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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grandiose Satire über den "Ausverkauf" humanistischer Ideen
Völlig zurecht hat Judith Schalanskys "Bildungsroman" teilweise euphorische Kritiken erhalten.
Meines Erachtens erfasst man das Besondere des Buches am besten, wenn man - vom Untertitel "Bildungsroman" ausgehend - die gesamte Handlung als Satire über den Verlust humanistischer Ideen und klassischer Bildungsideale versteht.
"Der Hals der Giraffe" ist...
Vor 13 Monaten von Thomas veröffentlicht

versus
124 von 133 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht identifizierbare literarische Spezies, interessant aber schwer einzuordnen
Der erste Eindruck von diesem Buch war eine Wucht. Was für eine knackige Sprache, welche zupackenden und zugleich bizarren Formulierungen, was für eine morbide Atmosphäre. Eine alternde Biologielehrerin, die sich dem ganzen Gutmenschengetue versagt, das Exemplar einer aussterbende Pädagogenspezies, die all das ausspricht, was sich so mancher Lehrer...
Veröffentlicht am 1. November 2011 von euripides50


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124 von 133 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht identifizierbare literarische Spezies, interessant aber schwer einzuordnen, 1. November 2011
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Der erste Eindruck von diesem Buch war eine Wucht. Was für eine knackige Sprache, welche zupackenden und zugleich bizarren Formulierungen, was für eine morbide Atmosphäre. Eine alternde Biologielehrerin, die sich dem ganzen Gutmenschengetue versagt, das Exemplar einer aussterbende Pädagogenspezies, die all das ausspricht, was sich so mancher Lehrer insgeheim schon des Öfteren über den sich anbahnenden Zusammenbruch der intergenerativen Kulturweitergabe gedacht hat.

Um was geht es? Inge Lohmarck (55) unterrichtet in einer 9. Klasse nur noch zwölf Schüler in einer vorpommerschen Schule, die in wenigen Jahren abgewickelt werden wird. Denn die Zivilisation wird eingemottet in Vorpommern, die Menschen hauen ab, heiraten nicht mehr, und wenn, dann bekommen sie nicht mehr genügend Kinder. "Es war nicht zu übersehen, dass die Flora auf der Lauer lag. In Gräben, Gärten und Gewächshauskasernen wartete sie auf ihren Einsatz. Schon bald würde sie sich alles zurückholen. Die missbrauchten Territorien mit ihren sauerstoffproduzierenden Fangarmen wieder in Besitz nehmen"(S. 69) Dieses Zitat ist nur ein Beispiel für die konsequent biologistische Sichtweise der Hauptperson: alles, was Frau Lohmarck sieht, das Hopsen der Schülerinnen beim Langlauf, die Hängebacken des feisten Tom, das Wuchern des Unkrauts in verlassenen Gärten, der Flug der Störche oder die Verirrung der Fledermaus sind nur Variationen eines großen biologischen Drehbuches, in dem die Natur sich selbst vollstreckt, in dem der Stärkste siegt und in dem für Gefühle und Schwäche kein Platz ist. Die Autorin Judith Schalansky auf der Höhe eines intelligenten, fast karikierenden Stils trägt allerdings dabei bei der Beschreibung ihrer Hauptperson so dick auf, dass auch für den einfältigsten Leser bald klar wird: diese Person soll kein Sympathieträger sein. Soweit mein erster Eindruck.

Mein zweiter Eindruck: ich war gespannt, wie es weitergeht. Wie sich die Geschichte entwickelt, denn immerhin war nicht nur ein Roman" sondern sogar ein Bildungsroman" angekündigt. Der Klappentext jedenfalls machte neugierig: da war von plötzlich aufkeimenden Gefühlen für eine Schülerin der 9. Klasse" die Rede, und man durfte gespannt sein, wie sich dieser Konflikt zwischen einer reichlich erratisch gezeichneten Kunstfigur und einem lebendigen Wesen entwickelt würde. Um gleich die Antwort zu geben: er entwickelt sich überhaupt nicht. Wenn nicht der Klappentext den Leser mit der Nase darauf stoßen würde, hätte man die Episode, um die es geht, glatt überlesen: nach etwa Dreivierteln des Buches wird Inge Lohmarck auf die Schülerin Erika aufmerksam, dann nimmt sie die Schülerin mit dem Auto mit zur Schule S. 178-181), und das war es dann auch. Es ereignet sich überhaupt keine Auseinandersetzung, keine Handlung, kein Konflikt, allenfalls die Erinnerung an Inge Lohmarcks gefühlloses Verhalten ihrer Tochter gegenüber könnte man noch zu der Erika-Episode in Beziehung setzen. Aber das war es dann auch.

War mein zweiter Eindruck als eher der einer Enttäuschung, blieb mir am Ende nur Verwunderung. So locker und blitzgescheit sich alle Seiten des vorliegenden Buches lesen - so ist es mir doch schleierhaft, was an dem Hals der Giraffe" ein Bildungsroman sein soll. Es kann sich wohl kaum um den Bildungsroman von Inge Lohmarck handeln, dafür sind die Rückblicke zu kursorisch, es kann sich auch nicht um den Bildungsroman von Erika handeln, dafür ist diese Figur viel zu marginal. Ich glaube auch nicht, dass es sich etwa um einen Bildungsroman des Menschen als Naturwesen handelt, dafür wird diese Perspektive in ihrer krassen Überzeichnung doch zu sehr ins Kuriose gerückt. Sollte es sich wirklich bei dem Etikett Bildungsroman" nur um eine Anspielung darauf handeln, dass es sich hier um einen Schulroman handelt?

Wie aber steht es mit der glaubhaften Psychologie der Figuren und der Handlung? Leider auch nicht besser. Sowohl die Kollegen wie die Schüler bleiben nebulös, es sind Projektionen, Abziehbilder, die nicht selbstständig handeln sondern nur auf Frau Lohmarcks Befehle reagieren. Und der Ehemann, der erfolgreiche Straußenzüchter tritt überhaupt nicht auf.
So mündet am Ende schließlich mein vierter Eindruck in eine gewisse Gelangweiltheit. So kurz dieser Roman" auch daherkommt 222 Seiten fast in Großbuchstaben für Leute, die ihre Brille verlegt haben) so hätte es auch die Hälfte getan. Hier wurde die Chance zu einer erstklassigen Kurzgeschichte zugunsten einer am Ende reichlich mäandernden Konstruktion vertan.

Umso erstaunlicher erscheint mir nach der Lektüre des Buches die Begeisterung des Feuilletons. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen wurde das kleine Werk mit seinen Zeichnungen wie eine Offenbarung gefeiert - und zwar in eine meiner Ansicht nach ganz falschen, aber bezeichnenden Richtung. Eine autoritäre Lehrerin, die auch noch biologistisch vernagelt ist, die darwinistische Karikierung von Erziehgun als reine Auslese ist das Rezept, um in den angesagten Feuilletons sperrangelweite Türen einzulaufen. Mit dem Inhalt des Buch hat all das, was ich in den Kritiken gelesen habe mit Ausnahme der kundigen Kritik bei 3 SAT Kulturzeit nichts zu tun. Auch die Autorin kann dafür wahrscheinlich nichts, wenngleich dieser Hype sicher ausschlaggebend für den Erfolg des Buches ist.

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Gesamteindruck. Als etwas lang geratene Kurzgeschichte für einen fast unverschämten Preis von 21,90 Euro!) liest sie sich in wenigen Stunden locker durch. Leider geht es nach einem furiosen Anfang nicht mehr weiter, und der so viel versprechende Anfang des Buches endet, um in der Terminologie des Werkes zu bleiben, in einer literarischen Sackgasse. Empfehlenswert nach meiner Meinung vor allem für pädagogische Fossilien kurz vor der Pension , die Inge Lohmarck insgeheim zustimmen und für Biologie-Referendare zur Auffrischung ihres Fachwissens.
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grandiose Satire über den "Ausverkauf" humanistischer Ideen, 15. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Völlig zurecht hat Judith Schalanskys "Bildungsroman" teilweise euphorische Kritiken erhalten.
Meines Erachtens erfasst man das Besondere des Buches am besten, wenn man - vom Untertitel "Bildungsroman" ausgehend - die gesamte Handlung als Satire über den Verlust humanistischer Ideen und klassischer Bildungsideale versteht.
"Der Hals der Giraffe" ist ein Anti-Bildungsroman. der zeigt, dass "Humanismus", "Verstandesgebrauch" und "Bildung" zu austauschbaren Worthülsen geworden sind.
Eine besondere künstlerische Dimension bekommt dieser Ansatz dadurch, dass nicht nur die äußere Handlung diesen "Verfall" zeigt (z.B. Kennzeichnung des Schulleiters und der Schüler). Nein, auch die Ich-Erzählerin Inge Lohmark wird im Laufe des Romans in ihren Pauschalurteilen immer fragwürdiger und entlarvt sich durch ihre Permanentkritik an allem und jedem immer mehr durch ihr Denken und Reden als fast militante "Anti-Aufklärerin" mit hohen Ansprüchen an andere, die sie aber selber nicht erfüllen kann.
Während einzelne ihrer Aussagen für sich genommen durchaus zutreffend wirken und zur Zustimmung einladen(z.B. Kritik an der Aufweichung der Bildungsansprüche von Schulpolitik und Lehrerkollegien), führt die Häufung dieser "Rundumschläge" von Inge Lohmark auf die Dauer zu Zweifel an ihr selbst. Dazu tragen auch die hervorragend in die Handlung eingeführten privaten Probleme mit Ehemann und Tochter bei, die dem Text eine weitere Dimension verleihen.

Sehr empfehlenswert, abgesehen vielleicht von dem uninteressanten, undramatisch fast "im Nichts" verlaufenden Romanende. Aber auch hier muss man wohl von einer Gestaltungsabsicht im Sinne eines "Anti-Bildungsromans" ausgehen und kann das nicht der Autorin vorwerfen!
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132 von 147 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die Anpassung und das Aussterben, 10. September 2011
"Der Hals der Giraffe" von Judith Schalansky steht auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises. Meiner Meinung nach völlig zurecht.

Zum Inhalt: Es geht um die Biologie-Lehrerin Inge Lohmark, 55 Jahre alt und "die letzte ihrer Art". Eine Lehrerin der alten Schule, Frontalunterricht, Strenge, kein persönlicher Kontakt zu den Schülern - das ist für sie das einzig Wahre. Gruppenunterricht, "U"-artige Platzanordnung oder ein freundschaftliches Verhältnis zu Schülern - personifiziert durch ihre Kollegin Schwanneke - verabscheut sie.
Aber ihre Unterrichtszeit am Charles-Darwin-Gymnasium in einer schrumpfenden Kleinstadt in Vorpommern nähert sich dem Ende. Die neunte Klasse, ihre Klasse, besteht nur noch aus 12 Schülern und wird die letzte sein. In vier Jahren ist Schluss, aber sie will bis zum Ende bleiben. Ihr Mann Wolfgang züchtet Strauße, seit er seinen Job als Veterinärtechniker in der Rinderzucht verloren hat. Das Ehepaar sieht sich nur selten. Die einzige Tochter, Claudia, lebt seit Jahren in den USA, der Kontakt ist spärlich und - obwohl schon 35 - hat sie kein Interesse daran Kinder zu kriegen. Zu guter Letzt entwickelt Inge Lohmark auch noch ein fragwürdiges Interesse an einer ihrer Schülerinnen und ignoriert die Mopping-Attacken gegen eine andere. Irgendetwas läuft nicht mehr richtig in Frau Lohmarks biologisch korrekter Welt...

Das Buch ist in drei Kapitel eingeteilt; drei Kapitel für drei Tage aus Frau Lohmarks Leben, überschrieben mit "Naturhaushalte", "Vererbungsvorgänge" und "Entwicklungslehre". Jede Doppelseite bekommt außerdem noch eine zusätzliche Überschrift aus dem Reich der Biologie, die dem Inhalt der jeweiligen Seiten angepasst ist, und zusammen mit den Illustrationen von Tieren, Stammbäumen und Entwicklungsstadien den Untertitel "Bildungsroman" noch etwas anschaulicher macht.
Außerdem ist die Gestaltung des Einbands hervorzuheben. Bezogen mit grobem grau-braunen Leinen ist es ein Hingucker in jedem Bücherregal.

Geschrieben ist "Der Hals der Giraffe" in einer sehr trockenen, oft schon zynischen, analysierenden Sprache, über die man durchaus schmunzeln kann. Frau Lohmark beobachtet alles, ihre Schüler, ihre Stadt, die Beziehungen zu ihrer Tochter und ihrem Mann. Ihre nüchternen Schlussfolgerungen sind teilweise schon grotesk, insbesondere die Charakterisierungen ihrer Schüler, die sich rein nach ihrem Entwicklungsstand aus evolutionärer Sicht richten. Gefühle sind überflüssig, Liebe ist ein "Alibi für kranke Symbiosen".

Frau Lohmark weiß also eigentlich alles über die Notwendigkeit der Anpassung, nur sie selbst ist dazu nicht mehr in der Lage. Ihren Unterrichtsstil hält sie trotz Kritik bei, neue berufliche Perspektiven sind ausgeschlossen. So verliert sie selbst mit der Zeit den Anschluss, sowohl beruflich als auch privat, denn ihr Mann hat die Anpassung geschafft. Zudem schenkt ihr ihr einziges Kind keine Nachkommen, "das tote Ende einer Entwicklung" ist erreicht, Frau Lohmarks Gene werden nicht mehr weitergegeben. So wird Frau Lohmark, der es ausgerechnet die ausgestorbenen Tiere angetan haben, wirklich zur "letzten ihrer Art".

Die Autorin hat hier ein teilweise (trocken) witziges, teilweise bedrückendes Buch über das die Anpassung und das Aussterben geschaffen, in dem sie das Älter werden, den demografischen Wandel und die Abwanderung aus der ehemaligen DDR geschickt verarbeitet. Jede der 222 Seiten ist gelungen und ich konnte es nicht aus der Hand legen.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nichts ist sicher. Sicher ist nichts., 18. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Inge Lohmark kann man nichts vormachen. Nach drei Jahrzehnten im Schuldienst kennt sie nicht nur alle Tricks und Kniffe der Schüler, sie durchschaut auch die Strategien, mit deren Hilfe sich ihre Kollegen im Bildungsbetrieb zu behaupten suchen. Denn mit abnehmenden Schülerzahlen hat auch im Kollegium die natürliche Auslese begonnen. Inge Lohmark aber wird sich deswegen nicht ändern; sie hält nichts vom Duzen der älteren Jahrgänge oder von Unterricht im Stuhlkreis. Ihre Berufserfahrung hat sie gelehrt: Der Schüler ist der Feind. Und gegen diesen heißt es, gewappnet zu sein. Jeden Tag aufs Neue!

In ihrem Roman "Der Hals der Giraffe" konfrontiert Judith Schalansky den Leser mit den ungeschminkten Selbstbetrachtungen einer Gymnasiallehrerin, die im Beruf und Leben keine besonderen Erwartungen mehr hat. Irgendwie scheint sie in ihrem Dasein stecken geblieben zu sein, die Ideale sind verkümmert. Darüber ist Inge Lohmark hart und unnachgiebig geworden. Ohne falsche Anteilnahme seziert sie ihr Umfeld, gibt sich spröde und unnahbar, erlaubt sich keine Schwächen. Ihre Sehnsüchte aber dämmern unter der rauhen Oberfläche fort, ohne wirklich Raum und Gelegenheit zur Entfaltung zu erhalten.

Judith Schalansky erwählt für ihre Figur Biologie als Hauptfach und eröffnet damit eine breite Palette an Metaphern. Der Kontext der Wissenschaft vom Leben stellt auch die Betrachtungen der Lehrerin in den Zusammenhang von Werden und Vergehen, von fressen und gefressen werden, vom Sich-behaupten und vom Untergehen. In kurzen, prägnanten Sätzen mit schneidender, schnörkelloser Sprache entsteht die Gedankenwelt einer alternden Frau, die es aus einer Einstellung falschen Pflichtgefühls heraus versäumt hat, ihr Leben zu leben. In fatalistischer Befangenheit kann Inge Lohmark sich selbst nicht entkommen.

Der Roman ist natürlich kein Bildungsroman, auch wenn er als solcher untertitelt ist. Aber auch hier spielt Judith Schalansky mit den Erwartungen des Lesers, mit Begriffen, mit Bildern. Denn: "Nichts ist sicher. Sicher ist nichts." Und auch der überlange Hals einer Giraffe hat letztlich nur sieben Wirbel wie bei einer Maus. Ein Buch mit Platz zum Selber-denken. Vorbehaltlos zu empfehlen.
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28 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kühler kann auch korrekter sein, 19. September 2011
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Das Buch "Atlas der abgelegenen Inseln" bescherte Judith Schalansky das schöne Gefühl, zuoberst auf dem Treppchen zu stehen. Denn die Entdeckungsreise zu fünfzig schwer erreichbaren Orten gestaltete die studierte Kunstgeschichtlerin und Kommunikationsdesignerin so schön, dass sie 2009 den Preis für das schönste Buch des Jahres entgegennehmen durfte, den die Stiftung Buchkunst vergibt. Und da ich mich ebenfalls auf dem Gebiet der Ästhetik tummle, blieb mir der Name der 1980 geborenen Gestalterin so gut im Gedächtnis, dass mich ihre schriftstellerische Arbeit nun ebenfalls interessiert. Zumal mich das ungewöhnliche Cover ebenso anzog wie der Untertitel "Bildungsroman". Und die Neugier hat sich gelohnt, legt doch die in Berlin lebende Autorin einen Roman vor, der mich in jeder Beziehung überzeugte.

"Setzen", sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich." Judith Schalansky weiß um die Bedeutung des Beginns. Und sie glaubt offenbar auch an das offene Kunstwerk. Denn die 55jährige Biologie-Lehrerin, an deren Leben uns die junge Schriftstellerin drei Tage lang teilhaben lässt, ist nicht nur die gescheiterte Figur, als die sie vielleicht viele Leser sehen. Diese Pädagogin einer scheinbar untergegangenen Welt steht eben auch für Naturgesetze, die wir mit Rationalisierungen und Verpflichtungen zur politischen Korrektheit am liebsten aufheben würden. Jedenfalls macht es Judith Schalansky ihren Lesern nicht leicht, die Sympathiepunkte zu verteilen. Und allein das finde ich im Zeitalter der Bekenntnisliteratur überaus wohltuend.

Es ist nicht die Schuld der frontal unterrichtenden Lehrerin, dass sich die Jungen aus Vorpommern zurückziehen, die Wissenschaftler ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, Sinnlücken die Sehnsucht nach einer überschaubaren Ordnung nähren, Mobbing zum modernen Zeitvertreib gehört und eine überalterte Gesellschaft ratlos nach Sündenböcken sucht. Und Inge Lohmark kann auch nichts dafür, dass sich so viele Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR überaus geschmeidig an die neuen politischen Verhältnisse anpassten.

Es ist das Faszinierende an guter Literatur, dass sie den Lesern das Reale in der Fiktion erleben lässt. Daher konnte ich mich auch nicht dagegen wehren, selber in der Schulbank zu setzen, bei Prüfungen mitzuleiden, Klassenkameraden zu piesaken und mir meine eigene Stellung in der Gruppe auch durch kleine Fiesitäten zu erobern. Und es ist auch alles andere als einfach, sich dem Sog der evolutionären Ziele zu entziehen, wenn diese von Frau Lohmark so klar und bestimmt vorgetragen werden. Fortpflanzen, anpassen, überleben. In einer Sprache, die mit den 20 schwarz-weiß Illustrationen der Autorin korrespondiert, analysiert Judith Schalansky eine Gesellschaft, die sich immer weiter von der Natur entfernt und trotzdem ihren Gesetzen untersteht. Was bei Bertolt Brecht "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" hieß, wird in diesem Bildungsroman zu "Zuerst kommt die Natur, dann kommt ihre Verleugnung".

Mit einer erstaunlichen, manchmal geradezu beängstigenden Abgeklärtheit präsentiert Judith Schalansky ein Frauenleben, das so außergewöhnlich gar nicht ist und daher Stellvertretercharakter hat. Und wer sich von Inge Lohmark so abgrenzt, dass er deren Leben als gescheitert betrachtet, sollte vielleicht nochmals die letzten Sätze lesen. Die lauten nämlich: "Ein Licht wie in einem Film, aufgeblendet, alles wie angestrahlt. Die Wolken, fest umrissen, Unerträglich, aber schön. Der Geruch von Erde. Die Strauße tanzten über die Weide. Inge Lohmark stand am Zaun und schaute."

Wenn Inge Lohmark ihre Tochter Claudia nicht in den Arm nehmen kann, wenn diese wimmernd nach Tröstung fleht, ist die Mutter nicht nur Täterin, sondern auch Opfer eines überholten Bildungs- und Erziehungssystems. Daher heisst es lakonisch: "Es ging nicht. Vor der ganzen Klasse. Nicht möglich. Sie waren in der Schule. Es war Unterricht." Und die Beantwortung der Frage, wer sich schließlich am besten den Verhältnissen anpassen konnte, überlässt die Autorin kühl und sachlich ihren Lesern. Ihre Tochter hatte sich in die USA abgesetzt, ihr Mann, der ehemalige Veterinärtechniker und Großviehbesamer, züchtet nun Strauße, ihre scheinbar so lieben Berufskollegen arrangieren sich gekonnt mit den Reformpädagogen und die Jungen hauen aus Vorpommern ab. Fortpflanzen, anpassen, überleben.

Mein Fazit: Ein Roman, dessen bedrückende Passagen deshalb zu ertragen sind, weil es der Autorin gelingt, ihre nüchternen Beobachtungen auch mit einem feinen Witz vorzutragen. Und weil zwischen den Zeilen immer wieder die Botschaft durchdringt, zu einem befriedigenden Leben gehöre auch ein geglücktes Arrangement mit den Naturgesetzen. Was trotzdem an Unangenehmen bleibt, sollten wir lieber nicht beiseiteschieben oder verdrängen, da es uns ohnehin wieder einholt. Das gilt sinnigerweise auch für Personen, die mit geschwellter Brust vorgeben, sie würden alles und jeden verstehen. Schön, dass dieser Roman mit den wunderbaren Illustrationen der Autorin auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Darwinistische Paraphrasen, 1. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Ein Biologielehrerin im Klimakterium, deren biologistische Geisteshaltung zur Ideologie geworden ist. Nur die Stärksten und am besten Angepassten setzen sich durch. Dieses mehr als unterschwellige Credo führt soweit, dass die Lehrerin zynisch-analytisch und bar jeglicher Empathie auf die ihr Anbefohlenen blickt, sogar auf die eigene Tochter. Konsequenterweise sucht die Tochter, sobald sie flügge geworden ist, das Weite, was mehr der Mutter als der verödeten Restkultur des beschriebenen Landstrichs zuzuschreiben ist.
Der Verlag verspricht im Klappentext: „Als sie [die Lehrerin] schließlich Gefühle für eine Schülerin entwickelt und ihr Weltbild ins Wanken gerät, versucht sie in immer absonderlicheren Einfällen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.“ Vermutlich habe ich das Buch zu Ende gelesen, weil ich immer dachte, irgendwann löst sich dieses Versprechen noch ein, überhaupt das Versprechen, das das Genre Roman zu geben scheint: Handlung, Entwicklung. Vielleicht habe ich etwas überlesen, aber ich habe nichts entdeckt, was das eingefahrene Leben und Denken der Protagonistin ins Wanken bringt. Erika, eine Schülerin, ist nur eine von den wenigen randständigen Figuren. Vielleicht löst sie bei der Lehrerin ein Minimum an Rührung aus…
In diesem „Bildungsroman“ erwarten den Leser gefühlte ein Zehntel Handlung, zwei Zehntel Beschreibung, in der Naturphänomene zum Teil metaphorisch eingesetzt werden, und sieben Zehntel Reflexionen über die Evolutionstheorie, die von bekannt bis interessant, altklug bis klug reichen. Die Sprache ist hieb- und stichfest, statementartig nüchtern bis plattitüdenhaft: „Bakterien und Viren hatten sich in all der Zeit nicht weiterentwickeln müssen. Sie waren unsterblich und vollkommen. Ohne Gehirn und ohne Nerven. Nur etwas, das perfekt war, entwickelte sich nicht weiter. Entwicklung war nichts als ein Ausdruck von Unvollkommenheit.“ So ergießt sich die Lehrerin in einem fort über die Schüler, die Erzählerin über die Leser. Das kann, wenn einem das Buch für einen selbst zur richtigen Zeit in die Hände fällt, Material zur Auseinandersetzung geben. Andererseits kann man sich auch fragen, was davon bleibt.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen gut gemacht, sehr interessant, auf die Dauer eindimensional, 16. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Es geht um eine Biologielehrerin in Mecklenburg-Vorpommern, die alles, jede Kleinigkeit des Alltags, aus ihrer biologischen Perspektive heraus betrachtet und kommentiert. Eine gewisse Untergangsstimmung schwebt über dem Ganzen, die Einwohner- und Schülerzahlen in der Gegend nehmen ab, die Schule wird nicht mehr lange existieren, auch die Tochter der Protagonistin hat das Land schon längst in Richtung Amerika verlassen, der Versuch ihres Mannes, Strauße zu züchten, wirkt wie ein verzweifelter Rückzugskampf, zumal das Klima sich als schwierig erweist.

Im Grunde besteht die Geschichte aus einer durchgehenden inneren Handlung in erlebter Rede, zu allen Ereignissen und Begebenheiten hat die Lehrerin ihre biologisch-genetisch-darwinistischen Theorien parat, Emotionen sind in ihren Augen lediglich Begleiterscheinungen von hormonellen Reaktionen des Körpers im Ringen um den Arterhalt. Auf diese Weise verkennt die Biologin, die auch Sport gibt und die ziemlich streng und kontrolliert erscheint, die anderen Ebenen des Lebens, sie verdrängt und übersieht psychologische Zusammenhänge, was ihr letzten Endes zum Verhängnis wird.

Die Sprache ist naturwissenschaftlich und präzise, gelegentlich ergeben sich dabei auch poetische Einfärbungen, die dadurch umso nachhaltiger wirken. Die Sätze haben recht oft keine Prädikate, was die nüchterne, knappe Weltsicht der Protagonistin unterstützt, auf die Dauer kommt dieser elliptische Stil aber an seine Grenzen und lässt die Konstruktion etwas eindimensional erscheinen. Jedoch wird die Handlung aufgelockert durch mehrere schön gezeichnete Abbildungen, die die biologischen Sachverhalte und Gedanken illustrieren. Insgesamt ist das Naturwissenschaftliche also recht dominant und auch lehrreich, manchmal beschleicht einen aber das Gefühl, die Autorin hat ein Oberstufenbiologiebuch für ihre Gedankengänge ausgeschlachtet, um alles Mögliche auf biologisch hinzutrimmen. Dennoch, der Charakter der Lehrerin ist insgesamt nicht schlecht umgesetzt, abgesehen davon vielleicht, dass verlebte, weltfremde oder depressive Lehrerfiguren mittlerweile schon ein wenig klischeehaft anmuten. Wie anhand von wenigen äußeren Klein-Ereignissen sich der Handlungsbogen lose vorantastet, ist, wenn man so etwas mag, im Prinzip gekonnt gemacht. Auch die satirisch gehaltenen Nebenfiguren wirken, wenn man in Sachen Klischees nicht zu streng ist, schon realistisch. Aber irgendwie mag man nicht so recht in dem Plot versinken, was wohl an der kurzgeschichtenhaften Machart mit ihrer Dominanz der inneren Betrachtungen liegt: Über einen ganzen Roman hinweg ist das zwar ambitioniert, aber auf die Dauer zu viel des Guten.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "In der Natur hatte alles einen Platz.", 8. Februar 2013
Von 
Regina Berger "Gina" (Rottach-Egern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
"Das schönste Buch des Jahres" ist wahrlich ein schönes Buch, was Haptik und Gestaltung angeht; auch die anatomischen Skizzen inmitten des Textes sind hübsch anzusehen. Was hat es sonst mit dem "Bildungsroman" auf sich? Jede Seite ist rechts oben wie im Lexikon mit einem Schlagwort versehen, Naturwissenschaftliches ist detailgetreu literarisch verpackt. In der Hauptsache geht es um die Evolutionstheorie: um Anpassung und das Überleben des Stärkeren.

Inge Lohmark, eine in die Jahre gekommene Biologielehrerin vom alten Schlag, selbst beinahe ein fossiles Relikt aus grauer Zeit, lehrt Naturgeschichte an einem Gymnasium. Dieses befindet sich in Vorpommern und soll geschlossen werden.
Mit dem Zerfall der Schule, des Landes, der Gesellschaft und schließlich des Menschen setzt sich die Erzählung auseinander. Dies geschieht in reduzierter Sprache und lässt reichlich Raum für Interpretationen.
Weite Textpassagen bestehen aus inneren Monologen von Inge Lohmark. Das ist die Stärke und zugleich auch die Schwäche des Romanes. Die gesamte Handlung bleibt stringent bei der Hauptperson.
Es fällt anfangs leicht sich auf die Geschichte einzulassen, da fast bei jedem in der Schulzeit eine autoritäre, verknöcherte Lehrkraft eine Rolle spielte, und einem der Typus des staubtrockenen Lehrkörpers mit Kreide an den Fingern bekannt vorkommt. In diesem Fall noch verschärft dargestellt im sozialistischen Gewand; sozusagen mit Fahnenappell ohne Fahne, dafür mit viel Appell. Das sorgt für den Witz.
Psychologisch wird es sodann, wenn die Person stärker herausgearbeitet wird. In ihrer fast misanthropischen, emotionalen Distanziertheit wirkt Inge Lohmark gefangen in der tristen Perspektivlosigkeit, die sie zu Zynismus hinreißen lässt. Schließlich hat man fast Mitleid mit der Lehrerin, die aufgrund fehlender emotionaler Nähe kaum zu Gefühlsregungen fähig ist, und mit der schmerzlichen Selbstreflexion zu kämpfen hat. Sobald man allerdings weiß, wie Inge Lohmark tickt, wird die Erzählung zäh und langweilig.

Deshalb bin ich bei der Beurteilung hin und her gerissen. Die Sätze sitzen, die Formulierungen sind treffend. Zwischen den Buchdeckeln riecht es förmlich nach dem speziellen Geruch eines Tafelschwammes im Klassenzimmer und darüber hinaus steckt jede Menge biologisches Wissen in der Lektüre. Allemal ein beachtenswertes Buch.

Aber - um in der Sprache von Judith Schalansky zu bleiben - "es liegt es in der Natur der Sache", dass zuviel des Guten manchmal anstrengend wird. Mir jedenfalls erging es so.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Polarisiert und bleibt lange im Gedächtnis, 12. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Die ersten 10 Seiten dieses Buches war ich wie vor den Kopf gestoßen. „Das ist doch Verarschung“, schoss mir durch den Kopf.

Die nächsten 10 Seiten dieses Buches dachte ich an Satire.

Ab der 21. Seite wusste ich: diese Hauptperson, diese Inge Lohmark, meint das ernst.

Sehr ernst sogar. Die alternde Biologielehrerin aus dem vorpommerschen Hinterland unterrichtet tagein, tagaus an einer Dorfschule. Nun soll die Schule in vier Jahren geschlossen werden, die 9. Klasse, die sie unterrichtet wird die letzte ihrer Art sein.

Aber über die Zukunft will Inge Lohmark noch nicht nachdenken.

Stattdessen werden drei Tage ihres Lebens geschildert. (Einer im September, kurz nach Schuljahresbeginn, einer im November, einer im März).

Ihr Leben vor der Schulklasse, vor der sie ihre knallharten Prinzipien durchsetzt. Gefühle kennt Inge Lohmark nicht, ganz die Biolehrerin glaubt sie an das Recht des Stärkeren. Auch im Sportunterricht setzt sie auf Konkurrenzverhalten zwischen den Schülern.

Doch dumm oder gänzlich unsympathisch wirkt sie dabei nicht. Eher analysiert sie messerscharf die Eigenheiten ihrer Schüler, spielt damit und ordnet sie in ihr eigenes kleines Biosystem ein.

Für ihre Kollegen hat sie lediglich Verachtung übrig, ebenso für ihren Ehemann, der in der DDR früher Kühe besamt hat und heute Straße züchtet. Zu sagen haben sie sich nichts mehr.

Mit der Zeit entwickelt Inge Lohmark so etwas wie Gefühle für eine ihrer Schülerinnen. Diese Gefühle (die man in keinster Weise mit etwas wie Liebe gleichsetzen kann) scheinen sie so zu überfordern, dass sie stetig andauernd über ihre Tochter nachdenkt, die den Kontakt zu ihr abgebrochen zu haben scheint. Selbst über ihre Heirat wird sie lediglich per E- Mail informiert.

Es stellt sich heraus, dass sie nicht in der Lage war, ihrer Tochter mütterliche Gefühle entgegenzubringen, sie sogar, als sie von der Klasse (die Inge Lohmark unterrichtet hat!) aufs Heftigste gemobbt wurde, im Stich gelassen hat.

Die Geschichte wiederholt sich: auch eines der Mädchen aus ihrer Klasse wird von den anderen Schülern drangsaliert und misshandelt. Inge Lohmark fühlt sich nicht zuständig – das Ende bleibt offen.

Es fällt schwer, sich eine Meinung über dieses Buch zu bilden. Sagt man, man findet es gut, muss man zwangsläufig auch Inge Lohmarks Lebensanschauung gutheißen. Sagt man, man findet das Buch schlecht, wird man dem hervorragenden Stil und Sprachniveau der Autorin nicht gerecht. Die kurzen, klaren Sätze, die unendlichen Vergleiche mit der Biologie, all das ist herausragend für eine so junge Autorin (31 Jahre beim Erscheinungsdatum).

Über den Biologieunterricht und seine Inhalte kommt Inge Lohmark in einer Art Bewusstseinsstrom immer wieder zu den essentiellen Dingen des Lebens, die sie ihrem Leser auf ihre Weise erklärt.

Das ganze Buch wirkt dabei etwas wie eine Antithese – eine Umkehrung der Wirklichkeit in eine Wirklichkeit, wie sie nicht sein sollte. Trotzdem kann man wahrscheinlich unzählige Lehrer mit in diesen Pott schmeißen und der Wahrheitsgehalt und das Identifikationspotential ist erschreckend hoch. Auch ich habe ein paar Mal herzlich gelacht und gedacht: „Hätte ich so niemals gesagt. Aber stimmt schon.“

Judith Schalansky ist auf jeden Fall die Überraschung dieses Monats. Und ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob dieses Buch mein Lieblingsbuch des Monats oder mein Hassbuch des Monats werden soll.

Und so zu polarisieren – das muss man erstmal schaffen. Der Daumen geht ganz klar nach oben!
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alle Natur befindet sich im Krieg miteinander oder mit der äußeren Natur (Charles Darwin), 20. September 2012
Von 
Bernhard Horwatitsch "horwatitsch" (Muenchen) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Schon der Untertitel Bildungsroman ist ein ironischer Verweis, denn ein Bildungsroman hat einen jugendlichen Helden zum Mittelpunkt und dessen Bewusstwerdung seiner Subjektivität und damit seiner Einordnung in der Welt. Das Genre des Bildungsromans entstand Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Es ist eines der wenigen Lehnwörter des Deutschen, denn auch in England spricht man vom Bildungsroman.
Hesses Demian oder Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, sind Beispiele. Die Romane tragen autobiografische Züge und sollen dem Leser durch die Überlegenheit des Autors Bildung vermitteln.
Der Held in Schalanskys Roman jedoch ist eine alternde Biologielehrerin. Die Antagonisten sind zwölf pubertierende Schüler und ein paar Kollegen. Es ist ein Roman des Scheiterns, des Scheiterns von Bildungsidealen, des Scheiterns von Gesellschaftsidealen. Bildung wird hier vorgeführt, nicht zuletzt mit der intensiven Perspektive des inneren Monologs. Ökosystem, Naturhaushalt, Abhängigkeiten von Lebewesen mit ihrer Umwelt, Wechselbeziehungen zwischen den Arten und schließlich Wirkungsgefüge von Gemeinschaft und Raum. Im Kopf von Inge Lohmark erleben wir ein Lehrbuch der Biologie, ganz lebendig erzählt und wir erleben am Ende des Romans, dass die Vermittlung von Wissen nur ein kleiner Teil des Leistungsprofils von Lehrern ist. Zu „kreidelastig“ bezeichnet der Schuldirektor Inge Lohmarks Unterricht. Aber das allein ist es nicht. Alles an Lohmark ist auf Abwehr eingestellt, die Schüler ihre Feinde. Schule als Abwehrzauber, Chaosüberwindung, Gesellschaftskodierung. Vermeidungsaffekte – außerhalb des Unterrichts wird mit den Schülern nicht gesprochen, bei offensichtlichem Fehlverhalten sieht sie weg, beziehungsweise schaltet Inge Lohmark reflexartig auf Ekel. Sympathisch ist sie nicht, diese Lehrerin, die in der ehemaligen DDR ihren eigenen Exmann (was sind schon ein paar kleine Berichte) verraten hat, deren Misanthropie sogar die eigene Tochter verstößt. Und dabei ahnen wir noch gar nicht, dass dieser Umgang mit der eigenen Tochter zum Ende des Romans exemplarisch für diese Lehrerin wird. Während eine Kleinstadt am nordöstlichen Zipfel Deutschlands sich auflöst, die Klasse von Inge Lohmark sich auf gerade mal zwölf Schüler reduziert, während Häuser zerfallen, die Menschen weg ziehen, eine ganze Region den Bach runtergeht, ereignet sich ganz still und wie nebenher ein anderes Drama.
Und Inge Lohmark? Sie sieht nur die Natur, die Natur kehrt zurück: Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeindung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften. Würmer, Pflanzen, Pilze, Mikroben. Sie sind die Sieger. Tatsächlich mag darin fast etwas Beruhigendes liegen. Aber das ist eben nur der halbe Darwin. "Die natürliche Auswahl ist das wichtigste, aber nicht das einzige Mittel der Veränderung." Schreibt Charles Darwin in seiner Entstehung der Arten. Mit dem halben Darwin wird man der Komplexität des Daseins nicht gerecht.
Durch die strenge perspektivische Haltung der Autorin erreicht uns Lohmarks Blick auf die Welt mit der nötigen Distanz. Wir wissen jederzeit, dass der Erzähler die Lehrerin vorführt, indem er sich ihres Kopfes bemächtigt. Wir kommen der Lehrerin dabei dennoch erstaunlich nah, denn es ist ja gar nicht falsch, was sie uns zu berichten weiß. Ihr gehässiger Blick ist – wie es der gehässige, sarkastische Blick ja oft ist – scharf. Sie entlarvt die Eigenheiten ihrer Kollegen, sie demonstriert die Lächerlichkeit der Schüler. Sie versäumt es nur, auch auf sich selbst zu blicken. Ihr Dienst nach Vorschrift ist nur Theater, nur eine Rolle, die sie spielt. Schon lange bevor die Schule geschlossen wird, hat sich die Lehrerin verabschiedet. Sie weiß es nur noch nicht. Ihr darwinistisches Selbstverständnis ist eben nur ein halber Darwin. Fürsorge, Anteilnahme und Selbstreflexion sind aus ihrem Leben verschwunden. Unser tief gefurchtes Gehirn ist nicht so überflüssig wie Inge Lohmark es in ihrer Verzweiflung gerne sieht. Es bestimmt unser Verhalten, es bringt uns in die besondere Lage, die Welt als Metapher zu sehen. Und das ermöglicht eine tiefere Lust, als jede Reproduktionslust sie zu erreichen vermag. Was für Inge Lohmark nur noch Natur ist, und in biologischen Begriffen gekennzeichnet wird, wie Fellpflege, Reproduktion, etc., dieser pseudowissenschaftliche Blick auf die Dinge entlarvt auch das Denken in den ehemals kommunistischen Ländern. Am Beispiel der scheiternden Landwirtschaftsprojekte wird das schön demonstriert. Mit dem gleichen Halbblick wird auch die Idee des Leistungsgedankens im Kapitalismus ad absurdum geführt. So wird „Systemtreue“ zur Groteske. Im Schock am Ende des Romans zeigt sich dann auch, dass das System komplizierter ist, als Inge Lohmark es sich vorstellte. Ihr ganzes Naturgewirke ist eine bloße Kopfgeburt. Wenn man sein Leben nach einem Lehrbuch ausrichtet muss man notwendigerweise scheitern.
Judith Schafransky ist da ein hübsches Stück Literatur geglückt. Es ist aber kein Bildungsroman, sondern in allen sprachlichen und literaturwissenschaftlichen Aspekten eine Novelle. Es ist der strenge perspektivische Blick durch eine Reflektorfigur, es ist das pars pro toto vorgeführt durch den kleinen Kosmos einer Schule, und es ist der novellistische Schock am Ende des Textes. Der Text steht ganz in der Tradition zum Beispiel eines Arthur Schnitzlers (Leutnant Gustl).
Aber das ist ja auch ganz egal, denn die Tiefenstruktur der Novelle überzeugt. Ein rasanter Blick auf den Zerfall, den Zerfall einer Schule, eines Landes, einer Lehrerin, eines ganzen sozialen Gefüges im Grunde. Und es ist fraglos ein ganz besonderes Meisterstück, wenn man eine sehr unsympathische Protagonistin wählt und mithilfe dieser Figur einen mitreißenden Text schreibt.
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Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch)
Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (suhrkamp taschenbuch) von Judith Schalansky (Taschenbuch - 21. Oktober 2012)
EUR 9,99
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