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5.0 von 5 Sternen Sehr gute Auswertung, Analyse und Diskussion der Ereignisse, 29. Mai 2007
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Rezension bezieht sich auf: Der Ungarnaufstand 1956: Eine Revolution und ihre Folgen (Gebundene Ausgabe)
Paul Lendvai - Der Ungarnaufstand 1956 - Eine Revolution und ihre Folgen

Der Ungarnaufstand des Jahres 1956 gehört zu den wichtigsten Ereignissen der europäischen Nachkriegsgeschichte. Das erste Mal kam es zu einem Volksaufstand, einem Aufstand der Arbeiter, gegen eines der Sowjetregime. Erstmals wurde deutlich, dass diese Regime, die sich selbst offiziell als Vertreter der Arbeiterklasse bezeichneten, von den Arbeitern lediglich als fremde Besatzungsmacht und als brutale Unterdrücker angesehen wurden. Dieses ohnehin schon wichtige Ereignis gewinnt noch zusätzlich an Bedeutung durch die Tatsache, dass der Aufstand eine spontane Reaktion der Unterdrückten auf die Unterdrückung war. Es gab keine lange Planung, keine Gruppierung von Staatsfeinden, keine Organisatoren und vor allem auch keine Einmischung von Außen. Und auch wenn die Sowjetische Regierung in Moskau den Aufstand blutig niederschlug, bedeutete er wohl den Anfang des Endes des Sowjetblocks.

Paul Lendvai, ungarischer Journalist, der das Land nach der Niederschlagung des Aufstandes in Richtung Österreich verließ, ist der Autor des Standardwerks "Die Ungarn", in dem er die tausendjährige Geschichte der Magyaren rekapituliert. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages des Ungarnaufstands veröffentlichte er im Jahr 2006 das hier besprochene Buch.

Der eigentliche Aufstand beginnt mit Studentendemonstrationen am 23. Oktober 1956, und endet blutig mit der zweiten Sowjetischen Intervention am 04./05. November. Diese äußerst turbulente Phase wird in den ersten beiden Dritteln des Buches behandelt. In diesem kurzen Zeitraum überschlugen sich die Ereignisse in Ungarn. Allein auf politischer Ebene kam es zum Sturz des alten Regimes, mehrfachen Regierungsbildungen und Umbildungen und ständig wechselnden Positionen Moskaus zur Lage in Budapest. Dazu kommen die Ereignisse auf den Straßen der großen Städte, allen voran natürlich auf denen Budapests. Im letzten Drittel werden die Folgen der Revolution beschrieben. Die unmittelbaren Folgen, wie die "zweite Revolution", die Entwicklung des Kádárregimes, und die Reaktionen, welche in anderen Ländern der Welt hervorgerufen wurden.
Der Autor geht bei der Schilderung der Ereignisse zwar chronologisch vor, erlaubt sich aber immer wieder Exkurse, die den Hintergründen der wichtigen Personen gewidmet sind, oder in kurzen Rück- oder Vorblenden das Entstehen oder die Folgen von Situationen erläutern. Durch diese Sprünge in der Chronologie gelingt es Paul Lendvai leider nicht ganz, eine Ordnung in die sich überschlagenden Ereignisse der ersten Phase des Aufstandes zu bringen. Inhaltlich überzeugt das Buch hingegen. Der Autor beschränkt sich nie darauf, die Ereignisse einfach nur zu erzählen, er analysiert sie auch. Dafür nutzt er Quellen aus Forschungsinstituten, offiziellen Behörden, den ungarischen und russischen Staatsarchiven, sowie Gespräche mit Überlebenden und indirekt Betroffenen. Hierin liegt die eigentliche Stärke des Buches. Seit dem Aufstand sind viele Jahre vergangen, vor allem ist die Sowjetunion, und mit ihr auch János Kádárs Regime in Ungarn, zusammengebrochen. Dadurch wurden viele ungemein nützliche Informationsquellen über die damalige Zeit zugänglich, und konnten ausgewertet werden. Die Kunst Paul Lendvais liegt nicht allein darin, dass er es geschafft hat, aus den vielen Quellen die wichtigsten Informationen auszuwählen, sondern vor allem darin, wie er sie auswertet und deutet. Die Frage, warum die wichtigsten Personen, wie Imre Nagy oder János Kádár so handelten, wie sie es taten wird ebenso ausführlich diskutiert, wie das "Kádárrätsel", das Verhalten der anderen involvierten sowjetischen Regierungen und der Westmächte, die Ungarn einmal mehr "im Stich ließen". Ebenso gründlich werden Thesen über die Folgen der Revolution für Ungarn, und den gesamten Sowjetblock besprochen.

Insgesamt liefert Paul Lendvai mit "Der Ungarnaufstand 1956 - Eine Revolution und ihre Folgen" ein sehr gutes Buch zu diesem wichtigen Thema ab, dessen Stärke in erster Linie darin liegt, dass die Geschehnisse nicht nur wiedererzählt, sondern gründlich ausgewertet, analysiert und diskutiert werden. Für eine eindringlichere Beschreibung der Ereignisse empfehle ich zudem das Buch "Die ungarische Tragödie. Wie der Aufstand von 1956 liquidiert wurde", vom damaligen budapester Polizeipräsidenten Sándor Kopácsi.
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5.0 von 5 Sternen Ein wichtiges Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte, 8. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Ungarnaufstand 1956: Eine Revolution und ihre Folgen (Gebundene Ausgabe)
Obwohl seinerzeit stark beachtet, gehört der Ungarnaufstand 1956 in Deutschland zu den eher vergessenen Kapiteln der europäischen Nachkriegsgeschichte. Ungarn gilt hierzulande eher als das Land des "Gulaschkommunismus", als die "fröhlichste Baracke des Ostblocks", während stärker die rezenteren Vorgänge in Polen (Solidarnoscz, Verhängung des Kriegsrechts 1981), in der Sowjetunion (Gorbatschow) und natürlich in der DDR weitaus stärkere Beachtung finden. Der Ungarnaufstand ist aber aus zwei Gründen für die europäische Geschichte besonders wichtig: Zum einen verdeutlichte der Aufstand zum ersten Mal in aller Deutlichkeit, dass die kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa (mit Ausnahme Jugoslawiens) nur durch sowjetische (Militär)Präsenz aufrechterhalten werden konnten und dass der Westen die in Yalta beschlossene Nachkriegsordnung respektierten - allen Bekundungen eines "roll back" zum Trotz; zum anderen hatte die Niederschlagung des Aufstands durch sowjetische Truppen eine bis dahin beispiellose Distanzierung der mit der Sowjetunion sympathisierenden westeuropäischen Intellektuellen zur Folge - vor allem in Frankreich und Italien. Paul Lendvai beleuchtet die zentralen Aspekte des Aufstands. Er stellt die Frage nach Verantwortlichkeiten, zum Beispiel auch der Titoregierung und zeichnet ein differenziertes Bild der wichtigsten ungarischen Entscheidungsträger Nagy und Kadar. Während Nagy letzten Endes als ein Zögerer, ein Getriebener dargestellt wird, erscheint Kadar als Opportunist, auch wenn Lendvai seine späteren Verdienste bei der inneren Befriedung Ungarns durchaus würdigt. Der Autor davon aus, dass Kadar von den Sowjets entführt und zur Bildung einer Gegenregierung gezwungen wurde; eine These, die er sorgfältig belegt, die aber dennoch Fragen aufwirft. In der verständlich und anschaulich geschriebenen Monographie fehlen persönliche Erlebnisse ebenso wenig wie der Versuch, die Gründe für die Besonderheiten der ungarischen Situation zu eruieren: Das in Mittelosteuropa einzigartige Gefühl der Niederlage (nicht nur des Ersten, sondern auch des Zweiten Weltkriegs) sowie die besondere Brutalität des Rakosi-Regimes.
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5.0 von 5 Sternen Ausbruchsversuch aus einem Völkergefängnis, 27. Januar 2011
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Rezension bezieht sich auf: Der Ungarnaufstand 1956: Eine Revolution und ihre Folgen (Gebundene Ausgabe)
Später Geborene werden sich schwer vorstellen können, daß in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein eurasisches Vielvölkergefängnis von ungeheuren Ausmaßen existierte. Von Elbe und Werra reichte es bis an den Pazifik. Vermeintlich für die Ewigkeit zementiert, zerfiel es doch Ende der 80er Jahre verdient kläglich. Alle Gewalttaten, mit denen die Machthaber die ihnen ausgelieferten Völker über Jahrzehnte in Schach hielten, konnten den Zusammenbruch des Ostblocks an inneren Widersprüchen nur aufhalten, abwenden aber nicht. Auf äußere Hilfe durften die hinter dem "Eisernen Vorhang" Lebenden nie hoffen. Im Ergebnis des 2. Weltkriegs hatten die Siegermächte die ihnen verfügbare Welt untereinander aufgeteilt, und ausnahmslos respektierte der "Westen" die festgelegten Einflußgrenzen, die ganz Ost- und große Teile Südosteuropas zur Kriegsbeute des Sowjetdiktators Stalin machten. Ihm hörige Satrapen garantierten in zuvor selbständig gewesenen Staaten schrankenlose Parteidiktaturen nach strikt sowjetischem Muster. Nicht jedes Volk nahm solche Fremdherrschaft widerstandslos hin. Eines der leuchtendsten Beispiele patriotischen Aufbegehrens war die heldenhafte Erhebung des ungarischen Volkes im Herbst 1956 gegen seine Unterdrücker. Niemals darf die Erinnerung daran erlöschen, wie heroisch damals ein kleines Land in geostrategisch fast aussichtsloser Lage sein nationales Selbstbestimmungsrecht zu erkämpfen suchte.
Nur brutalste Niederschlagung des Aufstands durch sowjetisches Militär vermochte, zugleich exemplarisch abschreckend für andere Ostblockstaaten, den ersten ernsthaften Ausbruchsversuch aus dem Völkergefängnis zu vereiteln. Auch wenn der Sowjetimperialismus mit demselben Prozedere 12 Jahre später den Prager Frühling abermals blutig erstickte, brach die fortlebende Freiheitssehnsucht Ende der 80er Jahre - leider erst 33 Jahre nach den Ungarnereignissen- sich doch schließlich unumkehrbar Bahn. Insbesondere wer mit heißem Herzen sowohl 1956 mit den Ungarn wie 1968 mit den Tschechen und Slowaken auf Erfolg ihres Ringens um Freiheit und Menschenrechte gehofft hat, weiß Lendvais hervorragendes Werk über den Ungarnaufstand überaus hoch zu schätzen.
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4.0 von 5 Sternen Gut lesbar und differenziert dargestellt, 7. März 2013
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Rezension bezieht sich auf: Der Ungarnaufstand 1956: Eine Revolution und ihre Folgen (Gebundene Ausgabe)
Um es vorweg zu sagen: Paul Lendvai zitiert in seinem Buch über den ungarischen Volksaufstand von 1956 keine neuen Dokumente, sondern fasst den derzeitigen Erkenntnisstand zusammen. Er verbindet die distanzierte Sicht des Journalisten mit persönlichen Erinnerungen an den Aufstand, tut dies jedoch mit der gebotenen Sachlichkeit und Differenziertheit. So ist ein über weite Strecken sehr gut lesbares und interessantes Buch entstanden, das man auch einem breiten Leserpublikum empfehlen kann. Als Ursachen für den Ausbruch des Aufstandes arbeitet Lendvai folgende Faktoren heraus:

1. Demütigung des ungarischen Nationalgefühls (Friedensvertrag von Trianon 1920, Sowjetisierung nach 1945, Verletzung nationaler Symbole),
2. brutale Stalinisierung bis 1953 (Schauprozesse, Hinrichtungen, Säuberungen, niedriger Lebensstandard durch Kollektivierung und überzogene Industrialisierung),
3. Fraktionskämpfe in der ungarischen KP zwischen 1953 und 1956.

Als besonders interessant und aufschlussreich betrachte ich die Dekonstruktion populärer Heldenlegenden um einige Akteure wie z.B. Pal Maleter und besonders Imre Nagy. Lendvai betont mehrfach die historische und menschliche Größe, die Nagy durch sein Handeln während des Volksaufstandes und seine Standhaftigkeit im Geheimprozess von 1958 gewann. Dennoch verschweigt Lendvai nicht, dass Nagy in den 30er Jahren als Informant des sowjetischen NKWD viele Menschen denunzierte, die anschließend hingerichtet oder inhaftiert wurden. Den Kampf gegen die stalinistische Führung um Matyas Rakosi begründete Nagy auch mit antisemitischen Argumenten (S. 297). Besonders zu Beginn des Aufstandes agierte Nagy sehr zögerlich und verfiel - hin- und hergerissen zwischen Parteidisziplin und patriotischem Gefühl - in Depressionen. Er erscheint eher als Getriebener, der im entscheidenden Moment zwar Fehler machte, aber in einer unlösbaren Situation und nach inneren Kämpfen ohne Rücksicht auf die eigene Person auf die richtige Seite fand.

Ebenso differenziert urteilt Lendvai über Janos Kadar, der mehrfache Wandlungen vollzog (Täter und Opfer im Stalinismus, 1956 Verräter, bis Anfang der 60er Jahre Initiator brutaler Maßnahmen gegen die am Volksaufstand Beteiligten, dann Symbolfigur des ungarischen "Gulaschkommunismus" und vorsichtiger Reformer). Lendvai geht auf die nach wie vor zwiespältige Haltung der ungarischen Gesellschaft zur Kadar-Ära ein, die einerseits als Zeit relativen Wohlstandes und kleiner Freiheiten gilt, zugleich aber durch die materielle Korrumpierung und Entpolitisierung der Bevölkerung sowie historische und politische Tabus die Grundsätze kommunistischer Herrschaft (Parteidiktatur, sowjetische Vormachtstellung) nie in Frage stellte.

Etwas kritisch würde ich lediglich anmerken, dass Lendvai in dem Bemühen, die revolutionären Ereignisse möglichst genau darzustellen, manche durchaus entbehrliche Details anführt. Emotional verständlich empfinde ich seine Kritik an der desinteressierten zynischen Haltung des Westens im Herbst 1956. Andererseits musste bereits damals jedem klar sein, dass der Westen wegen eines vergleichsweise kleinen und unbedeutenden Landes wie Ungarn keine zusätzlichen Konflikte mit der Sowjetunion riskieren würde. Diese Einschränkungen schmälern den Wert des Buches jedoch nur unwesentlich.
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Der Ungarnaufstand 1956: Eine Revolution und ihre Folgen
Der Ungarnaufstand 1956: Eine Revolution und ihre Folgen von Paul Lendvai (Gebundene Ausgabe - 28. August 2006)
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