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98 von 119 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "A Darwinist Mob Goes After a Serious Philosopher"
... so titelte die "New Republic" über einer Rezension zu Nagels "Mind and Cosmos" von Leon Wieseltier. Selten schlug ein wissenschaftstheoretisches Werk in jüngerer Vergangenheit solch hohe Wellen. Thomas Nagel, ein atheistischer, linksliberaler Philosoph, noch dazu einer der renommiertesten und populärsten der USA, sagt das Ende des Materialismus und des...
Vor 14 Monaten von FMA veröffentlicht

versus
77 von 118 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Vom Philosoph zum Scharlatan
Ich kann es mir nicht verkneifen, gleich zu Beginn dieser Rezension auszuholen: Man sehe sich das Buch von dem renommierten Psychologen Wolfgang Prinz an: "Das Selbst im Spiegel". Prinz versucht darin, menschliche Subjektivität und Willensfreiheit als Produkte menschlicher Interaktion, also als reale kulturelle Konstrukte zu erklären. Prinz verzichtet...
Vor 13 Monaten von Openuser veröffentlicht


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98 von 119 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "A Darwinist Mob Goes After a Serious Philosopher", 7. Oktober 2013
Von 
FMA - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
... so titelte die "New Republic" über einer Rezension zu Nagels "Mind and Cosmos" von Leon Wieseltier. Selten schlug ein wissenschaftstheoretisches Werk in jüngerer Vergangenheit solch hohe Wellen. Thomas Nagel, ein atheistischer, linksliberaler Philosoph, noch dazu einer der renommiertesten und populärsten der USA, sagt das Ende des Materialismus und des Darwinismus in heute gängiger Form voraus. Naturalisten, Materialisten, besonders ostentative Atheisten, toben und ergehen sich z.T. in wütenden Beschimpfungen. "Schäbig" seien Nagels Gedanken, "Mitglied einer reaktionären Bande" sei er.

Dabei wäre es ganz und gar nichts Neues, dass sich ein eindimensionaler Naturalismus bzw. Materialismus als Blockade erweist. Zuletzt konnte man das am Anfang des letzten Jahrhunderts beobachten. Die entscheidende Frage war, ob es eine Grundordnung des Seins gibt, die noch bestimmender für das Geschehen in der materielle Welt ist, als die sich aus der physikalisch-chemischen Eigenschaftlichkeit der Dinge ergebenden Wechselwirkungen. Genau diese Sicht der Dinge, sei es in Form eines spinozistischen Weltbildes wie bspw. bei Einstein oder in der eines theistischen wie bspw. bei Planck, war Voraussetzung für die wissenschaftlichen Einsichten, die der festgefahrenen Physik des auslaufenden 19. Jh. zu einem neuen Durchbruch verhalfen.

Ein ähnliches Bild in der Mathematik jener Epoche. Die Konstruktivisten bzw. Positivisten - Hilbert, Russell, Frege - hatten sich mit ihrer Suche nach rein konstruktivistischer Konsistenz festgefahren. Wieder war es jemand, der imstande war, sich eine ebenso unser unmittelbares Denken wie auch die empirischen Muster über- oder hintergreifende Ordnung vorzustellen, der den gordischen Knoten durchschlug: der religiös geprägte Mathematiker Kurt Gödel (Stichwort Unvollständigkeitssätze).

Nagel macht deutlich: Von Antworten in Bezug auf die großen Fragezeichen der Naturwissenschaft - Universum aus dem Nichts, Naturgesetze, Feinabstimmung der Naturkonstanten, Entstehung von Leben aus toter Materie, Entstehung von Bewusstsein - sind wir nach wie vor meilenweit entfernt und es ist auch nicht vorstellbar, wie im materialistischen Paradigma Auswege aus dieser Sackgasse zu finden sind.

Ist Leben, ist gar Bewusstsein reduzierbar auf physikalische Abläufe? Das behaupte ja niemand, sagen einige der Gegner Nagels. Leben sei gegenüber den zugrunde liegenden physikalisch-chemischen Prozessen "emergent"; Bewusstsein gegenüber der zugrunde liegenden Bio- bzw. Neurochemie. So gibt es also keine Rückführbarkeit? - fragt Nagel zurück. Und sofort wird das Dilemma deutlich. Der Begriff der "Emergenz" kaschiert nur klaffende Erklärungslücken in den Theoriegebäuden - zur Klärung beitragen kann er so gut wie nichts.

Doch nicht nur um die Frage, wie Bewusstsein entsteht, geht es. Im Evolutionsprozess ist die treibende Kraft der Druck zur bestmöglichen Anpassung einer Spezies an die Umwelt. Mutation und Selektion - erweitert durch den Horizont, den die moderne Molekularbiologie eröffnet - sind die Mechanismen, durch die sich diese Entwicklung vollzieht. Dass Evolution menschliches Bewusstsein mit einem Denkapparat, der eine cleverere Gefahrenabwehr, Nahrungsversorgung u.ä. ermöglicht hervorbringt, wäre rein formallogisch noch nachvollziehbar. Wie aber erklärt sich eine neurophysiologische Ausstattung, mit der es möglich ist, so etwas wie die Brandenburgischen Konzerte zu komponieren, die Infinitesimalrechnung oder Hegels Phänomenologie des Geistes" zu entwickeln?

Wie, so fragt Nagel, kann die Evolutionstheorie erklären, dass der Mensch eine Vorstellung von objektiver Wahrheit und moralischen Absoluta entwickelt? Bezeichnenderweise wird beides nicht selten von naturalistischer Seite bestritten. Es gäbe keine Objektivität, sondern nur subjektiv konstruktivistische Sichtweisen. Dass Paradoxon, das im objektiven Geltungsanspruch einer solchen Aussage liegt, übersieht man. Ebenso kann keine auf Selbst- oder Gruppenerhalt abstellende Theorie des Altruismus - der sich so, wie fast alles, das menschlichen Leben Sinn und Wert verleiht, als listig verkappter Egoismus darstellt - erklären, warum die Selbstlosigkeit bspw. eines Maximilian Kolbe, Menschen zeit- und kulturübergreifend Respekt abnötigt.

Oft ist im Zusammenhang mit Nagel von einer aristotelischen Renaissance die Rede. Viel eher erinnern Nagels Gedanken jedoch an Hegel oder Schelling. Geist bzw. eine geistige Ordnung als der Materie gegenüber ursprünglicher anzusehen, macht durchaus Sinn. Noch einmal zum Bsp. Relativitätstheorie: Bewegte Objekte schrumpfen, bewegte Uhren gehen langsamer, mit zunehmender Geschwindigkeit vergrößert sich die Masse - physikalische Eigenschaften verändern sich also einzig um des Erhalts einer universellen Ordnung willen. Im Paradigma des damaligen Materialismus hätte man auf derartiges wohl kaum kommen können und die ersten Reaktionen waren dementsprechend.

Nagel bleibt bezüglich der Alternativen zum reduktionistischen Naturalismus im Vagen. Wenn er von Teleologie redet, denkt er offenbar an eine Art Tendenz zur Komplexitätssteigerung, die sich im Rahmen sonstiger Naturgesetzlichkeit im Kontext des jeweils Möglichen verwirklicht. Solche "Tendenzen" gibt es in der Physik auch andernorts. In der Thermodynamik ist, wie der Physiker Ludwig Boltzmann es einst ausdrückte, der zweite Hauptsatz vom molekulartheoretischen Standpunkte ein bloßer Wahrscheinlichkeitssatz" In der Quantenmechanik sind die Positionen der Elektronen unbestimmt; es gibt lediglich eine größere Aufenthaltswahrscheinlichkeit im Bereich der sog. Orbitale. An anderen Stellen im Buch deutet Nagel die Idee einer noch darüber hinaus gehende Zielorientierung und Sinnrealisierung an, etwa wenn er von einer "kosmischen Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und den Werten, die sich davon nicht trennen lassen" redet.

H. Allen Orr, einer der renommiertesten Evolutionstheoretiker unserer Tage, geht in seiner Rezension in der New York Review of Books" mit Nagel insgesamt nicht konform, gesteht aber zu: "It could turn out that teleological laws affect how the universe unfolds through time. While I suspect some might regard such heterodoxy as a crime against science, Nagel is right that there's nothing intrinsically unscientific about teleology. If that's the way nature is, that's the way it is, and we scientists would need to get on with the business of characterizing these surprising laws. Teleological science is, in fact, more than imaginable."

Dgl. ist für naturalistische Dogmatiker ein Sakrileg. Der Atheist Nagel kann noch so oft betonen, dass er keinen theistischen Standpunkt vertritt, dass er nicht Intentionalität" meint, wenn er Teleologie" sagt - es nützt nichts. Zu sehr scheinen seine Argumente den Theisten, dem Intelligent Design gar, in die Hände zu spielen. Und Nagel, als Freidenker nur der Wahrheit verpflichtet und nicht bereit, sich irgendwelchen PC-Geboten zu beugen, macht i.d.T. deutlich, dass er zwar den Design-Ansatz nicht teilt, ihn aber für legitim und das pauschale ID-Bashing für unseriös hält.

Die Stärke von Nagels Buch liegt in der Herausarbeitung der Fragestellungen, die sich einer Beantwortung im Paradigma eines eindimensionalen Naturalismus entziehen. Dass er selbst keine ausgearbeiteten Antworten zur Hand hat, macht der Autor von vornherein deutlich. Er skizziert in welche Richtung diese aus seiner Sicht gehen müssten. Wirklich überzeugend ist er diesbezüglich nicht. Dennoch - ein revolutionäres Buch, welches das oft allzu selbstgefällige wissenschaftliche Establishment gehörig aufmischt und dem Leser viel Stoff zum Nachdenken bietet.
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kritik aus den eigenen Reihen, 23. Juli 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Das geniale an dem Buch: Wenn wir heute etwas Kritisches zum Thema Naturwissenschaften hören, denken wir sofort an einen Angriff von Seiten der Theologie. Irgendwie glauben wir, dass es nur zwischen diesen "Parteien" Streitigkeiten geben kann. Doch weit gefehlt. Nagel selbst ist Atheist und Anhänger einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung und doch geht er mit den Naturwissenschaften im Allgemeinen und der Evolutionstheorie im Speziellen scharf ins Gericht.

Nagel würdigt die Fortschritte und das Vermögen der modernen Naturwissenschaften, das Leben zu erleichtern und naturgesetzliche Prognosen abzugeben. Doch hat die moderne physikalische Naturwissenschaft eine Lücke, die ganz gewaltig klafft. Der menschliche Geist - also Bewusstsein - findet darin keinen Platz. Dabei ist es für Nagel keine Frage der Zeit, bis diese Lücke geschlossen werden kann, da die physikalische Naturwissenschaft nicht über das Instrumentarium verfügt, hier Erkenntnisse und damit Fortschritte zu generieren. Denn das was das menschliche Bewusstsein ausmacht, also Denken, Werte usw. lässt sich nicht soweit reduzieren oder gar dem Zufall zuschreiben, dass es ins moderne mathematisch-naturwissenschaftliche Weltkonzept passt. Nagel ist sich sicher, dass diese Lücke mit naturwissenschaftlichem Denken geschlossen werden kann, es also Naturgesetze gibt, die hier eine Erklärung liefern können. Doch hat diese Naturwissenschaft (nicht nur methodologisch) nicht mehr viel gemein mit unserem heutigen Verständnis. Zwar ist es Nagel nicht möglich, dieses neue naturwissenschaftliche Verständnis exakt zu zeichnen, doch er zeigt einen Rahmen auf wie dieses geartet sein müsste. In diesem Zusammenhang zeigt Nagel auch, wie unvollständig, ja gar oberflächlich, die Evolutionstheorie ist.

Als ich das Buch zu Ende gelesen habe, musste ich an Bertolt Brechts "Leben des Galilei" denken. Wenn man dieses Buch liest, lacht man unweigerlich über die Blindheit und das Unwissen früherer Generationen. Jetzt beschleicht mich das Gefühl, dass uns dieses Erbe auch bevorsteht. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass die kommenden Generationen über uns ebenso so denken werden wie wir über die vergangenen. Wir sind eben doch noch nicht an der Spitze angekommen.

Insgesamt ist dieses Buch für alle geeigent, die eine neue (kritisch-naturwissenschaftliche) Sichtweise auf die physikalische Naturwissenschaften im Allgemeinen und die Evolutionstheorie im Speziellen werfen möchten, ohne dass hier wieder der alte Streit zwischen Naturwissenschaften und Theologie bedient werden muss. Nagel scheint mir endlich einmal ein Wissenschaftler zu sein, der den Namen Wissenschaftler auch verdient, indem er einen Blick zurückwirft auf das was "wir haben" und das kritisch beschaut und völlig wertfrei feststellen muss, dass Darwin doch viel weniger zu erklären im Stande ist, als vielerorts unkritisch angenommen wird… Und das Ganze ohne Theologie. Das ist erfrischend, denn sonst war man bisher immer gezwungen, Partei zu ergreifen. Doch Nagels Kritik kommt aus dem naturwissenschaftlichen Denken selbst. Genial!
Genau betrachtet ist Nagels Buchtitel etwas unglücklich gewählt. Denn die bisherige naturwissenschafliche Konzeption ist nicht ganz falsch, sie ist nur unvollständig. Das aber zu einem nicht unerheblichenTeil. Zumindest, wenn es um mehr als die Frage geht, warum etwas zu Boden fällt.
Gegen Mitte des Buches - und das soll nicht verschwiegen werden - verlangt die Lektüre dem Leser viel Konzentration ab. Gerade wenn man aus einem anderen wissenschaftlichen Metier kommt. So muss man manche philosophische Begriffe nachschlagen, um dem Gedankengang weiter eng folgen zu können. Doch wenn man dies als Akt der eigenen Horizonterweiterung betrachtet, macht es sogar Spaß.
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29 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vernunftfähige Materie, 9. November 2013
Von 
Ulrich Müller "Philosoph" (Berlin, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Welche Theorie ermöglicht uns ein angemessenes „Verständnis des gesamten Kosmos und dessen Geschichte“ (11)? Der materialistische Reduktionismus von Biologie, Chemie und Physik leistet dies nach Thomas Nagel schon deshalb nicht, weil er kaum erklären kann, wie unwahrscheinlich und erstaunlich die Evolution lebendiger und vernünftiger Wesen in der Welt ist. Statt „einer vollständig mechanistischen Darstellung“ bedürfe es dafür auch „Prinzipien einer Größenordnung, die ihrer logischen Form nach eher teleologisch […] sind“ (17).

Eine solche Option verstoße zwar gegen den herrschenden Konsens der Naturwissenschaftler, stelle sich jedoch den Problemen der Wahrscheinlichkeit, mit denen jeder Versuch, die Entstehung von Leben aus toter Materie durch „zufällige Mutation und natürliche Auslese“ (19) zu erklären, konfrontiert sei.

Nagels Alternative besteht nun aber nicht in der Annahme eines höheren göttlichen Eingriffs in den Evolutionsprozess, sondern vielmehr darin, „den immanenten Charakter der Naturordnung komplizierter zu veranschlagen“ (24). Lebendiger Geist und seine Weiterentwicklung zu menschlicher Vernunft kann kein „nachträglicher Einfall“, „Zufall oder eine Zusatzausstattung“ (30) des Kosmos sein, sondern muss mindestens der Möglichkeit nach von Anfang an in der Natur angelegt gewesen sein.

Wenn also weder der evolutionistische Naturalismus noch der Theismus ein umfassendes Verständnis unserer selbst im Universum liefern können, wer oder was denn dann?

Die Neurobiologie ist nur eine kompliziertere Spielart der materialistischen Reduktion: Was die Gehirnforschung erklärt, vergleicht Nagel mit der physikalischen Erklärung eines Taschenrechners „für das, was passiert, wenn ich ‚3+5=‘ eintippe“, wodurch die Anzeige der Ziffer 8 verursacht wird. Doch dies sei eben „noch keine Erklärung dafür, warum der Rechner diese Antwort oder die richtige Antwort gab“ (79).

Was nun gänzlich außerhalb der Reichweite physikalischer Erklärungsversuche liege, sei das rationale Abwägen von Gründen und insbesondere das auf Werte gestützte Fällen moralischer Urteile durch vernünftige Wesen. Gegenüber dem Darwinismus sieht Nagel hier im Wesentlichen zwei alternative Begründungsmöglichkeiten: 1. Die subjektivistische Position, nach der unsere evaluativen und moralischen Wahrheiten „von unseren motivationalen Bereitschaften und Reaktionen“ (142) abhängen, und 2. die von Nagel favorisierte Position des Realismus, der von elementaren und selbstevidenten moralischen Wahrheiten ausgeht wie der, eine fühlende Kreatur nicht verletzen zu dürfen.

Aus eben diesem Werterealismus folgt für Nagel die Unzulänglichkeit des psychophysischen Reduktionismus und die Notwendigkeit eines Naturbegriffs, der neben materiellen Prozessen auch Raum bietet für organisches Leben, das Werte hervorbringt – und das in sowohl konstitutiver als auch geschichtlicher Perspektive. Ein zweckgebundener (teleologischer) Erklärungstyp wäre hier in der Tat, wie Nagel ganz richtig sagt, „eine Alternative zu einem Wunder“ (178).

Mir ist es völlig schleierhaft, wie dieses ebenso vorsichtig wie vorurteilsfrei argumentierende Buch dermaßen kontroverse Stellungnahmen auslösen konnte. Ein Blick auf die an Revolutionen und Paradigmenwechseln reiche Geschichte der Naturwissenschaften sollte doch dafür genügen, das aktuelle, weithin akzeptierte Bild der Natur nicht für sakrosankt zu halten. Und wer wollte es schließlich einem Philosophen verdenken, wenn er seine Verweise auf Erklärungslücken des psychophysischen Materialismus noch durch keine eigene ausgearbeitete Theorie vernunftbegabter Materialität ergänzt?

Ulrich Müller (Berlin)
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Thomas Nagels Kritik am Neo-Darwinismus, 19. Januar 2014
Von 
Lulu "Penny" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Der renommierte Philosoph Thomas Nagel übt in seinem Buch eine fundamentale Kritik am modernen naturalistischen Weltbild, für das er die unterschiedlichsten Begriffe verwendet: Materialismus, Naturalismus, evolutionärer Materialismus, Reduktionismus, psychophysikalischer Reduktionismus, um nur einige zu nennen, die mir aufgefallen sind. Damit gemeint ist das wissenschaftliche Weltbild, gemäß dem alle Vorgänge und Erscheinungen in unserem Universum durch Reduktion auf grundlegende physikalische Gesetze / Begriffe und (und das ist ganz entscheidend) den Neo-Darwinismus erklärbar sind. Dazu gehören ausdrücklich auch geistige Vorgänge und Zustände wie Gefühle, Bewusstsein, Gedanken, Verhalten etc. In diesem Sinne wäre ein solches Weltbild also vollständig. Es kommt ohne weitere Kräfte, intelligente Designer, Wunder, Götter, Engel etc. aus.

Besonders hart fällt Nagels Kritik am Neo-Darwinismus (der die Basis der modernen biologischen "synthetischen" Evolutionstheorie ist) aus. Insbesondere behauptet er, dass sich damit die Entstehung zahlreicher menschlicher Merkmale wie unser Bewusstsein nicht erklären lässt. Und damit hat er recht, denn mit "materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur" ist bei ihm ausdrücklich die ausschließlich auf Genen beruhende biologische Evolutionstheorie gemeint. Genau das ist aber letztlich auch die Schwachstelle des Buches und seiner Argumentation, denn die meisten der von ihm aufgeworfenen Probleme ließen sich vermeiden, wenn er stattdessen auf einer allgemeineren und zeitgemäßeren Variante wie der Systemischen Evolutionstheorie aufgesetzt hätte.

Evolution ist letztlich nichts anderes, als eine Form der natürlichen Informationsverarbeitung. Der erste - genetische Schritt bei dieser Entwicklung ist sogar relativ leicht nachzuvollziehen: Die Speicherung der Informationen erfolgt ausschließlich im Genom - einem sogenannten Replikator -, die Veränderung der Daten (die Verarbeitung) nur während der Fortpflanzung, z. B. durch Mutationen oder genetische Rekombination, die Bedeutungs- und Sinnzuweisung der Informationen (Semantik) durch Vervielfältigung der Replikatoren: Informationen, die sich erfolgreicher vermehren, sind in diesem Sinne "bedeutungsvoller".

Allerdings muss Evolution beziehungsweise natürliche Informationsverarbeitung nur auf der untersten Informationsebene auf Replikatoren beruhen. Mit der Weiterentwicklung über die reine genetische Manipulation hinaus ergeben sich völlig neue Evolutionsstrategien (z. B. Durchspielen verschiedener Alternativen im Kopf und bewusste Entscheidung für eine Alternative). Das Problem dabei: Der Darwinismus kennt keine davon, da er sich bis heute ausschließlich auf die genetische Weiterentwicklung beschränkt. Damit kann er jedoch nichts von dem erklären, was Thomas Nagel in seinem Buch bewegt. Wenn die viel effizientere evolutionäre Informationsverarbeitung, die sich bei Vorhandensein von Intelligenz und Bewusstsein auf natürliche Weise herausbilden kann und wird, mit Darwinistischen Konzepten nicht beschrieben werden kann, dann können dessen evolutionäre Vorteile auch nicht darwinistisch benannt werden.

Die darwinistische Selektion beruht bis heute auf einem Zwitterkonzept, in dem sowohl der Phänotyp als auch der Genotyp eine entscheidende Rolle spielen. Selektiert werden zunächst Merkmale, die eine höhere Fitness bewirken, und bei denen es sich um genetische oder umweltbedingte Varianten bzw. Modifikationen handeln kann. Evolutionär wirksam wird aber - gemäß Darwinismus - angeblich nur die Selektion erblicher Merkmale. Gegenstand der Selektion sind in diesem Sinne folglich nur die erblichen Merkmale, die zu einem Unterschied in der Fortpflanzungsrate führen können.

Dass dies - auch und gerade im Rahmen der von Thomas Nagel aufgeworfenen Fragen - zu kurz greift, lässt sich nachvollziehen.

Thomas Nagel deutet in seinem Text einige nichtreligiöse Alternativen zum "evolutionären Materialismus" an. Insbesondere lässt er durchblicken, dass möglicherweise auch "teleologische" Konzepte stärker in Betracht gezogen werden müssten. Die findet man in Evolutionstheorien allerdings ohnehin schon reichlich vor, wenngleich häufig versteckt und nur implizit formuliert. Zwar dürfte heute kaum jemand mehr ernsthaft annehmen, dass die Evolution selbst zielgerichtet operiert, sehr wohl aber die sie vorantreibenden Evolutionsakteure. Bei Darwin etwa geht es ihnen um Selbsterhalt und Fortpflanzung, bei Dawkins sind ihre Gene egoistisch und bei der Systemischen Evolutionstheorie sind sie bestrebt, komparative Wissensverluste zu vermeiden. Begründet wird Letzteres primär mit dem Phänomen der Zeit bzw. dem allgemeinen energetischen "Zerfall" unseres Universums, d.h. letztlich physikalisch und damit so, wie es innerhalb eines materialistischen Weltbildes gefordert wird. Die materialistische Antwort auf Thomas Nagels Bewusstseinsproblem könnte somit lauten: Wir haben Geist und Bewusstsein, weil wir in einem energetisch zerfallenden Universum mit unumkehrbarer Zeit leben. In einem solchen Universum kann es unter günstigen Bedingungen zur Evolution und damit zur Akkumulation von Wissen, zu Informationsverarbeitung und schließlich auch zu Bewusstsein kommen.

Dennoch 5 Sterne, da Thomas Nagels Kritik am modernen Darwinismus überfällig war. Er ist - im Kampf gegen kreationistische Strömungen - zu einer Art alleserklärenden Doktrin aufgebauscht worden, die er jedoch nicht ist. Gemäß Physiknobelpreisträger Robert B. Laughlin fungiert Darwins Lehre von der natürlichen Selektion deshalb in jüngster Zeit eher als Antitheorie (Siehe Abschied von der Weltformel: Die Neuerfindung der Physik, S. 248). Thomas Nagel bläst im Grunde in das gleiche Horn. Kein Wunder, dass dies einigen Kreisen, die Darwins Lehre zu einer Art antireligiöser Weltanschauung missbraucht haben, nicht gefällt.
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77 von 118 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Vom Philosoph zum Scharlatan, 27. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Ich kann es mir nicht verkneifen, gleich zu Beginn dieser Rezension auszuholen: Man sehe sich das Buch von dem renommierten Psychologen Wolfgang Prinz an: "Das Selbst im Spiegel". Prinz versucht darin, menschliche Subjektivität und Willensfreiheit als Produkte menschlicher Interaktion, also als reale kulturelle Konstrukte zu erklären. Prinz verzichtet völlig auf spekulative Faseleien wie "Geist in der Materie" oder naturteleologische Konzepte. Prinz hat es auch nicht nötig, wie ein Kreationist die Evolutionstheorie anzugreifen, nur weil sie seinem angeblich gesunden Alltagsverstand nicht einleuchtet. Prinz sucht nicht den Geist im Universum, nicht mal in den Neuronen. Kurzum: Wolfgang Prinz ist für mich ein seriöser Forscher und Denker, Thomas Nagel, was dieses Buch und Thema betrifft, nur noch ein Scharlatan.

Das Buch spaltet die Leserschaft in den USA und auch hier. Das liegt daran, dass man gezwungen wird, Stellung zu beziehen.

Da ist zum einen der Naturalismus. Der Philosoph Gerhard Vollmer hat diese Positon sehr gut umschrieben, Aufsätze von ihm findet man kostenlos im Netz. Minimalmetaphysik, erfahrungswissenschaftliche Methoden, Primat von Materie und Energie, Evolution, Naturgesetze, das sind die Stichworte. Für den Naturalisten geht alles mit rechten Dingen zu, Wunder lehnt er ab.

Und dann gibt es Positionen, die glauben, dem noch etwas hinzufügen zu müssen. Gott, Transzendenz, Telelologie, synthetische Sätze a priori, objektive Werte, Kants Einheit der Vernunft, die List der Vernunft, absolute Willensfreiheit, es gibt unzählige Möglichkeiten.

Die meisten Menschen (Philosophen eingeschlossen) entscheiden sich aus dem Bauch heraus für eine Position und versuchen dann nachträglich, Argumente dafür zu entwickeln bzw mit Argumenten die Gegenposition zu schwächen.

Nur richtige Naturwissenschaftler halten sich aus der Diskussion gerne heraus, zumindest bis zur Emeritierung. Für ihre Arbeit sind diese Fragen meist ohne Relevanz. Das ein Naturwissenschaftler privat eine Meinung dazu hat, darf man natürlich unterstellen.

Wenn ich Nagel nun richtig verstehe, läuft seine Weltsicht auf einen Panpsychismus hinaus. Erst jetzt bemerke ich, dass Nagel bereits 1976 ein Buch dazu geschrieben hat: Panpsychism. Der Ansatz ist natürlich keineswegs neu oder originell. Hoimar von Dithfurt hat in seinem Buch "Im Anfang war der Wasserstoff" ähnliche Vorstellungen zur Evolution verbreitet. In jüngerer Zeit hat der Philosoph Patrick Spät in seinem Aufsatz "Der Pansychismus. Eine Zukunft für mentale Ereignisse?, versucht, diese Position fruchtbar zu machen. Fortschritte sind jedenfalls keine erkennbar.
Hingezogen fühlt sich Nagel auch zur Naturteleologie. Teleologie bedeutet für Nagel "dass es zusätzlich zu physikalischen Gesetzmäßigkeit, wie sie uns vertraut ist, andere Naturgesetze gibt, die "zum Wunderbaren" neigen". Da wird dem Leser doch gleich warm ums Herz. Wie man diese Denkweise mit dem Holocaust oder Ersten Weltkrieg vereinbaren kann, verstehe ich nicht. Verräterisch, wie Nagel formuliert: "Ich bin mir nicht sicher, ob diese aristotelische Idee einer Teleologie ohne Intention sinnvoll ist, aber augenblicklich sehe ich nicht, warum wie es nicht sein sollte". Nagel weis um die argumentativen Schwächen seiner Position, fühlt sich aber dazu hingezogen.

David Attenborough berichtete mal über einen kleinen Jungen in Westafrika, durch dessen Auge sich ein Wurm ins Hirn fraß. In solchen Momenten, so Attenborough, sei ihm klar, dass die Natur keine göttliche Schöpfung sei, sondern das Produkt allgemeinen evolvierenden Überlebenskampfes. Denn ein Schöpfer, der sich sowas ausdenkt, müsste pervers und sadistisch sein, und sowas könne man nicht anbeten.

Zugegeben: Es gibt derzeit keine brauchbare Idee, wie zum Beispiel Qualia in das naturalistisch Weltbild zu integrieren wären.
Aber dann muss man eben weiter seriös theoretisch und empirisch arbeiten, unprüfbare Spekulationen bringen uns nicht weiter. Erklärungslücken belasten mich nicht, sind sogar zu erwarten. Warum sollte ausgerechnet unsere Spezies alle Rätsel des Kosmos entschlüsseln können?

Nagel argumentiert vage und unpräzise, weil er keine genaue Vorstellung hat, wie die erweiterte Methapysik aussehen könnte. Begriffe wie Geist oder Kosmos werden ständig verwendet, aber nicht definiert. Nagel verwendet den Begriff "Geist" so, als würde es sich um ein feststehendes, abgrenzbares, Ding handeln, ich dachte bisher immer, man wäre über dieser Denkweise weit hinaus. Witzig finde ich, auf welcher Basis Thomas Nagel über Naturwissenschaften schreibt. Offensichtlich stützt er sich in erster Linie auf populärwissenschaftliche Bücher. Kann man so tatsächlich auf höchstem Niveau philosophieren? Karl Popper hätte zu Lebzeiten mit einem Quantenphysiker auf Augenhöhe diskutieren können.

Sogar der Philosoph Markus Gabriel, der ansonsten zumindest verucht, das Buch positiv zu rezensieren (FAZ), muss einräumen, dass zentrale Begriffe nicht definiert sind. Gegenüber einem Philosophen (Begriffswissenschaftler) ein schwerwiegender Vorwurf.
Markus Gabriel kämpft selber gegen den plumpen Materialismus, verhält sich aber in seinem Buch "Warum es die Welt nicht gibt", viel geschickter: Er läßt den Naturbegriff der Physiker und Biologen, wie er ist, versucht erst gar nicht, sich mit Evolutionsbiologen anzulegen. Gabriel führt einfach weitere Sinnbereiche ein und rettet so die Phänomene. Dieser Ansatz scheint mir plausibler.

Der Ansatz von Nagel dagegen ist völlig zirkulär: Er verlegt Komplexität und Bewußtsein sozusagen in die Anfangsbedingungen des Universums zurück. Was damit gewonnen wird ist mir schleierhaft.

Fazit: Hier unterschätzt ein Lehnstuhl-Geisteswissenschaftler das naturwissenschaftliche, sich ständig selbstkorrigierende, Forschungsprogramm.

Man kann aber auch alles ganz anders sehen. Nur eines muss jeder zugeben: Das naturwissenschaftliche Forschungsprogramm ist extrem erfolgreich, wir alle umgeben uns mit technischen Geräten, die wir meist nicht selber verstehen, die aber das Resultat dieses Erfolges sind. Man muss schon etwas länger überlegen, um den Wert von Spinoza, Hegel oder Schelling für unser Leben zu erkennen.
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15 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Den Mund zu voll genommen, 25. Dezember 2013
Von 
Anton Weiß (Bad Aibling, Bayern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Ich bin auf das Buch gestoßen, weil in der Süddeutschen Zeitung Markus Gabriel Thomas Nagels „Geist und Kosmos“ als sein bedeutendestes Buch 2013 bezeichnet hat.
Da ich schon immer überzeugt war, dass die darwin’sche Sicht der Entstehung der Arten durch Mutation und Selektion unzureichend ist und glaube, dass ohne eine im Hintergrund befindliche geistige Intelligenz Welt und Menschsein nicht zu denken ist, habe ich sehr gehofft, durch dieses Buch stichfeste Argumente an die Hand zu bekommen, mit denen man eingefleischten Darwinisten etwas entgegenhalten kann.

Dann habe ich die Rezension von Openuser gelesen, was mich natürlich neugierig gemacht hat, denn die Kritik an Nagel, „Geist“ nicht definiert zu haben, geht fehl: Der Begriff Geist ist nicht zu definieren, denn definieren heißt eingrenzen, abgrenzen. Definieren kann man nur etwas, was eine begrenzte Gestalt hat und damit dem Bewusstsein begreifbar ist. Begreifbar – begrifflich darstellbar – aber ist nur etwas, das Gegenstand des Bewusstseins, also Objekt sein kann. Geist, so wie ich ihn verstehe, ist aber die Basis des Bewusstseins, also dessen Grund. Damit kann er nicht Objekt des Bewusstseins sein und ist damit nicht definierbar. Es ist das gleiche Verhältnis wie ein gemaltes Bild zu seinem Grund, dem Textilgewebe oder Papier. Würde das Bild seinen Grund zum Objekt machen, würde es zerfallen. Genau das ist das Verhältnis von Bewusstsein und Geist.
Der Verstand kann seine eigene Basis nicht erfassen; könnte er es, wäre der Verstand umfassender als der Geist. Das Wort ist lediglich eine Chiffre für die Überzeugung, dass es etwas Grundlegendes und Umfassendes gibt, das Welt und Mensch übersteigt. Mit Geist hat es die gleiche Bewandtnis wie mit der Welt, von der Markus Gabriel sagt, dass es sie nicht gibt, weil sie das Umgreifende ist, in der alles andere vorkommt, sie selber kommt aber nicht darin vor.
Die meisten Wissenschaftler und Philosophen, gerade überzeugte materialistische Darwinisten, sehen sich berechtigt, den Verstand als die einzig legitime Größe zum Verstehen der Welt anzusehen. Sie glauben, dass unsere Rationalität eine ausreichende Fähigkeit ist, alles im Leben zu verstehen und zu begreifen. Davon gehen sie selbstverständlich aus ohne es zu hinterfragen. Sie müssten aber zeigen, dass die Rationalität eine zureichende Fähigkeit ist. Das aber könnten sie nur mit dem Verstand, der Ratio, und damit wird das ganze hinfällig, denn wenn der Verstand zeigen soll, dass der Verstand die einzig richtige Größe ist, um Welt zu erfassen, dann ist das so, wie wenn die Polizei gegen die Polizei ermittelt. Jeder sieht, dass das nie objektiv sein wird.
Darüber hinaus ist das Vertrauen in den Verstand als solches naiv: Die meisten gehen davon aus, dass der Verstand ihnen ganz selbstverständlich zur Verfügung steht, was ein völliger Irrtum ist. Nur wenn man Geisteskrankheiten, Demenz und Alzheimer ignoriert, kann man aufrechterhalten, einen Verstand zu „besitzen“. Wir besitzen ihn nicht, sondern sind völlig von seinem Funktionieren abhängig. Aber auch das können/wollen die meisten gar nicht sehen.

Nun habe ich voller Erwartung das Buch gelesen und wurde gewaltig enttäuscht. Schon mit meinem Verständnis von Geist dürfte Nagel als Atheist (S. 138) nicht übereinstimmen, denn meine Auffassung von Geist kann man gleichsetzen mit Gott. Es ist völlig unerheblich, welches Wort man dafür wählt, wenn man sich nur darauf verständigen kann, dass es ein transzendentes, d. h. die Welt der Erscheinungen übergreifendes Prinzip gibt.

Was ist der Grund, warum jemand - wie Nagel - nicht das Wirken einer „umfassenden geistigen Quelle“ (S. 39) annehmen kann? Und worin besteht dann der Unterschied zu einem Geist, der „als ein fundamentales Prinzip der Natur“ angesehen werden kann (ebd.)? Weil man dann ein transzendentes Wesen annehmen muss? Ein transzendentes Wesen ist immer ein Denkobjekt des Menschen, wie auch jede Vorstellung von Gott. Da muss man sein Vorstellung von Gott hinterfragen, die immer unsere Vorstellung ist und Gott überhaupt nicht berührt. Warum also kann jemand nicht das Wirken einer umfassenden geistigen Quelle akzeptieren, einer Quelle, die so umfassend ist, dass sie vom Verstand des Menschen nicht erfasst werden kann, weil er ja ein Produkt dieser Quelle ist? Es wäre genau so, wie wenn ein Auto begreifen könnte, wie sein Erschaffer beschaffen ist. Es führt überhaupt kein Weg vom Auto zum Menschen, genau so wie keine Schlussfolgerung vom Menschen auf Gott möglich ist. Wir glauben, von uns aus, von unseren Fähigkeiten - hauptsächlich der Ratio - her, auf deren Ursache schließen zu können und denken uns am Anfang des Universums einen Geist oder Materie. Aber wir haben keine Ahnung, was das sein soll, weder vom Geist noch von der Materie.
Ich habe den Eindruck, Nagel vermeidet das Wort „Gott“ und ersetzt es durch „Natur“. Ich kann nicht sehen, dass damit etwas gewonnen ist: Wir verstehen beide nicht. Wer glaubt, „Natur“ zu verstehen, hat nur noch nicht gründlich nachgedacht.
Warum man sich sträubt, die Quelle, den Ursprung als Gott zu bezeichnen, dafür sehe ich den Grund weniger in der Geschichte des Christentums oder im Übel in der Welt – wie von vielen, auch von Openuser, argumentiert wird -, als im Selbstbewusstsein des modernen Menschen: In der Aufklärung wurde die Vernunft an die Stelle Gottes gesetzt, d. h. der Mensch hat sich an die Stelle Gottes gesetzt. Damit hat der Mensch Gott aus dem Mittelpunkt seines Denkens verdrängt und sich selbst an diese Stelle gesetzt. Der Mensch mit seinem Verstand und Willen sieht sich als Mittelpunkt und alles hat sich seiner Ratio, seinem Verstehen zu unterwerfen. Das ist die Ego-Haltung: Was nicht bereit ist, sich diesem Anspruch zu unterwerfen, hat keine Existenzberechtigung. Gott und Geist aber unterwerfen sich nicht diesem Anspruch, weil sie die Basis allen Seins sind. Darin sehe ich das große Problem derer, die Gott und Geist ablehnen und deshalb gezwungen sind, die Welt rein materialistisch, d. h. reduktionistisch zu erklären.
Nagel versucht nun, ohne auf Gott zurückzugreifen, den Spagat zwischen Materialismus und einem davon unabhängigen Bewusstsein. Mit Recht wird er daher angegriffen, weil es Geist ohne Gott nicht geben kann; es ist dasselbe. Wer das nicht zugestehen kann, wer also Geist, aber nicht Gott denken kann, muss sein Gottesbild überdenken. Für mich ist es völlig gleich, wie man das nennt, was der Grund, die Basis allen Seins ist, die als solche vom Sein und damit also vom menschlichen Bewusstsein, nicht erfasst werden kann. Welche Verpflichtungen sich daraus ergeben, steht auf einem anderen Blatt.

Wir können einfach nicht akzeptieren, dass es etwas gibt, das unser Begreifen übersteigt. Das halte ich für die Arroganz des rational festgelegten Menschen, und davon macht Nagel keine Ausnahme.

Nun glaubt Nagel, mit dem Begriff „Teleologie“ einen Mittelweg gehen zu können zwischen reduktivem Materialismus und einem religiösen Intentionalismus. Aber seine Versuche, teleologisches Denken ohne Bezug auf Gott zu begründen, sind kläglich. Was soll eine „kosmische Prädisposition“ (S. 176) sein? Häufig werden nur Behauptungen in den Raum gestellt: „höchst unplausibel“ (S. 15), dass „Vernunft ein irreduzibles Vermögen“ ist (S. 128), dass das „Leben nicht rein durch Zufall entstanden sein kann“ (S. 130), dass es „mit einer darwinistischen Konzeption … nicht zusammenpasst“ (S. 164) u. a., ohne dass der Versuch gemacht wird, diese Behauptungen nun zu begründen. Etwas als „so gut wie sicher falsch“ (S. 129) hinzustellen oder als „es ist schwer vorzustellen“ (S. 173) zeigt lediglich eine subjektive Meinung; es sind keine Argumente, die einen Andersdenkenden überzeugen werden.
Teleologische Spekulationen werden bloß als Möglichkeit dargestellt (S. 178), ohne dass ein solches Denken solide fundiert würde.
Es gibt keinen Mittelweg: Entweder steht ein intelligenter universaler Geist, den man auch als Gott bezeichnen kann, hinter dem Weltganzen oder alles ist nur zufälliges, blindes materielles Geschehen!

Eine grundlegende Frage scheint mir zu sein, „wie wir uns auf unsere Fähigkeiten, die uns umgebende Welt zu verstehen, verlassen können“ (S. 41). Kann aber jemand ernst genommen werden, der glaubt, „dass unsere Sinne verlässlich sind“ (S. 178)? In „Der trügerische Verstand“ habe ich durch Belege aus der Wahrnehmungsforschung aufgezeigt, wie unzuverlässig unsere Wahrnehmung ist, denn auch Markus Gabriel vertraut in naiver Weise auf die Zuverlässigkeit der Sinne. Man braucht nur an einen Film zu denken, um zu begreifen, dass ab einer bestimmten Bilderfolge das Auge nicht mehr fähig ist, die Einzelbilder wahrzunehmen. So leicht kann die Wahrnehmung und der Sehsinn getäuscht werden!

Auch der Versuch, von Werten her gegen den reduktionistischen Darwinismus zu argumentieren, überzeugt aus zwei Gründen nicht:
Erstens wird Gut und Böse an völlig unzulänglichen Beispielen, nämlich Lust und Schmerz, exemplarisch dargestellt. Weniger überzeugende Beispiele hätte man kaum finden können. Zweitens glaubt er als (naiver) Realist, dass Werte objektiv gegeben wären. Werte sind genau so wenig objektive Größen wie Sinn, Wahrheit, Schönheit etc.

Hat seine Quintessenz: ein allmählich erwachendes Universum (S. 125, 168) eine größere Evidenz als wenn ich sage: Ein unendlicher universaler Geist (Gott) manifestiert sich in der Endlichkeit der Welt? Ich kann es nicht sehen!

Mehr als ein Bekenntnis zu dem, wovon Nagel überzeugt ist, leistet sein nicht immer leicht zu lesendes Buch nicht. Es bietet nicht mehr, als verschiedene Denkmöglichkeiten durchzuspielen.

Nagel gehört in die Reihe naiver Realisten, als den ich Markus Gabriel bezeichnet habe. Der Realismus kann es offensichtlich nicht aushalten, dass es keine Wahrheit und damit auch keine Sicherheit im Leben und Denken des Menschen gibt. Gibt es nicht! Selbst wenn alle Menschen der gleichen Meinung wären, gäbe das keine Sicherheit. Damit müssen wir leben!

Zwei Sterne, denn das Buch hat mir geholfen, klarer zu sehen.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwere Kost, 17. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Für mich als Nicht-Philosoph war das Buch schwer zu lesen und ich musste mehr als einen Fachbegriff nachschlagen. Aber dennoch enthält es sehr interessante Gedanken zur Frage, wie die Welt entstanden und beschaffen ist. Und warum das gegenwärtige materialistische Weltbild so wie es ist nicht stimmen kann, bzw. unvollständig sein muss.
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28 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein Pamphlet gegen den Darwinismus, keine seriöse Philosophie, 30. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Dies ist kein konventionelles philosphisches Werk mit einer tiefschürfenden Entwicklung philosophischer Gedanken, schon der Titel: "Geist und Kosmos - Warum die reduktionistische neodarwinistische Evolutionstheorie so gut wie sicher falsch ist" zeigt die Intention klar. Es handelt sich um einen provozierenden philosophischen antidarwinistischen Beitrag. Der unerbittliche Streit um die Evolutionstheorie wird vor allem von Darwinisten (wie Richard Dawkins) und amerikanischen Kreationisten (Theisten) ausgefochten. Nagel schlägt als neues Konzept einen atheistischen wissenschaftlichen Realismus als Ergänzung der reduktionistischen Evolutionstheorie vor.

Nagel wirft Molekularbiologen und Neurobiologen vor, den reduktionistischen materialistischen Darwinismus als einzige mögliche Beschreibung des Evolutionsprozesses gelten zu lassen, der evolutionsbiologische Tatsachen auf die Gesetze der Physik und der Chemie und zwar nur auf diese reduziere.

Die angeführten Gründe für das neue Konzept sind jedoch nicht nachvollziehbar:

Nagel behauptet beispielsweise, der materialistische Ansatz sei unvollständig, da die physikalische Welt bewusste Organismen zu ihren erstaunlichsten Bewohnern zählt". Es liege auf der Hand, daß ziellose Mutation und Selektion keine gute Erklärung für die Entwicklung des Bewußtseins wären. Auch seien die menschliche Vernunft, die Entwicklung von Werten und die Fähigkeit vernünftigen Denkens durch den reduktionistischen materialistischen Naturalismus (bzw. Darwinismus) nicht zu erklären.

Die Schwäche der Argumentation Nagels besteht aus meiner Sicht darin, daß jener zu sehr den gesunden Menschenverstand als Ausgangspunkt seines philosophischen Realismus bemüht. Nach aller Erfahrung auf anderen Gebieten der Wissenschaft scheint mir dies außerordentlich naiv zu sein (siehe die klassische Physik, die viel besser zum gesunden Menschenverstand paßt als die heute gültige Quantentheorie). Der gesunde Menschenverstand ist nicht weit entfernt von magischem Denken, wie Nagel unfreiwillig durch seine Zustimmung zu einem Zitat von Scanlon, daß es frivol und frevelhaft wäre, einen alten Baum zu fällen, nur weil man eben mal die neue Kettensäge ausprobieren will", bestätigt.

Nagel schlägt als Lösung des Dilemmas (wie er es sieht) vor, die reduktionistische darwinistische Evolutionstheorie durch eine hypothetische atheistische Naturteleologie (auf der Basis des wissenschaftlichen Realismus) zu ergänzen, die im Evolutionsprozess über die Jahrmillionen neben den physikalischen Gesetzen wirksam gewesen sein könnte.

Wie problematisch einige Argumente Nagels sind, läßt sich beispielhaft an seinen Ausführungen zum Thema "Schmerz" zeigen.

Kurz zusammengefaßt lautet seine Argumentation: die "Wahrheit" des wissenschaftlichen Realismus zeigt sich darin, daß "Schmerz" sich einmal adaptiv zum Schutze der Lebewesen gemäß den Gesetzen des Darwinismus entwickelt habe, zum anderen es sich jedoch um einen allgemeinen objektiven (sic!) Wert handle, da Schmerz objektiv schlecht sei. Dieser allgemeine (objektive) Wert könne nicht darwinistisch selektiert worden sein.

Die materialistisch-darwinistische Evolutionstheorie wird von Nagel als Ideologie bezeichnet. Für Naturwissenschaftlicher ist die Evolutionstheorie keine Ideologie, sondern eine durch eine Vielzahl biologischer und molekularbiologischer Befunde etablierte wissenschaftliche Theorie. Selbstverständlich würden Naturwissenschaftler diese Theorie aufgeben oder modifizieren, wenn neue Beobachtungen der Theorie widersprechen würden, wenn sie also in der gängigen Form durch Forschungsergebnisse widerlegt würde (Falsifikation nach Popper).

Nun wäre es sicher falsch und unwissenschaftlich, wenn man fantasielos und krampfhaft an einer einzigen Theorie festhielte, selbstverständlich sollte man auch plausible alternative Hypothesen einschließlich des wissenschaftlichen Realismus offen diskutieren. Der Alternativvorschlag von Nagel, reduktionistischen Darwinismus und Naturteleologie zu kombinieren, ist aber ein kaum zu falsifizierendes (zu widerlegendes) spekulatives Konstrukt und für Forschungsprogramme in der Praxis ohne jeden Wert. Man könnte Nagel mit gutem Grund entgegnen, im Gegensatz zum Darwinismus, den er fälschlicherweise für ideologisch halte, sei sein eigener Vorschlag zutiefst ideologisch.

Daß der deutsche Philosoph Markus Gabriel dieses Buch empfohlen hat, ist für mich kein Grund, es zu loben. Die Empfehlung von Gabriel beruht wahrscheinlich auf seinem jüngst erschienenen Bestseller ("Warum es die Welt nicht gibt"), in dem er (auf hohem wissenschafftlichem Niveau) einen neuen Realismus vorstellt, wohl aber in Details doch hin und wieder etwas übers Ziel hinausgeschossen ist. Sein Statement für Nagel kann ich nur als taktische Schützenhilfe verstehen.
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23 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Inkompetenzkompensationskompetenz, 15. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch wirkt wie ein Lackmus-Test. Man liest es und weiß sofort, zu welchem "Lager" man gehört: "Science" oder "Humanities", Empirie oder Spekulation.
Der Philosoph Odo Marquard hat vor Jahrzehnten einen wunderbaren Aufsatz über die "Inkompetenzkompensationskompetenz" der Philosophie verfasst. An den musste ich beim Lesen des Buches von Nagel denken. Marquards These: Bis vor etwa 200 Jahren waren die Philosophen für alles zuständig bzw. kompetent, auch für die Wissenschaften (siehe z.B. Hegel, der auch noch über Elektrizität schrieb - sehr witzig übrigens !). Dann haben die empirischen Wissenschaften der Philosophie peu à peu die Kompetenzen abgenommen, bis so gut wie nichts mehr übrig war, außer eben jener umfassenden Kompetenz, die eigene Inkompetenz zu kompensieren. Klingt kompliziert ; ist aber ganz simpel.

Die Inkompetenzkompensationskompetenz im Falle von Herrn Nagel besteht nun darin, am Spielfeldrand zu stehen, den Wissenschaftlern, die sich täglich abmühen, Probleme zu lösen und Fragen zu beantworten zuzuschauen, und das Ganze dahingehend zu kommentieren, dass das alles noch ziemlich unvollständig sei. Das Rätsel des Ursprungs des Lebens sei noch nicht gelöst (Klar, Mann, das wissen wir). Das Bewusstsein, insbesondere dessen Qualia-Aspekt, sei immer noch rätselhaft, aller Bemühungen der Hirnforscher zum Trotz (auch das ist unbestritten).

Was folgt daraus ? Nichts. Die empirische Wissenschaft ist ein nie endendes Sich-Abmühen im Nebel des Nichtwissens. In den letzten 200 Jahren haben die Leute aus der Abteilung "Science" schon unendlich viel mehr an Erkenntnis zusammengetragen als alle die Philosophen, Theologen und Mystagogen der letzten 3000 Jahre zusammen. Und dann kommt Herr Nagel und weist uns mit großer und wichtigtuerischer Geste darauf hin, dass es auf der Landkarte der Empirie noch weiße Flecken gibt. Und deutet als eigenen Beitrag zu einer Lösung an, mit einer Art von Panpsychismus zu sympatisieren! Die Welt habe gewissermaßen eine geistige Innenseite, die die Evolution vorangetrieben habe, die die Objektivität der Werte gewährleiste und sich im Menschen eben als Bewusstsein manifestiere. Woher Herr Nagel das weiß ? Das kann er uns nicht sagen. Aber gut klingt's allemal, und das ist im Milieu der Denker die Hauptsache. Zudem gehört der "Geist" seit Platon selig zum abendländischen Begriffs-Inventar, da muss man nichts mehr erklären. Die Denker nicken sich wissend zu. Und für sie ist das Buch auch geschrieben.

Jenseits der Wissenschaft hat jede Fraktion ihren Universal-Joker, der die Erkenntnislücken zuverlässig schließt: So wie Kreationisten immer den Joker "Gott" aus dem Ärmel ziehen, sobald es irgendwas zu erklären gibt, oder die Esoteriker ihre "Energie" und ihre "Schwingungen", so ziehen Philosophen wie Nagel gerne den Joker "Geist". Nichts davon erklärt irgend etwas. Man kann "Geist" nicht einmal klar definieren, bestimmen, geschweige denn damit was erklären.

Das Buch ist für alle Freunde und Mitstreiter der „Humanities“, die immer noch unter dem Phantomschmerz der verlorenen Kompetenzen leiden. Kein Wunder, dass Leute wie Safranski oder Markus Gabriel, der neue Shootingstar der Philosophie, dieses Buch in höchsten Tönen loben. Für alle, die sich aber nicht mit gelehrtem Gerede zufrieden geben wollen, ist es nichts.

(PS: Mein Tipp: Lesen Sie die Bücher von Metzinger, und Sie werden das rätselhafte Phänomen des Bewusstseins ein klein wenig besser verstehen. Oder greifen Sie zu Gerhard Schurz' "Evolution in Natur und Kultur", dies ist ein Philosoph, der die Tatsache der Evolution - als Philosoph! - ernst nimmt, anstatt mit hohlen Phrasen daran herumzumäkeln.)
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40 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Spekulation mit erheblicher Argumentationsschwäche, 20. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (Gebundene Ausgabe)
Nagel geht davon aus, dass Naturwissenschaftler durchgehend behaupten, alle Phänomene, also auch Gefühle, Gedanken, Bewusstsein und Verhalten, seien vollständig erklärbar durch materielle Faktoren. Dieses Axiom hält er für "höchstwahrscheinlich falsch". Nagel hält diesen Wissenschaftlern vor, ihre Ideologie über den Wirklichkeitssinn zu stellen. Er hält es für unmöglich, dass sämtliche Phänomene des Geistes unter physikalische Konzepte subsumiert werden können. Die Evolutionstheorie sei nicht falsch, aber ungenügend (das klingt schon anders als der Untertitel). Er behauptet, aus dem Prinzip von Mutation und Selektion könne nicht erklärt werden, wie aus Anorganischem organisches Leben entstand, aus einfachen Systemen komplexe wurden und Instinkt in Verstand und Bewusstsein mündete. Er behauptet, der Mensch habe nicht zufällig Bewusstsein. Er möchte die Lehre Darwins ergänzen durch teleologische Hypothesen, die er eine "kosmische Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und Werten" nennt. Teleologie heißt, dass alle Dinge in den vergangenen Jahrmilliarden geschahen, weil sie auf dem Weg zu diesem einem Ziel der Bewusstwerdung des Menschen liegen.

Nagels Folie, auf der er schreibt, ist ein Unbehagen am Materialismus. Seine Teleologie ist explizit nicht gottesbasiert. Was ist sie dann? Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten, entweder ist sie idealistisch oder metaphysisch. Den Materialismus lehnt er als unvollständig ab. Bleiben Idealismus und Metaphysik, und in der Tat ist Teleologie reines Wunschdenken noch vor aller Wissenschaft. Nagel denkt selbst idealistisch, wie er es den Naturwissenschaftlern vorwirft. Er kritisiert das vorherrschende naturwissenschaftliche Weltbild und bezieht dafür intellektuelle Prügel von den Materialisten. Nagel konstatiert selbst, dass er nicht ernst genommen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass er zentrale Begriffe wie Kosmos, Welt, Natur als Ganzes, Realität und Welt als Ganzes nicht definiert. Das Universum sei allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst geworden. Ein abenteuerlicher Gedanke. Es setzt „das Universum“ als lebendes, einheitlich handelndes Individuum voraus, das angeblich seit Jahrmilliarden daran arbeitet, sich selbst zu erkennen. Der Mensch wird so zum Werkzeug einer übergeordneten, gigantischen Macht, ein Mittel zum Zweck. Allein das dürfte aufgeklärte Menschen abstoßen und widerspricht auch unserer Vorstellung von menschlicher Würde. „Die Natur“ als Gesamtsystem hat tatsächlich Bewusstsein und Gedächtnis irgendwie „erzeugt“, aber nichts spricht dafür, dass dies von vornherein so festgelegt war. Hier zeigt sich eine weitere Schwachstelle der Nagelschen Argumentation: sein Determinismus.

Richtig ist, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, die Subjektivität zu transzendieren und zu entdecken, was „objektiv der Fall“ ist. Nagel bezieht das nun aber nicht auf die Evolution oder die Gravitation, sondern auf den Bereich der Werte. Werte hätten eine eigenständige Realität, die sich nicht auf eine materialistische Grundlage reduzieren lassen. Die Frage ist also: Existieren die Werte auch unabhängig vom Menschen? Nagel würde das bejahen, aber die Gegenargumente sind erdrückend. Ohne lebendigen Körper und ein funktionierendes Gehirn können Werte nicht erkannt und gelebt werden; selbst wenn es sie gäbe, sie sind dann faktisch inexistent, weil unerschaut. Das Argument lässt sich an der Frage der Existenz Gottes exemplifizieren: Existiert Gott, wenn es den Menschen nicht gäbe? Der Beweis dafür ist praktisch nicht anzutreten. Nach Karl Popper handelt es sich um eine nichtfalsifizierbare und damit unwissenschaftliche These. Das gilt rundum für Nagels Hypothesen.

Nagels Thesen funktionieren nur, weil er einen Popanz namens materialistische Naturwissenschaft aufbaut. Es mag ja einzelne Wissenschaftler geben, die auch Gefühle, Bewusstsein und Werte durch die materiellen Faktoren der Hirnphysiologie erklären wollen. Ihnen muss man keineswegs zustimmen und sie sind vielfältig und mit guten Argumenten kritisiert worden. Zieht man diesen Popanz ab, bleibt von Nagels Argumentation nicht viel übrig. „Geist und Kosmos“ ist weit davon entfernt, ein Alternativkonzept zum sogenannten psychophysikalischen Reduktionismus und zur Evolutionslehre zu sein. Den qualitativen Sprung von der Neurophysiologie und Molekularbiologie zu Seele und Geist will auch er nicht erklären. Nagel hält eine solche Erklärung für prinzipiell unmöglich, aber das wird sich vielleicht in den nächsten 20 oder 30 Jahren anders darstellen.

Die Evolution ist keine Theorie, sondern eine Tatsache, ebenso wie beispielsweise die Gravitation. Die Mechanismen der Evolution wurden seit Darwin vielfältig beschrieben und haben deutliche Umwandlungen und vor allen Dingen Verfeinerungen und Ergänzungen erfahren. Es gibt durchaus Experimente und Hypothesen, wie aus anorganischer Materie organisches Leben entstanden sein könnte. Steven Jay Gould und andere Darwinisten und Evolutionsbiologen haben vielfältige Belege dafür gesammelt, dass die Entstehung des Menschen auf einer Reihe von völlig unwahrscheinlichen Zufällen beruht. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit lag nahe bei null, war aber nicht null.

Nagels These, es gebe eine kosmische Disposition zur Entstehung von Bewusstsein, muss deutlich widersprochen werden. Die Evolution ist nicht auf Vervollkommnung und Höherentwicklung angelegt. Es gibt keine Teleologie in der evolutionären Entwicklung. Wenn es ein klares Ziel der Evolution gibt – den Geist und die Werte –, warum hat sich die Evolution dann damit so lange Zeit gelassen? Und woher will Nagel wissen, dass der menschliche Geist die letzte Stufe der Evolution ist? Könnte es nicht noch weiterführende teleologische Ziele der Evolution geben, von denen wir keine Vorstellung haben?

Nagels Kritik an der Evolutionstheorie basiert erneut auf einem Popanz, nämlich dem, Evolution könne "alles erklären". Es gibt keinen Evolutionsbiologen, die dies behaupten würde, und wenn es jemand täte, repräsentiert er allenfalls eine Minderheitenmeinung. Die Evolutionstheorie ist wie jede Theorie (einschließlich Nagels) unvollständig; es ist aber ein gedanklicher Kurzschluss daraus zu folgern, sie sei „mit ziemlicher Sicherheit falsch“. Es gibt nach wie vor Lücken in den materialistischen Naturwissenschaften. Diese Lücken sind unter den Fachleuten bekannt. Der gute Wissenschaftler ist sich der Grenzen seines Fachgebietes bewusst.

Nagel mag andernorts als seriöser Philosoph gelten, doch das heißt nicht, dass seine Thesen oder Hypothesen höhere Plausibilität genießen als die seiner Widersacher. Er glaubt, die Wirklichkeit besser darstellen zu können als die Naturwissenschaftler. Das ist anzuzweifeln. Es gibt keinerlei Beweise für seine theologische Sichtweise außer seiner Gutgläubigkeit, die er „objektiven Idealismus“ nennt. Sein Gedankengebäude hat ebenso große Lücken wie die der materialistischen Wissenschaft. Er problematisiert scharfsinnig die Naturwissenschaften, aber umgekehrt lässt sich seine Teleologie ebenso gut auseinandernehmen. Er ist insofern kein rundum guter Wissenschaftler, als er die Gegenargumente nicht mit den seinigen abcheckt. Er bleibt damit ein Provokateur, den man nicht allzu ernst nehmen muss.

Gewidmet Dr. Gert Janssen
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Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist
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