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Kundenrezensionen

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"Kaum jemand traut sich, aus der Reihe zu treten und zu sagen: Unsere politische Kultur ist nicht ideal, nicht perfekt und nicht vollkommen, aber die beste, die wir je hatten und um Lichtjahre besser als die politischen Kulturen in den Ländern, aus denen die Migranten kommen. So etwas zu sagen, käme einem Super-Gau gleich, eher könnte es passieren, dass Verona Pooth zur Intendantin der Bayreuther Festspiele ernannt wird. Aber: So viel Intoleranz muss sein, der Klarheit zuliebe" (188).

Henryk Broder war schon immer der Typ, der bei der Wahl der rhetorischen Waffen eher zur Bazooka als zum Florett gegriffen hat. So war es bei seinem 2006 erschienenen Buch Hurra, wir kapitulieren!: Von der Lust am Einknicken, in dem er die westliche Wertegemeinschaft dazu aufrief, den Islam endlich als Bedrohung wahrzunehmen und ihn nicht weiter zu verharmlosen. Sein neues Buch "Kritik der reinen Toleranz" knüpft hier nahtlos an. Broder stellt fest, dass der gesellschaftlich-politische Diskurs in Europa von einer geradezu neurotischen Sucht nach einer Toleranz geprägt sei, die nicht normativ gebunden ist und für sich allein stehend als Kardinaltugend fungiert. Seine Hauptattacken gelten weiterhin dem Islam und dessen politische korrekten Apologeten, die bereit sind, Ehrenmorde, Selbstmordattentate und gewaltsame Proteste gegen Karikaturen des Propheten mit dem Hinweis auf die imperiale Arroganz des Westens zu relativieren: "Der Westen ist kulturell in der Defensive, was ihm an Tatkraft fehlt, macht er durch Toleranz wett, während die Migranten, die als benachteiligt gelten, ein gesundes Selbstbewusstsein vorleben, um das man sie nur beneiden kann, und das nicht nur, wenn es um die Größe der Moscheen und die Höhe der Minarette geht, die gebaut werden sollen" (199f.).

Zur Höchstform läuft Broder auf, wenn er die Vertreter des Gutmenschentums mit Hohn, Spott und einer gehörigen Dosis Sarkasmus überzieht. Über zwei Wissenschaftlerinnen, die behaupten, dass "die Entblößung des weiblichen Körpers" (168) nicht viel schlimmer sei als "die Verhüllung des weiblichen Körpers in der islamischen Kultur" (ebd.), bemerkt er süffisant: "Man kann keinen Akademiker dazu zwingen, täglich mindestens eine Tageszeitung zu lesen, man muss ihn nur daran hindern, seine eigenen Wahrnehmungsstörungen als wissenschaftliche Erkenntnis auszugeben" (169). Vor Zynismus noch triefender sind Broders Breitseiten gegen die esoterische angehauchten Kulturrelativisten im Allgemeinen: "Sie besuchen Meditationskurse, trainieren Kung Fu, richten ihre Wohnungen nach den Regeln des Feng Shui ein [...] und wenn sie am späten Abend nicht zu müde sind, weil sie den ganzen Tag Krombacher Pils gesoffen haben, um den brasilianischen Regenwald zu retten, dann schauen sie sich auf arte noch einen ausländischen Film in der Originalfassung an" (118). Na dann mal Prost...

Mit seiner heftigen und teils verletzenden Polemik trifft Broder aber genau den Kern der Sache. Es ist schwachsinnig, einfach nur mehr Toleranz zu fordern. Toleranz ist ein wertfreier Begriff und an keine positiven Werte und Normen gebunden. Für wen oder was soll diese allumfassende Toleranz denn gelten? Für Neo-Nazis, die im Suff Ausländer in der ostdeutschen Provinz zu Tode hetzen? Für Pädophile? Für Steinigungen von Frauen, die vergewaltigt wurden und somit Ehebruch begangen haben? Für Länder wie den Iran, in denen Schwule gehängt werden? Toleranz muss normativ gebunden sein und diese Bindung erfolgt bei uns durch die unveränderlichen ersten 20 Artikel des Grundgesetzes. Alle, die bei Broders Attacken gegen zu viel Toleranz die Nase rümpfen und ihm unter anderem Ausländerfeindlichkeit attestieren wollen, sollten zur Kenntnis nehmen, was Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, der 1948/9 für die SPD im Parlamentarischen Rat saß, gesagt hat: "Wir müssen den Mut zur Intoleranz denjenigen gegenüber haben, die die Mittel der Demokratie benutzen wollen, um diese zu beseitigen." Dieses Credo der wehrhaften Demokratie, welches auf die Erfahrungen der Weimarer Republik gemünzt war, muss wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung gelangen, bevor es zu spät ist. Wertfreie Toleranz ist ein Verbrechen gegen unser freiheitlich-demokratisches Gesellschaftsmodell, welches sich, bei aller Schwäche, als das Beste erwiesen hat, was jemals von einer Gemeinschaft von Menschen ausprobiert wurde. Oder in den Worten Broders: "Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche - und Intoleranz für ein Gebot der Stunde" (201).

Fazit: Broder ist hart und kompromisslos und stellt viele Dinge sicherlich vereinfacht dar. Dennoch ist "Kritik der reinen Toleranz" ein sehr wichtiger und uneingeschränkt zu empfehlender Beitrag in der derzeitigen Diskussion um die Grenzen der Toleranz und der Frage, wie sich der Westen als Wertegemeinschaft definieren soll. Etwas störend ist es, dass verschiedene Aspekte (die Regensburger Rede des Papstes; der Erzbischof von Canterbury, der Teile der Scharia in England einführen will) gleich mehrfach erwähnt werden, so dass man zu dem Schluss kommen kann, dass Broder das Buch nicht aus einem Guss geschrieben hat, sondern, zumindestens zum Teil, verschiedene seiner Artikel aus Tageszeitungen und Magazinen zu Buchkapiteln erweitert hat. Da Broder aber den Kern der Sache trifft und sein Schreibstil einfach einmalig ist, sind die fünf Sterne trotzdem zu rechtfertigen.
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am 25. August 2013
Henryk M. Broder schreibt über das Endstadium der Verfälschung eines ursprünglich positiven Begriffs. Zur Erinnerung: Die Geschichte des Toleranzbegriffs ist durch eine ständige Erweiterung gekennzeichnet: Locke duldete keine Atheisten, Katholiken nur eingeschränkt. Voltaire duldete alle Konfessionen. Lessing duldete alle Religionen. Im 17./18. Jahrhundert wurde der Begriff auch auf Bereiche außerhalb der Religion ausgeweitet (Voltaire) und verschärft: man solle nicht nur dulden, sondern auch billigen (Goethe). Durch J. S. Mills Eintreten für die Freiheit des einzelnen wurde der Toleranzbegriff nicht mehr nur auf Gruppen, sondern auch auf einzelne bzw. das Verhältnis zwischen Gruppen und einzelnen angewandt. Schließlich verlor der Begriff der Toleranz seine Bedeutung in dem Sinn, daß man noch sagen könnte, was darunter zu verstehen ist. Sogar das Grundrecht der Gleichheit wurde als Toleranz bezeichnet.

Broder demonstriert nun, daß Toleranz in einer Gesellschaft, die Gut und Böse, Wahr und Falsch nicht mehr auseinanderhalten kann, zur Totschlagkeule wird. Wer meint, alles tolerieren zu müssen, öffnet Lügen und Verbrechen Tür und Tor.
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am 20. September 2008
Das neue Buch von Henryk M. Broder ist die direkte und konsequente Fortsetzung seines vor zwei Jahren erschienenen Buches "Hurra, wir kapitulieren", in der er die Frage aufgeworfen hatte, ob die westliche Welt vor dem Siegeszug des Islam nicht schon längst kapituliert habe.

Auch im vorliegenden Buch benennt er zahlreiche Beispiele, nicht nur aus Deutschland, wo Politiker, Journalisten , Künstler und Intellektuelle angeblich aus Toleranz ihre eigenen Werte verraten und verkaufen und sich in einer Art Appeasementpolitik auf eine Art und Weise anbiedern, die einen erschüttert, wenn man noch seine fünf Sinne beisammen hat. Broder sagt auch im neuen Buch, dass dies aus einer tiefwurzelnden Angst entspringe und der Westen bereit sei alles aufzugeben, wofür er jemals gekämpft hat und eingetreten ist. War es damals vor allem das um die Welt gehenden Beispiel der Reaktion des Westens auf die Mohammed-Karikaturen, so befasst sich Broder im neuen Buch unter anderem mit den öffentlichen Reaktionen auf die zunehmenden Gewaltexzesse von Jugendlichen mit hauptsächlich islamischem "Migrationshintergrund" von Journalisten, Politikern und vor allem den mit diesen Fällen befassten Gerichten.

Auch die bigotte und heuchlerische Haltung gegenüber Israel greift er wieder auf:
"Das Toleranz-Prinzip, das sich im aufgeklärten Westen durchgesetzt hat", gegen das Broder tapfer versucht zu argumentieren durch sein ganzes Buch, basiert auf einer Verbindung von selektiver Wahrnehmung mit der Angst um das eigene Wohlergehen. Drei bis vier Millionen Tote im Kongo, eine Horror-Regime in Burma und eine Gang in Simbabwe, die das eigene Land im Namen des Antiimperialismus ruiniert, werden übersehen, weil man sich auf die 'humanitäre Katastrophe' in Gaza konzentrieren muss. Dabei spielt es keine Rolle, dass es sich um das höchstsubventionierte Gebiet der Welt handelt, das von einer ,Regierung' regiert wird, die sich um alles kümmert, außer um die Versorgung der Bevölkerung, die sie den UN-Agenturen und den zahllosen NGOs überlässt. Es spielt keine Rolle, dass die Sturmtruppen der Hamas so aussehen, als wären sie soeben mit dem Feinsten und Besten ausgestattet worden, das der Markt modebewussten Gotteskriegern anzubieten hat. Der tolerante Durchschnittsdeutsche, der sich in seinem Viertel nicht mehr auf die Straße traut, wenn sein Fahrrad, das er abzuschließen vergaß, geklaut wurde, solidarisiert sich mit den notleidenden Menschen in Gaza und macht Israel für deren Schicksal verantwortlich, während er die Hamasraketen auf israelischen Städte als 'selbstgebaut' beschreibt, um deren Harmlosigkeit zu unterstreichen."

Broders Buch ist köstlich zu lesen, doch all die Problemanzeigen, die er nicht müde wird, in die deutsche Öffentlichkeit zu streuen, sind tatsächlich beängstigend. Das, was ein großer Teil der ,aufgeklärten' Öffentlichkeit aus Gutmenschen, Friedensfreunden und Multikultis, aber auch Politiker ohne diese biographischen Hintergründe da an Anpassung betreibt, kann sich Broder nur so erklären:
"Toleranz ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, ein Angebot an den Sieger von morgen: Ich verschone dich heute, bitte merke es dir gut und verschone mich, sobald du an der Macht bist".

Auch dieses Buch wird, so kann man prophezeien, für Diskussionen sorgen und die Leserschar spalten. Was nur ein Beweis wäre für seine Thesen, dass es schon längst nicht mehr um reine 'political correctness' geht, sondern um feiges Zurückweichen vor einer Religion und Kultur, die alles in Frage stellt , was in Europa über die letzten 200 Jahren aufgebaut worden ist.
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am 16. Februar 2015
Henryk M. Broder wird hier seinem Ruf als alter Zyniker mehr als gerecht. Meistens stimmt es aber, was er in diesem Buch beschreibt, und uns allen stünde ein bisschen mehr Zivilcourage wohl an, zwischen echter Toleranz und feiger Duldung aktiv zu unterscheiden!
Es ist zwar total "in", tolerant zu sein, aber wie er immer wieder punktgenau aufzeigt, muss Toleranz auf Gegenseitigkeit beruhen, und da gibt es auf Seiten derjenigen, die von unserer Toleranz profitieren, leider noch große Defizite...
Sehr gut geschrieben, wichtig für alle, die selbst denken.
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So lautet eine der zentralen Thesen dieses faktenreichen Buches: Für Broder ist Intoleranz ein Gebot der Stunde - Intoleranz gegenüber jenen, die Toleranz verlangen, sie in ihren Familien etc. nicht ausüben, die diese Toleranz aber, sollten sie Macht erlangen, natürlich sofort abschaffen würden.
Hauptfeind ist für Broder ein Islam, der im Gegensatz zu Christen- und Judentum nie eine Aufklärung mitgemacht habe, in dem es nie eine Reformation oder Revolution gab. Nach der Blütezeit der maurischen Kultur in Spanien etwa zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert ging es mit der islamischen Kultur (bis heute) nur mehr bergab. Heute werden zB jährlich 1500 Bücher in das Griechische übersetzt (bei 11 Millionen Griechisch Sprechenden), aber nur 330 Bücher ins Arabische (bei fast 300 Millionen Arabisch Sprechenden).
Den Hauptteil des Buches macht natürlich die Situation in Deuschland aus: "Ehrenmorde"; der hohe Anteil von jugendlichen Migranten bei Gewalt- und Intensivtätern in Berlin (bis zu 80%); die Tatsache, dass die Moslemverbände die Fürsorge für ihre Jugendlichen der Gesellschaft überlassen haben (und noch viele weitere Beispiele) lassen Broder zum Schluss kommen, dass zwar Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt werde - aber: "In Neukölln hat man sie schon aufgegeben."
Broders Buch ist natürlich polemisch, manchmal zynisch, aber brillant geschrieben. Nur: Man wird Broders Schlüssen in weiten Bereichen (leider) zustimmen müssen - und man kann nur hoffen, dass möglichst viele durch das Buch aufgerüttelt werden!
Und als Österreicher braucht man sich dann nicht zu wundern, warum bei der Wahl vom 28.9. 2008 so viele junge Menschen für die beiden Rechtsparteien FPÖ und BZÖ gestimmt haben...
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am 13. November 2008
Angeblich bemitleidenswürdige Messerstecher, nachsichtige Richter, dialogführende Psychologen, drohende und mordende gegenwärtige Staatschefs, von der medialen Vordenker-Elite liebevoll mit Aufmerksamkeit bedacht und mit Lob, Ehre und Ruhm zugeschüttet: Damit lohnt sich allemal eine literarische Auseinandersetzung. Toleranz ist das Leitwort schlechthin; hier die verletzten und gekränkten Gläubigen, die gar nicht anders können als Botschaften abzufackeln, um ihre Ehre zu retten, dort die kleinlauten und ewig bussfertigen Relativisten des Abendlandes, die den Dialog der Kulturen als therapeutisches Selbstgespräch inszenieren und dabei die orientalischen Einwanderer als neues Proletariat entdeckt haben, die nun ihr volles Engagement erfordern. Organisiertes Beleidigtsein, verbunden mit Drohungen und vor allem die Angst vor ihrer hemmungslosen Kraft erweist sich als todsicheres Rezept für Verständnis und Unterwürfigkeit. Darin offenbart sich ein Geisteszustand des Westens, der sich immer weiter islamischen Interessen beugt. Während einst die Mord-Fatwa gegen Rushdie noch Empörung auslöste, so steht heute angeblich rassistische Islamskepsis im Fokus jener, die ihre Wunschphantasien der harten Realität vorziehen.

Broder behandelt diese Damen und Herren nur am Rande. Scheinheiligkeit ist schliesslich kein (christliches) Kirchenmonopol. Die Welt, in der uns das Kaffeekränzchen mit Terroristen und das mahnende Erheben des Zeigefingers für jugendliche Schläger als Lösung aller Gewaltprobleme empfohlen werden, unterzieht er schärfster Analyse über all jene, die immer noch meinen und gerne glauben, der politische Islam sei ein Friedensengel. Er schätzt deutliche Worte und harte Polemik, wenn er austeilt, vornehmlich gegen Radikale aller Art, selbstgefällige Gutmenschen, Kerzenhalter und Appeaser. Broder bleibt in diesem gehobenen politischen Kabarett in Buchform in jedem Fall der argumentative Sieger. Humorvoll und trotzdem hoch politisch führt er den Leser in die Abgründe der naiven und von unterschwelligen Drohungen genötigten Seelen, die ihr Entgegenkommen als menschenfreundlich empfinden, angereichert mit viel beissendem Spott und spitzfindigen Vokabular. Man könnte auch mal darüber nachdenken, ob man die Polizei nicht abschaffen sollte, um die Kriminalität effektiver zu bekämpfen" zieht Broder als Fazit.
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am 6. April 2013
"Toleranz ist ein Mittel, der Wirklichkeit zu entkommen und sich dabei moralisch überlegen zu fühlen." schreibt Broder an einer Stelle. Die Angst davor als nicht tolerant wahrgenommen zu werden lässt manchen politischen Bürger und Journalisten bisweilen seltsame Verrenkungen unternehmen um den moralisch Minderwertigen kraft Toleranz aufzuwerten. Der Gutmensch würde an dieser Stelle nun wohl einwenden, dass es keine minderwertige Moral gibt und alles nur eine Sache des jeweiligen Verständnisses von Moral ist. Nur weil jemand anders ist, darf dies doch nicht bedeuten, dass sein Verständnis von Recht und Moral nicht weniger Gewicht hat als unser eigenes. Im Zweifelsfall ist es halt die Gesellschaft - sprich wir - welche die Verantwortung für die Missetaten von Selbstmordattentätern, Ehrenmördern und gewaltverbreitenden Jugendlichen tragen. Das entlastet den Täter, und lässt das Opfer im Regen stehen (mir ist kein Opfer bekannt, das die Gesellschaft und nicht den Täter für seine Verletzungen verantwortlich macht). Uns erspart die Toleranz die Auseinandersetzung mit der eigenen Position. Letztlich geben wir uns unverbindlich, da wir die Auseinandersetzung scheuen. Diese moralische Indifferenz ist nicht neu. Letztlich trug sie auch dazu bei, dass der Nationalsozialismus erstaunlich wenig Mühe hatte die Gesellschaft gleichzuschalten. Wer die moralisch unhaltbaren Positionen der Nazis hinterfragte war ein Spielverderber, ein Unangepasster.
In Abwandlung von Goethes Mephisto gilt für das Juste Milieu der Bundesrepublik, dass es zum Teil von einer Kraft geworden ist, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Maxime dieser Haltung ist der Frieden um jeden Preis. Broder bringt es auf einen Punkt, wenn er schreibt, dass die einfachste Art den Frieden zu erreichen darin besteht, dass man sich unterwirft. Freiheit muss stets erkämpft werden. Aber damit bekommt sie für viele schon wieder etwas Zweifelhaftes. Da zeigt sich dann, dass Toleranz auch eine Münze ohne Gewicht sein kann.
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am 13. Juli 2009
Henryk M. Broder spricht mir in vielen Punkten aus der Seele.
Schon seit langem drängt sich mir der Verdacht auf, daß in dieser
Gesellschaft Toleranz in erster Linie den Rücksichtslosen
oder gar Gewalttätigen zugute kommt. Wenn jemand sich rücksichtslos
benimmt (beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln herumpöbelt),
muß er oft keine Zurechtweisung oder Strafe befürchten. Er verläßt sich
auf das Recht zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit, die Angst
der Mitmenschen, Opfer einer Gewalttat zu werden, sollten sie es wagen,
sich zu beschweren, und letztendlich auf die Milde des Rechtsstaates.
Gab es einmal eine Zeit, in der der gesellschaftliche Druck gegen
Fehlverhalten größer war und Rücksichtslosigkeit oder Verwahrlosung
nicht akzeptiert wurden? Führte das dazu, daß der einzelne Mensch
freier (insbesondere angstfreier) leben konnte? Diese Frage ist ebenso
schwierig wie gefährlich. Natürlich will niemand zum autoritären
Stil alter Zeiten zurück. Heute jedoch befinden wir uns auf einem
gefährlichen Weg: Der Toleranz der Schwäche. Wer sich rücksichtslos
verhält, den läßt man gewähren; wer sich darüber beschwert, den
beschuldigt man der Spießigkeit, Intoleranz oder (immer sehr
treffsicher) Ewiggestrigkeit.
Broders Buch mißfällt mir nur in einem Punkt: Es hat eine antiislamische
Schlagseite. Ich bestreite nicht, daß die islamische Kultur keine Phase
durchschritten hat, die mit der europäischen Aufklärung vergleichbar
wäre. Die Intoleranz derjenigen, die für sich selbst Toleranz fordern,
ist offensichtlich. Dennoch glaube ich, daß es viele Moslems gibt, die
anders denken. Wir dürfen sie nicht in die Hände derjenigen treiben,
die glauben, daß an ihrem Wesen die Welt genesen muß. Diesen muß man
entschlossen entgegentreten, ohne die andere Weltanschauung grundsätzlich
abzulehnen.
Toleranz der Stärke ist für mich der Satz von Voltaire: "Ihre Meinung
ist das genaue Gegenteil meiner Meinung, aber ich würde mein Leben
dafür geben, daß Sie sie sagen dürfen."
Toleranz der Schwäche ist permanentes Nachgeben. Ich hoffe, daß wir
begreifen, daß wir Stärke brauchen. Die Geschichte hat gezeigt, daß
sich oft die roheren, scheinbar weniger zivilisierten, dafür aber umso
entschlosseneren Kräfte durchgesetzt haben: Das Ende des römischen
Reiches ist ein Lehrstück dafür. Wir dürfen nicht Opfer derselben
Dekadenz werden.
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am 9. Dezember 2015
Eine aufgeklärte Sicht zu den aktuellen Ereignissen. Die angesprochenen Ereignisse fielen mir nebenbei in den Medien auf, blieben jedoch unbeachtet oder gar als Alltagsnormalität. So weit hat uns das vermittelte Toleranzverständnis geführt. Blinde Toleristen! Machmal unsepariert und verallgemeinernd, jedoch aufklärend. Hoffe ein paar Politiker lesen dieses Buch.
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am 7. September 2008
Kritik der reinen Toleranz

Ein mitreißendes Buch, ein wichtiges Buch! Henryk M. Broder klagt an: Wichtige Leute aus Politik und Kultur, und er nennt sie beim Namen, zitiert ihre Sprüche, ihre Stellungnahmen, offizielle wie inoffizielle. Mit sicherem Gespür greift er haarsträubende Ereignisse heraus und schildert deren feige, tolerante Behandlung in der Öffentlichkeit und der Justiz.

Außerdem wird deutlich, zu welch perversen Einschätzungen und Urteilen man hier kommt, auf Grund eines verbreiteten, fanatischen anti-westlichen Ressentiments: Kopf-Absägen vor laufender Kamera, per Gesetz vollzogene Todessteinigungen unkeuscher Mädchen auf Fußballplätzen, öffentliches Hängen Homosexueller an Baukränen, bis zum Ermorden heiratsunwilliger Töchter bei uns, das alles wird in unseren Medien, wie der Autor belegt, herunter gespielt, umgedeutet oder verschwiegen. Wofür Ahmadineschad Allah dankt, ihre Feinde zu Idioten gemacht zu haben.

So kompakt aneinander gereiht, mit Broderschem Humor versehen, ergeben die geschilderten Fälle - ein buntes Kaleidoskop aus dem linken, rechten, islamischen und unpolitischen Milieu - ein mitunter amüsantes, aber doch vorwiegend erschreckendes Bild: Das einer Gesellschaft, die sich aufgegeben hat infolge missverstandener Toleranz, auf die sie auch noch stolz ist.

An Hand seiner Beispiele analysiert der Autor, wie der an sich wertneutrale Begriff der Toleranz erst aus dem jeweiligen Kontext seine ethische Färbung erhält. Trotz der ernsten Thematik bleibt dieses schwungvoll geschriebene Buch leicht lesbar und spannend bis zum Ende.

Henryk M. Broder versucht aufzurütteln; man sollte ihm dankbar sein, für seine unbeirrbare Ehrlichkeit, seine Beharrlichkeit und nicht zuletzt: Für seinen Mut! Er hält den Kopf hin, dort, wo wir ihn bereits einziehen.
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