wintersale15_70off Hier klicken Reduzierte Hörbücher zum Valentinstag Cloud Drive Photos Erste Wahl Learn More Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip WSV

Kundenrezensionen

3,0 von 5 Sternen71
3,0 von 5 Sternen
Format: Gebundene AusgabeÄndern
Preis:18,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 4. August 2013
Ich mag es, wenn Philosophen locker, unakademisch und allgemein verständlich für die Allgemeinheit schreiben. Das hat mir auch bei Markus Gabriel gefallen. Inhaltlich allerdings war ich nach der Lektüre ziemlich enttäuscht. Was verspricht er nicht alles auf S. 25, Antworten auf die großen Fragen: Woher kommen wir? Worin befinden wir uns? Und was soll das Ganze? Nun, Frage eins bleibt völlig unbeantwortet. Die Antwort auf Frage 2 lautet: Wir befinden uns in unendlich vielen Sinnfeldern, weshalb es "die" Welt nicht gibt. Das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Gabriels Antwort auf die dritte Frage schließlich lautet: "Wir leben gemeinsam in unendlich vielen Sinnfeldern, die wir uns auf immer neue Weise verständlich machen. Was wollen wir mehr?" (Gabriels Schlussatz S. 240). Das kann nur ein wirklich kopfgesteuerter Professor für Philosophie schreiben. Was wir mehr wollen? Oh, so einiges, denke ich. Ich möchte nicht nur anderen Sinnfelder verständlich machen, sondern im Leben eine ganze Menge mehr.

Noch eine Bemerkung zu Gabriels Wettern gegen den Konstruktivismus, den er wie übrigens auch den Materialismus und Theismus sehr unphilosophisch extrem verkürzt. Kein Konstruktivist behauptet, dass die Laterne, gegen die er läuft, eine gedankliche Konstruktion ist. Begriffe wie "die Bundesrepublik" (die Gabriel immer wieder gerne als Beispiel benutzt) allerdings sehr wohl! Gabriels etwas großspurig im ersten Kapitel angekündigter "Neuer Realismus" erweist sich als reine Behauptung. Dass wir die Dinge an sich erkennen und beschreiben, wie sie wirklich sind, dass wir sie in ihrem Kern erfassen und nicht interpretieren, dass wir die Welt entschlüsseln können, dafür spricht meiner Meinung nach - gerade auch rückblickend auf die Irrtümer der Menschheit - nur sehr wenig. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir uns in vielen Dingen heute irren, jedenfalls wird man dies in Tausend Jahren über unsere Zeit sagen, so ähnlich wie wir heute über die Irrtümer des Mittelalters urteilen. Je mehr wir wissen, desto größer wird der Bereich unseres Unwissens. Wie die Welt wirklich ist, wird der Mensch nicht erfassen, dazu müsste er Gott sein.
1212 Kommentare134 von 153 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 5. August 2013
Mir bleibt nach dem Lesen des Buches unverständlich, was der "Neue Realismus" nun für neue Einsichten gebracht haben soll. Mit vielen Worten wird beschrieben, was die Mathematik seit mehr als 100 Jahren weiß, nämlich, dass die Menge, die alles enthält, zu logischen Widerspüchen führt, weil sie sich auch selbst enthalten müsste. Übersetzt man Menge mit Welt, dann kommt zum gleichen Resultat.
Statt der Geisteswissenschaft Philosophie wird dem Leser hier eher eine Verbalakrobatik vorgeführt, die keine neuen Erkenntnisse transportiert. Dafür werden die Naturwissenschaften als eine Art Religion vorgeführt. Jedoch haben diese den Vorteil, dass sie sich an der Realität prüfen lassen müssen. Genau das fehlt der hier vorgeführten "Philosophie".
0Kommentar86 von 100 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. August 2013
Markus Gabriel mag keine 'unsinnigen' Ontologien, das heißt solche, in denen etwa offensichtliches---wie die Existenz der Zeit oder des Raumes---geleugnet, oder unnötiges---wie etwa viele 'parallele' Welten zusätzlich zu der unserigen---hinzugefügt wird. Er möchte eine Ontologie, die im Lichte dessen, was uns erfahrbar ist, Sinn macht. Diese glaubt er mit seiner 'Sinnfeldontologie' bereitzustellen---in welcher alles, auch unsichtbare pinke Einhörner auf der Rückseite des Mondes, existiere, nur eben 'die Welt' als Gesamtheit aller Dinge nicht. Damit wird schon einmal klar, dass Gabriel und ich andere Vorstellungen davon haben, was 'Sinn macht', und was mit unserer Erfahrung vereinbar ist; aber das allein muss ja noch nichts heißen.

Substantieller muss man festhalten, dass eine derartig inflationäre Ontologie notwendig inhaltsleer ist: erst wenn uns eine Ontologie befähigt, zu sagen, was existiert im Unterschied zu dem, das nicht existiert, ist eine nichttriviale Aussage getroffen; erst dann hat die Ontologie einen Informationsgehalt. Weiterhin ist Gabriels Vorschlag auch explanatorisch steril: jedes Ding, das existiert, muss um zu existieren in (mindestens) einem 'Sinnfeld' vorkommen; damit aber das Sinnfeld selbst existieren kann, muss es seinerseits wieder in einem vorkommen, und so weiter. Was ein 'Sinnfeld' genau ist, wird hier nicht absolut scharf definiert (in der Tat findet man im Glossar unter 'Sinnfeld' nur die wenig hilfreiche Bemerkung, es sei ein 'Ort, an dem überhaupt irgend etwas erscheint'). Anfangs spricht Gabriel von etwas konkreteren 'Gegenstandsbereichen': steht ein Pferd auf der Wiese, ist das Pferd ein Gegenstand, und die Wiese der Gegenstandsbereich, in dem es erscheint. Alle Existenz, laut Gabriel, ist von dieser Art (das ist zunächst einmal nicht neu, sondern entspricht grob dem Begriff des 'bedingten Entstehens', das in der fernöstlichen Philosophie---insbesondere dank der Schriften Nagarjunas---den Begriff des substantiellen Seins, des existierens 'aus eigener Kraft' heraus, weitgehend überschattet).

Das Problem ist aber, dass letztlich dieser Seinsbegriff nichts erklärt. Man fühlt sich erinnert an einen ähnlichen Vorschlag, der (oder so will es die Legende) in einer sich an einen Vortrag Bertrand Russells anschließenden Diskussion vorgebracht wurde: dort behauptete nämlich eine ältere Dame, dass letztlich die Welt auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte getragen werde; auf Russells Gegenfrage, worauf denn die Schildkröte selber stünde, antwortete die Dame gewitzt, dass es wohl Schildkröten bis ganz nach unten seien. Das ist dem analog, wie Existenz in der Sinnfeldontologie funktioniert: jedes Ding, das existiert, ruht für seine Existenz auf einem unendlichen Turm aus Sinnfeldern in immer weiteren Sinnfeldern. Damit ist jedoch nicht erklärt, warum ein Ding existiert, genausowenig wie die Annahme eines (zeitlich) unendlichen Universums dessen Existenz begründet: zwar kommt man um die Verlegenheit, einen Anfangspunkt zu finden, ganz gut herum, aber die unendliche Kette als Ganzes bleibt unerklärt. Damit ist die Sinnfeldontologie aber im doppelten Sinne leer: sie enthält keinerlei Information, weil sie keinerlei Unterscheidung zwischen existenten und nichtexistenten Dingen trifft (mathematisch gesprochen hat die Menge aller Dinge denselben Informationsgehalt wie die leere Menge, nämlich keinen, da sie aus dieser direkt mittels Komplementierun gewonnen werden kann), und sie kann die Existenz eines beliebigen Dinges nicht erklären. Gabriels Versuch, diese 'dunkelste Frage der Philosophie' (William James), nämlich die, warum es überhaupt irgendetwas gibt, zu klären, kann als gutes Beispiel für seine Argumentationsstrategie herhalten: er argumentiert nämlich, wenn es nichts gäbe, gäbe es doch wenigstens die Tatsache, dass es nichts gäbe---und somit nicht nichts!

Aber das ist, um eine von Gabriels Lieblingswendungen zu zitieren, schlicht falsch: denn wenn es diese Tatsache gibt, dann ja eben nicht nichts; damit ist diese Tatsache aber falsch. Mit solch einem Sophistentrick kommt man um das Nichts nicht herum! Von ähnlicher Qualität sind übrigens seine Argumente gegen den Monismus, den Materialismus, und andere -ismen. Sein Argument gegen den Konstruktivismus ist allerdings besonders interessant: er stellt fest, dass, damit wirklich jede Tatsache nur relativ sein kann, man eine unendliche Regression von Tatsachen relativ zu weiteren Tatsachen annehmen muss. Dann wäre es aber eine absolute Tatsache, dass alle Tatsachen relativ sind---dies ist zunächst einmal der selbe Fehler wie zuvor: wenn diese Tatsache absolut ist, sind eben nicht alle Tatsachen relativ. Aber der sehr viel seltsamere Aspekt dieser Argumentation ist der, dass er zuvor aus einer analogen Schlusskette die Folgerung zieht, dass die Welt nicht existiert, während hier die Schlussfolgerung ist, dass der Konstruktivismus falsch ist! Denn das die Welt nicht existiert, folgt daraus, dass sie in keinem Sinnfeld vorkommt. Hat man also eine Gesamtheit aller Sinnfelder, und möchte diese 'die Welt' nennen, so muss, um zu existieren, diese aber wieder in einem Sinnfeld vorkommen---dann war das vorherige aber nicht die Gesamtheit aller Sinnfelder. Da an der Sinnfeldontologie festgehalten werden muss, folgt daraus, dass es 'die Welt' nicht geben kann. Analog wäre dann der Schluss bezüglich des Konstruktivismus, dass es die Tatsache 'alle Tatsachen sind relativ' nicht geben kann---weil es etwa keinen Sinn macht, über 'alle Tatsachen' zu sprechen. Aber dieser wird nicht gezogen, da im Unterschied zur Sinnfeldontologie Gabriel am Konstruktivismus nicht festhalten will. Es scheint hier also, wie an manch anderer Stelle, der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein---die Schlussfolgerung stand fest, und es wurde lediglich ein Argument erdacht, um sie zu unterstützen. Statt dessen würde man sich wünschen, das Gabriel öfter seine eigenen Gedanken kritisch prüfen würde, und Meinungen erst auf Grund dessen fasste.

Gedanken kritisch zu prüfen ist, stark vereinfacht, der Grundgedanke der Wissenschaft, und mit Wissenschaftskritik spart Gabriel nicht. Zunächst einmal ist hier fest zu halten, dass viel seiner Kritik an einzelnen Wissenschaftlern durchaus begründet ist: es ist leider allzu oft so, dass insbesondere wir Physiker uns als 'Experten für Alles' fühlen und uns zu übereilten Aussagen hinreißen lassen. Beispiele hierfür sind der von Gabriel bereits gerügte Stephen Hawking mit seinem 'Tod der Philosophie', aber auch Steven Weinberg, dessen Buch 'Dreams of a Final Theory' ein ganzes Kapitel 'Against Philosophy' enthält, und auch Lawrence Krauss, dessen 'Universe from Nothing' die 'dunkelste Frage' nur wenig geschickter behandelt als Gabriel selbst. Es ist sicherlich falsch, dass man mit Hilfe der Physik die Grundfragen der Philosophie klären könnte; nichtsdestotrotz verfehlt Gabriels Kritik das Ziel letzten Endes total. Bezeichnend ist hier vor allem, welche Bereiche der Erfahrung er der (Natur-)Wissenschaft zugestehen will: dies sind vor allem die des ganz kleinen (Elementarteilchen etc.), als auch die des ganz großen (Planeten, Galaxien, das Universum selbst). Also eben jene Bereiche, in denen der Mensch von Natur aus keine Intuition hat, der durch wissenschaftliche Untersuchungen widersprochen werden könnte; da wo diese Intuition existiert, z.B. in seinm Wohnzimmer, will Gabriel aber die Wissenschaft lieber nicht hereinlassen.

Das negiert aber eine der größten intellektuellen Leistungen der Menschheitsgeschichte: Newton's Erkenntnis, dass die Dinge der sublunaren Sphäre, also all das um uns herum---Tische, Stühle, Steine, usw---denselben Gesetzen folgt wie die Mechanik des Himmels. Dies rückgängig machen zu wollen bedeutet eine schon fast ludditisch reaktionäre, antifortschrittliche Einstellung. Gut, auch Gabriel gibt zu, dass hinsichtlich ihrer physikalischen Eigenschaften wohl all die Dinge in seinem Wohnzimmer physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgen, aber er hält daran fest, dass das Wohnzimmer als solches, wohl als geistiges oder abstraktes Konzept jenseits der Dinge, die es (physikalisch-materiell) konstituieren, eben nicht in der Physik vorkommt (und da der Konstruktivismus ja falsch ist, auch kein Konstrukt sein kann, sondern wirklich existieren muss). Hier lässt sich aber ein einfaches Beispiel angeben, dass zeigt, dass da nichts 'extra' sein muss, dass es zumindest plausibel ist, dass jenseits der physikalischen Eigenschaften keine extraphysikalische Realität von Gabriels Wohnzimmer angenommen werden muss: das ist die Möglichkeit, dass wir in einer einzigen riesigen Computersimulation leben oder, für die, die's weniger modernistisch mögen, dass alles, was wir beobachten und erfahren, bloße Halluzination ist. Dann ist nämlich die Möglichkeit der Reduktion explizit gegeben: alles, was innerhalb der Computersimulation existiert, lässt sich auf funktionale Zustände des Computers, und damit auf Konfigurationen von Elementarteilchen, zurückführen. Dem 'Wohnzimmer' muss keine zusätzliche Realität jenseits der seiner Konstituenden zugesprochen werden, ebenso wie der Wand keine Relität jenseits der Backsteine, die sie ausmachen, zukommt.

Das berührt ein weiteres Problem der Sinnfeldontologie, das Gabriel entweder nicht sieht, oder zu diskutieren versäumt: das der kausalen Abgeschlossenheit des physischen, und das damit zusammenhängende Interaktionsproblem verschiedener Substanzen. Alles, was geschieht, kann---oder zumindest ist das der momentane Erkenntnisstand---lückenlos auf eine Kette physikalischer Interaktionen zurückgeführt werden, sogar die Rede von Konzepten wie 'Wohnzimmer'. Wenn dem aber so ist, was ist dann die Rolle von diesen Konzepten, die ja laut Gabriel selber eine eigene Existenz---eben in einem anderen Sinnfeld---haben sollen? Sie scheinen kausal völlig inert: wenn meine Rede vom Wohnzimmer vollständig determiniert ist dadurch, dass ich mit den Gegenständen des Wohnzimmers in bestimmter Weise kausal wechselwirke, kann dieses Konzept nicht mehr sein als ein Epiphänomen, da, aber wirkungslos; damit kann es aber ersatzlos gestrichen werden. Zur gleichen Zeit aber kann dies nicht die ganze Geschichte sein: wenn ich, zum Beispiel, Galaxien beobachte und neue Erkenntnis über ihren Aufbau gewinne, dann scheinen die Galaxien im Sinnfeld Universum die im Sinnfeld meiner Vorstellung zu beeinflussen. Also muss irgendeine Art kausaler Interaktion zwischen Sinnfeldern möglich sein; dennoch werde ich nicht mit einem im Sinnfeld meines Denkens befindlichen Queue eine im Sinnfeld eines tatsächlichen Billardtisches befindliche Kugen anstoßen können. Das in der Tat die Interaktion zwischen verschiedenen Substanzen ein großes Problem darstellt, ist altbekannt, und wurde Descartes gegenüber in einem Brief der Prinzessin Elisabeth von Böhmen als Problem seines interaktionistischen Geist-Körper Dualismusses vorgetragen. Descartes selbst führte daraufhin die Zirbeldrüse als Sitz des 'kausalen Nexus' zwischen Geist und Körper ein, ein wenig überzeugender ad-hoc Schritt; später sah sich Leibnitz gezwungen, in seiner Monadologie, dem wohl am besten bekannten Beispiel für Pluralismus, eine 'prästabilierte Harmonie' einzuführen: die Substanzen interagieren nicht wirklich, sonder verhalten sich nach vorher aufgeprägten Regeln nur so, als ob sie es täten, so wie eine Uhr auf meinem Schreibtisch die selbe Zeit zeigt, die die Uhr im Flur schlägt, ohne das beide einander beeinflussen. Gabriel hingegen wirft diese Problematik nicht einmal auf.

Auch mit den Lösungen für andere philosophische Probleme ist es oft nicht weit her: zum Beispiel scheinen die Sinnfelder ein probabtes Mittel zur Diskussion negativer Existenzaussagen---also Aussagen von der Form 'Pegasus existiert nicht'---zu sein. Für gewöhnlich, wenn man behaupted 'x ist y', dann enthält diese Behauptung implizit eine Existenzbehauptung; denn würde x nicht existieren, könnte es nicht die Eigenschaft y haben. Doch behauptet man dann, wenn man sagt, 'Pegasus existiert nicht', dass es ein Ding namens Pegasus gibt, welches nicht existiert? Das ist widersinnig, und hat für viel Diskussion gesorgt, von Kant bis Quine. Unter dem Diktat der Sinnfeldontologie allerdings hat man eine simplere Möglichkeit: 'existiert nicht' bedeutet hier lediglich soviel wie 'kommt im Sinnfeld der greifbaren Dinge nicht vor'. Damit scheint dieses Problem gelöst. Doch das kann nicht die einzige Weise sein, in der die Sinnfeldontologie mit negativen Existenzaussagen umgeht: denn gerade für die Zentralaussage 'die Welt existiert nicht' ist diese nicht anwendbar, da die Welt ja nun wirklich nicht existiert. Dasselbe gilt für logisch widersprüchliche Aussagen, wie etwa 'der quadratische Kreis existiert nicht'. Damit ist dem Problem der negativen Existenzaussagen also nicht beizukommen.

Es sind Ungenauigkeiten, Auslassungen, und oftmals schlichte Widersprüche, die dieses Werk als Ganzes ein Fehlschlag werden lassen. (Zum Beispiel hängt Gabriel der Unfehlbarkeit der Erfahrung an: wenn wir also etwas durch eine grüne Brille sehen, sehen wir eben wirklich grüne Dinge, während er gleichzeitig von der Fehlbarkeit des Selbstbewusstseins ausgeht: er beschreibt, wie er von der schmutzigen Fensterscheibe getäuscht wird, dass es regnet, während es aber in Wirklichkeit nicht regnet, und gesteht damit implizit die Existenz einer wahrnehmungsunabhängigen Wirklichkeit ein---allerdings würde das Argument selbst ohne diese Inkonsistenz nicht funktionieren: Gabriel (in der Geschichte) ist sich ja seines Glaubens, dass es regnet, völlig zu Recht bewusst, nur ist eben dieser Glaube unbegründet.) Dies ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass sich das Buch an eine populäre, anstelle einer professionellen, Leserschaft richtet: dies erlaubt Gabriel sowohl sehr viel größere Freiheiten im Umgang mit der Rigorie der Argumentation, als auch auf eine Verortung seiener Ansichten innerhalb der momentanen Meinungslandschaft der Philosophie weitgehend zu verzichten (so könnte man nach der Lektüre von 'Warum es die Welt nicht gibt' der Meinung sein, monistische Ansichten im Allgemeinen und der Physikalismus im Besonderen werden heutzutage schon in der Grundschule widerlegt, dabei ist letzterer---wenn auch nur knapp---mit 56.5% die momentane Mehrheitsmeinung, zumindest wenn es um die philosophie des Geistes geht).

Alles in allem kann also dieser Entwurf eines 'neuen Realismus' mittels Sinnfeldern nicht als gelungen angesehen werden: es ist weder klar, welche Probleme er löst, noch, wie er mit den Problemen, die er aufwirft, fertig wird (als weiteres mag hier das Problem der Zeit angesehen werden: die Sinnfelder, laut Gabriel, sind dynamische Entitäten, entwickeln sich also in der Zeit; Zeit selbst aber, um zu existieren, muss innerhalb eines Sinnfeldes vorkommen). Das Grundproblem hier scheint zu sein, dass die Annahme, dass Konzepte, Tatsachen, Abstrakta etc. in genau der selben Weise existieren wie Gegenstände schlichtweg zu naiv ist: wenn ich ein grünes Blatt betrachte, existiert nicht das grüne Blatt, sowie die Tatsache, dass es grün ist; wenn ich ein Haus aus Legosteinen baue, existiert dieses Haus nicht zusätzlich zu den Legosteinen, die es konstituieren. Das Haus folgt den Legosteinen, und dem Blatt dessen Grünheit. Gabriels Ontologie führt daraufhin zu ähnlichen Problemen wie die naive Mengenlehre: eine Menge aller Mengen ist kein konsistentes Konzept. Gabriel verkauft das als tiefe Einsicht, in Wahrheit ist es nur ein defizit eines inadäquaten Modells.

Wie man ein solches Modell besser gestalten könnte, ist seit fast einhundert Jahren jedem Physiker bekannt: seit Niels Bohr wissen wir, dass es inkompatible Bilder der Welt gibt, die nicht unter einen Hut gebracht, aber dennoch alle gemeinsam zu einer vollständigen Beschreibung nötig sind. Das ist das Phänomen der Komplementarität, dessen am Besten bekannte Ausprägung die Dualität zwischen Wellen- und Teilchenbeschreibung elementarer Prozesse ist. Beide Beschreibungen können nicht gemeinsam angewendet werden, und dennoch sind beide nötig. Die Welt der Quanten ist nicht aus einem Guss: stattdessen besteht sie, der Gabrielschen Ontologie oberflächlich ähnlich, aus komplementären, teilweise überlappenden Bildern; im Unterschied zu Sinnfeldern sind diese jedoch präzise Beschreib- und Begreifbar (mathematisch gesprochen, korrespondieren sie mit bestimmten Mengen von Observablen, deren mathematische Repräsentanten die Eigenschaft haben, zu kommutieren, d.h. bei Multiplikation miteinander zu vertauschen). Hier hätte sich Gabriel interessante Anregungen für eine rationalere Version seines Weltbildes holen können, und es ist gerade seine Wissenschaftsskepsis, die ihm hier im Wege steht.

Als letzte Ironie sei noch angemerkt, dass es gerade das Weltbild des von Gabriel so verschrienen Stephen Hawking ist, dass seinem am nächsten kommt: dieser formulierte nämlich in seinem letzten Buch, 'The Grand Design', die Idee des 'modell-abhängigen Realismus': es gäbe keine einzelne 'Theorie von Allem'; stattdessen sei die Welt in verschiedene, teilweise überlappende Bereiche eingeteilt, für die verschiedene Theorien Gültigkeit besitzen. In Hawkings Bild sind dies verschiedene, zueinander duale Versionen der Stringtheorie; erweitert man jedoch auf Theorien aller möglichen Arten, erhält man letztlich etwas, das den Gabrielschen Sinnfeldern zum Verwechseln ähnelt.
1616 Kommentare94 von 110 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 25. April 2014
Zu Anfang fragte ich mich noch, ob der Autor die von ihm kritisierten Ansätze nur banalisert, um Themen fürs sein Buch zu kreiren. Leider setzte sich die Erkenntnis durch, dass er diese tatsächlich in keinster Weise verstanden hat.
Hatte ich zu Anfang der Lektüre noch die Hoffnung, dem Buch wenigstens einige interessante Gedanken(gänge) entnehmen zu können, brach ich nach der Hälfte fassungslos ab. Fassungslos darüber, dass der Verfasser dieses überflüssigen Machwerks Professor einer deutschen Hochschule ist.
0Kommentar19 von 22 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 4. Juli 2013
Leider, ich sage es ungern, hat mir die Lektüre dieses Buch keine Freude bereitet. Nachfolgend versuche ich, dies an den wichtigsten Sachverhalten, die mir nicht gefallen haben, deutlich zu machen:

Die Welt, so Prof. Gabriel, gibt es nicht; alle Tatsachen gibt es in der Welt, aber die Welt ist keine Tatsache in der Welt: denn dann würde diese Tatsache der Welt in der Welt wieder den größeren Sinnzusammenhang der Welt voraussetzen. Der Fotoapparat kann sich nicht selbst fotografieren, mein Bewusstsein kann sich selbst nicht als dieses Bewusstsein wahrnehmen, da die Wahrnehmung meines Bewusstseins ja gerade mein Bewusstsein voraussetzt. Das ist philosophisch, lapidar gesprochen, nichts Neues; ein Rätsel bleibt die Welt und das Bewusstsein allemal.

Zum anderen ist gerade der KONSTRUKTIVISMUS dem Autor ein Dorn im Auge. In seiner Abwehr dieser philosophischen Mode reiht er sogar Kant in die Vorläufer des Konstruktivismus ein; eine Behauptung, die sich meinem Verständnis entzieht. Kant hat nicht behauptet, dass wir die Welt in unserer Wahrnehmung erschaffen, sondern dass sich die Welt durch unsere Wahrnehmung entfaltet, sozusagen lichtet. Sollte einem das Bedürfnis nach einem ISMUS überkommen, so könnte man diesen Zusammenhang als fundamentalen oder konstitutiven RELATIONALISMUS bezeichnen.
Die Welt ist MEINE Vorstellung, aber ich erschaffe sie nicht. Ein Objekt an sich, eine Tatsache an sich ist, wie Schopenhauer so treffend bemerkte, ein „erträumtes Unding“ ein „Irrlicht der Philosophie“. Und doch will Prof. Gabriel uns scheinbar Glauben machen, dass es solche Tatsachen an sich gibt, wie folgendes Zitat belegt: „Unendlich vieles erscheint in einem Sinnfeld, ohne dass irgendwann jemand dies bemerkt hätte. Dabei spielt es in ontologischer Hinsicht eine untergeordnete Rolle, ob wir Menschen davon erfahren oder eben nicht. Die Dinge und Gegenstände erscheinen nicht nur, weil sie uns erscheinen, sie existieren nicht nur, weil uns dies aufgefallen ist. Das meiste erscheint einfach, ohne dass wir Notiz davon nehmen.“ (Seite 92). Damit fällt er aber, so meine ich jedenfalls, erkenntnistheoretisch hinter Kant zurück und bietet uns hier keinen neuen, sondern allenfalls einen naiven Realismus, da er versucht, das wahrnehmende Bewusstsein aus der Wahrnehmung zu streichen. Von irgendeiner, letztlich von meiner Wahrnehmung unabhängige Tatsachen gäbe es aber nur dann, wenn es ein von mir unabhängiges Überbewusstsein gäbe, an dem ich, in welcher Form auch immer, partizipieren könnte, um Tatsachen, die ich nicht selbst wahrgenommen habe, im Nachhinein doch noch selbst wahr zu nehmen.
Wie hat Prof. Gabriel doch den Fetischismus definiert? „Unter FETISCHISMUS versteht man die Projektion übernatürlicher Kräfte auf einen Gegenstand, den man selbst gemacht hat. Diese Projektion wird vorgenommen, um die eigene Identität in ein rationales Ganzes zu integrieren.“ (Seite 182). Dieses Überbewusstsein ist ein Gegenstand, den man so gemacht hat, dass man sich gleichzeitig vormacht, man habe ihn nicht gemacht. Die Sprache, die große Lügnerin, gaukelt uns vor, unsere Wahrnehmung sei objektiv, für alle gleich-gültig. Sie lässt uns glauben, die Welt würde auch ohne unsere Wahrnehmung so sein, wie sie ist, objektiv und aufbewahrt in der Totalität der Begriffe, in diesem Überbewusstsein. Nirgendwo wollen wir sterben; natürlich auch nicht in der Wahrnehmung, deren vermeintliche Objektivität vermittelt durch die Sprache uns zu überdauern scheint. Wir müssen es wieder so profan sagen: Prof. Gabriel geißelt den Fetischismus und fällt selbst auf einen Fetisch herein, der Sprache heißt.

Ganz und gar unverzeihlich ist aber jener Satz: „Der existentielle Jammer stellt sich ein, wenn man vom Leben etwas erwartet, das es nicht gibt, nämlich Unsterblichkeit, ewige Glückseligkeit und eine Antwort auf all unsere Fragen. Wenn man an das Leben auf diese Weise herangeht, wird man nun einmal enttäuscht“ (Seite 246). Eine solche Aussage ist für jemanden, der sich als einen Philosophen bezeichnet, schlicht unmöglich und peinlich.
Danach ist man nun selbst schuld, wenn man z.B. in einer Diktatur lebt, Freiheit verlangt und dafür verprügelt, eingesperrt oder getötet wird. Wer so an das Leben herangeht, wer solche Erwartungen hat, bei dem muss sich ja existentieller Jammer einstellen, wenn er enttäuscht wird. Da hat man einfach nur das verkehrte Sinnfeld erwischt; man nehme einfach ein anderes, es gibt ja unendlich viele. Und der Mensch, der am Leben verzweifelt und keine Antwort auf die Frage findet, warum er hier ist, warum er sterben muss, warum er leidet (möglicherweise auch noch „unnötig“, wie Prof. Gabriel einmal schreibt), muss einfach nur aufhören, sich solche dummen Fragen zu stellen und möglicherweise einfach nur das Sinnfeld wechseln. Prof. Gabriel hört auf zu philosophieren dort, wo die Philosophie gerade beginnt.

Es handelt sich hier in diesem Buch nur um eine einfache Rechtfertigungs- und Beschwichtigungsphilosophie, um die Affirmation einer heilen, objektiven Welt, letztendlich um, ich muss es leider so drastisch sagen, philosophischen Kitsch, der noch dazu in sich reichlich widersprüchlich ist. Deshalb kann ich auch nicht mehr als einen Stern vergeben.
77 Kommentare196 von 234 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 7. Dezember 2013
Dieses Buch ist ein einziges Ärgernis!
Mit dem Mega-Selbstbewusstsein eines Ignoranten rennt Gabriel offene Scheunentore ein. Er illustriert die von ihm nur karikierten Konzepte der Naturwissenschaft mit kindischen Bildern.
Nicht einmal Ockham's Razor und die damit verknüpfte, fundamentale Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft oder die Problematik des externen Beobachters, wie sie in der Quantenmechanik längst und sauber abgehandelt worden sind, sind ihm bekannt. Wenn doch, dann verschweigt er sie, offenbar um seine populistischen Thesen zu vermarkten. So unterstellt er der Naturwissenschaft, sie würde die Deutungshoheit sozusagen über alles an sich reissen. Seriöse Naturwissenschaftler sagten implizit schon vor Wittgensteins „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Also, dass Gott neben so vielen anderen Abstrakte der Wirklichkeit grundsätzlich kein Gegenstand der Naturwissenschaftlichen Methode sein kann: Gott ist KEIN Gegenstand der Naturwissenschaft - Ende der Durchsage. Auch wenn die Presse vom „Gottesteilchen“ gequatscht hat. Vulgärjournalismus als Munition eines Philosophen. Armselig.
Auch die Tatsache, dass es keine wirklich „isolierte Systeme“ und daher keine wirklich kontrollierte Experimente geben kann, ist Schnee von gestern.
Auf diesem Gemeinplatz beruht dann auch sein reisserisches Titelthema: Wir können die Welt niemals von aussen betrachten. Wir sind drin, also ein Teil von ihr. Die Antwort läge in der naturwissenschaftliche Systemtheorie und den Folgen für unsere Wahrnehmung der so genannten Wirklichkeit. Das ist aber kein Thema; zu schwierig und sowieso von den dummen und gar böhzen Physikern gemacht.

Keine Frage, dass er mit dieser Position nicht allein ist. Nicht nur die Philosophie, auch die Politik und Wirtschaft verkennen die Methode, die Konzepte und Erfolge der Naturwissenschaft überhaupt und würdigen gerade mal den Return on Invest...

Der Herr Professor beschränkt sich damit auf das Abknallen von ein paar Schlagzeilen, die von Journalisten am Laufmeter produziert werden: Zeitgeist-Phrasen.
Gegen seine verbissene Absicht unterstützt er genau die Postmoderne, deren Grundthesen in der Tat differenziert zu betrachten sind.

Von einem Universitätsprofessor der Philosophie muss man leider(?) VIEL mehr verlangen.
0Kommentar35 von 42 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 8. September 2013
Ich habe mir das Buch gekauft, nachdem Gabriel in meiner Lieblingszeitung FAS als neuer Autor vorgestellt wurde - und bin nach der Lektüre bitter enttäuscht! Ich bin nicht beruflich mit Philosophie befasst, die "großen Menschheitsfragen", die Gabriel ankündigt, in diesem Buch beantworten zu wollen, beschäftigen mich aber sehr. Was Kant, Spinoza oder Heidegger so gedacht haben, ist mir in seinen Grundzügen durchaus geläufig.
Gabriel kann aber nach meinem Eindruck keine einzige seiner großspurigen Ankündigungen einlösen. Seine vermeintlichen Beweisketten sind angreifbar, auch seine Definitionen mehr als schwammig. Vieles ist frech und keck dahergeplappert, reicht aber, was das intellektuelle Format anbelangt, nicht mal entfernt an jene heran, die er da gleich reihenweise mit arroganter Geste abkanzelt.
Das scheint mir überhaupt das Ärgerlichste an diesem völlig überflüssigen Buch: Hawking, Habermas, Derrida, alles Pfeifen. Sogar Kant wird hier so eben mal abgewatscht, weil er nach Meinung des Autors nicht an dessen überragenden Intellekt herankommt. Markus Gabriel, der neue philosophische Überflieger? Meiner Meinung nach ein Aufschneider, der wenig zu sagen hat. Man lese nur mal die dünnen Kolumnen in der FAS!
0Kommentar44 von 53 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. März 2014
Dieses Buch ist zunächst mal sehr unterhaltsam mit seinem mutigen und energiegeladenen Vorgehen, das sich eine Umdeutung der Welt vornimmt. Aber schon bald bemerkt man, was der Autor leider nicht bemerkt hat: Hier unterliegt jemand einem, durch seltsame Definitionen und unbegründete Prämissen, selbstgebastelten Zirkelschluss - und was besonders peinlich ist: Markus Gabriel ist auch noch verdammt stolz auf diesen Unfug und wähnt sich tatsächlich auf einer Erkenntnisstufe oberhalb von Nietzsche, Kant, Schopenhauer und diversen anderen Philosophen. Da vergeht einem recht schnell der Spaß an dem Buch und was bleibt ist Kopfschütteln und Fremdschämen. Hier versucht sich ein ganz kleines Licht durch ein möglichst pompöses Vorgehen etwas Bedeutung zu verschaffen. Obgleich das Werk, wie gesagt, anfangs durchaus unterhaltsam ist, muss ich daher unbedingt von einem Kauf abraten!
11 Kommentar26 von 32 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. Dezember 2015
Die Welt existiert nicht, weil sie zu groß und unbegrenzt wäre - so Gabriel. Die Welt ist die Summe aller Sinnfelder aber nur Sinnfelder existieren. In der Terminologie von Frege, wenn wir reden oder schreiben, bedeuten wir Objekte jeder Art durch einen Mechanismus, den Frege Sinn nennt. Bedeutung ist im Bereich der Ontologie, Sinn dagegen Teil der Epistemologie. Gabriel will uns überzeugen, dass auch Sinnfelder ontologisch sind. Dies begründet er mit Argumente, die auch Frege zum ernsthaften Nachdenken bringen könnten.

Soweit darf seine These nicht besonders kontrovers aussehen. Weniger neutral ist seine Behauptung, Sinnfelder stehen generell in keinem berechenbaren Verhältnis zueinander. Dies hat als Folge, dass kein fundamentales Sinnfeld unter allen anderen liegt. Wenn wir uns zum Beispiel im Sinnfeld Alltagsleben bewegen, hat dies laut Gabriel in der Tat und nicht bloß in Erscheinung nichts mehr mit dem Sinnfeld von Elementarteilchen und so weiter zu tun. Für Gabriel sind solche Sinnfelder disjunkt, was heißt wiederum, dass wir in keiner einheitlichen Welt mehr leben. Dies kommt mir philosophisch unangenehm vor.

Ein Grundsatz einem harmonischen Zusammenleben ist sicher, dass wir in einer gemeinsamen Welt leben. Wenn wir jeweils in getrennten Welten leben, und dies sogar jeder selbst vom Moment zu Moment als wir gedanklich leichtsinnig von Physik zu Alltagsleben und zurück springen, kommt mir alles viel zu schizophren vor. Natürlich sind die Übersetzungen, die uns zwischen Sinnfelder tragen, nicht immer leicht zu definieren. Wenn wir aber die Übersetzungsarbeit aufgeben und seufzend sagen, dass sie überhaupt nicht zu finden sind, fällt alles auseinander und die Welt zerbröselt zum Staub.

Analog geht es bei Gott. Gabriel gibt eine gute Zusammenfassung vom Gedankengang Kierkegaards zum Thema Gott und Glauben und endet mit der Idee, Religion sei die Anerkennung der Tatsache, dass Gott im traditionellen Sinn gar nicht existiert. Gott ist kein Objekt oder Supergegenstand. Soweit könnten moderne Theologen gern gehen, sogar auch mit Gabriel zustimmen, dass über Gott zu predigen ohne gleichzeitig über die ganze Geschichte vom Geist in der Welt zu reden unzureichend sei, aber sie werden nicht so leicht akzeptieren, dass der Gottesbegriff gar keine Rolle mehr in einem modernen Sinnfeld spielen sollte. Für Gabriel ist alles was wir über Gott und die Welt sagen am Ende bloß Quatsch.

Man kann die Sache anders sehen. Der Selbstbegriff ist heute in der Philosophie des Bewusstseins oft gern als Konstrukt gesehen: Wir bauen ein Weltbild und gleichzeitig, als Spiegel davon, ein Selbstporträt. Die jeweiligen Bauteile, etwa Weltbilder und Selbstaufnahmen, ändern sich ständig in einem dialektischen Zickzack als neue Kenntnisse eingenommen und verarbeitet werden. Der Selbstbegriff ist die moderne Version der Seele, die nicht mehr im wissenschaftlichen Sinnfeld namentlich angesprochen wird. Wenn wir Nagels "Blick von Nirgendwo" auf der Welt werfen, was wir immer wieder als Philosophen versuchen, dann wird die seelische Perspektive eben göttlich. Dies können wir als wissenschaftliche Dialektik betrachten, wo jede Annäherung uns asymptotisch weiter bringt. Gott und die Welt machen so als Gegenpolen einer Dialektik eine natürliche Paarung. Trotz Gabriel, kann man die zwei verpönten Wörter geltend machen, ohne den wissenschaftlichen Ernst zu schaden.

Gabriel hat seine Vorarbeit in den Werken von Kant, Hegel, Heidegger und anderen hervorragend geleistet. Er hat auch moderne angloamerikanische Philosophie von Quine, Goodman, Putnam und Kripke auch hinreichend studiert. Aber einiges fehlt noch. Einem Autor, der Hegels "Wissenschaft der Logik" als "einem der besten (und schwierigsten) Philosophiebücher aller Zeiten" beschreiben kann, sogar wenn er mit den Werken von Frege vertraut ist, wird es kaum zu erwarten, dass er gleichzeitig tiefgreifende Kenntnisse über die logischen Grundlagen der Mathematik verfügt. Dies wäre zu viel zu erwarten.

Dies habe ich aber versucht, wenn auch in sehr bescheidener Weise. Von Hegels Logik, trotz heftiger Anstrengung, habe ich nicht besonders viel gelernt, aber von der Zermelo-Fraenkel Mengenlehre und verwandten Systeme habe ich einiges kapiert. In ZF wird eine kumulative Hierarchie auf der Nullmenge gebaut, die bis ins Cantors Paradies hinausragt, in einem Verfahren, das wieder als Dialektik dargestellt werden kann. In ZF heißt die Welt der Mengen "V" und provisorische Annäherungen dazu "V" mit einer Indexvariable. Die Paradoxen der Mengenlehre zeigen genau was Gabriel in Wörter gemerkt hat, dass die Welt V der Mengen nicht definitiv als existierende Menge dargestellt werden kann. Die indizierten Annäherungen können als Ersatz dafür einiges leisten, aber eben nicht alles.

Soviel hat Gabriel sicherlich wohl verstanden. Schon Frege hat dies nach Kritik von Bertrand Russell geahnt. Aber was danach kam, als Wittgenstein, Gödel und Turing ihre jeweiligen Beiträge zur ganzen Fragestellung geleistet haben, wird ein Forschungsprojekt für sich - oder eben für mich. Wittgenstein sagte, "Die Welt ist alles, was der Fall ist." Später: "Ich bin meine Welt." Davon könnte man einen ganzen Selbstbegriff aufbauen (ich habe es mindestens versucht). Gödel: Jedes (arithmetisch beschreibbare) System hat eine logische Lücke darin, analog zur Lücke in einer indizierten V-Annäherung. Turing: Jeder Universalrechner hat auch so eine Lücke, die als unbeweisbare Sätze erscheint. Moderne Neurowissenschaftler: Wir sind als "Biorechner" in dieser Hinsicht nicht besser. Die Lücke bei uns besteht darin, dass unsere phänomenalen Welten (die Spiegelbilder der Seele) nie ganz richtig sind. Durch diesen Mangel zu schauen ist für uns in Richtung Gott und die Welt zu bewegen, schon wieder in einer Dialektik. Meiner Ansicht nach könnte man die Ideen von Hegel soweit modern umsetzen. Dies scheint mir aber wesentlich weiter als Gabriel zu gehen gewagt hat.

Fazit: Gabriel hat anscheinend Gott und die Welt noch nicht ausreichend verstanden.
0Kommentar1 von 1 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. September 2013
ergänzte Rezension:
Leider muss ich mich als naturwissenschaftlich geprägter Mensch den vielen negativen Rezensionen anschließen. Zunächst: Der von Gabriel ausgerufene neue Realismus ist nichts weiter als mit philosophisch angehauchten Begriffen unterlegte naive mathematische Mengenlehre, der Titel eine schlichte Übersetzung einer Aussage der Cantorschen Mengenlehre. Seit Cantors Zeiten ist bekannt, dass es die "Menge aller Mengen" nicht geben kann, da dies zu einem logischen Widerspruch führt (siehe Cantorsche Antinomien). Indem Gabriel die "Welt" als Sinnfeld aller Sinnfelder, zurückübersetzt also als "Menge aller Mengen" definiert, bleibt der Welt nichts anderes übrig als nicht zu existieren. Gabriel zitiert in völliger Analogie die Argumentation aus der Mengenlehre, benutzt sogar Mengendiagramme, um seinen Titel zu rechtfertigen. Man fragt sich: War Gabriel dieser Zusammenhang mit der Mathematik klar und reklamiert er - populistisch reißerisch - damit zu Unrecht eine "neue Erkenntnis"? Oder war er ahnungslos?

Bei der Lektüre entsteht jedenfalls der Eindruck, dass Gabriel nicht nur kein Freund des Konstruktivismus und sämtlicher anderen philosophischen Ismen ist, die er keck und durchaus nicht frei von Widersprüchen in Grund und Boden schreibt, statt ihren jeweiligen Ansatz zum Verständnis "der Welt" würdigend einzuordnen, sondern insbesondere mit den Naturwissenschaften einschließlich der Mathematik nichts am Hut hat. Dies kann für einen "Erkenntnistheoretiker" heutzutage keine ausreichende Basis sein. Eine Auseinandersetzung mit der Erkenntnisproblematik in den Naturwissenschaften, die über die gegenüber Stephen Hawking ausgebreitete Häme hinaus führte, fehlt bzw. ist extrem naiv, oberflächlich und letztlich falsch.

Überhaupt wirkt das Büchlein überheblich und nicht ernsthaft. Ich hatte Mühe das Buch nicht schon frühzeitig ent- oder genervt aus der Hand zu legen. Eine eigentlich geplante kommentierende Zweitlektüre habe ich nicht über mich gebracht. Es macht schon stutzig, wenn einer so gnadenlos mit allen Ismen und den damit verbundenen Lebensleistungen aller Philosophen vor ihm abrechnet, um dann seinen neuen Ismus auf das Schild zu heben (wohl nicht ahnend, dass seinem „Neuen Realismus“ schon jetzt ausweislich der vielen negativen und ins Detail gehenden Rezensionen eine Abfuhr beschieden ist).

Ein Satz sei zitiert, der belegt, mit welcher Plattheit und erkenntnistheoretischer Verweigerungshaltung Gabriel formuliert: „Wenn ich den wahren Gedanken denke, dass es regnet, gibt es zwei Tatsachen: erstens die Tatsache, dass es regnet, und zweitens die Tatsache, dass ich den wahren Gedanke denke, es regnet.“ Diese Aussage mag alltagssprachlich nachvollziehbar sein (wenn auch niemand das so formulieren würde), sie mag auch einem mathematischen Logikkalkül entsprechen, aber als Aussage, die erkenntnistheoretisch erhellend sein soll, ist dieser Satz mit der völlig unreflektierten Verknüpfung von „wahrer“ Gedankenwelt und „wahrer“ Außenwelt aus meiner Sicht schlicht daneben (wobei sich nach Gabriel das Wort „Welt“ eigentlich verbietet; darauf verzichten kann und will aber auch Gabriel selbst nicht). „Es regnet“ als Tatsache zu bezeichnen, zeigt überdies, dass Gabriel rein anthropozentrisch und stärker noch: sprachlich gebunden argumentiert. Für einen Regenwurm oder einen Hering gibt es die „Tatsache“ „es regnet“ nicht.

Aber das Neue am „Neuen Realismus“ nach Gabriel ist ohnehin ein völlig ungezwungener Umgang mit Tatsachen, Wahrheiten und Existenzen. Er erhöht alltagsprachlichen Umgang mit Begriffen zu philosophischen Kernaussagen. Einige Anmerkungen zu der von Gabriel vorgestellten neuen Begrifflichkeit: Die von ihm so genannten Sinnfelder hängen stark an den in der Linguistik üblichen Wortfeldern. Es sind Mengen von Objekten, die durch einen gemeinsamen „Sinn“, sprich durch ein bestimmendes Merkmal zu einer Menge zusammengefasst sind. Dabei haben die beschriebenen „Merkmalssinne“ mit Sinnhaftigkeit im üblichen Sprachgebrauch wenig zu tun, da sie Objekte als existent erscheinen lassen wie die von Gabriel mehrfach zitierten „Polizeiuniform tragenden Einhörner auf der Rückseite des Mondes“. In dem Sinnfeld „der im physikalischen Universum (Sinnfeld) nicht existierenden Objekten“ sind diese Objekte aber existent, denn innerhalb eines Sinnfeldes existieren alle darin enthaltenen Objekte, ein Kernaxiom des „Neuen Realismus“. Existenz wird so zu einer bloßen Sprachregelung herabgedeutet. Alles, selbst das „Unsinnigste“ kann existieren und existiert in dem passenden „unsinnigen“ Sinnfeld, wiewohl es in anderen Sinnfeldern nicht existiert. Existenz wird mithin über die Bildung eines passenden Sinnfeldes konstruiert. (Konstruktivismus?) Existenz wird damit aber wie oben schon betont an die sprachlich gebundene Bildung von Sinnfeldern geknüpft. Es kann nur existent sein, was wir sprachlich einordnen können. Die Konstruktion von Sinnfeldern lässt paradoxe Bildungen zu: Das Sinnfeld aller Objekte, die noch nicht existent sind, wäre solch eine paradoxe Bildung, denn nach Gabriels Definition exisiteren alle in einem Sinnfeld enthaltenen Objekte, also auch die, die noch gar nicht existieren, weil sie vielleicht in der Zukunft erst (sprachlich) "entdeckt" werden und passenden Sinnfeldern zugeordnet werden könnten.

Mein Fazit: Eine mengentheoretische Abhandlung, die die Welt als Menge aller Mengen wegerklärt, aber jeder beliebigen anderen, noch so abstrus zusammengefassten Menge von Objekten, sprich: Sinnfeld, naive Realität bescheinigt, ist anders als behauptet nicht konsistent zu begründen (wie jeder Ismus). Sie entbehrt für einen naturwissenschaftlich fragenden Menschen jeglicher Sinnhaftigkeit und ist einer erkenntniskritischen Philosophie im 21. Jahrhundert, die sich um die erkenntniskritischen Fragen der Naturwissenschaften nicht mehr herummogeln darf, absolut unangemessen.

Meine Wertung: Vom Anspruch des Titels her eindeutig Null Sterne, einen Stern für einige unterhaltsam dargestellten Anregungen im "anekdotischen" Teil der Abhandlung.
0Kommentar28 von 35 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden