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TOP 500 REZENSENTam 24. August 2014
Der Philosoph und Schriftsteller Peter Sloterdijk überzeugt Philosophenkollegen weniger leicht als das Publikum. Woran liegt das? Da er gegen staatliche Ansprüche Einspruch erhebt, für die Stärkung von Bürgerrechten eingetreten ist und viele vernünftige staatsbürgerliche Auffassungen vertritt, habe ich den Verdacht, daß das vielleicht nicht in erster Linie an seinen Argumenten liegt, sondern eher damit zusammenhängt, daß er in einer so besonderen Weise sprachmusikalisch ist, daß man an sich halten muß, um nicht neidisch zu sein.

Das Buch, dessen unbescheidener Titel freilich Argwohn weckt, versammelt Aufsätze, Reden und Gespräche und ist ein Nachdruck aus dem Jahr 2007. Man erfährt Sachen, die man gar nicht wissen wollte, ist am Ende aber doch dankbar für die unerwarteten Anregungen. Köstlich gar seine Persiflage "Bekenntnisse eines Verlierers". Hier der Anfang der lesenswerten Läuterung des Verlierers zum "positiven Denken":

«Meinen längsten Irrtum — ich habe ihn durchschaut. Ich musste vierzig Jahre alt werden, bevor mir endlich die Augen aufgingen. Von Kindheit an hatte ich unter dem Vorurteil gelebt, man müsse unter allen Umständen die Wahrheit sagen. Wahrhaftigkeit allein, so machten sie mir vor, ermöglicht gutes Leben. Wahrheit macht frei, sagten die einen, Wahrheit macht glücklich, behaupteten die anderen. Ich habe ihren Rat beherzigt. Mein Leben verlief in den Bahnen des unauffälligen Unglücks. Niemand erklärte mir, dass ein guter Mensch über den mittleren Dienst nicht hinauskommt. Ich ging den Weg der grauen Mehrheiten, die sich nichts vormachen können und alles zugeben. Dann kam die Wende, mit der mein Leben neu begann. An einem schicksalsträchtigen Wochenende ging mir die Wahrheit über die Wahrheit auf. Nun wird mich nie mehr jemand dazu bringen, auf meine eigenen Kosten ehrlich zu sein. So viel will ich Ihnen verraten: Ein guter Tag beginnt mit einer starken Lüge. … »

Bei seiner Paraphrasierung des Lügens kommt Sloterdijk zur Freude der Leser in bekannter Weise in Fahrt und führt weiter aus:
• Lügen ist nichts als eine alteuropäische Fehlbezeichnung für das Experimentieren mit kontrafaktischen Aussagen
• Ein Lügner ist lediglich ein Prophet, der Pech gehabt hat …
• Ein Mensch, der nicht die schlichte Wahrheit sagt, ist … jemand, der beim Noch-Nicht-Wirklichen Kredit aufnimmt.
• Lügen heißt: mit semantischen Schulden leben.
• Die Grundform spekulativer Wahrheit unserer Zeit ist das »Projekt« - Der Wurf des Willens, der sich ins Kommende, Gewünschte, Geforderte vorausprojiziert. Der Lügner von einst wäre in dieser Sicht der Prototypus des Unternehmers - ein Pionier der 3-D-Realitäten, erfahren in der Kunst, durch Tatsachen noch nicht gedeckte Sätze zu lancieren, bis aus der Summe kohärenter Fiktionen eine Art von Wirklichkeit geworden ist.

DIE SPRACHMAGIE DER DIAGNOSTIKERS
Sloterdijk ist vor allem ein scharfsinniger und wortgewaltiger Zeitdiagnostiker. Daß er die Leiden der Gesellschaft nicht erschöpfend analysiert oder zu assoziativ argumentiert, mögen die einen ihm vorhalten. Unbestreitbar ist die Sprachmusikalität, mit der er das tut und mit der er verengte Diagnoseräume erweitert und aufhellt. Insbesondere das psychologisch rezeptive Publikum weiß das zu schätzen. Genauso wie ein Patient, der leidet, aber nicht weiß woran, schon dankbar frohlockt, wenn der Arzt in überzeugender Form endlich die Diagnose verkündet. Natürlich ist das erst der Anfang, aber Publikum und Patient wissen um die Magie des Beginns. Gelingt er, trägt er schon die Zuversicht für die Heilung. So hat ja auch einmal - nach Auskunft von Paul Watzlawick - die ärztliche Diagnose "moribundus" einen des Lateinischen unkundigen Patienten bezaubert und gesunden lassen ;-).

FAZIT
Bei aller Wertschätzung für Sloterdijks Sprachmagie gibt es doch Abzüge. Der erste ist allgemein, der zweite betrifft nur seine Fangemeinde:

1. Aufdringlicher Titel
Der Titel klingt für sich genommen wunderbar und könnte Programm für eine Monographie sein. Für eine Textsammlung ist er einfach nur bombastisch und aufdringlich. Auch der warnende Untertitel "Schriften zur …" kann die Enttäuschung nicht verhindern. Bei einem Autor, wo man sonst denkt, daß er jedes Wort überlegt und wenn kein passendes zuhanden ist, ein neues erfindet, wendet sich hier die um einen Tick überdrehte Sprachverliebtheit gegen ihren etwas zu unbescheidenen Schöpfer. Übertreibung ist eigentlich Domäne der Politik und so läßt sie einen glatt Verständnis für die Kritiker des Autors gewinnen, auch wenn die (ohne das zuzugeben) eher in weltanschaulicher Opposition zu ihm stehen dürften.

2. Haltung verloren?
Autoren werden auch wegen ihrer Haltung geliebt. Sloterdijk u.a. wegen seiner Unangepaßtheit und seines staats- und politikkritischen Geistes. Argumente werden gemeinhin gleich in mehrfacher Hinsicht überschätzt. Mit guten Argumenten läßt sich auch der deutsche Staatsapparat weder zu notwendigen Reformen (Steuersystem, Länderreform, Reform des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks) hinbringen noch von seinen aberwitzig kleinkarierten im kulturellen Umfeld abhalten. Haltungsverlust ist daher am allerwenigsten eine Petitesse. Mit Blick auf sein für ihn sonst ganz untypisches KMK-Deutsch erweckt Sloterdijk in diesem Buch den Eindruck, er sei auf späte Tage doch noch staatsfromm geworden und habe ausgerechnet unter ästhetischer Flagge einem häßlichen Imperativ Folge geleistet.
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am 5. August 2014
Ich schätze S. sehr, immer überquellend vor Wissen und bisweilen brillante Einfaelle.
Dies Buch ist aber eine Ansammlung aufgeblasener, in die Breite getretener Vortraege und Aufsaetze mit inkohärentem Zusammenhang zum Thema.Offenbar muss S. doch mehr Vortraege halten, als er Substanz zu vermitteln hat. Das einzig Gute ist das Nachwort von Peter Weibel, der mit S.s Beitraegen aber auch kaum was anzufangen wusste.
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am 21. September 2014
Lässt man manche selbstgefällige Wortakrobatik und Schöngeistigkeit beiseite - einfach genial! Sloterdijk ist ein äußerst scharf und tief denkender Mystiker in der Tradition von Meister Eckhart. Selten werden das horizontale und das vertikale Sein so eng miteinander verbunden, ohne das Eine dem Anderen zu opfern. Von Sloterdijk wird man in 100 Jahren, vielleicht schon in 50, als dem Zarathustra der dritten Jahrtausendwende reden.
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