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47 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wut
Inhalt
Der Roman gibt Aufstieg und Fall des Romanhelden Johann Holtrop wieder. Im ersten Kapitel erleben wir einen Topmanager auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Vorstandsvorsitzender der Assperg AG (Bertelsmann). Der wundersam Aufsteigende entfernt, unter fragwürdigen Umständen, den Leiter einer Außenstelle des Konzerns in Krölpa. Ebenjene...
Vor 24 Monaten von Thomas Gebauer veröffentlicht

versus
98 von 123 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen LABER-LITERATUR
Er kann es nicht: Romane schreiben. Hat es nie gekonnt. Schon „Irre“, sein bekanntestes Buch, das auf den Spuren Bennscher und Bernhardscher Verstörungen eindrucksvoll begann, wurde im letzten Drittel zum hechelnden Kulturbetriebsgefasel – das berüchtigte „Loslabern“…

Und „Johann Holtrop“? Manager sind...
Vor 22 Monaten von Bücher-Bartleby veröffentlicht


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98 von 123 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen LABER-LITERATUR, 12. November 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Er kann es nicht: Romane schreiben. Hat es nie gekonnt. Schon „Irre“, sein bekanntestes Buch, das auf den Spuren Bennscher und Bernhardscher Verstörungen eindrucksvoll begann, wurde im letzten Drittel zum hechelnden Kulturbetriebsgefasel – das berüchtigte „Loslabern“…

Und „Johann Holtrop“? Manager sind gierig nach Macht und Geld und kriegen den Hals nicht voll: Wer zu dieser Einsicht noch nicht selbsttätig gelangt ist, kann sich hier belehren lassen. Die meisten aber sind von der totalen Korruptheit der Geldelite doch längst überzeugt. Hier bekommen sie ihre Bestätigungslektüre. Deshalb ist „Johann Holtrop“ gerade in seiner Totalkritik ein total affirmatives Buch.

Und es ist langweilig. Verstolperte Prosa, die nur Goetz-Schwärmer für kraftvoll halten. Reizwörterkauderwelsch: „...und die strukturelle Kaputtheit des Systems der Verachtung erzeugte bei ihm vor allem Überlegenheitsgedanken...“ „Holtrop fand den paranoid pedantischen Detaillismus von Blaschke pervers.“ Usw.

Goetz will ganz, ganz böse sein. Aber er macht seine Figuren so klein, dass sich der Kampf gegen sie nicht lohnt: nichts als Strichmännchen in Nadelstreifen. Da fehlt der Instinkt eines Romanciers, der seine Figuren erst einmal aufbaut, bevor er sie niederreißt.

Und die Handlung ohne erzählerische Dynamik, immer nur additiv: noch ein Meeting und noch eine Sitzung und noch ein Stehempfang und noch eine kleine Konspiration: kein Gesellschaftsroman, sondern literarisch aufgebrezelter Gesellschaftsklatsch.

Die notorischen Verweise auf real existierende Personen haben nicht die schräge Komik eines Joachim Lottmann, bei dem sich Goetz diese Manier offenbar abgeschaut hat. Sie kaschieren die Beschreibungsschwäche. Da hat jemand ein ticartiges Zucken im Gesicht, „wie man das von Finanzminister Eichel her kannte…“ Man stelle sich vor: Ein Musil oder Mann oder Döblin hätte die Eigenheit einer Figur dadurch plausibel zu machen versucht, dass er behelfsweise auf irgendeinen Politiker seiner Zeit verwiesen hätte, zum Beispiel: „Augenbrauen, wie man sie von Rudolf Hilferding her kannte...“ (war ein SPD-Finanzminister in der Weimarer Republik).

Aber unter Kultur-Professoren, die ihm Preise verleihen, gilt Goetz als Pop - als aufregender Gegenwarts-Mitschreiber. Hat er doch 1983, als die Punk-Welle längst abgeebbt war, im hinter den Moden herlahmenden Literaturbetrieb den scharfen Punk gegeben mit seiner Schlitzer-Nummer. Später hat er Techno getanzt, ohne dass dies einen überzeugenden literarischen Niederschlag gefunden hätte – aber immer wichtig, immer Berlin-Mitte... Bei seinen Auftritten ist Goetz ein Genie-Darsteller, mit Gefuchtel und wirren Sätzen, was immer stark an die Professoren-Parodien von Piet Klocke erinnert.

„Dass er nichts zu sagen hatte, hinderte ihn ja wohl nicht daran zu reden.“ Dieser Satz aus „Johann Holtrop“ trifft die Sache...
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21 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Johann Holtrop, Abriss der Literatur (?), 20. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Kurz nachdem ich das Buch Johann Holtrop, Abriss der Gesellschaft gelesen habe, hatte ich zudem Gelegenheit, Rainald Goetz auf der Frankfurter buchmesse live zu erleben, der dort seinen Roman präsentierte und ich glaube inzwischen das literarische Anliegen hinter dem Roman ganz gut zu verstehen.
Goetz liefert mit diesem Roman eine Analyse und zugleich Aburteilung der Finanzwelt im Allgemeinen und der nur teilweise fiktiven Hauptfigur, des Managers Johann Holtrop im Besonderen. Gleichzeitig ist dieser Roman eine bitterböse schwarze Komödie die der Highsociety der der Finanzwelt den Spiegel vorhält. Der Roman soll also gleichermaßen als Denkanstoß ernst genommen werden und zudem auch unterhalten und genau darin liegt das grundlegende Problem des Romans. Der Roman ist weder heiß noch kalt, weder schwarz noch weiß. Goetz will mit diesem Roman zu viel auf einmal.
Als objektive Analyse der Finanzwelt funktioniert der Roman nur sehr eingeschränkt, da er nicht glaubhaft genug ist. Das Hauptproblem hierbei ist, dass nicht nur Einige, sondern absolut Alle im Roman vorkommenden Romanfiguren auf ihre Weise total verblödet sind, darüber hinaus immer selbstgerecht, immer maßlos egoistisch und immer ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht. Dies war auch der einstimmige Hauptkritikpunkt der meisten Literaturkritiker die sich mit dem Werk befasst haben. Es wirkt einfach unglaubwürdig, dass absolut jeder Mensch, der in dem fiktiven Unternehmen Asperg AG arbeitet, zwangsläufig ein komplett charakterloser Vollidiot sein soll. Man fragt sich zwangsläufig, wie so ein Unternehmen denn funktionsfähig sein soll.
Nun könnte man den Roman natürlich als eine Art Groteske begreifen, als eine bitterböse Satire, die allein den Zweck hat zu unterhalten, doch auch das will nicht ganz klappen, da der Roman durchaus seine Längen hat. Über lange Strecken fand ich den Roman in etwa so spannend und abwechslungsreich wie seine Umschlaggestaltung: Einfarbig und öde.
Auch wenn ich Rainald Goetz als Autor sehr schätze und Jedem uneingeschränkt empfehle, einmal eine Lesung von Goetz zu besuchen, wenn sich die Gelegenheit bietet, da dieser Mann einfach hochintelligent und grandios unterhaltsam ist, so kann ich leider nicht Jedem empfehlen, auch den ganzen dreihundertvierzig Seiten langen Roman zu lesen.
Fazit: Auch wenn dieser Roman nach meiner Meinung nicht gerade zu dem Besten gehört, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde, muss man dem Roman dennoch zugute halten, dass er zumindest stellenweise durchaus geistreich und unterhaltsam ist. Ich gebe dem Roman daher auch genau drei Sterne, weil er zwar nicht besonders gut ist, allerdings auch nicht besonders schlecht.
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47 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wut, 21. September 2012
Von 
Thomas Gebauer (Kirchberg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Inhalt
Der Roman gibt Aufstieg und Fall des Romanhelden Johann Holtrop wieder. Im ersten Kapitel erleben wir einen Topmanager auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Vorstandsvorsitzender der Assperg AG (Bertelsmann). Der wundersam Aufsteigende entfernt, unter fragwürdigen Umständen, den Leiter einer Außenstelle des Konzerns in Krölpa. Ebenjene Entlassung fällt Holtrop im zweiten Teil auf die Füße. Im Fahrwasser der Wirtschaftskrise nach dem 11. September 2001 gerät der Konzern gleichsam ins Trudeln und mit ihm sein Chef, der hilflos zwischen Aktionismus und Agonie laviert. Zum Verhängnis aber wird Holtrop all dies nicht – sein zerrüttetes Verhältnis zur Gattin des Firmenpatriarchen führt zu seiner Demission. Seine ganz persönliche Ergebniskrise überwindet Holtrop durch ein Engagement bei einer Londoner Investmentfirma. Als Vorstandschef der nahezu insolventen Lanz AG (Karstadt) feiert er ein Comeback. Hier jedoch kann er weder die Firma noch seine Karriere noch sich selbst retten.

Stilistik
Rainald Goetz erfindet sich nicht neu und bleibt seinem Idiom treu. Lieblingsworte wie „kaputt“, „wirr“ oder „inhaltistisch“ werden häufig genutzt. Hinzu kommen neue, köstliche Goetz – Vokabeln wie „Zukunftsfanatiker“, „Entscheidungshysteriker“, „kaputtbezahlt“ und obligatorische Gemeinheiten wie „ein neuer Dicker vom Typ Dobrindt, Mappus, Döring, Heil: jung, fett, bombig unterwegs.“ Die Lektüre ist also ein großer Genuss und beileibe nicht nur Goetz – Anhängern zu empfehlen.
Die Rahmenhandlung wird über die Schilderung prägnanter Szenen vermittelt. Psychologischen Einschätzungen, Situationsanalysen und inneren Monologen wird dabei viel Platz gegeben. Besonders der Blick des Autors für die Codes in der Welt der Manager beeindruckt: Ein Gespräch an der Kaffeemaschine, die zähen Minuten bis zu einem erwünschten telefonischen Rückruf, ein Vertragsschluss in der „Bibliothek“ eines Hotels, die lediglich einen Schrank mit Buchattrappen enthält. Alles ist Inszenierung, Berechnung, Herrschaft. Goetz zeigt, dass an der Spitze von Konzernen vieles zählt, aber keine lehrbuchmäßige Betriebswirtschaft.

Schlüsselroman
Viele Kritiker verwiesen nachdrücklich auf den Aspekt des Schlüsselromans. Ja, es ist ein Schlüsselroman. Selbst flüchtige Zeitungsleser werden binnen weniger Absätze das reale Vorbild jeder Figur decodiert haben. Verschiedentlich wurde der Vorwurf erhoben, der Autor habe seinem Buch hier zu wenig Abstraktion und Verfremdung angedeihen lassen. Dieser Vorwurf aber läuft ins Leere: Im Zusammenhang des „Schlucht – Projektes“ und der Kontinuität von Goetz’ Vorgängerwerk „Loslabern“ soll der Leser einen Bericht der Nullerjahre erhalten. Er soll gerade die realen Personen erkennen. Ebendiese (man denke an die Prozesse um Middelhoff und Kirch) können hier aber naturgemäß nur verschlüsselt auftreten. Liest man das Buch auf diese Weise erhält man die beeindruckende Schilderung eines literarisch kaum beachteten Milieus. Reale Zustände werden, überzeugend verdichtet, zu großer Literatur.

„Abriss der Gesellschaft“
...lauter der Untertitel des Romans. Er ist im doppelten Sinne zu verstehen und verweist auf die Wirkung des Romans. Zunächst ist der Roman ein Exzerpt oder auch eine Wiedergabe gesellschaftlicher Realität. Zugleich aber muss „Abriss“ im destruktiven Sinn verstanden werden. „Verstehen heißt erschrecken“ heißt es an einer Stelle. Und, tatsächlich, der Leser erschrickt unweigerlich über die Kälte des Romans. Es findet sich praktisch keine positiv geschilderte Figur, kein menschlicher Hoffnungsschimmer, kein Ausweg. Das „System“ ist nicht anonymen Mechanismen zuzuschreiben, sondern von seinen Akteuren gemacht. Diese Gesellschaft ist nicht zum Guten hin wendbar. Sie kann nur von Grund auf zerstört werden.
Der Vorwurf war zu naheliegend, als der nicht an verschiedener Stelle gemacht wurde: Goetz übertreibe doch wohl mit dieser Darstellung. Elias Canetti aber sagt, er wolle nicht präzise beschreiben, sondern präzise übertreiben. Und dank Thomas Bernhard wissen wir, dass Literaten sich manchmal, vielleicht auch nur in der Übertreibung verständlich machen können. „Wütend schritt ich voran“ steht auf dem Buchrücken. Woher diese Wut kommt, will Goetz als skeptischer Beobachter seiner Zeit dem Leser vermitteln. Und dies gelingt. Mit Nachruck.

Fazit
„Johann Holtrop“ ist ein großer, ein bedeutender Roman. Einmal mehr rückt Rainald Goetz Personen ins Zentrum seiner Literatur, die sonst keine dichterische Repräsentanz haben. Die deutsche (Gegenwarts)Literatur ist arm an Betrachtungen des Wirtschaftslebens oder auch nur der wirtschaftlichen Grundlage von Protagonisten. Es ist ein großes Glück, dass ein so bedeutender Autor wie Goetz dieser Leere begegnet. Das Buch ist jedem an avancierter Literatur Interessierten zu empfehlen. Es eignet sich aufgrund seiner Zugänglichkeit und, im besten Sinne, konventionellen Machart besonders für Leser, die noch kein Buch von Rainald Goetz gelesen haben.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Horde von Egozentrikern, Zynikern und Vollidoten als Leistungsträger der deutschen Volkswirtschaft, 3. Dezember 2012
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Reinald Goetz hat in dem vorliegenden Roman Pionierarbeit geleistet, denn die lterarische Behandlung der Wirtschaft ist in Deutschland Mangelware. Sein Thema ist der Typ des modernen Wirtschaftsführers in der Globalisierung. Das klingt interessant - auch deswegen, weil jeder auch nur oberflächlich Orientierte in Johann Holtrop sofort den ehemaligen Bertelsmann- und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wiedererkennen wird.

Der Roman besitzt drei Teile: im ersten Teil (Orte 1998) lernen wir Johann Holtrop kennen, den Vorsitzenden der Assperg AG, einen brillanten jungen Aufsteiger, der nach einer staunenswerten Blitzkarriere an der Spitze eines weltweiten Medienkonzerns vor allem sich selbst verwirklicht. Im zweiten Teil (Taten 2002) erleben wir den Sturz des Vorstandsvorsitzenden Holtrop unter dem Druck von Wirtschaftskrise, riskanten Finanzgeschäften. Der dritte und kürzeste Teil (Tage 2010) schildert Holtrops Absturz nach seiner Entlassung bei der Asperg AG, seine Einweisung in eine Nervenheilsanstalt, seinen abermaligen Aufstieg als Chef der Lanz AG und schließlich seinen zweiten Sturz und Selbstmord.
Um eines gleich vorwegzunehmen: das Werk ist meiner Ansichzt nach nur begrenzt gelungen, und doch wirkt es in seiner Gesamtheit unter den Büchern dieses Jahres wie ein Mercedes unter lauter Kleinwagen. Goetz schreibt provokant, anschaulich und mit einer wortschöpferischen Kraft, die fast ein wenig an Wilhelm Genazino erinnert. Seine Geschichte ist gut durchkonstruiert und hält den Leser bis zum Selbstmord des Protagonisten mühelos bei der Stange - auch deswegen, weil es mit einem Furor ( Richard Kämmerlings nannte es "Hass")geschrieben ist, der wie bei Thomas Bernhard den Leser ergreift, merkwürdig amüsiert und fesselt.

Das ist schon eine ganze Menge, doch das vorliegende Werk will noch viel mehr. Johann Hotrop" geriert sich als ein Schlüsselroman der bundesrepublikanischen Gesellschaft und - noch ein Stufe anspruchsvoller - als die literarische Darstellung einer Gesellschaft und Wirtschaftsordnung, die sich offenbar am Rande ihres endgültigen Zusammenbruchs ("im Abriss") befindet.Wie sind diese Ansprüche eingelöst?

(1) Zur Psychologie der Haupt- und Nebenfiguren. Zuerst und vor allem: die Protagonisten des vorliegenden Romans sind durch die Bank Zyniker und Heuchler, als solche sprachlich unterhaltsam und mit großer Sprachschöpferkraft skizziert, aber doch immer nur in einer Richtung beschrieben, von der man, je länger die Lektüre währt, nicht wirklich glauben kann, dass die Personen sich darin erschöpfen. Besonders die Hauptfigur Johann Holtrop wird als Zappelphilipp und Egozentriker, als eitler Blender und letztlich als durch und durch inkompetent heruntergemacht - und das nicht nur durch die Handlung selbst, sondern erstaunlicherweise auch per direktem und ungeschütztem Kommentar. Götz kultiviert ganz bewusst eine Doppelperspektive: zuerst wird eine Aktion Holtrops dargestellt - etwa ein Millionendeal mit einem chinesischen Geschäftskonsortium - dann wird gleich anschließend angemerkt, wie wie bescheuert und durchgeknallt dieser Deal sei, so dass für den mündigen Leser, der doch die Konturen der Geschichte selbst erfassen und eigenständig beurteilen will, gar nichts mehr übrig bleibt als abzunicken. Man muss konstatieren, dass Goetz mit seiner Hauptfigur Holtrop ebenso verfährt wie eben dieser Holtrop mit seinen Untergebenen: er sieht nur Eitelkeit, Zynismus, Dummheit und Volltrottelei in allerhöchster Vollendung. Nie und nimmer kann deswegen die Psychologie von Johann Holtrop einen echten Realitätsgehalt besitzen: das Ausmaß an unterstellter Dummheit, Verblendung und Eitelkeit erscheint bei einem Mann mit dieser Karriere mehr als unglaubhaft - vor allem deswegen, weil dem Buch zufolge dies jedermann sofort durchschaut.

(2) Inwieweit handelt es sich um einen Schlüsselroman der bundesrepublikanischen Gesellschaft? Zunächst ist man geneigt, diese Frage zu bejahen, denn neben Johann Holtrop alias Thomas Middelhof bevölkert ein ganzer WhoŽs Who aus Wirtschaft und Gesellschaft die Bühne des Romans: es agieren die Firma Bertelsmann ( Assperg AG), Quelle/Karstadt/Arcandor ( Lanz) sowie die Privatbank Sal. Oppenheim (Veerendonck Bank), natürlich Reinhard Mohn (der "alte" Assperg), Liz Mohn (die "eingedörrte" Kate Assperg), der Kölner Finanzhai Esch (im Buch der "Finanzakrobat" Mack), der Middelhof-Vorgänger Wössner (Brosse), Leo Kirch (Binz), der Verleger Burda ( als "stumpenhaft kleiner" Schwaake eingeführt), seine Frau Maria Furtwängler ( Siri Reza), Josef Ackermann (Hombach), Madelaine Schickedanz (Gabriele Heinzen) und viele andere mehr. Für den Leser ergibt sich aus dieser Konstruktion eine behagliche Schlüssellochposition, aus der heraus er mit charakterlosen Schadenfreude der wüsten Herabsetzung folgen kann, die der Autor alle diesen Größen ausnahmslos zuteil werden lässt ( möglicherweise auch ein Grund dafür, warum es dieses Buch nicht in die Auswahl zum Deutschen Buchpreis geschafft hat). Was Johann Holtrop/Thomas Middelhoff betrifft, so befremdet dass Goetz seiner Hauptfigur auch noch Elemente der Zumwinkel-Biographie und des Merck-Selbstmordes zuschlägt, sodass am Ende fast ein Weberscher Idelatypus entsteht, der mit dem realen Midelhoff nicht mehr viel zu tun hat. Merkwürdigerweise kommen dagegen die zweifelhaften Immobiliengeschäfte von Esch und Middelhoff, die sich als Stoff für das vorliegende Buch bestens geeignet hätten, überhaupt nicht vor.

(3) Schließlich und letztens fragt sich, ob der Roman über seinen unzweifelhaften Unterhaltswert hinaus auch noch vertiefte Einblicke in das Untergangsszenario der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vermittelt. Ohne mich in der Bejahung des vorliegenden Buches irremachen zu lassen, meine ich auch hier: nein. Die abschüssige Bahn, in der sich die kapitalistische Wirtschaftsordnung nach Meinung des Autors befindet, erwächst in der vorliegenden Geschichte rein aus der Psychologie. Die wirklichen konkreten Hintergründe der Krisen von 2002 und 2008 - Geldmengenvermehrung und Blasenbildung, Deregulierung, Freigabe der Derivate und Aufweichung der Bilanzstandards - kommen überhaupt nicht in den Blick. Stattdessen erscheint der Abriss der Gesellschaft" bei Goetz als das objektive Korrelat der massenhaften Habgier vor allem der oberen Schichten, aber auch der normalen Bevölkerung. Man ist fast geneigt, zu konstatieren: mit solchen moralischen Nieten kann eine Gesellschaft nur scheitern. Niemand würde eine solche Diagnose als tragfähige Erklärung für den Untergang des Sozialismus ernst nehmen wollen, geschweige denn als Erklärung für den unterstellten Niedergang der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Möglicherweise wir mancher meiner verehrten Mitrezensenten sich wundern, dass ich trotz dieser Einwände das vorliegende Buch so gut bewerte. Die Erklärung ist ganz einfach die, dass demjenigen, der einen Achttausender besteigt, ganz andere Fehler unterlaufen müssen, als jemandem, der in der seichten Hügellandschaft der gängigen Ego-Literatur herumspaziert. Meiner Ansicht nach hat der Roman von Reinald Goetz auch deswegen Anerkennung verdient, weil er, wenngleich steigerungsfähig, literarisches Neuland erschlossen hat, an dem es weiterzuarbeiten gilt.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Abrechnung, 15. Oktober 2012
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Hinweis, dass es sich bei diesem Buch um eine fiktive Geschichte handelt, hat wohl selten eine so ernste Berechtigung. Dehalb heisst es: "Natürlich basiert dieser Roman auf der Realität des Lebens auch wirklicher Menschen. Aber es ist ein Roman, Fiktion, fiktiv in jeder Figur, alles hier Erzählte auch: Werk der Literatur" Verlag und Autor haben gut daran getan darauf hinzuweisen, denn Götz gibt sich keine grosse Mühe wen er mit Holtrop und anderen meint, auch die Unternehmen sind deutlich erkennbar. Manche wie die Deutsche Bank und der Spiegel werden sogar namentlich genannt. Es geht in diesem Roman um eine recht neue Generation von Führungskräften in den höchsten Etagen, die ohne Erbarmen sich selbst verwirklichen wollen und dabei buchstäblich über die bekannten Leichen gehen. Ehrenkodexe sind Vergangenheit und es zählt nur noch Machthunger und Gier. Die Mächtigen in Wirtschaft und der Finanzwelt verachten sich gegenseitig und kennen keinen Respekt mehr voreinander. Jeder denkt über den anderen, er ist der grösste Trottel und Depp und keiner wird dabei ausgespart. Geht es einmal gesittet zu, verkümmern sie zu Ritualen wie aus einer anderen Zeit gefallen. Rainald Götz erzählt diese Geschichte, die wie eine Abrechnung klingt, in einem hohen Erzähltempo und gerät dabei regelrecht in Rage. Seine Sätze sind kaum lesbar und trotzdem verständlich. Ellenlange Sätze, mit immer wieder neuen Schachtelsätzen und Wortungetümen wie "Nullnichtigkeitsmaximum". Dem Leser sei geraten diese nicht seltenen Passagen diagonal zu lesen, weil es mehr auf den Sprachduktus ankommt als auf einzelne Worte. Götz erreicht damit jedoch eine geschickte Sogwirkung auf den Leser, der sich unterhalten fühlt von so viel Niederträchtigkeit und Psychomatismus, dass er kaum noch zum Atmen kommt. Hier sind in den Chefetagen keine sympathischen Menschen zu finden, die Fratzen des Grauens blicken auf jeder Seite dem Leser entgegen. Natürlich ist das vielfach überspitzt dargestellt und doch werden erkennbare Verhaltensmuster deutlich und man fühlt sich an so manche Situation aus der eigenen Umgebung erinnert. Schliesslich muss man erkennen, es ist alles gar nicht so weit hergeholt, zumal Götz gut recherchiert hat und mit viel Ekel beschreibt. Die persönliche Betroffenheit und Abneigung ist Götz anzumerken, er kann keine wirkliche Distanz zu seinen Hassfiguren und seiner persönlichen Betrachtung durchhalten. Zusammenfassend kann man nur feststellen,dass Götz eine Zeitgeistdokumentation von hoher Authenzität gelungen ist.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Blick hinter die Fassade, 13. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Auf Empfehlung eines Bekannten habe ich mir Johan Holtrop im Buchhandel besorgt und musste zunächst warten, bis das Werk lieferbar war. Das Buch blickt hinter die Fasssaden eines Medienkonzerns ab Ende der 1990er Jahre hinein in die 00er Jahren am Beispiel des Aufstiegs und Falls des (mehr oder minder fiktiven) Konzernlenkers Johan Holtrop. Gegliedert ist das Werk in drei zeitlich getrennte Abschnitte - "Orte" 1998, "Taten" 2002 und "Tage" 2010. Der Roman nimmt zahlreiche Anleihen an der Realität - bei Ereignissen, bei Personen, bei der Politik, bei den Unternehmen. Neben der Sicht des Protagonisten Holtrop fügt der Autor kritische Gesellschaftsbetrachtungen ein - die wohl den "Abriss der Gesellschaft" als Untertitel unterstreichen und rechtfertigen sollen. Nun werden die Grundlagen der Gesellschaft gerade von solchen Leuten wie der Romanfigur Holtrop in der Realität (in aller Doppeldeutigkeit) wirklich abgerissen. Und Goetz fängt die Persönlichkeitsmerkmale dieser bestimmten Managergeneration so erschreckend präzise ein, als dass diese im Text eingeflochteten Zwischenbetrachtungen manchmal unnötig erscheinen. Zu bösartig agiert die Hauptfigur, als dass dessen verherrendes Wirken und die Wirkung auf die Gesellschaft dem Leser ansonsten verborgen geblieben wären. Die Bösartigkeit der Hauptfigur erscheint gut recherchiert - und meiner Erfahrung nach durchaus treffend.

Mit "Johann Holtrop" gelingt es Goetz hervorragend, die Kernmechanismen der Niedergang der alten westdeutschen Wirtschaftskultur einzufangen und zugleich aufzuzeigen, dass dieser Niedergang eine Wurzel eben auch in der westdeutschen Provinz selbst besitzt. Es ist eben nicht alles die Globalisierung schuld, sondern ein narzisstische Persönlichkeiten begünstigender Provinzialismus, der Blender nach oben spült, die zwar weltgewandt erscheinen und von Globalisierung faseln, aber bei Vertragsabschluss mit chinesischen Geschäftspartner kein Fettnäpfchen auslassen.

Die Romanfiguren mögen manchem Leser überzeichnet wirken. Doch zum einen halte ich die Überzeichnung nicht für so groß, zum anderen werden die von Goetz erarbeiteten und entdeckten Mechanismen des Untergangs der Wirtschaftskultur erst durch diese Überzeichnung wirklich deutlich. Ich interpretiere dies als ein notwendiges Stilmittel. Ein Stilmittel, das allerdings den gut recherchierten Hyperrealismus ein wenig konterkariert.

Den Roman habe ich innerhalb von vier Tagen gelesen, so sehr hat mich die Dichte der Geschichte gepackt. Rainald Goetz ist ein großes und leseneswertes Stück deutscher Gegenwartsliteratur gelungen - wäre da bloß nicht der erschreckend plumpe Schluss. Daher nur 4 Sterne.
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25 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pippi-Langstrumpf-Business, 8. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Johann Holtrop, Anfang vierzig, verschwendet als Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Assperg AG wenig Zeit auf geschäftliche Details wie Vertragsinhalte oder Kreditlinien. Stattdessen verlässt er sich auf die Strahlkraft seines Charismas und noblen Lebensstils und manipuliert nach Gutdünken Umstände, Mitarbeiter, Geschäftspartner und Politiker. Der Roman erzählt vom Triumph und Fall eines Managers in den "Nullerjahren", der versehentlich zum Konzernleiter wurde und unter lauter Inkompetenten (die sich wechselseitig für unfähig und charakterlos halten) lediglich derjenige ist, dem der Zufall den größten Erfolg berschert hat.

Sorgfältig zeichnet Rainald Goetz das Innenleben von Holtrop und Co. auf. Für jede Intrige und Schweinerei findet sich eine Rechtfertigung, und das falsche Leben fühlt sich wie die Vita eines Sameriters an. Um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen: "Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt." So verquer, krank und verabscheuenswürdig das ist, Goetz' sachlicher Stil zwingt den Leser, sich auf die Figuren und ihr Treiben einzulassen. Dem gemeinen Arbeitnehmer bleibt im Alltag ja auch nichts anderes übrig. So erklärt der Erzähler zwar viel, aber wertet nicht. Auch verkneift sich Goetz alle billigen Pointen und verzichtet auf eine allzu originelle Sprache. Es reicht, das Vokabular der bizarren Realität aufzugreifen und geradlinig weiterzudenken. Auf dieser Basis ist "der Abriss der Gesellschaft" (Untertitel) ein Füllhorn von Witz, feiner Sprache und klugen Beobachtungen.

"Johann Holtrop" hat es beim Deutschen Buchpreis, mit dem die Verlagshäuser sich selbst auszeichnen, nicht mal auf die Shortlist geschafft. Das mag daran liegen, dass Goetz die große Wirtschaft, insbesondere die Medienkonzerne, denen auch die großen Verlage gehören, der Lächerlichkeit preisgibt. Holtrop soll dem früheren Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff nachempfunden sein.

Gute Tat, die man begehen kann: einen Manager fesseln, knebeln und ihm "Johann Holtrop" vorlesen.
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen muß das sein?, 5. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
quälend lange,aneinandergereihte,unendliche und sinnentreissende nebensätze,das plagt den leser bei dieser tollen erzählung.
der versprochene einblick in die völlige idiotie wird gewährt und aufgezeigt durch die handlungen und abhängigkeiten der handelnden.
der autor schafft es den leser niemals den protagonisten und auch nur eine einzige figur um ihn herum zu mögen oder auch nur bemitleiden zu können,da einfach alle beteiligten irgendwie in der grossen doofheit mitwirkenten und immernoch tun.
das ende kommt rasend schnell und fulminant. sehr spektakulär und fast schon action-geladen.
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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Business Punk Memories, 23. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Wolfgang Höbel (KulturSPIEGEL) empfindet den Text als “brutal seltsam”, in diesem Urteil den Sprachduktus Goetzens imitierend: eine Null-Aussage. Später kommt dann noch “sympathisch vergeigt” und schließlich “amüsantes Dokument”. Mehr Herablassung geht nicht.

Es kommt halt darauf an, wie tolerant man ist mit dem Begriff “Roman”. Ob man einen Roman nur “gelungen” finden kann, wenn der Autor brav, konventionell und folgsam einen unverrrückbaren Kanon an Vorschriften und Regeln abarbeitet (“psychologisch überzeugende” Figurenzeichnung, “Realismus”, “spannender Plot” etc.) oder ob man “Roman” lediglich als Hilfsbegriff eines Schriftstellers sieht, um seine eigenlich nur schwer in konventionelle Formen zu bringenden Gedanken möglichst fassbar an den Mann bzw. die Frau bringen zu können.

Letzteres ist bei Rainald Goetz der Fall. Schon immer gewesen. Er ist ein performer, der sich auch literarischer Mittel bedient, um sein obsessives Interesse an einer ebenso expressiven wie analytischen Beschreibung der Gegenwart zu befriedigen. Hat man das einmal verstanden und akzeptiert, ist “Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman.” ein großartiger, spannender Text voller differenzierter, konzis vorgetragener Einsichten über gesellschaftliche Wirkzusammenhänge (ich habe die prägnantesten überall im Blog verteilt, für eine Kompilation bitte hier klicken), geschrieben in einer Sprache, die ganz Goetzens “eigene” ist, aber dennoch immer aus dem Ethos des Sich-unbedingt-verständlich-machen-Wollens heraus entsteht.

Es ist ganz erstaunlich, dass es Goetz seit nunmehr fast 30 Jahren gelingt, unbeirrt an diesem Projekt festzuhalten. Immer wieder taucht er, darin (und nur darin) Günter Wallraff nicht unähnlich, dafür so tief wie möglich selbst, als reale Person, in hochspezifische soziale Milieus ein, versucht, sich dort wie ein Fisch im Wasser zu bewegen, bis er irgendwann das Gefühl hat, sich “auszukennen” – aber eben nicht im Sinne von “wissen” bzw. “checken”, sondern von “erfahren haben”. Goetzens Texte sind post-existenzialistische Literatur: das Pathos des “Authentischen” ist noch da, aber es ist durch Temporalisierung gebrochen. Der “Punk”-Goetz von 1983 war genauso authentisch wie der “Business Punk”-Goetz von 2012. Bzw. genauso künstlich.

Insofern realisiert Goetz, als Person wie als Künstler, ein Maximum an existenzieller Freiheit, wie es in der post-industriellen Gesellschaft, und nur dort, möglich geworden ist. Wer behauptet, Goetz würde lediglich “sein Fähnchen nach dem Winde drehen” und “einfach” immer “dem (jugendkulturellen) Trend” folgen (erst Punk, dann Techno, jetzt eben Wirtschaft), hat vermutlich nicht verstanden, dass er dies nur tut, um sich nicht ändern zu müssen.

SPIEGEL-Edelfeder Dirk Kurbjuweit scheint diese Dimension von “Johann Holtrop” komplett entgangen zu sein: “In erster Linie ist sein [Goetzens, S.H.] Buch eine gute Ergänzung zum Journalismus.”, sprich zu Kurbjuweits eigener Arbeit, meint Kurbjuweit. Über “Johann Holtrop” sagt das gar nichts, über Kurbjuweits Selbst- und, vor allem Literaturverständnis allerdings eine Menge.
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7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Pseudorealismus, 11. September 2013
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch schreit mit jedem Satz: ICH WILL NICHT KONVENTIONELL SEIN. Nein, brüllt es, das will ich nicht, denn ich bin schließlich ein Roman von Rainald Goetz.
Und zwar ein schlechter.
"Johann Holtrop" erzählt, um eine Phrase zu verwenden, "vom Aufstieg und Fall" eines Managers mit diesem Namen, zugleich skizziert er den seltsamen und - vermutlich - verabscheuungswürdigen Mikrokosmos, der große Konzerne und, vor allem, deren Führungsstrukturen ausmacht. Jedenfalls, wenn man Rainald Goetz glaubt. Das ist dann auch bereits die entscheidende Frage, denn der Pseudorealismus, mit dem dieses Buch ausgestattet ist, soll darüber hinwegtäuschen, dass die reale Realität, die der Autor zeigen und kritisieren will, tatsächlich eine andere ist. Nimmt man Goetz diese Prämisse aber nicht ab, lässt man sich also nicht auf sein Kapitalismuskritikmärchen ein, ist das Buch absolut ungenießbar. Langweilig. Vorhersehbar. Zweidimensional. Und albern. Sogar äußerst albern.

Gegen Ende des ersten Romandrittels beschreibt der Autor eine Szene, in der sich ein paar Angestellte des im Mittelpunkt stehenden Konzerns Assperg treffen, um die baldige Weihnachtsfeier zu planen. Dort sitzt zunächst der IT-Verantwortliche Wonka der Kommunikationschefin Frau Rathjen gegenüber. Goetz schreibt: "Frau Rathjen machte Wonka gegenüber eine Bemerkung über die Kaputtheit des Betriebsklimas am Standort Krölpa, die von der Zentrale in Schönhausen gewollt sei. (...) Der Text von Frau Rathjen war nicht auf eine verbal explizite Resonanz hin angelegt, es reichte für diesen Text, dass der Körper irgendeines anderen Menschen, zum Beispiel der von Wonka, in Gesprächsentfernung anwesend war." (Seite 91)
Diese beiden Sätze sind typisch und deshalb exemplarisch. Gequirlter Käse, literarisches Bulls***-Bingo, maniriert und übrigens nicht nur an dieser Stelle im Hinblick auf das weitere Geschehen nahezu bedeutungslos. Goetz faselt über mehrere hundert Seiten hinweg in dieser Sprache, die keine ist, die nur Goetz spricht und niemand sonst. Das war auch schon in seinen vorigen Romanen so, von "Irre" über "Rave" bis zu eben diesem, aber in "Johann Holtrop", einem gekünstelten und völlig realitätsfernen Traktat, treibt er es auf die Spitze, dem Leser große Geduld und Toleranz abverlangend, ohne diesen Aufwand irgendwie zu belohnen.

Hauptfigur ist der titelgebende Johann Holtrop, der eine großartige Karriere hinter sich hat, aber so egozentrisch, fast egoman ist, dass er schließlich an sich selbst scheitert. Holtrop ist, wie das gesamte Buchpersonal, äußerst linear angelegt und auf sein Dasein als Manager reduziert, was vermutlich eine Reflexion der Strukturen darstellen soll. Die Menschen in Goetz' Roman sind dadurch aber Karikaturen, im Wortsinn unmenschlich - also unecht - und mit Haut und Haar Rädchen im Konzerngetriebe, nichts sonst. Sämtliche Eigenschaften beziehen sich auf den Kontext, darüber hinaus gibt es nichts. Tatsächlich absolut nichts.

Zudem suggeriert der Autor mit seinem eigenwilligen Duktus kritische Distanz, obwohl das Gegenteil davon eintritt: Kritik und Gegenstand stimmen überein, denn Goetz hat den Gegenstand so geformt, dass die Kritik passt. Sein erschöpfend - und ermüdend - detailliert skizziertes Konzernmodell dürfte in den Chefetagen real existierender Konzerne bestenfalls Lachanfälle generieren, aber keine selbstkritische Innenschau. Damit scheitert "Johann Holtrop" nicht nur literarisch, sondern auch thematisch. Ein nutzloses und ärgerliches Buch.
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Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman (suhrkamp taschenbuch)
Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman (suhrkamp taschenbuch) von Rainald Goetz (Taschenbuch - 14. April 2014)
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