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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kritisches Buch über die Nachtseite der Revolte, ihre Hybris und ihre antisemitischen Grundlagen
Das vorliegende Buch des Historikers Wolfgang Kraushaar, der schon in der Vergangenheit mit zahlreichen, z.T. sehr ins Detail gehenden Veröffentlichungen über 1968 und die antiautoritäre Bewegung hervorgetreten ist, ist eines von vielen in diesem Frühjahr erschienenen Büchern zu diesem Thema. Einige habe ich gelesen und wage es deswegen, das Buch...
Veröffentlicht am 6. Mai 2008 von Winfried Stanzick

versus
16 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Bitte Untertitel beachten
Beruflich beschäftige ich mich auch damit, Bilanzen und Geschäftsberichte so aufzubereiten, dass Leser bei der Lektüre nicht einschlafen und Wesentliches schnell erfassen. Man mag es beklagen, dass man zu den Mitteln des Infotainments greifen muss, um in der Datenflut nicht unterzugehen, aber sich dagegen zu sträuben, bringt wenig. Die Achtundsechziger...
Veröffentlicht am 7. März 2008 von Fuchs Werner Dr


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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kritisches Buch über die Nachtseite der Revolte, ihre Hybris und ihre antisemitischen Grundlagen, 6. Mai 2008
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Das vorliegende Buch des Historikers Wolfgang Kraushaar, der schon in der Vergangenheit mit zahlreichen, z.T. sehr ins Detail gehenden Veröffentlichungen über 1968 und die antiautoritäre Bewegung hervorgetreten ist, ist eines von vielen in diesem Frühjahr erschienenen Büchern zu diesem Thema. Einige habe ich gelesen und wage es deswegen, das Buch Kraushaars im Vergleich mit einigen anderen Veröffentlichungen zu besprechen und zu würdigen.

Zunächst zeichnet das Buch aus, dass Kraushaar genau wie der Historiker Norbert Frei in seiner DTV-Veröffentlichung zum Thema die Wurzeln des Geschehens, das mit dem Kürzel 1968 nur unzureichend beschrieben ist, in den USA sucht. Die dortigen Bewegungen an den Universitäten, das Black-Power -Movement und erste Proteste gegen den Vietnam Krieg, haben die Samen geliefert für das, was später nach Europa schwappte und in Deutschland und Frankreich (Pariser Mai 1968) sich zu einer regelrechten sozialen Bewegung entwickelte, die eben nicht nur auf die Studenten beschränkt blieb.

Um die kulturellen Wurzeln von Kommune I und den von Kraushaar sehr ausführlich beschriebenen Haschrebellen um Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann zu orten, widmet Kraushaar den langen Prolog seines Buches der Hippiebewegung, mit der er alles beginnen sieht.

Im Gegensatz zu Peter Schneiders autobiographischer Erzählung "Rebellion und Wahn" geht Kraushaar, dessen eigene Beteiligung im übrigen in seinem Buch leider sehr unterbelichtet bleibt, nicht direkt chronologisch vor, sondern er lässt ein anderes Ordnungsprinzip walten, nach dem er sein Buch aufgebaut hat. Nachdem er unter der Überschrift "Kulturkampf und Sprachverwirrung" einiges zur Klärung dessen beigetragen hat, was mit 1968 gemeint ist, identifiziert er danach die "Konstitutionsfaktoren" der damaligen politischen Entwicklung in Ost und West.

"Die Achtundsechzigerbewegung schöpfte nur oberflächlich betrachtet aus einem Kanon politischer Interessen. In Wirklichkeit bezog sie ihren Schwung aus einem ganz anderen Stoff, sie fand ihr Energiepotential in drei Ursprungsmythen -der Gewalt als einer Sphäre, die für die Gesellschaft als konstitutiv angesehen wurde, der Sexualität, die als Kernbereich persönlicher Intimität betrachtet wurde, und der Dritten Welt als einer geopolitischen Sphäre, die als Alternative zum verhassten System, dem Kapitalismus, dem Kolonialismus und dem Imperialismus, galt."

Was mir besonders gefallen hat und was ich so in keinem der anderen Bücher gelesen habe, ist Kraushaars ausführlicher Hinweis auf die religiösen Wurzeln der Bewegung: "Die Suche nach dem Ursprung ist die Suche nach dem verlorenen Gott."

Er zitiert Richard Löwenthal, einen der schärfsten intellektuellen Kritiker der Bewegung, der das ganze eine "romantische Revolte" nannte. Auch Peter Schneider und auch der arg kritisierte Götz Aly beziehen sich immer wieder auf dieses Diktum Löwenthals. Kraushaar zitiert das "eschatologische Programm" der Subversiven Aktion 1962 (Vorläufer der Kommune I) und weist auf die protestantische Sozialisation vieler Akteure, unter anderen Rudi Dutschkes hin und resümiert:
"Die Entstehung der Achtundsechzigerbewegung wäre undenkbar ohne die vorwiegend protestantisch geprägte Moralität ihrer Akteure."

Kraushaars Buch lebt, ähnlich wie das von Götz Aly, von seiner akribischen Recherche und seine Differenziertheit. Anders als Aly schüttet er das Kind aber nicht mit dem Bade aus, benennt aber deutlich die von Anfang an vorhandenen antisemitischen Züge der Bewegung und geißelt am Ende seines Buche sarkastisch die rechtsnationale Wende vieler ehemaliger Weggefährten wie zum Beispiel Bernd Rabehl oder Horst Mahler. Er spart aber auch nicht mit beißender Kritik an der "Entpuppung prominenter Achtundsechziger".

Achtundsechzig hat die Republik verändert. Das steht für Kraushaar fest. Doch ähnlich wie Schneider sein Buch mit der Warnung an seine Kinder enden lässt, vor den selbstgerechten Führern auf der Hut zu sein, endet Kraushaars Buch mit einem Zitat aus Adornos letzten Brief an Herbert Marcuse:
"Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der letzte zu unterschätzen: sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen, Aber es ist ihr ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt ..."

Ein sehr empfehlenswertes, kritisches Buch über die Nachtseite der Revolte, ihre Hybris und ihre antisemitischen Grundlagen. Es muss ja nicht gleich einen neuen Historikerstreit geben wie der SPIEGEL wähnt, Schneiders und Alys Bücher vergleichend. Aber die Auseinandersetzung über die totalitären Tendenzen und die Nähe zu einer früheren, zunächst ähnlich national und sozialistisch daherkommenden "Bewegung" darf als eröffnet betrachtet werden.

Sie kann für die gegenwärtigen linke, ökologischen und feministischen Diskurse nur von Vorteil sein, denn auch hier feiern nach meiner Wahrnehmung Tendenzen fröhliche Urständ, die alles andere als demokratisch sind ( vgl. den als Antizionismus sich gerierenden Antisemitismus der Globalisierungsgegner und die mit intellektuellen Scheuklappen geführte Diskussion über die palästinensische und islamistische Terrorgefahr).
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16 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Bitte Untertitel beachten, 7. März 2008
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Beruflich beschäftige ich mich auch damit, Bilanzen und Geschäftsberichte so aufzubereiten, dass Leser bei der Lektüre nicht einschlafen und Wesentliches schnell erfassen. Man mag es beklagen, dass man zu den Mitteln des Infotainments greifen muss, um in der Datenflut nicht unterzugehen, aber sich dagegen zu sträuben, bringt wenig. Die Achtundsechziger feiern Jubiläum. Grund genug, den Büchermarkt zu überschwemmen. An die fünfzig Titel warten auf Käufer und Leser. Um auf den Extratischen aufzufallen, braucht es als ersten Schritt ein gutes Cover. Das ist dem Propyläen Verlag gelungen. Dann muss ein illustrer Name her, am besten ein Held von damals. Hier hapert es schon ein bisschen. Denn unter den zahlreichen Veröffentlichungen von Wolfgang Kraushaar, geboren 1948, findet sich zwar auch das Thema 1968, aber ausserhalb akademischer Kreis ist er doch eher unbekannt. Kommt hinzu, dass der Leser rein gar nichts darüber erfährt, wo und mit wem Kraushaar während der bewegten 68er-Jahre war.

Da unter den vielen Jubiläumsschriften auch einige Neuauflagen sind, kenne ich bereits etliche Angebote, um Vergleiche mit diesem Buch ziehen zu können. Und daher lautet mein Zwischenurteil: Es gibt bessere Bücher zum Thema. Den 332 Seiten ein Zitat des amerikanischen Rockmusikers und Mitbegründers von Jefferson Airplane, Paul Kantner, voranzustellen, finde ich zwar gut, aber auch gefährlich. Denn es lautet: "Wer sich an irgend etwas aus den sechziger Jahren erinnert, war mit Sicherheit gar nicht dabei." Gefährlich, weil es genau auf die Schwachstelle dieses Buches aufmerksam macht. Wolfgang Kraushaar war nicht dabei. Zumindest weckt seine Erzählhaltung diesen Eindruck. Aber inzwischen wissen wir, dass sich die Rolle eines Historikers und Politikwissenschaftlers sehr wohl mit einer spannenden und engagierten Erzählweise verbinden lässt. Und irgendwie versucht dies auch Wolfgang Kraushaar. Nur gelingen will es ihm nicht so richtig.

Erstaunlicherweise gelingt es dem Autor auch nicht, eine übersichtliche und klärende Ordnung zu schaffen, was ich allerdings erst im Laufe der Lektüre merkte. Denn das Inhaltsverzeichnis verspricht eine buchhalterische Auslegeordnung. Doch Wolfgang Kraushaar bekundet grosse Mühe, den roten Faden so zu spinnen, dass er die verschiedenen Teile zusammenhält und durch das Gesamtbild durchschimmert. So bedeutend das RAF-Mitglied Horst Mahler für deutsche Leser auch sein mag, in einem Buch mit dem Titel "Achtundsechzig. Eine Bilanz" nimmt er zu viel Raum ein. Es hat wenig mit Lokalpatriotismus zu tun, wenn ich die Ausklammerung von Geschehnissen in der Schweiz und Österreich bemängle. Wenn einer Bilanz so viele Seiten zur Verfügung stehen, erwarte ich einfach einen weiteren Blickwinkel. Viele interessante und wichtige Themen wie etwa die Kunst oder die Sexualität werden nur angeschnitten, obwohl sie für das Aufzeigen kulturgeschichtlicher Zusammenhänge überaus geeignet wären.

Mein Fazit: Weder Fisch, noch Vogel. Diesen Eindruck hatte ich nach der Lektüre dieser Bilanz. Wolfgang Kraushaar wechselt die Beobachterposition ebenso schnell und unmotiviert wie den Fokus oder den Schreibstil. Mal vermeidet er jegliche persönliche Stellungnahme, dann rechnet er wieder mit Personen und Ereignissen ab. Der rote Faden fehlt nicht nur formal, sondern auch inhaltlich. Im Gegensatz zum Klappentexter behaupte ich, dass man um dieses Buch herum kommt, wenn man die 68er Bewegung in ihrer historischen Bedeutung wirklich verstehen will.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zusammenfassung die nicht weitreichend genug ist..., 5. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Der Autor unterstellt ehemaligen Aktivisten der Achtundsechziger, der linken Szene, sogar der Regierung unter Kanzler Schröder (Rot Grün 1998 - 2005) einen Hang zu "nationaler Politik" zu haben.
Ich fragte mich: Wo war der? Damit die Türkei in die EU lassen zu wollen?

Richtig herausarbeiten konnte er den Hang der Achtundsechziger die dritte Welt zu glorifizieren, bewundern zu wollen geradezu. Und vielleicht auch in Europa in Massen hereinlassen zu wollen? Grüne sind da ja immer ganz vorne mit dabei. Der Aspekt hätte noch gefehlt.
Dann, der Hang mancher Linker den Islam zu unterstützen, dass sogar manche von ihnen zum Islam konvertiert sind, wie Herr Paul-Gerhard Hübsch, später Hadayatullah Hübsch, wird kurz beleuchtet.

Leute wie
wie Günter Maschke, oder der wirre H. Mahler u.a. werden benannt, die mit der Linken gebrochen haben.
Dann wird wieder alles als rechts diskreditiert wie Zeitungen wie die JF in einem Rundumschlag.
Leider begibt der Autor sich damit auf den Holzweg, denn Pressefreiheit existiert in diesem Land momentan quasi nicht mehr unter jetzigen Umständen. Die politische Korrektheit ist nun da zum Brainwash (Hirnwäsche) und Zensurinstrument der herrschenden Nomenklatura.

Drei Kampangen der 68er werden benannt und erläutert.

Im ganzen geht das Buch schon in die richtige Richtung, daran kann man ermessen zu welchen Zuständen es heute gekommen ist, welchen Idioten man das zu verdanken hat, und was für kranke Ideen und Gestalten sich da eingebracht haben. Leider nahm die Aufarbeitung der dunklen zwölf Jahre des Nationalsozialismus keine bessere Wendung, als das was diese Riege dann alles unternahm.

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Hinzugefügt am 15.06.14
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Diese Leute von den Grünen, Linken treten dafür ein, dass Deutschland, Europa zu so etwas wie die Situation in Lateinamerika werden wird.

Brasilien ist ein guter Blickpunkt hierfür.

Das wird das Resultat der sog. "Globalisierung", der Multikulturalisierung sein. Es kann sein, dass die Wirtschaft dann irgendwann in den Keller geht. Dass "gated communities" enstehen, also eine Reprivatisierung der Sicherheit. Das staatliche Gewaltmonopol wird dann nicht mehr groß gelten. Menschen werden auf vieles verzichten müssen, was so vielen Zeitgenossen immer noch als standardmäßig gegeben erscheint. Doch dieses Europa wird entweder irgendwann revoltieren, oder es wird sich eben so entwickeln wie ein dritte Weltstaat. Zumindest so in der Art wie Brasilien. Leute werden sich entweder behaupten oder untergehen und eine neue brutale Ordnung wird sich Platz schaffen.
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Ich hätte mir lieber ein noch kritischeres Buch gekauft über die achtundsechziger Szene und vielleicht finde ich ja auch noch eins. An sich ist diese Bestandsaufnahme aber schon mal gar nicht so schlecht.
Aber für mich nur Mittelmaß.
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13 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine sehr ernüchternde Bilanz der Achtundsechziger, 3. Mai 2008
Von 
Dr. Horst Wolfgang Boger (Berlin & Potsdam, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Kraushaars Veröffentlichung unterscheidet sich von Götz Alys Buch "Unser Kampf" in zumindest einem wichtigen Punkt: Die Aggressivität ist wesentlich gedämpfter. Dies rührt möglicherweise daher, dass Kraushaar nur ein "Tangentialachtundsechziger" (wie er sich selbst apostrophiert) war. (Dasselbe gilt übrigens auch für den Rezensenten.)

Aber die Hauptthesen sind nicht so viel anders. "Die Gewalt war das insgeheime Magnetfeld der Achtundsechzigerbewegung. Von ihr ging die stärkste, zugleich abgründigste Anziehung aus." (S. 82) Weitere "Magnetfelder" waren Sexualität und die Dritte Welt.

In der Sicht der Achtundsechziger waren Wirtschaft, Staat und Gesellschaft existierender Staaten schlechthin durch Gewalt geradezu konstituiert. (Lenins und Stalins Sowjetunion, Maos China, Pol Pots Kambodscha hätten sie wohl ausgenommen.) Gewalt (die später von Johan Galtung "strukturelle Gewalt" genannt werden sollte) provozierte und legitimierte "Gegengewalt", worunter alles mögliche subsumiert werden konnte, bis hin zu Brandstiftung, Bombenattentaten (beispielsweise auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 in Berlin-Charlottenburg) und brutalen und hinterhältigen Mord.

1968 konnte man in der Frankfurter Universität die Parole "Lest Wilhelm Reich und handelt danach!" lesen. Eines der vielgelesenen Bücher Reichs trug den Titel "Die Funktion des Orgasmus. Zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens". Die Botschaft lautete, vereinfacht: Gib Dich den lebenden Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung hin, nur so können Du und die Gesamtgesellschaft gesunden. (Ein zeitgenössisches Analogon wäre wohl "Vögeln für den Frieden und gegen die globale Erwärmung".)

Die dritte Welt wurde den jungen "Internationalsozialisten" (wie Hermann Lübbe gerne und oft sagte und schrieb) insbesondere durch Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" ("Les Damnés de la Terre", 1961) bekannt. Sie identifizierten und solidarisierten sich sogleich mit unterdrückten Völkern in Afrika, Südamerika und Asien. "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", so dachten sie wohl im Geiste von Jesus (Mt 25, 40) und schrien - allerdings recht unjesuanisch - "USA - SA - SS", "Amis raus aus Vietnam!", "Waffen für den Vietcong", "Schafft zwei, drei, viele Vietnam!" Man könnte auch sagen: Die Internationalsozialisten übten - wiederum unjesuanisch - Fernstenliebe. Kraushaar formuliert es so: "Die Dritte Welt war eine 'Projektionsbühne' für romantisch aufgeladene Bilder eines internationalen Befreiungskampfes. Die fernen Guerrilleros diente der Achtundsechzigerbewegung als Ersatz für ihre im eigenen Land mehr oder weniger ge-genstandslosen revolutionären Hoffnungen. [...] Sich als Teil internationaler Solidarität zu verstehen, war zugleich der Versuch, an einem globalen Mythos teilzuhaben und sich auf diesem Weg einen revolutionären Nimbus zu geben. Das alles war reichlich überspannt und von einer Vermessenheit, für die bundesdeutsche Linksradikale offenbar besonders anfällig waren." (S. 109)

Das Buch mit seinen fast 340 dicht geschriebenen Seiten ist damit selbstverständlich noch nicht rezensiert. Weitere sehr interessante Punkte betreffen die Hysterie um die Notstandsgesetze, die in delirierenden Parolen wie "1933 Ermächtigungsgesetz - 1968 NS-Verfassung" mündete (S. 163 ff.), die aus dem Zerfall der APO entstehenden Psychosekten, wo auch ein früher Mentor des Rezensenten, Dr. Dieter Duhm (bekannt aus dem berühmten Film "Indiana Jones and the Temple of Duhm"), ausgiebig gewürdigt wird (S. 194 ff.), und schließlich den Zusammenhang zwischen Protestantismus und Pietismus einerseits und Gewalt andererseits (S. 282 ff.).

Kurz vor dem Ende dieses sehr gehaltvollen und sehr gut geschriebenen Buches zitiert der Verfasser einen Satz aus einem Brief Theodor W. Adornos vom 6. August 1969: "Aber es ist [der Studentenbewegung] ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt." Am selben Tage noch ist Adorno gestorben. Eine wichtige Ursache für seinen Tod war wohl der Tort, der ihm von den InternationalsozialistInnen, die doch seine SchülerInnen waren, angetan worden war. Adorno hat vornehm untertrieben: Es war weit mehr als nur ein Quentchen.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen So habe ich es erlebt, 28. April 2013
Von 
Peter Gruschka (Lübeck) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Man kann alles schönreden bis es zum gewünschten Bild führt. Das treffenste Beispiel sind ein Grossteil der grünen Politiker bei denen die Bösen immer die anderen sind. Eigenerkenntnis unerwünscht!
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5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine sehr ernüchternde Bilanz der Achtundsechziger, 31. Januar 2009
Von 
Dr. Horst Wolfgang Boger (Berlin & Potsdam, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Kraushaars Veröffentlichung unterscheidet sich von Götz Alys Buch Unser Kampf: 1968 - ein irritierter Blick zurück in zumindest einem wichtigen Punkt: Die Aggressivität ist wesentlich gedämpfter. Dies rührt möglicherweise daher, dass Kraushaar nur ein "Tangentialachtundsechziger" (wie er sich selbst apostrophiert) war. (Dasselbe gilt übrigens auch für den Rezensenten.)

Aber die Hauptthesen sind nicht so viel anders. "Die Gewalt war das insgeheime Magnetfeld der Achtundsechzigerbewegung. Von ihr ging die stärkste, zugleich abgründigste Anziehung aus." (S. 82) Weitere "Magnetfelder" waren Sexualität und die Dritte Welt.

In der Sicht der Achtundsechziger waren Wirtschaft, Staat und Gesellschaft existierender Staaten schlechthin durch Gewalt geradezu konstituiert. (Lenins und Stalins Sowjetunion, Maos China, Pol Pots Kambodscha hätten sie wohl ausgenommen.) Gewalt (die später von Johan Galtung "strukturelle Gewalt" genannt werden sollte) provozierte und legitimierte "Gegengewalt", worunter alles mögliche subsumiert werden konnte, bis hin zu Brandstiftung, Bombenattentaten (beispielsweise auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 in Berlin-Charlottenburg) und brutalen und hinterhältigen Mord.

1968 konnte man in der Frankfurter Universität die Parole "Lest Wilhelm Reich und handelt danach!' lesen. Eines der vielgelesenen Bücher Reichs trug den Titel "Die Funktion des Orgasmus. Zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens". Die Botschaft lautete, vereinfacht: Gib Dich den lebenden Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung hin, nur so können Du und die Gesamtgesellschaft gesunden. (Ein zeitgenössisches Analogon wäre wohl "Vögeln für den Frieden und gegen die globale Erwärmung".)

Die dritte Welt wurde den jungen "Internationalsozialisten" (wie Hermann Lübbe gerne und oft sagte und schrieb) insbesondere durch Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" ("Les Damnés de la Terre", 1961) bekannt. Sie identifizierten und solidarisierten sich sogleich mit unterdrückten Völkern in Afrika, Südamerika und Asien. "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", so dachten sie wohl im Geiste von Jesus (Mt 25, 40) und schrien - allerdings recht unjesuanisch - "USA - SA - SS", "Amis raus aus Vietnam!", "Waffen für den Vietcong", "Schafft zwei, drei, viele Vietnam!" Man könnte auch sagen: Die Internationalsozialisten übten - wiederum unjesuanisch - Fernstenliebe. Kraushaar formuliert es so: "Die Dritte Welt war eine 'Projektionsbühne' für romantisch aufgeladene Bilder eines internationalen Befreiungskampfes. Die fernen Guerrilleros diente der Achtundsechzigerbewegung als Ersatz für ihre im eigenen Land mehr oder weniger ge-genstandslosen revolutionären Hoffnungen. [...] Sich als Teil internationaler Solidarität zu verstehen, war zugleich der Versuch, an einem globalen Mythos teilzuhaben und sich auf diesem Weg einen revolutionären Nimbus zu geben. Das alles war reichlich überspannt und von einer Vermessenheit, für die bundesdeutsche Linksradikale offenbar besonders anfällig waren." (S. 109)

Das Buch mit seinen fast 340 dicht geschriebenen Seiten ist damit selbstverständlich noch nicht rezensiert. Weitere sehr interessante Punkte betreffen die Hysterie um die Notstandsgesetze, die in delirierenden Parolen wie "1933 Ermächtigungsgesetz - 1968 NS-Verfassung" mündete (S. 163 ff.), die aus dem Zerfall der APO entstehenden Psychosekten, wo auch ein früher Mentor des Rezensenten, Dr. Dieter Duhm (bekannt aus dem berühmten Film "Indiana Jones and the Temple of Duhm"), ausgiebig gewürdigt wird (S. 194 ff.), und schließlich den Zusammenhang zwischen Protestantismus und Pietismus einerseits und Gewalt andererseits (S. 282 ff.).

Kurz vor dem Ende dieses sehr gehaltvollen und sehr gut geschriebenen Buches zitiert der Verfasser einen Satz aus einem Brief Theodor W. Adornos vom 6. August 1969: "Aber es ist [der Studentenbewegung] ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt." Am selben Tage noch ist Adorno gestorben. Eine wichtige Ursache für seinen Tod war wohl der Tort, der ihm von den InternationalsozialistInnen, die doch seine SchülerInnen waren, angetan worden war. Adorno hat vornehm untertrieben: Es war weit mehr als nur ein Quentchen.
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4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alle wichtigen Zahlen, Daten und Personen, 3. April 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Achtundsechzig: Eine Bilanz (Gebundene Ausgabe)
Das Buch ist eine Zusammenfassung für alle, die zu jung sind um dabei gewesen zu sein und alle, die sich nicht mehr erinnern können, weil sie dabei waren.

Es beginnt zunächst ernüchternd. Nämlich mit einer langen und langweiligen Darstellung der Hippie-Bewegung in den USA.

Nachdem man sich da aber durchgekämpft hat, steigt die Qualität des Buches beachtlich an.
Positiv ist zunächst hervorzuheben, dass der Autor sich selbst vorstellt. Das ist normalerweise unüblich, erleichtert hier aber das Verständnis. Der Autor ist einer, der "68" mit dabei war. Also ein echter APO-Opa. Diese Information ist wichtig, denn sie verhindert Irritationen beim Lesen. So z.B. wenn der Autor Wolfgang Abendroth einen "namhaften Staatsrechtler" nennt (S. 166, dem Mann wurde sein Lehrstuhl entzogen!). Oder wenn er sich, dem Untertitel zum Trotz, nicht als Bilanzbuchhalter aufführt und den 'Überläufern' unter den 68gern ihren Wechsel zur politischen Rechten persönlich übel nimmt.

Im Hauptteil des Buches werden die Themen, Ziele und Methoden von 1968 ausführlich beschrieben. Nach ca. 150 Seiten kann man die Kommunarden Kunzelmann, Teufel und Langhans auseinander halten und auch Dutschke, Rabehl und Baader richtig zuordnen.
Im Mittelteil des Buches sind auch einige repräsentative Bilder abgedruckt.

Am Ende des Buches läuft der Autor noch mal zur Hochform auf.
Man erhält interessante Einblicke in die Gründung der Partei 'Die Grünen' und erfährt, dass etliche Protagonisten weniger friedens- und umweltbewegt waren, als man so meint.
Dann folgt ein Kapitel über die oben schon angesprochenen 'Überläufer' unter den 68igern. Dass der Autor sie wirklich alle in Bausch und Bogen zu bösen (Neo)Faschisten erklärt, liest sich fast wie persönliche Enttäuschung (s.o.). Es ist aber sehr interessant, dass jemand wie Horst Mahler sich nach Ansicht des Autors kaum grundlegend geändert hat (S. 251). So gab es wohl große inhaltliche Überschneidungen zwischen SDS - RAF - NPD. Nämlich Antiamerikanismus, Antizionismus/Antisemitismus und Antiparlamentarismus.

Sehr gelungen ist auch das Kapitel "Der Ursprung ist das Ziel". Hier werden die ideologischen und psychologischen Wurzeln von '68' dargelegt. In einer Bilanz müsste so was eigentlich an den Anfang. Aber die Darstellung am Ende hat auch auch Vorzüge. So hat man erst das Phänomen erfahren und kann dann die Ursachen zuordnen.
Im Fazit des Buches geht der Autor nochmal auf das Verhältnis von 68igern und Massenmedien ein. Ob man auch noch seinen Ausblick in der zweiten Hälfte des Fazits teilt, ist dann eher Geschmackssache.

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch.
Einen Stern muss ich aber aus drei Gründen abziehen:
1. Wegen des langweiligen Hippie-Kapitels.
2. Sprachlich hapert es an manchen Stellen. Das liegt an den Schachtel- und Bandwurmsätzen von acht Zeilen und mehr, was sich auf das Verständnis niederschlägt.
3. Es wäre schön, wenn auch ein paar Worte zur Organisation der Revolte gefallen wären. Denn als Nachgeborener fragt man sich unausweichlich: "Wie konnten die denn ohne Handy und Internet einen Vietnam-Kongress veranstalten???".
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Achtundsechzig: Eine Bilanz
Achtundsechzig: Eine Bilanz von Wolfgang Kraushaar (Gebundene Ausgabe - 1. Februar 2008)
Gebraucht & neu ab: EUR 3,78
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