holidaypacklist Hier klicken Kinderfahrzeuge foreign_books Cloud Drive Photos TomTom-Flyout Learn More HI_BOSCH_COOP Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip NYNY

Kundenrezensionen

4,4 von 5 Sternen13
4,4 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:9,95 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 16. Februar 2004
Ausgehend vom Werk des Philosophen Baruch Spinoza erläutert Antonio Damasio das Zustandekommen der menschlichen Gefühle auf neurobiologischer Ebene. Er begibt sich auf die Suche nach dem Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele und stößt dadurch auf ein Gebiet vor, das die Naturwissenschaftler bis in die jüngste Vergangenheit gemieden haben, weil es von der Kirche besetzt wurde. Allenfalls einige mutige Philosophen wagten sich dorthin.
Das menschliche Gehirn ist immer noch nicht besonders gut erforscht, und bisher sind nur durch Zufall einzelne Hirnregionen als Sitz spezieller Gefühle entdeckt worden, und zwar bei Unfallopfern und durch Behandlung von Epilepsiepatienten. Diese Entdeckungen scheinen einen Denkansatz über den Zusammenhang von Körperreaktion, Emotion und Gefühl zu bestätigen, den schon Spinoza in seiner "Ethik" vorgebracht hat. Damasio zeigt uns nun mit Hilfe der Neurobiologie, wie die Emotionen im Körper das Gefühl entstehen lassen, welche Filter und Mechanismen dabei wirken, und wie der Mensch seine Gefühle steuern kann. Gleichzeitig machen wir Bekanntschaft mit einem berühmten Philosophen, der nach Damasios Auffassung bereits im 17. Jahrhundert die Grundlagen dieser neuen Erkenntnisse darlegte. Damasio begründet Spinozas Gedankengänge aus dessen Herkunft und Lebensgeschichte und bekennt von Herzen, Spinoza-Fan zu sein.
Herausgekommen ist ein spannendes, gut lesbares Wissenschaftsbuch. Hochwertiges geistiges Futter für Querdenker.
Ein Anhang statt Fußnoten trägt viel zur Übersichtlichkeit bei, denn man kann sich auf den Textfluß des Hauptteils konzentrieren. Die Graphiken zur Erläuterung der Abläufe im Gehirn bleiben einfach, nachvollziehbar und übersichtlich. Darstellungen des Gehirns und seiner Anatomie sind ebenfalls sehr nützlich zum fortlaufenden Textverständnis. Nur auf die irritierenden reichlich mißglückten Bleistiftzeichnungen Hanna Damasios von ungelenker Stichführung und Schraffur hätte man bei der Herausgabe des Buches verzichten sollen. Diese Bildchen sehen aus wie plump durchgepaust, und stehen im krassen Gegensatz zu den sonst so eleganten Gedankengängen des Buches. Vielleicht sind sie aber auch der sichtbare Beweis dafür, daß ein Gefühl der Liebe die Augen des brillantesten Wissenschaftlers trüben kann.
0Kommentar|122 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Einmal mehr wurde an einem englischen Originaltitel unnötigerweise herumgebastelt. Denn "Looking for Spinoza. Joy, Sorrow and the Feeling Brain" ist nun mal Tausend Mal besser als "Spinoza-Effekt". Erstens wissen viele der angepeilten Leser nichts oder wenig über Spinoza, und zweitens wissen sie auch nach der Lektüre nicht, was dieser Effekt nun sein soll. Dafür weiss ich nun, wie man ein wissenschaftliches Buch verfassen kann, das den neusten Stand der Forschung auf verständliche Weise und sehr persönlich vermittelt. Beruhigend ist, dass die Übersetzung des Textes gelungen ist. Antonio R. Damasio gehört zweifelsohne zu den anerkanntesten Neurologen der Gegenwart. Und wie sein deutscher Kollege, Gerhard Roth, ist er dennoch ohne Starallüren, erwähnt immer wieder seine Vorbilder, seine Quellen und seine Zweifel. Wo er allerdings aufgrund kreativer und aufwändiger Experimente zu klaren Schlüssen gelangt, zögert er nicht, die Folgen populärwissenschaftliche Irrlehren aufzuzeigen.
Die genaue Beobachtung von Patienten mit Hirnschädigungen und neue bildgebende Verfahren bei den Untersuchungsmethoden haben in den letzten zehn Jahren das Wissen über unser Gehirn geradezu revolutioniert. Das führte vor allem zu einem Revival der Gefühle als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Doch im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen hält sich Damasio mit Spekulationen zurück. Und wo er der Versuchung trotzdem nicht widerstehen kann, deklariert er klar, dass es sich um seine persönlichen Vermutungen, um seine Weltmodelle handelt. Die Lektüre von Damasios Büchern erinnert mich auch an den Physiker Richard P. Feynman, der es ebenfalls verstand, eine Art fröhliche Wissenschaft zu leben. "Sie belieben wohl zu scherzen" ist noch immer einer meiner Lieblingstipps. Doch zurück zu Damasio. Dass der amerikanische Neurologe eine Liebe zum europäischen Juden Spinoza hat und manchmal gerne ich Aufbruchszeitalter des 17. Jahrhunderts gelebt hätte, ist faszinierend. Damasio lässt die Leser an seiner Begeisterung teilhaben, indem er dem Leben und Werk von Spinoza viel Platz gewährt. Und ich zweifle nicht daran, dass etliche amerikanische Damasio-Jünger sich nun seiner Passion anschliessen.
Jeder Neurologe legt die Schwerpunkte etwas anders. Damasio richtet den Fokus auf das Zusammenspiel von Körper, Fühlen und Denken. Sein Anlauf im 17. Jahrhundert verhindert, dass er für seine Thesen den Originalitätsanspruch erhebt. Im Gegenteil, immer wieder betont er, dass die grossen Geister, Künstler und Philosophen das geahnt haben, was die Neurologen heute mit Experimenten belegen können. Und wie es Damasio mit seinen Ausführungen schafft, die Ganzheitlichkeit wieder aus der esoterischen Ecke zu holen, hat mich besonders gefreut. Spiritualität im Sinne Damasios hat Zukunft. Kaufen, lesen, sich und die Welt anders sehen.
0Kommentar|106 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. September 2003
Antonio R. Damasio ist Professor für Neurologie in den USA. Berühmt wurde er für seine Entdeckungen in der Gehirnforschung. In diesem Buch wagt er, der gesamten Medizintradition des Westens zu widersprechen und ein neues Paradigma aufzustellen. Es heißt: Die seit über 200 Jahren verkündete Trennng von Körper und Geist, von körperlichen Gefühlen wie z. B. Magenschmerzen und seelischen Gefühlen wie Liebeskummer gibt es nicht. Wir sind eine Einheit und reagieren auch so. Wer ein simples Aspirin gegen Kopfweh nimmt, beeinflusst auch seine Stimmung, und wer sich Glück kauft, in dem er in einem gutes restaurant isst, tut damit seinem Körper Gutes (das Beispiel stammt nicht von Damsio, sondern ist eine meiner Konsequenzen aus seinem Buch).
Der amerikanische Mediziner ist nicht der erste, der so etwas behauptet. Fast 400 Jahre vor ihm verkündete der niederländisch-jüdisch Philosoph Spinoza dasselbe. Deshalb greift der Gehirnforscher auf den Philosophen zurück, besucht in den Haag sein Haus, zitiert ihn und vergleicht seine philosophischen Überlegungen mit den konkreten Ergebnissen der eigenen Wissenschaft. Und siehe da: sie decken sich perfekt. Das Ergebnis? Ein nicht immer leicht zu lesendes Buch - Damasio fordert konzentrierte Aufmerksamkeit -, aber eines mit Thriller-Spannung, wenn man sich für die Zusammenhänge zwischen Körper und Geist interessiert. Der Neurologe liefert außerdem, sozusagen nebenbei, pure Selbsterkenntnis und jede Menge Aha-Momente: ach, so ist das. Deshalb wage ich sogar zu sagen: Der "Spinoza-Effekt" ist reine Lesefreude. Plus Lebenshilfe, denn unter anderem beweist Damasio auch, dass die Evolution uns auf Glücklichsein getrimmt hat, nicht aufs Leiden, und das ist doch gut zu wissen, oder?
0Kommentar|73 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 5. November 2011
Antonio Damasio beschreibt aus neurobiologischer Sicht, was Gefühle sind und was sie bewirken. Das Verständnis der Gefühle ist für ihn die Voraussetzung für den Entwurf eines Menschenbildes.

Damasio versteht sich zuerst als Naturwissenschaftler, dann als Biologe, dann erst als Neurobiologe. Und er sieht sich ganz bewusst an der Schnittstelle zwischen Neurobiologie und ethischem Verhalten. Im Ergebnis bewegt er sich zwischen Neurobiologie, Psychologie und Philosophie.

Zunächst untersucht Damasio die Begriffe von Emotion und Gefühl bis in neurobiologisch-medizinische Details hinein und befasst sich anschließend intensiv sowohl mit der Philosophie und der persönlichen Historie Spinozas als auch mit der sephardisch-jüdischen Geschichte, vor deren Hintergrund Spinoza zu interpretieren ist.

Mit starkem Understatement behauptet Damasio, er sei kein Philosoph, sondern schlichter Biologe. Aber dann beweist er seine große Kenntnis nicht nur Spinozas, sondern grenzt ihn vor allem gegen Descartes ab und zeigt Bezüge zu Aristoteles, Kant, Hegel, Freud und Einstein auf.

Für Damasio ist Spinoza ein Vorreiter naturwissenschaftlichen Denkens, eine Art Vorzeigephilosoph, fast eine Art Schutzpatron des Naturwissenschaftlers.

Im Gegensatz zu Descartes gehe Spinoza davon aus, dass Geist und Körper parallele Merkmale ein- und derselben Substanz seien. Schon Spinoza habe das Wesen von Emotionen und Gefühlen und die Beziehung zwischen Geist und Körper untersucht. Spinoza sei ein Vorläufer des modernen biologischen Denkens.

Basierend auf der Differenzierung zwischen Emotionen (Zuordnung zum Körper) und Gefühlen (Zuordnung zum Geist) lautet die Kernthese Damasios, dass Emotionen den Gefühlen vorauslaufen. In Abweichung von Descartes` Aussage: Je pense, donc je sois, setzt Damasios Gedankenkette früher an, nämlich bei den Gefühlen, die vor den Gedanken stehen: Je sens, donc je pense, donc je sois.

Hochentwickelte Gesellschaften, sagt Damasio, würden einen schamlosen Kult mit Gefühlen betreiben und sie mit viel Aufwand manipulieren. Politik orientiere sich an einem unzulänglichen Menschenbild, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriere - mit der Folge von Korruption und selbstsüchtigem Verhalten.

Hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Gut und Böse führt Damasio aus, dass dasjenige gut sei, was dauerhaft und zuverlässig Freude hervorrufe. Eine gute Handlung sei eine solche, die in diesem Sinne Gutes bewirke und anderen Individuen keinen Schaden zufüge. (Damit genügt nicht nur die real existierende Ökonomie jedenfalls der zweiten Forderung an gute Handlungen, nämlich anderen Individuen keinen Schaden zuzufügen, häufig, vielleicht sogar in ihrer Mehrzahl nicht: Der dem Glauben an unendliches Wachstum verhafteten Gesellschaft der Konsumenten wird durch "Werbung" (treffender: Propaganda) häufig ein Nutzen nur vorgegaukelt. Wenn dies so ist, haben wir es nach Damasio mit einer von schlechten Handlungen geprägten, kurzum, mit einer "schlechten", eigentlich "bösen" Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu tun.)

Die Freiheit liege, so meint Damasio folgerichtig, in der Verringerung objektbezogener emotionaler Bedürfnisse, die uns versklavten.

Wenn der Autor Spinoza und einer naturwissenschaftlichen Weltsicht folgt, so kann nicht übersehen werden, dass Damasio damit eben auch seiner eigenen (Ersatz-) Religion huldigt, die ebenso beschränkt und angreifbar ist wie alle anderen. Denn auch die Naturwissenschaft wird niemals zu einer endgültigen Welterklärung gelangen: Hinter jeder von ihr beantworteten Frage tauchen gleich mehrere weitere auf, hinter jedem von ihr vermeintlich gelösten Rätsel erscheinen sogleich mehrere neue. Auch die naturwissenschaftlich geprägte Philosophie des Antonio Damasio produziert keine abschließenden und unantastbaren Sicherheiten und Wahrheiten.

Indem Damasio zum Schluss seines Werkes in einer überraschenden Wendung auf die "Hoffnung" setzt, lässt er eine letzte Konsequenz vermissen, die für ihn als erklärten Naturwissenschaftler doch eigentlich nahe läge und ihn zum philosophischen Existentialismus führen müsste, für den nicht tote Vergangenheit und hoffnungsvolle Zukunft von Bedeutung sind, sondern nur die -in ihrer Hoffnungsfreiheit befreite- Existenz in der Gegenwart.
0Kommentar|7 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 1000 REZENSENTam 24. Februar 2012
Ich habe dieses Buch gleich gelesen als es vor ca. 8 Jahren als Hardcover-Version auf den Markt kam, dazwischen immer wieder darin geblättert, und jetzt erneut durchgelesen und möchte kurz erklären warum mir das Buch so wichtig ist.

Ich dachte, ein Neurowissenschaftler kann mir Erklärungen zu den oft sperrigen Aussagen von Spinoza geben - und ich habe mich nicht getäuscht.

Warum Spinoza? fragt Damasio am Beginn seines Buches, und gibt die Antwort:
'Weil Spinoza von grundlegender Bedeutung für jede Betrachtung menschlicher Emotionen und Gefühle ist'.
Damasio füllt, ergänzt und konkretisiert die spinozistischen Lehrsätze mit heutigem Wissen.
Wenn Spinoza sagt: 'LIEBE ist nichts anderes als Freude, begleitet von der Idee einer äußeren Ursache',
dann ergänzt Damasio den Lehrsatz mit dem heutigen Wissen von den Grundreflexen, dem Schmerz- und Lustverhalten, den (An)Trieben und den Emotionen, 'die sich hin zu einem Gefühl entwickeln, das im fruchtbaren Zusammenwirken mit Vorstellungsvermögen und Gedächtnis einen Prozess darstellt, der zur Entwicklung von Voraussicht führt und zur Fähigkeit, neue Reaktionen zu entwickeln'.

Die hehren Aussagen von Spinoza werden bei Damasio zu Wahrheiten aus Fleisch und Blut. Manchmal auch wörtlich. Wenn es bei Spinoza heißt: 'Körper und Geist sind parallele Merkmale ein und derselben SUBSTANZ', dann konkretisiert Damasio diese These wie folgt: 'Unser Gehirn empfängt Signale aus den Tiefen des lebendigen Fleisches und dem innersten funktionalen Zustand dieses lebendigen Fleisches'.

Die intensive Beschäftigung mit Spinoza führt aber auch dazu, dass Damasio selbst für seine eigenen Lehrsätze die Diktion Spinozas übernimmt. Zum Beispiel wenn er GEFÜHL wie folgt definiert: 'Ein GEFÜHL ist die Wahrnehmung eines bestimmten Körperzustandes, in Verbindung mit der Wahrnehmung einer bestimmten Art zu denken und solcher Gedanken, die sich mit bestimmten Themen beschäftigen'.

Nur einmal widerspricht Damasio vorsichtig Spinoza: er empfiehlt am Ende des Buches dem Leser, 'sich doch ein bisschen an die Freude, an die Hoffnung zu halten ' einen Affekt, den Spinoza bei all seiner Tapferkeit nicht so hoch geachtet hat'. Denn, so Spinoza: 'HOFFNUNG ist eine unbeständige Freude, entsprungen aus der Idee eines zukünftigen oder vergangenen Dinges, über dessen Ausgang wir in gewisser Hinsicht zweifelhaft sind'.

Meine fünf Punkte gelten dem einmaligen und gelungenen Versuch eines Wissenschaftlers, den großen Philosophen Spinoza mit heutigen Worten und heutigem Wissen zu erklären. Für andere mag der Zugang zu dem Buch natürlich eher die Hirnforschung sein.

Als wertvolle, persönliche Zugabe sehe ich die beigefügte Kurzbiographie über Spinoza und die persönlich berührenden Anmerkungen und Betrachtungen Damasios bei seinen Besuchen im 'Spinozahuis' in Den Haag und in Rijnsburg, wo er das Haus besuchte, in dem Spinoza seine letzten Lebensjahre verbrachte.
0Kommentar|6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. September 2009
...viele tolle neue Ansätze der Hirnforschung, reflektiert mit eigenen Interpretationen und Ideen. Das könnte man als Motto über das Buch stellen. Da wären wir aber schon beim eigentlichen Fehler, den der Autor begeht. Als Wissenschaftler gestartet, der zugibt jahrzehntelang am Thema "Gefühl" im menschlichen Gehirn vorbeigeforscht zu haben, entdeckt der Autor so nebenbei den oft verkannten "eigensinnigen" Menschen, Theologen, Philosophen und angeblich ersten Biologen Spinoza um seinen eigenen nachgewiesenen Erkenntnissen einen Überbau dazuzustellen. Dabei profiliert er sich gleich noch als Entdecker eines verkannten Genies. Das zieht magisch an. Aber ist das nun das gepriesene ausgeglichene Wohlbefinden und die Freude, welche angeblich das Ziel des menschlichen Organismus ist? Negative Aspekte wie die Trauer oder der Schmerz werden zwar als evolutionstechnisch notwendig anerkannt, aber gleich wieder in einer Hierarchie nach unten verdrängt. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, ein menschliches Bedürfnis nach einem Gott als allgemein natürlich übergeordnet hinzustellen. Mit der These, dass Emotionen, die er von Gefühlen unterscheidet, den Gefühlen vorausgehen, wagt er riskante Wertungen. Muss aber gleich wieder zugeben, dass diese Unterscheidungen nur Hilfsmittel zur Analyse des Themas seien. Dass dabei die Argumentation mit dem "Vorangehen" hinfällig wird - jeder kennt das Huhn und Ei-Problem - kann er (noch?) nicht eingestehen. Der Leser kann sich da bei soviel wissenschaftlicher Aufrichtigkeit und stets auf dem Fuße nachfolgender spiritueller Überzeugungsarbeit nur wundern und auch schmunzeln, bestenfalls oder notfalls aber kritisch distanzieren. Spinozas Weg weg von der institionellen Religion seiner Zeit, d.h. sowohl vom Juden- als auch Christentum wird als bewundernswert nachvollziehbar aufgezeichnet. Wer aber erwartet, dass der Autor es bei Fakten belässt, muss immer wieder feststellen, dass Vermutungen und geglaubte Meinungen in die Lücken projeziert werden um den Fluss des Buches nicht zu stören. Das liest sich dann wie ein Bestseller, der anscheinend das gesamte menschliche Spektrum incl. Vernunft, Gefühlen und Empfindungen als im Gehirn nachweisbar abdeckt. Der Autor scheut sich auch nicht zuzugeben, dass noch nicht alle Aspekte, die bisher irrational erschienen, erforscht seien, suggeriert dabei aber, das dies alles nur eine Frage der Zeit sei. Insgesamt wird man hin- und hergerissen zwischen dem aufklärerischen individuellen Mut von Spinoza und Damasio als Hirnforscher und den religiösen Überbauten des Autors als Privatmann, der wohl nicht aus den Prägungen seiner eigenen Religion heraus kann. Das widerlegt zwar das Vorurteil, dass alle Wissenschaftler beim Atheimus landen müssen, überzeugt aber nicht vollkommen. Also: bitte etwas mehr Religionsdistanz, dann kann sich der Leser noch mehr eigene neue Meinungen bilden. Vielleicht hilft da ja etwas Nietzsche-Lektüre, einer der Philosophen, der vom Autor beim aufgezeigten geistesgeschichtlichen Weg nach Spinoza einfach mal übergangen wird.
0Kommentar|10 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 5. Oktober 2003
Meine Lektüre ist schon wieder ein paar Wochen her, und ich habe das Buch nicht mehr, also muss ich auf mein lückenhaftes Gedächtnis zurückgreifen. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch nach dem viel versprechenden Artikel im Stern, musste dann aber feststellen, dass in diesem Artikel die Hauptaussagen des Autors schon recht bündig zusammengefasst waren und die Buchlektüre nicht viel Neues erbrachte. Die Teile über Spinoza sind allerdings faszinierend und zeigen wieder mal, wie ein Denker früherer Jahrhunderte viel moderner und grenzübergreifender dachte als viele heutige Geistesgrößen.Auch zeigt sich hier das umfassende Wissen des Autors für mich am beeindruckendsten. Dass das Buch zwischen Historie und Naturwissenschaft pendelt, wäre auch kein Problem, nur: das , finde ich, kriegt Oliver Sacks viel besser hin! Empfehle hiermit all seine Bücher wärmstens!!! Herr Damasio reitet für mein Empfinden all zu sehr auf seinen Erkenntnissen herum, die sicher wichtig und vielleicht auch bahnbrechend sind, aber irgendwie erzählt er das Gleiche ziemlich oft in Variationen. Mein größter Vorwurf: er definiert und benutzt die zentralen Begriffe "Gefühl" und "Emotion" unscharf und verwirrend, was ich bei einem exakten Wissenschaftler nun wirklich äußerst ärgerlich finde - liegt es an der Übersetzung? Es ist sicher auch schwierig, über selbst Entdecktes unvoreingenommen zu berichten. Aber ich gebe gerne zu: Oliver Sacks hat mich ziemlich verdorben für andere Wissenschaftsschriftsteller. Halt! Ein wichtiger Tipp für alle, die sich für das Thema interessieren: unbedingt von Joachim Bauer: "Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern" lesen!
0Kommentar|68 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 27. Dezember 2015
Ich bin ein wenig verwirrt, ob des mäandern zwischen geschichtlichen, historischen Kontextes und der naturwissenschaftlichen Analyse. Mir fehlt ein wenig die klare Abgrenzung. Ich schreibe bewusst, ein wenig, da mir die leichte Verwirrung eigentlich gefällt. Denn darum geht es anscheinend, die Thesen und Erkenntnisse des Niederländers Spinoza mit wissenschaftlicher Begründung zu untermauern. Nach Damasio, ist die Neurobiologie in der Lage nun, man möchte sagen: endlich, zu erklären: Ja, der Frühaufklärer Baruch Spinoza hatte damals schon Recht – obwohl er es doch gar nicht wissen konnte! Spinoza war kein Philosoph sondern stand mit beiden Füßen fest auf der Erde. Damasio beleuchtet Spinozas Gedanken in dessen Kontext aus Umwelt und Herkunft. Wissenschaftlich im herkömmlichen Sinne ist das Buch wohl nicht, die fehlenden Fußnoten und Querverweise wird man zu Gunsten des besseren Leseflusses nicht vermissen -> ein wissenschaftliches Buch und dennoch für eine breite Leserschar zu erschließen, Respekt. Da sind sogar gut beschriebene anatomische Darstellungen so einfach zu interpretieren, dass der Spannungsbogen erhalten bleibt. Als sehr gut empfinde ich, dass der Autor Damasio, nicht nur die Erkenntnisse seiner Forschung, also den Wissenschaftler Damasio zeigt (vielleicht sogar etwas zu oft), sondern sich als profunder Kenner Spinozas erweist. Fast möchte man meinen, er will dem Vergessen entgegenwirken. Ja, ein einfach zu lesendes, spannendes Buch über einen seltsam modernen und seiner Zeit vorauseilenden Denker und Gelehrten.
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 1. November 2011
Ich schreibe als Leser der bereits ein Buch von Damasio gelesen hat. Dies ist von Bedeutung, denn ich fand dieses Buch schwieriger als 'Ich fühle also bin ich'. Ich konnte nur auf einem oberflächlichem Niveau verstehen was die Konseqvenzen der Thesen des Autors sind.
Im Grunde genommen geht es darum, dass Gefühle ein Teil unserer Existenz sind, aber dass wir diesen nicht ausgeliefert sind, sondern dass wir sie Pflegen und steuern können. Der Autor sagt aber nicht sehr viel darüber wie genau man das machen kann, bzw. schlägt keine konkreten Techniken vor. Das Buch ist also eher teoretisch als praktisch.
Dennoch ist es ein wertvolles Buch, weil es eine Vision vorschlägt die sinnvoll scheint, die aber noch nicht so weit verbreitet ist.
0Kommentar|6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 2. Mai 2016
Der Text ist sehr anspruchsvoll, revolutionär neue Gedanken über Emotionen, Gefühle und das Denken,muss man durcharbeiten. Sehr lohnend. Passt gut zur Bedingtheit der Willensfreiheit
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden