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14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perspektivenwechsel
Marlen Haushofers Bücher sorgen nach wie vor vielerorts für sehr kontoverse Meinungen. Ein Vorwurf, den ich zu einem kleinen Teil unterstützen kann, wäre beispielsweise, dass im Prinzip immer eine Frau im Zentrum steht, die versucht, sich selbst zu finden, sich bereits aufgegeben hat oder einfach nur mit sich und der Welt unglücklich ist. Dieses...
Veröffentlicht am 15. November 2008 von I. Wodni

versus
2.0 von 5 Sternen "Die Wand" war hervorragend, ...
hier fehlte mir wohl das Verständis oder die Geduld. Ich habe es hier beim Trade-in auch gleich wieder abgegeben.

"Die Wand" habe ich bereits 2 x gelesen, und werde es wahrscheinlich in einigen Jahren erneut lesen, so gut hat es mir gefallen. Doch Stella hat mich nicht umgehauen.
Veröffentlicht am 10. März 2013 von Gilda


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14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perspektivenwechsel, 15. November 2008
Von 
I. Wodni "sabine_wodni" (Wien, Österreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
Marlen Haushofers Bücher sorgen nach wie vor vielerorts für sehr kontoverse Meinungen. Ein Vorwurf, den ich zu einem kleinen Teil unterstützen kann, wäre beispielsweise, dass im Prinzip immer eine Frau im Zentrum steht, die versucht, sich selbst zu finden, sich bereits aufgegeben hat oder einfach nur mit sich und der Welt unglücklich ist. Dieses tatsächlich immer wiederkehrende Motiv muss einen natürlich nicht interessieren (wobei bei Haushofer ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen immer Voraussetzung ist).

Aber diese beiden Novellen sind anders. Natürlich ist Marlen Haushofers Stil unverkennbar. Immer wieder wird in der Erzählung vorgegriffen, wodurch ein Überraschungseffekt nicht wirklich gegeben ist. Aber vielleicht ist es gerade das, was die Novellen, insbesondere "Wir töten Stella", so beklemmend macht. Man sieht den Untergang des Mädchens kommen, kennt auch bald die Gründe und liest dennoch gebannt weiter. Diese Erzählung regt sehr zum Nachdenken an und fällt so gänzlich aus dem Rahmen aller anderen Haushofer-Bücher.
Mehr als erwähnenswert ist auch die zweite Novelle in diesem Band, "Das fünfte Jahr". Aus der Sicht des vierjährigen Mädchens Marili lernt der Leser ein Jahr lang das Leben jenes Mädchens bei seinen Großeltern am Land kennen. Haushofer verzichtet dabei auf die Ich-Perspektive und gerade diese Entscheidung lässt die Geschichte so authentisch wirken. Nicht selten hat man das Gefühl, sich im Kopf des kleinen Mädchens zu befinden und lässt man es zu, hat man durch die einfühlsame Erinnerung die Chance, die Welt kurzfristig noch einmal mit Kinderaugen zu sehen. Etwas Derartiges schafft nur Haushofers Werk ... zumindest bei mir. Sollte man nicht ganz so sehr in das Gefühlsleben Marilis eintauchen, bleibt es dennoch ein durchaus einprägsames Leseerlebnis. Das gilt natürlich auch für "Wir töten Stella".

Zwei wunderbare Geschichten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, kurz und intensiv erzählt, schnell und einfach zu lesen.
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37 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Mitschuld des Beobachters, 28. Dezember 2005
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
Ein aus der Trivialliteratur und den fetten Schlagzeilen der Boulevardpresse bekanntes Bild ist das des Autofahrers, der an einer Unfallstelle vorbei braust, ohne Hilfe zu leisten. Mitmenschen ihrem eigenen Schicksal zu überlassen weckt Beklommenheit und Wut beim Leser. Was aber, wenn innerhalb der Familie weggeschaut wird wider besseres Wissen?
Unprätentiös und harmlos geschrieben, messerscharf beobachtet
Anna, die Ich-Erzählerin in „Wir töten Stella“, berichtet in einem einer Beichte ähnelnden Sprachduktus von den Ereignissen, die letztendlich zum Selbstmord der 19-jährigen Stella führten. Offenen Auges, der sich anbahnenden Katastrophe gewahr, unternahm Anna nichts, um Stella zu helfen. Einzig darauf bedacht, ihrem Sohn Wolfgang eine „heile Familie“ vorzuspielen, nimmt sie es hin, dass sie seit Jahren von ihrem Ehemann Richard betrogen wird, der sich nicht einmal die Mühe macht, bei Fehltritten Lippenstiftreste zu entfernen. Richard ist sich der Treue seiner Frau absolut sicher, denn er erpresst Anna mit subtilen Drohungen, die sich gegen den gemeinsamen Sohn Wolfgang richten. Als Stella, die Tochter einer Jugendfreundin Annas, für einige Monate als Untermieterin einzieht, ist es für Richard ein leichtes, das naive Mädchen zu verführen. Doch schon bald verliert er das Interesse und wendet sich neuen Abenteuern zu. Stella verzweifelt und bringt sich um. Dies wird für Wolfgang zum Schlüsselerlebnis, der jetzt wie aus einem Tagtraum erwacht, sich von der Familie lossagt und auf das Internat wechselt, das auch von Stella besucht wurde. Stellas Tod, von der Mutter gleich einem Menschopfer auf dem Altar der Familie dargebracht, wird nicht in der herkömmlichen, vom Hörer erwarteten Weise von Anna beklagt. Sie weist sich Schuld zu, aber ist nicht bereit, Sühne zu tun. Sie bricht nicht aus, sondern schaut tatenlos zu, wie ihr Mann, sein nächstes Opfer schon untergehakt, vorüber geht.
Marlen Haushofers Protagonistin ist eine ambivalente Frauenfigur, die, zerrissen zwischen Rollenanpassung, Selbstaufgabe und unterdrückter Eigenständigkeit, in einer von einem Patriarchen dominieren Welt lebt. Dabei bedient sie sich einfach geschriebener Sätze, deren kühle Diktion in starkem Kontrast zu der geschilderter Katastrophe stehen. In der Lesung durch Elisabeth Schwarz bleiben diese Kontraste zwischen Handlung und Sprache erhalten. Ihre Stimme klingt nicht sanft, verständnisvoll und um Mitgefühl heischend sondern eher kühl, hart und sogar trotzig. Dies führt dazu, dass aus der vermeintlich reuigen Beichte eine trotzige Rechtfertigung wird.
Fazit: Eindringliche Analyse einer Familientragödie, die in schlichtem Kleid beginnt, aber schnell Eigendynamik entwickelt und sich am Ende als handgenähte Designer-Robe heraus stellt.
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Genial, 13. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
Die Erzählung Wir töten Stella" ist mit das beste, was ich von Marlen Haushofer gelesen habe. Die minutiöse Nachzeichnung, wie es zum Tod von Stella gekommen ist, packt einen von der ersten Seite an. Beginnend mit einer alltäglich erscheinenden Ausgangssituation, entwickelt sich eine Dynamik, die durch das ich-bezogene (Nicht)Verhalten der Umgebung zu dem bereits im Titel genannten Ende führt. Die Schilderung erfolgt sehr sachlich, aber das emotionale Drama, das sich dahinter verbirgt, ist zwischen den Zeilen deutlich spürbar.
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16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nichts ist, wie es scheint - ein phantastisches Buch, 10. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella (Gebundene Ausgabe)
Es geht um mehr als um das Scheitern einer Frau, es ist eine eindringliche Warnung vor der Inaktivität, der Teilnahmslosigkeit auch bei subtilen, nicht offenbar werdenden Handlungsweisen - es muß nicht erst jemand erwürgt werden, bevor man eingreifen muß.
Am beeindruckendsten ist die Konsequenz, mit der die Novelle durchweg auf zwei Ebenen angesiedelt ist. Es geht immer um etwas anderes, als es scheint, als die oberflächliche Handlung vorgibt, d.h. natürlich, den handelnden Menschen geht es immer um etwas anderes als sie vorgeben, und die Ehefrau, die das alles durchschaut, macht - leidend - gleichwohl alles mit, und dadurch macht sie sich mit-schuldig. Daher auch die Niederschrift, zu der sie die Zeit nutzt, als ihr Mann mit den Kindern zur Mutter gefahren ist. Also auch jetzt, nachdem alles geschehen ist, braucht sie die Abwesenheit ihres Mannes, um wenigstens einmal alles niederzuschreiben. An irgendwelche Konsequenzen aus dem Schrecklichen, was passiert ist, ist immer noch nicht zu denken. Sie läßt ihren Mann (und sich) einfach über das Geschehene, Unglaubliche hinweggehen und versucht ihr Gewissen durch die Niederschrift zu beruhigen.
Ein durchweg subtil geschriebenes Buch, das still, aber unheimlich, immer unheimlicher daherkommt und das Grauen in den eigenen vier Wänden geißelt. Das Nichtstun macht vor nichts halt, egal, was passiert. Solange man den Schein wahren kann,ist mancher bereit, geradezu alles hinzunehmen. Hinter den Zeilen lugt der Schrecken hervor - keine vordergründige Spannung, es „passiert" nicht viel, was offensichtlich wäre. Ein phantastisches Buch, aber sicher nichts für Charlotte-Link-Fans!
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Mitschuld des Beobachters, 28. Dezember 2005
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella: 2 CDs (Audio CD)
Ein aus der Trivialliteratur und den fetten Schlagzeilen der Boulevardpresse bekanntes Bild ist das des Autofahrers, der an einer Unfallstelle vorbei braust, ohne Hilfe zu leisten. Mitmenschen ihrem eigenen Schicksal zu überlassen weckt Beklommenheit und Wut beim Leser. Was aber, wenn innerhalb der Familie weggeschaut wird wider besseres Wissen?
Unprätentiös und harmlos geschrieben, messerscharf beobachtet
Anna, die Ich-Erzählerin in „Wir töten Stella“, berichtet in einem einer Beichte ähnelnden Sprachduktus von den Ereignissen, die letztendlich zum Selbstmord der 19-jährigen Stella führten. Offenen Auges, der sich anbahnenden Katastrophe gewahr, unternahm Anna nichts, um Stella zu helfen. Einzig darauf bedacht, ihrem Sohn Wolfgang eine „heile Familie“ vorzuspielen, nimmt sie es hin, dass sie seit Jahren von ihrem Ehemann Richard betrogen wird, der sich nicht einmal die Mühe macht, bei Fehltritten Lippenstiftreste zu entfernen. Richard ist sich der Treue seiner Frau absolut sicher, denn er erpresst Anna mit subtilen Drohungen, die sich gegen den gemeinsamen Sohn Wolfgang richten. Als Stella, die Tochter einer Jugendfreundin Annas, für einige Monate als Untermieterin einzieht, ist es für Richard ein leichtes, das naive Mädchen zu verführen. Doch schon bald verliert er das Interesse und wendet sich neuen Abenteuern zu. Stella verzweifelt und bringt sich um. Dies wird für Wolfgang zum Schlüsselerlebnis, der jetzt wie aus einem Tagtraum erwacht, sich von der Familie lossagt und auf das Internat wechselt, das auch von Stella besucht wurde. Stellas Tod, von der Mutter gleich einem Menschopfer auf dem Altar der Familie dargebracht, wird nicht in der herkömmlichen, vom Hörer erwarteten Weise von Anna beklagt. Sie weist sich Schuld zu, aber ist nicht bereit, Sühne zu tun. Sie bricht nicht aus, sondern schaut tatenlos zu, wie ihr Mann, sein nächstes Opfer schon untergehakt, vorüber geht.
Marlen Haushofers Protagonistin ist eine ambivalente Frauenfigur, die, zerrissen zwischen Rollenanpassung, Selbstaufgabe und unterdrückter Eigenständigkeit, in einer von einem Patriarchen dominieren Welt lebt. Dabei bedient sie sich einfach geschriebener Sätze, deren kühle Diktion in starkem Kontrast zu der geschilderter Katastrophe stehen. In der Lesung durch Elisabeth Schwarz bleiben diese Kontraste zwischen Handlung und Sprache erhalten. Ihre Stimme klingt nicht sanft, verständnisvoll und um Mitgefühl heischend sondern eher kühl, hart und sogar trotzig. Dies führt dazu, dass aus der vermeintlich reuigen Beichte eine trotzige Rechtfertigung wird.
Fazit: Eindringliche Analyse einer Familientragödie, die in schlichtem Kleid beginnt, aber schnell Eigendynamik entwickelt und sich am Ende als handgenähte Designer-Robe heraus stellt.
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5.0 von 5 Sternen Über den Umgang Österreichs mit seinen Juden - oder eine Familien-Erzählung?, 3. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
-Österreich und seine Juden? 'Wir töten Stella' ist eine Familiengeschichte - da sind sich offenbar alle einig. Aber schon 1991 erschien der gleichnamige Aufsatz von Irmgard Roebling (in der Haushofer-Sammlung 'Die Überlebenden') mit dem Untertitel 'Eine Österreicherin schreibt gegen das Vergessen'. Dort wurden Hinweise aus der Erzählung zusammengestellt, die darauf hindeuten, dass die Autorin gar nicht so apolitisch war wie man dachte. Die österreichische Biographin Strigl konnte darum nicht darüber hinweggehen, dass 'Wir töten Stella' "sich natürlich auch als eine indirekte Stellungnahme zur historischen Schuld der Deutschen und Österreicher lesen" läßt. Aber sie behauptete dann einfach: "Marlen Haushofers Interesse galt allerdings ganz und gar dem Individuum und seiner Verantwortung, nicht der Geschichte". Es ist kein Gegen-Argument, denn die Autorin hat sich hier in der Tat nur für die individuelle Verantwortung der Österreicher interessiert (nicht für die geschichtliche).
Nach Österreichs Anschluss im März 1938 gab es in Linz schulfrei für die Klosterschülerin Haushofer, als Hitler am 12.3. unter dem Jubel der Bevölkerung einzog. In Wien sah die Bevölkerung unterdessen grinsend zu, als Juden in ihren besten Kleidern von SA-Männern gezwungen wurden, mit kleinen Bürsten den Bürgersteig zu schrubben. In Österreich wurde Geschichte gemacht, indem das Individuum sich seiner Verantwortung entledigte, vor allem gegenüber den Juden (nach dem Krieg sollten nur Hitler und die Deutschen Schuld an den Verbrechen sein, die die Österreicher begangen hatten). - Während der Weltkrieg vorbereitet wurde, feiert Haushofer schon mal "wüste Orgien". Als der ebenfalls in Linz grossgewordene Eichmann begann den Holocaust zu organisieren, erlebt die Germanistik-Studentin in Wien "eine anscheinend unbeschwerte Zeit" [Zitate aus der Biographie].
Dann ist der Krieg vorbei, und zwei re-emigrierte Juden werden die Mentoren der Autorin, mit denen sie sich gerne in Wien zum intellektuellen Austausch trifft. Sie erfährt von ihnen sicherlich, wie die österreichische Bevölkerung vor dem Krieg mit ihren Juden umgegangen war - soweit sie das nicht schon ohnehin wusste. Die Erziehung im Kloster war eine mithilfe von Schuldgefühlen - die Autorin muss sich darüber klargeworden sein, was für ein leichtes Leben sie geführt hat, während gleichzeitig Millionen von Juden ermordet wurden. Die angebliche "Liebesgeschichte" mit Federmann, der ebenfalls teilweise jüdischer Abstammung war, fand auch in den 50'ern statt, nachdem dieser einen Roman über "das Schicksal eines jüdischen Emigranten" veröffentlicht hatte. Er berät die Autorin dann bei ihrer ersten eigenen Buchveröffentlichung. Die Haushofer hatte also Mitte der 50'er, als 'Stella' entsteht, ein jüdisches intellektuelles Umfeld, das von der bitteren Erfahrung mit österreichischer Geschichte - also dem Exil und dem Holocaust in den Familien - geprägt ist. Sie verarbeitet ihr schlechtes Gewissen mithilfe einer äußerst ausgeklügelten Geschichte.
Österreich und sein Judentum - ein gänzlich tabuisiertes Thema in den 50'ern. Als der frühere (in den 20'er-Jahren) Erfolgsautor Leo Perutz 1951 sein "politikloses" Meisterwerk über das alte jüdische Prag 'Nachts unter der steinernen Brücke' bei seinem früheren Wiener Verlag herausbringen möchte, will dieser es erstmal nicht veröffentlichen (es ist derselbe Zsolnay-Verlag, der ab 1955 die ersten beiden Romane Haushofers verlegen wird). Perutz nennt als Grund: "Zsolnay schont die Empfindlichkeiten jenes Wiener Gesindels, das nicht gerne daran erinnert werden will, daß es Juden gibt, gegen die es sich schlecht benommen hat." Direkt über Juden zu schreiben, ist also in Österreich zu dieser Zeit nicht möglich. Einziger Ausweg: Ein Werk, das in symbolischer Form vom Judentum und Österreich handelt. Der Name für eine Person, die das Judentum symbolisiert, darf da natürlich nicht jüdisch sein. STELLA symbolisiert das Judentum, weil erstens damals jeder Gebildete wusste, dass dies der lateinische Name für Stern ist und zweitens noch 10 Jahre vorher der (Juden-)Stern DAS Symbol war, das Juden kenntlich machte [in Victor Klemperers Tagebüchern reisst sich der Autor in der Dresdner Bombennacht 1945 "seine Stella" vom Mantel!]. - Ein symbolischer Name für Österreich ist schwerer zu finden. RICHARD aber stammt vom Wort 'reich' ab - was sogar noch im Englischen ('rich') ersichtlich ist, wo der Name beliebter ist.
Also schreibt Haushofer eine Erzählung über den STELLA-Juden und den Öster-RICHARD. So über den "Erbteil" des STELLA-Juden (den sich etliche Österreicher besonders gerne unter den Nagel gerissen haben). Oder: "Der STELLA-Jude war für uns alle eine Last gewesen, ein Hindernis, das nun endlich aus dem Weg geräumt war. Noch besser wäre es natürlich gewesen, er wäre ausgewandert oder sonst auf irgendeine Weise aus unserem Gesichtskreis verschwunden." - "Für den modernen Geschmack war er ein wenig zu gesund und kräftig." - "Dieses große, schöne, ein wenig zu kräftig gebaute Mädchen war ein Fremdkörper in unserem Haus, und sicher spürte sie das auch selbst. Sie war eher scheu als schüchtern". - "Und ich wußte auch, daß sie ihm [Öster-RICHARD] völlig ergeben und hörig war und sich eher totschlagen lassen als ihn verraten würde." Was sich im Ersten Weltkrieg gezeigt hatte. - Schon fast klischeehaft geraten ist es, dass der STELLA-Jude einen "Handelskurs" absolviert.
Und Haushofer schreibt über den Öster-RICHARD: "Er schüttelt jeden Menschen ab, der nicht auf irgendeine Weise für ihn von Nutzen ist. Auch den STELLA-Juden konnte er nicht lange brauchen. Er war ihm viel zu unbequem." [Den Namen 'Stella' habe ich hier mehrfach durch den 'STELLA-Juden' ersetzt] - "Öster-RICHARD ist der geborene Verräter. Mit einem Körper ausgestattet, der ihn zum unaufhörlichen Genuß befähigt, könnte er zufrieden leben, wenn er nicht obendrein mit einem blendenden Verstand begabt wäre. Dieser Verstand erst macht die Vergnügungen seines genußsüchtigen Körpers zu Untaten. Öster-RICHARD ist ein Ungeheuer: fürsorglicher Familienvater, geschätzter Anwalt, leidenschaftlicher Liebhaber, Verräter, Lügner und Mörder. Früher sah ich die Schuld nur bei Öster-RICHARD, und ich fing an, ihn zu hassen. Aber jetzt weiß ich längst, es ist nicht seine Schuld, daß ich auf die Tatsache seines Vorhandenseins auf diese Weise reagiere. Es gibt so viele von seiner Art, alle Welt weiß es offenbar und nimmt es hin, und niemand macht ihnen den Prozeß." - "Öster-RICHARD war sichtlich stolz und benahm sich wie ein wohlwollender Onkel. Übrigens ist diese Onkelhaftigkeit nicht einmal gespielt, sie liegt in seiner Natur, neben ganz entgegengesetzten Eigenschaften, und er weiß sich ihrer sehr geschickt zu bedienen. Öster-RICHARD ist Diplomat und Gewaltmensch, kein Wunder also, daß er fast immer Erfolg hat. Mit der größten Geduld und Hartnäckigkeit versucht er auf liebenswürdige Art, sein Ziel zu erreichen. Erst wenn sein Scharm versagt, beginnt er, brutal zu werden." Solch wenig charmante Beschreibungen Österreichs waren nur symbolisch möglich.
Haushofer: "Aber ich will ja über Stella schreiben und über die Art, auf die wir sie umgebracht haben." - Ihre zentrale Schuldbekenntnis lautet: "Mein Gesetz war die Unantastbarkeit des Lebens, und ich habe meine Grenze überschritten, indem ich ruhig und gedankenlos zuließ, daß Stellas Leben vor meinen Augen vernichtet wurde. Es ist nicht meine Sache, Öster-RICHARD anzuklagen. Meine Aufgabe wäre es gewesen, das Leben zu behüten und vor mörderischen Zugriffen zu schützen. Und was habe ich tatsächlich getan? Ich habe das Leben einer Frau in guten Verhältnissen geführt, bin am Fenster gelehnt und habe den Duft der Jahreszeiten geatmet, während rings um mich getötet und verletzt wurde." - Die Erzählerin schreibt von ihrer Übersetzung der 'Ilias' (was auf die damalige Studientätigkeit der Autorin hinweist). Ihr Sohn schwärmt dabei für Kassandra, und sie deutet an, "daß sie die wahre Heldin" sein könnte. Auf welche Kassandrarufe mag Marlen Haushofer nicht gehört haben? - Dem Sohn "zuliebe, um ihn in der Illusion zu erhalten, er wachse in einer geordneten Familie auf, habe ich zu allem geschwiegen. Aber auch einfach aus Feigheit und Bequemlichkeit." - "Mein Hirn wußte, wer Öster-RICHARD war, aber mein elender geschwächter Körper sog gierig die Wärme und das Behagen ein, das von ihm ausströmte." ['Öster-RICHARD' heisst im Original natürlich jeweils 'Richard'] Als erschreckendes Resumee des Geschehenen wird "an die Zukunft" gedacht: "Sie wird ganz ohne mein Zutun kommen und uns auf unheimliche Weise zu dem machen, was wir nie sein wollten." Z. B. zum Verräter an den in Österreich aufgenommenen Juden - durch Wegschauen.
Zu schreiben, dass Stella "in einen gelblackierten Lastwagen" lief; dies zu einem "strahlend gelbe[n] Tod, der wie eine Sonne auf sie zustürzte" zu überhöhen, würde in einem nicht symbolisch verstandenen Text wenig Sinn machen - wohl aber, wenn man auf den GELBEN (Juden-)Stern hinweisen möchte. Für die Biographin Strigl ist das ein "Überspannen des Bogens der Interpretation" - sie kann aber kein einziges Gegenargument vorweisen. Haushofer sagte: "Ich schreibe nie über etwas anderes als über eigene Erfahrungen. Alle meine Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne. Ich kann nur beschreiben, was ich kenne. - Ich bin der Ansicht, daß im weiteren Sinne alles, was ein Schriftsteller schreibt, autobiographisch ist." Von wirklichen PERSONEN wie Richard oder Stella in ihrem Leben ist jedoch nichts bekannt.
In "Die Mansarde" steht die Erzählerin als Illustratorin symbolisch für eine Künstlerin, die Tiere (symbolisch für Menschen) zeichnet. Voller Mitgefühl beschreibt sie eine Maulwurfsgrille ("das Urbild des Häßlichen und Bösen"), diese sei nur "ein armes, plumpes Geschöpf, das [...] nicht begreifen kann, warum es gehaßt und verfolgt wird" - wie die Juden in Österreich. Sie fährt fort: "Ich schloß sie ins Herz, und es wurde mein bestes Insektenbild". Diese Aussage findet im Roman in den 50'er-Jahren statt. Ihr bestes Kunstwerk ("Insektenbild") in dieser Zeit war eindeutig 'Wir töten Stella'.
Natürlich lässt sich nicht BEWEISEN, dass sich 'Wir töten Stella' auf Österreich und sein Judentum bezieht! Ich habe nur ein paar Hinweise zusammengetragen, durch die man die Erzählung in einem menschlich noch bewegenderen Licht betrachten kann - im Licht einer scharfen Selbstkritik Haushofers (man verzeihe mir bitte einige nicht eigens kenntlich gemachte Kürzungen der Zitate).
-'Das fünfte Jahr' ist die preisgekrönte erste Buchveröffentlichung der Autorin, die hier schon zum ersten Mal ihre besondere Begabung zeigt, Eindrücke aus ihrer Kindheit zu schildern. Noch nicht ganz vollkommen, aber schon sehr gelungen.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beklemmende Novelle, 22. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
Ich habe zuvor "Die Wand" von Marlen Haushofer gelesen und war wirlich begeistert und auch von diesem Buch wurde ich nicht enttäuscht. Allerdings finde ich Frau Haushofers Bücher alle ein wenig düster und beklemmend und habe es mir angewöhnt, zum Ausgleich immer noch ein zweites, fröhlicheres Buch zu lesen.
Betty
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13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fesselnd ohne zu fesseln, 16. März 2005
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
Marlen Haushofer gelingt es, trotz einer nicht-spektakulären Kulisse eine Atmosphäre der Spannung und der Identifikation zu schaffen. Die klare Beschreibung der Charaktere und die latente Führung durch die Geschichte hin zum Höhepunkt erschrecken durch ihre Alltagstauglichkeit. Eine kurze Geschichte weit weg von feierabendlicher Entspannung aber durchaus empfehlenswert als Sequenz, die zum Nachdenken anregt. Und zwar jeden Leser individuell ohne dabei populistisch zu wirken. Es ist die Geschichte einer erwachsenen Frau und eines jungen Mädchens. Marlen Haushofer's Biographie (zu lesen im Anhang von "Die Wand") ist sehr interessant als Hintergrundinformation. Mich hat das Buch zum Nachdenken angeregt und damit seinen Zweck erfüllt!
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2.0 von 5 Sternen "Die Wand" war hervorragend, ..., 10. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
hier fehlte mir wohl das Verständis oder die Geduld. Ich habe es hier beim Trade-in auch gleich wieder abgegeben.

"Die Wand" habe ich bereits 2 x gelesen, und werde es wahrscheinlich in einigen Jahren erneut lesen, so gut hat es mir gefallen. Doch Stella hat mich nicht umgehauen.
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5.0 von 5 Sternen Ein echtes Lesevergnügen..., 8. Mai 2013
Von 
G. Eva-Maria "Froeli" (Muenchen, Bayern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen (Taschenbuch)
Wie immer schreibt Marlene Haushofer exzellent, diese Bücher sind ein "Zuckerl" - das Lesen dieser Novellen habe ich mir wie eine Tafel Schokolade in Stückchen eingeteilt - nicht alles auf einmal, dann hat man länger was davon!
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Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen
Wir töten Stella / Das fünfte Jahr: Novellen von Marlen Haushofer (Taschenbuch - 1. April 2003)
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