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5.0 von 5 Sternen Ausgezeichneter Vortrag über Parmenides, 12. Mai 2013
Von 
Gregor Brand (Kiel, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Kann "Nichts" sein? Parmenides'Entdeckung der Metaphysik (Audio CD)
Um 500 v. Chr. wurde in der kurz zuvor von eingewanderten Griechen gegründeten Stadt Elea an der Westküste Unteritaliens einer der wichtigsten europäischen Philosophen überhaupt geboren: Parmenides (gestorben ca. 445 v. Chr.). Trotz der kaum zu überschätzenden Bedeutung dieses Denkers ist sein Name außerhalb des Kreises der philosophisch und historisch besonders Kundigen leider kaum bekannt. Um so erfreulicher ist es, dass der Hörbuchverlag auditorium maximum ein Werk produziert hat, das sich auf 2 CDs 155 Minuten lang mit Leben und Werk dieses Vorsokratikers befasst. Der Verlag stellt damit Parmenides in seinem Programm auf eine Stufe unter anderem mit Aristoteles, Kant, Nietzsche und Wittgenstein – und genau unter diesen ungleich bekannteren Spitzendenkern ist Parmenides seiner denkerischen Substanz wegen auch richtig aufgehoben.

Verfasser des Hörbuches ist der italienische Philosoph Giuseppe Scuto (geb. 1968), der durch seine vorangegangene Dissertation über Parmenides als Parmenides-Kenner ausgewiesen ist. Scuto beginnt die Hörbuch-Vorlesung mit einer Einordnung des Eleaten sowohl in dessen historisches Umfeld als auch mit eindringlichen Hinweisen auf dessen eminente philosophiegeschichtliche Bedeutung. Obwohl die biographische Überlieferung über Parmenides spärlich ist, weiß man doch, dass er aus dem gleichen wagemutigen Kolonialgriechentum hervorgegangen ist, dem auch die anderen großen vorsokratischen Denker entstammten. Diese vorwiegend an der ionischen Küste lebenden Persönlichkeiten wie Thales aus Milet oder Heraklit aus Ephesos legten, worauf Scuto zu Recht hinweist, den Grundstein für das klassisch-griechische Denken, das in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden welthistorische Bedeutung gewann. Mit der griechischen Ausbreitung im Mittelmeerraum gelangte die vermutlich zur Oberschicht gehörende Familie des Parmenides nach Unteritalien. Parmenides selbst scheint in seiner Vaterstadt eine hoch angesehene Persönlichkeit gewesen zu sein und sich sowohl als Politiker wie auch als Arzt beträchtliche Verdienste um seine Heimat erworben zu haben – ein Umstand, der allein schon alle gelegentlichen Versuche, ihn als weltfremden Theoretiker abzustempeln, unberechtigt erscheinen lässt.

Von seinem vermutlich umfangreichen Gesamtwerk ist nur eine einzige Schrift bekannt, die ihm aber zum bis heute anhaltenden Ruhm verholfen hat: Ein Lehrgedicht, dem später der Titel „Über die Natur“ gegeben wurde. Dieses eigenartige und bis heute faszinierende Gedicht, von dem nur 18 Fragmente mit insgesamt lediglich 153 griechischen Versen erhalten sind, ist der zentrale Text, mit dem sich Giuseppe Scuto umfassend befasst. Er erläutert verständlich, klar und unprätentiös den kulturellen und - aus seiner Sicht vor allem auch bedeutsamen - religiösen Hintergrund dieses Textes und stellt die Bedeutung des Gedichtes dar, wobei er wichtige dazu vertretene unterschiedliche Lehrmeinungen übersichtlich kurz referiert. Der gesamte Inhalt des religiös-philosophischen Lehrgedichts ist auf der CD in deutscher Übersetzung zu hören, dazu sämtliche weiteren Parmenides zugesprochenen Fragmente, sodass der Hörer einen vollständigen Überblick über das quantitativ zwar außerordentlich schmale, qualitativ aber um so grandiosere Werk des hellenischen Meisterdenkers erhält.

Hauptinhalt von Scutos Parmenides-Vortrag ist die eingehende und sorgfältige Darstellung von dessen philosophischen Auffassungen. Die entscheidende Bedeutung des Griechen besteht darin, den Begriff des „Seienden“ in die europäische Philosophie eingeführt und damit die abendländische Metaphysik begründet zu haben. Wie in der Buchdruckkunst gerade schon die frühen Drucke besonders meisterhaft waren, so befindet sich auch das Niveau der parmenidischen Metaphysik und seiner ontologischen Diskussion der Begriffe des Seienden und des Nichtseienden auf höchstem Niveau. Parmenides geht es um den Nachweis, dass nur Seiendes gedacht werden kann und Nichtseiendes weder gedacht werden kann noch sein kann. "Nichts" kann demnach nicht sein. Die ausführlichen Passagen, in denen Scuto die komplexen Gedankengänge des ersten abendländischen Metaphysikers wiedergibt, sind entsprechend ihrem Gegenstand zwar ausgesprochen abstrakt, aber keineswegs unverständlich. Nur wer einen Widerwillen gegen eine metaphysisch-ontologische Begrifflichkeit hat, in der immer wieder von „Seiendem“, Nichtseiendem“, von „Sein“ und „Nichtsein“ und ihren Zusammenhängen die Rede ist, der wird sich von diesen Ausführungen abwenden. Aber für solche Zuhörer ist das Hörbuch sicherlich nicht gedacht. Scutos fein differenzierter Text, aber auch die hörbuch-technische Umsetzung verzichten erfreulicherweise auf jeden bloß ablenkend-unterhaltsamen, modischen Schnickschnack. Gleichwohl wird die sprachliche Darstellung auch dank einer Vielzahl von männlichen und weiblichen Sprechern nicht langweilig und die sparsame musikalische Umrahmung durch die nahezu meditative Klaviermusik John Bickertons trägt dazu bei, den anspruchsvollen Inhalt angemessen und aufmerksam zugleich aufzunehmen. Es gelingt auf diese Weise, die wesentlichen Gedanken des Parmenides von der Identität von Denken und Sein und der Unmöglichkeit des Nichtseins so überzeugend darzustellen, wie man dies bei einer derartigen Hörbuchvorlesung nur leisten kann.

Das Lehrgedicht des Parmenides enthält aber nicht nur – in seinem ersten Teil – jene Gedanken über den Zusammenhang von Denken und Sein, die ihn vor allem berühmt machten, sondern in der zweiten Hälfte auch naturphilosophische, kosmogonische Überlegungen. Scuto tritt bei seiner Darstellung dieses Teils denjenigen Parmenides-Interpreten zur Seite, die darin keinen Widerspruch zu seinen metaphysischen Überzeugungen erkennen. Parmenides leugnet keineswegs die mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit und findet sie auch nicht des Erforschens unwürdig, aber er sieht in ihr keine Wirklichkeit ersten Ranges. Die Welt mit ihrem Werden und Vergehen ist zwar wirklich, aber dahinter gibt es eine wahrere Wirklichkeit, die sich dem Denken erschließt. Auch diese naturphilosophischen Betrachtungen werden von Scuto in vorbildlicher Weise übersichtlich in ihren unterschiedlichen Aspekten ausgeleuchtet.

Über die Darstellung des Inhalts der Philosophie hinaus präsentiert Scuto eine wohlstrukturierte Darstellung der frühen antiken Rezeptionsgeschichte des großen Eleaten. Parmenides' Wirkung auf zeitgenössische Philosophen wie auf die großen griechischen Denker der nachfolgenden Generationen war außerordentlich. Sowohl Naturphilosophen wie Empedokles, Anaxagoras oder die frühen Atomisten als auch die eleatische Philosophie des Parmenidesschülers Zenon oder die sophistische Dialektik und Sprachtheorie eines Gorgias von Leontinoi verdanken die Ausformung ihrer eigenen denkerischen Ansätze zu einem wesentlichen Teil der Auseinandersetzung mit den ontologischen und naturphilosophischen Konzeptionen des eleatischen Großdenkers. Dass Platon ihm mit seinem Dialog „Parmenides“ ein Denkmal gesetzt hat, spricht dabei ebenso für die Größe des Parmenides wie das platonische Eingeständnis, ihn nicht vollständig verstehen zu können.

Positiv hervorzuheben ist schließlich auch, dass Scuto der Frage nachgeht, ob die durch Parmenides erfolgte revolutionäre Begründung abendländischer Ontologie und Metaphysik gleichsam aus dem Nichts entstanden ist oder ob der italische Grieche nicht doch auf ältere philosophische Konzepte zurückgreifen konnte, die er dann originär weiter entwickelte. Scuto verweist in diesem Zusammenhang auf die philosophische Diskussion in Indien, die sich schon in den Jahrhunderten vor Parmenides mit ganz ähnlichen Gedankengängen beschäftigt hat. Auch wenn Scuto betont, dass der direkte Nachweis eines Einflusses indischer vedischer Philosophen auf Parmenides noch nicht gelungen ist, so ist ein solcher Zusammenhang doch durchaus wahrscheinlich. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat etwa der badische Jurist und Universalgelehrte Josef Kohler auf verblüffende Übereinstimmungen zwischen indischer Vedanta-Philosophie und den ionischen Vorsokratikern, insbesondere Heraklit, hingewiesen. Ein Kontakt der oft weitgereisten und weltkundigen Vorsokratiker mit indischem – auch babylonisch-ägyptischem Gedankengut – ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Insofern bewegen sich Scutos in dieser Hinsicht vorsichtige Ausführungen auch hier zuverlässig auf einem alles andere als spekulativen Grund und verlassen zu keiner Zeit das wissenschaftlich Vertretbare.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Giuseppe Scuto und dem Hörbuchverlag „auditorium maximum“ eine auditive Präsentation gelungen ist, die als gründliche und zur Weiterbeschäftigung anregende Einführung in Leben und Denken des Parmenides nichts zu wünschen übrig lässt.
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Kann "Nichts" sein? Parmenides'Entdeckung der Metaphysik
Kann "Nichts" sein? Parmenides'Entdeckung der Metaphysik von Giuseppe Scuto (Audio CD - 29. Januar 2009)
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