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am 22. Oktober 2006
MRR hat mich -- die wenigen Male, die ich ihn im Literarischen Quartet gesehen habe -- eigentlich immer nur irritiert. Mein Eindruck war dass MRR zwar wortgewaltig, vor allem aber ein polternder und selbstveliebter Selbstdarsteller war. Meines Erinnerns habe ich nie was von ihm gelesen.

Vor einigen Monaten hab' ich dann im Ramschladen das Buch gekauft. Ich weiss nicht warum. Aber ich hab' es nicht bereut.

Dies ist, in der Tat, ein grandioses Buch ueber juedische Schicksale (nicht nur seins, auch vieler anderer inclusive seiner Eltern) im und nach dem Dritten Reich, ueber die Faszination, die die Literatur ausueben kann (und nicht nur die deutsche des 20. Jahrhunderts), eine ungewoehnliche Liebesgeschichte, und viel viel mehr (z.B., viele Vignetten -- manchmal nur Paragraphen lang -- ueber Personen der Zeitgeschichte)!

Es gibt eine Stelle im Buch -- irgendwo ziemlich am Anfang -- wo MRR bedauert dass er keine akademische Ausbildung hatte. Es scheint mir, dass grade dieser Umstand massgeblich zu seiner heutigen Prominenz und Ausnahmestellung beigetragen hat: Die Faehigkeit eine dezidierte Meinung zu haben, und sie auch klar und verstaendlich auszudruecken, haette ihm die deutsche Universitaet mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgetrieben.
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am 22. November 2006
Nein, man muss ihn nicht lieben, aber man sollte ihn lesen. Denn die Autobiografie des jüdischen Literaturpapstes (sic) liest sich streckenweise spannend wie kaum eine sonst - abgesehen vom ersten Kapitel, in dem MRR so ziemlich jedes Theaterstück beschreibt, dass er in Berlin gesehen hat. Der zweite Part schildert die Über-Lebenszeit im Warschauer Ghetto, die Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofilia "aus Zufall" überleben. Ein drittes Kapitel ist, sehr aufschlussreich, der Zeit nach dem Krieg in Polen gewidmet. Hier kann MRR zum ersten Mal, wenn auch begrenzt und gegängelt, seine "portative Heimat" die deutsche Literatur, vorstellen, beschreiben und kritisieren. Die Flucht nach und das Leben im Nachkriegs-Deutschland macht Teil Nummer vier aus, vielleicht das interessanteste Kapitel. Hier trifft MRR so ziemlich jeden namhaften Schriftsteller und Dramatiker - auch die, die damals noch keinen bekannten Namen hatten. Das liest sich heute wie ein Who-is-who der deutschen Nachkriegsliteratur. Der letzte Teil reicht fast bis an die heutige Zeit heran, beginnt mit dem unheimlichen Zusammentreffen mit Albert Speer auf einer Party und endet mit der Schlussstrich-Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche 1998. Alle Autoren, die MRR in ihrer Eitelkeit verletzt hat, das sind nicht eben wenige und die auf billige Rechtfertigungs-Prosa gehofft hatten, werden von MRR enttäuscht: seine Autobiografie ist ehrlich, fesselnd, glänzend geschrieben und stellenweise sogar selbstkritsich. Allein dafür lohnt es sich, das Buch über sein Leben zu lesen. Danach wird man ihn vielleicht nicht lieben, aber zumindest besser verstehen.
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am 27. September 2013
Aus gegebenem Anlass wieder gelesen. Und dann stolpere ich heute im Spiegel über folgenden Satz von Volker Hage: "Denkbar sogar, dass es diese beiden deutschen Epen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind, die überdauern werden: Die Blechtrommel einerseits, Mein Leben andererseits." Um mit MRR zu sprechen: er hat den Verstand ganz und gar verloren. "Mein Leben" ist gut und flüssig geschrieben, das Leben von MRR hochinteressant, aber, nein, grosse Literratur ist es nicht. Aber trotzdem absolut lesenswert; allein schon wegen den Erinnerungen an die Berliner Schulzeit und die Verfolgung im Ghetto. Eine beeindruckende Lebensgeschichte, eine Liebeserklärung an die Literatur und die deutsche Sprache mit vielen intelligenten Überlegungen und amüsanten Anekdoten.

Leider wiederholen sich einige Themen gar zu oft und sein Verhältnis zu Schriftstellern im Nachkriegsdeutschland (das grossen Raum einnimmt) ist, von 2013 gesehen, nur bedingt interessant, jedenfalls für in der 70ern geborene. Selbst den Historikerstreit habe ich nicht bewusst miterlebt (ich war 13/14) und ist für mich längst überwundene Geschichte, die keine Gefühle oder Erinnerungen weckt. Für Ältere wohl interessanter zu lesen. Ich glaube von MRR stammt das Bonmot, dass man nicht mit allen Frauen schlafen kann, dass man es aber zumindest versuchen sollte, aber die Beschreibung seiner Eroberungen grenzen an pure Angeberei (auch das ist er ja nicht so weit von Grass weg!).

Dennoch, eine Pflichlektüre für jeden Literaturinteressierten. Man bekommt auch wieder Lust einige vor sich hinverstaubende Klassiker wieder aus dem Bücherregal zu holen und vielleicht mal wieder ein paar Gedichte zu lesen.
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am 3. April 2012
Man kann Herrn Reich-Ranicki mögen oder nicht, aber auf jeden Fall habe ich Respekt vor diesem Mann und seinem Schaffen in der Literautrkritik und dem steten Bemühen den Deutschen auch schwere literarische Kost durch seine offene, direkte, ehrliche Art näher zu bringen. Wer denkt nicht sofort ans Literarische Quartett ? Aber ich schweife ab.

Was ich hier rezensiere ist das Hörbuch "Mein Leben" von M. Reich-Ranicki. Leider liegt jedoch nicht die ungekürzte Fassung vor, sondern nur die gekürzte, welche die ersten beiden Teile des Papierbuches in Ausschnitten beinhaltet, also insgesamt die Zeit von 1920 bis Kriegsende 1945 (das Papierbuch hat 5 Teile, 1920 - 1999). Im ersten Teil wird dabei besonders viel Wert gelegt und Zeit verwendet auf die Zeit um 1938 herum, also der Abiturzeit Reich-Ranickis und dem Einfluss der Nationalsozialisten auf die Lehrer, Schüler und die Umwelt, versehen mit einigen Rückblenden. Der zweite Teil beginnt 1940 herum und hat zum größten Teil seine (Leidens-)Zeit in Warschau und dem Warschauer Ghetto zum Inhalt.
Da nur Ausschnitte gelesen werden, muss man in der Erzählweise teils große Sprünge in Kauf nehmen und es entstehen sogar einige logische Lücken. Das beste Beispiel scheint mir eine der letzten Episoden zu sein, in der zum Kriegsende "vorgespult" wird und Reich-Ranicki plötzlich im Besitz einer Waffe ist. Das Warum, Wie, Wann wird im Hörbuch nicht beantwortet. Dafür aber im Film und natürlich im Papierbuch.
Das alles ist sehr schade, denn hätten mich persönlich doch gerade und besonders die Jahre im Widerstand interessiert, die Zeit des Kalten Krieges, der 68er, des Mauerfalls und wie es ihm persönlich dabei erging und seine literarischen Eindrücke dazu. Nun werde ich wohl doch zum (Papier-)Buch greifen müssen, um diese Lücke (hoffentlich) zu füllen.

So erhält man zwar "nur" einen Teil seines Lebens als Hörbuch, jedoch einen eminent wichtigen Teil. Die Begebenheiten um seine Schulzeit mit den Lehrern und was ihn in literarischer Hinsicht prägte bis hin zur ersten Begegnung mit seiner Frau, das Hörbuch steckt voller Höhepunkte und prägenden Erlebnissen,die ihn auch nach eigener Aussage nachhaltig beeinflussten. Das macht das Hörbuch informativ und interessant, aber der Inhalt bleibt unbefriedigend, da einfach zuviele Informationen und Zusammenhänge selbst innerhalb der ersten beiden, in diesem Hörbuch gelesenen Teile fehlen.
Unterstützt wird der nichtsdestotrotz schön geschriebene Inhalt durch Reich-Ranickis sehr lebendige Art des Sprechens mit pointierender, unverwechselbarer Sprechweise sowie einer eigenwilligen, wenngleich passenden, Dynamik. Ich habe es sehr genossen mir die beiden CDs mit einer Gesamtlaufzeit von knappen 130 Minuten zu Gemüte zu führen. Dennoch muss man sagen,dass Reich-Ranicki ein spezieller Sprecher ist, der nicht jedem "liegt". Andererseits: Wer sollte sonst sein Leben einlesen ? Wer kann besser die Stimmung transportieren als der Autor/Protagonist selbst ?
Die Produktion ist gelungen und man merkt, dass Reich-Ranicki trotz fortschreitenden Alters nichts von der Bissigkeit und Beharrlichkeit verloren hat und es der Eindruck entsteht, dass es ihm sehr viel Spaß gemacht hat, dass Hörbuch einzulesen.

FAZIT: Ich kann den Kauf trotz des gekürzten Inhalts noch empfehlen. Dennoch rate ich allen, die auch gern selbst lesen bzw. die Zeit dazu haben und mehr Informationen und Hintergründe wollen, sich lieber die papierhafte Biografie zuzulegen. Hiervon hat man, denke ich, einfach mehr.
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am 5. Januar 2014
Man glaubt, in ihn förmlich sprechen zu hören, wenn man seine Autobiographie liest: Sein Lispeln, sein rrrrollendes "R". Und man sieht den stets erhobenen und wedelnden Zeigefinger des notorischen Besserwissers.

Sein literarisches Urteil war Gesetz. Manchem deutschen Autor ist er ein Leben lang auf die Nerven gegangen. Manchen hat er vernichtet: "Ich gelte weiterhin als ein Mann der literarischen Hinrichtungen." Seine negativen Kritiken hat er in dem Buch "Lauter Verrisse" dokumentiert. Martin Walser hat aus literarischer Notwehr gar einen Roman über ihn, den Großkritiker, geschrieben, in dem er ihn, den Großkritiker ums Leben kommen lässt. Denn gar nicht selten war MRR bösartig: "Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen."

Auch im an sich genialen Sendeformat "Das literarische Quartett" reduzierte MRR seine Kollegen, erwachsene Menschen, zu Statisten und seinen Stichwortgebern. Kaum einer, der ihm widersprach, nicht hat einmal sein ehemaliger Chef bei der "ZEIT" Hellmuth Karasek: MRR wusste es immer besser - nur nicht immer richtig:

Gibt es im ,Quartett` ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich."

Doch, wer immer Recht hat, hat wenig Freunde. "Je größer mein Erfolg, desto häufiger bekam ich Neid und Mißgunst zu spüren." Die einzige Frau in der Runde hat dann irgendwann gepasst. Danach war das Quartett ein Terzett - und bei weitem nicht mehr so interessant.

Und keinesfalls war jedes von ihm hoch gelobte Buch lesbar, Getreu dem Goetheschen Motto: "Je inkommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion ist, desto besser" erwiesen sich viele Bücher als Fehlkäufe. "Um das, was ich sagen wollte, erkennbar und faßbar zu machen, habe ich mir häufig erlaubt zu übertreiben und zu überspitzen." Es ist wohl so ähnlich wie bei den Restaurantkritikern, die nur noch in Sterne-Restaurants essen: Das literarisch Elitäre macht nicht jeden satt. Doch, wer es als Autor schaffte, von ihm öffentlich gelobt zu werden, war ein gemachter Mann (seltener: Frau). Denn Marcel Reich-Ranicki schrieb nicht nur leidenschaftliche Verrisse ebenso wie leidenschaftliche Lobreden.

"Im Grunde kennt die Literatur nur zwei große Themen: Die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz."

Sein Lebensweg war zeitgeistig lebensbedrohlich und beschwerlich - doch immer wollte er Kritiker werden. Für dieses Ziel war ihm fast jedes Mittel recht. Selbstbehauptung im Überlebenskampf. Das hinterlässt Spuren. Er hat viele Jahre für "DIE ZEIT" gearbeitet und später als Literaturchef der "FAZ". Literatur, das war sein Lebenselixier: "Die Literatur ist mein Lebensgefühl".

"Ich begriff, daß sich in der Literatur etwas finden und erkennen ließe, dessen Bedeutung nicht zu überschätzen sei - man könne sich selber finden, seine eigenen Gefühle und Gedanken, Hoffnungen und Hemmungen."

Im Jahre 1958 wurde er Mitglied der renommierten "Gruppe 47". Doch bereits im Jahre 1961 entzündete sich Kritik an seiner Person, deren Schärfe im Urteil gefürchtet war. Er bekennt selber: "Leicht war die Zusammenarbeit mit mir nicht."

Alles hat er ertragen, was die Deutschen ihm, seiner Familie, seinem Volk angetan haben. Und doch blieb er den Deutschen gegenüber wohlgesonnen, und das, so lernt und versteht man in diesem Buch, einzig aus tiefer Liebe zur deutschen Literatur: "Ohne Liebe zur Literatur gibt es keine Kritik." Und nur der quält sich, der sich wichtig nimmt. Dabei ist er selber wohl so, wie er über Schriftsteller urteilt: "Ich habe noch nie einen Schriftsteller kennengelernt, der nicht eitel und egozentrisch gewesen wäre, es sei denn, es war ein besonders schlechter Autor."

"Ohne Eitelkeit gibt es kein Schreiben. Egal, ob Autor oder Kritiker - Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts. Thomas Mann war wahnsinnig eitel, Richard Wagner auch, und Goethe und natürlich Schiller."

Dass Literatur einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leisten kann, daran hat MRR Zweifel. Schriftsteller können seiner Meinung nach nichts ändern. "Nein, an eine nennenswerte pädagogische Funktion der Literatur habe ich nie ernsthaft gedacht." Und auch die von ihm geliebten Großschriftsteller Mann, Proust, Kafka "dachten sie nicht im entferntesten daran, mit ihrer Prosa die Welt zu verändern."

Er erinnert an eine Aussage von Thomas Mann, "daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten."

Hilfreich auch seine Ausführungen über die unterschiedliche Rezeption von literarischen Werken in verschiedenen Altersphasen:

"Muß alt werden, um den "Lear" zu begreifen, zu bewundern? Muß man jung sein, um sich für "Romeo und Julia" zu begeistern?" (...) "Ähnlich erging es mir mit einem (...) Roman von Hesse, dem "Steppenwolf". Ich habe ihn, nicht ganz freiwillig, dreimal gelesen: In den dreißiger Jahren war ich entzückt, in den fünfziger Jahren enttäuscht und in den sechziger Jahren entsetzt!"

Und was genau hat MRR an der Literatur so fasziniert?

"Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet. Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen."
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am 2. November 2005
Lange Zeit hatte ich enorme Vorurteile gegenüber Herrn Reich-Ranicki. Das Bild von ihm, mit dem ich aufgewachsen bin, war äußerst unangenehm: Kurze Ausschnitte, in denen er nur meckert, schimpft, jammert und spuckt.
Dann, endlich, ein Lichtblick: Ich sah eine Sendung mit ihm, in der er mich sehr beeindruckt hat. Er war sehr viel positiver, als das früher immer wirkte, seine Kritik war gezielt, seine allgemeinen Aussagen über das Leben klug und gewitzt statt arrogant und einseitig.
Nun wollte ich mehr wissen. Und ich wurde fündig. Die Autobiografie ist beeindruckend, zeitweise - ob der Ereignisse - natürlich verstörend, aber auch rührend, sie ist symphatisch, aber nicht frei von Selbstkritik, und vor allem zeugt sie wirklich von einer Liebe zur Literatur, die einfach ansteckend ist.
Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen: Literaturliebhabern wie Literaturbanausen, Reich-Ranicki-Fans wie Reich-Ranicki-Hassern - es wird jedem ganz neue Perspektiven eröffnen.
Nur schade, dass Autobiografien nur äußerst selten fortgesetzt werden. Einzige Kritik: Das Wörtchen "zumal" kommt mir ein bisschen zu oft vor ;)
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am 9. Juni 2005
Tja, was soll man sagen? Nachdem das Buch nun einige Monate in meinem Regal gestanden hat, war für mich der kürzlich zelebrierte Geburstag unseres Literaturpapstes Anlass genug um „Mein Leben" zu lesen.
Die beiden ersten Teile des Buches, also die Jahre 1920 bis 1944 werden am ausführlichsten beschrieben. Man kann also von Beginn an das Buch nur schwer zur Seite legen, zu interessant ist seine Kindheit, zu erschütternd seine Jugend in einem Warschauer Getto. Früh kommt der Autor mit, vornehmlich deutscher, Literatur und dem Theater in Berührung, schon hier werden also die bis heute währenden Leidenschaften geweckt. Auch im Getto ist es die Kunst die Reich-Ranicki das schwere Schicksal zumindest für Stunden versüsst. Aber nicht nur sein Schicksal beschreibt er hier ausführlich, viele Einzelschicksale von Freunden und Verwandten werden ebenfalls beleuchtet. Wirklich ergreifend.
Aus den folgenden Jahre werden dann mehr oder weniger immer verschieden Episoden erzählt. Seine Entscheidnung wieder in die Bundesrepublik zu kommen, sein, seit Kindheitstagen währender, Wunsch Kritiker zu werden, seine polit. Vergangenheit beim polnischen Geheimdienst, seine Anfänge in Zeitungen und Rundfunk und, für mich überaus interessant, seine persönlichen Begegnungen mit diversen Autoren wie Grass, Brecht, Seghers, Kästner, Canetti, Koeppen, Böll, Lenz u.a., die jedem Leser, vor allem Freunden der modernen deutschsprachigen Klassiker, mal die andere Seite der „grossen Schriftsteller" aufzeigen. Aber Vorsicht! Man scheint als Leser danach doch geradezu entmysthifiziert.
Marcel Reich-Ranicki hat in diesem Buch, auch sich selbst gegenüber, mit Ehrlichkeit nicht gespart. Viele Fehler und Fehltritte, viele Sachen die er dem einen oder anderen noch gesagt oder vielleicht auch lieber nicht gesagt hätte, kommen hier zur Sprache. Und dann vor allem noch diese kleinen, versteckten Anspielung an grosse Werke bzw. Zitate aus grossen Werken, das alles macht „Mein Leben" zu einem Lesegenuss allerhöchster Klasse!
Ein grandioses Buch über ein jüdisches Schicksal im Dritten Reich, über den Traum eines kleinen Jungen, ein Panorama der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts und, nicht zu vergessen, eine grosse Liebesgeschichte! Wem das nicht reicht...
Ein Buch was in jeder Schule gelesen werden sollte. In Geschichte, in Politik und in Deutsch 
Meine schon immer positive Meinung über M. R. R. ist nach dieser Lektüre noch positiver geworden, weil Marcel Reich-Ranicki für mich eine Person ist, die den allerhöchsten Respekt verdient. Trotz des schweren Schicksals hat er es nicht eine Minute bereut, zurück nach Deutschland gekommen zu sein, eben weil er nicht nur an das „Dritte Reich" dabei gedacht hat und denkt, sondern weil er an Mann, Kleist, Goethe, Schiller uvm gedacht hat. Er, der Intellektuelle, hat also auf diesem Wege seinen inneren Frieden gefunden. Ein Beispiel für viele! Hut ab! LESEN!!
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am 28. März 2001
Es gibt kaum ein Buch, von dem ich so fasziniert und überwältigt bin. Man hat angefangen zu lesen und kann es kaum mehr aus der Hand legen. Das Leben im Getto, den vielen Anfeindungen denen Ranicki ausgesetzt war und auch noch ist, hat mich zutiefst berührt. Aber er ist nie von seiner Richtung abgewichen. Gratulation. Schwer beeindruckt haben mich die vielen, vielen Begegnungen mit Dichtern und Schriftstellern. Beim Lesen dieses Buches wird man richtig süchtig nach Literatur. Man merkt in jedem Satz wie sehr Ranicki die Literatur liebt. Grossartig!!! Sein letzter Satz in diesem wunderbaren Buch "ein Wort von Hofmannsthal" hat mir Tränen in die Augen getrieben. Diese Autobiographie regt mich an, das ganze nochmals zu lesen.
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am 18. März 2006
Zum richtigen Verständnis dieser Rezension muß ich vorausschicken, dass ich Marcel Reich-Ranicki ausgesprochen unsympatisch fand. Diese Beurteilung gründet sich allein auf seine sattsam bekannten Fernsehauftritte, überwiegend jene im Literarischen Quartett. Um so neugieriger war ich darauf, was und wie ein Mann selbst schreiben würde, der andere Autoren gnadenlos zu kritisieren bereit ist und dabei auch vor Polemik nicht zurückschreckt.
Nach der Lektüre dieser seiner Autobiographie bin ich durchaus milder gegen ihn gestimmt. Nicht weil ich plötzlich richtig finde, was ich gerade noch abstoßend empfand, sondern weil ich einiges zu verstehen glaube, was er äußerte und wie er ist. Er prägte diesen vielsagenden Begriff der Unzugehörigkeit, die er zeitlebens verspürt habe. Ein Mensch, der nicht recht hineinpaßt in die Umgebung, in die man ihn nun einmal stellte. Vielleicht, weil ich selbst etwas ähnliches kenne und dieses Wort als ein Erklärungsversuch für manch seltsamen Gemütszustand einen gewissen Trost spendet, wurde meiner Ablehnung dieses Mitmenschen ein wenig die Schärfe genommen.
Eine Erkenntnis, die er selbst als bedeutend bezeichnet, ist die, dass Literatur unterhalten sollte. Er hält sich daran; nicht nur als Kritiker, sondern auch als Autor. Dieses Buch ist Unterhaltung auf hohem sprachlichen Niveau. Er schreibt weitgehend so, wie er spricht, nur weitaus sanfter als im spontanen Gespräch. Daneben ist diese Biographie ein aufschlussreiches Stück Geschichtsschreibung aus der Sicht eines in vielerlei Hinsicht Betroffenen, aber für mich überraschend wenig Verbitterten.
Alles in allem hatte ich durch die Lektüre wirklichen Gewinn und kann dieses Buch deshalb sehr empfehlen.
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Manch einer mag mich verteufeln, vielleicht auch Marcel Reich-Ranicki selbst, dass ich ihn auf eine Stufe mit den großen klassischen Denkern Deutschlands stelle, an sich sogar noch eine ganze Stufe darüber, denn er hat es geschafft, die manchmal etwas ungreifbaren Inhalte der Klassiker für Generationen greifbar, lesens- und lohnenswert darzustellen. Das ist eine Kunst für sich, bis dato unerreicht und es wird sicherlich eine Zeit lang dauern, bis jemand die Lücke, die der Kult-Kritiker hinterließ, füllen kann.
Um so mehr lohnt es sich, einen Blick auf seine Autobiografie zu werfen, die seinen Werdegang in Buch und Ton einfach bewegend zeigt. Gegenüber der Druckfassung ist die vorliegende Hörbuchausgabe leider extrem gekürzt, was man allerdings verzeiht, da der Autor selbst liest und es könnte wohl kaum einer die Atmosphäre dieser Biografie besser transportieren. Ohne Schmalz, ohne Pathos und mit einer riesigen Prise Authentizität ist dieses Hörbuch von vorne bis hinten ein Vergnügen, wer also ein Faible für den Literaturpapst hat, der greife unbedacht zu!
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