bogen hin zur Neurose findet Freud hier wiederum, da hierbei auch nicht die Realität des Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maßgeblich sei. Der Neurotiker sei sozusagen gegen seine bessere Einsicht "abergläubisch", und die Zwangshandlungen wären quasi "magischer" Natur. Die Kulturentwicklung sieht Freud parallel zur libidinösen Entwicklung des Einzelnen: von einem zunächst narzistischen Stadium im Animismus (Allmacht der Gedanken) zu einer zweiten Phase der Religionen als einer Objektfindung, welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert erscheint, schließlich zur dritten Stufe der wissenschaftlichen Phase als Reifezustand des Individuums, welches sein Lust- hin zu einem Realitätsprinzip entwickelt hat.

Teil IV ("Die infantile Wiederkehr des Totemismus") geht auf verschiedene Totemismustheorien ein, die aber Freuds Meinung zufolge sämtlich zu kurz griffen. Denkwürdig sei der Gedanke Darwins über den sozialen Urzustand des Menschen gewesen, wonach jener - ähnlich wie bei den Lebensgewohnheiten der höheren Menschenaffen - in kleineren Horden mit Dominanz durch ein eifersüchtiges ältestes und stärkstes Männchen gelebt habe, dass eine sexuelle Entfaltung der unterlegenen Männchen verhindert habe. Diese darwin'sche Urhorde habe also die Exogamie der jungen Männer geradezu heraufbeschworen, welche sich nur zu Führern anderer Horden entwickeln konnten, wo sie dann ebenso unumschränkt herrschten. Auf diese Weise entstanden Regeln wie: kein Sex mit Herdgenossen und - nach Einsetzung des Totem: kein Sex innerhalb des Totem. Über die Analyse von Tierphobien kleiner Kinder gelangt Freud auf die zugrunde liegende Angst vor dem Vater, die nur auf das Tier verschoben worden war. Er findet daraus folgernd Parallelen zwischen dem (individualpsychologischen) Ödipuskomplex des Knaben und dem (sozialpsychologischen) Phänomen des Totemismus. Über das Studium der Opferkulte in den alten Mysterien schließt Freud schließlich, das das Opfertier das Totemtier und später der Gott oder Gott-Sohn selbst gewesen sei (vgl. Jesu Worte beim Abendmahl: "Dies ist mein Leib, der geopfert wird zur Vergebung der Sünden"). Wie aber konnte das gehen? Freud konstruiert, dass der gewalttätige, zugleich gefürchtete wie beneidete Urvater von seinen Söhnen ermordet worden sei. Im Akt des Verzehrens (sie waren sicher Kannibalen) eigneten sie sich seine Stärke an, die Totemmahlzeit wurde so zur Wiederholung und Gedenkfeier dieser ursprünglichen Tat. Als sozusagen späte Reue der ambivalent eingestellten Söhne hätten sie dann die Tötung des Totemtieres verboten und auf die eigentlichen Früchte ihrer Bluttat, nämlich die freiwerdenden Frauen verzichtet, solchermaßen die merkwürdige Exogamie begründend. Aus dem Schuldbewusstsein der Söhne seien so die beiden Tabu des Totemismus, also die Schonung des Totemtieres und die Inzestscheu hervorgegangen. Schlussendlich, und dies ist die resultierende Hauptaussage, zu der sich Freuds Essay erhebt, sei die Allgegenwart des Ödipuskomplexes schon in der Urhorde offenbar der Ausgangspunkt zu aller kulturellen und religiösen Entwicklung gewesen.

Die Ausbreitung der Gedanken aus verschiedenen Richtungen nach einer enormen vorausgehenden ethnologischen Lektüre zu einer sicherlich sehr spekulativen Gesamtschau kultureller Entwicklung ist in keinem seiner sozialpsychologischen Aufsätze vergleichbar stringend durchgeführt worden. Ein bewunderungswürdiges Werk, gerade auch wenn man nicht in allem ihm zustimmen wird. Es ist ein Klassiker, der auf jeden Fall lohnt, studiert zu werden. Von mir daher ohne Zögern 5 Sterne. (27.02.07)
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4.0 von 5 Sternen Psychologische Symbolismenpoesie, 13. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie) (Taschenbuch)
In dieser wenig beachteten, anno 1913 erschienenen Schrift "Totem und Tabu" befasst Sig(is)mund Freud (1856 - 1939) sich mit solchen Symbolen, die sowohl in "primitiven" Kulturen als auch in Mitteleuropa mit Angst besetzt Verbote, Ausgrenzung und zugleich Zugehörigkeit bezeigen.
So mag ein Totem nicht nur etwa eine Stammesverwandtschaft unter amerikanischen oder australischen Ureinwohnern versinnbildlichen, sondern auch bei uns, etwa in Gestalt der Symbole eines Clubs oder einer Region. Und ein Tabu ist dem Ursprunge nach nichts Anderes als eine "Kulturschöpfung", ein weihevolles Verbot, wie wir es aus der Religion kennen.
Freud stößt hier mit dem, das er 'Völkerpsychologie' nennt, an das Gebiet des 'Kollektiven Unbewussten' C. G. Jungs, von dem er sich jedoch nicht belehren zu lassen bereit war. So versuchte Freud, die zweifellos unpersönlich in jedermann arbeitenden Symbole aus alter unbewusster Kulturtradition nur an einzelnen Individuen festzumachen und das Kollektive ungenannt zu lassen. Dass er die tiefere Einordnung somit zu umgehen versuchte, schien er nicht zu bemerken. Der Ursprung der Symbole und der an sie geknüpften Denkstrukturen ist aber kein individuelles Erbe.
Es bleibt gleichwohl eine spannende Untersuchung, wenn beispielsweise die primitiven Tabus der Eingeborenen Polynesiens als mitteleuropäischen Sitten- und Moralverboten eng verwandt dargestellt werden oder die global ähnliche Entstehung der Inzestscheu besprochen wird.
Der Inhalt des Buches ist in vier Aufsätze gefasst, die mit folgenden Titeln überschrieben sind:
1. Die Inzestscheu,
2. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen,
3. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken,
4. Die infantile Wiederkehr des Totemismus.
Hier wird erfreulicher Weise weniger das letzte Wort beansprucht, sondern hier werden Worte des Anfanges besprochen und zur Diskussion gestellt. Dies ist trotz der genannten Bedenklichkeiten ein höchst lesenswertes Buch!
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2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Klassiker der beobachtenden Verhaltensforschung, 10. Februar 2010
Von 
Axel Angeli (Mannheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie) (Taschenbuch)
Das Büchlein ist in gewisser Weise ein Klassiker. Wie durchaus im 19ten Jahrhundert üblich stellt es eine Anzahl angelesener und eigener Beobachtungen in eine Reihe. Freud's Erkenntnise sind genauso scharfsinnig wie die Schlussfolgerungen aus heutiger Sicht oft voreilig, naiv oder absurd wirken. Dennoch zeigt das Büchlein in verständlicher und prägnanter Form, wie sehr Rituale des modernen Menschen und die der Naturvölker (Wilde genannt) sich gleichen, was besonders bei einem Neurotiker sehr deutlich wird.
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2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gute Verarbeitung, 29. Mai 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie) (Taschenbuch)
Über den Inhalt der Freud'schen Schriften darf man sich wahrlich kein Urteil erlauben.

Die Verarbeitung des Buches ist gut, der Einband okay, Seiten gut greifbar - nicht zu dünn.
Was man sich halt heutzutage von einem Buch erwartet.
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13 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen wie ein "abenteuerlicher Roman" zum "kleinen Evangelium" der "abendländischen Intelligenz" wurde., 3. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie) (Taschenbuch)
Die Zitatfetzen stammen aus Mircea Eliades Werk "Das Okkulte und die moderne Welt". Das Okkulte ist dabei das Gegenstück zur Wissenschaft, für die sich das Bürgertum eigentlich nur interessiert, wenn es ihm in den Kram passt. Ansonsten bestimmt nicht der wissenschaftliche Konsens sondern die kulturelle "Zeitströmung" darüber, ob ein Werk für viele Generationen populär ist, oder nach einer kurzen oberflächlichen Kritik in der Versenkung verschwindet. Ein Beispiel für so einen Fall ist für Eliade das Buch "Totem und Tabu":

"Umsonst bewiesen die Ethnologen jener Zeit, von W.H.Rivers und F. Boas bis hin zu A.L Kroeber, B.Malinowski und W. Schmidt die Absurdität eines solchen uranfänglichen "totemistischen Gastmahles". Vergeblich wiesen sie darauf hin, dass man in den Anfängen der Religion einen solchen Totemismus nicht finden kann, dass er keine universale Erscheinung ist; nicht alle Völker haben ein "totemistisches Stadium" durchlaufen. Umsonst hatte schon Frazer den Beweis erbracht, dass von den vielen hundert totemistischen Stämmen nur vier (herv. im Original, Anm. JE)einen Ritus kannten, der dem zeremoniellen Töten und Verzehren des "Totemgottes" entsprach (ein Ritus, den Freud als unumstäßliches Merkmal des Totemismus ansah). Und schließlich hat dieser Totemismus mit dem Ursprung des Opferkultes nichts zu tun, ist doch der Totemismus in den älteren Kulturen überhaupt nicht zu finden. Vergeblich wies Wilhelm Schmidt darauf hin, dass die prähistorischen Völker den Kannibalismus nicht kannten, und dass Vatermorde für sie "eine völlige Unmöglichkeit wäre, sowohl vom psychologischen wie auch vom soziologischen und ethnologischen Standpunkt aus gesehen (und dass...) die Form der prätotemistischen Familie, nd damit der ältesten menschlichen Familie, von deren Ethnologie dennoch etwas zu wissen wir uns erhoffen dürfen, weder Promiskutiät noch Gruppenheirat kannte, welche nach dem Urteil der führenden Anthropologen überhaupt niemals existierten." Freud ließ sich durch solche Einwände nicht im geringsten beirren, und jener rohe "abenteuerliche Roman" ist seither bei drei Generationen abendländischer Intelligenz zu einem kleinen Evanglium geworden."

Bis heute wird dieses Buch mit einer Ernsthaftigkeit in Zeitungen, Büchern oder Rezensionen zitiert, die jedem Religionswissenschaftler die Schamröte ins Gesicht treibt. Aber seine Popularität verdankt es ganz offensichtlich nicht seiner wissenschaftlichen sondern viel mehr seiner seelsorgerlichen Leistung gegenüber einem religionsmüde gewordenen Abendland, dem die groteske und unappetitliche Erklärung der Religion wenn schon nicht wirklich plausibel dann doch willkommen war.

In meinen Augen wirft das Buch aber noch weitere Probleme auf, die auch Freud hätte sehen müssen.

Freud stellt in dem Buch die These auf, dass alle Religionen der Aufarbeitung eines Ur-Vatermordes dienen. Das Totem ist dabei der Platzhalter für den getöteten Ahnen, das Tabu (insbesondere das Inzesttabu) eine Folge des schlechten Gewissens.

Methodisch geht er vor allem von Beobachtung der Menschen aus, "von denen wir glauben, dass sie den Primitiven noch sehr nahe stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken.Wir urteilen so über die sogenannten Wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen" (aus dem 1. Kapitel).
Und da steckt auch schon das Problem: wenn man darin keine gut erhaltene "Vorstufe" erkennen kann, ist die ganze Argumentation Freuds hinfällig. Er zeigt immer, was in einer der genannten Kulturen geglaubt wird und erklärt alle Abweichungen davon (vor allem im Christentum) wahlweise mit Verdrängung oder Heuchelei. Selbst die ältesten Texte des Alten Testamentes sind für ihn weniger ursprünglich als die modernen Riten der ihm bekannten Stammesreligionen. Da seine These von dieser Annahme lebt, hätte er eben das begründen müssen.
Mittlerweile ist das von Freud vertretene Stufenschema von einer "ursprünglichen", magischen Lebensform aus der sich dann über verschiedene Stadien die späteren Weltreligionen entwickelten, in der Wissenschaft ausgestorben. Es gibt sogar gute Gründe anzunehmen, dass die uns archaisch anmutenden Gesellschaften bereits sehr späte Formen sind. Umso mehr erstaunt es, mit welcher Ernsthaftigkeit dieses Werk Freuds bis heute noch rezipiert wird...

Aber selbst wenn man von der Voraussetzung ausgeht und manche Stammesreligionen als lebendes Religions-Archiv betrachtet, stellt sich die Frage, weshalb z.B. alle Menschen die gleichen Ur-Erfahrungen gemacht haben sollen (im Christentum kann man das ja noch mit dem gemeinsamen Ur-Elternpaar verstehen). Und wenn es sich um einen Mord an einem Menschen handelt: wieso belastet das die Menschheit so sehr, dass sie damit über Jahrtausende beschäftigt ist, während sie noch viel größere Schuld auf sich lädt. Es muss ein außergewöhnlicher Mensch sein, den Freud getötet wissen will.

Um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, hätte Freud nun zeigen müssen, dass Tabus, wenn sie dazu dienen sollen, eine Schuld gegenüber dem Vater abzutragen, wegfallen, wenn andere Wege der Sühne gegangen werden. Die These müsste also Prognosen dieser oder ähnlicher Art erlauben.

Freud ist so anspruchsvoll nicht und begnügt sich damit, wenig aussagekräftiges Material zu sammeln.
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1 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen für Anfänger, 27. Juli 2004
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie) (Taschenbuch)
Ich habe das Buch vor langer Zeit gelesen. Ohne Vorkenntnisse oder Bildung in die Richtung gehend. Für jeden dem es genauso geht und der vielleicht einmal in die Richtung hineinschnuppern möchte ist dieses Buch ein, vielleicht nicht optimal aufbauender einstieg, aber sicher ein interessanter, nachzuvollziehbare und vorallem "unterhaltsamer" (insofern man davon bei philo büchern sprechen kann) Also wer nichts besseres zu tun hatte oder wenn es schon immer interessierte für den ist dies ein adäquater einstieg
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Totem und Tabu: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (Psychologie)
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