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4,4 von 5 Sternen
Kasino-Kapitalismus: Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist
Format: TaschenbuchÄndern
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TOP 1000 REZENSENTam 27. März 2012
Sinns Buch zur Finanzkrise fand und findet zu Recht viel Anerkennung. Es ist nicht so voraussetzungslos verständlich wie die ebenfalls sehr empfehlenswerten Bücher von Münchau, Otte, Stiglitz usw., liefert aber viele Details, Daten, Fakten die helfen, sich in das Geschehen tiefer hineinzudenken.

Die Finanzwelt des IT-Zeitalters wird von Sinn umfänglich ausgeleuchtet. Kurz umrissen: Mit der Schnelligkeit der Transaktionen sowie der Komplexität moderner Finanzprodukte geht ein Transparenzverlust und eine Unberechenbarkeit einher, die uns bisher noch viel zu wenig beunruhigt. Verbriefungen verschleiern Risiken und machen es Kreditgebern möglich, Ausstände mit hoher Ausfallwahrscheinlichkeit mühelos in Kapital für andere Geschäfte am Markt zu verwandeln. Das CDS-Geschäft gaukelt Sicherheiten vor, die nicht bestehen. Außerdem setzt hierbei der Handel mit Versicherungen für Risiken, die gar nicht die eigenen sind, Anreize für Spekulanten, Kreditausfälle mit (Markt-)Macht herbei zu führen. Leerverkäufe setzen die gewünschten Markttrends mit denkbar günstigem Einsatz oft erst in Gang. Hedgefonds hebeln sich in schwindelerregende Gewinnzonen - oder aber ins haftungs- und verlustfreie Aus.

Angesichts all dessen agieren die Regierungen bisher relativ hilflos. Sie sorgen dafür, dass das System trotz Pleiten und weiteren Risiken in Gang bleibt. Man spielt auf Zeit, in der Hoffnung, dass Abschreibungen in kleinen Schritten realisiert werden können und Vertrauen in die Märkte zurück kehrt. Dass ist insgesamt nicht die schlechteste aller Strategien. Maßgebliche Systemänderungen sind bisher jedoch nicht in Sicht und somit auch keine Prophylaxe für ähnliche Entwicklungen in der Zukunft, die die Weltwirtschaft dann - immer vorausgesetzt es kommt überhaupt ein wirklich nachhaltiger Konsolidierungsprozess in Gang - auf noch viel wackligeren Füßen treffen wird..

Auch Sinn - in der Analyse oft brillant - steht in der Frage nach möglichen Lösungsansätzen vor dem Dilemma, dass in all den genannten Bereichen die Spreu schwer vom Weizen zu trennen ist. Termingeschäfte können ebenso sinnvolle Absicherungen darstellen wie CDSs oder Long/Short-Kombinationen der Hedgefonds. Private Equity kann Unternehmen retten oder zerstören. CDOs können Risiken auf mehrere Schultern verteilen und so Investitionsbereitschaften erhöhen usw. Ebenso janusköpfig ist die Haftungsbeschränkung, die nach Sinn wesentliche Voraussetzung für einen boomenden Kapitalismus war und ist, nun aber auch den Hasardeuren der Finanzmärkte ihr Spiel erleichtert.

Wer Sinn von seinen Fernsehauftritten kennt, ist angesichts der Marktgläubigkeit, für die er dort oft steht, dennoch positiv überrascht. Sein Denken geht zweifellos in die richtige Richtung, wenn es auf eine Personalisierung oder Institutionalisierung der Risiken auf Seiten der Finanzmarktakteure zielt. Zurücknahme der Haftungsbeschränkung, Zurückhaltung bei staatlichen Hilfen, die auf Steuergeschenke hinauslaufen, Verbesserung der Bankenaufsicht, Erhöhung der Transparenz und keine zusätzlichen Möglichkeiten geschönter Bilanzierungen (etwa in Form von Bad Banks), Erhöhung der Eigenkapitalquote der Banken.

Die Frage ist, ob nicht ein noch viel grundlegenderes Umdenken Gebot der Stunde wäre.
Dass der Markt über Unternehmensfinanzierung, Risikoabsicherung, Kreditwürdigkeit von Staaten usw. entscheidet, ist eine Möglichkeit, die bis zu einem gewissen Punkt hoch effizient ist. Sie geht aber auf der Basis gesellschaftlich legitimierter Profitgier mit großen Kollateralschäden einher. Solange der heiße Kern aller Wirtschaftsdynamik im freien Spiel der auf eigennützige Gewinnmaximierung gerichteten Marktakteure gesehen wird (auch wenn dies hier und dort politisch beschnitten, begrenzt und reguliert wird), wird man letztlich über Symptomkosmetik und -verschiebung nicht hinauskommen. Hier muss ein Umdenken stattfinden, denn der heiße Kern jeder positiven gesellschaftlichen Dynamik ist das Engagement verantwortlicher, nach möglichst hohen ethisch-moralischen Standards agierender Menschen.

Die Frage ist also, wen Politik und das System begünstigen will, welche Erwartungen und juristischen Flankierungen gesetzt werden. Und weit mehr noch, welche Werte auch und gerade für den Bereich der Wirtschaft in unserer Gesellschaft kultiviert werden. Smith, Ricardo und Friedman irren hier ebenso wie Marx oder Keynes. Weder kann der Markt, noch der Staat ethisch-moralische Defizite auf Seiten der vielen Einzelnen in ausreichendem Maße ausgleichen, wenn einmal eine kritische Grenze überschritten ist.

J. Stiglitz, Nobelpreisträger und ehem. Chefvolkswirt der Weltbank schreibt es in seinem Buch "Im freien Fall" so: "..wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der der Materialismus über moralische Bindungen obsiegte, in der das Wachstum, das wir erreicht haben, weder ökologisch nachhaltig noch langfristig gesellschaftlich tragfähig ist, in der wir nicht als Gemeinschaft handeln, um unsere gemeinsamen Bedürfnisse zu befriedigen -. unter anderem weil ein radikaler Individualismus und Marktfundamentalismus" jeglichen Gemeinschaftssinn unterhöhlt, zu einer rücksichtslosen Ausbeutung unvorsichtiger und ungeschützter Menschen und zu einer stetig wachsenden sozialen Spaltung geführt haben. Vertrauen - und nicht nur das Vertrauen in unsere Finanzinstitute - wurde untergraben. Noch ist es nicht zu spät, um diese Spaltungen zu überwinden."
"Wenn die Vereinigten Staaten [und nicht nur diese] ihre Wirtschaft erfolgreich reformieren wollen", so Stiglitz, "müssen sie möglicherweise mit einer Reform der Wirtschaftswissenschaften beginnen."
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Der Verfasser analysiert im Großen und Ganzen übersichtlich und leicht verständlich die Ursachen und den Verlauf der gegenwärtigen Finanzkrise. Das Grundproblem sieht er darin, daß es Banken ermöglicht wird, ihr Geschäft mit einem Minimum an Eigenkapital zu betreiben. Daher finden sie es attraktiv, mit dem Geld ihrer Kunden auf den Kapitalmärkten Roulette zu spielen. Daß Menschen gierig sind, sei bedauerlich, aber kaum zu ändern. Alle diesbezüglichen Erziehungsversuche in der Vergangenheit führten zu linkstotalitären Systemen. Die Suche nach individueller Schuld trägt nach Sinn weder zur Erklärung der Krise bei, noch helfe sie, neue Ordnungsregeln für das Finanzwesen zu definieren. Das existierende Regelsystem müsse man untersuchen und ggf. modifizieren, um derartige Krisen für die Zukunft zu verhindern. Die Systemfrage stelle sich aber nicht, denn nicht der Kapitalismus sei gescheitert, sondern das angelsächsische Finanzsystem sei zum Kasino-Kapitalismus mutiert. Der Lösungsvorschlag des Autors ist, ein weltweit einheitliches Regulierungssystem für Banken und andere Finanzinstitute zu schaffen. Diese Idee zeigt, daß die Stärke des Verfassers eher in der Analyse der Krise liegt, weniger in der Erteilung von Rezepten für die Zukunft, obwohl die Werbung auf dem Buchrücken anderes suggeriert. Denn der „Masterplan“, den Sinn anbietet, setzte eine globale Einigung verschiedenster Mächte und Interessengruppen voraus, die kaum realistisch erscheint. Ein Manko in der Darstellung ist die Massierung von Graphiken, offensichtlich eine Folge der Gepflogenheiten an deutschen Universitäten und ihrer „Power-Pointisierung“ der Lehrveranstaltungen.
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22 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 10. April 2011
Ich habe dieses Buch bestellt, um mich auf eine Abschlussprüfung im Fach VWL vorzubereiten. Ich hatte kein allzu großes Hintergrundwissen zum Thema Finanzkrise und habe mir erhofft einen guten, möglichst umfassenden Einblick in die Thematik zu erhalten - allerdings hatte ich meine Zweifel, dass das mit nur einem Buch möglich sein würde. Innerhalb weniger Wochen habe ich das Buch komplett durchgelesen, ohne dass auch nur ein Kapitel unverständlich oder langweilig war - dieses Buch bietet den idealen Einstieg ins Thema, ist aber auch für "Fachleute" absolut lesenswert! Es werden große Zusammenhänge klar und logisch erläutert, ohne dass der Schreibstil verschnörkselt oder umständlich wirkt. Ein Fachbuch, das spannend ist, also eine echte Seltenheit ;-)

Mein Fazit: Unbedingt lesen - es lohnt sich!
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52 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Die auf dieser z.T. geäußerte scharfe Kritik am Buch kann ich nicht ganz teilen. Dessen Stärke liegt nämlich vor allem in der Analyse der Krise, weniger in der Erteilung von Rezepten für die Zukunft, obwohl die Werbung auf dem Buchrücken anderes suggeriert. Mir scheint es - gerade nach Lektüre dieses Werkes - auch weitgehend illusorisch, eine ähnliche Krise in Zukunft sicher verhindern zu wollen

Im Rahmen des analytischen Teils überzeugt das Buch durch eine klare Sprache, eine packende, aber nicht reißerische Darstellung und die Systemkenntnis des Verf. Für einen regelmäßigen Leser der FAZ wird dabei zwar nicht ständig Neues verkündet, viele bekannte Einzelinformationen fügen sich aber in einen größeren Zusammenhang und werden so noch verständlicher. Gleich zu Anfang zeigt der Verf. etwa, wie zwischen den Volkswirtschaften der USA und Deutschlands eine Phasenverschiebung stattfindet: D.h.: Amerikanische Entwicklungen werden hierzulande regelmäßig zeitversetzt nachvollzogen; dies erklärt aus historischer Sicht einerseits den Zorn der u.s.-amerikanischen und britischen Regierung, die die Bundesrepublik zu noch früherer Intervention bewegen wollten, andererseits aber auch das Zögern der Bundesregierung Ende 2008, die von einer Krise nur theoretisch wusste, diese aber noch nicht "fühlte". Viele ähnliche Zusammenhänge - z.B. die Überbewertung der Rolle Chinas, die Verbriefungskaskade, das Versagen der SEC im Fall Madoff werden ähnlich perspektivisch dargestellt.

Erst in letzten von 11 Kapiteln geht der Verf. vorsichtig und - wie ich finde seriös - auf mögliche Konsequenzen aus der Krise ein. Dabei argumentiert er keineswegs im Mainstream der Politik (Stichwort "bad bank-bad idea"), sondern zeigt dem Leser, warum der Geithnerplan für die Bundesrepublik nicht passend ist.

So kann ich das Werk all denen empfehlen, die sich über die Ursachen der Krise informieren wollen; dass das elfte Kapitel vergleichsweise vage bleiben muss, ist eher ein Signum für die Krise der Volkswirtschaftslehre, die durch die jüngsten Ereignisse ausgelöst wurde. Dem Verf. kann man dies kaum anlasten.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. September 2012
Auch ich, Gymnasiast aus der Schweiz mit Wirtschaft und Recht als Schwerpunkt, wollte mich über die Finanzkrise aus dem Jahre 2007 informieren und erhoffte, auf ein Buch zu stossen, das sich nicht nur fliessend lesen lässt, sondern das ich ohne Schwierigkeiten begreife und mich zugleich prägnant zu informieren versteht. Ich wurde absolut nicht enttäuscht. Alles wissenswerte wird hervorragend erklärt und an Humor mangelt es auch nicht, was natürlich dem ganzen einen wilkommenen Schliff verleiht. Was ich allerdings schade gefunden habe, ist, dass wichtige und wirtschaftlich grosse Länder wie Italien, Frankreich und die Schweiz nicht gross erwähnt werden, oder nicht so, wie ich es mir erwünscht habe. Der Fokus liegt ganz klar in den USA, Deutschland, Grossbritannien und Teils auch in Irland.
Mein Fazit: Absolut lesenswert, Hans-Werner Sinn verdient seinen guten Ruf absolut zweifelsfrei!
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am 13. Juli 2011
Obwohl Prof. Hans-Werner Sinn für seine "neoliberalen" (neoliberal wird von mir als Vertreter von Milton Friedman und Friedrich August von Hayek bezeichnet; Sinn sieht die Vordenker der sozialen Marktwirtschaft der BRD - Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke und Walter Eucken - in diesem Buch als neoliberal (S. 290) an und betreibt so eine Aufweichung jenes Begriffes, der jedem Globalisierungskritiker als Feindbild dient, zu eigenen Nutzen und wünscht sich sogar auf Seite 291 einen Eucken für Amerika) Ansichten bekannt ist, geht er in diesem im April 2009 beendeten Buch "Kasino-Kapitalismus" (erhältlich über "Jokers" - Restseller) durchaus sachlich auf die Ursachen der aktuellen Weltwirtschaftskrise ein und nur wenige Male zieht er über die deutschen Sozialstandards in bekannter, "neoliberaler" Weise her. Sinn ist gleichermaßen Chef des Münchner ifo-Instituts zur Begutachtung der deutschen Wirtschaft. Auf Seite 232 meint Sinn: "Keynes selber hat die Lohnerhöhungen zur Konjunkturbelebung nicht empfohlen und würde sie vermutlich als Verballhornung seiner Lehre empfinden." Das sehen viele "Keynesianer" wohl anders. Auf Seite 230 steht dann, dass der Neoliberalismus und der Keynesianismus seit 1971 von Barro und Grossman zur Theorie des temporären Gleichgewichts verwoben worden seien, die beide Theorien nur als Unterfälle eines allgemeinen Modells mit einer Vielzahl von Defekten der Ökonomie darstelle. Den Ursprung der Immobilienkrise in den USA sieht Sinn in den regressfreien Immobilienkrediten, die US-Banken durch Vorgaben der US-Gesetzgebung (Community Reinvestment Act seit 1977; S. 119) ohne Absicherung an US-Bürger vergeben mussten. Bei Nichtzahlung des Kredits konnten die Kreditnehmer ihre Häuserschlüssel an die kreditgebende Bank schicken ohne mit eigenem Vermögen für den vermasselten Kredit zu haften (=regressfrei; S. 110 ff.). Auch US-Präsident Obama hat vor seiner Amtszeit laut Sinn in Chicago als Bürgerrechtsanwalt in Prozessen wegen Diskriminierung gemäß Kreditvergabegesetzen für Immobilien Minderbemittelte vertreten (S. 121). Eigentlich konnte in den USA fast Jeder regressfreie Immobilienkredite aufnehmen und darüber hinaus mit diesen auch erweitert Konsumausgaben tätigen (S. 143). Der amerikanische Traum hieß "eigenes Haus". Sinn rät den USA dazu die regressfreien Kredite abzuschaffen (S. 315) und der internationalen Staatengemeinschaft rät er auf Seite 314 einen internationalen Pfandbriefmarkt zu entwickeln, damit Kapitalmarktanlegern die Möglichkeit gegeben wird den regressfreien Krediten, die zu Aktien verbrieft wurden, vollständig auszuweichen. Die regressfreien Kredite wurden wieder und wieder zu Aktien verarbeitet (Verbriefung), was Sinn gemäß nur Folge der regressfreien Kredite war. Anderen Analysten der Wirtschaftskrise zufolge waren die Verbriefungen nicht Folge, sondern Ursache der regressfreien Kredite, die so immer mehr vergeben wurden, um immer mehr profitable Verbriefungen herzustellen. Sinn empfiehlt mehrstufige Verbriefungen zu verbieten (S. 314) und allen Institutionen, die Verbriefungen vertreiben, einen bestimmten Teil (zum Beispiel 20 Prozent) der so geschaffenen Papiere in eigenen Büchern des jeweiligen Instituts zu behalten (S. 314). Auch den Zusammenbruch der Investment-Bank "Lehman Brothers" sieht Sinn verantwortlich für den Zusammenbruch des Interbankenhandels (S. 71 und S. 73). Darüber hinaus sieht der Autor auf Seite 84, dass durch das Handeln der Banken das Glücksrittertum nur angeheizt wird sowie Erträge privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Auf Seite 88 steht dann von Sinn folgender Satz: "Man hätte also nur ein paar Jahre auf Ausschüttungen verzichten müssen, ohne sein Geschäftsvolumen auszuweiten, schon wäre genug Eigenkapital vorhanden gewesen, um alle Krisen der Welt zu meistern." Zu geringe Eigenkapitalquoten sieht Sinn auch als Ursache für das Glücksrittertum (S. 92 ff.) der Banken ohne Rücksicht auf Verluste, die ja sozialisiert würden, gemäß dem IFRS (International Financial Reporting Standard) mit der Mark-to-Market-Methode statt dem lange geltenden Niederstwertprinzip nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) aus dem Jahre 1884. Sinn fordert auf Seite 301 eine wesentlich höhere Eigenkapitalquote, um die Haftung der Aktionäre zu verstärken. So schlägt er 4 Prozent für die bilanzielle Eigenkapitalquote und 8 Prozent für die Kernkapitalquote vor (S. 301). Sinn meint auf Seite 97, dass "angesichts der ständigen Gefahr von jemand anderem geschluckt zu werden, bleibt dem Management einer Bank gar nichts anderes übrig als auf Risiko zu setzen ..." Andere Banken hätten in der "unwirtschaftlichen" Vorgehensweise der risikoarmen Bank eine Übernahme nur aus dem Sinne zu machen, um aus der risikoarmen Bank mehr Rendite, die bisher nicht erwirtschaftet werde, herauszuholen (S. 96). Im gleichen Atemzug bedauert Sinn die Entscheidung der Rot-Grünen Bundesregierung im Jahr 2002 die Besteuerung der Veräußerungsgewinne abzuschaffen, was die Jagd auf kurzfristige Renditen noch weiter angetrieben habe (S. 97). Auf Seite 99 meint Sinn: "Wenn der Konkurs naht, wird getrickst und es häufen sich strafrechtlich relevante Vergehen. Individuelle Schuld muss verfolgt und geahndet werden, wo sie auftritt." Auch Sinn erwähnt auf Seite 70 die Aufhebung des Glass-Steagall Act von 1933, mit dem Kredit- und Investment-Banken von einander getrennt wurden, im Jahre 1999 in den USA. Sinn weist auf Seite 74 darauf hin, dass Investmentbanken in den USA nicht den Regeln der US-Aufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) unterworfen sind. Die SEC ist gemäß Seite 153 mit nur 3500 Mitarbeitern bei der Überwachung des Bankensystems der USA schlicht überfordert.

Sinn erklärt auch ausführlich, was Basel I und Basel II (S. 155 ff.) Schlechtes (größere Laschheit S. 163) zu bedeuten haben und stellt auf Seite 101 fest, dass die USA das Basel-II-Abkommen noch nicht für die eigenen, inländischen Banken anwenden. Zuletzt sind nach Sinn die Hälfte des gesamten Weltkapitalexports von den USA absorbiert worden (S. 115). Deutschland ist nach China der 2. weltgrößte Kapitalexporteur (S. 190). China hat jedoch anders als Deutschland vor allem in US-Staatspapiere investiert, die bislang von den Kursverlusten nicht betroffen sind (S. 191). "Deutschland hat nach den USA den zweitgrößten Import aller Länder dieser Erde (S. 237)". Schon im Jahre 2003 habe der Großinvestor George Soros gewarnt, er halte Derivate und darunter fallen auch Papiere aus Hypothekendarlehen für "Massenvernichtungswaffen" (S. 138). Sinn beschreibt auch ausführlich, wie Verbriefungen zustande kamen und ab Seite 144 das Versagen der Rating-Agenturen, die selbst börsennotierte Aktiengesellschaften sind und von den bewerteten Unternehmen bezahlt werden. "Jedenfalls sind alle auf dem Kapitalmarkt tätigen Unternehmen durch eine 1975 beschlossene Regel der amerikanischen Börsenaufsicht (SEC) verpflichtet sich von mindestens zwei der (drei - D.V.) staatlich anerkannten Agenturen bewerten zu lassen. (S. 145)" Auf Seite 313 nennt Sinn 4 Forderungen für Rating-Agenturen, die da wären: 1. Rating-Agenturen sollen sich nicht länger von den Verkäufern der Finanzprodukte bezahlen lassen, sondern müssen sich ihr Geld von den Käufern holen. 2. Rating-Agenturen dürfen nicht an der Strukturierung der von ihnen bewerteten Papiere mitwirken, wie dies bisher der Fall gewesen ist. 3. Rating-Agenturen sollten selbst einer Aufsicht unterstellt werden, zum Beispiel im Rahmen eines neues Basel III. 4. Die EU sollte eine eigene öffentlich geförderte Rating-Agentur schaffen. Auch die gefährlichen Kreditversicherungen, CDS (Credit Default Swaps), werden von Sinn erwähnt. Dabei handelt es sich laut Seite 210 darum, dass "man sich beispielsweise gegen den Konkurs eines Konkurrenten "absichern" kann und dann diesen Konkurs durch Kampfpreise, Leerverkäufe, Rufmord oder andere infame Tricks herbeizuführen versucht." CDS unterliegen laut Sinn keiner Regulierung und hatten zuletzt (April 2009) einen Umfang von 53 Billionen US-Dollar, was gigantisch ist (S. 315). Hier fordert Sinn die "Schaffung einer internationalen Aufsichtsbehörde, die die verschiedenen Absicherungsverträge, die heue existieren, registrieren und sichten sollte" (S. 315 f.). Der US-amerikanische Plan zur Bankenrettung in den USA (Geithner-Plan) wird von Sinn auf Seite 220 so kommentiert: "Der private Investor kann also einen riesigen Gewinn und der Staat einen riesigen Verlust erwarten." Im Gegenteil wären "offene (statt versteckte -D.V.) Geldgeschenke des Staates an die Banken sinnvoller, weil dann sichergestellt wäre, dass die staatlichen Mittel nicht zum Teil zu den Hedgefonds abfließen, sondern voll und ganz bei den Banken landen und deren Eigenkapitalbestand auffüllen. (S. 221)" "Fair wäre es", laut Sinn, "wenn der Staat für die Mittel, die der Steuerzahler bereit stellt, im Austausch Aktien erhielte, also zum Miteigentümer an der Bank würde (S. 221)." Für Deutschlands Bank-Manager stellt Sinn fest: "Wer will schon offen zugeben, dass er die staatliche Hilfe nicht in Anspruch nimmt, weil die Gehaltsbeschränkung nicht akzeptiert. (S. 225)" Wenn deutsche Banken den Bankenrettungsschirm der schwarz-gelben Bundesregierung in Anspruch nehmen, werden die Managergehälter jeweils auf 500.000,00 Euro beschränkt. Sinn fordert eine sinnvolle Regulierung, die den Managern klar macht, was sie bei ungerechtfertigtem Verschulden zu fürchten haben und dass die Bank nicht ohne Gegenleistung (Aktienbeteiligung) Staatshilfe zur Eigenkapitalaufstockung (S. 306) bekommt (S. 303). Geschenke an die Banken, wie sie mit dem Geithner-Plan oder den Bad Banks vergeben werden, lehnt Sinn ab (S. 304). Auch die Abwrackprämie wird von Sinn heftig kritisiert (S. 243) und Sinn sah schon im April 2009 die Krise des Euro um die PIIGS-Staaten voraus, obwohl diese erst Anfang 2010 voll durchschlug. Die Gefahr einer Deflation sieht Sinn auch. So herrsche in Japan schon seit 2 Jahrzehnten eine schwache Deflation, die das Land lähmt und die Schulden steigen lässt, obwohl die japanische Notenbank den Leitzins schon seit eben jener Zeit bei Null belässt (S. 279 ff.). Die Modelle Großbritannien und Schweden zur Bankenrettung finden bei Sinn große Anerkennung (S. 295 ff.). Auf Seite 310 schreibt Sinn: "In diesem Punkt waren die spanischen und italienischen Aufsichtsbehörden schlauer, denn sie verlangten die vollständige Bilanzierung der Offshore-Geschäfte ihrer nationalen Banken, was automatisch die Eigenkapitalunterlegung nach den Basel-II-Regeln bedeutete. Es ist keine Frage, dass die spanisch-italienische Regelung in das neue Basel-III-System zu übernehmen ist. Dann ist ein Puffer für die Abfederung der möglichen Verluste der Zweckgesellschaften vorhanden, und vor allem diesem Geschäftsmodell selbst der Boden entzogen." Auf derselben Seite schreibt Sinn auch: "Hedgefonds, die Banken gehören, sind vollständig zu bilanzieren und der gleichen Basel-III-Regulierung zu unterwerfen wie das sonstige Bankengeschäft einschließlich der Zweckgesellschaften. Hedgefonds, die keinen Banken gehören, sind ebenfalls als selbstständige Einrichtungen zu regulieren und zur Eigenkapitalunterlegung ihres Geschäftes zu zwingen." Leerverkäufe sollen gemäß Sinn ganz verboten werden (S. 311 f.). Scheinbar hat Sinn auch das Buch "The Nature of Capital and Income" des US-amerikanischen Zinstheoretikers, Irving Fisher, gelesen (S. 211). Das Verbot des Zinses durch Papst Innozenz III. im 13. Jahrhundert wird auch erwähnt (S. 11). Wer noch mehr Einblick in die Weltwirtschaftskrise haben will, sollte sich diesem Werk nicht verschließen. Auch andere Staaten außerhalb des normalen tagesschau- und heute-magazin-Spektrums werden beleuchtet!
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am 22. Dezember 2012
Dieses Buch von Hans Werner Sinn ist ein wahrer Augenöffner und lässt erkennen, wie es zu dieser Finanzkrise hat kommen können. Trotzdem: Dieses Buch ist so gut geschrieben, dass man darauf achten sollte nicht alles für DIE EINE Wahrheit anzunehmen. Aber Herr Sinn hat mir schon sehr aus der Seele gesprochen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. Oktober 2014
Dies vorausgeschickt, mir sind Personen lieb, welch eine eigne Meinung haben und diese auch vertreten.Dies macht Herr Sinn.
Trotz Fachausdrücken ist es verständlich geschrieben.Wer etwas über die wirtschaft erfahren möchte istrmit diesem Buch gut bedient.
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24 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 6. Januar 2010
Herr Sinn erklärt in seinem Buch mit schönen Beispielen, wie sich die aktuelle Finanzkrise entwickelt hat. Leider traut er sich jedoch nicht, detailliert die tiefgreifenden wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erklären, die zu diesen Auswüchsen führten. Der Leser wird durch Zahlen und Grafiken geschockt (Interesse wird stark geweckt!) - der erleuchtende Erkenntnisgewinn bleibt dann jedoch leider auf der Strecke.

Ohne Benennung der tiefgehenden Problematik erhalten die vorgeschlagenen Maßnahmen ("was jetzt zu tun ist") einen schalen Beigeschmack. Durch die fehlende wissenschaftliche Fundierung entsteht der unbefriedigende Eindruck, dass sie nicht die Wurzel des Übels bekämpfen, sondern nur deren Auswüchse begrenzen.

Insgesamt verstärkt das Buch das allgemeine Gefühl einer "wissenschaftlich-embryonale Stellung der Volkswirtschaftslehre" (siehe Rezension von "Pillkahn"). Dies ist traurig, da die Volkswirtschaftslehre mit fundierten Theorien die grundlegenden Ursachen von Krisen benennt. Diese will der Mainstream (Banken, Staat, Gesellschaft, Sinn) aber vielleicht gar nicht wissen, da sie unbequem gemachte Fehler und die eigene Verantwortung innerhalb von Volkswirtschaften betonen.

Eine fundierte wissenschaftliche Analyse der grundlegenden Ursachen von Finanzkrisen habe ich hingegen im Buch "Wieviel Kontrolle braucht der internationale Finanzmarkt" von Stefan Schüder gefunden. Es werden zuerst Ursachen von Marktversagen (Herdenverhalten, Spekulationsblasen, Risikoübertreibung,...) und dann das Für und Wieder von Lösungsvorschlägen (Informationsbereitstellung, Regulierung, Boni-Besteuerung, Tobin-Steuer, Eingriffe des IWF,...) prägnant und allgemeinverständlich diskutiert. Diese zwei Bücher sind eine sehr gute Kombination. Erst der Schock (Sinn) - dann die Erkenntnis (Schüder).
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 6. März 2013
Ich habe genau zum selben Thema bereits das Buch "Im Freien Fall" von Joseph Stieglitz gelesen. Während das Buch von Stieglitz einige(sehr interessante) Thesen Mantrahaft über 300 Seiten immer wiederholt, bekam ich im Buch von Hans Werner Sinn mit jedem Kapitel etwas neues, auch teilweise überraschendes erklärt. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die Hypo Real Estate eigentlich eine grundsolide Bank mit überwiegend guten Krediten war. Die bösen Buben waren andere.
Die Bewertung der Finanzkrise war bei beiden Autoren die selbe, aber die Lektüre von Hans-Werner Sinn war viel interessanter.
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