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4.0 von 5 Sternen Totalitarismuskritik von links, 3. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Totalitarismuskritik von links: Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert (Schriften Des Hannah-Arendt-Instituts Fur Totalitarismusforschung) (Gebundene Ausgabe)
Schmeitzner, Mike (Hg.): Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, 405 S., 42,90 Euro.

Die Frage, ob totalitarismustheoretische Ansätze eine adäquate Annäherung an die 'beiden Diktaturen auf deutschem Boden' erlauben, war in den 90er Jahren des letz-ten Jahrhunderts auf selbigen heftig umstritten. Die Verfechter eines totalitarismus-theoretischen Ansatzes galten damals ihren Gegnern nicht nur als 'rechts', was für sich schon Schande genug gewesen wäre, sondern auch als reaktionäre Geschichts-revisionisten, die angetreten waren, in einer konzertierten Aktion mit dem Realsozia-lismus die ganze sozialistische Idee zu delegitimieren und darüber hinaus auch gleich das Lebenswerk der Ostdeutschen zu zertrümmern.

Der zu rezensierende Sammelband lenkt den Blick auf einen zwar nicht neuen, aber mit den Jahren etwas in Vergessenheit geratenen Aspekt des Totalitarismusdiskur-ses. Das Totalitarismuskonzept, also der Versuch, die modernen Weltanschauungs-diktaturen, zunächst in Russland (Bolschewismus) und Italien (Faschismus), ab 1933 auch in Deutschland (Nationalsozialismus), vor allem unter dem Aspekt ihres 'totali-tären' Herrschaftsanspruches in den Blick zu nehmen, hat seine Wurzeln nämlich im eher linken Spektrum. Oft, wenn auch nicht immer, war damit ein Vergleich der 'lin-ken' und 'rechten' Herrschaftssysteme verbunden. Ein solcher lag für die Zeitgenos-sen offenbar auf der Hand, sahen doch zum Beispiel selbst Vertreter des 'linken' (Bucharin) Parallelen beim 'rechten' (Mussolini).

Die 18 Beiträge sind chronologisch drei etwa gleichgroßen Abschnitten zugeordnet: Weimarer Republik, Exil und Kalter Krieg, dessen Ende der Herausgeber implizit mit 1989/90 ansetzt. Meist greifen die Einzelbeiträge aber deutlich über die jeweiligen Begrenzungen hinaus. Haupt- und Untertitel des Buches sind dabei ernst zu neh-men. Es geht erstens weitgehend um Totalitarismuskritik und nicht unbedingt auch -theorie und beschränkt sich auf 'deutsche Diskurse'. Als 'links' gilt, was nicht 'rechts' von der Sozialdemokratie stand. Anarchistische Stimmen fehlen trotzdem vollkommen. Die Utopie hat keinen leichten Stand in dem Buch.

Für den Leser wird aber auch schnell deutlich, dass ' zumindest auf der Ebene, die im Sammelband abgebildet wird ' Analyse und tagespolitische Auseinandersetzung oft eng mit einander zusammenhingen und sich gegenseitig beeinflussten. Dies war nicht zuletzt bei Rosa Luxemburg der Fall, der der erste Beitrag gewidmet ist. Sein Autor, Werner Müller, kommt weitgehend ohne Gespür, geschweige denn Verständ-nis für die Dramatik historischer Situationen, für das was Menschen treibt, was sie ihre Passivität überwinden und ihr Schicksal in die Hand nehmen lässt, aus. Utopie scheint in seinem Denken keinen Ort zu haben. Müller sieht sich vor die Aufgabe ge-stellt, zu klären, ob Rosa Luxemburg als Vertreterin eines 'demokratischen Kommu-nismus' betrachtet werden könne und verneint dies. Weder Frage noch Antwort sind neu oder 'falsch', resultieren wohl auch eher aus tagespolitischen Notwendigkeiten (Was macht die SPD mit der Linken oder umgekehrt) als aus einem primär histori-schen Erkenntnisinteresse. Maßstab ist ihm offenbar, wie auch einigen anderen Au-toren inklusive des Herausgebers, ausschließlich eine Demokratie westlich-parlamentarischen Zuschnitts. Das mag politisch ja noch angehen, historisch ist es gleichermaßen fantasielos wie erkenntnishemmend. Die westlich-parlamentarische Demokratie bekommt hier, eschatologisch betrachtet, die Qualität der Menschwer-dung Gottes: Wir sind fast am Ziel.
Wie spannend Geistesgeschichte im besten Sinne sein kann, wenn nicht Iko-nographie, sondern wissenschaftliches Erkenntnisinteresse den Ausgangspunkt bil-det, zeigt der nachfolgende Beitrag von Jürgen Zarusky. Einfühlsam und zugleich klar und differenziert in der Argumentation versucht er, Kautsky aus seiner Zeit her-aus zu verstehen und zu interpretieren. Die Frage, ob er als Herold des 'antitotalitä-ren Konsenses' zu gebrauchen ist, interessiert ihn nicht. Nichtsdestoweniger kommt heraus, dass dem so ist.

Uli Schöler kommt das Verdienst zu, die Bedeutung der russischen Emigration für die Diskurse der zwanziger Jahre ins historische Bewusstsein zu holen, hier der men-schewistischen in Gestalt von Alexander Schiffrin. Er war sowohl Ideengeber als auch Informant für Kautsky, Bauer und andere in der Sozialdemokratie. Stephan Alb-recht nimmt mit Hermann Heller einen frühen Vertreter des Konzepts der 'wehrhaften Demokratie' im Angesicht der totalitären Versuchung in den Blick. Die Suche nach den Möglichkeiten der Stabilisierung der Weimarer Republik steht auch im Mittel-punkt des Beitrages von Michael Rudloff über die 'Neuen Blätter für den Sozialis-mus'. In ihnen wurde sogar eine 'Diktatur als Ausnahmezustand' zur Abwehr des Faschismus befürwortet. Unter 'Totalitarismuskritik von links' lässt sich dies nur sehr partiell subsumieren. Dies gilt auch für den folgenden Beitrag. Sein bereits im Jahr-buch für historische Kommunismusforschung erschienener Aufsatz über das Verhält-nis von SPD und KPD in der Weimarer Republik rekapituliert dieses recht summa-risch und immer Kurs haltend. Wie auch anfangs Müller, ist ihm allein das Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie Maßstab. Dass die Kommunisten sich überhaupt nicht vor der Frage sahen, diese Demokratie zu akzeptieren, weil ihr gesamtes ideo-logisches Gedankenbauwerk dem entgegenstand, scheint er einfach nicht zu verste-hen, wie es partiell auch die Zwischenkriegssozialdemokratie nicht verstand. Wie sonst könnte man auf die Idee kommen, mit einer totalitären Partei das Erstarken einer anderen verhindern zu wollen, dies unter Totalitarismuskritik zu subsumieren und mit Bedauern feststellen: 'Den Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten angesichts des Vordringens der NS-Bewegung zu überwinden, gelang nicht.' In seinem zweiten und den Band abschließenden Beitrag wird der Autor dann darstellen, wie zwar auch in den 70er und 80er Jahren dieser Gegensatz ganz und gar nicht überwunden, aber zum Zwecke einer 'Sicherheitspartnerschaft' erfolgreich ignoriert wurde. Dabei war, so Faulenbach, 'den sozialdemokratischen Akteuren klar, dass die DDR keine Demokratie mit Gewaltenteilung und kein Rechtsstaat war.' Hut ab vor soviel Erkenntnis in den Reihen des SPD-Führung. Allerdings, so Faulenbach, sei das 'Bild der DDR als eines totalitären Staates' verblasst, da offener Terror 'seit den 60er Jahren weniger praktiziert worden' sei. Es bleibt Faulenbachs Geheimnis, warum gerade allein der Vasallenstaat DDR für die Frage östlicher Totalitarismus oder nicht ausschlaggebend sein sollte. Seltsamerweise 'meldete' sich dann ausge-rechnet mit der Gründung der sozialdemokratischen Partei in der DDR 'die antitotali-täre Tradition der Sozialdemokratie wieder zu Wort' - hatte wohl in ostdeutschen Pfarrhäusern Kirchenasyl gefunden?

Hier kann nicht jeder Beitrag erwähnt oder gar kommentiert werden. Sie sind alle (un-ter verschiedenen Aspekten) lesenswert, auch wenn sie nicht immer wirklich Neues zum Thema beisteuern. Nimmt man das Buch als Kompendium (und so wird es künf-tig sicherlich genutzt werden), ist dies ja auch nicht unbedingt nötig.

Interessant und in gewissem Sinne kontrapunktisch zu den erwähnten Beiträgen e-her buchhalterischen Charakters ist nicht zuletzt der Beitrag von Gerhard Besier über Eduard Heinemann, ruft er doch die tiefgehenden philosophischen und ethischen Fragen und Hoffnungen ins Gedächtnis, die mit der Geschichte des Sozialismus ver-bunden waren und damit letztlich auch an der Wiege des linken Totalitarismus stan-den.

Der Herausgeber, dessen eigene Beiträge übrigens fast ein Viertel des Buches aus-machen, stellt in einem seiner Beiträge einen heute fast völlig vergessenen 'utopi-schen' Totalitarismuskritiker vor und weist nach, dass 'linke' Totalitarismuskritik nicht nur von 'rechts' vom Bolschewismus kam, sondern auch von 'links' von ihm. Mit Otto Rühle lässt er einen 'prominenten' Vertreter des deutschen Rätekommunismus recht ausführlich zu Wort kommen. Die Darstellung seiner Entwicklung in Bezug auf den 'Totalitarismus' ist nachvollziehbar, leidet aber etwas daran, dass sie Rühles 'Antito-talitarismus' nicht wirklich im Kontext seines marxistischen Denkens zu vermitteln sucht. Vielmehr werden seine Schriften, gleich einer Schnipseljagd, recht schema-tisch nach Begriffen wie 'total' und 'totalitär' durchforstet. Rühles gleichzeitige Ab-lehnung 'der' Demokratie bleibt im Grunde unverständlich. Für Schmeitzner ist die Demokratie anscheinend das letzte Wort der Geschichte, während Rühle sie als eine Herrschaftsform ('politischer Überbau') des Kapitalismus ansah, den es ja gerade zu überwinden galt. Utopie als praktisches Projekt mag man mit guten Gründen politisch ablehnen, als Historiker muss man so etwas aber wenigstens zu begreifen versu-chen. Oder sollte es nur darum gehen, die Geschichte des Antitotalitarismus zur Rechtfertigung des Heute zuzubereiten?

Ein Glanzlicht des Bandes ist sicher der Beitrag von Alfons Söllner über Totalitaris-mustheorie und frühe Frankfurter Schule. Er versteht es, komplexe Sachverhalte auf ihren für diese Fragestellung wichtigen Kern zu reduzieren und hoch spannende Fragen aus einem im Grunde zu konstatierenden Nichtverhältnis beider theoretischer Schulen abzuleiten. Nicht nur das von ihm herangezogene Beispiel, nämlich der un-tergründige Einfluss des amerikanischen Liberalismus auf Adornos Texte der 40er Jahre, sondern auch sein eigener Aufsatz zeigt 'das volle Ausmaß an Ambivalenzen und unrealisierten Möglichkeiten, die in der Geschichte der Wissenschaften stecken, zumal wenn man auf ihren politischen und sozialen Kontext achtet. Besonders die Geschichte des politischen Denkens ist keine Einbahnstraße, sondern nach beiden Seiten hin offen.'

Totalitarismuskritik von links in Deutschland kam naheliegenderweise oft aus sozial-demokratischem Umfeld. Kommunistische Renegaten wie Franz Borkenau, den Clemens Vollnhals in Erinnerung ruft, waren eher die Ausnahme. Es sei denn, man begreift fasst jede kommunistische Dissidenz als Totalitarismuskritik. Mario Keßlers Beitrag 'Linkszionismus und das Totalitarismus-Problem' über Arthur Rosenberg, zeigt jedoch, dass es nötig wäre, das, was als 'Totalitarismuskritik' zu verstehen ist, näher zu bestimmen. Der Rezensent fragt sich nach der Lektüre des Bandes auch, ob es wirklich Sinn macht, primär wissenschaftliche Analyse einerseits und primär praktisches politisches Handeln andererseits unter dem Begriff 'Totalitarismuskritik' zusammen zufassen. Bei ersterem geht es um den Erkenntniswert politischer Theo-rie, bei letzterem um die politische Tat und deren Ergebnis. Nähert man sich der Fra-ge, wie in dem Band, über die Personen, durchdringen sich beide Aspekte oft. Die Frage, welche Anknüpfungspunkte diese Kritik für die heutige Forschung biete, die der Herausgeber sich und den Autoren stellt, lässt sich so jedoch kaum beantworten. Nach der Lektüre dieses Buches ist man geneigt zu sagen: kaum welche. Mögli-cherweise ist dies jedoch ein Trugschluss. Der Frage, ob moderne Mediengesell-schaften eventuell durch andere, neue 'Formen totalitärer Herrschaft' gefährdet sein könnten, konnten die meisten der in dem Sammelband vorgestellten Kritiker totalitä-rer Herrschaften kaum nachgehen. Herbert Marcuse hätte zumindest nach solchen Fragen einmal abgeklopft werden können. Eckhard Jesses Quintessenz aus ihm und seinem Werk ist aber schlichterer Art: 'Und so konnte er sich bis zu seinem Tode niemals dazu durchringen, die [Hervorhebung M.K.] freiheitliche Ordnung als das System zu betrachten, das bei allen Mängeln den Menschen am ehesten die Mög-lichkeiten zur Selbstverwirklichung und zur Verhinderung einer totalitären Diktatur bietet. Sein eschatologisches Ideal von einer herrschaftsfreien Gesellschaft versperrt ihm eine solche Konsequenz ['].'

Dass das Lektorat ein Sorgenkind heutiger Buchproduktion ist, ist bekannt. Die Fol-gen sind auch in diesem Band unübersehbar, bis hin zu völlig sinnentstellten Sätzen. Bei den zahlreichen Bezügen zwischen den Beiträgen wären auch Querverweise durchaus hilfreich und ohne unvertretbar hohen Aufwand möglich gewesen. Es gibt sie aber nur sehr sporadisch. Faulenbach referiert z.B. in seinem zweiten Beitrag (1989) anfangs recht ausführlich, was er in seinem ersten darstellt (Weimarer Repu-blik) und daher eher redundant ist, verweist als Beleg dann auf die Erstveröffentli-chung im Jahrbuch für historische Kommunismusforschung, nicht jedoch auf den Nachdruck einige Seiten zuvor. So etwas muss wirklich nicht sein.

Ungeachtet der hier konzentriert vorgebrachten Kritikpunkte bleibt es ein wichtiges,
lesenswertes und zum kritischen Umgang mit den Aufsätzen und dem Totalitaris-muskonzept als ganzes anregendes Buch, wirft es doch ein ganz besonderes Licht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Wahrnehmung der großen 'totalitä-re Herrschaften' zwischen Versuchung und Bedrohung.
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