Kundenrezensionen


2 Rezensionen
5 Sterne:
 (1)
4 Sterne:
 (1)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

4.0 von 5 Sternen Zur Bedeutung von Bourdieus algerischen Anfängen, 30. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Algerische Skizzen (Gebundene Ausgabe)
Bourdieu, Pierre (2010 [2008]): Algerische Skizzen. Hg. v. Tassadit Yacine. Berlin: Suhrkamp.

Dieses Buch, das Texte des jungen Pierre Bourdieu (1930-2002) versammelt, die während seiner Zeit in Algerien (1954-1959) entstanden sind oder kurz darauf auf seine algerischen Erfahrungen rekurrierten, ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich.

Zum einen tobte der algerische Unabhängigkeitskrieg (1954-1962), als Bourdieu seinen Militärdienst ableisten musste, den er freilich zu systematischen ethnologisch-soziologischen Feldstudien im Rahmen französischer Forschungsinstitutionen zu nutzen wusste. Man erfährt darum – über die unmittelbaren Themensetzungen der einzelnen Aufsätze hinaus – viel über die komplexen sozialen Situationen im kriegsgebeutelten Algerien. Die Zwischenüberschriften, die der Herausgeber Tassadit Yacine eingefügt hat, um die einzelnen Schriften Bourdieus zu gruppieren, betonen diesen Sachverhalt mehrheitlich: Kolonisierung, Kultur und Gesellschaft; Krieg und gesellschaftliche Umbrüche; Arbeiter und Bauern in Verzweiflung; Ethnologie der Kabylei; Eine reflexive Bestimmung der Anthropologie; Zurück zur algerischen Erfahrung.

Zum anderen ist das Buch auch in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht von großem Interesse. Schon an diesen frühen Arbeiten lässt sich nämlich Bourdieus intellektuelle Entwicklung ablesen, und sein weiterer Lebensweg zeichnet sich in ihnen bereits deutlich ab: vom Philosophen, der mit der Philosophie hadert, zum Ethnologen, der die algerische Ethnologenschule ob ihres manifesten Rassismus heftigst kritisiert, aber ungemein angezogen wird von der relativistisch argumentierenden strukturalen Anthropologie, die mit Claude Lévi-Strauss erst kürzlich auf der französischen Wissenschaftsbühne aufgetreten war, schließlich zum Soziologen, der seinen Blick kritisch auf die Eigentümlichkeiten der eigenen französischen Gesellschaft zurückwendet und sie, genährt von den reichhaltigen Außenerfahrungen, umfassender und adäquater zu beschreiben vermag. Gleichwohl, so scheint mir, ersetzte für Bourdieu zeitlebens nie die eine Disziplin die andere, sondern philosophische, ethnologische und soziologische Perspektiven blieben in seinem Denken permanent präsent, sich gegenseitig befruchtend und einander ergänzend. Vielleicht besteht darin der Schlüssel, um die Besonderheit und Einzigartigkeit – andere würden vielleicht sagen: die Undiszipliniertheit – von Bourdieus Denken zu erklären? Jedenfalls kommt seinen algerischen Erfahrungen in diesem Zusammenhang durchaus prägende Bedeutung zu.

Herrschaftskritik, so zeigt sich hier, und die Reibung an etablierten hierarchischen Ordnungen bilden eine Konstante im Gesamtwerk Bourdieus, von Anfang an. Was diese algerischen Skizzen freilich noch sehr deutlich unterstreichen, ist die Tatsache, dass der kritische Geist, für den Bourdieu berühmt und, in Teilen der wissenschaftlich etablierten Kreise, auch berüchtigt ist, sich sehr wesentlich seiner persönlichen Erfahrung widerwärtiger kolonialer Realitäten verdankte, sowie im Rahmen seiner aktiven Unterstützung der antikolonialen Anliegen Algeriens entwickelt wurde.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Bourdieus Lehrjahre, 15. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Algerische Skizzen (Gebundene Ausgabe)
Rezension: Pierre Bourdieu: Algerische Skizzen. Suhrkamp, 2010.

Dieses Anfangswerk dient als Basislager um Bourdieus frühe Klassiker 'Theorie der Praxis' und 'Sozialer Sinn' nachvollziehen und entschlüsseln zu können. Zur Werk-geneseee selbst; der Philosoph Bourdieu ist wie so viele junge Franzosen (über 1,7 Mio) strafversetzt (wegen Disziplinmängel!) worden nach Algerien; genauer in die Kabylei. Es ist 1958, der französische Imperialismus liegt in den letzten Zügen (Algerien erklärte 1962 seine Unabhängigkeit) wie auch die marode französische Armee. Der ungewöhnliche Habitusmix aus bäuerlichem 'immer was tun müssen um nützlich sein zu können' und 'akademischen Idealen der Aufklärung, Wahrheit und Kritik' verpflichtet zu sein treibt den jungen Bourdieu tagsüber an sich den ethnologisch-anthropologischen Forschungen (eben Skizzen anzufertigen) nur so nebenbei zu widmen, während er allabendlich an seiner Dissertation 'übers innere Zeitbewusstsein und Gefühlserleben' schreibt mit dem Ziel, eine Karriere als Philosoph anzugehen. Als Philosoph zog er in den Krieg, der die französische bürgerlich-imperialistische Ordnung durchsetze und verteidigte und kam zurück als Sozialwissenschaftler, der genau diese Herrschaft samt ihrer Mechanismen in Frage zu stellen begann. Der Krieg bewirkte oder beschleunigte seine Transformation (als symbolische Umwertung aller Werte) von der grauen (philosophischen) Theorie zu der blutigen Kriegsalltagspraxis, die er aktiv mittels seiner Forschungen ändern wollte mittels 'bescheidener' sozialwissenschaftlicher Waffen. Der selbe Prozess den er in der Kabylei kennen lernt und beschreibt, ereignete sich nochmals innerhalb seiner eigenen mentalen Strukturen. Der junge Bourdieu begreift die 'Gewordenheit' der modernen kapitalistisch-imperialen Welt insbesondere wie diese die gemeinschaftlich traditionelle Lebenswelt kolonialisiert hatte, analog zu dem was in der Kabylei geschah und beginnt diesen scheinbar unabwendbaren Prozess in Frage zu stellen, indem er insbesondere die Kolonialisierungstechniken, Ausbeutungsweisen und Herrschaftsmittel beschreibt. Sein sozialpsychologisches Interesse liegt an den Übertragungsprozessen von normativen sozialen Strukturen mittels psychisch-kognitiven klassifizierenden Taxonomien. In diesem Frühwerk sind Anzeichen angelegt, die sich später zu Symbolformen (seiner eigenen Begrifflichkeit) erst entfalten werden. Dieses Werk ist als eine Sammlung von Texten einzuordnen, die er zwischen 1957 und 1960 verfasste, während er schon anfing an der Universität Algier Philosophie und Soziologie zu lehren. Bourdieu kartographiert und archiviert eine traditionelle Kultur die bald kolonialisiert, zerstört und aufgelöst wird ohne zu romantisieren, idealisieren oder zu schwärmen. Ihm gelingt ein realistisches materiell strukturalistischer (unter den Einfluss von Levi-Strauss von dem er sich jedoch bald abwendet) Blick, indem er eine Ethnosoziologe oder soziologische Ethnografie begründet. Seine Untersuchungen sind nicht nur die, der traditionellen bäuerlichen Kultur sondern bezeugen ebenfalls deren Übergänge zu einem städtischen Subproletariat ( fast 3 Mio. Umsiedlungen von Land in die Stadt während dieser Zeit ereigneten sich). Es werden die Umbrüche der Werte, Lebensweisen, Wirtschaftsweise, Lebensstile beschrieben, die umher gehen und korrelieren mit der ebenfalls erfolgten Änderung der kognitiven Wahrnehmungstaxonomien. Das Buch ist jedoch nur bedingt geeignet als Einstieg ins Bourdieusche 'Oevre'und empfiehlt sich als eine Werkvertiefung, die den intellektuellen Werdegang des Autors eingehender verstehen lässt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Algerische Skizzen
Algerische Skizzen von Pierre Bourdieu (Gebundene Ausgabe - 19. Juli 2010)
EUR 32,90
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen