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73 von 75 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dichter, Denker und Erfinder
Vom Ende des Barock und damit vom Anfang der Renaissance bis zur Gegenwart reicht der zeitgeschichtliche Bogen, den der Publizist Peter Watson mit seinen Betrachtungen der Geistes ' und Kulturgeschichte der Deutschen spannt.

Hierbei beginnt er seine Darstellungen mit der Feststellung, dass die Zeit des Nationalsozialismus wie ein Fallbeil die bis dahin...
Veröffentlicht am 4. Dezember 2010 von M. Lehmann-Pape

versus
41 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Watsons Welt ist eine Scheibe, um die sich Hitler dreht
Das bis Seite 1022 durchnummerierte Gebinde beteuert eingangs auf 50 Seiten, dass jetzt mal Schluss sein solle mit der Manie, Deutschland immer auf die 12 Jahre des 1000jährigen Reiches zu reduzieren. Doch die nachfolgenden 970 Seiten tun genau dieses. Es wird deutlich, dass die uns in Fleisch und Blut übergegangene Konnotierung von 'Deutsch', 'Holocaust' und...
Veröffentlicht am 15. Mai 2012 von Stavronin


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73 von 75 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dichter, Denker und Erfinder, 4. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Vom Ende des Barock und damit vom Anfang der Renaissance bis zur Gegenwart reicht der zeitgeschichtliche Bogen, den der Publizist Peter Watson mit seinen Betrachtungen der Geistes ' und Kulturgeschichte der Deutschen spannt.

Hierbei beginnt er seine Darstellungen mit der Feststellung, dass die Zeit des Nationalsozialismus wie ein Fallbeil die bis dahin unbestrittene Vorrangstellung des deutschen Denkens in der Welt fast abgeschlagen hat und setzt daher, folgerichtig, zu dieser unseligen Zeit eine Zäsur. Mit dem Ziel, die tiefgreifende Erfolgsgeschichte der deutschen Geistesgeschichte einerseits wieder ins Bewusstsein zu rücken und andererseits die Anknüpfungspunkte an diese auch nach der Zeit des zweiten Weltkrieges neu in den Blick zur rücken. So reicht sein Bogen denn auch bis in die aktuelle Gegenwart, dem deutschen Papst Benedikt, hinein.

Schwerpunkt aber ist die Zeit des beginnenden 18. Jahrhunderts bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Eine Zeit, in der Deutschland mehr Nobelpreisträger hervorgebracht hat, als Amerika und England zusammen, eine Zeit, in der das Wort Thomas Manns durchaus weitreichende Bedeutung hatte: 'Kann man Musiker sein, ohne Deutsch zu sein'?

Im Aufbau des Buches folgt Watson zunächst der Einsicht, das sich Genie und Zeit miteinander in Verbindung setzen, dass einerseits Zeitströmungen und Entwicklungen Menschen zu geistigen Höhenflügen motivieren, dass andererseits Zeitströmungen und geschichtliche Entwicklungen gerade durch solche Höhenflüge einzelner einen deutlichen Schub erhalten. Die langsame Einigung zu einer Volksgemeinschaft aus vielen Kleinstaaten heraus und der hohe Wert, der der Bildung mehr und mehr zugeschrieben wurde zu jener Zeit, sind die beiden äußeren Entwicklungen, die den Drang nach Vollkommenheit in einem geschlossenen, kulturgeschichtlichen Raum befördert haben.

In sechs Teilen folgt Watson den Spuren des deutschen Genius. Eine Entwicklung, die nicht nur in Deutschland, sondern die in ihren Vertretern von Bach über Beethoven bis Wagner, von Novalis über Goethe bis Thomas Mann, von Kant über Hegel bis Feuerbach, sowohl den rein ästhetischen Genuss würdigt, natürlich an Philosophie und Humanismus nicht vorbeigeht und die Dichtung und geistige Blüte Weimars mit in den Blick nimmt. Eine Entwicklung, die Deutschland zur intellektuellen Großmacht hat werden lassen.

Wichtig zudem, dass Watson nicht an der reinen Geistesgeschichte sich abarbeitet. Ebenso detailliert wirft er einen ausführlichen Blick auf die Forschungs- und damit materielle Kulturgeschichte. Sei es im Rahmen der Physik, im Blick auf die Laborforschung durch Siemens, Zeiss und andere oder im Metall- und Fahrzeugbau, immer gelingt es Watson, die inneren Verbindungen der einzelnen Entwicklungen zu zeigen, so dass ein kompaktes und in sich verflochtenes Bild der sich gegenseitig befruchtenden Geistes- und Kulturgeschichte Deutschlands entsteht, die zu weltweitem Ruf auf vielfachen Gebieten geführt haben.

Eindrucksvoll schließt Watson mit seinen Einlassungen zu den Gefahren all zu großer Innerlichkeit und Idealisierung des Geistigen, des Genius. Gefahren einer Innerlichkeit, beruhend auf Luther und dem Pietismus, die leicht in Selbstüberhöhung und stereotypen Aburteilungen anderer ausmünden können, mit, wie die Geschichte gezeigt hat, massiv destruktiven Folgen.

Dies alles stellt Watson in übersichtlicher Struktur dar, immer ist eine klare Orientierung im Buch möglich, bis in das breit angelegte Literaturverzeichnis hinein. Zudem in verständlicher, flüssiger Sprache, ohne abstrakte Wissenschaftlichkeit, aber auch die Gefahr vermeidend, sich im Trivialen sich zu verlieren. Durchaus aber findet sich auch reines Lebensgefühl im Buch, Blicke auf Schwabing, Wien und Berlin zu Zeiten zeigen, wie sehr geistiges Schaffen auch den Alltag mit zu beeinflussen verstand und der (fast) am Ende stehende Eindruck vom 'Cafe Deutschland' vermag in den Raum zu stellen, wie sich in der Moderne auch langsam der Blick von der Welt auf Deutschland beginnt, zu ändern.

Peter Watson ist ein fulminantes Buch gelungen, dass nicht nur einzelne Epochen oder herausragende Persönlichkeiten der Geistesgeschichte eloquent erläutert und bildhaft vor Augen führt, sondern vor allem die inneren Verbindungen einzelner Bereiche und Strömungen zueinander offen legt und zudem die mannigfaltigen und oft ganz entscheidende Wirkungen deutscher Geistes- und Kulturentwicklung weltweit nachvollzieht.
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24 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Enzyklopaedisch, 2. September 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Peter Watson zeigt in diesem Buch auf, dass die fortdauernde Beschäftigung mit der Nazi-Zeit, sogar auch in Lehrplänen für Schulen, das allgemeine Publikum in Großbritannien und den Vereinigten Staaten daran hindert, sich mit den enormen deutschen Beiträgen in der Zeit vor und nach Hitler auf allen Gebieten der Kultur gebührend zu befassen, ja diese manchmal überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Watson greift alle Aspekte auf, eine gigantische Aufgabe, selbst wenn man nicht von ihm erwarten kann, alle Gebiete zu beherrschen, und somit manche seiner Betrachtungen tiefschürfend und erhellend, andere dagegen ein wenig oberflächlich sind; so gibt es hier und da Namenslisten, die dann aber nicht weiter besprochen werden, außer dass Watson sie irgendeiner bestimmten Gruppe zuordnet. Es wäre jedoch für mein Empfinden kleinlich einer solchen umfassenden Schatzkammer deswegen weniger als fünf Sterne zu erteilen.

Oft lenkt Watson unsere Aufmerksamkeit auf in britischen Kreisen kaum bekannte deutsche Erfolge, die zwar als solche von Bedeutung sind, jedoch keinen spezifisch deutschen Charakter haben. So haben deutsche Wissenschaftler ihre Gebiete enorm bereichert und werden damit im Buch auch stark herausgestell; doch ist die Wissenschaft international und nicht speziell deutsch in ihrem Wesen. (Erst als die Nazis die Relativitätstheorie als unwissenschaftlich ablehnten und rassische "Wissenschaften" zu unhaltbaren neuen Gipfeln führten, könnte man von solchen Eigenheiten sprechen). Hier sollen jedoch einige der Aspekte behandelt werden, die spezifisch deutsch sind.

Zuerst wäre dort die Art, die Rolle und die selbstauferlegten Ziele der deutschen Universitäten zu nennen. Bereits im 18. Jahrhundert gab es fünfzig Universitäten im damaligen Deutschland, denen England nur zwei entgegenzustellen hatte. Die bedeutendsten waren Halle in Preußen und Göttingen in Hannover. Sie waren vom Geist des Pietismus durchdrungen, einer Form des Protestantismus, die darauf abzielte, das Beste in sich selbst zu entwickeln, dabei jedoch mit der Pflicht, die Welt durch harte Arbeit, durch eigene Beiträge, durch wirkungsvolle Tätigkeit und durch Unbestechlichkeit zu verbessern. Friedrich Wilhelm I von Preußen (1713 bis 1740) hatte sich schon in 1708 dem Pietismus angeschlossen. Wie auch die anderen deutschen Landesherren, kontrollierte er die Universtäten, besetzte sie mit pietistischen Lehrern und förderte Pietisten in Beamtenschaft und Armee.

Obwohl die Pietisten tief religiös waren, brachen sie aber in den Universitäten die Herrschaft der Theologie und förderten Philosophie und weltliche Wissenschaft. Sie schufen und entwickelten den Begriff der "Bildung", der die Pflicht beinhaltete, in der Erziehung nicht rein rezeptiv zu bleiben, sondern auch den Weg dauernder Eigenentwicklung zu beschreiten, durch eigene Forschungstätigkeit und deren Beurteilung durch andere Forscher. Die Wichtigkeit, die den Universitäten vom Staat her zuerkannt wurde und die Art und Weise, wie sich diese methodisch in der Forschung organisierten, lieferten ohne Zweifel die Basis für die überragende Stellung der deutschen Wissenschaften im 19. Jahrhundert - der Staat war zwar in vielerlei Hinsicht autoritär, ermutigte jedoch die geistige Freiheit seiner Lehrer und Forscher. In den 1860er und 1870er Jahren erreichten die Technischen Hochschulen (im Gegensatz zu britischen Polytechnika) Prestige und Rang der Universitäten als Forschungszentren, was sich darin zeigte, dass sie ihren Studenten nicht nur ein technisches Diplom, sondern auch den Rang eines Doktors zuerkennen durften. Das wird auch die Erfindungen und Erfolge der deutschen Indusrie stark fördern.

Ein anderer spezifisch deutscher Aspekt dieser Kultur ist die "spekulative Philosophie", wie Watson sie nennt. Die deutsche "Aufklärung" betonte eine organische Entwicklung, im Unterschied zur Newton'schen externen Kausalität in den Wissenschaften. Man betrachtete dies als ein
philosophisches Prinzip, dass nicht nur das Verständnis der Geschichte und der Naturwissenschaften erlaubte, sondern auch das des Ichs und der Welt an sich; Genies und Dichter waren besonders befähigt, dieses Prinzip zu erkennen und auszudrücken. Der große Künstler erhebt die Künste, besonders die Musik, aus dem Bereich der bloßen Unterhaltung heraus in den der reinen Wahrheit.

Watson setzt sich mit den so deutschen Philosophien von Kant, Fichte, Schelling und Hegel auseinander, ist jedoch hier, wie ich meine, in seiner Zusammenfassung solcher an sich schon dunklen und schwerverständlichen Ideen nur begrenzt erfolgreich, ja, in Bezug auf Hegel, schon durchaus unzureichend. Auch die Betonung des Willens ist hauptsächlich bei deutschen Denkern anzutreffen, wie auch Heideggers Philosophie Elemente enthält, die ebenfalls spezifisch deutsch sind.

Nationalismus, Rassismus, Antsemitismus lassen sich außerhalb Deutschlands gleichfalls ausmachen, doch Watson geht auch auf die Umstände ein, durch die solche Ideen im Deutschland des 19.Jahrhunderts eine besondere Stärke annahmen, sodass man sie, im Nachhinein, als Saat des deutschen Nationalsozialismus im folgenden Jahrhundert ansehen kann. Im Hinblick auf diese Periode beschreibt er eingehend die abstoßenden Aspekte der Nazi-"Ästhetik", die man als typische deutsch bezeichnen könnte, wenn sie nicht ihr Spiegelbild im Stalinismus besäßen. In ähnlicher Weise erkennen wir eine spezifisch deutsche "Theologie" in der Kirche der "Deutschen Christen", die ihrerseits von deutschen Theologen wie Barth, Bultmann, Tillich oder Bonhoeffer bekämpft wurde, die mit ihren Lehren später internationale Bedeutung gewinnen sollten.

Zwei lange Kapitel setzen sich mit den Beiträgen von in dieser Zeit nach England oder in die USA ausgewanderten deutschen Intellektuellen intensiv auseinander.

Die letzten beiden Kapitel behandeln die Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland, u.a. mit dem Bemühen einer Gruppe deutscher Denker, die deutsche Kultur vor der Nazizeit zu betrachten, mit dem Ziel, die Frage zu klären, warum diese Kultur nicht in der Lage gewesen war, sich gegen die Nazis zu behaupten. Da war der Historikerstreit (die Diskussion der Frage ob die Verbrechen der Nazis etwas spezifisch Deutsches darstellten, was jedoch bei Watson nur am Rande erwähnt wird) und die Debatte über den sogenannten deutschen Sonderweg. Auch die Romane von Grass, Böll und Schlink befassten sich mit solchen Fragen. Die Ereignisse von 1968 und das folgende Jahrzehnt stellten laut Konrad Jarausch endlich eine entschiedene antiautoritäre Entwicklung der Werte Westdeutschlands dar, wobei man überrascht ist, wieviele ostdeutsche Schriftsteller (die, außer Brecht, im Westen kaum bekannt sind) auch gegen das dortige Regime angingen.

Der Platz reicht nicht aus, auch noch etwa auf die Bedeutung des ernsthaftigen deutschen Theaters, oder die von Nachkriegsfilmen einzugehen, oder auf Watsons zusammenfassende Schlussbemerkungen, die den enormen Einfluss deutscher Ideen - ob man ihn nun gutheißt oder nicht - auf den Rest der Welt unterstreichen.

(Englische Rezension übersetzt von Thomas Dunskus)
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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von deutscher Kultur, Identität und der Verantwortung für sie, 27. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Watson ist ein inspirierendes, begeisterndes Buch gelungen. Umfassende kulturgeschichtliche Kenntnisse werden mit leichter Hand, stilistisch angenehm präsentiert. Die Distanz des Verfassers als Ausländer, der von deutscher Kultur fasziniert ist, hat sicher zur seiner Klarsicht beigetragen. Erfreulicherweise gelingt es Watson, zu deutschen Neurosen gehörig Distanz zu halten, so zur amnestischen Rede von der "Stunde Null" über die er sich mokiert, und einen Blick auf die kulturgeschichtlichen Faktoren der "longue durée" zu richten. Damit hat er einen unendlich wertvollen Beitrag zur gegenwärtigen deutschen Identitätsbestimmung vorgelegt. Vor einseitiger Vereinnahmung schützt ihn immer wieder die Zusammenschau von ideologisch gegensätzlich besetzten Strömungen. So betont Watson die heilsame Wirkung der 68-er Bewegung für die Wiedergewinnung deutscher Identität der wilhelminischen Zeit; ebenso arbeitet er heraus, wie gerade der Pietismus im Preußen des frühen 18. Jahrhunderts die strukturellen und geistigen Reformen hervorbrachte, die im späten 18. Jahrhundert, im Zeichen der Aufklärung, wirksam wurden, und bis in die Gegenwart Werte und Praxis bestimmen. Watson gelingt der Blick für die Vielgliedrigkeit der deutschen Kulturen, für die ambivalente Wirkung ihrer fragmentierten politischen Geschichte und für deren Vermittlung im Diskur deutscher Kultur. Er gesteht, dass ihm die psychotische Entgleisung gerade des Bildungsbürgertums zum Nationalsozialismus im Kern rätselhaft bleibt. Man möchte ihm raten, seiner eigenen Hermeneutik folgend, zeitgenössische Dokumente zur Deutung heranzuziehen. Freuds Traktat "Vom Unbehagen in der Kultur" könnte aufschlussreich sein.
In allem aber ist Watsons Werk ein leidenschaftlicher Appell an die Deutschen, sich auf ihre tieferen Wurzeln zu besinnen, einen klareren Sinn für ihre besondere Identität zu entwickeln, Verantwortung für ihr Erbe zu übernehmen, für das, was andere an ihr fasziniert, für ihre Tradition der "Bildung", ihre Qualität, ihre Besonderheit, für den Schatz ihrer Kultur, die der Welt viel gegeben hat - mitsamt den Gefahren, die mit den Nachtmeerfahrten ihrer Verinnerlichung verbunden sind.
Ullrich Kleinhempel
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die früheren Lobeeren nicht zum Ausruhen, sondern zum Ansporn !, 22. Februar 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Diese Geistesgeschichte Deutschlands vom Barock bis zur Gegenwart habe ich mit großer Faszination und Bewunderung gelesen: immense, vielseitige Kenntnisse des Autors und eine lebendige Darstellung des uferlosen Stoffes. Es tut gut, von Außen bestätigt zu bekommen, dass deutsche Kultur sich nicht von jenen zwölf Jahren her deuten lässt. Es tut gut, gar von einem Engländer bescheinigt zu bekommen, dass der Beitrag Deutschlands zur Geistesgeschichte der Neuzeit überragend war. Es tut gut, dass der "jüdische" Beitrag dazu ganz selbstverständlich mitgezählt wird - während wieder (unter neuem Vorzeichen) die Tendenz besteht, die deutsche Kultur um Genies wie Heine, Mendelssohn-Bartholdy, Marx, Freud, Einstein unter dem Etikett jüdisch" zu berauben, ein nochmals rassistischer Eingriff in die Kulturgeschichte.

"Kant, Humboldt, Marx, Clausius, Mendel, Nietzsche, Planck, Freud, Einstein, Weber, Hitler - gibt es irgendeine andere Nation, die eine solche Elf aufstellen könnte (natürlich ließe sie sich noch erweitern), eine Gruppe von Spielern, die in der Lage wären, es mit den Einflüssen aufzunehmen, die diese Männer im besten wie im schlechtesten Sinne auf das moderne Denken ausgeübt haben?" (878) Ich würde als Deutscher einen solchen Satz nicht wagen und die alten Lorbeeren überhaupt mehr zum Ansporn als zum Ausruhen nehmen. Dass ein Name wie der des Physikers Clausius (1822-1888) in jener Reihe auftaucht (während ein Name wie Hegel vor Marx fehlt), gehört zu den Überraschungen, die eben der Blick von Außen mit sich bringt.

Zwei Einschränkungen sollen das Verdienst dieses außerordentlichen Werkes nicht mindern: Watson macht bei der Frage, wie der Absturz einer so führenden Kulturnation in Krieg und Verbrechen - im Grunde zwei Mal! - möglich war, das an sich besonders hochstehende deutsche Bildungsbürgertum verantwortlich. Warum aber konnte dieses abstürzen? Ich vermisse hier eine strukturelle und systemtheoretische Analyse, der ein Sebastian Haffner (Von Bismarck zu Hitler") bereits näher kam: Deutschland stellte seit dem Mittelalter eine kulturelle, durch die gemeinsame Sprache der deutschen Stämme geprägte Einheit dar. Wenn wir die Systemebenen Wirtschaft, Politik im engeren Sinne, Kultur und ethisch-religiöse Grundwerte unterscheiden, erscheint die Vereinigung Deutschlands unter machtpolitischem Vorzeichen (unter Ausschluss Österreichs, was nicht allein von preußischem Vorherrschaftsstreben, sonden auch von östereichischer Kolonisierungspolitik her kam!) als eine verhängnivolle Fehlkonstruktion. Ein rein politisch integriertes Deutschland war für das kulturelle, politikferne Bildungsbürgertum nicht akzeptabel. Die Demokratie erschien als ein fremder, undeutscher Import, siehe Thomas Mann in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918). Im Grunde ist eine Demokratie, in welcher die geistlose Dominanz der Wirtschaft auch über die Politik durch die Integration die Integration dieser Systemebenen unter Grundwerte und Kultur ersetzt wird, heute immer noch ein Desiderat - und gerade eine deutsche, leider weithin unerkannte Aufgabe!Es handelt sich um die höchst aktuelle und höchst dringliche Welt-Aufgabe einer Demokratie, in der Geist und Macht versöhnt sind: Revolution der Demokratie: Eine Realutopie für die schweigende Mehrheit.

Die zweite Einschränkung: Watson entschuldigt den politischen Lapsus Heideggers in der Nazi-Zeit(sogar gestützt auf dessen früheren Kritiker Habermas) mit Heideggers angeblicher Klarsicht in Bezug auf Technik. Mir erscheint dessen Philosophie dagegen im Ganzen als ein Abfall von der spezifisch deutschen Einheit von rationaler Klarheit und nur scheinbar irrationaler, künstlerischer und spiritueller Tiefe. Auch Heideggers Inanspruchnahme Hölderlins hat etwas Missbräuliches (vgl.Revolution aus Geist und Liebe. Hölderlins "Hyperion" durchgehend kommentiert). Gerade Heidegger verlässt die gekennzeichnete Linie der großen deutschen Philosophie und dem mit dieser zwar wetteifernden, doch in der Tiefe durchaus verbundenen technischem Genius Deutschlands. Die Zerstörung der deutschen Politik wurde damals nicht zuletzt durch die Zerstörung der deutschen Philosophie ermöglicht, welche - paradoxerweise - die militärische Katastrophe weit überdauerte! Infolgedessen sehe ich auch Habermas viel weniger als einst Marx als deren legitimen Erbe (vgl. meinen Offenen Brief an Jürgen Habermas"). "Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren", d.h. politisch-praktisch werden, "ohne von Grund auf zu revolutionieren", d.h. von systematisch begründeter Philosophie her (Marx). Diese bietet Habermas sowenig wie Heidegger - oder gar Ratzinger, um Watsons große Namen am Schluss zu nennen. Dieser Schluss ist, mangels Abstand und philosophischer Analyse, recht schwach für das großartige Buch! Ich kann ihm - trotz dieser nochmals lehrreichen Defizite - meine Bewunderung nicht versagen.

Um dies abschließend klar zu stellen: Anders als manche Rezensenten, sieht Watson die Nazizeit (wie Thomas Mann) als einen Bruch mit dem deutschem Geist und nicht etwa diesen Geist, auch nicht manchen seiner "Sonderwege", logisch einmündend und daher widerlegt durch die Katastrophe des politischen Missbrauchs. Doch hätte man sich zu diesen alternativen Sichtweisen noch deutlichere Worte gewünscht, so dass darüber kein Streit mehr möglich wäre.
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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das deutsche 19. Jahrhundert, 8. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Peter Watson ist durch seine beiden Bücher zur Geschichte der Ideen der Menschheit bzw. des 20. Jahrhunderts bekannt geworden. In diesem Buch geht es um die Ideen der Deutschen bzw. der deutschsprachigen Völker (Deutschland, Schweiz, Österreich und ehemaliges Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation). Ein Hauptanliegen ist, dem Leser zu zeigen, dass Deutschland sich nicht auf die Jahre 1933 bis 1945 reduzieren lässt.

Das Buch beginnt bei der Musik von Johann Sebastian Bach und endet bei der Philosophie von Papst Benedikt XVI. Die möglichen philosophischen Ursachen des Nationalsozialismus (u. a. Kant, Hegel, Nietzsche) und dessen Aufarbeitung (z. B. Habermas und Grass) werden besonders breit diskutiert. Im Grunde geht es dabei um die Vor- und Nachteile des urdeutschen Begriffs der "Bildung": Das deutsche Universitätswesen wurde in den USA kopiert, aber bei uns selbst waren die Universitäten Brutstätten des Nationalsozialismus. Warum war das so? Gibt es einen deutschen Sonderweg? Wie könnte die Zukunft aussehen?

Im Laufe des Buches werden u. a. folgende Themen und Personen behandelt:

- Wissenschaften (Winckelmann, Freud, Humboldt, Planck, Einstein, Benz, Krupp, Virchow, Simmel, Weber, Hayek, Popper)
- Literatur (Goethe, Kafka, Grass, Rilke, Mann)
- Politik (Clausewitz, Bismarck, Marx, Herzl)
- Kultur (Bach, Mozart, Friedrich, Wagner, Klimt, Liebermann)

Der Autor bemerkt, dass das deutsche Jahrhundert mit dem Zweifel beginnt und mit Darwin endet. Die Aufklärung zweifelte an Gott, konnte aber nicht für alles Erklärungen bieten; das gelang erst mit Darwin. Deshalb sind die Ideen des 19. Jahrhunderts sozusagen "halbgar" und konnten zu Verwirrungen (Äther als Träger von Lichtwellen) und Verirrungen (Rassismus) führen. Ein urdeutscher Aspekt vor allem der Romantik war die "Innerlichkeit": Statt auf praktische Politik wurde der Begriff der Freiheit auf das Denken bezogen, was zu allerlei Spekulationen führte. Das färbte auch auf die Philosophie (Idealismus) und Politik (völkisches Denken) ab.

***

Mir hat das Buch gut gefallen, weil es die bedeutenden Beiträge des deutschen Volkes zur Geschichte der Ideen ausgewogen diskutiert. Dabei werden die negativen Aspekte nicht unter den Tisch gekehrt.

Hinweis: Ich habe die englische Originalausgabe "The German Genius" gelesen.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesenswert, 6. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Die Vorrezensenten haben das Meiste und Wichtigste bereits gesagt - man könnte das Buch auch unter dem Titel "Was die Welt dem protestantischen Pfarrhaus" verdankt sehr vereinfacht zusammenfaßt. Oder man könnte beim Lesen auf den Gedanken kommen:

"Was würde von der Moderne bleiben, wenn Deutschland in der Geschichte nicht existiert hätte"...

Ich kann nur jedem empfehlen, das englische Original zu lesen; beim Übersetzen geht immer irgendetwas verloren und außerdem gibt es die englische TB-Ausgabe schon für ein paar Euro, während man für die deutsche Hardcoverausgabe doch noch eine Menge Geld hinlegen muß.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Opus, 29. Mai 2012
Von 
Peer Sylvester "peerchen" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
In England setzt man "Deutschland" gerne mit "den Nazis" gleich - unfair, meint der Engländer Peter Watson und will mit diesem Buch gegensteuern. Er zeigt, dass die Deutschen kulturell und wissenschaftlich vor dem zweiten Weltkrieg führend waren und will herausfinden, warum das so ist, welche Folgen der zweite Weltkrieg auf die Kultur hatte und wieweit er ein Produkt des Deutschen Klimas der Zeit war.

Herausgekommen ist ein Opus, ein ziemlich beeindruckendes Werk - allerdings beantwortet er die gestellten Fragen nur teilweise. Es gelingt im schon ein Bild des Deutschen Weges zu zeichnen und nennt und beschreibt das Schaffen aller wichtigen Deutschen Kunst und Wissenschaft Schaffenden. Teilweise verliert er dabei allerdings ein wenig die Kernfragen aus den Augen und die Frage wie Deutschland so führend werden konnte, wird nur teilweise beantwortet. Auf die anderen Fragen findet er aber eine Lösung, soweit das denn möglich ist.

Wer sich von den über 900 klein beschriebenen Seiten und der Informationsflut und dem t.T. recht trockenem Ton nicht abschrecken lässt, findet hier ein Werk, dass im Umfang und Zielsetzung seinesgleichen sucht. Wer neben den Lesen auch verstehen will, muss sich aber darauf einstellen, es mehrmals lesen zu "müssen".
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36 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das englische Original lesen!, 4. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Dieser fette Schinken bietet einen hervorragenden, frischen Überblick über die neuere deutsche Geistesgeschichte. Der Autor bietet zwar wenig bis keine eigene Forschung, aber er wertet die Sekundärliteratur getreulich und mit nimmermüdem Fleiß aus und befindet sich, soweit für mich erkennbar, auf aktuellem Forschungsstand. Auch Deutsche können dieses übersichtlich in chronologische und thematische Kapitel eingeteilte Werk mit Gewinn am Stück oder in Häppchen lesen oder als Nachschlagewerk nutzen. Der besondere Reiz liegt natürlich in der "Außenperspektive" und der stets eingearbeiteten Rezeptionsgeschichte deutscher Ideen und Erfindungen in der angloamerikanischen Welt. Schon das Eingangskapitel, in dem die alles verdunkelnde Nazizeit vor die Klammer gezogen und eingeordnet wird, ist eine Meisterleistung knapper und doch ebenso vollständiger wie klarer, unprätentiöser Schreibkunst. Würden nur manche deutschsprachige Autoren von ihren hohen Rössern steigen und ebenso schreiben, wäre für den Bildungsstandort Deutschland einiges gewonnen. Apropos Bildung. Es ist unentschuldbar, wenn man nicht genügend Energie aufbringt, um dieses Buch im Original zu lesen. Der Autor ist von Hause aus Journalist und so ist es kein Wunder, dass er sich eines sehr verständlichen, stets auch für uns ohne weiteres nachvollziehbaren Englischs bedient. Wer die deutsche Übersetzung liest, der lässt sich das halbe Vergnügen entgehen. Schon die deutsche Übersetzung des Titels wirkt gestelzt und misslungen. Also: nur Mut zum Original.
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31 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Geistes-/ und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI., 24. November 2010
Von 
Thorsten Wiedau (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Ja, es gibt ihn noch den Deutschen Genius, es hat viel Namen und viele Gesichter und er ist nicht untergegangen auch wenn er öfters in einem Nachruf beschworen wird. Das Buch DER DEUTSCHE GENIUS von Peter Watson zeigt 250 Geistes-/ und Kulturgeschichte in Deutschen landen auf und spart nicht mit Hinweisen wie vielfältig dieses war und ist. Sehen wir es also positiv, denn der wir sind alle toll Stolz ist positiv besetzt. Nicht ohne Grund haben Deutsche Wissenschaftler und Deutsche Geistesgrößen die Welt maßgeblich und positiv beeinflusst. Die Deutschen doch ein Volk der Dichter und Denker? Ja und Nein, denn der Furor der uns auch erfassen kann, hat eine Menge Schadenskraft,. Dies darf aber nicht der Grund sein, weswegen wir nicht dennoch alle stolz auf das sein können was Deutsche in den letzten 250 Jahren geschaffen und erdacht haben.

Philosophie, Literatur, Wissenschaft und Religion, ebenso wie in Technik und Musik, wenige Völker haben so viel geschaffen und sich so unverzichtbar gemacht, wie es die Deutschen seit dem 18. Jahrhundert für die Welt sind. Das man dabei dieses immense Wissen mitunter vergnüglich, unterhaltend und sogar ansprechend präsentieren kann zeigt das Buch DER DEUTSCHE GENIUS von Peter Watson auf über 1.000 Seiten.

Bezeichnend die Einleitung, die aufzeigt das unsere jüngste Geschichte, die zwischen 1933 und 1945 liegt, vergangen ist aber anscheinend nicht vergehen will. Ebenso die vielen Zitate am Anfang wo Tucholsky ebenso wie Hölderlin und auch Hitler einträchtig nebeneinander stehen, wenn es darum geht über die Deutschen ein Wort zu verlieren.

Das Buch DER DEUTSCHE GENIUS von Peter Watson ist ein großer Wurf, denn es zeigt den beginn des Deutschen Geistes von den Anfängen des 18. Jahrhunderts bis heute auf. Wobei sich klar herausstellt, dass die Wendung zur Wissenschaft und fort von den Geisteswissenschaften und der Religion einem Menschenschlag Vorschub geleistet hat, der den Menschen als Sache sieht und ihn der Technik und dem Fortschritt unterordnet.

Das Buch wendet sich dezidiert und eingehend dem Bildungsbürgertum und zeigt auf wie dieses aus den Quellen schöpfte und zu einer Anerkennung Deutschlands führte die in einem Deutschenfieber im Ausland kumulierte. Doch wie gelang es dem Nationalsozialismus die Achtung und das Ansehens Deutschlands so nachhaltig wegzuwischen? Warum werden die Deutschen noch immer schräg angesehen? Werden Sie das wirklich immer noch?

Was ist dran an dem Problem Weimar und der Deutschen Wachheit aber Schwachheit während dieser Zeit? Wie sieht es der Autor in seinem Buch DER DEUTSCHE GENIUS wenn es Zeit ist die Deutsche Romantik zu verlassen um der neuen Sachlichkeit Platz zu machen und zu glauben dies wäre der Weg in die Freiheit?

Das Buch DER DEUTSCHE GENIUS von Peter Watson zeigt auf das der Deutsche Genius älter ist als wir geglaubt haben, das er selbst die Zeit des Kaiserreiches unter Wilhelm II. überstand und auch im ersten und zweiten Weltkrieg nicht untergegangen ist. Auch der zaghafte Neuanfang nach 1945 bis in die heutige Zeit zeigt auf welchen Einfluss das positivistische und wegweisende Denken Deutscher Geistesgrößen bis heute hat.

Sehr empfehlenswert!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Chronik des deutschen Denkens, 17. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - (Gebundene Ausgabe)
Im Vorwort erklärt Peter Watson, warum er als Engländer ein Buch über die deutsche Kultur seit der Aufklärung geschrieben hat. Da sich das moderne Selbstverständnis des britischen Staates in weiten Teilen auf den erfolgreichen Widerstand gegen NS-Deutschland gründe, seien die Briten - fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - immer noch von Hitler "besessen" ("obsessed"). Über Deutschland und die Deutschen sei in Großbritannien wenig mehr bekannt als die 12 Jahre Nazi-Herrschaft (Watson spricht etwa von einer zunehmenden "Hitlerisation" des Geschichtsunterrichts), was ein negatives Deutschlandbild zur Folge habe. The German Genius richte sich daher an "those who find it difficult to move beyond Hitler" (S. 849), so der letzte Satz des Buches. Ihnen möchte Watson nahe bringen, dass die deutsche (Kultur-)Geschichte wesentlich komplexer, facettenreicher und vor allem spannender ist, als eine Fixierung auf die Jahre 1933 bis 1945 suggerieren mag.

Eindrucksvoll legt Watson dar, wie Deutschland sich von einer Ansammlung kleiner und Kleinststaaten zur führenden europäischen Großmacht entwickelte. Die Politik wird dabei nur am Rande behandelt, wichtiger ist hier die kulturelle Geschichte. Philosophie, Literatur, Malerei, Architektur, Musik, Physik, Mathematik - es scheint keinen Bereich zu geben, in dem Watson sich nicht auskennt. Trotz dieser geballten Sachkenntnis und Detailgenauigkeit, und fast 900 Seiten Text, ist The German Genius kein ermüdendes Buch. Es ist chronologisch aufgebaut und in zahlreiche Unterkapitel unterteilt, so dass sich Abschnitte überspringen lassen, die für einen selbst weniger interessant sind - bei mir waren das z. B. die naturwissenschaftlichen Themen.

Noch wichtiger: Das Buch ist keine bloße Aneinanderreihung von Fakten. Watson sucht nach Mustern und Besonderheiten in der deutschen Kulturgeschichte, und findet sie in Begriffen wie Innerlichkeit, Bildung, Kultur, Gemeinschaft und Nationalismus. Damit verknüpft er die einzelnen künstlerischen, philosophischen und wissenschaftlichen Strömungen zu einem fesselnden Panorama deutschen Denkens, das von Lessing bis Habermas reicht. Das ist für deutsche Leser genauso spannend wie für englische, wenn nicht noch spannender - schließlich wird hier unsere eigene Geschichte behandelt. Als Engländer schreibt Watson erfrischend unbefangen über Themen wie Autoritätsglauben, Militarismus und das "Dritte Reich", und arbeitet Erklärungsansätze für den "deutschen Sonderweg" heraus. Frei von deutscher Bescheidenheit weist er den nicht zu unterschätzenden Einfluss des "German Genius" auf den Rest der Welt nach. Bei aller Bewunderung bleibt er dabei kritisch und führt den Leser in die luftigsten Höhen, aber auch in die tiefsten Abgründe deutschen Denkens.

Eine unglaublich dichte, dabei in sich geschlossene und großartig erzählte Chronik, die nicht nur informiert, sondern auch zum Denken anregt.
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Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. -
Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. - von Peter Watson (Gebundene Ausgabe - 11. Oktober 2010)
EUR 49,99
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