Kundenrezensionen

8
4,8 von 5 Sternen
5 Sterne
6
4 Sterne
2
3 Sterne
0
2 Sterne
0
1 Stern
0
"Davon haben wir nichts gewusst!"
Format: BroschiertÄndern
Preis:14,99 €+Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime

Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel

Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Mai 2006
Mit seinem Buch "Davon haben wir nichts gewusst!" (Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945) nimmt sich Peter Longerich eines nach wie vor umstrittenen wie bereits vielfach diskutierten Themas an. Seine Vorgehensweise, die ich für sehr lobenswert und übersichtlich halte, besteht darin, nicht nur bereits bekannte Quellen aufzugreifen, sondern diese auch mit neuen beziehungsweise bisher nicht beachteten Quellen zu kombinieren sowie auch von anderen Autoren verfasste Analysen zum Thema in Augenschein zu nehmen und auszuwerten, um ein möglichst differenziertes Ergebnis abzuliefern. Er pauschalisiert dabei weder in die eine noch in die andere Richtung, behauptet also weder, niemand habe etwas gewusst, noch, alle hätten etwas gewusst beziehungsweise ein detailliertes Wissen besessen.

Auch Gewichtigkeit, Glaubwürdigkeit sowie subjektive Einschlägigkeit der Quellen werden systematisch untersucht, erklärt und in die Gesamtauswertung einbezogen.

Im Vordergrund von Longerichs Untersuchungen stehen dabei vor allem die zeitgenössische deutsche Presse, sowohl der Partei als auch der nicht (direkt) der Partei unterstellten (zumindest bis zur Gleichschaltung der Presse), Berichte über die "Stimmung" in der Bevölkerung verschiedener Instanzen und die Tagebücher Goebbels. Des Weiteren werden, soweit vorhanden respektive von ergiebigem Wert, erhaltene Radiosendungen und private Schriften wie Briefe, Tagebucheinträge u.dgl. einbegriffen.

Alles in allem ein lesenswertes Buch, das ich nicht nur Historikern und allgemein Geschichtsinterssierten empfehlen kann!
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
43 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 21. November 2006
Nachdem nun auch die Zeitschrift "Damals" das vorliegende Buch auf Platz 2 ihrer wichtigsten historischen Neuerscheinungen für das Jahr 2006 im Bereich "Einzelstudie" gesetzt hat und ich in zahlreiche positive Rezensionen zu dem vorliegenden Werk gelesen hatte, wurde ich neugierig und habe mir das Buch besorgt. Um es kurz und knapp zu sagen: Mit Volker Ullrich von der "Zeit" ist festzustellen, dass Longerichs Studie das beste Buch zum Thema ist. Auf allerneuestem Forschungsstand - unter anderem den aktualisierten Goebbels-Tagebüchern, der Auswertung von Beständen des Moskauer Sonderarchivs und zahreicher Zeitungen und Zeitschriften entwirft der Autor eine faszinierend zu lesende Darstellung der "Öffentlichkeitsarbeit" des "Dritten Reiches" zum Thema Judenverfolgung und -vernichtung. Der Autor, Experte auf diesem Gebiet, Direktor des Research Centre for the Holocaust und Twentieth-Century History am Royal Holloway College der Universität London, bilanziert anhand früherer Veröffentlichungen zum Thema - von Marliese Steinert bis zu Schriften von Kershaw und Kulka/Jäckl - den Forschungsstand zum Thema. Bereits hier stellt er fest, dass es zum Thema "weit auseinader klaffende Befunde und relativ große Forschungslücken" (S. 19) gäbe. Dies liegt an unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen. Zum einen hat sich das zur Verfügung stehende empirische Material mit der Zeit erweitert. Außerdem muss ganz klar festgestellt werden, dass die Meinungsäußerung in einer totalitären Diktatur eben nicht mit demoskopischen Befunden einer freiheitlichen Demokratie verwechselt werden darf. Es muss unterschieden werden zwischen dem, was die Leute dachten und was sie sagten. Außerdem muss beachtet werden, dass es das Propagandaministerium von Goebbels war, dass die Befragungen durchführte. Dessen Interessen - seine Arbeit sollte nicht als "nutzlos" dargestellt werden - müssen ebenso beachtet werden wie die Interessen des Regimes als Ganzem. "Mir scheint, dass man in dieser kritischen Sichtweise des Materials noch einen Schritt weitergehen sollte als Kershaw und andere Forrscher. Alle der hier vorgestellten autoren gehen nämlich von der Annahme aus, dass es auch unter dem NS-Regime so etwas wie eine "öffentliche Meinung", eine "Volksmeinung"...gegeben habe, dass also auch unter den Bedingungen der Diktatur umfassende kollektive Meinungsbildungsprozesse vonstatten gingen. Tatsächlich wisen wir aber viel zu wenig darüber, wie sich überhaupt kollektive Stimmungen, Meinungen und Einstellungen unter der Diktatur bildeten." (S. 20/21). Diese methodischen Schwierigkeiten beleuchtet Longerich daher zunächst in einem eigenständigen Einleitungskapitel, welches sich mit diesen Fragen beschäftigt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass es unter den Bedingungen der NS-Diktatur eben keine "diskursiven Mechanismen für eine unabhängige Meinungsbildung und für die Konstituierung einer "öffentlichen Meinung" gegeben habe. Angesichts der primären Aufgabenstellung der "Stimmungsberichterstattung" verdienten jedoch solche Berichte besondere Aufmerksamkeit, in denen die Auswirkungen staatlicheer Maßnahmen und Propaganda übereinstimmend als negativ beschrieben worden seien. Ganz offensichtlich sei die Ausrichtung der Öffentlichkeit durch das Regime an nicht überwindbare Grenzen gestoßen. So sei die Einführung des "Judensterns" 1941 überwiegend von der Bevölkerung abgelehnt worden. Generell sei zu konstatieren, dass - wenn man den gesamten Zeitraum der NS-Diktatur überblicke, ein deutlicher Trend erkennbar werde: "Der Unwille der Bevölkerung, ihr Verhalten zur "Judenfrage" entsprechend den vom Regime verordneten Normen auszurichten, wuchsw, je radikaler die Verfolgung wurde" (S. 321). Das Regime habe im übrigen niemals die Judenverfolgung und -vernichtung geleugnet, sondern sie insbesondere zwischen 1941 - dem Angriff auf die Sowjetunion und dem Kriegseintritt der USA - und 1943 offen zugegeben habe. "Seit Mitte 1942 propagierte das Regime zunehmend - ein ungefähres Wissen um die "Endlösung" voraussetzend - und ganz offen, dass im Falle einer Niederlage in diesem Krieg die Juden den Deutschen das Gleiche zufügen würden, was diese ihnen angetan hatten. Ein unbestimmtes Gefühl, dass die "Judenfrage" mit dem Fortgang des Krieges und mmit der Frage des eigenen Überlebens verbunden sei, war offenbar weit verbreitet." (S. 325) Diese Botschaft des Regimes...sei von der Bevölkerung durchaus verstanden worden. Gleichzeitig habe sich die Bevölkerung mehrheitlich offenkundig gegen die Vorstellung einer kollektiven Haftung für die verübten Verbrechen gesperrt. "Je wahrscheinlicher diese Niederlage wurde, desto größer war das Bedürfnis, sich dem Wissen über das offensichtlich vor sich gehende Verbrechen zu entziehen und sich in ostentative Ahnungslosigkeit zu flüchten" (ebd.) Diese Tendenz habe sich 1943 noch verstärkt, als das Regime seine bisherige Propaganda abänderte. "Denn nachdem das Deutsche Reich in die Defensive geraten war, musste die Beschwörung der "jüdischen Weltverschwörung" als "Kitt" der heterogenen Feindkoalition vorhandene Ängste noch verschärfen....Hatte das Regime zwischen spätsommer 1941 und Frühjahr 1943 auf den deutlichen Unwillen der Bevölkerung in der "Judenfrage" mit verstärkter antisemitischer Propaganda reagiert und sich immer offener zur Vernichtung und Ausrottung der Juden bekannt, so wurde die "Dndlösung" ab Mitte 1943 mehr und mehr zum Un-Thema." In dieser von Angst - sowohl vor der "jüdischen Rache" als auch vor Erörterung der zum Tabu gewordenen "Endlösung" - erfüllten Atmosphäre der zweiten Kriegshälfte sei die Bevölkerung offenbar mehr oder weniger unwillig gewesen, sich weiterhin mit Details der "Judenfrage" zu befassen. "Damit hätte man sich eingestehen müssen, dass der Massenmord an den Juden ein Jahrhundertverbechen darstellte, dass sich wesentlich von den an anderen verfolgten Gruppen und unterjochten Völkern verübten Verbrechen unterschied. Zwischen Wissen und Unwissen gab es also eine breite Grauzone, gekennzeichnet durch Gerüchte und Halbwahrheiten..., Nicht-Wissen-WOllen und Nicht-Begreifen-Können. Die Tatsache, dass das Thema in den letzten beiden Kriegsjahren eine wesentliche geringere Rolle in der Propaganda des Regimes wie in der Deuschlandpropaganda der Alliierten spielte als im Zeitraum 1942 bis Mitte 1943, beförderte die Tendenz zur Verdrängung noch. Die einfachste und vorherrschende Haltung war daher sichtbar zur Schau getragene Indifferenz und Passivität gegenüber der "Judenfrage" - eine Einstellung, die nicht bis bloßem Desinteresse an der Verfolgung der Juden verwechselt werden darf [wie es etwa Kershaw bilanziert hatte, B.N.], sondern als Versuch gesehen werden muss, sich jeder Verantwortung für das Geschehen durch ostentaive Ahnungslosigkeit zu entziehen. Es scheint, als habe die nach Kriegsende zur stereotypen Floskel gewurdene Redewendung, man habe "davon" nichts gewußt, ihre Wurzeln in eben dieser Verweigerungshaltung der zweiten Kriegshälfte: in der Flucht in die Unwissenheit" (S. 324/25)

Dies sind die zentralen Thesen des Buches. Im Gegensatz zu Kershaw und Kulka wird die weitgehende Indifferenz der Bevölkerung gegenüber der Judenverfolgung und -vernichtung hier also nicht mit Gleichgültigkeit oder gar schweigender Zustimmung zu den Maßnahmen erklärt, sondern - in Anlehnung an eine Studie von David Bankier aus dem Jahre 1995 mit dem "Unwillen der Menschen, "ihre Beteiligung am Behen vno Unrecht zuzugeben... um als ageblich Unwissende gegen Vergeltung und Rache gefeit zu sein." (S. 16)

Insbesondere in der systematische Auswertung der in NS-Deutschland erschienenen Zeitungen, die erstaunliche Diskrepanzen aufzeigen, und der - oben erwähnten - umfangreichen Hinzuziehung neuer, bislang unbekannter Quellen aus dem Propagandaministerium von Goebbels, liegt der Wert der vorliegenden Studie.

Volker Ullrichs Fazit kann m.E. daher uneingeschränkt zugestimmt werden. Es handelt sich bei dieser Studie um den bislang besten und aktuellsten Forschungsbeitrag zu diesem Thema, der die Auszeichnung als eines der wichtigsten historischen Sachbücher des Jahres 2006 wie kaum ein anderes m.E. verdient hat. Unbedingt lesen!
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
am 21. Mai 2015
Wie kann es sein, dass der größte Teil der deutschen Bevölkerung nach Kriegsende 1945 behauptete, vom tatsächlichen Ausmaß der Judenverfolgung nichts gewusst zu haben? Das ist eine Frage, die unter Geschichtswissenschaftlern bis heute hitzig diskutiert, strittig erörtert, uneinig besprochen wird. Einerseits kann ein Verbrechen dieses Ausmaßes (bei dem es - nachweislich - viele Zeugen und Mitwisser geben musste) nicht gänzlich geheim gehalten worden sein. Andererseits war das Verbrechen so groß, dass es keinen weltgeschichtlichen Präzedenzfall gab (der bei der wissend-verstandesmäßigen Einordnung hätte helfen können), sodass sich Teilwissen und Gerüchte kaum zu einem umfassenden Bild verdichten konnten. Haben die Deutschen also wirklich nichts gewusst?

Die Frage ist so heikel, weil sie so vielschichtig ist. Und mit seinem Buch - "Davon haben wir nichts gewusst!" - bemüht sich Peter Longerich behutsam um Antworten. Longerich wird der diffizilen Vielschichtigkeit der Frage gerecht, indem er unaufgeregt, gewissenhaft und scharfsinnig nach historisch fundierten Lösungen sucht.

Longerichs Studie ist ein Musterbeispiel in Sachen Wissenschaftlichkeit und Transparenz. "Davon haben wir nichts gewusst!" liefert einen (einleitenden) Abriss des Forschungsstandes (sowie der Forschungsdebatte) zum zentralen Buch-Thema. Peter Longerich bewertet seine Quellen mit aller gebotenen (akademischen) Kritik. Hierbei benennt er mit Scharfsinn methodologische Schwierigkeiten, die allzu leicht übersehen werden können: Eine sogenannte "öffentliche Meinung" konnte sich unter der NS-Diktatur kaum (oder nur im Ansatz) entwickeln; in den NS-Stimmungsberichten wiedergegebene explizite Meinungsäußerungen einzelner deutscher Bürger sind mit gelehrter Skepsis zu bewerten. Mit Nachdruck (und mit Recht) weist Peter Longerich immer wieder darauf hin: Die Stimmungsberichte erfassen "nicht [...] eine autonom vor sich gehende Meinungsbildung" (S. 104) - sondern sie waren (als Teile des Propagandasystems) "an der Formierung einer künstlich hergestellten Öffentlichkeit [...] mit beteiligt" (S. 317).

Peter Longerichs Thesen und Ansichten sind verständlich und nachvollziehbar, weil sie wohldurchdacht und griffig formuliert sind. Longerichs Schreibstil ist erfrischend nüchtern, aber seine Formulierungen sind auch knackig-prägnant und ungestelzt. Wenn (in Stimmungsberichten oder privaten Äußerungen) Teilaspekte der Judenverfolgung kritisiert werden, nicht aber die Verfolgung per se (was mit erheblichen Risiken verbunden gewesen wäre), spricht Longerich von einer möglichen "'Tarnung' der Kritik" (S. 90). Spätestens ab 1941 gab es jedenfalls "recht deutliche Anzeichen dafür, dass die 'Lösung' der 'Judenfrage' zugleich das gewaltsame physische Ende der Juden bedeuten würde" (S. 189); und so waren "generelle Informationen über den Massenmord an den Juden weit verbreitet" (S. 240).

Die Verbreitung dieser Informationen führte zu verschiedenartigen politischen Impulsen und psychischen Tendenzen. Auf Seiten der Bevölkerung gab es "die Weigerung, sich einzugestehen, dass die Loyalität gegenüber der Führung des eigenen Landes einem verbrecherischen Regime galt" (S. 234). Das nationalsozialistische Regime versuchte (auf der anderen Seite) zumindest zeitweilig, "die deutsche Bevölkerung zu Zeugen und Mitwissern des Massenmordes an den Juden zu machen" (S. 325): Die Regierung hatte das Ziel, "die Kriegsanstrengungen [...] zum Plebiszit über die 'Endlösung der Judenfrage' zu machen" (S. 316). Konträre Meinungen wollte man nicht hören; kritische Stimmen durfte es nicht geben. Peter Longerich spricht - vielsagend - von einer "Stimmungserkundung mit dem Schlagring in der Tasche" (S. 292).

Longerich zeichnet ein schlüssiges, stimmiges Bild von der schrittweisen Intensivierung und Eskalation der antijüdischen NS-Politik. "Davon haben wir nichts gewusst!" ist eine gelungene Dokumentation - im wahrsten (und besten) Sinn des Worts. Denn mit beachtlichem Fleiß und unbestechlicher Akribie wertet Longerich zeitgeschichtliche Dokumente aus, liest zwischen den Propagandazeilen und dokumentiert seinen Befund zur (rekonstruierten) Stimmungslage und Wissensverbreitung. Damit gelingt Peter Longerich das, was jeder Historiker anstrebt: Der Leser beginnt zu ahnen, welche gedanklichen Verdrängungs- und Wissensströmungen gegeneinander gearbeitet haben könnten. Der Leser ahnt, wie landläufig behauptet werden konnte (und kann), man habe vom Holocaust-Ausmaß nichts gewusst. Der Leser versteht: Es gibt eine "Flucht in die Unwissenheit" (S. 328).
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
14 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. Oktober 2007
Mit großer Detailgenauigkeit, profunder Quellenkenntnis und gutem Schreibstil untersucht der Londoner Historiker Peter Longerich die Frage, wie die Deutsche Bevölkerung zur Judenverfolgungs stand und was sie tatsächlich gewusst hat. Longerich nutzt den aktuellsten Forschungsstand, vergleicht verschiedenste zeitgenössische Informationsquellen hinsichtlich ihrer Aussagequalität und bietet interessante Einblicke in die erstaunlich heterogene Berichtslage der eigentlich gleichgeschalteten Zeitungen des Dritten Reiches. Seine Erkenntnisse vergleicht Longerich schließlich mit denen früherer Veröffentlichungen zur gleichen Thematik und stößt auf einige deutliche Diskrepanzen.

Er kommt zu dem Schluss, dass es so etwas wie Volksmeinung im damaligen Deutschland nicht gab bzw. in einer brutalen Diktatur auch nicht geben konnte, von Meinungsforschung oder Demoskopie ganz zu schweigen.

Insgesamt lässt sich nach Longerich konstatieren, dass die antijüdische Propaganda nur in kleinen Bevölkerungsschichten tatsächlich Wirkung zeigte und dass der Unwille der Bevölkerung, ihr Verhalten in der sogenannten Judenfrage so radikal auszurichten wie vom Regime gewünscht nicht überwunden werden konnte. Erst als Goebbels jeden Kontakt der Deutschen mit den - schon länger durch den Judenstern stigmatisierten - Juden unter KZ-Strafe stellte gelang es den Machthabern, die Juden vollständig zu isolieren.
Umgekehrt ging die NS-Propaganda mit sich zunehmend verdüsternder Kriegslage phasenweise immer offener mit dem vorher verheimlichten Massenmord um mit dem Ziel, die Bevölkerung zu Mitwissern und damit zu kollektiv in Haftung zu nehmenden Mittätern zu machen. Hierauf reagierten die Menschen mit ihrer ostentativen Ahnungslosigkeit" eines Nicht-Wissen-Wollens, schließlich mit einer quasi aktiven Tabuisierung jeglicher Kenntnis. Diese Flucht in die Unwissenheit" manifestierte sich in der immerwiederkehrenden Aussage von Zeitzeugen Davon haben wir nichts gewusst".

Dass Longerich diese Analyse in Form einer stringenten und hervorragend lesbaren Ausarbeitung gelingt, begründet den großen Wert dieses Buches.

Zudem ein hervorragendes Preis-/Leistungsverhältnis dank Neuauflage als Taschenbuch.
11 KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
19 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. März 2008
In der U-Bahn bedrängen dunkel aussehende Gestalten eine Person. Die Bahn ist voll. Keiner greift ein. Später werden sie befragt. "Habe ich nicht gesehen" ist eine der Standardformulierungen. Sehen heißt, Verantwortung übernehmen.
In einem Regime, dass frühzeitig ,gleich zu Beginn seiner Herrschaft, ausstrahlte, du kannst hier verschwinden, wir nehmen dich mit,du kommst nicht wieder, fühlte sich eine grosse Mehrheit sicher unbehaglich, für die sichtbaren Greueltaten verantwortlich zu sein. Später befragt, davon haben wir nichts gewusst.

Die Studie von Longerich belegt, was wir längst wissen. Nicht wenige haben " gewusst", viele haben geahnt, ebenso viele waren Zeugen, standen dabei, gafften, waren einverstanden.
Aber als Verlierer der Geschichte hätte man sich schämen müssen. Die Mitscherlichs haben uns in den sechziger Jahren bereits erklärt, warum es zu keiner Scham kommen konnte- die Unfähigkeit zu trauern.

Das Dilemma eines solchen Buches ist, dass für diejenigen, die es angeht, eine Lektüre nicht in Betracht kommt,soweit soweit sie überhaupt noch leben und für diejenigen, die es interessiert, die Erkenntnisse nicht umwerfend neu sind. Bereits vor Jahrzehnten erschienen die "Meldungen aus dem Reich" ,Berichte des SD über die Stimmung in der Bevölkerung, als Dokumentensammlung bei dtv. Ziemlich ungeschminkt wurde über Wissen und Stimmung im Reich berichtet.Der Interessierte ist nicht überrascht. Und die Haltung zu Fehlverhalten ist nicht einzigartig, sondern typisch. Die erste Reaktion ist typischerweise, habe ich nicht gesehen, habe ich nicht gehört, habe ich nicht gewusst.

Die Un-Kultur des Wegschauens, des Keine-Veranwortung-Übernehmens ist allgemein verbreitet.
Aufzudecken gibt es da nur noch wenig, entscheidend ist, wie sich die Erkenntnisse verbreiten.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 10. August 2007
Mit großer Detailgenauigkeit, profunder Quellenkenntnis und gutem Schreibstil untersucht der Londoner Historiker Peter Longerich die Frage, wie die Deutsche Bevölkerung zur Judenverfolgungs stand und was sie tatsächlich gewusst hat. Longerich nutzt den aktuellsten Forschungsstand, vergleicht verschiedenste zeitgenössische Informationsquellen hinsichtlich ihrer Aussagequalität und bietet interessante Einblicke in die erstaunlich heterogene Berichtslage der eigentlich gleichgeschalteten Zeitungen des Dritten Reiches. Seine Erkenntnisse vergleicht Longerich schließlich mit denen früherer Veröffentlichungen zur gleichen Thematik und stößt auf einige deutliche Diskrepanzen.

Er kommt zu dem Schluss, dass es so etwas wie Volksmeinung im damaligen Deutschland nicht gab bzw. in einer brutalen Diktatur auch nicht geben konnte, von Meinungsforschung oder Demoskopie ganz zu schweigen.

Insgesamt lässt sich nach Longerich konstatieren, dass die antijüdische Propaganda nur in kleinen Bevölkerungsschichten tatsächlich Wirkung zeigte und dass der Unwille der Bevölkerung, ihr Verhalten in der sogenannten Judenfrage so radikal auszurichten wie vom Regime gewünscht nicht überwunden werden konnte. Erst als Goebbels jeden Kontakt der Deutschen mit den - schon länger durch den Judenstern stigmatisierten - Juden unter KZ-Strafe stellte gelang es den Machthabern, die Juden vollständig zu isolieren.
Umgekehrt ging die NS-Propaganda mit sich zunehmend verdüsternder Kriegslage phasenweise immer offener mit dem vorher verheimlichten Massenmord um mit dem Ziel, die Bevölkerung zu Mitwissern und damit zu kollektiv in Haftung zu nehmenden Mittätern zu machen. Hierauf reagierten die Menschen mit ihrer ostentativen Ahnungslosigkeit" eines Nicht-Wissen-Wollens, schließlich mit einer quasi aktiven Tabuisierung jeglicher Kenntnis. Diese Flucht in die Unwissenheit" manifestierte sich in der immerwiederkehrenden Aussage von Zeitzeugen Davon haben wir nichts gewusst".

Dass Longerich diese Analyse in Form einer stringenten und hervorragend lesbaren Ausarbeitung gelingt, begründet den großen Wert dieses Buches.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
20 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 11. November 2006
Die Kulturrevolution der 68'er speiste sich nicht zuletzt aus dem verlorenen Glauben an die Elterngeneration als moralische Instanz.

Die 68'er glaubten Ihren Vätern und Großväter nicht, wenn Sie behaupteten, sie hätten nichts gewusst.

Auch dieses Werk zeigt, dass sie mit ihren Befürchtungen nur allzu recht hatten.

Eine Lizenzausgabe dieses Titels ist übrigens sehr kostengünstig bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich.
44 KommentareWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. März 2013
Klar, Nobody hat gewusst, dass es Konzentrationslager gab.,Dass 6 Millionen Juden ermordet wurden und es wurden ja nicht nur Juden ermordet. Wie ist es möglich, dass Millionen Menschen - Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen - für immer verschwinden, und niemand merkt es ? Haben nicht tausende Menschen die brennenden Synagogen gesehen und die Hetze auf Juden und jüdische Geschäfte 1938 ?? Haben die Schlächter /Mörder in den Lagern, die ja selbst Familie hatten, nie ein Wort darüber verloren.? Sie verwöhnten ihre Kinder und mordeten im Lager Kinder. Wie pervers muss man sein, um so leben zu können ?
Mir kann niemand erzählen, man hätte nichts gewusst -nein, man hat Vogel-Strauss-Politik betrieben.Die damals begeistert "Führer, wir folgen dir" geschrieen haben, haben die nach dem verlorenen Krieg alle die schlimme Krankheit Demenz bekommen ???
"Davon haben wir nichts gewusst" ist ein erschütternder Bericht und sollte nach meinem Dafürhalten unbedingt als Lehrstoff in den Schulen verwendet werden, damit so etwas nie, nie wieder passiert. Wobei- ehrlich gesagt- ich meine Zweifel diesbezüglich habe. Die Menschheit kann offensichtlich nicht ohne Kriege leben und ist wie eine riesige Schafsherde, die nur einen Leitwolf /Führer brauchen, um wieder ohne Kritik hinter ihm her zu marschieren. Intelligenter Homo Sapiens ?Da sind Zweifel wohl erlaubt
F.Henning 26/03/13
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
     
 
Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen
Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden
Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden von Harald Welzer (Taschenbuch - 16. August 2007)
EUR 10,95

Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen
Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataill
on
von Christopher R. Browning (Taschenbuch - 1. September 1999)
EUR 9,99

Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben
Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben von Sönke Neitzel (Taschenbuch - 20. September 2012)
EUR 12,99