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69 von 93 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Warum es die Welt doch gibt
Der Titel sagt es: Die Welt soll es nicht mehr geben. Es soll sie nie gegeben haben. Der Jungphilosoph Markus Gabriel stellt eine gewagte These auf. Und spielt mit seinem flotten Stil und seinen weitreichenden Kenntnissen aus Kunst und Popkultur groß auf.
Und begeht dabei mindestens zwei schwerwiegende Denkfehler. Er versucht, wie er zunächst...
Vor 14 Monaten von Urs Rauscher veröffentlicht

versus
98 von 111 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht wirklich überzeugend
Ich mag es, wenn Philosophen locker, unakademisch und allgemein verständlich für die Allgemeinheit schreiben. Das hat mir auch bei Markus Gabriel gefallen. Inhaltlich allerdings war ich nach der Lektüre ziemlich enttäuscht. Was verspricht er nicht alles auf S. 25, Antworten auf die großen Fragen: Woher kommen wir? Worin befinden wir uns? Und was...
Vor 13 Monaten von Regenfusz veröffentlicht


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98 von 111 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht wirklich überzeugend, 4. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Ich mag es, wenn Philosophen locker, unakademisch und allgemein verständlich für die Allgemeinheit schreiben. Das hat mir auch bei Markus Gabriel gefallen. Inhaltlich allerdings war ich nach der Lektüre ziemlich enttäuscht. Was verspricht er nicht alles auf S. 25, Antworten auf die großen Fragen: Woher kommen wir? Worin befinden wir uns? Und was soll das Ganze? Nun, Frage eins bleibt völlig unbeantwortet. Die Antwort auf Frage 2 lautet: Wir befinden uns in unendlich vielen Sinnfeldern, weshalb es "die" Welt nicht gibt. Das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Gabriels Antwort auf die dritte Frage schließlich lautet: "Wir leben gemeinsam in unendlich vielen Sinnfeldern, die wir uns auf immer neue Weise verständlich machen. Was wollen wir mehr?" (Gabriels Schlussatz S. 240). Das kann nur ein wirklich kopfgesteuerter Professor für Philosophie schreiben. Was wir mehr wollen? Oh, so einiges, denke ich. Ich möchte nicht nur anderen Sinnfelder verständlich machen, sondern im Leben eine ganze Menge mehr.

Noch eine Bemerkung zu Gabriels Wettern gegen den Konstruktivismus, den er wie übrigens auch den Materialismus und Theismus sehr unphilosophisch extrem verkürzt. Kein Konstruktivist behauptet, dass die Laterne, gegen die er läuft, eine gedankliche Konstruktion ist. Begriffe wie "die Bundesrepublik" (die Gabriel immer wieder gerne als Beispiel benutzt) allerdings sehr wohl! Gabriels etwas großspurig im ersten Kapitel angekündigter "Neuer Realismus" erweist sich als reine Behauptung. Dass wir die Dinge an sich erkennen und beschreiben, wie sie wirklich sind, dass wir sie in ihrem Kern erfassen und nicht interpretieren, dass wir die Welt entschlüsseln können, dafür spricht meiner Meinung nach - gerade auch rückblickend auf die Irrtümer der Menschheit - nur sehr wenig. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir uns in vielen Dingen heute irren, jedenfalls wird man dies in Tausend Jahren über unsere Zeit sagen, so ähnlich wie wir heute über die Irrtümer des Mittelalters urteilen. Je mehr wir wissen, desto größer wird der Bereich unseres Unwissens. Wie die Welt wirklich ist, wird der Mensch nicht erfassen, dazu müsste er Gott sein.
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67 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wenn das der Erkenntnisbeitrag der modernen Philosophie ist, dann ist sie zu Recht bedeutungslos geworden, 5. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Mir bleibt nach dem Lesen des Buches unverständlich, was der "Neue Realismus" nun für neue Einsichten gebracht haben soll. Mit vielen Worten wird beschrieben, was die Mathematik seit mehr als 100 Jahren weiß, nämlich, dass die Menge, die alles enthält, zu logischen Widerspüchen führt, weil sie sich auch selbst enthalten müsste. Übersetzt man Menge mit Welt, dann kommt zum gleichen Resultat.
Statt der Geisteswissenschaft Philosophie wird dem Leser hier eher eine Verbalakrobatik vorgeführt, die keine neuen Erkenntnisse transportiert. Dafür werden die Naturwissenschaften als eine Art Religion vorgeführt. Jedoch haben diese den Vorteil, dass sie sich an der Realität prüfen lassen müssen. Genau das fehlt der hier vorgeführten "Philosophie".
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174 von 210 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Philosophie als Fröhliche Wissenschaft?, 4. Juli 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Leider, ich sage es ungern, hat mir die Lektüre dieses Buch keine Freude bereitet. Nachfolgend versuche ich, dies an den wichtigsten Sachverhalten, die mir nicht gefallen haben, deutlich zu machen:

Die Welt, so Prof. Gabriel, gibt es nicht; alle Tatsachen gibt es in der Welt, aber die Welt ist keine Tatsache in der Welt: denn dann würde diese Tatsache der Welt in der Welt wieder den größeren Sinnzusammenhang der Welt voraussetzen. Der Fotoapparat kann sich nicht selbst fotografieren, mein Bewusstsein kann sich selbst nicht als dieses Bewusstsein wahrnehmen, da die Wahrnehmung meines Bewusstseins ja gerade mein Bewusstsein voraussetzt. Das ist philosophisch, lapidar gesprochen, nichts Neues; ein Rätsel bleibt die Welt und das Bewusstsein allemal.

Zum anderen ist gerade der KONSTRUKTIVISMUS dem Autor ein Dorn im Auge. In seiner Abwehr dieser philosophischen Mode reiht er sogar Kant in die Vorläufer des Konstruktivismus ein; eine Behauptung, die sich meinem Verständnis entzieht. Kant hat nicht behauptet, dass wir die Welt in unserer Wahrnehmung erschaffen, sondern dass sich die Welt durch unsere Wahrnehmung entfaltet, sozusagen lichtet. Sollte einem das Bedürfnis nach einem ISMUS überkommen, so könnte man diesen Zusammenhang als fundamentalen oder konstitutiven RELATIONALISMUS bezeichnen.
Die Welt ist MEINE Vorstellung, aber ich erschaffe sie nicht. Ein Objekt an sich, eine Tatsache an sich ist, wie Schopenhauer so treffend bemerkte, ein „erträumtes Unding“ ein „Irrlicht der Philosophie“. Und doch will Prof. Gabriel uns scheinbar Glauben machen, dass es solche Tatsachen an sich gibt, wie folgendes Zitat belegt: „Unendlich vieles erscheint in einem Sinnfeld, ohne dass irgendwann jemand dies bemerkt hätte. Dabei spielt es in ontologischer Hinsicht eine untergeordnete Rolle, ob wir Menschen davon erfahren oder eben nicht. Die Dinge und Gegenstände erscheinen nicht nur, weil sie uns erscheinen, sie existieren nicht nur, weil uns dies aufgefallen ist. Das meiste erscheint einfach, ohne dass wir Notiz davon nehmen.“ (Seite 92). Damit fällt er aber, so meine ich jedenfalls, erkenntnistheoretisch hinter Kant zurück und bietet uns hier keinen neuen, sondern allenfalls einen naiven Realismus, da er versucht, das wahrnehmende Bewusstsein aus der Wahrnehmung zu streichen. Von irgendeiner, letztlich von meiner Wahrnehmung unabhängige Tatsachen gäbe es aber nur dann, wenn es ein von mir unabhängiges Überbewusstsein gäbe, an dem ich, in welcher Form auch immer, partizipieren könnte, um Tatsachen, die ich nicht selbst wahrgenommen habe, im Nachhinein doch noch selbst wahr zu nehmen.
Wie hat Prof. Gabriel doch den Fetischismus definiert? „Unter FETISCHISMUS versteht man die Projektion übernatürlicher Kräfte auf einen Gegenstand, den man selbst gemacht hat. Diese Projektion wird vorgenommen, um die eigene Identität in ein rationales Ganzes zu integrieren.“ (Seite 182). Dieses Überbewusstsein ist ein Gegenstand, den man so gemacht hat, dass man sich gleichzeitig vormacht, man habe ihn nicht gemacht. Die Sprache, die große Lügnerin, gaukelt uns vor, unsere Wahrnehmung sei objektiv, für alle gleich-gültig. Sie lässt uns glauben, die Welt würde auch ohne unsere Wahrnehmung so sein, wie sie ist, objektiv und aufbewahrt in der Totalität der Begriffe, in diesem Überbewusstsein. Nirgendwo wollen wir sterben; natürlich auch nicht in der Wahrnehmung, deren vermeintliche Objektivität vermittelt durch die Sprache uns zu überdauern scheint. Wir müssen es wieder so profan sagen: Prof. Gabriel geißelt den Fetischismus und fällt selbst auf einen Fetisch herein, der Sprache heißt.

Ganz und gar unverzeihlich ist aber jener Satz: „Der existentielle Jammer stellt sich ein, wenn man vom Leben etwas erwartet, das es nicht gibt, nämlich Unsterblichkeit, ewige Glückseligkeit und eine Antwort auf all unsere Fragen. Wenn man an das Leben auf diese Weise herangeht, wird man nun einmal enttäuscht“ (Seite 246). Eine solche Aussage ist für jemanden, der sich als einen Philosophen bezeichnet, schlicht unmöglich und peinlich.
Danach ist man nun selbst schuld, wenn man z.B. in einer Diktatur lebt, Freiheit verlangt und dafür verprügelt, eingesperrt oder getötet wird. Wer so an das Leben herangeht, wer solche Erwartungen hat, bei dem muss sich ja existentieller Jammer einstellen, wenn er enttäuscht wird. Da hat man einfach nur das verkehrte Sinnfeld erwischt; man nehme einfach ein anderes, es gibt ja unendlich viele. Und der Mensch, der am Leben verzweifelt und keine Antwort auf die Frage findet, warum er hier ist, warum er sterben muss, warum er leidet (möglicherweise auch noch „unnötig“, wie Prof. Gabriel einmal schreibt), muss einfach nur aufhören, sich solche dummen Fragen zu stellen und möglicherweise einfach nur das Sinnfeld wechseln. Prof. Gabriel hört auf zu philosophieren dort, wo die Philosophie gerade beginnt.

Es handelt sich hier in diesem Buch nur um eine einfache Rechtfertigungs- und Beschwichtigungsphilosophie, um die Affirmation einer heilen, objektiven Welt, letztendlich um, ich muss es leider so drastisch sagen, philosophischen Kitsch, der noch dazu in sich reichlich widersprüchlich ist. Deshalb kann ich auch nicht mehr als einen Stern vergeben.
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54 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Von Sinnfeldern und Schildkröten, 20. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Markus Gabriel mag keine 'unsinnigen' Ontologien, das heißt solche, in denen etwa offensichtliches---wie die Existenz der Zeit oder des Raumes---geleugnet, oder unnötiges---wie etwa viele 'parallele' Welten zusätzlich zu der unserigen---hinzugefügt wird. Er möchte eine Ontologie, die im Lichte dessen, was uns erfahrbar ist, Sinn macht. Diese glaubt er mit seiner 'Sinnfeldontologie' bereitzustellen---in welcher alles, auch unsichtbare pinke Einhörner auf der Rückseite des Mondes, existiere, nur eben 'die Welt' als Gesamtheit aller Dinge nicht. Damit wird schon einmal klar, dass Gabriel und ich andere Vorstellungen davon haben, was 'Sinn macht', und was mit unserer Erfahrung vereinbar ist; aber das allein muss ja noch nichts heißen.

Substantieller muss man festhalten, dass eine derartig inflationäre Ontologie notwendig inhaltsleer ist: erst wenn uns eine Ontologie befähigt, zu sagen, was existiert im Unterschied zu dem, das nicht existiert, ist eine nichttriviale Aussage getroffen; erst dann hat die Ontologie einen Informationsgehalt. Weiterhin ist Gabriels Vorschlag auch explanatorisch steril: jedes Ding, das existiert, muss um zu existieren in (mindestens) einem 'Sinnfeld' vorkommen; damit aber das Sinnfeld selbst existieren kann, muss es seinerseits wieder in einem vorkommen, und so weiter. Was ein 'Sinnfeld' genau ist, wird hier nicht absolut scharf definiert (in der Tat findet man im Glossar unter 'Sinnfeld' nur die wenig hilfreiche Bemerkung, es sei ein 'Ort, an dem überhaupt irgend etwas erscheint'). Anfangs spricht Gabriel von etwas konkreteren 'Gegenstandsbereichen': steht ein Pferd auf der Wiese, ist das Pferd ein Gegenstand, und die Wiese der Gegenstandsbereich, in dem es erscheint. Alle Existenz, laut Gabriel, ist von dieser Art (das ist zunächst einmal nicht neu, sondern entspricht grob dem Begriff des 'bedingten Entstehens', das in der fernöstlichen Philosophie---insbesondere dank der Schriften Nagarjunas---den Begriff des substantiellen Seins, des existierens 'aus eigener Kraft' heraus, weitgehend überschattet).

Das Problem ist aber, dass letztlich dieser Seinsbegriff nichts erklärt. Man fühlt sich erinnert an einen ähnlichen Vorschlag, der (oder so will es die Legende) in einer sich an einen Vortrag Bertrand Russells anschließenden Diskussion vorgebracht wurde: dort behauptete nämlich eine ältere Dame, dass letztlich die Welt auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte getragen werde; auf Russells Gegenfrage, worauf denn die Schildkröte selber stünde, antwortete die Dame gewitzt, dass es wohl Schildkröten bis ganz nach unten seien. Das ist dem analog, wie Existenz in der Sinnfeldontologie funktioniert: jedes Ding, das existiert, ruht für seine Existenz auf einem unendlichen Turm aus Sinnfeldern in immer weiteren Sinnfeldern. Damit ist jedoch nicht erklärt, warum ein Ding existiert, genausowenig wie die Annahme eines (zeitlich) unendlichen Universums dessen Existenz begründet: zwar kommt man um die Verlegenheit, einen Anfangspunkt zu finden, ganz gut herum, aber die unendliche Kette als Ganzes bleibt unerklärt. Damit ist die Sinnfeldontologie aber im doppelten Sinne leer: sie enthält keinerlei Information, weil sie keinerlei Unterscheidung zwischen existenten und nichtexistenten Dingen trifft (mathematisch gesprochen hat die Menge aller Dinge denselben Informationsgehalt wie die leere Menge, nämlich keinen, da sie aus dieser direkt mittels Komplementierun gewonnen werden kann), und sie kann die Existenz eines beliebigen Dinges nicht erklären. Gabriels Versuch, diese 'dunkelste Frage der Philosophie' (William James), nämlich die, warum es überhaupt irgendetwas gibt, zu klären, kann als gutes Beispiel für seine Argumentationsstrategie herhalten: er argumentiert nämlich, wenn es nichts gäbe, gäbe es doch wenigstens die Tatsache, dass es nichts gäbe---und somit nicht nichts!

Aber das ist, um eine von Gabriels Lieblingswendungen zu zitieren, schlicht falsch: denn wenn es diese Tatsache gibt, dann ja eben nicht nichts; damit ist diese Tatsache aber falsch. Mit solch einem Sophistentrick kommt man um das Nichts nicht herum! Von ähnlicher Qualität sind übrigens seine Argumente gegen den Monismus, den Materialismus, und andere -ismen. Sein Argument gegen den Konstruktivismus ist allerdings besonders interessant: er stellt fest, dass, damit wirklich jede Tatsache nur relativ sein kann, man eine unendliche Regression von Tatsachen relativ zu weiteren Tatsachen annehmen muss. Dann wäre es aber eine absolute Tatsache, dass alle Tatsachen relativ sind---dies ist zunächst einmal der selbe Fehler wie zuvor: wenn diese Tatsache absolut ist, sind eben nicht alle Tatsachen relativ. Aber der sehr viel seltsamere Aspekt dieser Argumentation ist der, dass er zuvor aus einer analogen Schlusskette die Folgerung zieht, dass die Welt nicht existiert, während hier die Schlussfolgerung ist, dass der Konstruktivismus falsch ist! Denn das die Welt nicht existiert, folgt daraus, dass sie in keinem Sinnfeld vorkommt. Hat man also eine Gesamtheit aller Sinnfelder, und möchte diese 'die Welt' nennen, so muss, um zu existieren, diese aber wieder in einem Sinnfeld vorkommen---dann war das vorherige aber nicht die Gesamtheit aller Sinnfelder. Da an der Sinnfeldontologie festgehalten werden muss, folgt daraus, dass es 'die Welt' nicht geben kann. Analog wäre dann der Schluss bezüglich des Konstruktivismus, dass es die Tatsache 'alle Tatsachen sind relativ' nicht geben kann---weil es etwa keinen Sinn macht, über 'alle Tatsachen' zu sprechen. Aber dieser wird nicht gezogen, da im Unterschied zur Sinnfeldontologie Gabriel am Konstruktivismus nicht festhalten will. Es scheint hier also, wie an manch anderer Stelle, der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein---die Schlussfolgerung stand fest, und es wurde lediglich ein Argument erdacht, um sie zu unterstützen. Statt dessen würde man sich wünschen, das Gabriel öfter seine eigenen Gedanken kritisch prüfen würde, und Meinungen erst auf Grund dessen fasste.

Gedanken kritisch zu prüfen ist, stark vereinfacht, der Grundgedanke der Wissenschaft, und mit Wissenschaftskritik spart Gabriel nicht. Zunächst einmal ist hier fest zu halten, dass viel seiner Kritik an einzelnen Wissenschaftlern durchaus begründet ist: es ist leider allzu oft so, dass insbesondere wir Physiker uns als 'Experten für Alles' fühlen und uns zu übereilten Aussagen hinreißen lassen. Beispiele hierfür sind der von Gabriel bereits gerügte Stephen Hawking mit seinem 'Tod der Philosophie', aber auch Steven Weinberg, dessen Buch 'Dreams of a Final Theory' ein ganzes Kapitel 'Against Philosophy' enthält, und auch Lawrence Krauss, dessen 'Universe from Nothing' die 'dunkelste Frage' nur wenig geschickter behandelt als Gabriel selbst. Es ist sicherlich falsch, dass man mit Hilfe der Physik die Grundfragen der Philosophie klären könnte; nichtsdestotrotz verfehlt Gabriels Kritik das Ziel letzten Endes total. Bezeichnend ist hier vor allem, welche Bereiche der Erfahrung er der (Natur-)Wissenschaft zugestehen will: dies sind vor allem die des ganz kleinen (Elementarteilchen etc.), als auch die des ganz großen (Planeten, Galaxien, das Universum selbst). Also eben jene Bereiche, in denen der Mensch von Natur aus keine Intuition hat, der durch wissenschaftliche Untersuchungen widersprochen werden könnte; da wo diese Intuition existiert, z.B. in seinm Wohnzimmer, will Gabriel aber die Wissenschaft lieber nicht hereinlassen.

Das negiert aber eine der größten intellektuellen Leistungen der Menschheitsgeschichte: Newton's Erkenntnis, dass die Dinge der sublunaren Sphäre, also all das um uns herum---Tische, Stühle, Steine, usw---denselben Gesetzen folgt wie die Mechanik des Himmels. Dies rückgängig machen zu wollen bedeutet eine schon fast ludditisch reaktionäre, antifortschrittliche Einstellung. Gut, auch Gabriel gibt zu, dass hinsichtlich ihrer physikalischen Eigenschaften wohl all die Dinge in seinem Wohnzimmer physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgen, aber er hält daran fest, dass das Wohnzimmer als solches, wohl als geistiges oder abstraktes Konzept jenseits der Dinge, die es (physikalisch-materiell) konstituieren, eben nicht in der Physik vorkommt (und da der Konstruktivismus ja falsch ist, auch kein Konstrukt sein kann, sondern wirklich existieren muss). Hier lässt sich aber ein einfaches Beispiel angeben, dass zeigt, dass da nichts 'extra' sein muss, dass es zumindest plausibel ist, dass jenseits der physikalischen Eigenschaften keine extraphysikalische Realität von Gabriels Wohnzimmer angenommen werden muss: das ist die Möglichkeit, dass wir in einer einzigen riesigen Computersimulation leben oder, für die, die's weniger modernistisch mögen, dass alles, was wir beobachten und erfahren, bloße Halluzination ist. Dann ist nämlich die Möglichkeit der Reduktion explizit gegeben: alles, was innerhalb der Computersimulation existiert, lässt sich auf funktionale Zustände des Computers, und damit auf Konfigurationen von Elementarteilchen, zurückführen. Dem 'Wohnzimmer' muss keine zusätzliche Realität jenseits der seiner Konstituenden zugesprochen werden, ebenso wie der Wand keine Relität jenseits der Backsteine, die sie ausmachen, zukommt.

Das berührt ein weiteres Problem der Sinnfeldontologie, das Gabriel entweder nicht sieht, oder zu diskutieren versäumt: das der kausalen Abgeschlossenheit des physischen, und das damit zusammenhängende Interaktionsproblem verschiedener Substanzen. Alles, was geschieht, kann---oder zumindest ist das der momentane Erkenntnisstand---lückenlos auf eine Kette physikalischer Interaktionen zurückgeführt werden, sogar die Rede von Konzepten wie 'Wohnzimmer'. Wenn dem aber so ist, was ist dann die Rolle von diesen Konzepten, die ja laut Gabriel selber eine eigene Existenz---eben in einem anderen Sinnfeld---haben sollen? Sie scheinen kausal völlig inert: wenn meine Rede vom Wohnzimmer vollständig determiniert ist dadurch, dass ich mit den Gegenständen des Wohnzimmers in bestimmter Weise kausal wechselwirke, kann dieses Konzept nicht mehr sein als ein Epiphänomen, da, aber wirkungslos; damit kann es aber ersatzlos gestrichen werden. Zur gleichen Zeit aber kann dies nicht die ganze Geschichte sein: wenn ich, zum Beispiel, Galaxien beobachte und neue Erkenntnis über ihren Aufbau gewinne, dann scheinen die Galaxien im Sinnfeld Universum die im Sinnfeld meiner Vorstellung zu beeinflussen. Also muss irgendeine Art kausaler Interaktion zwischen Sinnfeldern möglich sein; dennoch werde ich nicht mit einem im Sinnfeld meines Denkens befindlichen Queue eine im Sinnfeld eines tatsächlichen Billardtisches befindliche Kugen anstoßen können. Das in der Tat die Interaktion zwischen verschiedenen Substanzen ein großes Problem darstellt, ist altbekannt, und wurde Descartes gegenüber in einem Brief der Prinzessin Elisabeth von Böhmen als Problem seines interaktionistischen Geist-Körper Dualismusses vorgetragen. Descartes selbst führte daraufhin die Zirbeldrüse als Sitz des 'kausalen Nexus' zwischen Geist und Körper ein, ein wenig überzeugender ad-hoc Schritt; später sah sich Leibnitz gezwungen, in seiner Monadologie, dem wohl am besten bekannten Beispiel für Pluralismus, eine 'prästabilierte Harmonie' einzuführen: die Substanzen interagieren nicht wirklich, sonder verhalten sich nach vorher aufgeprägten Regeln nur so, als ob sie es täten, so wie eine Uhr auf meinem Schreibtisch die selbe Zeit zeigt, die die Uhr im Flur schlägt, ohne das beide einander beeinflussen. Gabriel hingegen wirft diese Problematik nicht einmal auf.

Auch mit den Lösungen für andere philosophische Probleme ist es oft nicht weit her: zum Beispiel scheinen die Sinnfelder ein probabtes Mittel zur Diskussion negativer Existenzaussagen---also Aussagen von der Form 'Pegasus existiert nicht'---zu sein. Für gewöhnlich, wenn man behaupted 'x ist y', dann enthält diese Behauptung implizit eine Existenzbehauptung; denn würde x nicht existieren, könnte es nicht die Eigenschaft y haben. Doch behauptet man dann, wenn man sagt, 'Pegasus existiert nicht', dass es ein Ding namens Pegasus gibt, welches nicht existiert? Das ist widersinnig, und hat für viel Diskussion gesorgt, von Kant bis Quine. Unter dem Diktat der Sinnfeldontologie allerdings hat man eine simplere Möglichkeit: 'existiert nicht' bedeutet hier lediglich soviel wie 'kommt im Sinnfeld der greifbaren Dinge nicht vor'. Damit scheint dieses Problem gelöst. Doch das kann nicht die einzige Weise sein, in der die Sinnfeldontologie mit negativen Existenzaussagen umgeht: denn gerade für die Zentralaussage 'die Welt existiert nicht' ist diese nicht anwendbar, da die Welt ja nun wirklich nicht existiert. Dasselbe gilt für logisch widersprüchliche Aussagen, wie etwa 'der quadratische Kreis existiert nicht'. Damit ist dem Problem der negativen Existenzaussagen also nicht beizukommen.

Es sind Ungenauigkeiten, Auslassungen, und oftmals schlichte Widersprüche, die dieses Werk als Ganzes ein Fehlschlag werden lassen. (Zum Beispiel hängt Gabriel der Unfehlbarkeit der Erfahrung an: wenn wir also etwas durch eine grüne Brille sehen, sehen wir eben wirklich grüne Dinge, während er gleichzeitig von der Fehlbarkeit des Selbstbewusstseins ausgeht: er beschreibt, wie er von der schmutzigen Fensterscheibe getäuscht wird, dass es regnet, während es aber in Wirklichkeit nicht regnet, und gesteht damit implizit die Existenz einer wahrnehmungsunabhängigen Wirklichkeit ein---allerdings würde das Argument selbst ohne diese Inkonsistenz nicht funktionieren: Gabriel (in der Geschichte) ist sich ja seines Glaubens, dass es regnet, völlig zu Recht bewusst, nur ist eben dieser Glaube unbegründet.) Dies ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass sich das Buch an eine populäre, anstelle einer professionellen, Leserschaft richtet: dies erlaubt Gabriel sowohl sehr viel größere Freiheiten im Umgang mit der Rigorie der Argumentation, als auch auf eine Verortung seiener Ansichten innerhalb der momentanen Meinungslandschaft der Philosophie weitgehend zu verzichten (so könnte man nach der Lektüre von 'Warum es die Welt nicht gibt' der Meinung sein, monistische Ansichten im Allgemeinen und der Physikalismus im Besonderen werden heutzutage schon in der Grundschule widerlegt, dabei ist letzterer---wenn auch nur knapp---mit 56.5% die momentane Mehrheitsmeinung, zumindest wenn es um die philosophie des Geistes geht).

Alles in allem kann also dieser Entwurf eines 'neuen Realismus' mittels Sinnfeldern nicht als gelungen angesehen werden: es ist weder klar, welche Probleme er löst, noch, wie er mit den Problemen, die er aufwirft, fertig wird (als weiteres mag hier das Problem der Zeit angesehen werden: die Sinnfelder, laut Gabriel, sind dynamische Entitäten, entwickeln sich also in der Zeit; Zeit selbst aber, um zu existieren, muss innerhalb eines Sinnfeldes vorkommen). Das Grundproblem hier scheint zu sein, dass die Annahme, dass Konzepte, Tatsachen, Abstrakta etc. in genau der selben Weise existieren wie Gegenstände schlichtweg zu naiv ist: wenn ich ein grünes Blatt betrachte, existiert nicht das grüne Blatt, sowie die Tatsache, dass es grün ist; wenn ich ein Haus aus Legosteinen baue, existiert dieses Haus nicht zusätzlich zu den Legosteinen, die es konstituieren. Das Haus folgt den Legosteinen, und dem Blatt dessen Grünheit. Gabriels Ontologie führt daraufhin zu ähnlichen Problemen wie die naive Mengenlehre: eine Menge aller Mengen ist kein konsistentes Konzept. Gabriel verkauft das als tiefe Einsicht, in Wahrheit ist es nur ein defizit eines inadäquaten Modells.

Wie man ein solches Modell besser gestalten könnte, ist seit fast einhundert Jahren jedem Physiker bekannt: seit Niels Bohr wissen wir, dass es inkompatible Bilder der Welt gibt, die nicht unter einen Hut gebracht, aber dennoch alle gemeinsam zu einer vollständigen Beschreibung nötig sind. Das ist das Phänomen der Komplementarität, dessen am Besten bekannte Ausprägung die Dualität zwischen Wellen- und Teilchenbeschreibung elementarer Prozesse ist. Beide Beschreibungen können nicht gemeinsam angewendet werden, und dennoch sind beide nötig. Die Welt der Quanten ist nicht aus einem Guss: stattdessen besteht sie, der Gabrielschen Ontologie oberflächlich ähnlich, aus komplementären, teilweise überlappenden Bildern; im Unterschied zu Sinnfeldern sind diese jedoch präzise Beschreib- und Begreifbar (mathematisch gesprochen, korrespondieren sie mit bestimmten Mengen von Observablen, deren mathematische Repräsentanten die Eigenschaft haben, zu kommutieren, d.h. bei Multiplikation miteinander zu vertauschen). Hier hätte sich Gabriel interessante Anregungen für eine rationalere Version seines Weltbildes holen können, und es ist gerade seine Wissenschaftsskepsis, die ihm hier im Wege steht.

Als letzte Ironie sei noch angemerkt, dass es gerade das Weltbild des von Gabriel so verschrienen Stephen Hawking ist, dass seinem am nächsten kommt: dieser formulierte nämlich in seinem letzten Buch, 'The Grand Design', die Idee des 'modell-abhängigen Realismus': es gäbe keine einzelne 'Theorie von Allem'; stattdessen sei die Welt in verschiedene, teilweise überlappende Bereiche eingeteilt, für die verschiedene Theorien Gültigkeit besitzen. In Hawkings Bild sind dies verschiedene, zueinander duale Versionen der Stringtheorie; erweitert man jedoch auf Theorien aller möglichen Arten, erhält man letztlich etwas, das den Gabrielschen Sinnfeldern zum Verwechseln ähnelt.
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34 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Überheblich und inhaltlich dürftig, 8. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Ich habe mir das Buch gekauft, nachdem Gabriel in meiner Lieblingszeitung FAS als neuer Autor vorgestellt wurde - und bin nach der Lektüre bitter enttäuscht! Ich bin nicht beruflich mit Philosophie befasst, die "großen Menschheitsfragen", die Gabriel ankündigt, in diesem Buch beantworten zu wollen, beschäftigen mich aber sehr. Was Kant, Spinoza oder Heidegger so gedacht haben, ist mir in seinen Grundzügen durchaus geläufig.
Gabriel kann aber nach meinem Eindruck keine einzige seiner großspurigen Ankündigungen einlösen. Seine vermeintlichen Beweisketten sind angreifbar, auch seine Definitionen mehr als schwammig. Vieles ist frech und keck dahergeplappert, reicht aber, was das intellektuelle Format anbelangt, nicht mal entfernt an jene heran, die er da gleich reihenweise mit arroganter Geste abkanzelt.
Das scheint mir überhaupt das Ärgerlichste an diesem völlig überflüssigen Buch: Hawking, Habermas, Derrida, alles Pfeifen. Sogar Kant wird hier so eben mal abgewatscht, weil er nach Meinung des Autors nicht an dessen überragenden Intellekt herankommt. Markus Gabriel, der neue philosophische Überflieger? Meiner Meinung nach ein Aufschneider, der wenig zu sagen hat. Man lese nur mal die dünnen Kolumnen in der FAS!
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21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen "Philosophie" des Zeitgeistes, 7. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist ein einziges Ärgernis!
Mit dem Mega-Selbstbewusstsein eines Ignoranten rennt Gabriel offene Scheunentore ein. Er illustriert die von ihm nur karikierten Konzepte der Naturwissenschaft mit kindischen Bildern.
Nicht einmal Ockham's Razor und die damit verknüpfte, fundamentale Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft oder die Problematik des externen Beobachters, wie sie in der Quantenmechanik längst und sauber abgehandelt worden sind, sind ihm bekannt. Wenn doch, dann verschweigt er sie, offenbar um seine populistischen Thesen zu vermarkten. So unterstellt er der Naturwissenschaft, sie würde die Deutungshoheit sozusagen über alles an sich reissen. Seriöse Naturwissenschaftler sagten implizit schon vor Wittgensteins „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Also, dass Gott neben so vielen anderen Abstrakte der Wirklichkeit grundsätzlich kein Gegenstand der Naturwissenschaftlichen Methode sein kann: Gott ist KEIN Gegenstand der Naturwissenschaft - Ende der Durchsage. Auch wenn die Presse vom „Gottesteilchen“ gequatscht hat. Vulgärjournalismus als Munition eines Philosophen. Armselig.
Auch die Tatsache, dass es keine wirklich „isolierte Systeme“ und daher keine wirklich kontrollierte Experimente geben kann, ist Schnee von gestern.
Auf diesem Gemeinplatz beruht dann auch sein reisserisches Titelthema: Wir können die Welt niemals von aussen betrachten. Wir sind drin, also ein Teil von ihr. Die Antwort läge in der naturwissenschaftliche Systemtheorie und den Folgen für unsere Wahrnehmung der so genannten Wirklichkeit. Das ist aber kein Thema; zu schwierig und sowieso von den dummen und gar böhzen Physikern gemacht.

Keine Frage, dass er mit dieser Position nicht allein ist. Nicht nur die Philosophie, auch die Politik und Wirtschaft verkennen die Methode, die Konzepte und Erfolge der Naturwissenschaft überhaupt und würdigen gerade mal den Return on Invest...

Der Herr Professor beschränkt sich damit auf das Abknallen von ein paar Schlagzeilen, die von Journalisten am Laufmeter produziert werden: Zeitgeist-Phrasen.
Gegen seine verbissene Absicht unterstützt er genau die Postmoderne, deren Grundthesen in der Tat differenziert zu betrachten sind.

Von einem Universitätsprofessor der Philosophie muss man leider(?) VIEL mehr verlangen.
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14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Warum es dieses Buch nicht geben muss, 10. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Mein Eindruck von diesem Buch ist zwiespältig, eher negativ. Warum es die Welt nicht gibt, diese provokant formulierte Aussage wird schon in den ersten fünf Sätzen erklärt. Sie ist weder originell noch neu und war schon den griechischen Philosophen um 400 vor Christus bekannt. Es gibt nun einmal keine allumfassende Welt, denn jederzeit ist eine noch allumfassendere denkbar, so wie es auch keine größte natürliche Zahl gibt. Immer kann man noch eine weitere Zahl addieren. Das stört ja auch niemanden.
Das Neue, das Gabriel dieser Erkenntnis hinzufügt ist der Kontext einer Welt aus fraktal verschachtelten Sinnfeldern. Er erklärt dieses Konzept gut weitet es auf andere Bereiche aus, wie Wissenschaft, Religion und Kunst.
Überall dort, wo Gabriel seine ureigenen Ideen vertritt ist sein Stil mitreißend und kraftvoll. Komplexe Sachverhalte vermittelt er ohne dass der Leser das mitbekommt. Dieser Fluss wird leider immer wieder von philosophischen Erklärungen und Definitionen unterbrochen, so staubtrocken und zäh wie der Christstollen von letztem Jahr. Nicht dass diese Passagen unwichtig wären, im Gegenteil, doch es wäre zu wünschen gewesen, dass Gabriel wenigstens auf die Verwendung von unnötigem Fachvokabular verzichtet hätte und den Christstollen mit einer Flasche Cognac behandelt hätte.
Schon fast als unangenehm habe ich das aggressive Argumentieren gegen viele Klassiker der Philosophie und den Konstruktivismus im Allgemeinen empfunden. Selbst Kant wird nicht ausgelassen und im Lichte von Gabriels Ideen vorgeführt.
Der Konstruktivismus hat in diversen Spielarten schließlich zum Verständnis der modernen Physik beigetragen. Seine merkwürdig erscheinenden Schlussfolgerungen sind aber inzwischen von dieser inzwischen überwunden worden.
Missfallen hat mir besonders die Wissenschaftsschelte, die das Buch von vorne bis hinten durchzieht. Die etablierte Schulbuchphysik mit Begriffen wie Fetischismus, Ersatzreligion und Halluzination zu belegen mag ja noch angehen, doch Gabriel vergisst, dass das nur der kleinste gemeinsame Nenner der Physik ist. Er vergisst, dass viele Physiker Menschen sind, die an der Front der Erkenntnis kämpfen, tagtäglich mit den Unzulänglichkeiten des eigenen Denkapparates konfrontiert sind, und längst über die von Ihm vorgebrachten Argumente hinausgewachsen sind. Wenn er sich wirklich mit moderner Physik und deren philosophischen Konsequenzen auseinandergesetzt hätte, hätte er erkennen müssen, dass die Strukturen die hier geboten werden, denen aus seinem Buch verdammt ähnlich sind.
Die Synthese seines Sinnfeldkontextes mit den Ideen der modernen Physik, das hätte vielleicht eine Sichtweise ergeben können, die der Welt angemessen wäre.
Schade drum.
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32 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen populistisch und überheblich, 5. August 2013
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Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Wieder einmal ein Autor, der philosophische Fragen popularisieren möchte, dabei aber lediglich populistische Phrasen drischt. Geärgert hat mich die Überheblichkeit, mit der er meint, z.B. Kant, Habermas und Hawkins wie kleinen Schuljungen "die Hefte korrigieren" zu können. Obwohl er z.B. Kants Denken teilweise zunächst einigermaßen korrekt beschreibt, schießt er danach lediglich "Pappkamaraden" des "transzendentalen Idealismus" ab, und zeigt, dass er den Unterschied zwischen "Erscheinungen" und "Schein" ("Illusionen") oder den Begriff des "Dings an sich" schlicht nicht verstanden hat. Auch sonst finde ich in Gabriels Buch weitgehend eher plakative Behauptungen als plausible Argumente. Wesentliche philosophische Alternativen zum alten metaphysischen Substanzdenken (z. B. eine prozessuale Weltsicht) hat er überhaupt noch nicht zur Kenntnis genommen. Dass die "Welt" als solche nicht "erscheinen" kann, weil sie eben kein "Gegenstand möglicher Erfahrung" ist, hat Kant viel besser und plausibler entfaltet als Gabriel in seinem sog. "Neuen Realismus". Alles in allem ein enttäuschendes Buch.
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17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Voller Widersprüche, 2. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Zu diesem Büchlein sind hier bereits zahlreiche kritische Kommentare abgegeben worden, denen ich kaum etwas hinzufügen kann. Im Grunde genommen ist der Großteil des Werkes total zerrissen worden und dies auch - aus meiner Sicht - aus gutem Grunde. Denn das Büchlein von Gabriel enthält so viele Widersprüche, dass es mich erstaunt, ein Werk eines Professors der Philosophie zu lesen. Nur mal eine kleine Kostprobe: (S. 208) "... Genau genommen gibt es Gott natürlich...", dagegen S. 211: "... Auch Gott kann es (...) nicht geben..." und solche Widersprüche tauchen dauernd auf.

Gabriels Sinnfelder sind nicht hilfreich bei der Frage nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen, denn auch Gott "erscheint" mir in "meinem" Sinnfeld - aber existiert er deswegen notwendigerweise? Der grobe logische Fehler von Gabriel liegt darin, die mengentheoretische Aussage: "Die Menge aller Elemente kann sich selbst nicht enthalten" auf eine andere Kategorie (nämlich der Kategorie der Existenz) zu übertragen. Dieser logische Fehlschluss wird bereits bei Aristoteles in "De Caelo" zwischen der Arithmetik und der Geometrie behandelt und wurde (allerdings in abgewandelter Form) vor ca. 100 Jahren durch Gilbert Ryle diskutiert (als sog. Kategorienfehler). Damit ist Gabriels "Argument" der Boden entzogen, es gebe die Welt nicht. Natürlich gibt es die Welt, sage ich! Es ist meine Welt, so wie sie mir gefällt (so ähnlich singt dies Pippi Langstrumpf!). Dass ich die Welt in ihrer Gesamtheit nicht erkennen kann, ist ja nichts Neues - man lese hier einmal die Kritik der reinen Vernunft von Kant.

Mich überzeugt auch nicht, dass ein Gedanke über irgend eine Sache "genauso existiert" wie die Sache selbst. Ich kann mir rosarote Einhörner auf dem Mars "denken" (oder hatten sie eine Polizeiuniform? ;-) doch ob es solche Tiere dort "wirklich" gibt steht doch auf einem ganz anderen Blatt. Natürlich "existiert" mein Gedanke an diese seltsamen Tiere, aber das bestreitet ja derjenige der dies denkt auch gar nicht. Die Frage danach, was "wirklich" existiert, wird aber mein Gesprächspartner durchaus anders beantworten wollen. Und dann: "Unendlichkeit" verwendet Gabriel an mehreren Stellen: Diese soll es also "geben", die "Welt" aber nicht? Für mich ist der "Neue Realismus" (der übrigens gar nicht neu ist, das gibt sogar Gabriel selbst in einem anderen Buch zu!) nicht ernst zu nehmen.

Das Büchlein hat mich sehr enttäuscht, ich hätte mir zumindest eine logisch konsistente Abhandlung erwartet. Für neue Weltdeutungen bin ich offen, aber nicht für solchen Unsinn.
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18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Mengentheorie als Philosophie, 12. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
ergänzte Rezension:
Leider muss ich mich als naturwissenschaftlich geprägter Mensch den vielen negativen Rezensionen anschließen. Zunächst: Der von Gabriel ausgerufene neue Realismus ist nichts weiter als mit philosophisch angehauchten Begriffen unterlegte naive mathematische Mengenlehre, der Titel eine schlichte Übersetzung einer Aussage der Cantorschen Mengenlehre. Seit Cantors Zeiten ist bekannt, dass es die "Menge aller Mengen" nicht geben kann, da dies zu einem logischen Widerspruch führt (siehe Cantorsche Antinomien). Indem Gabriel die "Welt" als Sinnfeld aller Sinnfelder, zurückübersetzt also als "Menge aller Mengen" definiert, bleibt der Welt nichts anderes übrig als nicht zu existieren. Gabriel zitiert in völliger Analogie die Argumentation aus der Mengenlehre, benutzt sogar Mengendiagramme, um seinen Titel zu rechtfertigen. Man fragt sich: War Gabriel dieser Zusammenhang mit der Mathematik klar und reklamiert er - populistisch reißerisch - damit zu Unrecht eine "neue Erkenntnis"? Oder war er ahnungslos?

Bei der Lektüre entsteht jedenfalls der Eindruck, dass Gabriel nicht nur kein Freund des Konstruktivismus und sämtlicher anderen philosophischen Ismen ist, die er keck und durchaus nicht frei von Widersprüchen in Grund und Boden schreibt, statt ihren jeweiligen Ansatz zum Verständnis "der Welt" würdigend einzuordnen, sondern insbesondere mit den Naturwissenschaften einschließlich der Mathematik nichts am Hut hat. Dies kann für einen "Erkenntnistheoretiker" heutzutage keine ausreichende Basis sein. Eine Auseinandersetzung mit der Erkenntnisproblematik in den Naturwissenschaften, die über die gegenüber Stephen Hawking ausgebreitete Häme hinaus führte, fehlt bzw. ist extrem naiv, oberflächlich und letztlich falsch.

Überhaupt wirkt das Büchlein überheblich und nicht ernsthaft. Ich hatte Mühe das Buch nicht schon frühzeitig ent- oder genervt aus der Hand zu legen. Eine eigentlich geplante kommentierende Zweitlektüre habe ich nicht über mich gebracht. Es macht schon stutzig, wenn einer so gnadenlos mit allen Ismen und den damit verbundenen Lebensleistungen aller Philosophen vor ihm abrechnet, um dann seinen neuen Ismus auf das Schild zu heben (wohl nicht ahnend, dass seinem „Neuen Realismus“ schon jetzt ausweislich der vielen negativen und ins Detail gehenden Rezensionen eine Abfuhr beschieden ist).

Ein Satz sei zitiert, der belegt, mit welcher Plattheit und erkenntnistheoretischer Verweigerungshaltung Gabriel formuliert: „Wenn ich den wahren Gedanken denke, dass es regnet, gibt es zwei Tatsachen: erstens die Tatsache, dass es regnet, und zweitens die Tatsache, dass ich den wahren Gedanke denke, es regnet.“ Diese Aussage mag alltagssprachlich nachvollziehbar sein (wenn auch niemand das so formulieren würde), sie mag auch einem mathematischen Logikkalkül entsprechen, aber als Aussage, die erkenntnistheoretisch erhellend sein soll, ist dieser Satz mit der völlig unreflektierten Verknüpfung von „wahrer“ Gedankenwelt und „wahrer“ Außenwelt aus meiner Sicht schlicht daneben (wobei sich nach Gabriel das Wort „Welt“ eigentlich verbietet; darauf verzichten kann und will aber auch Gabriel selbst nicht). „Es regnet“ als Tatsache zu bezeichnen, zeigt überdies, dass Gabriel rein anthropozentrisch und stärker noch: sprachlich gebunden argumentiert. Für einen Regenwurm oder einen Hering gibt es die „Tatsache“ „es regnet“ nicht.

Aber das Neue am „Neuen Realismus“ nach Gabriel ist ohnehin ein völlig ungezwungener Umgang mit Tatsachen, Wahrheiten und Existenzen. Er erhöht alltagsprachlichen Umgang mit Begriffen zu philosophischen Kernaussagen. Einige Anmerkungen zu der von Gabriel vorgestellten neuen Begrifflichkeit: Die von ihm so genannten Sinnfelder hängen stark an den in der Linguistik üblichen Wortfeldern. Es sind Mengen von Objekten, die durch einen gemeinsamen „Sinn“, sprich durch ein bestimmendes Merkmal zu einer Menge zusammengefasst sind. Dabei haben die beschriebenen „Merkmalssinne“ mit Sinnhaftigkeit im üblichen Sprachgebrauch wenig zu tun, da sie Objekte als existent erscheinen lassen wie die von Gabriel mehrfach zitierten „Polizeiuniform tragenden Einhörner auf der Rückseite des Mondes“. In dem Sinnfeld „der im physikalischen Universum (Sinnfeld) nicht existierenden Objekten“ sind diese Objekte aber existent, denn innerhalb eines Sinnfeldes existieren alle darin enthaltenen Objekte, ein Kernaxiom des „Neuen Realismus“. Existenz wird so zu einer bloßen Sprachregelung herabgedeutet. Alles, selbst das „Unsinnigste“ kann existieren und existiert in dem passenden „unsinnigen“ Sinnfeld, wiewohl es in anderen Sinnfeldern nicht existiert. Existenz wird mithin über die Bildung eines passenden Sinnfeldes konstruiert. (Konstruktivismus?) Existenz wird damit aber wie oben schon betont an die sprachlich gebundene Bildung von Sinnfeldern geknüpft. Es kann nur existent sein, was wir sprachlich einordnen können. Die Konstruktion von Sinnfeldern lässt paradoxe Bildungen zu: Das Sinnfeld aller Objekte, die noch nicht existent sind, wäre solch eine paradoxe Bildung, denn nach Gabriels Definition exisiteren alle in einem Sinnfeld enthaltenen Objekte, also auch die, die noch gar nicht existieren, weil sie vielleicht in der Zukunft erst (sprachlich) "entdeckt" werden und passenden Sinnfeldern zugeordnet werden könnten.

Mein Fazit: Eine mengentheoretische Abhandlung, die die Welt als Menge aller Mengen wegerklärt, aber jeder beliebigen anderen, noch so abstrus zusammengefassten Menge von Objekten, sprich: Sinnfeld, naive Realität bescheinigt, ist anders als behauptet nicht konsistent zu begründen (wie jeder Ismus). Sie entbehrt für einen naturwissenschaftlich fragenden Menschen jeglicher Sinnhaftigkeit und ist einer erkenntniskritischen Philosophie im 21. Jahrhundert, die sich um die erkenntniskritischen Fragen der Naturwissenschaften nicht mehr herummogeln darf, absolut unangemessen.

Meine Wertung: Vom Anspruch des Titels her eindeutig Null Sterne, einen Stern für einige unterhaltsam dargestellten Anregungen im "anekdotischen" Teil der Abhandlung.
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Warum es die Welt nicht gibt
Warum es die Welt nicht gibt von Markus Gabriel (Gebundene Ausgabe - 10. Juni 2013)
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