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5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sapere Aude!, 12. November 2012
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Rezension bezieht sich auf: Immanuel Kant Werke in sechs Bänden (Band I - VI ) (Gebundene Ausgabe)
"Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Mit diesen viel zitierten Worten rief Immanuel Kant (1724-1804) auf zum Ausbruch aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit".

Kant war zunächst geistig beheimatet im Rationalismus, besonders der Metaphysik des Leibniz und Wolff. Durch die Beschäftigung mit Hume erwacht er jedoch, so sagt er es später, aus seinem "dogmatischen Schlummer". Der Zug der Beliebigkeit im rationalistischen, nicht empirisch geerdeten Denken wird ihm mehr und mehr bewusst. Die metaphysischen Entwürfe der großen Denker vor ihm, seien denkbar aber nicht denknotwendig. Stellt man sich die Frage nach der Möglichkeit sicherer Erkenntnis, so ist es für Kant unabdingbar, zunächst die Struktur des menschlichen Denkapparates zu untersuchen. Dieser Aufgabe wird Kant einen großen Teil seines Lebens widmen. Er kommt u. a. zu folgenden Ergebnissen:

Zum Erkenntnisvermögen des Menschen gehören Wahrnehmung, Wollen bzw. Handeln und Urteilen. Das Wahrnehmungsvermögen des Menschen, so Kant in der "Kritik der reinen Vernunft", strukturiert alles Wahrgenommene nach Raum und Zeit. Dies würde daran deutlich, dass man Existierendes nur in den Formen von Raum und Zeit denken kann; ausgedehnt und bestehend. Es ist jedoch unmöglich, sich Raum oder Zeit an sich - losgelöst von etwas Substantiellem - vorzustellen. Dem Verstand gewissermaßen eingeschrieben sind verschiedene Kategorien, die eine Ordnung und Beurteilung der Erfahrung ermöglichen. Nach dem Kriterium der Quantität sind dies: Einheit, Vielheit, Allheit; nach dem der Qualität: Realität (Wirklichkeit), Negation (Nichtwirklichkeit), Limitation (Begrenzung); nach dem der Relation: Substanz und Akzidens, Kausalität (Ursache und Wirkung), Gemeinschaft (Wechselwirkung); nach dem der Modalität: Möglichkeit und Unmöglichkeit, Dasein und Nichtsein, Notwendigkeit und Zufall. Die Vernunft dient der sinnvollen Vereinheitlichung des mithilfe von Wahrnehmung und Verstand Erfassten. Ihr immanent sind bestimmte regulative Ideen: Seele, Welt und Gott. Alles Sein ordnet die Vernunft also einem dieser drei Bereiche zu.

In der "Kritik der praktischen Vernunft" untersucht Kant die Möglichkeit des sittlichen Handelns. Die praktische Vernunft erweist sich hierbei als Instrument der Regulation und Beherrschung des sinnlichen Begehrens, denn sie stellt alles Tun unter den Leitgedanken des "kategorischen Imperativs": "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Da dieser Anspruch der Vernunft besteht, so müsse auch der Wille des Menschen frei und somit fähig sein, selbigem zu genügen. Zur Motivation seines Handelns, so Kant, bedarf der Mensch dabei jedoch der Gottesidee. Ohne das Vertrauen auf Gott, dessen Segen selbst die mitunter sich scheinbar ergebenden persönlichen Nachteile unbedingter Sittlichkeit - über das diesseitige Leben hinaus - in das Allerbeste wandelt, sei keine fröhliche Pflichterfüllung möglich. Die christliche Religion ist zudem für Kant die moralisch vollkommenste.

Die "Kritik der Urteilskraft" behandelt den Anteil der Vernunft am Prozess des Urteilens. Nicht an das rationale Urteilen ist dabei gedacht, sondern das empfindungsmäßige, wenn man so will das Geschmacksurteil. Auf der sinnlich-gefühlsmäßigen Ebene ist die Erfahrung - etwa der Natur oder Kunst - von Lust oder Unlust begleitet. Ein höheres" apriorisch-vernunftmäßiges Kriterium stellt jedoch die Zweckmäßigkeit dar. Zweckmäßigkeit sowohl in Bezug auf Funktion und Ganzheit der Sache selbst (etwa bei einem Bauwerk oder einer Pflanze) oder auch Zweckmäßigkeit in Bezug auf das Individuum selbst, seine eigenen Bedürfnisse.

Das nachkritische Werk Kants hat v. a. eine ethische Bestimmung. In der "Metaphysik der Sitten", seiner vielleicht lesenswertesten Schrift Kants, entfaltet und expliziert Kant den Gedanken des kategorischen Imperativs für den gesellschaftlichen bzw. zwischenmenschlichen Bereich und entwickelt dabei eine Rechts- und Tugendlehre:

"Die Maxime des Wohlwollens (die praktische Menschenliebe) ist aller Menschen Pflicht gegen einander; man mag diese nun liebenswürdig finden oder nicht, nach dem ethischen Gesetz der Vollkommenheit: Liebe deinen Nebenmenschen als dich selbst. - Denn alles moralisch-praktische Verhältnis gegen Menschen ist ein Verhältnis derselben in der Vorstellung der reinen Vernunft, d.i. der freien Handlungen nach Maximen, welche sich zur allgemeinen Gesetzgebung qualifizieren, die also nicht selbstsüchtig (ex solipsismo prodeuntes) sein können. Ich will jedes anderen Wohlwollen (benevolentiam) gegen mich; ich soll also auch gegen jeden anderen wohlwollend sein. [...] Wohltätig, d. i. anderen Menschen in Nöten zu ihrer Glückseligkeit, ohne dafür etwas zu hoffen, nach seinem Vermögen beförderlich zu sein, ist jedes Menschen Pflicht. [...] Wohltun ist, für den, der reich (mit Mitteln zur Glückseligkeit anderer überflüssig, d.i. über sein eigenes Bedürfnis versehen) ist, von dem Wohltäter fast nicht einmal für seine verdienstliche Pflicht zu halten; ob er zwar dadurch zugleich den anderen verbindet. Das Vergnügen, was er sich hiermit selbst macht, welches ihm keine Aufopferung kostet, ist eine Art, in moralischen Gefühlen zu schwelgen. - Auch muß er allen Schein, als dächte er den anderen hiermit zu verbinden, sorgfältig vermeiden; weil es sonst nicht wahre Wohltat wäre, die er diesem erzeigte, indem er ihm eine Verbindlichkeit (die den letzteren in seinen eigenen Augen immer erniedrigt) auflegen zu wollen äußerte. Er muß sich vielmehr, als durch die Annahme des anderen selbst verbindlich gemacht, oder beehrt, mithin die Pflicht bloß als seine Schuldigkeit äußern, wenn er nicht (welches besser ist) seinen Wohltätigkeitsakt ganz im Verborgenen ausübt."

Viel beachtet wurden auch Kants Gedanken zum Völkerrecht. Es sei v. a. der Handel, der das Potential hat, die Völker insgesamt einander näher zu bringen und wechselseitige Abhängigkeiten zu begründen, die den Boden für einen dauerhaften Weltfrieden bilden können. Gerechte Friedensschlüsse, gegenseitige Gastfreundschaft, Weltbürgertum wirkten in die gleiche Richtung.

Kant wurde in recht unterschiedlicher Weise rezipiert, besonders an den Stellen die einen Bezug zur Religion haben. Die einen meinten, Kant würde zeigen, dass Religion, zumal eine Offenbarungsreligion, überflüssig wäre. Andere verstanden ihn genau gegenteilig. Aufschlussreich ist folgende Passage aus "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft":

"Sofern eine Religion Glaubenssätze als notwendig vorträgt, die nicht durch die Vernunft als solche erkannt werden können, gleichwohl aber doch allen Menschen auf alle künftige Zeiten unverfälscht (dem wesentlichen Inhalt nach) mitgeteilt werden sollen, so ist sie (wenn man nicht ein kontinuierliches Wunder der Offenbarung annehmen will) als ein der Obhut der Gelehrten anvertrautes heiliges Gut anzusehen. Denn ob sie gleich anfangs mit Wundern und Taten begleitet, auch in dem, was durch Vernunft eben nicht bestätigt wird, allenthalben Eingang finden konnte, so wird doch selbst die Nachricht von diesen Wundern, zusamt den Lehren, die der Bestätigung durch dieselbe bedurften, in der Folge der Zeit eine schriftliche urkundliche und unveränderliche Belehrung der Nachkommenschaft nötig haben. Die Annehmung der Grundsätze einer Religion heißt vorzüglicher weise der Glaube (fides sacra). Wir werden also den christlichen Glauben einerseits als einen reinen Vernunftglauben, andrerseits als einen Offenbarungsglauben (fides statutaria) zu betrachten haben. Der erstere kann nun als ein von jedem frei angenommener (fides elicita), der zweite als ein gebotener Glaube (fides imperata) betrachtet werden. Von dem Bösen, was im menschlichen Herzen liegt, und von dem niemand frei ist; von der Unmöglichkeit, durch seinen Lebenswandel sich jemals vor Gott für gerechtfertigt zu halten, und gleichwohl der Notwendigkeit einer solchen vor ihm gültigen Gerechtigkeit; von der Untauglichkeit des Ersatzmittels für die ermangelnde Rechtschaffenheit durch kirchliche Observanzen und fromme Frondienste und dagegen der unerläßlichen Verbindlichkeit, ein neuer Mensch zu werden, kann sich ein jeder durch seine Vernunft überzeugen, und es gehört zur Religion, sich davon zu überzeugen. Von da an aber, da die christliche Lehre auf Facta, nicht auf bloße Vernunftbegriffe gebaut ist, heißt sie nicht mehr bloß die christliche Religion, sondern der christliche Glaube, der einer Kirche zum Grunde gelegt worden. Der Dienst einer Kirche, die einem solchen Glauben geweiht ist, ist also zweiseitig; einerseits derjenige, welcher ihr nach dem historischen Glauben geleistet werden muß; andrerseits, welcher ihr nach dem praktischen und moralischen Vernunftglauben gebührt."

Mit Kant erreichte die Epoche der Aufklärung ihren Gipfel und als geistesgeschichtliche Epoche im engeren Sinne ihr Ende. Seine Philosophie ist einer der monumentalen Versuche, alle Erkenntnis auf ein gesichertes rationales Fundament zu stellen. Kant sah sich dabei - sicher nicht völlig zu Unrecht - als Protagonist einer "Revolution der Denkart". Es ging nicht mehr darum, die Welt an sich zu beschreiben, sondern die Struktur der Vernunft zu erfassen, die unserer Wahrnehmung der Welt zugrunde liegen.

In seiner Letztbegründungsabsicht wirkt er dabei heute dennoch anachronistisch. Weit moderner wirkt im Rückblick der mit Kant befreundet Johann Georg Hamann, dessen Ansatz für die moderne Sprachphilosophie bestimmend wurde. Hamann, in dem Goethe einen der "hellsten Köpfe" seiner Zeit sieht, war regelmäßiger Tischgenosse Kants, eng befreundetet u.a. auch mit Herder. Seine Schriften lesen sich wie ein genialisches Feuerwerk - ein Meister darin, das eigentlich zu Sagende ungesagt zu lassen und den Leser gewissermaßen sokratisch selbst zum Denken zu bringen. Ein Meister auch der messerscharfen, doppelbödigen, aber nie herzlosen Ironie. Sein Hauptkritikpunkt an Kant war, dass dieser übersehe, dass Vernunft immer schon Sprache und Geschichte voraussetzt, diese also keineswegs hintergreifen kann. Damit nimmt Hamann gewissermaßen den "liguistic turn" zu Anfang des 20. Jh. vorweg. Kants Vernunftbegriff, so Hamann, begrenze die Reichweite der Vernunft, und verschließe sie so für das Neue und mache sie unempfänglich für die Anrede Gottes.

Man wird sich sicherlich überlegen, ob man sich die Anschaffung der Werkausgabe leistet. Kants Werke sind in jeder Universitätsbibliothek mit geisteswissenschaftlichem Bereich zu finden und vieles ist inzwischen auch digital erhältlich. Besonders die "Kritik der reinen Vernunft" ist zudem keine Gute-Nacht-Lektüre. Wer nicht des Studiums wegen muss oder anderweitig brennend interessiert ist, wird es schwer haben, sich durchzuarbeiten. Fakt ist: Wer die geistesgeschichtliche Entwicklung vom traditionellen zum modernen Denken verstehen möchte, kommt an Kants Werk nicht vorbei.
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Immanuel Kant Werke in sechs Bänden (Band I - VI )
Immanuel Kant Werke in sechs Bänden (Band I - VI ) von Immanuel Kant (Gebundene Ausgabe - 2011)
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