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am 17. August 2012
Ferguson sucht in seinem Buch eine Antwort auf die Frage, weshalb sich einige europäische Länder ("der Westen") in den vergangenen 500 Jahren von unbedeutenden Randprovinzen zu die Geschichte prägenden Akteuren verwandeln konnten. Als Antwort führt er sechs Kernfaktoren aus: (1.) Wettbewerb zwischen Ländern, (2.) wissenschaftlicher Fortschritt, (3.) Garantie des Privateigentums (4.) medizinischer Fortschritt, (5.) Entwicklung einer Konsumgesellschaft und (6.) Arbeitsethik. Gegenwärtig werden viele dieser Faktoren in China intensiver gelebt, als im Westen ("Die privaten Eigentumsrechte werden immer wieder von Regierungen verletzt, die anscheinend den unersättlichen Drang verspüren, unser Einkommen und Vermögen mit möglichst hohen Steuern zu belegen und danach einen Großteil des eingezogenen Geldes zu verschleudern" S. 424) Man könnte auch auf den Gedanken kommen, dass die europäische Vereinigung im Rahmen der EU den Wettbewerbsaspekt reduziert.

Jeder dieser sechs Faktoren wird sukzessive in anekdotenreicher und mit vielen interessanten Details gespickter Weise abgehandelt. Eine Verknüpfung unterbleibt allerdings weitgehend. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob der medizinische Fortschritt nicht eine Facette der wissenschaftlichen Revolution ist? Warum gibt es dann kein eigenes Kapitel zum technischen Fortschritt? Und ist nicht möglicherweise der Wettbewerb das Kernelement, das alle anderen Faktoren maßgeblich beeinflusst? Die Faktoren scheinen nicht MECE zu sein - mutually exclusive, comprehensively exhaustive. Auch hätte man sich gewünscht, dass im abschließenden Kapitel alle entscheidenden Länder nach den ausgewählten Kriterien verglichen würden, um die Plausibilität der "Theorie" (?) als Erklärungsmuster zu untermauern. Stattdessen wird der Wettbewerbsaspekt hauptsächlich in einem Vergleich mit China illustriert, die Wissenschaft im Vergleich des Westens mit dem osmanischen Reich, zum Eigentum wird Südamerika herangezogen usw.

Die Faktoren werden auf S. 44 ff. eingeführt ohne zu begründen, weshalb es genau diese sechs Faktoren und keine anderen sind und warum Ferguson meint, damit die wichtigsten herausgearbeitet zu haben. So gesehen fehlt es dem Buch an Wissenschaftlichkeit. Dieses Problem findet sich zudem in der Belegung seiner - teilweise kontroversen - Thesen immer wieder. So unterlegt er seine "Widerlegung" von Max Weber mit nur zwei Untersuchungen, z.B. einer, die zeigt, dass protestantische Städte in Deutschland kein größeres Bevölkerungswachstum hatten als katholische (S. 390). Weber hat aber weniger eine Theorie über Bevölkerungswachstum aufgestellt, sondern über Wirtschaftswachstum. Dass beide Variablen nicht positiv korrelieren zeigt ein Blick auf Wohlstands- und Demographietabellen. Auch die ungewöhnliche These, dass das Christentum zum jüngsten Aufschwung in China beigetragen haben könnte, wird durch Gesprächsnotizen mit einem christlichen Unternehmer in China illustriert. Ob hier glaubensbeeinflusstes Wunschdenken vorliegt? Fergusons Anregung, eine spezifische (englische!) Bibelübersetzung - die "King James" Bibel - als Pflichtlektüre an westlichen Schulen einzuführen, lässt einen solchen Verdacht aufkeimen. ("Im Kern ist eine Zivilisation die Gesamtheit der Texte, die man in ihren Schulen lehrt ..." S. 475)

Insgesamt liegt somit ein Buch vor das kurzweilig zu lesen ist und als Ergänzung zu anderen Werken einige interessante Details präsentiert. Gleichwohl ist es aber aus meiner Sicht wegen der mangelnden Wissenschaftlichkeit und wegen fehlender verknüpfender Reflektion der Faktoren nur mit Vorsicht zu genießen - als Zusatzlektüre. Zuvor könnte man zum Themenkomplex Wohlstand der Nationen Landes "Wohlstand und Armut der Nationen" und Diamond "Arm und Reich" lesen.
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am 26. Februar 2012
Vorwort:
Erkenntnisinteresse ist Frage nach den Gründen für den Aufstieg des Westens seit 1500 (Rasselas' Frage: 'Wodurch ' sind die Europäer so mächtig geworden?'. S. 41) und nach den prägenden Grundlagen der westlichen Zivilisation, wobei die westliche Vormachtstellung bereits ihren Höhepunkt überschritten hat. In der aktuellen Finanzkrise und dem Aufstieg Chinas sieht Ferguson Anzeichen für den Niedergang des Westens und des 'nie proklamierten amerikanischen Imperiums'. (S. 9 bzw. S. 51), die westliche Zivilisation sieht er bedroht, da ethische Grundlagen verloren gingen.

In den folgenden sechs Hauptkapiteln werden dann sechs Gründe ' sog. Killer-Applikationen - für den 'Aufstieg unserer Zivilisation' in zumeist vergleichenden Darstellungen herausgearbeitet und mit historischen Daten belegt bzw. illustriert:
Zentraler Faktor ist die Dynamik des Wettbewerbs, der im 'bunten Flickenteppich Europas' (S. 85)
Anstrengungen und Expansion bewirkt, während das Großreich China sein Herrschaftsgebiet vor allem vor äußeren Gefahren zu schützen versucht.

Wissenschaftlicher Fortschritt ' sowohl bei Erfindungen für Wirtschaft und Kriegsführung als auch in den Staatslehren der Aufklärung ' ist die Grundlage für Staaten/Zivilisationen, die sich behaupten bzw. durchsetzen wollen. Reformation und Staatsführung mit Vernunft und Toleranz führen zum Aufstieg, während wissenschaftlicher Stillstand zum Niedergang führt. (Beispiele: Aufstieg Preußens bzw. Ende des Osmanischen Reiches, erst mit der Reformpolitik von Kemal Atatürk wird eine Wende eingeleitet).

Im dritten Hauptkapitel werden die unterschiedlichen Methoden der Eroberung und Kolonialisierung von Nord- bzw. Südamerika durch Engländer und Spanier beschrieben. Den nachhaltigen Erfolg des nordamerikanischen Modells für die westliche Zivilisation sieht Ferguson ' theoretisch untermauert durch die Staatslehre von John Locke - in der Gewährleistung des Privateigentums für die englischen Siedler, verbunden mit entsprechenden Konsequenzen für die Staatsform, die allerdings noch lange Zeit die Sklaverei für legitim hielt. (S. 202)

Das umfangreiche Kapitel zum Faktor Medizin bezieht sich meist auf Beispiele aus der Epoche des Imperialismus und will zeigen, wie es durch medizinischen Fortschritt gelang, die Lebenserwartung der Menschen in Europa und den Kolonien zu erhöhen. Die Arbeit der Tropenärzte in Deutsch-Südwest-Afrika in Verbindung mit dem Überlegenheitsdenken der weißen Kolonialherren führt zur Entwicklung von Rassetheorien, die Kombination mit dem Sozialdarwinismus in die NS-Rassenlehre münden. (S. 284) Neben dieser - für den deutschen Leser eventuell überraschenden Entwicklungslinie ' stellt Ferguson in diesem Kapitel auch den Verlauf der Französischen Revolution und weiterer Revolutionen des 19. Jahrhunderts kurz dar, wobei vor allem die 'verheerende Gewalt des Krieges' (S. 240ff.) betont. Trotz hoher Opferzahlen der Kolonialarmeen im Ersten Weltkrieg sieht Ferguson hier auch den zivilisatorischen Aspekt, dass den Soldaten aus Afrika die Chance geboten wurde, z.B. die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen. 'Der Krieg kann jedoch auch den menschlichen Fortschritt fördern.' (S. 283) Ferguson führt hier Bluttransfusionen und Tetanus-Impfung als Beispiel für diese schwergewichtige Aussage an.
Insgesamt ist dieses vierte Kapital zur 'Killer-Applikation Medizin' nicht überzeugend. Im Rahmen seiner letztlich chronologisch angeordneten Darstellung der sechs Kapitel soll hier das 'lange 19. Jahrhundert' von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg dargestellt werden, wobei die Medizin als Obergriff für verschiedenste positive und negative Elemente (Revolution, Gewalt, Imperialismus, Kolonialherrschaft, erhöhte Lebenserwartung, Rassentheorien, Impfungen) gewählt wird.

Das Kapitel 'Konsum' bietet eine Sammlung von 200 Jahren Wirtschaftsgeschichte zumeist am Beispiel der Textilindustrie, wobei anhand der 'Jeans-Revolution' (S. 358) gezeigt wird, wie sich die westliche Zivilisation auch in einer Vereinheitlichung der Kleidung durchsetzt.
Der Durchbruch der Industriellen Revolution in England wird dabei recht einfach nach dem komparativen Kostenvorteil nach Ricardo auf zwei Gründe reduziert: hohe Reallöhne der Arbeiter und leicht abbaubar Kohle. 'In Großbritanien war es sinnvoller als irgendwo sonst, teuere menschliche Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen, die durch billige Kohle angetrieben wurden.' (S.306)
Die von Karl Marx vorhergesagte Verelendung der Arbeiterklasse wird dann aber zum einen durch Politik der Nationalstaaten, z. B. Bismarck Sozialgesetzung, vermieden; zum anderen dadurch, dass der auch als Konsumenten wichtige Arbeiterschaft höhere Einkommen zugestanden werden.

Allerdings beschränkt sich die ökonomische Analyse der sich herausbildenden kapitalistischen Weltwirtschaft auf diese Binsen-Wahrheiten, der Trend zur Vereinheitlichung der Kleidung scheint für Ferguson das bedeutendere Thema zu sein. Auf vielen Seiten hat er Beschreibungen über den Siegeszug der Singer-Nähmaschine und der Durchsetzung des westlichen Kleidungsstils in Japan als Illustration eingefügt. Nachdem dank Keynes auch die Weltwirtschaftskrise überstanden wurde, war der Siegeszug des amerikanischen Konsummodells nicht mehr aufzuhalten, da Kommunismus und Nationalsozialismus ungeeignet waren, die Verbraucherwünsche zu befriedigen. (S. 352)

Die Würdigung von Wettbewerb und Eigentum in den ersten Kapiteln lassen den politischen Standpunkt von N. Ferguson erahnen, wobei manche Aussagen und Wertungen aber gängige britische Pauschalisierungen bieten: 'Nach Osten hin konnte fast nichts die bolschewistische Epidemie stoppen.' (S. 340) 'Der Daseinszweck der SS und des Nationalsozialismus insgesamt war die Zerstörung und nicht der Konsum.' (S. 347) Auch mag es für manchen deutschen Leser neu sein, dass die Metzinger Firma Hugo Boss die SS-Uniformen mit ihrer 'düsteren Eleganz' entworfen und produziert hat. Wenn Ferguson diese Information noch mit dem Satz kommentiert, 'Dies war sicherlich der Höhepunkt des faschistischem Modestils.' (S. 347), so hat er seine leitende Fragestellung seines Buches schon längst aus den Augen verloren und präsentiert einfach nur sein fleißig gesammeltes Datenmaterial. Auf den abschließenden fünf Seiten zur Killer-Applikation 'Konsum' stellt er die Kopftuch- bzw. Schleierfrage in der Türkei mit einem langen Koran-Zitat dar.

Unter der Überschrift 'Arbeit' gibt Ferguson die bekannte These von Max Weber wieder, dass die protestantische Arbeitsethik ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des kapitalistischen Systems war, wobei N. Ferguson vor allem die Aspekte Sparsamkeit und Alphabetisierung bzw. Bildung hervorhebt. Vor allem in den USA mit der im Vergleich zu Europa wesentlich bedeutendenen Religiosität und Vielzahl konkurrierenden Kirchen scheint diese 'protestantische Ethik' noch vorhanden.

'Die Europäer sind heute die Faulpelze der Welt.' (S. 393) Sie ''arbeiten nicht nur weniger, sie beten auch weniger.' (S. 395) Allerdings haben Europäer und Amerikaner, die Konsumenten als auch die Staaten' dasselbe Problem, das zu den aktuellen Finanzkrisen führt: 'Kapitalismus ohne Sparen.' (S.409) Dagegen entdeckten Südkoreaner und Chinesen die Wertebasis des Christentums für ihre aufstrebende Wirtschaft, wozu Ferguson einige Zitate und Belege anführt.

So endet das Kapitel mit einer starken Dosis von Kulturpessimismus bzw. Untergangsstimmung wie es auch die Zwischenüberschriften 'Die Länder des Unglaubens' und 'Naht das Ende aller Tage' zeigen.
'Wir laufen Gefahr, am Ende nur noch eine hohle Konsumgesellschaft und eine Kultur des Relativismus zu besitzen '.' (S. 424), '..tatsächlich werden die Grundwerte der westlichen Zivilisation durch die Art von Islam direkt und tödlich bedroht '' (S. 426). Migrationsströme und Klimawandel (S.431) können vielleicht zu einem erstaulich raschen Zusammenbruch der westlichen Zivilisation führen.

In seiner Schlussbetrachtung referiert Ferguson verschiedene Theorien von Zivilisationszyklen und wiederholt die sechs Faktoren (sog. Killer-Applikationen)(S. 449/450), die den 'Schlüssel zum Aufbruch des Westens' bildeten und nun teilweise und sehr erfolgreich von China 'kopiert' werden. Eine Gewichtigung dieser Faktoren wird jedoch nicht geleistet, letzlich bleiben die sechs Hauptkapitel unverbunden stehen, während er sich in seinem Schlussteil der aktuellen Diskussion um die Rivalität zwischen China und den USA widmet.

Ein möglicher Zusammenbruch des komplexen Systems der westlichen Wirtschaft bzw. Zivilisation bzw. eine Niederlage im 'Kampf der Kulturen' nach S. Huntington kann nach Ferguson vor allem von Kriegen bzw. Finanzkrisen verursacht werden (S. 454). Die USA könnten gezwungen sein, massiv ihre Militärausgaben zu kürzen und dadurch ihre Machtbasis zu schwächen. Es könnte zum Verfall der Leitwährung Dollar und zum Währungskrieg kommen oder USA können immer stärker zum Schuldner Chinas werden und damit zu den 'vereinigten Wirtschaften' von 'Chimerika'. (S. 463) Abschließend vergleicht Ferguson verschiedene wirtschaftspolitische Strategien, aber auch politische Schwachstellen Chinas. Der Westen erlebt seiner Meinung nach das Ende seiner 500-jährigen Vorherrschaft (S.473), der Aufstieg Chinas wird weitergehen, fraglich ist allerdings, ob es zum Zusammenbruch der westlichen Zivilisation kommen wird. Diese muss sich jedoch auf ihre dem Osten überlegenen Stärken besinnen, nämlich ihre Grundwerte Demokratie, Recht auf Eigentum, Rechtsstaatlichkeit und politische Konkurrenz. Für Ferguson gilt: 'Trotzdem offeriert dieses westliche Gesamtpaket den menschlichen Gesellschaften anscheinend immer noch das beste gegenwärtig erhältliche Angebot an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Institutionen ' die am ehesten die individuelle menschliche Kreativität freisetzen, die fähig ist, all die Probleme zu lösen, vor denen die Welt im 21. Jahrhundert steht.' (S. 475)

Mein Fazit:
Niall Ferguson stellt flüssig geschrieben, faktenreich und anschauchlich mit Karten und auf 24 Seiten meist farbigen Abbildungen interessante Ausschnitte aus der Geschichte der letzten 5 Jahrhunderte dar, die durch ein umfangreiches Sach- und Personenregister auch leicht wiedergefunden werden können. Nach der Methode des Universalgelehren Collingwood versucht Ferguson durch Darstellung prägnanten historischer Entwicklungen, meist in vergleichender Darstellung, dem Leser wichtige Faktoren zu vermitteln, die bei Herausbildung der westlichen Zivilisation eine Rolle spielten. Er arbeitet dabei mit der Überzeugungskraft der dargebotenen Fakten und Beispiele, schreibt allgemeinverständlich und anschaulich und hält sich mit Wertungen nicht zurück. Das Buch bietet
interessante Aspekte einer Globalgeschichte, jedoch keine Theorie.

Die hervorgehobenen sechs 'Killer-Applikationen' ' diese modische Terminologie erzeugt bereits Zweifel am wissenschaftlichen Anspruch ' vermeiden auf den ersten Blick eine monokausale Erklärung für die Herausbildung der westlichen Dominanz in den letzten 5 Jahrhunderten; allerdings bleiben diese Faktoren bei näherer Betrachtung isoliert und ungewichtet. Das Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik bleibt unberücksichtigt, der Begriff der 'Zivilisation' wird in vielen Zusammenhängen vage verwendet, viele Exkurse zu Spezialthemen und einzelnen Ländern tragen kaum etwas zum eigentlichen Erkenntnisinteresse bei. Rohstoffe, Militärpotentiale, Organisationen und Ideologien spielen keine Rolle, die geographischen Gegegenheiten, die z.B. im Buch von Ian Morris wichtig sind, werden an keiner Stelle angesprochen.

Ferguson gelingt es, wichtige Elemente der westlichen Zivilisation ' sprich Kultur ' darzustellen. Wenn im Untertitel des Buch von der 'Geschichte vom Wettstreit der Kulturen' die Rede ist, so ist das fast irreführend: Niall Ferguson stellt keine 'rivalisierende Kultur' dar, teilweise sieht er in Tradition von Huntington den Islam als Rivalen, in seiner Schlussbetrachtung wird China eindimensional als wirtschaftlicher Konkurrent dargestellt, jedoch nicht als Kultur oder Zivilisation.

Ferguson scheint manchmal in Überbetonung der globalen Bekleidungsfrage zu meinen,
dass weltweit alle Jeans-Träger gleiche Ideen und Werte vertreten und Geschichte letztlich ein
'Kampf der Bekleidungen' zu sein scheint.

Trotz mancher Kritik, ich bereue nicht, dieses faktenreiche Geschichtsbuch
gekauft und intensiv gelesen zu haben.

gguentue
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Der Historiker Niall Ferguson behauptet in seinem Vorwort: "Wir erleben gerade die Schlussphase des 500 - jährigen Aufstiegs des Abendlandes."

Wie dem auch sei, der Autor geht in seinem spannenden Buch der Frage nach, wie kam es zum Wettlauf oder auch Wettstreit der Kulturen? Und er, Ferguson, fragt weiter, wie konnte es geschehen, dass der kleine Westen seinen Einfluss über die bevölkerungsreicheren Gesellschaften Ostasiens so sehr ausbauen konnte?

Dann folgt in sechs großen Kapiteln eine übersichtliche Bestandsaufnahme über den Verlauf des Wettstreites der Kulturen auf unterschiedlichsten Gebieten. Um dem allem gut folgen zu können, sollte der Leser schon ein wenig Geschichtsverständnis mitbringen.

Seinen Höhepunkt hat dieses Buch ganz sicher gegen Ende. Und damit meine ich nicht die fast 100 Seiten Anmerkungen, Bibliographie, Personenregister und Ortsregister, sondern die äußerst spannende Frage: "Könnte etwa unsere eigene Version der westlichen Zivilisation genauso plötzlich zusammenbrechen?"

Dem Autor gelingt es sehr gut in seinem Buch aus dem misstrauischen, teilweise vielleicht sogar feindseligem Blick auf unsere Rivalen, unseren Blick zurück auf uns und unsere Einstellung zu unserer eigenen Zukunft zu lenken. Sehr gut sein Satz: "Vielleicht ist die wirkliche Bedrohung gar nicht der Aufstieg Chinas und des Islam oder der anstieg der CO2 Emissionen, sondern unser eigener verlorener Glaube an die Zivilisation, die wir von unseren Vorfahren ererbt haben."

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, es geht weit über die übliche Geschichtsstunde hinaus und lenkt das Denken des Lesers auf das eigene Tun!

Der Historiker Ferguson macht fit für die Zukunft!
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am 4. Februar 2013
Ferguson bewertet alles moralisch danach, ob es Britannien nützte. Folglich ist Mahatma Gandhi für ihn ein "Nationalistenführer". Immer wieder zitiert er ihn, um ihn als Schurken und Dummkopf zu entlarven. Aber nicht alle Zitate Gandhis kommen uns so dumm vor, wie Ferguson glaubt. Gandhis hintergründige Antwort auf die Frage, was er von der europäischen (britischen) Zivilisation halte: "Ich denke, sie wäre eine gute Idee." (S. 223.) Damit verwies Gandhi auf die Kluft zwischen dem edlen Selbstbild der Briten und der unedlen Wirklichkeit. Das macht Ferguson wild, er ist der Meinung, am angelsächsischen Wesen soll die Welt genesen. (Monty Python's in 'Das Leben des Brian': Was haben die Römer je für uns getan? Den zornigen Freiheitskämpfern fällt ein: Straßen, Abwasser, Medizin, Schulen, öffentliche Ordnung und, oh ja, den Wein ...)

Ferguson nuschelt kurz und irreführend über alles hinweg, was Britannien in schlechtes Licht setzen könnte: S. 92, Opiumkrieg 1842: Die britische Armee öffnet den chinesischen Markt für die britischen Drogenhändler. Den chinesischen Behörden wird jede Bekämpfung der Drogensucht verboten. Eigentum ist nach Adam Smith heilig, besonders das von Händlern, also auch das von Drogenhändlern. Die Details erwähnt Ferguson nicht, sein Publikum würde an die mexikanischen Drogenkartelle denken und stutzig werden.

Ferguson ist der Meinung, an den KZs war nicht alles schlecht - aber bevor Sie vor Zorn an die Decke springen: er meint natürlich die britischen Konzentrationslager 1902. Es sei nun mal Krieg gewesen (bei Hitler auch), sie waren nützlich für den Zweck (wie bei den Nazis), die entsetzlichen Sterberaten erstaunten die Täter (auch Nazis können sich dumm stellen). Seite 271.
Letztlich ist Ferguson der Meinung, die in den britischen KZs Umgekommenen sollten sich glücklich schätzen, mit ihrem Tod einer edlen Sache gedient zu haben: der britischen Welt-Hegemonie, im Detail: der Eroberung der Goldvorräte Südafrikas und eines weiteren Stücks Afrika vom Kap bis Kairo. (Fehlte nur noch Deutsch-Ostafrika, aber dafür schloss Britannien ein Bündnis mit Frankreich, Russland und Japan, das den 1. WK ermöglichte.)

Das primitive Stammesdenken, das die eigene Gruppe immer im Recht sieht und die anderen immer im Unrecht (für Ferguson können die Briten tun, was sie wollen, sie sind doch die Guten), erklärt uns Prof. Steven Pinker in seinem Buch: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, 2011. Pinkers Buch ist großartig, obwohl er von seinem Harvard-Kollegen Niall Ferguson an ein paar Stellen falsch beraten wurde. Vermutlich darf Ferguson nur in Harvard bleiben, weil er als Medienstar Werbung für die Uni macht, während die Professoren sich ärgern, welchen Unsinn er oft verzapft? Pinkers Buch ist wichtig, während Fergusons Bücher immer wertloser werden. Er entwickelt sich zum Entertainer und Scharlatan wie einst Sir John Keegan. (Ferguson ist Sir Keegan aber voraus, er hat den Clausewitz verstanden, S. 140 ff. Aber das sind zweieinhalb Seiten in 500 Seiten oft falscher Infos. Vielleicht gibt es weitere lesenswerte Seiten, aber wer kann die in dem Wust finden? Etwa S. 184 und 188: George Washington als genozidaler Grundstücksspekulant, dem die Schutzverträge der Briten mit den Indianern das Geschäft verdarben?)

Vorwort, Seite 24: "Jenen, die mir Auslassungen vorwerfen werden ... Entspricht die Auswahl den Vorurteilen eines Schotten mittleren Alters, der ein typischer Begünstigter der westlichen Vorherrschaft ist?" (Tja, er spürt es selbst.) "Was du nicht spielst, kann wichtiger sein als das, was du spielst." (Er sagt es selbst.)

Fergusons Arbeitsweise ist das gezielte Verschweigen von Informationen. Ein witziges Beispiel: Auf Seite 269 empört er sich, die Deutschen hätten die Sklaverei nicht abgeschafft. Er verschweigt das kleine Detail: Sie hatten die Sklaverei nie eingeführt, brauchten sie also nicht abzuschaffen. (Und sie bekämpften in Ostafrika arabische Sklavenhändler, die aus dem britisch verwalteten Norden kamen, Fergusons Behauptung ist also sowieso zweifelhaft.) Ferguson lobt die Briten, weil sie die Sklaverei abschafften. Er verschleiert die Information: Die Briten hatten (mit den Portugiesen) die Sklaverei zuvor erfunden, um Arbeitskräfte für ihre amerikanischen Kolonien zu fangen. (Dabei erfanden sie auch den Rassismus, um den Weißen die Befürchtung zu nehmen, sie könnten auch versklavt werden. Übrigens sind der Sozialdarwinismus - Darwin auf den Kopf gestellt - und die Eugenik ebenfalls britische Ideen, die von Bewunderern der Briten nach Deutschland importiert wurden.) Die Briten erfanden auch die Hetzpropaganda, die den Gegner zum Tier erklärt: Wenn das Opfer zum Gorilla mit Pickelhaube und Schlachterbeil gemacht oder Juden zu Ratten erklärt werden. (Nicht nur für die Karrieren, auch für einige Taten Hitlers und Stalins waren die Briten die Initialzündung und die ersten Ideengeber.)

Die Briten eroberten ein Viertel der Welt, während die umzingelten Deutschen defensiv eingestellt waren. Aber die Briten unterstellten ihnen Eroberungsabsichten: In der Psychologie nennt man das Übertragung (Projektion). Jemand nimmt eigene Impulse so wahr, als kämen sie von einer anderen Person - und bekämpft sie beim anderen heftig. Wenn Frankreich ein Stück von Deutschland erobern möchte, dann stellt es nur die natürliche Ordnung der Dinge her. Wenn Deutschland sich verteidigen möchte, dann widersetzt es sich verbrecherisch der natürlichen Ordnung der Dinge. Wir sehen, die Historiker erklären uns den Ersten Weltkrieg mit einer speziellen Logik.
Daniel Kahneman (Schnelles Denken, langsames Denken) und ergänzend David Eagleman (Inkognito) verraten uns, auch die meisten Experten unterliegen einer Kompetenz-Illusion. Die Gehirne aller Menschen fallen auf kognitive Täuschungen herein. Zum Beispiel auf WYSIATI (what you see, is all there is) - den bestechenden Irrtum, was wir zufällig wissen, wäre alles, was wir wissen müssten, um klug denken und handeln zu können. Auch fleißige Historiker wissen nicht genug, aber ihr Gehirn spürt die Wissenslücken nicht. Großbritannien hatte bis nach dem 1. WK kein allgemeines und gleiches Wahlrecht, dieses Defizit an Demokratie erklärt uns Ferguson positiv. Deutschland hatte seit Bismarcks Zeiten ein allgemeines und gleiches Wahlrecht für das Parlament (Reichstag), aber Ferguson erklärt uns das negativ. (Seite 321.) Sherlock Holmes spottet: Sie verdrehen die Fakten, um sie für ihre Theorien passend zu machen, anstatt ihre Theorien den Fakten anzupassen. Großbritannien führte den 1. WK zwar als strategischen Angriffskrieg gemeinsam mit den nach Eroberungen gierenden Imperien Russland, Japan und Frankreich - aber es war der Gute. Deutschland führte den 1. WK als strategischer Verteidiger, aber war der Böse. Das wissen wir doch alle. Aus der Schule und aus Spielfilmen. Alternative Version: Das Britische Empire beging Selbstmord, indem es den Ersten Weltkrieg viele Jahre wie besessen vorbereitete, weil es den Hals nicht voll bekam - aber immerhin wurde es von den Amerikanern über die Ziellinie geschleppt, die von der britischen Propaganda gefoolt waren (der freundliche Professor Einstein in Berlin auch einer im pack of wolfish Huns whose fangs drip with blood and gore). Für ein wenig Beute mehr, die es nicht lange genießen konnte, ermöglichte Britannien die Karrieren von Hitler und Stalin, es erschuf Monster. Churchill war wie ein Frankenstein, dem es gelang, eine seiner beiden Schöpfungen wieder einzufangen, mit Stalin gelang ihm das nicht. Der große Fisch frisst den kleinen Fisch, dieser frisst den noch kleineren Fisch: Die Belgier waren 1914 schlimmste Täter gegen die Kongolesen und Opfer der Deutschen, die Deutschen Täter in Belgien und Opfer eines umzingelnden Eroberungskriegs der gierigen Imperien. Sind Historiker Bühnen-Magier? Die Deutschen verteidigen sich und sind grunzende Orks, die Briten erobern ein Viertel der Welt und sind friedliche Hobbits. Man erschafft sich die Monster selbst, was im Fall von Hitler über alle Maßen unerwartet gut gelang.

Ferguson spekuliert darauf, wir würden nach ein paar Seiten vergessen, was wir gerade gelesen haben. So kommt es zu konfusen Behauptungen wie der "deutschen Rassentheorie" des Briten Francis Galton (Seiten 267f und 270 nacheinander gelesen). Oder zu dem breit ausgemalten Bild, die Deutschen wären am schlimmsten gewesen, aber die Belgier die Schlimmsten (Seiten 267 und 288 miteinander gelesen). Über die Belgier als Täter erfahren wir von Ferguson kein weiteres Wort. Er benötigt sie als Opfer: Die Deutschen waren zwar die strategischen Opfer des Ersten Weltkriegs, aber beim verzweifelten Versuch, sich zu retten, machten sie die Belgier zu Opfern - darauf konnte das angenehme britische Selbstbild aufbauen. Genau gleichzeitig im August 1914 rückten übrigens die Russen in Deutschland ein und begingen Massaker an Zivilisten, aber die werden von britischen Historikern nicht erwähnt, wie auch die 900 000 durch die britische Seeblockade im 1. Weltkrieg verhungerten Zivilisten. (Siehe oben, primitives Stammesdenken, die eigene Seite immer im Recht.)

S. 50: Aber die Deutschen zerstörten eine Bibliothek, und es kam zu Erschießungen belgischer Zivilisten, von denen nur ein Teil von der britischen Presse frei erfunden ist. Gleichzeitig, also simultan in denselben Tagen 1914, fanden Massentötungen deutscher Zivilisten beim Einmarsch der Russen im Osten statt. (Es ist nicht bekannt, ob die Briten Bomben konstruierten, die um deutsche Bibliotheken herumflogen.)
Britische Historiker werden bis heute von einer unüberwindlichen psychischen Sperre (auch einer sozialen Furcht?) daran gehindert, eine ehrliche Antwort auf die Frage zu geben: Wer war der Aggressor des Ersten Weltkriegs? (Wer hat Monstern wie Hitler und Stalin erst eine Karriere ermöglicht, die in normalen Zeiten keine Aussicht auf eine berufliche Laufbahn gehabt hätten, schon gar nicht in der Politik.) Niall Ferguson verplappert sich auf Seite 275 und verrät, die Deutschen waren die strategischen Verteidiger des Ersten Weltkriegs. (Das macht Briten, Russen, Franzosen und Japaner zu den strategischen Aggressoren des 1. WKs; die Vereinigten Staaten traten also an der Nase herumgeführt auf ihrer Seite in den Krieg, um einen sehr lehrreichen Frieden ohne Sieger zu verhindern.)

Welches Motiv hatte das Empire? Warum bereiteten die Briten dreißig Jahre den Ersten Weltkrieg systematisch vor, indem sie ein umzingelndes Vernichtungsbündnis mit dem russischen Zaren und Frankreich schmiedeten, indem sie einen irren Rüstungswettlauf anzettelten, bei dem Deutschland lange mitzulaufen vergaß, und indem die Pressebarone der Fleet Street mit hysterischen Kampagnen die Bevölkerung auf einen Krieg edler Hobbits gegen entmenschlichte Orks vorbereiteten? Warum manövrierte Britannien die Welt in die Konstellation des Ersten Weltkriegs? Das plaudert Niall Ferguson versehentlich auf Seite 472 aus. Er fragt, ob der heutige Wirtschaftsaufstieg Chinas mit Gewalt abgewürgt werden sollte, und rät ab. Zitat: "Für die ,absteigende' Macht ist es immer ein qualvolles Dilemma, wie sie mit der ,kommenden' Macht umgehen soll. So musste Großbritannien seinen Widerstand gegen den Aufstieg Deutschlands wahrlich teuer bezahlen." (Sehr verharmlosend. Deutschland wurde ruiniert, Hitler und Stalin wurde zur Karriere verholfen, Zerrüttung und Hass gesät usw.)
Einige britische Politiker, nicht nur Churchill, sprachen das monströse Tatmotiv offen aus: Es ist seit 400 Jahren britische Politik, gegen jeden die Nachbarn zur Vernichtung aufzuhetzen, der den Verdacht weckt, er könnte irgendwann stark genug werden, um uns Widerstand zu leisten.
Die Briten, in der Angst vor dem Abstieg ihres Empires, sahen nur den deutschen Aufstieg, nicht die globale Balance, denn Amerika und Japan stiegen ebenfalls auf, und Deutschland balancierte auf dem Kontinent gerade Russland aus (und Frankreich), aber mehr nicht.
"Man könnte sogar die Vermutung äußern - und damit die Thesen Fritz Fischers auf den Kopf stellen - dass die CID-Konferenz vom 23. August 1911 und eben nicht das berüchtigte Treffen zwischen dem Kaiser und seinen führenden Militärs 16 Monate später der wirkliche ,Kriegsrat' war..." (CID: Comittee of Imperial Defence.) Das Zitat stammt von Ferguson, aus seinem frühen Buch von 1999: The Pity of War (S. 103).
Im selben Buch, Seite 124, meinte Ferguson richtig, der britische Geheimdienst berichtete: Es gab keine Gefahr durch den (global mickrigen) deutschen Flottenbau. Richtig, aber es war gar kein Geheimdienst nötig, das Parlament (Reichstag) hatte im Gesetz jedes einzelne geplante Schiff aufgezählt, öffentlich nachzulesen. Ebenfalls in seinem alten Buch zitierte Niall Ferguson einen amerikanischen Diplomaten, Colonel Edward House an Präsident Wilson im Mai 1914: "Wann immer England dem zustimmt, werden Frankreich und Russland über Deutschland und Österreich herfallen." (S. 199.) (Als Ferguson das geschrieben hatte, wurde er wohl interessant für Mäzene, die meinen, sie können die Meinung von Historikern kaufen - und so änderte Ferguson seine Meinung und wurde Harvard-Professor und Medienstar?)

Seite 268: Ferguson schreibt, um 1900 war Rassismus eine moderne Spitzenwissenschaft, die Bevölkerung hing ihr "mit ähnlicher Begeisterung an, wie die meisten heute die Theorie einer menschengemachten Erderwärmung akzeptieren". Er kann es nicht lassen, sich mit solchen Vergleichen zu blamieren. Im heiligen Buch des Kapitalismus Adam Smiths kommt Umweltschutz nicht vor, also auch nicht in Fergusons Denken. Auf S. 440 dann eher auf Anfängerniveau doch ein paar Bemerkungen dazu. Vielleicht ist der Westen aber gar nicht im Niedergang, sondern in der Transformation zu etwas Besserem, indem er aus Fehlern lernt?

Seite 284: Lettow-Vorbeck war ein Reaktionär (Monarchist), aber wenn er Rassist war, wie Ferguson insinuiert, dann haben seine afrikanischen Soldaten davon nichts mitbekommen, sie wehrten begeistert die britischen Invasoren ab. Lettow-Vorbeck führte einen Verteidigungskrieg. Die Briten waren in Ostafrika die Angreifer, also müssen die Opfer beider Seiten ihnen zugerechnet werden, über die Ferguson Krokodilstränen vergießt. (Auch S. 175.)

Um kein Klischee auszulassen, erwähnt Ferguson den "legendären Kadavergehorsam" der Deutschen (S. 138). Aber Kadavergehorsam war in der britischen Klassengesellschaft tief verwurzelt (neunschwänzige Katze). Britische Soldaten blieben untätig ohne Befehle, Offiziere blieben stumm, solange sie kein Vorgesetzter ansprach. Die Befehlsgewalt wurde immer weiter nach oben verlagert. Heute träumen die Angelsachsen von Cyberkriegern, denen ein Chip eingepflanzt wird, damit Befehle direkt ins Gehirn gespeist werden und eigenes Denken unterbunden wird. Dagegen verlangten die Preußen Mitdenken - wer einen schlechten Befehl befolgte, wurde getadelt. Es gab Vertrauen in Vorgesetzte, die sich kümmerten, und in die Kreativität der Untergebenen. Die Befehlsgewalt wurde nach unten abgegeben. In Britannien strikte Hierarchie: Der Lord im Hinterland befahl per Telefon den Angriff, also rannten 60 000 junge Briten willenlos in den Tod, allein am ersten Tag der Schlacht an der Somme. Deutsche Soldaten handelten nach eigener Initiative, waren auch gebildet genug dafür.
Bloß auf das politische System zu schauen, ist zu ungenau. Aber sogar das mit dem Weg zur Demokratie ist nicht eindeutig: Auf S. 321 verteidigt Ferguson das britische Klassenwahlrecht (keine Stimme ohne Grundstück und Haus, mehrere Stimmen für Reiche). Ferguson kritisiert das allgemeine und gleiche Wahlrecht in Deutschland als bloßen Trick Bismarcks, um die Oberklasse um Sitze im Parlament zu betrügen! (So ein "Trick" wie die gesetzliche Krankenversicherung für alle?) Ja, das britische Parlament der Wohlhabenden. Aber soll Britannien nicht im 1. WK "für die Zivilisation" gekämpft haben, wie soll das zusammenpassen? S. 250: Hierarchie in den Kolonien, Klasse in der Heimat.
Jemand könnte sagen: Die Deutschen wollten zivilisatorisch an den Briten vorbeiziehen, aber das britische Karriereprogramm für Hitler war der ultimative Abbruch dieses "unerlaubten Überholversuchs"?
(Übrigens: Die Deutschen traten in den 1. Weltkrieg ein, um ihre nackte Existenz zu verteidigen, Franzosen, Russen, Briten und Japaner traten in den 1. WK ein, um Eroberungen zu machen - also sollten eigentlich den Deutschen mildernde Umstände zugebilligt werden; das ist aber gar nicht nötig, es würde schon genügen, wenn gleiche Verbrechen auch gleich gewertet würden. Die eigenen Interessen mit Gut gegen Böse zu verwechseln und sich selbst alles zu erlauben, was man bei anderen empörend findet: (britischer) Tribalismus. Psychologie: Wie wirkte die jahrhundertelange Umzingelung und Bedrohung durch aggressive Nachbarn auf die Deutschen? Eine psychologische Falle, in die auch Israel heute hineingeraten könnte? Erst als Protektorat der Vereinigten Staaten vor den Nachbarn beschützt, konnten die Deutschen ab 1950 so friedlich sein, wie sie immer sein wollten. Die Briten auf ihrer sicheren Insel dagegen waren aus freier Entscheidung aggressiv.)

Ferguson vertritt die Vermutung, Juden hätten andere Gene als Nichtjuden - näher kann man Hitler unbemerkt kaum kommen. Das Problem: Wenn wir die Nazi-Ideologie mit Minus Eins multiplizieren, bleibt sie doch Nazi-Ideologie. Viele, die sich für Gegner der Nazis halten, fallen doch auf deren Denkmuster herein.
Seine Fußnote auf Seite 350: Ja, es ist bewundernswert, was Juden (vor allem säkulare und atheistische, also an der Spitze von Wissenschaft und Zivilisation stehende) zum westlichen Geistesleben beigetragen haben. Aber Ferguson nimmt die Theorie der Nazis mit Minus Eins mal (behält sie also bei), wenn er daraus zu folgern versucht, dies weise auf andere Gene von Juden hin. Doch eher auf einen kulturellen Vorteil oder Familienvorteil usw. Mit Gen- und Rassentheorien sollte Ferguson vorsichtig sein. Es waren vielleicht doch weniger die Gene als die Lebensumstände, zum Beispiel in Deutschland - wenn Albert Einstein nur zwanzig Jahre später geboren worden wäre, hätten die Briten auch ihn verhindert? Ferguson glaubt an überholte und widerlegte Ideen der Intelligenzforscher und der frühen Genetiker.

Zitate, die vermuten lassen, wer an zu viel Zwangsläufigkeit glaubt, kriecht den Nazis auf dem Leim:
Albert Einstein 1935 an einen Emigranten, der in den USA keine Arbeit fand: "Das gewesene Deutschland war eben doch eine Oase in der Wüste." Einstein 1949 über die soziale Barriere zwischen Juden und Nichtjuden in Amerika: "Die Trennung ist sogar schärfer als sie irgendwo im westlichen Europa gewesen ist, inklusive Deutschland." ("Die Reichen und Erfolgreichen suchen ihre jüdische Abstammung zu bemänteln und gebärden sich als Über-Patrioten. Die übrigen ... leben unter sich. Die Trennung ist sogar schärfer als ...")
Viktor Klemperer in seinem Tagebuch, 10. Januar 1939: "Bis 1933 und mindestens ein volles Jahrhundert hindurch sind die deutschen Juden durchaus Deutsche gewesen und sonst gar nichts ... Der immer vorhandene Antisemitismus ist gar kein Gegenbeweis. Denn die Fremdheit ... die Reibung ... war nicht halb so groß wie etwa zwischen Protestanten und Katholiken oder zwischen Arbeitgebern und -nehmern, oder zwischen Ostpreußen etwa und Südbayern, oder Rheinländern und Berlinern. Die deutschen Juden waren ein Teil des deutschen Volkes ..."

Niall Ferguson benutzt den Mord an den Hereros dazu, um die Verbrechen aller echten Kolonialmächte dahinter verschwinden zu lassen wie ein Zauberkünstler im Varieté:
Es gibt zwei Möglichkeiten, Theorie 1, die Ferguson nicht erwähnt. Und Theorie 2, auf die Ferguson voll hereinfällt. Weil er ihre Schwäche spürt, bringt er immer wieder krampfhaft den Mord an den Hereros mit dem Holocaust in einem Satz unter. Aber dazu müssten wir den Nazis glauben, sie hätten irgendeine "Vorsehung erfüllt". Tatsächlich war in den 35 Jahren zwischen den beiden Ereignissen nichts zwangsläufig, das zweite Ereignis hätte verhindert werden können, es gab viele Weggabelungen. Theorie 2: Der Mord an den Hereros wäre ein Testlauf für den Holocaust gewesen, es gäbe eine gerade Linie zwischen ihnen. (Das ist die typische optische Täuschung konfuser Historiker beim Blick rückwärts im Nachhinein.)
Theorie 1: (Siehe auch Einsteins und Klemperers Zitate oben.) Die Deutschen waren nur Nachahmer der echten Kolonialmächte, für kurze Zeit, nur wenige Außenseiter wie Hermann Görings Vater (S. 267) beteiligten sich aktiv. Auch bei der Aufstandsbekämpfung mit Shock and Awe waren die Deutschen nur Nachahmer. Die Briten nahmen sich die alten Römer zum Vorbild: drakonisch bis zur Ausrottung, um von zukünftigen Aufständen abzuschrecken. Fergusons verehrter Winston Churchill prahlt in seinen Memoiren mit Taten als junger Offizier: Dörfer niederbrennen, Ernten vernichten, Brunnen verschütten - das Überleben der Menschen war nicht beabsichtigt. Die Deutschen nur als Bewunderer und Nachahmer der Briten beim Mord an den Hereros? (Ab 1920 verwendeten die Briten auch Bombenflugzeuge zur Aufstandsbekämpfung.)

Wenn wir den zeitlichen Ablauf betrachten, könnten wir fragen, wer von wem inspiriert wurde?
Ausrottung der Indianer, dann 1898 Tötung von hunderttausend Philippinern durch die US-Armee (bei Ferguson nicht erwähnt, ein hastiger Satz nennt die USA Kolonialmacht, S. 222). Es folgte der Burenkrieg 1898 bis 1902, in dem die Briten Konzentrationslager einführten. Ferguson bagatellisiert und rationalisiert die britischen KZs mit Argumenten, die hoffentlich nicht von Nazis gelesen werden, denn sie wären auch für sie benutzbar, S. 271. Und dann 1904 die Nachahmer, einige Deutsche und ihr Mord an den Hereros.

Historiker können Fakten gezielt ignorieren und Quellen in schrägem Kontext gruppieren, so malen sie Zerrbilder und täuschen das Publikum.
Kausalkette? Die Briten wollten den 1. WK unbedingt. Der 1. WK fand statt (wenn auch aus überraschendem Anlass). Die größten Opfer der Täter, Albert Einstein (Professor in Berlin) und Sigmund Freud (in Wien), werden durch die paradoxen Folgen (die britische Karriereförderung für Hitler und Stalin) später dazu gezwungen, sich bei den ersten Tätern, den auslösenden Tätern, als Emigranten in Sicherheit zu bringen.

Napoleon Bonaparte zu Fürst Metternich: "Ein Mensch wie ich pfeift auf das Leben von einer Million Menschen!" Nach dem Kriegseintritt Großbritanniens 1914 rief der deutsche Kanzler Bethmann Hollweg (ohne Zeugen) vor dem britischen Botschafter Sir Goschen verzweifelt aus: Im Vergleich zur Furchtbarkeit eines Krieges (den zu erwartenden Millionen Toten auf beiden Seiten) sei die Neutralitätsgarantie für Belgien ein Stück Papier (wie also beides abwägen, wenn man kein Massenmörder war, der Menschen kalt als Kanonenfutter z.B. für die Machtpolitik des Britischen Empires sah?). Goschen gab seine Notiz der Presse als Beweis für die Bösartigkeit und den Militarismus der Deutschen.

Thukydides unterscheidet zwischen 1) dem Vorwand, 2) dem Anlass und 3) der tieferen, verborgenen Ursache eines Krieges. 1) Vorwand war der lächerliche Ruf: Rache für Belgien! (Aber Britannien war von allen Ländern der Welt jenes, das am häufigsten Krieg führte, noch häufiger als Frankreich, während Deutschland samt Preußen nur auf den neunten Platz kam und die kürzesten Kriege und längsten Friedensperioden hatte. Britannien war auch jenes Land, das die Neutralität anderer Länder am häufigsten ignorierte. Auch Belgien war zur Besetzung vorgesehen, aber die Deutschen kamen ihnen in ihrer Verzweiflung zuvor: Wie so oft konnte der Schwächere nicht abwarten, die Unterlegenheit zwang zum Handeln. Deutschland war überrüstet worden, weil es zwar militaristisch tat, aber dreißig Jahre lang nicht so stark wie die anderen rüstete. Gerade die starke Position der Offizierskaste verhinderte ein Massenheer wie das Frankreichs. Witzig: Im Jahr 1906 wurde in Preußen die erste Naturschutzbehörde in Europa eingerichtet; im selben Jahr waren die Briten lieber mit dem Dreadnought-Sprung beschäftigt - noch größeren Schiffen mit noch gigantischeren Kanonen, durch die alle auf der Welt vorher gebauten Schiffe mit einem Schlag zweitklassig wurden.)
2) Konkreter Anlass war der Terroranschlag serbischer Terroristen auf den österreichischen Thronfolger und seine Frau in Sarajevo und die Weigerung Serbiens, 'Osama bin Laden' an Österreich auszuliefern.
3) Und die tiefere, geheime Ursache war Britanniens lang gehegter Wunsch, Deutschland als vermeintlich lästigsten Aufsteiger zu vernichten. Allerdings gleich danach, Ferguson S. 472: "Es war dann weit einfacher, sich still und leise mit der Rolle eines Juniorpartners der Vereinigten Staaten abzufinden." (Flottengleichstand mit den USA schon 1923, Unabhängigkeit Irlands 1922, Indiens 1948, paradoxe Wirkungen, siehe Edward Luttwak: Deutschland befreite die Welt von den Briten, die Briten ermöglichten Monster wie Hitler.)
(Das Dumme: Schon Clausewitz und sein Kollege Rühle v. Lilienstern hatten verstanden: Sieg bedeutet nichts als eine bessere politische Situation nach dem Krieg, und zwar langfristig. Auch der größte militärische Sieg ist schädlich, wenn die Länder hinterher im Frieden in schlechterem Zustand sind, erniedrigt, hoch verschuldet, verhetzt, in Rachegelüsten und Verrohung. 1950 hätten sich viele Briten den Zustand von 1913 zurückgewünscht.)
(Übrigens, Propaganda hat es bis heute sehr leicht. Die Genfer Konvention in versteckter Randexistenz sollte ausgedehnt werden auch auf die Rolle der Medien. Und auf Computerspiele, Ego-Shooter bauen Gehirne neuroplastisch um, siehe Prince Harry.)

Heute nur noch schwer vorstellbar ist die tiefe Religiosität der viktorianischen Briten: Wer uns im Weg steht, widerstrebt dem göttlichen Willen, ist böse! "The Battle of Dorking" schon 1871 - Deutschland hatte erst 20 Jahre später eine Flotte - als Bestseller und Schauerroman von einer Invasion wölfischer Hunnen in England. Autor war General Sir George Chesney. In den folgenden 20 Jahren Zeitungsdebatten um einen Präventivschlag mitten im Frieden gegen die deutsche Flotte 'to copenhagen' und über die Ausrottung der Deutschen, damit Britannien und sein Handel wüchse, im Blatt der Eliten 'Saturday Review' ab 1895: "Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt ... Würde Deutschland morgen ausgelöscht, gäbe es übermorgen auf der Welt keinen Engländer, der nicht seinen Gewinn davon hätte ... Germaniam esse delendam" (nach: Karthago muss zerstört werden, der sturen Leier Catos). Ferguson nennt in seinem Buch von 1999 nur einige spätere, hysterische Kriegshetz-Bestseller wie "The Riddle of the Sands", Das Rätsel der Sandbank, worin Deutschland heimlich eine Invasion mit kleinen Booten (!) plant, von 1903, oder 1906, William Le Queux: "Die Invasion von 1910". Es kam zum Spionagefieber, zur Flottenpanik (Navy Scare), zur Invasionspanik - frei erfundene Presse-Enten fern jeder Realität, aber von der britischen Herrenrasse (Master Race) völlig ernst genommen. Der Deutschland-Chefexperte des Foreign Office (Never trust the Experts) Sir Eyre Crowe: Auch wenn Deutschland bloß friedlich wächst, ist die Existenz Britanniens trotzdem bedroht! Pathologische Verdächtigung Deutschlands: Das "ruhelose Reich" (Eyre Crowe) hielt aber den Status Quo, während Britannien die ganze Zeit Kriege führte, Zypern besetzte, den Burenkrieg anstiftete usw. Verzerrte Wahrnehmung der eigenen Tugendhaftigkeit.
George Bernard Shaw formulierte 1912 einen Ausweg: "Um Krieg zu vermeiden, muss England ... offiziell und unzweideutig erklären, dass es bei einem deutschen Angriff auf Frankreich ... (diesem sofort helfen wird). Auf der anderen Seite muss es aber auch die Versicherung abgeben, dass es Deutschland verteidigen werde, falls dieses von Russland oder Frankreich oder von beiden angegriffen wird." Allerdings wollte Britannien selbst mitspielen, anders als Deutschland war es nicht saturiert, es wollte noch Beute machen. (V.a. die Erdölgebiete, den Irak, Persien etc.)

Das Britische Empire hatte ein Viertel der Weltmilitärisch erobert. (Ferguson zeichnet es sicherheitshalber in die Karte auf S. 221 gar nicht erst ein.) Für die Briten war schwer vorstellbar, die Deutschen würden nicht auch so etwas planen. (Nachdem diese sich gerade überglücklich zum ersten Mal selbst gegen Frankreich behaupten konnten.) Die Herbeizauberung Hitlers war dann wohl eine kuriose selbst erfüllende Prophezeiung.
Wir sehen, die Tätigkeit von Historikern besteht aus einem Spiegeltrick, der wichtige Fakten unsichtbar macht und andere auffällig in den Vordergrund stellt. Britische Historiker werden die Zahlen nicht nennen, nicht die Ziffern der Aufrüstung, nicht das Stärkeverhältnis der Armeen noch der Flotten 1914, weil sonst die angeklebte Rolle des Aggressors von Deutschland abfällt: und nur die Frage bleibt, durch welche Überlegenheit an Notgefühl (Idealismus) und Zivilisation (Bildung, Forschung, Clausewitz) das Land vier Jahre einer solchen Übermacht standhalten konnte - Ferguson, S. 275: "bei dieser größten Belagerungsoperation der Weltgeschichte". (Der "Aggressor" wird belagert, er verteidigt sich hinter Verschanzungen. Ferguson beklagt sich, die Deutschen hätten "einen gewichtigen Vorteil" gehabt, weil sie sich nur verteidigten, während die anderen jahrelang gegen sie anrannten. Wer also strategischer Angreifer und wer Verteidiger des 1. WKs ist, wurde zur gauklerischen Interpretationsfrage von Propagandisten.)

Sehr widersprüchlich nennt Ferguson die Religion einmal Hindernis, dann Entwicklungsvorteil. Auf Seite 404 hält er die Kritik von Islamisten für überzeugend, Europa ersetze "Theologie durch Pornographie" und die USA erlebten "eine Wiedergeburt der Religion und der Pornographie" (S. 405) gleichzeitig. Max Weber: Calvins Idee, Prädestination. Gott zeigt auf Erden, ob er dich liebt (durch Reichtum, egal wie errafft) oder ob du für die Hölle vorgesehen bist (durch Armut, egal wie unverschuldet). Jesus war anderer Meinung. In den USA blühen neue evangelikale Sektengründungen, wenn der Banker kommt, das Haus zu pfänden, ändert Religion die Spielregeln, plötzlich ist der Banker beschämt.
Prof. David Graeber, ehemals Yale, jetzt London, erklärt Adam Smiths Gründungsmythos des Kapitalismus zum Märchen, vielmehr sei er durch die Hehlerei mit Plündergut, Kriegsfinanzierung, Gewalt, Sklaverei (Arbeitskraft als Ware, die Arbeitnehmer in Mobilität) und aus Schuldknechtschaft im Klima einer allgegenwärtigen gesellschaftlichen Unterdrückung entstanden. (Tatsächlich erscheint die Idee vieler Unternehmer, eigenen Wohlstand als Sicherheit zur Selbstbestimmung zu erwerben, wie der Gedanke, viele andere aus dem Rettungsboot zu stoßen - eine Freiheit, die auf der Unfreiheit anderer gründet. Zementiert durch schlechte Schulen für die Massen und törichte Medien?) Auch die Dominanz des Westens von 1500 bis 2000 war wohl viel mehr, als Ferguson erwähnen mag, auf nackte Gewalt und skrupelloses Erobern gegründet? (Sein Wort von den "Killer-Applikationen" wahrer, als er meinte?)
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am 10. März 2012
Am Anfang stand die Jeans. Diese einfache und billig herzustellende Denimhose ist seit Langem - neben dem bekanntesten Erfrischungsgetränk der Welt - der plakative Inbegriff westlicher Kulturdominanz. Die Ausbreitung des Westens geht einher mit der Ausbreitung des westlichen Kleidungsstils und der westlichen Art zu leben, zu essen und zu denken. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Chinese die Wahl hatte zwischen blaßgrauem und blauem Arbeitsanzug und sich Ostdeutsche heimlich westliche Kleidung auf dem Schwarzmarkt beschaffen mussten, um nicht dauernd in ihren Baumwollhosen inklusive Bundfalte herumzulaufen. Doch es gibt Anzeichen, dass diese Form des Kulturimperialismus bald ein Ende haben könnte. China ist kurz davor, zum mächtigsten Player des 21. Jahrhunderts aufzusteigen und wird mit einiger Sicherheit das weltpolitische Gleichgewicht gravierend umgestalten. Nein, es waren nicht Rammstein, die mit ihrem Amerika-Song ("We're not living in America ... Coca-Cola, sometimes war...) das Ende des Westens eingeläutet haben. Es war der Westen selbst, der durch seinen unglaublichen zivilisatorischen Erfolg entscheidend dazu beigetragen hat, dass der Westen jetzt überall ist. Francis Fukuyama nannte das einmal das "Ende der Geschichte" und wurde dafür arg gescholten. Niall Ferguson zeigt jetzt, dass Fukuyama so Unrecht nicht hatte. Die westliche Art zu leben, zu denken und Politik zu machen ist nahezu überall auf der Welt salonfähig geworden. Natürlich gibt es nicht überall lupenreine Demokratien. Aber es gibt wohl überall lupenreine Kapitalisten, selbst dort, wo es sie eingentlich gar nicht geben dürfte, wie im roten China. Der Kapitalismus englischer Prägung ist der eigentliche Motor des Erfolgs und dort, wo er am wenigsten gestört wird, ist er am erfolgreichsten. Chinas Staatskapitalismus ist dafür heute ein sehr gutes Beispiel.

Doch was genau sind die "Killeraplikationen" des westlichen Erfolgsmodells?

Für Niall Ferguson sind dies Wettbewerb, Wissenschaft, Medizin, Eigentum, die christliche Arbeitsethik und Rechtsstaatlichkeit.

Staaten, die den internationalen Wettbewerb scheuen, auf eine möglichst breite Streuung von Eigentumsrechten und deren Verteidigung verzichten und die Wissenschaft wenig födern oder gar schlimmstenfalls verteufeln, droht unweigerlich der langsame aber von Zeit zu Zeit auch sprunghafte Abstieg. Beispiele bietet uns die Geschichte zu genüge. Da ist einerseits der dramatische und innerhalb weniger Jahrzehnte eingeleitete Untergang des römischen Großimperiums. Oder aber wieder das Beispiel China. In den letzten 1000 Jahren, war uns China kulturell und zivilisatorisch in ca. 800 Jahren stets voraus. Während Peking blühte, versank London in Dreck und unerträglichem Pestgestank. Von deutschen Städten im Mittelalter wollen wir gar nicht reden. Europa bestand zu dieser Zeit aus barbarischen, unzivilisierten und stinkenden Ländereien. Im späten 17. Jahrhundert standen dann sogar die Türken vor Wien. China erlebte zu dieser Zeit seine wirtschaftliche und außenpolitische Blütezeit. Das Reich war weitestgehend geeint und doch ging es mit der chinesischen Dominanz im Laufe des 18. und 19 Jahrhunderts rapide zu Ende. Der Grund hierfür: kein Wettbewerb, Selbstzufriedenheit und Selbstgenügsamkeit sowie ein dramatisch überladener Staatsapparat und ein Desinteresse an Wissenschaft und Forschung. Innerhalb weniger Jahrzehnte war alles vorbei und China von Mongolenstämmen überrannt und die Arbeitsbevölkerung versunken im Opiumrausch.

Die Parallelen zum heute müde und übersatt wirkenden Europa sind unübersehbar. Die christliche Arbeitsethik ist allenfalls noch in Amerika vorhanden. Im Europa der Staatskirchen stellen Christen mittlerweile eine Minderheit dar und es wird so wenig gearbeitet wie niemals zuvor in der Geschichte. Gewerkschaften legen Flughäfen und den öffentlichen Nahverkehr lahm. Der Beamtenstaat lähmt die Wirtschaft und das Land. Gleichzeitig wenden sich verschiedene Ideologien gegen wissenschaftlichen Fortschritt und üben sich in Selbstgenügsamkeit und idealistischer Selbstzufriedenheit. Der deutsche Atomausstieg und die Demonstrationen gegenüber Stuttgart 21 lassen grüßen.

Während deutsche "Wutbürger" gegen "die da oben" auf die Straße gehen, geht andernorts, insbesondere in China, die Post ab. Die kapitalistischen Gleichgewichte verschieben sich. Deutschland steigt ab und China steigt auf.

Ist der Westen, ist Deutschland also am Ende? Nein, sagt Niall Ferguson. Der Westen liegt heute nur etwas weiter östlich als früher. Die Globalisierung hat die westliche Kultur exportiert und man hat dabei hierzulande vergessen, woaus sich unser Wohlstand speist. Das sind in erster Linie harte Arbeit, Kapitalismus, Eigentum, Rechtsstaat und vor allem Wettberwerbsdenken. Sozialismus, übertriebener Ökologismus, Wohlfahrtswahn und ideologisch determinierte Passivität (Spaßgesellschaft und Konsummaterialismus) zersetzen demgegenüber unser Gemeinwesen und unseren Staat. China ist nur deshalb so stark, weil die Chinesen inzwischen die bessere Marktwirtschaft haben, mehr arbeiten und ihren Staat pragmatischer führen, als dies selbst die USA noch tun. Wir müssen uns auf unsere ehemaligen Stärken zurückbesinnen, um nicht abermals unweigerlich im Dunkel der Geschichte zu versinken.

Nachtrag 18.06.2012:

Wer mehr von Prof. Niall Ferguson zum Thema Finanz & Staatsschuldenkrise hören will, kann sich die diesjährige renommierte BBC Reith Lecture Series auf BBC 4 anhören. Das ganze gibt es auch als Podcast auf der BBC 4 Radio Homepage, Stichwort Reith Lecture Series.

In der Sunday Times vom 17.06.2012 hat Prof. Ferguson einen Auszug seiner ersten Lecture vorab drucken lassen:

"The biggest challenge facing mature democracies is how to restore the social contract between the generations ... A second problem is that today's wetsern democracies now play such a large part in redistributing income that politicians who argue for cutting expenditure nearly always run into well organised opposition of one or both of two groups: recipients of public sector pay and recipents of government benefits ... The present system is - to put it bluntly - fraudulent ... The last corporation to publish financial statements this misleading was Enron ... If we do not embark on a wholesale reform of governance finance then I am afraid we are going to follow Greece and other mediterranien countries into the fiscal death spiral that begins with a loss of credibility continues with a rise in borrowing costs and ends as governments are enforced to impose spending cuts and higher taxes at the worst possible moment.

Dem ist aus meiner Sicht finanzwirtschaftlich und makroökonmisch nichts hinzuzufügen.

Nachtrag 02.01.2013:

Prof. Niall Ferguson hat seine Reith Lectures nunmehr auch zu einem wiederum sehr lesenswerten Essay mit dem Titel "The Great Degeneration" (erhältlich hier auf Amazon, derzeit jedoch nur in Englisch) ausgebaut. Besonders lesenswert sind die Thesen des Autors zur Finanzkrise, ihren Ursachen und insbesondere den Fehlern, die die Politik jetzt wieder im Zusammenhang mit der angebichen Krisenbewältigung begeht. Nach Ferguson ist die Finanzkrise Ausdruck schlechter Regulierung. Was wir brauchen sind aber keineswegs mehr Regeln, so der Autor, sondern bessere und allgemeingültigere Regeln. Leider ist "The rule of Law" nach Ferguson zu einer "Rule of Lawyers", also zu einer Maschinerie der Opportunisten, Lobbyisten und "gierigen Politikern" (rent-seekern) verkommen.

Die Idee, durch das Anwerfen der Notenpresse die Krise zu bekämpfen, wird nur wiederum eine neue Krise heraufbeschwören, so Ferguson. Dass er Recht hat, sehen wir beispielsweise in der Kursentwicklung des DAX und bei den Immobilienpreisen. Das frisch gedruckte EZB-Geld landet nicht in der Realwirtschaft, also bei den Mittelständlern sondern wird abermals zu einer Spekulation auf Immobilien und Aktien verwendet. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder nicht?
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am 3. Dezember 2011
'Wie kam es dazu, dass einige kleine Staaten am Westrand der eurasischen Landmasse um das Jahr 1500 begannen, ihren Einfluss auf die übrige Welt rasch zu vergrößern und sich eine Vormachtstellung ..... zu sichern'.

Dies ist die Leitfrage des Buches von Niall Ferguson, Professor für neuere Geschichte in Harvard, und die für ihn 'interessanteste Frage, die ein Historiker in der Gegenwart stellen kann'.

In sechs großen Themenbereichen geht Ferguson sodann dieser Frage ausführlich und breit, ohne es an der notwendigen Tiefe fehlen zu lassen, im Buch nach und endet mit einem Ausblick auf 'Die Rivalen' (der Moderne), der in die nähere Zukunft ein stückweit schauen lässt.

Geordnet hat Fergusson hierbei sein Unterfangen durchaus sinnvoll nicht rein chronologisch, sondern themenorientiert. In den großen gesellschaftlichen Feldern des Wettbewerbs (Grundlage aller Entwicklungen nach Ferguson), der Wissenschaft, des Eigentums, der Medizin, des Konsums und der Arbeit vollzieht er umfassend die Entwicklung der Welt nach dem 1500 Jahrhundert nach und weist in allen Feldern jene Entwicklungen auf, die zu Zeiten diesen 'kleinen Staaten des Westens' die entscheidenden Vorsprünge 'vor dem Rest der Welt' gesichert haben. Vorsprünge, die nicht nur zu wirtschaftlichen Vorteilen geführt haben, sondern auch zu jener Jahrhunderte andauernden Haltung, die eigene Kultur quasi zu 'exportieren' und andern Kulturen durchaus auch gewaltsam aufzudrängen.
Ein Gewicht der Kräfte, dass in unseren Tagen deutlich ins Schwanken gerät und, so Ferguson, durchaus in naher Zukunft zu ungunsten des Westens sich nachhaltig entscheiden kann (so dies nicht bereits geschehen ist).

Dies ist die Diagnose der Moderne, das Spannungsverhältnis zwischen schwindendem Einfluss, zunehmender Schwäche des Westens und der dennoch in Teilen ungebrochenen, aus der Geschichte erwachsenen, Haltung der kulturellen Hybris, die eigene Weltanschauung weiterhin weltweit zu verbreiten (vornehmlich in amerikanischer Prägung).

Eine Entwicklung, die Ferguson im Buch wie in einer Fieberkurve nachvollzieht. Der Aufstieg des Westens und damit einhergehend der Niedergang ehemals in ihren Bereichen führender Hochkulturen (an dem in beeiden Richtungen die christliche Religion, vornehmlich die katholische Kirche maßgeblich beteiligt waren) und nunmehr die wiederum erstarkenden anderen Kräfte (vornehmlich China) und der damit einhergehende, durchaus klar zu beobachtende, Niedergang des Westens als kulturelle und wirtschaftliche Vormacht.

Ein wieder Erstarken, das, auch dies weist Ferguson schlüssig nach, auf der Grundlage der westlichen Errungenschaften beruht. Auf allen Feldern hat vornehmlich China die 'Kopie' zunächst intensiviert und nun, darauf aufbauend, eigene Weiterentwicklungen vorangetrieben, ohne dabei fundamentale 'schwächende Entwicklungen' des Westens (u.a. überbordender Konsum und damit einhergehende massive Verschuldung) zu übernehmen. In dieser überbordenden Konsumhaltung (und deren Folgen) sieht Ferguson dann auch den zentralen 'Systemfehler' des Westens und die Ursache für alle folgenden Schwächungen.

Nicht das 'Ende aller Tage' sieht Ferguson gekommen, wohl aber prognostiziert er das Ende der westlichen Vorherrschaft in jedem Sinne und wirft zudem die sorgende Frage auf, wieweit der Westen überhaupt in Zukunft noch kulturell existieren wird oder ob gar eine völlige Assimilation an eine kommende asiatische 'Vorherrschaft' sich vollziehen wird.

Ferguson bietet im Buch eine durchaus fundierte Darstellung der geschichtlichen Entwicklung und legt sämtliche entscheidenden Entwicklungen und Themenfelder breit vor. Ebenso fundiert vollzieht er seine Analyse des langsamen Niedergangs der westlichen Kultur (die in ihren gewaltsamen Ausprägungen weltweit auch kaum vermisst werden wird).
In seinen Schlüssen für die Zukunft, die der aus all diesem zieht, wirkt er manches Mal allerdings sehr eng. Auch andere, differenziertere Entwicklungen sind möglich und noch ist nicht entschieden, ob die (selbstverschuldete) wirtschaftliche und kulturelle Ideenschwäche des gesamten Westens quasi zur kulturellen Auflösung führen wird, oder ob das 'Erbe der Geschichte' eine neue Wendung mit neuer Kraft zu nehmen vermag. Grund zur Sorge, das weist Ferguson nachdrücklich nach, besteht allerdings sehr.

Auch wenn man Ferguson in seinen Zukunftsthesen nicht in Gänze zu folgen bereit ist, legt er doch ein wichtiges und gehaltvolles Buch zur westlichen Haltung und deren geschichtlichen Wurzeln vor.
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am 3. Dezember 2013
Es gibt zu dem Thema deutlich bessere Bücher. Reich und Arm von Jared Diamond, Wohlstand und Armut der Nationen von Landes, der Imperiale Traum von Darwin, Gewalt von Pinkler und selbst das alte Aufstieg und Fall der großen Mächte von Kennedy sind nach meiner Auffassung deutlich besser geeignet, sich der Frage zu nähern, was den Westen so erfolgreich macht(e).

Ferguson bedient sich bei all diesen Autoren und einigen mehr, ändert deren Theorien leicht ab und schreibt ein eigenes Werk, das einem einfachen schwarz-weiß-Schema folgt. Was die USA und die Briten- besser deren Anhänger der Marktwirtschaft- machten, war und ist großartig und wenn man zwischen den Zeilen liest, sind diese auch der wahre Westen. Alle anderen Nationen, wie Japan, Frankreich, Italien oder Deutschland kommen am Rande vor und haben zum Aufstieg des Westens so gut wie nichts beizutragen.

Auf der vorletzten Seite des Werkes, S.476 als Fußnote seine Vorschläge für die Werke, die "unseren [des Westens] Glauben an die fast grenzenlose Macht des freien Menschen zu stützen vermögen": King-James-Bibel, Isaac Newton, John Locks Werk; Adam Smith, Charles Darwin und die Werke Shakespears mit einigen Reden Churchills und Lincolns.

Das also sind die wichtigsten Werke, auf die sich der Westen berufen sollte. Ja...am englischen Wesen soll der Westen genesen.

Diese dann oft sehr undifferenzierte Sichtweise zieht sich durch das gesamte Buch und greift besonders, wenn man die oben aufgelisteten Historiker kennt, dann deutlich zu kurz.

Schade eigentlich, da ich seine Geschichte des Geldes recht gut fand. Dieses Buch war leider eine Zeitverschwendung.
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am 22. November 2014
Ich bin begeistert von Niall Ferguson - von seiner "Geschichte vom Wettstreit der Kulturen".
In der Tat, man muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen, um wertschätzen zu können, was für eine glückliche Fügung es ist, heute in Europa, im Westen im Frieden und Wohlstand zu leben. Doch Vorsicht, die Perspektiven sind brüchig! "Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten" (Friedrich von Schiller).
Ich empfehle in diesem Zusammenhang ergänzend zu lesen: Siegmund Freud, das Unbehagen in der Kultur - "Der Mensch ist des Menschen Wolf", und Nietzsche: "Gott ist tot".
Joachim Rosenberger
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am 28. Dezember 2015
Mit WASP lässt sich im wesentlichen der Inhalt dieses Buches beschreiben. Ferguson, der sich vehement für den Imperialismus ausspricht, stellt die Welt der letzten 500 Jahre als einen großartigen Erfolg der White Anglo-Saxon Protestants dar. Fachlich unglaublich oberflächlich (seine Zitierfehler würden in Deutschland zwingend seinen Rücktritt erfordern) begnügt er sich mit einer Eloge auf das britische Imperium und reduziert Weltgeschichte auf die Frage, ob Ereignisse und Konzepte dem Imperialismus gedient haben oder nicht. Das ganze Bucht ist flüssig geschrieben und hat offenbar gar nicht den Anspruch korrekt zu sein sondern ausschließlich politisch korrekt im Sinne des rechten Flügels der US-Republikaner. So spricht Ferguson vom europäischen Sozialstaat als einer Ausbeutung der europäischen Völker durch ihre Regierungen die deren Steuergelder verschleudern. Dagegen wirken Ronald Reagan und Margret Thatcher wie echte Intellektuelle in ihrer Argumentation.

In seinem Furor geht Ferguson soweit, den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas mit einer angeblichen Christianisierung des Landes in den letzten Jahren zu begründen. Die Brüchigkeit seiner Argumentation, die darin gipfelt dass er spontan die Zahl der Christen einfach abschätzt indem er alte Zahlen kühn hochrechnet, wird dem Autor offenbar nicht einmal klar.

Am Ende des Buchs legt Ferguson die Karten dann auf den Tisch. Er sieht sich in einer Tradtion mit Oswald Spengler und dessen "Untergang des Abendlandes". Damit trifft er den Punkt genau: dieses Buch ist Pflichtlektüre für alle Historiker des 22ten Jahrhunderts die versuchen wollen zu erklären, wie religiöser Furor und Existenzängste den Westen dazu führen konnten, sich immer stärker als eine Hochkultur im Belagerungszustand zu sehen und angesichts der eigenen Dominanz in der Welt in ständiger Angst vor dem Untergang zu leben. Ferguson muss als Wiedergänger von Spengler betrachtet werden: ein Vorbote des westliche Irrsinns.
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am 15. März 2014
Heutzutage ist es nicht mehr üblich, historische Abhandlungen mit derart umfassender Problematik wie Aufstieg und Niedergang von Zivilisationen zu verfassen, höchstens in einer essayistischen Form. Dies ist bei diesem Werk zum großen Teil auch der Fall: Es handelt sich um keine ausführliche Darstellung von Ereignissen in chronologischer Abfolge, sondern um eine Auswahl, die sich nach der jeweiligen Fragestellung richtet. Das Buch ist im Grunde genommen ein umfassender Essay, im klassischen angelsächsischen Stil geschrieben, in dem zuweilen auch populäre amerikanische Schreibformen (eine Art joviales Erzählen) zum Ausdruck kommen. Andererseits versuchte der Verfasser durch die Menge an verwendetem, wenn auch zerstreutem Quellenmaterial, doch mehr zu bieten als bloßes populärwissenschaftliches Sachbuch, bzw. seine Thesen auch wissenschaftlich zu begründen. Auf jeden Fall hat er zumindest eine riesige Menge an historischem Material bearbeitet, von Archiven in mehreren Ländern bis hin zu weniger seriösen Informationsquellen, wie die Wikipedia, und es macht schon etwas stutzig, bei wie vielen Personen und Institutionen er sich im Vorwort bedankt. Früher haben Historiker selbst bei etwas umfangreicheren Themen ihre Bücher allein geschrieben. Das wäre bei der heutigen Menge an zugänglichen Informationen wohl kaum mehr möglich. Dennoch stellt sich hier fast zwangsläufig die Frage: Braucht ein Historiker, der sich an so breitgefaßte Themen heranwagt, heutzutage tatsächlich Hunderte von Helfern, ohne deren Unterstützung er das Buch angeblich nicht zustande gebracht hätte? Sicher, Ferguson hat tatsächlich eine ganze Menge an Wissen angesammelt, durch das er seine Thesen begründet. Da es aber in solchen Fällen niemals ein wirklich erschöpfendes Wissen geben kann, handelt es sich immer nur um eine Auswahl, und die Frage bleibt, ob gerade dieses Wissen tatsächlich das relevante ist, ob das Ausgelassene, Unbeachtete doch nicht ein anderes Geschichtsbild ergeben oder völlig entgegengesetzte Behauptungen begründen könnte. Um dies zu beantworten, müßte man sich natürlich mit jedem einzelnen Thema ausführlicher befassen. Ob oder inwiefern diese Darstellung überhaupt sinnvoll, die Thesen zutreffend und die Schlußfolgerungen richtig sind, sind weitere Fragen, mit denen man sich differenziert auseinandersetzen müßte.
Die Hauptfrage und der rote Faden dieser Darstellung ist die Suche nach einer zufriedenstellenden Erklärung für den Aufstieg der westlichen Zivilisation seit Beginn der Neuzeit. Die zusätzliche Frage, auf die gewissermaßen das Ganze hinausläuft, ist, ob ihr mehrere Jahrhunderte andauernder Erfolg und ihre Vormachtstellung in der Welt bereits zu Ende seien und warum. Um diese Frage zu beantworten, nennt Ferguson sechs Aspekte der westlichen Zivilisation, die er als „Killerapplikationen“ bezeichnet und mit denen er sich dann jeweils in sechs Kapiteln seines Buchs näher auseinandersetzt: Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentum, Medizin, Konsum und Arbeit. Man könnte natürlich die Auswahl sowie die Reihenfolge der genannten Begriffe anzweifeln. Schließlich sind Eigentum und Wettbewerb Grundbestandteile des marktwirtschaftlichen Systems, Konsum und Arbeit wiederum zwei Seiten der Wirtschaft im allgemeinen, während Medizin nur eine der vielen Folgen der modernen Wissenschaft darstellt. Warum Ferguson gerade diese Aspekte der westlichen Zivilisation ausgewählt hat, wird erst bei der Lektüre des ganzen Werkes ersichtlich: Es handelt sich hierbei nicht etwa um Prinzipien, auf die sich das Zivilisationskonzept beruft oder ihre Institutionen aufgebaut sind, wie Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit usw., oder gesellschaftliche Bereiche, wie Wirtschaft, Recht, Politik, sondern nur um Stichwörter, anhand deren er bestimmte Etappen, Entwicklungen oder damit verbundene sachlich bedingte Problemkomplexe erklären will. Auch die Reihenfolge ist so gewählt, daß sie im großen und ganzen den historischen Abläufen folgen kann. Trotzdem handelt es sich um keine vereinzelten Sachverhalte, wobei hinter dem genannten Thema oft ganz andere Geschehnisse oder Gegebenheiten zum Vorschein kommen, wie die Industrialisierung, der Kolonialismus, die Weltkriege oder das Christentum.
So geht es beim Schlagwort „Wettbewerb“ im ersten Kapitel nicht etwa um das Prinzip der freien Marktwirtschaft, sondern um Dezentralisierung sowohl des politischen auch des wirtschaftlichen Lebens. Was Ferguson in diesem Kapitel beschreibt, ist weniger die gut bekannte Besonderheit Europas gegenüber anderen Zivilisationen, daß es darin keine Machtkonzentration gab, sondern eine politische Zersplitterung, d.h. die Trennung und ständige Kämpfe zwischen geistiger und weltlicher Macht, zwischen Papst und Kaiser, sowie zwischen den Landesfürsten und dem Adel, und schließlich auch unabhängige Städte und Zünfte mit ihrer Selbstverwaltung sowie viele miteinander konkurrierende und sich gegenseitig bekämpfende Staaten. Es geht hier um die Fragestellung, warum Europa der frühen Neuzeit innerhalb weniger Jahrhunderte das weitaus entwickeltere China aufgeholt und schließlich völlig überholt hat. Die Antwort lautet: Konkurrenzkampf der europäischen Länder um Gewürze, Gold und Macht in der Welt, der deren Expansionsdrang vorantrieb, während China, das eher auf Harmonie und Gleichgewicht Wert legte und an jedem Fortschritt desinteressiert war, stagnierte. Bei näherer Betrachtung war es aber in dieser Epoche eher die Neugier und der Unternehmens- und Handelsgeist der Europäer, natürlich auch die Gier nach schnellem Reichtum, die diese Entwicklung förderten, während diese Eigenschaften innerhalb der konfuzianischen Gesellschaft und ihren Wertvorstellungen eher verpönt waren und alle Neuerungen institutionell behindert wurden. Die Schlußfolgerung ist dennoch richtig: Rivalisierende Staaten oder andere Mächte und Konkurrenzkampf allgemein fördern die Entwicklung des Handels und der Wissenschaft, während Zentralismus und Machtmonopol dazu neigen, Entwicklungen zu blockieren, Mittelmäßigkeit und Anpassung zu begünstigen und nach Erreichen eines bestimmten Niveaus nur noch im labilen Gleichgewicht zu verharren, das eine Stagnation (z.B. eine bürokratisch-orientalische Despotie) bedeutet und plötzlich zusammenstürzen kann. Das war in China der Fall, aber auch in anderen entwickelten Kulturen, wie etwa der arabischen und der osmanischen, die als Vergleichsbeispiel im nächsten Kapitel herangezogen werden.
Im zweiten Kapitel sollte gezeigt werden, wie die „Wissenschaft“, als eine Methode, die natürliche Welt zu studieren, zu verstehen und zu verändern dem Westen vor allem einen militärischen Vorsprung gegenüber der übrigen Welt sicherte. Auch die islamische Welt war im späten Mittelalter zumindest in bezug auf die Wissenschaft weiterentwickelt als das christliche Europa, und die Osmanen waren bis zu ihrer Niederlage vor Wien 1683 nahe dran, Europa zu erobern. Die geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, die in Europa seit der Renaissance und der Reformation einsetzte, die wissenschaftliche und technische Revolution bis zur Aufklärung und den gesellschaftlichen Umwälzungen der Neuzeit, wurde innerhalb der islamischen Kulturen nicht vollzogen, im Gegenteil wurden alle Neuerungen oder Reformansätze durch die orthodox-religiösen Einstellungen behindert. Der Vergleich zwischen dem sowohl militärisch erfolgreichen als auch aufgeklärten Friedrich dem Großen und den osmanischen Herrschern sollte diese Diskrepanz veranschaulichen. Eine teilweise Modernisierung der Türkei scheint erst im 20. Jahrhundert Kemal Atatürk gelungen zu sein. Für den Rest der islamischen Länder bleibt das Verhältnis dem Westen und dessen Erfolgsformeln gegenüber problematisch.
Das dritte wesentliche Merkmal der westlichen Zivilisation heißt Rechtsstaatlichkeit. Sie ermöglicht es, das Privateigentum zu schützen, Streitigkeiten friedlich beizulegen, und schuf die Grundlage für die stabilste Form der repräsentativen Regierung. Doch was in diesem Kapitel behandelt wird, ist nicht die Entwicklung einer erfolgreichen Demokratie am Beispiel der Vereinigten Staaten, sondern ein weiterer Vergleich, diesmal zwischen der so verschieden verlaufenden Entwicklungen der britischen und der spanischen Kolonien, vor allem im Hinblick auf die Motive der Kolonisten und die Eigentumsverhältnisse in beiden Teilen des amerikanischen Kontinents. Dieser Vergleich ist besonders aufschlußreich, weil er nicht nur die bereits seit langem herangezogenen kulturellen (und später politischen) Unterschiede zwischen West und Ost, sondern einige weitere Aspekte heranzieht, die für eine völlig andere Entwicklung, und damit auch für die Ausbildung der Zivilisation als solcher, von Bedeutung sind. Die spanischen Kolonisten waren Eroberer, die sich an den Schätzen der indianischen Hochkulturen der Azteken, Inka und Maya bereichern wollten, die englischen und irischen Kolonisten hingegen Einwanderer, Schuldknechte, die sich nach einem besseren Leben sehnten, indem sie Land bekamen und bewirtschafteten. Die Konquistadoren zerstörten die indianischen Reiche und machten sich zu Herrschern über die Eingeborenen, während die nördlichen Einsiedler erst durch harte Arbeit und gesicherte Rechte an Grundeigentum zum Wohlstand und nicht zuletzt zu einer demokratischen Regierungsform gelangt sind. Ferguson erwähnt am Anfang die Bedeutung der institutionellen Grundlagen der Zivilisation, die wohl in den Grundrechten begründet sind, explizit deutlich wird ihre Bedeutung aber erst an diesem Beispiel. Viele kleine Grundeigentümer bilden hier die Basis für Selbstverwaltung und eine demokratische Regierungsform, schließlich auch für den wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand. Die große Abhängigkeit von der spanischen Krone und sehr ungleichmäßige Eigentumsverteilung an Grund und Boden stellen dagegen keinen guten Ausgangspunkt für eine stabile Entwicklung dar, sondern lassen die südamerikanischen Länder über Jahrhunderte in Bürgerkriege und Terror extremistischer Revolutionäre dieser oder jener Art stürzen. Die Schlußfolgerungen sind eindeutig, machen aber die Lösung von Problemen nicht einfacher, denn das Herunterladen der Applikation „Rechtsstaatlichkeit“ läßt sich nicht in einem Land verwirklichen, wo der Grundbesitz das Privileg einer kleiner Minderheit ist, deren Schutz die Aufstiegsmöglichkeiten der großen Mehrheit und jeden Fortschritt hemmt, deren Entmachtung aber wiederum zum Bürgerkrieg und Terror bzw. zur Herrschaft einer anderen Gruppe von „Führern“ führt. Immerhin, der Hinweis auf diese Entwicklung bringt etwas zum Vorschein, was alle Weltverbesserer mit ihren Patentrezepten stutzig machen sollte, indem er zeigt, daß sich eine demokratische Gesellschaft erst aufgrund bestimmter Grundlagen entwickeln kann, während die Übernahme fremder Ideen und Einrichtungen nicht unbedingt und überhaupt nicht selbstverständlich zu dem erwünschten Ergebnis führen muß. Trotzdem: der Hinweis ist wichtig, der Vergleich vielleicht von zentraler Bedeutung, selbst wenn er mehr Fragen als Lösungen bringt. Was man Ferguson dennoch vorwerfen kann, ist die Tatsache, daß er die Rechtsstaatlichkeit als solche nicht weiter ausführt, als ob es tatsächlich nur um den Schutz des Eigentums ginge. Wie auch immer dies wichtig zu sein scheint, bedeutet Rechtsstaatlichkeit doch viel mehr als Eigentumsfragen. Dies bleibt aber irgendwie jenseits seiner Darstellung.
Die Problematik hat noch einen anderen Gesichtspunkt, den Ferguson dagegen nicht vernachlässigt, und zwar die Behandlung erstens der Eingeborenen, zweitens der eingeführten Sklaven. In weiteren Abschnitten des Kapitels geht es auch um die Rassenideologie, wo sich zumindest einige Länder des Südkontinents einer besseren Beurteilung würdig erweisen als die ansonsten erfolgreicheren nördlichen. Die Rassen in Südamerika haben sich oft eher unproblematisch gemischt, und auch die Sklaven wurden meistens besser behandelt als es in den britischen Kolonien der Fall war. Das ist in der Tat ein wichtiger Gesichtspunkt. Ob er zu den „Killerapplikationen“ der westlichen Zivilisation gehört, bleibt zwar unklar, da die „Menschlichkeit“, ja nicht einmal die „Toleranz“ als eine der „Killerapplikationen“ erwähnt werden, aber sie ist aus heutiger Sicht nachvollziehbar. Uns er bildet den Ausgangspunkt für das nächste Kapitel, wo es immer noch um die Kolonisierung geht, diesmal aber in Afrika.
Dieses Kapitel heißt „Medizin“, weil sie es ermöglichte, die Volksgesundheit zu verbessern und die Lebenserwartung zu erhöhen. In Wirklichkeit behandelt es aber weniger die medizinischen Erfolge, als vielmehr die Kolonisierung Afrikas mit der Begründung, daß ohne die Bekämpfung tropischer Krankheiten diese kaum möglich gewesen wäre, bzw. wegen der häufigen Todesfälle bald hätte aufgegeben werden müssen. In Wirklichkeit erfährt man über die Kolonisierung selbst doch nicht viel: Was in diesem Zusammenhang wichtig ist, sollte der Hinweis sein, daß nicht alle Kolonisten gleich unmenschlich waren, sondern einige mehr, andere weniger. Deutschland schneidet dabei fast am schlechtesten ab. Die Greueltaten der Kolonialherren in Afrika werden ausführlich beschrieben; nur noch Belgien soll noch grausamer gewesen sein. Dagegen scheint Frankreich immerhin einen gewissen Pathos der Zivilisierung der Wilden entwickelt, und die Eingeborenen zum Teil als potentielle Bürger behandelt zu haben. Das alles ist im Grunde genommen richtig, auch wichtig zu wissen. Das Wissen darüber scheint inzwischen (gegenüber den vorhergehenden Kapiteln) etwas dürftiger geworden zu sein. Was fehlt, ist die Schlußfolgerung. Dieser scheint der Autor lieber auszuweichen, wenn er auch nebenbei erwähnt, daß vielleicht nicht alle Länder zur Unabhängigkeit reif waren, und daß selbst die Erfolge der „Killerapplikation“ Medizin zur Zeit rückgängig sind. Im Klartext: Es geht ihnen heute meistens eher schlimmer als unter den Kolonialreichen. Das will er natürlich lieber nicht sagen. Seine Darstellung führt auch wieder nach Europa: zu der Französischen Revolution, die er folgerichtig im Sinne Edmund Burkes interpretiert, über die napoleonischen Kriege und weitere militärische Auseinandersetzungen bis zu den Weltkriegen – den schlimmsten Folgen der westlichen Zivilisation. Mit der modernen Medizin hat es kaum noch etwas zu tun, aber mit den Irrlehren der Rassentheorie und des Sozialdarwinismus.
Ohne die Entwicklung einer Konsumgesellschaft wäre die Industrielle Revolution zusammengebrochen, heißt die These des nächsten Kapitels, in dem es aber weniger um diesen Aspekt des eigentlich schon behandelten Geschehens, als um den Massenkonsum der Nachkriegsjahre, den Kalten Krieg und den Fall des Kommunismus geht. Die Betonung des Konsums als wesentlichen Faktors für eine wirtschaftliche Entwicklung im Gegensatz zu den marxistisch geprägten allein auf die Produktion fixierten Interpretationen, ist gewiß berechtigt. Produktion, bzw. Arbeit (das Thema des darauffolgenden Kapitels) und Konsum sind zwei Seiten eines und desselben wirtschaftlichen Geschehens, wobei das einseitige Schwergewicht der einen (Planwirtschaft) oder anderen Seite (die heutige Situation der meisten hochentwickelten Länder) zwangsläufig zum Mißerfolg führen muß. Um die Vorteile einer freien Marktwirtschaft zu zeigen, wäre allerdings eher eine kurze Analyse der verschiedenen Wirtschaftssysteme von Bedeutung statt der bloßen Behauptung, daß sich eine zentrale Planwirtschaft zur Herstellung individueller Konsumgüter weniger eignet. Überhaupt scheint die Argumentation in diesem Kapitel um einiges schwächer, und auch das herangezogene Wissen eher dürftig. Die technischen Neuerungen werden kurz skizziert, die Bedeutung des Handels wurde bereits im ersten Kapitel erläutert, ansonsten dreht sich die ganze Problematik um Kleidung und andere Konsumgüter, der Siegeszug des Westens scheint sich in dieser Darstellung weder durch Waffenstärke, noch durch Überlegenheit dessen politischen Systems, also Demokratie und individuelle Freiheit, sondern durch die Massenherstellung von Blue Jeans vollzogen zu haben. Daß es bei den 68er Bewegung im Osten (im Unterschied zum Westen, wo es letztendlich eher bloß um „freies Liebesleben“ ging) auch auf die Freiheit allgemein ankam, wird zwar gesagt, aber nicht weiter erläutert, als ob es hier wiederum nur um die Freiheit zu konsumieren ginge. Innerhalb dieses Schemas wird aber sowohl die wahre Natur des kommunistischen Regimes als auch das eigentliche Anliegen etwa der Reformbewegung in der Tschechoslowakei verkannt; die anderen werden kaum erwähnt. Die Verhaftung einer Gruppe von Rockmusikern war übrigens nur der Anlaß, nicht der Grund für die Gründung der Charta 77. Wie auch bei den späteren Demonstrationen unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Systems ging es nicht in erster Reihe um begehrte Konsumgüter, die ihnen die zentrale Planwirtschaft nicht bieten konnte; die Menschen gingen auf die Straße, weil sie dieses alles erstickende, stupide und verlogene Unterdrückungsregime mit dessen bürokratisch-polizeilichem Repressionsapparat, das die ganze Bevölkerung ideologisch manipulieren und kontrollieren wollte, einfach satt hatten. Als bereits erwachsener Europäer hätte Ferguson zumindest den Umsturz in diesen Ländern halbwegs mitverfolgen und begreifen können. Er weiß zwar, daß bereits die Russische Revolution nur auf Unterdrückung und Terror gründete, auch daß die Massenverbrechen Stalins und Maos in bezug auf Menschenopfer die des Naziregimes übertrafen; dennoch kommt der wesentliche Unterschied zwischen dem demokratischen Westen, der in dieser Epoche quasi die eigentliche westliche Zivilisation vertrat, und den totalitären Diktaturen, die auf zwar ebenfalls in der westlichen Welt entwickelten, aber perversen Ideologien gründeten und sich daher als Irrwege erwiesen, innerhalb des auf das Schlagwort „Konsum“ fixierten Problematik nicht wirklich zum Tragen. Hätten Jeans oder andere Bekleidung tatsächlich eine solche Wichtigkeit, wie hier suggeriert wird, so bestimmt nicht als bloße Konsumgüter, sondern eher durch ihre symbolische Bedeutung, hinter der sich Anderes verbirgt, wie es auch bei der islamischen Verschleierung der Fall ist, die Ferguson zum Schluß des Kapitels anspricht.
Im letzten Kapitel „Arbeitsethik“ wird zunächst die These von Max Weber über die protestantische Ethik als treibende Kraft der Industrialisierung behandelt, um dann in die heutige Zeit zu wechseln und die wirtschaftliche Entwicklung Chinas, aber auch die Bedeutung des Christentums in Europa, Amerika und Asien zu erörtern. Wie schon das vorherige wirkt auch dieses Kapitel nur bedingt überzeugend, weniger durch die geschilderten Sachverhalte als durch die Schlußfolgerungen, die daraus gezogen werden. Indizien für den Niedergang des Westens gibt es genug, nicht nur in der vom ganzen Finanzsektor verursachten Bankenkrise und der unverantwortlichen verschwenderischen Finanzpolitik vieler Staaten auf Kosten der Zukunft, die auf einen Staatsbankrott hinsteuert, sondern auch in der wachsenden Glaubenslosigkeit Europas und allgemeinen Dekadenz (Verlust der hier behandelten Arbeitsethik) der westeuropäischen und amerikanischen Bevölkerung. Auch der Unterschied zwischen dem immer noch lebendigen, wenn auch zuweilen skurrile Formen annehmenden christlichen Glauben der Amerikaner und dem weit verbreiteten Atheismus der Europäer wird schlüssig erklärt, und zwar durch die früher behandelte „Killerapplikation“ Nummer eins – den Wettbewerb, diesmal als Konkurrenz der vielen verschiedenen Sekten untereinander im Gegensatz zur zentralistisch festgelegten Staatsreligion, die in Europa beibehalten wurde. Das alles mag seine Relevanz besitzen. Dennoch wird innerhalb der ganzen Problematik kaum deutlich, warum das fast nur auf die „protestantische Arbeitsmoral“ reduzierte Christentum von besonderer Bedeutung für das Fortleben der westlichen Zivilisation sein soll und warum Amerika und Europa trotz ihres in dieser Hinsicht unterschiedlichen Verhaltens den gleichen Trends unterliegen. Schließlich wird auch nicht erklärt, warum die Asiaten auf einmal so sehr vom Christentum angetan sind, obwohl sie von der Arbeitsethik längst viel mehr haben als die faulen Westler.
In der Schlußbetrachtung mit dem Titel „Die Rivalen“ geht es um die verschiedenen Auffassungen vom Aufstieg und Fall von Zivilisationen in bezug auf die heutige Situation, die dem Untergang des antiken Römischen Reiches ähnelt. Von Bedeutung ist hierzu insbesondere Fergusons Hinweis darauf, daß auch scheinbar lange Zeit stabile komplexe Systeme nicht unbedingt langsam verfallen müssen, sondern auch plötzlich zusammenbrechen können. Dies ist auch der Grund für die schlechte Prognostizierbarkeit von Entwicklungen. Warum erschlägt er aber anschließend den Leser mit einer Menge statistischer Daten über Entwicklungen der Bevölkerung, des Bruttoinlandsprodukts, der Arbeitszeiten usw., aus denen sich vermeintliche Entwicklungstendenzen und weitere Prognosen über den wirtschaftlichen Niedergang des Westens und den Aufstieg Chinas ergeben sollen? Steht dies etwa nicht im Widerspruch zu den kurz davor genannten Annahmen?
Vieles, was Ferguson in seiner Darstellung der Entwicklung unserer modernen westlichen Zivilisation beschreibt, sind durchaus wesentliche Aspekte eines sehr komplexen Geschehens. Auch seine meistens berechtigten und begründeten Urteile stellen eine ernstzunehmende Gegenposition zu der heute beliebten pauschalen, fast rituell wiederholten einseitigen Verurteilung des „bösen Westens“, der nun für alle Gebrechen und Verbrechen der Welt haftbar gemacht wird. Im Unterschied zu dem früheren zivilisatorischen Pathos verschweigt Ferguson diese Schattenseiten nicht, sondern nennt sie bei Namen: vor allem die Brutalität des Kolonialismus zumindest einiger Länder, die vernichtenden totalen Weltkriege und die Entwicklung abwegiger totalitärer Ideologien. Es heißt aber auch bei diesen schlimmsten Aspekten der europäisch-amerikanischen Zivilisation zu differenzieren und auch die oft ebenfalls brutale oder verbrecherische Gegenseite bzw. Gegenalternative zu sehen. Insofern ist dieses Buchprojekt sinnvoll und wichtig.
Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht entziehen, daß die hier dargebotenen Erklärungen unbefriedigend sind. Gewissermaßen scheint sich der Autor zuweilen selbst dessen bewußt zu sein oder zumindest zu ahnen, daß etwas Wesentliches fehlt. Zumindest meint er zum Schluß, daß es vielleicht gar nicht der überwältigende wirtschaftliche Erfolg Asiens, vor allem Chinas, und die reale islamistische Bedrohung sind, die den Untergang des Westens einläuten, sondern eher der Verlust des Glaubens an sich selbst, an die eigenen Werte und Prinzipien. Das Zivilisationskonzept wird zwar erwähnt und am Anfang erläutert, der Unterschied der modernen europäischen Zivilisationen zu allen anderen, ebenfalls als „Zivilisationen“ bezeichneten Kulturgebilden, wird aber nicht klar herausgestellt. Vielleicht handelt es sich bei den erwähnten Aspekten um keine bloßen „Killerapplikationen“, die sich jeder, auch einzeln nach Belieben „herunterladen“ kann, sondern eher um einen Komplex sich gegenseitig bedingenden Faktoren, die bestimmten Prinzipien folgen, den man nur als Ganzes begreifen und übernehmen kann. Die Tatsache, daß Japan, wie im fünften Kapitel beschrieben, im Ungewissen darüber, was wichtig ist und was nicht, vom Westen alles kopiert hat, von technischen Neuerungen bis hin zu Kleidungsgewohnheiten, und trotz des anfänglichen ungeheuren Erfolgs, doch nicht zur Weltmacht geworden ist, läßt sich nicht nur durch die historische Bedingtheit und dessen unbedeutende Größe wegerklären. Andere Interpreten meinen, daß die westlichen Errungenschaften zwar kein Privileg etwa der weißen Rasse seien, aber auch nicht etwas, was man ohne historische und kulturelle Hintergründe und deren Verständnis einfach übernehmen, d.h. kopieren kann. Hinter den äußeren Erscheinungen stecken oft institutionelle und ideelle Voraussetzungen, von denen die angeblich protestantische Arbeitsmoral vielleicht nur einen eher zu vernachlässigenden Aspekt darstellt. Weitere Besonderheiten, von früheren Autoren oft betont, werden hier überhaupt nicht erwähnt. Die Demokratie als Herrschaftsform scheint Ferguson auch nur nebensächlich. Das mag sein, die blutigen Folgen der Französischen Revolutionen trotz ihrer so erhabenen Prinzipien (ebenso wie der Russischen) sprechen für sich. Die Rechtsstaatlichkeit scheint hier von weit größerer Bedeutung zu sein, wie es die Entwicklung Nordamerikas (im Gegensatz zu Südamerika) anschaulich zeigt. Daß diese keineswegs nur den, wie auch immer wichtigen, Schutz von privatem Eigentum, einschließt, wird jedoch nicht geklärt, ebensowenig wie die grundlegende, oft unverstandene Teilung der Gewalten. Überhaupt scheint die Politik, nicht nur in bezug auf die Ostblockländer, in dieser Darstellung fast keine Rolle zu spielen. Aber selbst wenn man die wirtschaftlichen Aspekte einer Gesellschaft für die wichtigeren hält, wird der wesentliche Unterschied zwischen dem „Wettbewerb“ und der „Planung“ nicht deutlich. Ebenso wird der Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ nie erwähnt, als ob die im ersten Kapitel behandelte Problematik der Machtverteilung und Machtkontrolle (außer der erwähnten Konkurrenz christlicher Sekten untereinander) keine Rolle mehr spielte.
Resumé: Es ist ein gutes Buch, obwohl sich an der Darstellung der Problematik, nicht im Hinblick auf die Schilderung der Geschehnisse, sondern an der Gliederung und Betonung bestimmter Aspekte (denn mehr ist es nicht) der westlichen Zivilisation und ihrer Rolle für den Erfolg in der Welt zweifeln läßt. Denn obwohl diese als Erfolgskriterien nicht falsch sind, handelt es sich eigentlich nur um Ableitungen jeweils in einem bestimmten historischen und sachlichen Kontext. Die systematische Wissenschaft ist dem Ethos des Strebens nach Wahrheit verpflichtet, was nicht heißt, daß sie zum Irrglauben wie der Rassenlehre, dem Marxismus oder anderen führen kann. Die moderne Medizin ist ihre Folge, ebenso wie die moderne Technik, die ihrerseits die Industrialisierung und damit die Veränderung der ganzen Lebensweise der Menschen bewirkte, natürlich aber auch der modernen Waffen, einschließlich der Atombombe. Das Eigentum ist nur ein Stichwort für Rechtsstaatlichkeit. Eigentum gab es immer schon, in einem bestimmten Kontext, nämlich der freien Marktwirtschaft, im Unterschied zu dessen extrem ungerechten Verteilung und Monopolstellung, hat dessen Schutz positive Folgen für Wirtschaft und Politik. Das sind aber gleich mehrere Problembereiche in einem Kapitel inbegriffen. In Wirklichkeit ist das Recht der institutionelle Rahmen, der für den Bestand einer Gesellschaft von wesentlicher Bedeutung ist, die Freiheit, bzw. Konkurrenz wiederum die andere Seite der Medaille. Die Freiheit ist das Gegenpol zur Machtkonzentration in allen Bereichen, insbesondere aber in Wirtschaft und Politik, ebenso aber auch als Freiheit der Forschung – in bezug auf die Wissenschaft, und des Glaubens – in bezug auf Religion oder auch andere Überzeugungen. Das ist das zweite Prinzip der westlichen Zivilisation. Das dritte ist vermutlich der Individualismus, der bei Ferguson nirgendwo erwähnt wird, die Vorstellung, daß es nicht auf das Wohl von Staaten oder Nationen, deren Macht und Reichtum, aber letztendlich auf das Wohlergehen und die Freiheit der einzelnen Menschen ankommt, für die die ganzen zivilisatorischen Errungenschaften da sind. Ohne die Übernahme bzw. Verinnerlichung dieser Prinzipien lassen sich die „Killerapplikationen“ der westlichen Zivilisation nur falsch oder verzerrt anwenden.
Auch deswegen können Prognosen in bezug auf den bevorstehenden Untergang des Westens gang falsch sein. Die islamistische Bedrohung mag zwar real sein; man kann aber daran zweifeln, ob der Atheismus „unnatürlich“ und die Renaissance des christlichen Glaubens die relevante Antwort darauf ist. Ebenso läßt sich wegen des ungeheuren Wirtschaftswachstums Chinas nicht prognostizieren, daß das nächste Zeitalter das des Ostens sein wird. Abgesehen davon, daß China bis jetzt nur die eine „Applikation“ (den weiter nicht geklärten sog. „Kapitalismus“) heruntergeladen hat, und daß ein allzu schnelles Wachstum ebenso zum plötzlichen Abbruch und in eine große Krise führen kann, muß man sich fragen: Welche Zivilisation soll denn nun die herrschende sein? Doch nicht die alte konfuzianische, die schon einmal durch ihre Stagnation den Wettlauf mit dem Westen verloren hat? Vielleicht eher ein völlig verwestlichtes Asien? Lassen wir es dahingestellt sein.
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