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93 von 95 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erbitterte Abrechnung mit dem Totalitarismus, 5. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Gebundene Ausgabe)
"Schicksal und Leben" von Grossman gilt mit ganzem Recht als der Roman, der "Krieg und Frieden" von Tolstoi ins 20. Jahrhundert versetzt hat. Grossman schildert den Kampf um die Stadt Stalingrad, die zur entscheidenden Kriegwende im 2. Weltkrieg wurde. Dabei zeichnet er das Leben der sowjetischen Bevölkerung in Stadt und Land und vor allem auch an der Front mit einer Glaubwürdigkeit nach, die seinesgleichen sucht. Unerbittlich spürt er dabei der Tragik der Romanfiguren nach, die gegen das faschistische Deutschland für die Freiheit kämpfen und im stalinistischen Russland eben diese dennoch nie erlangen können. Die Hoffnung, dass durch den Krieg alles anders werden könnte, trog doch letztlich immer.

Doch Grossman zeigt nicht nur die russische Seite - auch die deutsche Gefangenlager und KZs werden geschildert. So gelingt es Grossman, einen Roman gegen totalitäre Systeme zu schreiben, der durchdrungen ist von der Liebe zum Menschen.

Das Buch ist leicht verständlich geschrieben und lässt sich gut lesen. Die Vielzahl der Namen verwirrt das ein oder andere Mal - doch das kennt man von russischen Romanen.
Die Beschreibung des Romans wäre jedoch nicht vollständig, wenn man nicht darauf verweisen würde, dass er ungemein schwer zu verdauen ist und durchaus zu den Büchern gehört, die einem in den Schlaf folgen. Dies soll aber auf keinen Fall vom Lesen abschrecken. Denn vor manchen Dingen sollte man nicht die Augen verschließen.
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69 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DER russische Roman des JAHRHUNDERTS! Lesen!, 9. April 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Gebundene Ausgabe)
"Leben und Schicksal" ist für mich das Buch des Jahrhunderts, denn geschrieben wurde es 1959 und erstmals auf deutsch erschien es 1994. Bei der hier besprochenem Ausgabe handelt es sich aber um die erstmalige vollständige Ausgabe (2007).
Das Werk hat nämlich, ähnlich wie sein Autor, eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. In der Sowjetunion als systemkritisch verboten, wurde es in mehreren Teilen in den Westen geschmuggelt und hier dann veröffentlicht. Grossman war bei diesem Buch leider noch nicht so vorsichtig, wie bei seinem letzten Werk "Alles fließt", das nach seinem Verbot gleich komplett in den Westen geschmuggelt werden konnte (abenteuerliche Geschichte hierzu im Nachwort). Leider starb Grossman zu früh, ohne die Veröffentlichung zu erleben.
Und leider scheint dieses großartige Buch auch langsam in Vergessenheit zu geraten. Dies völlig zu Unrecht! "Leben und Schicksal" steht ganz deutlich in der Tradition von "Krieg und Frieden". Für mich übertrifft Grossman Tolstoi sogar. Es handelt sich um einen großen russichen Romane, mit vielen Verwebungen und Verknüpfungen. Und in diesem Punkt überragt "Leben und Schicksal" "Die Wohlgesinnten" um ein Vielfaches.
Inhaltlich ist "Leben und Schicksal" schlichtweg ergreifend und einfach umwerfend. Hier kommt es dem Roman eben zugute, dass der Autor mit wenigen Worten ganze Biographien seiner "Helden" zusammenfassen kann und die verschiedenen Schauplätze des zweiten Weltkrieges so aus der Sicht der jeweils betroffenen und handelnden Personen darstellen kann, ohne auf die Kunstgriffe von Littells "Wohlgesinnten" angewiesen zu sein.
"Leben und Schicksal" beginnt im deutschen Konzentrationslager, schildert den Krieg um und in Stalingrad, die sowjetischen Konzentrationslager und auch die Lage der sowjetischen Wissenschaftler (bei der Erforschung der Atombombe?). Hierbei wird typisch vielschichtig sowohl auf die moralischen Bedenken, wie auf den Antisemitismus, die Liebe in all ihren Spielarten (von erster Liebe über Scheidung bis zu verzweifelter Liebe in allen Variationen), kurzum auf das gesamte Leben udn Schicksal der Menschen eingegangen und dies eben wahrhatf meisterlich.
Aber auch die politischen Anliegen, die Darstellung der Allmacht Stalins bis hin zum Vergleich des Nationalsozialismus mit dem Sozialismus sowohl durch einen Offizier im deutschen Konzentrationslager wie auch andersherum machen diesen Roman für mich zur Pflichtlektüre jedes intelligenten Menschen.
Lesen! Lesen! Lesen!

P.S. "Leben und Schicksal" ist der zweite Teil und die Fortsetzung des vom Autoren noch "unter anderen Vorzeichen" geschriebenen "Wende an der Wolga" der bislang nur in der DDR veröffentlich worden ist.
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69 von 72 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschütternder Roman über das Leben, 19. November 2007
Von 
Marianne Ranger (Bietigheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Gebundene Ausgabe)
Ein spannendes Buch über die russische und deutsche Geschichte des 2. Weltkriegs: unaufgeregt berichtet Grossman von verschiedenen Personen, Familien und Schicksalen auf russischer und deutscher Seite, fast ohne Partei zu ergreifen oder die Politik zu bewerten.Dabei wirken die Erlebnisse der einem ,trotz der russischen Namen,bald vertrauten Personen sehr erschütternd, gerade weil er nicht bewertet, sondern nur erzählt, das aber in einer Form, die mich das Buch nur schwer weglegen läßt.Das Grauen des 2.Weltkrieges,z.B. in Stalingrad,wird personifiziert und gleichzeitig historisch dargestellt.
Ein tief bewegendes Buch, unbedingt lesen!
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schicksal, Schuld, das Leben., 11. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Gebundene Ausgabe)
Zugegeben: Grossmans Kriegsroman, ganz in der Tradition Tolstois geschrieben, mit dutzenden Figuren und etlichen Handlungssträngen eignet sich nicht als Zwischendurchlektüre. Wer sich indes durch J. Littells Bestseller gequält hat, diesen monströsen Verschnitt aus Nazigräueln, Krimi-Kolportage, schwulen und inzestuösen Jungmännerphantasien - nur einem geringen Teil der millionenfachen Käuferschaft dürfte es gelungen sein -, der sollte sich unverzüglich Grossman hingeben.

Denn Grossman ist authenisch.Er war Kriegsberichterstatter der Roten Armee, ein russischer Patriot jüdischer Herkunft. Er hat das Grauen des totalen Krieges und die stalinistische Unterdrückung hautnah erfahren. Die Nazis ermordeten seine Mutter. Der KGB zertrümmerte mit erbitterter Härte seine schriftstellerische Existenz. Und dennoch: Wassili Grossman beschreibt mit abgeklärter Distanz Menschen, keine Monster, keine Helden, schlicht Menschen, verfangen in Schicksal und Schuld. Weder holzschnittartig noch künstlerisch ambitiös wirken seine Figuren; es werden keine Kriegerdenkmale gemeißelt.

Nicht zuletzt durch Grossmans Einsichten in die unterschwelligen Parallelitäten der beiden totalitären Ideologien, erstaunlicherweise schon in den fünfziger Jahren niedergeschrieben, wird dem Leser historischer Romane, der mehr erwartet als unterhaltsame Aufbereitung geschichtlicher Daten, mit "Leben und Schicksal" ein markantes Buch geboten, das helfen kann, die Ursprünge des Totalitarismus verstehen zu lernen.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Achtung, dieses Buch ist eine Roman-FORTSETZUNG!, 18. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Taschenbuch)
Da einerseits den bereits geschriebenen Rezensionen nichts hinzuzufügen ist, andererseits aber bisher nur eine einzige Rezension zum Roman "Wende an der Wolga" vorhanden war, möchte ich hiermit darauf aufmerksam machen, dass "Leben und Schicksal" die Fortsetzung des zuvor genannten Buches ist. Wer also vorhat, "Leben und Schicksal" zu lesen, sollte sich vorher unbedingt "Wende an der Wolga" besorgen. Das kann - sichtet man die Angebote - u.U. etwas schwierig werden. Trotzdem wäre es für den Leser von Vorteil, denn es besteht zwischen beiden Büchern ein nahtloser Übergang. Außerdem enthält der erste Teil von vielen Romangestalten die Vorgeschichte, auf die der zweite Teil dann aufsetzt. Z.B. erfährt man viel über Tolja, z.B. warum er im Lazarett liegt, was für ein "Haudegen" er war.
Eigentlich war mein Anliegen, nur auf Teil 1 zu verweisen, trotzdem noch ein paar Anmerkungen zu "Leben und Schicksal": Wann immer man denkt, den Charakter bestimmter Personen einem konkreten Schubfach (gut, schlecht, passiv, Angsthase, Karrierist, Bonze, ...) zuordnen zu können, wird man etwas später eines anderen belehrt. Viele Überraschungen und unerwartete Wendungen machen das Buch sogar zu einem Thriller. Und es zeigt doch auch, wie instabil Prinzipien werden können, wenn man unter Druck gerät, der Gefahr körperlichen oder seelischen Leides entgegensieht.
Schließlich geben Grossmans Romanfiguren sogar noch eine Antwort auf die Frage, welche Ursachen die heutige Kaukasuskrise hat. Im Grunde genommen sieht er den Tschetschenienkrieg bereits voraus.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein langer Gang durchs Minenfeld, 18. September 2008
Von 
Heinz Abler "habler" (Winterthur, Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Lebensbücher, die aus einem Autor herausdrängen, die geschrieben werden müssen, weil der Autor nur so weiter leben kann und will. Wassili Grossman bezeichnete sein Buch 1962 in einem Brief an den ehemaligen sowjetischen Parteichef N.S.Chruschtschow, als sein Kind. Es wurde ihm weggenommen, weil die Zeit für dieses Buch im Sowjetimperium noch nicht reif und sein Erscheinen anderswo nicht erwünscht war. M.A.Suslow, der damalige Parteiideologe, meinte anlässlich einer Unterredung mit Grossman, es müsse noch 200 Jahre auf seine Veröffentlichung warten. Das Sowjetimperium zerfiel und das Buch gelangte schliesslich auf abenteuerlichem Weg weit vor dem suslowschen Zeithorizont in unsere Hände.
Der 1964 mit knapp 60 Jahren verstorbene Grossman orientiert sich bei der Anlage dieses epischen Werks an seinem Vorbild Tolstoi (Krieg und Frieden), mit dem wesentlichen Unterschied allerdings, dass dieser die von ihm beschrieben Zeit nicht unmittelbar erlebte, während jener mit voller Wucht zu spüren bekam, wovon er schrieb. Auf über tausend Seiten werden wir in eine Welt eingeführt, die von zwei totalitären Systemen, dem hitlerschen auf der einen und dem stalinistischen auf der anderen Seite bestimmt war.
Stalingrad im Winter 1942/43, das Zentrum des Romans, wurde zur Menschenmühle, wo in Eiseskälte das Blut der Betroffenen beider doch so ähnlichen Systemen in Strömen vergossen wurde. Das überlegene Ariervolk kämpft gegen den "Untermenschen", den "neuen Menschen" stalinscher Prägung. Der Kampf dient der Rassen- bzw. Klassenhygiene. Da die Verunreinigung immer droht, muss permanent gesäubert werden. Der Mensch muss zurecht gebogen und, wenn er sich nicht zurecht biegen lässt, vernichtet werden.
Da wir es mit einem "klassischen" russischen Roman zu tun haben, müssen wir uns auf ein gewohnt umfangreiches, deutsches und russisches Personal einstellen. Wir begegnen sowohl denen oben, Stalin, Hitler mit Heerführern bzw. Kommissaren als auch denen unten, Frauen und Männern in in den Rattenlöchern des verbrannten, zertrümmerten Stalingrad, in Lagern, Gefängnissen, in Güterzügen, in Fabriken , Labors, Wohnungen, kämpfend, debattierend, liebend und leidend, und seltener, sich freuend. Der Autor zwingt uns, selbst die Todgeweihten auf dem Weg in die Gaskammer zu begleiten. Wir verfolgen gewissermassen von einer philosophischen Metaebene aus die Auseinandersetzungen über wesentliche Fragen des Menschseins, des Lebens in der Versuchsanordnung eines totalitären Systems, wo Wille und Wahn verschmelzen, wo Täter zu Opfern und umgekehrt werden. Möge uns - so hören wir den Ruf - die Kraft zum rechtzeitigen Widerstand gegen das Aufkommen jedweden totalitären Systems jedweder Provenienz erhalten bleiben. Dieser lange literarische Gang durchs Minenfeld der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Werk sollte uns dabei helfen.
Die Mehrschichtigkeit von Grossmans Epos lässt sich durchaus mit Tolstois "Krieg und Frieden", welches der Autor während der Kriegszeit stets auf sich trug, vergleichen. Der Roman ist ein Jahrhundertwerk und zum Glück endlich zugänglich, wenngleich die Lektüre zufolge des geschilderten Geschehens nicht immer leicht fällt.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Am Ende sitzt Russlands größter Feind noch immer unbesiegt im Kreml, 6. März 2010
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Taschenbuch)
Manche Bücher besitzen die geheimnisvolle Kraft, uns sofort zu fesseln. Es sind nur wenige, denen das gelingt, aber diejenigen, denen es gelingt, werden zu Begleitern unserer Tage. Ihre Figuren beschäftigen uns auch, wenn wir nicht gerade lesen und die Gespräche und Gedanken, die das Buch entfaltet, werden schließlich zum Teil unserer eigenen Identität. Ein solches Buch ist für mich "Leben und Schicksal" von Wassili Grossmann.
Es ist ein Buch, dem auf jeder Seite die Liebe zu Russland, seiner Weite, seinen Wäldern und seinen Menschen anzumerken ist. Es ist ein Buch, das leistet, was eine Kamera niemals kann: die Nah- und die Ferneinstellung gleichermaßen messerscharf zu fokussieren: wir sehen in die Seele einer Mutter, die ihrem Sohn ihren letzten Brief aus dem Ghetto schreibt, und wir überblicken das Panorama der Front, an der Hunderttausende zugrunde gehen. Wenn der Gegenstand des Romans nicht eine der großen Tragödien der Geschichte wäre, könnte man sich freuen an jeder einzelnen Figur, die Grossmann in den Schützengräben Stalingrads, in den Büros der Akademien oder im Lageralltag erstehen lässt - es sind blutvoll gezeichnete Figuren mit Stärken und Schwächen, aber insgesamt aufrecht und gut, während auf sie der graue Schatten des totalen Staates fällt, für den sie gegen einen möglicherweise noch grauenhafteren deutschen Feind kämpfen müssen. Die Gräuel der Entkulakisierung, die Säuberungen des Jahres1937, die Unmenschlichkeiten der Verschickungen in die Gulags werden in dem vorliegenden Buch klar benannt, so dass sich niemand wundern wird, dass Grossmanns Werk im Jahre 1960 selbst in der Tauwetterperiode unter Chruschtschow nicht erscheinen konnte.
Im Mittelpunkt des ersten Teiles (S.15-394) steht die weit verzweigte Familie der Schaposchnikows, die Mutter Alexandra, die schöne Tochter Gera zwischen ihren beiden Männern Krymnow und Nowikow, die ältere Tochter Ludmilla, die ihren gefallenen Sohn Tolja beweint, ihr Mann Viktor, der als Wissenschaftler in einem physikalischen Forschungsinstitut an der Entwicklung neuer Metalle arbeitet und zahlreiche Offiziere und Soldaten an der Stalingrader Front. Die einzelnen Familienmitglieder, auch die Schwäger und Enkel und deren Bekannte, der Schaposchnikows bilden dabei die Fäden eines umspannenden erzählerischen Netzes, mit dem ganz unterschiedliche Schauplätze verbunden werden: etwa die Front in Stalingrad und der Haus Eins Strich sechs", das mitten in Stalingrad den Deutschen den Vormarsch versperrt, das Kasaner Forschungsinstitut, das deutsche Lager, Schauplätze im Ural und in Samara und anderswo. Es handelt sich um eine gewaltige Exposition, die zugleich eine Zustandsbeschreibung ist: die Welt am Scheideweg des Herbstes 1942.

Der zweite Teil (S.395-743)spielt vornehmlich an fünf Schauplätzen: in den naturwissenschaftlichen Labors von Moskau, in denen Viktor Strum, der genialen Physiker, trotz seiner bahnbrechenden Leistungen ins Fadenkreuz der Bürokraten und Parteibonzen gerät, sodann wieder im Haus Eins Strich Sechs" in Stalingrad, in dem sich zwischen der Funkerin Katja und dem Soldaten Serjoscha Schaposchonikow eine Liebesgeschichte entwickelt, die der Hauskommandeur Grekow selbstlos deckt, wobei der Politkommissar Krymnow, der erste Ehemann von Genioa Schaposchnikows ein unrühmliches Gastspiel gibt, schließlich in den Aufmarschzonen nördlich der Wolga, wo Panzerkommandeur Nowikow, Genias zweiter Mann, auf den Befehl zum Losschlagen wartet und sich derweil mit dem gerissenen Politkommissar Getmanow herumschlagen muss. Noch immer sitzen Mostowskoi und seine Gesellen in einem deutschen Lager, wo sie vergeblich einen Aufstand planen und erschossen werden, was der Leser in einer frappierend kurzen Notiz erfährt. Am erschütterndsten aber sind die Passagen über den Aufbau der deutschen Vernichtungsmaschinerie und die konkrete Schilderung einer Vergasung zu lesen. Auf allen Schauplätzen, in allen Entscheidungssituationen blicken die beteiligten Menschen im Angesichts des Todes immer aufs Neue auf ihr Leben zurück, geben sich Rechenschaft vor sich selbst, beschwören Szene aus der Vergangenheit und versuchen mit sich selbst ins Reine zu kommen. Dabei tritt die Wesensgleichheit von Stalinismus und Hitlerismus für den Leser von Kapitel zu Kapitel immer unübersehbarer hervor. Immer deutlicher entfaltet sich auch die Ethik des Buches, die allen Ideen vom Guten" abschwört, weil die Idee des Guten immer Verderben für die vermeintlich Nicht-Guten, sei"en es Juden oder Kulaken, mit sich bringt. Wirklich ethisch ist nur die "Güte", d. h. die voraussetzungslose Hilfe eines Menschen für einen anderen ohne Frage nach Verdienst, Nähe, Rasse oder Schuld.

Der dritte Teil (745-1044) spielt vor dem Bühnenbild der Entscheidung in Stalingrad; d. h. der Einkesselung der 6. Armee und der Gefangennahme von Generalfeldmarschall Paulus. Mitten im Siegeslauf wird der überzeugte Krymnow verhaftet und in die Folterkeller der Moskauer Lubljanka verschleppt. Die minutiöse Darstellung der seelischen und physischen Folter, denen die Gefangenen in der Lubljanka unterworfen werden, gehört zu den eindringlichsten Passagen des Werkes, auch wenn der Leser mit Krymnow wenig Mitleid empfinden wird, hat Krymnow doch als linientreuer Bolschewik selbst unzählige Menschen denunziert und dem Tode ausgeliefert. Umso tragischer, dass Genia Schaposchnikowa, die den Panzerkommandeur Nowikow liebt, sich aus Pflichtgefühl wieder ihrem geschiedenen Mann zuwendet. Womöglich noch beeindruckender als die Geschichte von Krymnows Sturz ist der weitere Werdegang des Physikers Viktor Schaposchnikow, der trotz seiner Verdienste um die Weiterentwicklung der Mikrophysik in das Räderwerk des bolschewistischen Mobbings gerät und verloren scheint - bis ihn Stalin eines Tages anruft und belobt, womit alle seine Schwierigkeiten sofort behoben sind. Die Selbstverständlichkeit, mit der alle Menschen seiner Umgebung, die ihn bereits fallen gelassen hatten wie eine heiße Kartoffel, sich ihm in der allerfreundlichsten Weise zuwenden als sei nichts geschehen, gehört für mich zu den großen literarischen Miniaturen über die totalitäre Herrschaft des 20. Jhdts. Dass Viktor dann, gerade selbst errettet, seinen Namen für eine niederträchtige Kampagne gegen andere Wissenschaftler hergibt, kann dann kaum noch überraschen. Der graue Überstaat bricht vor allen den Menschen das moralische Genick, die sich zu nahe mit ihm einlassen.
Das Buch endet ohne einen bündigen Abschluss, denn das Leben kennt keinen Abschluss. Wird Genia Krymnow nach Sibirien folgen? Wird Nowikow durch die allgegenwärtige Denunziation ebenfalls stürzen oder vorher einen Soldatentod sterben? Was wird aus der Liebe von Viktor und Mascha? Und vor allem: was wird aus Russland, das dabei ist, den Krieg gegen Deutschland zu gewinnen, dessen größter Feind aber noch immer unbesiegt im Kreml sitzt?
Ein Werk, das seinesgleichen sucht. Für mich neben Bolanos 2666", einem ähnlich monumentalen Werk, das herausragende Leseerlebnis der letzten Jahre.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einmalig, 15. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Taschenbuch)
Auf eine verblüffend einfache und verständliche Weise ist es dem Autor gelungen Leben und Schicksal der Menschen unter den gnadenlosen Diktaturen dieser Zeit zu schildern und zu erklären. Immer wieder erkennt man wie ähnlich sich die Staats-und Machtverhältnisse in Stalins und Hitlers Herrschaftsbereichen waren.
Ständig zeigt sich wie weit die Staatsmacht in das Leben einzelner Menschen eingreifen konnte. Mühelos, und meist ohne wirklichen Grund, werden Menschen ruiniert, vernichtet oder zu höchstem Ruhme erhoben.
Immer wieder kommen Textstellen bei denen man das Buch sinken läßt und beeindruckt über den tiefen Sinn von momentaner Handlung oder Erklärung nachdenkt.
In der Tat kein Wunder das die sowjetischen Machthaber das erscheinen dieses großartigen Werkes unter allen Umständen verhindern wollten.
Ich habe das Buch eben zu Ende gelesen und werde sofort wieder von vorn beginnen.
Nehmt Euch Zeit und lest in Ruhe sonst entgeht Euch der tiefe Sinn. Täte man es nicht würde man sich am Autor versündigen !!!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was für ein großartiges Werk!, 20. Juni 2013
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Taschenbuch)
Zwanzig Jahre lang war der Romanentwurf, das Lebenswerk von Wassili Grossman verschwunden. Um 1960 fertig gestellt, wurde das Manuskript von sowjetischen staatlichen Stellen konfisziert und erst lange nach Grossmans Tod, 1980 genau, erschien die Erstausgabe in der Schweiz. Wer mehr und Genaueres über den Autor und dieses Werk erfahren möchte, kann das an vielen Stellen lesen, unter anderem auch im reichhaltigen Anhang in der Ausgabe von List.

"Leben und Schicksal" ist der zweite Teil eines Epos über den deutsch-sowjetischen Krieg und nicht nur dem Titel nach an Tolstois "Krieg und Frieden" angelehnt. Man muss die literarische Herausforderung suchen und mögen, um diesen Roman von mehr als eintausend Seiten, untergliedert in viele Kapitel mit wechselnden Orten und vor allem ausgestattet mit sehr vielen Personen mit langen Namen, wie in russischen Werken nicht unüblich, zu schaffen. Etwa drei Wochen habe ich gebraucht von der ersten bis zur letzten Seite. Und zunehmend hat mich der Roman in seinen Bann gezogen.

Im Mittelpunkt steht die Schlacht um Stalingrad, vor, während und nach dem Wendepunkt des 2. Weltkriegs. Grossman erzählt episodenhaft mehrere Handlungsstränge aus Inhaftierungs- und Konzentrationslagern, von der umkämpften Front, aber auch aus Familien, die nur mittelbar - dafür aber umso stärker - von der Entwicklung in Russland und im Krieg betroffen sind. Anfangs schlug ich die Namen ständig nach im vorgelagerten Personenverzeichnis. Im weiteren Verlauf prägten sich jedoch die Hauptnamen, die Grossman auch noch variierend verwendet, ein und mein Mut zur Lücke wurde an der einen oder anderen Stelle größer.

Der Roman ist keine reine Fiktion, wie man sich denken kann, sondern enthält viele politische und geschichtliche Informationen, die das eigene Wissen und die eigene Bildung erweitern. Und der Roman enthält autobiografische Elemente des Kriegsberichterstatters Grossman, wie sollte es auch anders sein. An vielen Stellen gefriert einem das Blut in den Adern, wenn man sich gedanklich in die Zeit der 30er und 40er Jahre zurückversetzt und vor Augen hält, dass es nicht nur der Krieg war, der die Menschen in Russland bis an die Grenzen der Belastbarkeit und häufig weit darüber hinaus brachte, sondern auch die nationalen, politischen Entwicklungen unter der Gewaltherrschaft von Stalin. Und wenn Grossman in einer Szene beschreibt, wie russische Juden direkt aus dem Zug in eine Gaskammer geführt werden, möchte man am liebsten versinken vor Wut, Trauer und mitgefühltem Leid.

Keine Angst vor diesem großen Roman, den ich wie selten ein Buch empfehlen möchte!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Monumentales Schlachtepos in einprägsamen Bildern, 13. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Leben und Schicksal (Taschenbuch)
In drei Abschnitten erzählt Grossman das Leben und Sterben rund um die Belagerung Stalingrads im Zweiten Weltkrieg: Er beginnt mit einer einfachen Lagebeschreibung - Deutsche und Russen stehen einander an der Wolga gegenüber, es wird geschossen, die Zivilbevölkerung ist evakuiert, Deutsche, Russen und verschiedene andere Figuren befinden sich in Lagern. Das sind mal Konzentrationslager für Juden, für politisch Unliebsame oder für Kriegsgefangene; die letzteren beiden gibt es bei den Sowjets genauso wie bei den Deutschen. Auf russischer Seite ist die Stimmung jedoch gedrückter als auf deutscher, man rechnet mit dem Verlust der Stadt Stalingrad.
Im Mittelteil des Buchs erfolgt dann eine Beschreibung der Schlacht um Stalingrad, hier treten auch erstmals deutsche Charaktere mit größeren Textstücken auf.
Nach dem Sieg widmet Grossman sich in Teil drei dem Klima nach der Schlacht und fügt fehlende Puzzleteile hinzu: Die Russen errichten zwar keine Konzentrationslager für Juden, beginnen sich aber Juden gegenüber feindlich zu verhalten, sie aus ihren Berufen zu mobben, sie schlechtzumachen und offenbar Pogrome gegen sie vorzubereiten. Trotz des Sieges bessert sich die Lage auf russischer Seite kaum, einige Evakuierte dürfen in die Heimat zurückkehren, doch dort erwarten sie nach den kriegsbedingten nun haufenweise persönliche Probleme und auch die Partei macht ihnen das Leben unnötig schwer. Stalin und Hitler haben Gastauftritte innerhalb sehr privat gefärbter, nicht unbedingt unhistorischer Szenen.
Als Element, das sich durch das gesamte Buch zieht, nennt Grossman ein bestimmtes Gefühl der Hilflosigkeit aufgrund zu großer Gleichheit: Er sieht, daß Faschisten und Kommunisten einander sehr ähnlich sind, daß beide Lager bauen, beide Menschen denunzieren und verfolgen, daß beide das System über die Person stellen und daß es letztlich keine Rolle spielt, welche Seite in diesem Konflikt gewinnen wird. In beiden Fällen hätten die Russen nach wie vor unter einer brachial durchgesetzten Ideologie zu leiden.
Trotz dieser großen politischen Gedankengänge ist das Buch an sich keine Ansammlung von hochtrabendem Geschwafel über den Zweiten Weltkrieg. Es erschafft ein lebendiges Bild Stalingrads und der Menschen, die in die große Stunde dieser Stadt verwickelt waren, indem es Einzelpersonen beleuchtet und ihnen in großartig geschriebenen Szenen Raum gibt, ihr Privatleben in einer Zeit zu entfalten, in der jede Handlung eine politische war. Ein außerordentliches Buch.
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Leben und Schicksal
Leben und Schicksal von Wassili Grossman (Gebundene Ausgabe - 8. August 2007)
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