Kundenrezensionen


54 Rezensionen
5 Sterne:
 (26)
4 Sterne:
 (12)
3 Sterne:
 (9)
2 Sterne:
 (1)
1 Sterne:
 (6)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


202 von 225 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Flammendes Plädoyer für eine "Konversion zum Können" (306)
Nach mehr als 700 Seiten, die inhaltlich und sprachlich nur als überwältigend zu bezeichnen sind, steht der Schreiber dieser Zeilen nun vor der Herausforderung, zumindestens in Ansätzen zu vermitteln, welche Ideen und Konzepte im Zentrum dieser Darstellung stehen und warum sie eine möglichst breitgefächerte Leserschaft verdient. Dass es dabei zu...
Veröffentlicht am 1. Mai 2009 von Michael Dienstbier

versus
236 von 283 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Philosoph der Krise
Läse man den neuen, 700 Seiten dicken Sloterdijk "Du musst Dein Leben ändern" von hinten aus, würde man zum einen einer Hausfrauenweisheit begegnen: So kann es, meint der Meister auf der Seite 699, nicht weitergehen! Mit der Unordnung in der Welt und unter dem Sofa nicht, und nicht mit der Verwirrung des Geistes und den aufgelösten Maschen des...
Veröffentlicht am 17. Juni 2009 von Ulrich Gellermann


‹ Zurück | 1 2 36 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

58 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen hirnakrobatik mit horizontalentspannung, 30. September 2010
In seinem neuen Wälzer macht sich Sloterdijk auch so seine Gedanken über Passivitätskompetenz" und Vertikalspannung". Das find ich toll! Ins Altdeutsche rückübersetzt bedeuten diese Wörter nämlich Faulheit" und Glauben". Und dafür hab ich ja nun wirklich was übrig (vor allem für ersteres). Das Buch ist überhaupt ein rhetorisches Wunderwerk. Zu Rennpferden auffrisiert, laufen die alten Gäule der Philosophie", der Religion" und der Ethik" nun endlich wieder zur Höchstform auf. Aber auch Punkto Lebenspraxis kann man eine Menge lernen von dem deutschen Philosophie-Exzentriker. Zum Beispiel wie man das asketische Leben predigt und dabei selber immer dicker wird. Oder: wie man sich sprachlich mit dem Jargon eines ökonomischen Systems in Einklang bringt, von dem man sich inhaltlich distanzieren will. Oder - am schönsten -: wie man innerhalb der Krise erfolgreich der Versuchung widersteht, in totale konsumatorische Lethargie zu verfallen und stattdessen zum Übungssubjekt" im Sloderdickschen Sinn avanciert: in dem man nämlich sein Buch kauft und unter der Anleitung des Meisters an einem Programm zur Entpassivierung partizipiert, um vom bloßen Geformtsein (Bauch?) auf die Seite des Formenden (des Essenden?) überzutreten. Na, wenn das kein Ansporn ist! Der Schinken kostet übrigens nur lächerliche 24,80 , ist also auch für Harz IV-Empfänger einigermaßen erschwinglich und immerhin um ganze 5,10 günstiger als der Orden für Arbeitshelden der Volksrepublik Albanien (jetzt bei ebay um 29,90 zu haben)! Also, zugreifen, Faulpelze aller Länder, vereinigt euch!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Glück der Konzentration, 22. Mai 2009
Von 
FrizzText "frizz" (Wuppertal) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)   
Nachdem vor langer Zeit der kanadische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi mit seinem Buch "Flow: Das Geheimnis des Glücks" einen Weltbestseller landete (der auch in unzähligen deutschen Print-Magazinen rezensiert wurde), ist die Aufmerksamkeit des lesenden Publikums auf das Thema Konzentrations-Techniken gelenkt worden. Sloterdijk nimmt nun den gleichen Denkansatz und webt ihn in den Teppich seines philosophischen und personen-typischen Vokabulars ein. Religion in diesem Zusammenhang ebenfalls mit zu betrachten, ist sehr kreativ und gescheit. Denn religiöse Übungen haben am Ende vielleicht keinen weiteren Effekt als denjenigen, den die FLOW-Schachspieler, -Bergsteiger, Marathon-Läufer, Maler oder Dauer-Erotiker ebenfalls bei sich entdeckten: Adrenalin-Ausstoß, Glückshormone - oder weniger chemisch: Zufriedenheit mit sich selbst und der eigenen Leistung, Genugtuung, jene zeittypische elende Passivität überwunden zu haben. Es ist üblich (und auch nicht falsch), dass Philosophen religiöse Übungen besonders kritisch sehen und das zeitweilige Abrutschen mancher Glaubensanhänger in eine peinliche Selbstauflösung ungeschminkt beim Namen nennen. Insgesamt gesehen hat Sloterdijk wieder einmal ein interessantes Buch fabriziert, weil er hier eines der wichtigsten und sinnvollsten Themen unserer Gegenwart tiefgrabend darlegt. Noch schöner wäre es gewesen, wenn er dazu statt 700 Seiten nur 70 benötigt hätte. Übungen dürfen auch kurz sein. Dann wirken sie meist noch besser.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit Peter Sloterdijk in die Vertikale...Einladung zum Klettern!, 20. Mai 2009
Um mit der Zusammenfassung zu beginnen: Ich wünsche dem Buch, dass es von vielen Menschen ernsthaft gelesen wird. Es ist nämlich eine großartige Einführung in die Philosophie und das Philosophieren gleichzeitig.Und diese Art des Philosophierens ist einer möglichst großen Zahl von Menschen zu wünschen.

Dieses Buch fördert die Selbstreflektion , die sowohl das eigene Sein als auch das Sein für andere und mit Anderen verbessert, weil es den Leser an die Hand oder besser weil 'Bergführer Sloterdijk' seinen Gast ans Seil nimmt, um mit ihm die Vertikalen von Kultur zu entdecken und ihn einlädt, sich im Klettern in diesen Vertikalen mit ihm zu üben.

Der Untertitel 'Zur anthropotechnischen Wende' betrifft die zeitgeschichtliche Positionierung. Der rote Faden ist die Vermittlung einer Grundhaltung, 'die Philosophie sei keine Disziplin, sondern eine Aktivität, die die Disziplinen durchquert.' Am Leitfaden von Nietzsches Wiederaufnahme des Aufbruchs der Renaissance findet man sich klar positioniert in der anthropotechnischen Wende der Gegenwart, deren Topographie durch die reflektierten Kletterübungen dieses eleganten Kletterlehrers nachvollziehbar werden. Nietzsche, Heidegger, Foucault, Wittgenstein, wichtige Stücke der Antike von Heraklit über Sokrates und Platon machen deutlich, was 'philosophischer Mehrkampf und dem Subjekt als Träger seiner Übungsreihen' sein kann. Ein Training, das sich lohnt, wenn man sich aktiv in der Gegenwart zurechtfinden möchte und dabei einem inzwischen globalen Bezugsfeld sowohl okzidentaler als auch östlicher Kulturen ausgesetzt ist, die die Orientierung tatsächlich zu einer fordernden Bergtour ( Entdeckung des Vertikalen im Gegensatz zum Horizontalen) werden lassen.

Hier eine Textprobe, wie es in diesem Klettergarten (Mount Improbable) aussieht: auf S. 272 im Teil I 'Die Eroberung des Unwahrscheinlichen' im 3ten Kapitel 'Schlaflos in Ephesos' schreibt Sloterdijk: 'Aus den asymmetrischen Zerfallsprodukten ergaben sich die tiefreichenden Differenzen zwischen den Rationalitätskulturen bzw. den 'Ethiken' des Okzidents und des Orients. Während sich auf dem westlichen Pfad, um summarisch zu reden, ein Denken ohne Wachen durchsetzte, das sich dem Ideal der Wissenschaft verpflichtete, kam auf dem östlichen Pfad eher ein Wachen ohne Wissenschaft zum Zug, das Erleuchtungen ohne begriffliche Präzisierungen anstrebte ' angelehnt an einen Staatsschatz von Weisheitsfiguren, der mehr oder weniger allen Meistern gehört. Heideggers Versuch, die Alternative von Szientismus und Illuminismus in neo-vorsokratischer Haltung zu unterlaufen, erbrachte ein Konzept von >Denken<, das deutlich näher beim meditierenden Wachen als bei der Konstruktion oder Dekonstruktion von Diskursen lag. Seine späte Pastorale des Seins, die mehr einem Exerzitium als einer diskursiven Praxis gleicht, weist auf das Unternehmen hin, die Bewußtseinsphilosophie nach ihrem aufrüttelnden Durchgang durch die Existenzphilosophie in eine welthaltige Wachheitsphilosophie zu verwandeln.'

Das Buch ist auf seinen 714 Seiten eine den Leser herausfordernde Tour, mit neuartigen Aussichten, die die Anstrengungen des Lesens aber Wert sind. Der Leser wird von Sloterdijk gefordert, seine eigene Position zu reflektieren, sonst kann er die neuen Aussichten nicht genießen. Er muss dann eben im Basislager verbleiben. Wer nicht im Basislager verbleiben will, hat die Chance einer Entdeckung, die 'den Menschen beschreibt in aller Diskretion als Akrobaten der virtus ' man

könnte auch sagen: als Träger einer moralischen Kompetenz, die in soziale und künstlerische Leistungskraft übergeht. Das ist die weit geöffnete Tür, durch welche die Denker der Renaissance bloß zu gehen brauchten, um die Heiligen in die Virtuosen zu verwandeln' ...und damit die anthropotechnische Wende einzuleiten.

Wer nicht im Basislager bleiben will, also die mutwillige Verarmung durch Bourdieus Habitus- Begriff nicht teilen will, ist eingeladen zu weiteren Expeditionen. Dann müsste er allerdings auch bereit sein, Sloterdijk in seinem kritischen Plädoyer über 'Identität als das Recht auf Faulheit' (S.296) zu folgen. Das würde ihn weiterführen zu dem Kernthema des ganzen Buches: 'Sein Leben ändern heißt nun: durch Aktivität ein Übungssubjekt heranbilden, das seinem Leidenscchaftsleben, seinem Habitusleben, seinem Vorstellungsleben überlegen werden soll. Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassivierung seiner selbst teilnimmt und vom bloßen Geeformtsein auf die Seite des Formenden übertritt. Der ganze Komplex, den man Ethik nennt, entspringt aus der Geste der Konversion zum Können. Konversion ist nicht der Übergang von einem Glaubenssystem zu einem anderen. Die ursprüngliche Bekehrung geschieht als Austritt aus dem passivischen Daseinsmodus in Tateinheit mit dem Eintritt in den aktivierenden. Dass die Aktivierung und das Bekenntnis zum übenden Leben dasselbe bedeuten, liegt in der Natur der Sache. Mit diesen Hinweisen wird präziser fassbar, was Nietzsche gesehen hatte, als er in seinen Überlegungen Zur Genealogie der Moral die Erde als asketischen Stern charakterisierte. Die Askesis war von dem Augenblick unumgänglich geworden, in dem eine Avantgarde von Beobachtern sich genötigt sah, über ihren Schatten zu springen ' genauer die drei Schatten, die ihnen in Form von Leidenschaften, Gewohnheiten und unklaren Ideen anhängen.'

Zur Struktur des Buches: Nach einer Einleitung zum Thema der anthropotechnischen Wende und einer Beschreibung des Planeten der Übenden mit Ausführungen zu Rilke, Nietzsche, Unthan,Kafka und Cioran sowie einem spannenden Exkurs über Pierre de Coubertin und Ron Hubbard und sein Scientology System folgt eine vielgliedrige Beschreibung der Eroberung des Unwahrscheinlichen als Plädoyer für eine akrobatische Ethik. In einem gleichermaßen vielfältigen zweiten Hauptteil folgt dann die historische Darstellung der Übertreibungsverfahren, die die unausweichliche Konsequenz für diejenigen darstellen, die sich von der akrobatischen Ethik zur praktischen Umsetzung haben anstiften lassen. Der Bogen wird weit gespannt: von der Antike, in der die äußerste Mobilmachung im Namen von Übung und Perfektion geschah, bis zur Moderne, in der die höchste Mobilmachung der menschlichen Kräfte sich vornehmlich unter dem Vorzeichen von Arbeit und Produktion vollzog. Der dritte Teil widmet sich den Exerzitien der Modernen in ihren vielfältigen Trainingslagern, die vorbereiten auf einen vernünftig plausiblen Schlussakkord: Der Imperativ 'Du musst dein Leben ändern' stellt sich gleichermaßen den Menschen der Gegenwart als permanente Aufgabe in einer Welt, die Sloterdijk als Geschichte von Immunsystemkämpfen begreift, in der schließlich an die Stelle kultureller Übertreibungsverfahren und einer Romantik der Brüderlichkeit eine aufgeklärte kooperative Logik trifft. Diese Logik beinhaltet den Entschluss, 'in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen.'
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Ein intellektueller Spaß für geübte oder wenigstens übende Leser, 5. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Ich wünschte, es gäbe mehr von solchen Büchern, die uns frei von jeglicher Ideologie den Spiegel vorhalten und Philosophie für das Individuum im Alltag praktisch relevant machen. Peter Sloterdijk analysiert in diesem Buch die Geschichte der Menschheit unter dem Aspekt der Übung und der Vervollkommnung. Er bezieht sich dabei sowohl auf orientalische Meditationstechniken als auch auf abendländische Askese (von griechisch askein = üben). Ein Merkmal des Menschen sei es, dass er sich in all seinen Lebensdimensionen versuche zu verbessern. In diesem Zusammenhang stellt Sloterdijk auch alle Religionen, die er als "spirituelle Übungssysteme" versteht. Nicht die Religionen kämen nun zurück, sondern der Mensch als übendes Wesen. Wie der Titel vermuten lässt, ist das Buch auch als ein Aufruf zu verstehen, die Arbeit an sich selbst als Individuum nicht aufzugeben. Diese moderne Entpassivierung, wie Sloterdijk sagt, ist die Grundlage für unsere Ethik und sie setzt an drei Punkten an: Leidenschaften, Gewohnheiten und Denken. Der Titel des Buches ist Rainer Maria Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apollos" entlehnt, das mit diesen Zeilen endet: "und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern." Dieses Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, vor allem weil Sloterdijk auch hier wieder seine eigene Sprache entwickelt und implizit an eine lange Geistesgeschichte anknüpft, die er nicht an allen Stellen für jeden explizieren kann. Ein intellektueller Spaß für philosophisch oder geschichtlich geübte oder wenigstens übende Leser.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Klimmzüge des Daseins, 2. Februar 2013
Auch das Können muss man können. Wer eben wirklich gut sein will, muss üben. Denn alles Leben ist Übung, ewige Übung. Und wir Menschen üben stets, auch wenn wir es nicht feststellen oder beabsichtigen.
In scharfsinniger Weise gibt uns Peter Sloterdijk die Geistesgeschichte des Übens und erklärt uns zugleich das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, in dem er sich die Erde untertan gemacht, im Guten und im Schlechten, in der Emanzipation und im Völkermord. Überall haben wir uns verändert, wo wir geübt haben. Überspitzt formuliert: Was man in der Askese lernt, kann man auch in Auschwitz anwenden. Um daran anzuschließen: Sloterdijk erkennt die auf stark technisierte Ideologien basierenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts als pervierte Auswüchse von Übungssystemen.
Sloterdijk stellt den Menschen als Menschen der Verbesserung dar. Schon Nietzsche hat seinen Übermenschen als denjenigen charakterisiert, der sich nicht mehr in der Horizontalen, sondern nur noch in der Vertikalen bewegt. Sloterdijk verwirft die Utopie des Übermenschen und entwirft die Realität des Übungsmenschen. Wer hinauf will, muss die öde Kammer des unbewussten Übens verlassen und sich in den weiten Raum der klar erkennbaren Verbesserung begeben.
Am Ende gipfelt das komplexe Werk in den simplen und unausweichlichen Vorschlag, dass die Weltverbesserung nur durch die Selbstverbesserung möglich ist. Er vermeidet dabei das zu moralische Wort der Veränderung, denn dies verlangt stets eine Wandlung vom Schlechten ins Gute. Dabei ist es nicht schlecht, was wir sind und aus uns gemacht haben. Aber es muss stetig durch Übung, die mehr ist als nur Arbeit, verbessert werden.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der absolute Imperativ und seine Strapazen, 29. Januar 2012
Einblicke in die Welt der Sezession

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische Hilfe von diesem Buch verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Zunächst muss der sich aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass "eine Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen" aus dem einfachen Grund, weil es keine "Religion" und keine "Religionen" gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme" (Zitat), "Anthropotechniken" genannt, "sozio-immunologische Praktiken", die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

Zitat: "Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren". Anthropotechnik sei keine Biotechnik. "Wer darauf achtet, dass es heißt, "Du musst dein Leben ändern" und nicht, "Du musst das Leben ändern", hat schon im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt."

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt, 3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik, 2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, "Sezessionisten", "Asketen", "Sakroathleten" und "Geistesakrobaten" vergangener Zeiten und Kulturen - auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation "Sakroathlet" - und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer - es sind fast ausschließlich Männer - jener Zeiten zu ihrer epochalen "Sezession" bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto "Du musst dein Leben ändern" als dem aktuellen "Absoluten Imperativ", den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen. Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass "der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe". Aber Sloterdijk ist überzeugt: "Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!" (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die "Sezessionisten" aller Zeiten - vor allem für Friedrich Nietzsche - in Ehren, aber sind sie mit ihrer - Lebensänderung - denn wirklich die "Zeitenwender", die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: "Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!" (Zitat) Aber gibt es heute nicht auch "faktisch Neues unter der Sonne", das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde. Deswegen ist hinter die Forderung "Du sollst dein Leben ändern!" als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen."

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer Philosophentradition, die Ideen - "Vertikalspannung" - für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren Platz hat und für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es "Religion" und "Religionen" eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme - Anthropotechniken - seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten? Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die von ihm ' und nicht nur von ihm ' als bedrohlich empfundene Wiederkehr der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession. Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung - mit Ritualen - zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese "spirituellen Übungssysteme" ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: "Du musst dein Leben ändern!" mutiert zur Forderung, "Du musst wieder religiöser werden!". "Aufklärung" kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei's geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien nicht ausgeschlossen. Insyallah!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Und was nun?, 25. Oktober 2009
Von 
Blaumaintal "blaumaintal" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)   
Wer, wie zum Beispiel ich, erwartet, dass Sloterdijk in seinem Buch darlegen wird wie wir auf den unbedingten Imperativ "Du musst Dein Leben ändern" antworten sollen ist hier auf dem falschen Dampfer. Das Buch behandelt vielmehr fast ausschließlich in einem Durchgang durch die (Kultur- und Philosophie-) Geschichte wie Menschen an einer Lebenssteigerung gearbeitet haben, aus der dann letztlich nach Sloterdijk so etwas wie "Hochkultur" entstanden ist. Dabei hält sich aber Sloterdijk mit Inhalten gar nicht groß auf, es geht ihm offensichtlich mehr um die Darstellung der bloßen Formen der Lebenssteigerungsübungen, die sich im Laufe der Geschichte finden. Das Ethische ist für ihn begründet in dem sich Ausstrecken des übenden Menschen an dem Unglaublichen und im Grunde Unerreichbaren. Dabei arbeitet Sloterdijk auch die Wandlungen dieser Übungen im Laufe der Jahrtausende heraus. Der heutigen Zeit etwa attestiert er eine Entspiritualisierung der Askese und zwar mit Hilfe der Technik. Dadurch würde dem vormaligen Asketismus der Boden entzogen, denn nunmehr erreicht man seine Übungsziele viel besser mit nicht-metaphysischen und nicht-heroischen Mitteln (die industriepolitische Umstellung von Knappheit auf Überangebot, die Arbeitsteilung zwischen Höchstleistendem und weniger Angestrengtem in Wissenschaft und Sport, die Derregulierung der Sexualität, der Übergang von Massenkultur zur feindlosen Kooperationspolitik und einer postheroischen Sterbekultur). Dabei wird der Asketismus aber dennoch, so Sloterdijk, in seiner allgemeinen Tendenz bestätigt, nämlich der Verbesserung und Erhöhung des Lebens. Sloterdijk spricht von unserem Zeitalter als dem silbernen, dass sozusagen das vormalige eiserne Zeitalter des heroisch-metaphysischen Asketismus abgelöst habe. Um zu diesen "Ergebnissen" zu kommen braucht es satte 714 Seiten in 6 großen Buchabschnitten "Der Planet der Übenden", "Die Eroberung des Unwahrscheinlichen. Für eine akrobatische Ethik", "Übertreibungsverfahren", "Die Exerzitien der Moderne", "Rückblick", "Ausblick". Das Buch kommt nicht geradlinig zur Sache, sondern es gibt immer wieder Abschweifungen und wieder von vorne Beginnen, die es mir zu Anfang schwer machten überhaupt zu verstehen worauf der Autor in seinem Buch hinaus will: Denn von einem "Sachbuch" erwartet man ja gemeinhin gut aufbereitete "Fakten". Dieses Buch hat dagegen sicher aber auch literarisch-künstlerische Ambitionen (mit einer anspruchsvollen und über weite Strecken irgendwie faszinierenden Sprache) und beschränkt sich fast ausschließlich auf deskriptive Analyse denn auf Vorschlägen für normative Problemlösungsrichtlinien. Letzteres hat mich doch etwas enttäuscht. Die verabsolutierende Perspektive des Menschen als eines Übenden und der Bezug von hier auf die Ethik empfinde ich als Verkürzung trotz der vielen interessanten Aspekte und Einblicke, die sich dadurch eröffnen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Planet der Übenden, 24. Juni 2012
Niemand kann einfache Sachverhalte auf sprachlich derart brillante und inspirierende Weise verkomplizieren wie Peter Sloterdijk. "Du mußt dein Leben ändern" ist der titelgebende, einem Rilke-Gedicht entstammende Appell seines 700-Seiten-Buchs über die Philosophie, Geschichte und Methodik des Übens.

Einer der wesentlichsten Aspekte dieses wunderbaren Buchs ist aus meiner Sicht die zur Behandlung des Themas notwendige Gegenüberstellung spiritueller und entspiritualisierter, sowie der bewußten und der unbemerkten Übungsformen; beachtenswert hierbei ist u.a. seine Kritik an der in seinen Augen zum Selbstzweck verkommenen religiösen Vereinigung, welche laut S. die entwicklungsdringlichen individuellen Übungstechniken außer Kontrolle geraten, d.h. degenerieren läßt. Religionen bilden laut S. einen Sog, in dem "ein ethischer Übungsprozeß zu Zwecken kollektiver Identitätsbildung umformuliert wird - auf diese Weise wandelt sich die spirituelle Übung von der anspruchsvollen Rückzugsform in die billige Besessenheit, die man die Konfession nennt." (S. 372) Eine aus meiner Sicht ein wenig zu frostig formulierte, aber dennoch bedenkenswerte Auffassung, die sich mindestens teilweise mit meiner Überzeugung deckt, daß, wer es mit dem (moralbezüglichen) Üben ernst meint, dies überwiegend autark und vor allem in Stille zu tun am besten beraten ist (Stille hier auch gemeint als agitations- und missionierungsfreier Raum).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist S.s Hinweis auf das bewußte und nichtbewußte Üben, will heißen: Nicht nur Fitness (auf geistiger und körperlicher Ebene) wird eingeübt, sondern auf der Gegenseite - durch "jahrelange Verwahrlosungsarbeit" - zahllose Ausformungen der Unfitness; offen zutage tretende Dummheit wird laut S. "durch ein langes Training in Lernvermeidungsoperationen erworben".

Das Buch wimmelt von virtuos ausformulierten Reflexionen und so viel mehr könnte noch als Grundlage für eine Buchempfehlung hergenommen werden (allein die nichts weniger als grandiose Gedichtinterpretation von Rilkes "Torso" würde den Kauf rechtfertigen), dennoch beende ich hier und wünsche allen am Phänomen des Übens Interessierten eine genußvolle Lektüre.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Du musst dein Leben immer schneller ändern, 12. Dezember 2010
Von 
Lulu "Penny" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
In diesem äußerst sprachgewaltigen Buch geht es um grundsätzliche Fragen zum Menschsein und zur Zukunft des Menschen. Allerdings hätte es dazu wohl zunächst einer Klärung der Frage bedurft, was eigentlich Leben ist.

Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie geht es bei der Evolution vor allem um die Reproduktion von Kompetenzen. Ein Individuum, das seine Kompetenzen gegenüber seiner Umwelt nicht erhalten kann, scheidet aus dem evolutiven Rennen aus, da es dann nicht mehr in der Lage ist, Ressourcen aus dem Lebensraum zu beziehen, um seine Kompetenzen zu reproduzieren und seine Entropie niedrig zu halten.

Zu Beginn des Lebens lagen alle Kompetenzen ausschließlich in genetischer Form vor. Geändert werden konnten sie nur im Rahmen der Fortpflanzung, der anfänglich einzigen Form der Kompetenzreproduktion, was natürlich relativ langsam war. Hieraus zog man den (Fehl)Schluss, dass es bei der Evolution ausschließlich um die Reproduktion von (vermeintlich egoistischen) Genen geht.

Eine deutliche Beschleunigung des Evolutionsprozesses erfolgte mit dem Aufkommen der Gehirne. Nun konnten Lebewesen lernen und ihre Kompetenzen schon während ihrer Lebenszeit ändern. Das dabei Erlernte wurde durch Imitation und weitere Verfahren an die Nachkommen weitergegeben und somit reproduziert. Beispielsweise können viele Singvögel ihren Melodienpool durch regelmäßiges Üben ändern. Womit ich beim Thema des Buches wäre.

Der Mensch hat all dies zur Perfektion gebracht. Dabei beschleunigten sich die Adaptionsprozesse weiter. Beispielsweise konnte noch vor wenigen hundert Jahren ein einmal erlerntes Handwerk vielfach ein Leben lang ausgeübt werden. Heute veraltet Wissen (d.h. Kompetenzen) dagegen manchmal schon in ganz wenigen Jahren. Lebenslanges Lernen lautet jetzt die Devise. Und weil das alle tun, läuft das Leben nun so ähnlich ab wie bei den Singvogelmännchen: Lernen, Üben, Lernen, Üben etc. Würde man sich dem Prozess entziehen, verlöre man seine Kompetenzen (die nicht mehr dem aktuellen Wissen entsprächen). Immerhin bliebe einem dann noch ein Leben in der Sozialhilfe.

Allerdings sollte man dabei noch sagen, was heute nützliche menschliche Kompetenzen sind, denn das Lernen, Üben, Lernen, Üben etc. (d.h. die Kompetenzreproduktion) dürfte ja nur dann gelingen, wenn man damit auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Mit anderen Worten: Nützliche Kompetenzen sind die, die die Wirtschaft gebrauchen kann. Hat man nur solche, für die man dort aktuell keine Verwendung hat, heißt das im Allgemeinen: Sozialhilfe.

Dies mag der Autor aus der sicheren Position eines verbeamteten Hochschullehrers möglicherweise etwas anders sehen, für die allermeisten Menschen sieht es aber genauso aus. Denn längst haben die Unternehmen, die von vielen evolutionstheoretisch argumentierenden Autoren mit lebenden Organismen verglichen werden, auf der Erde das Sagen. Sie bestimmen, wohin sich unsere Welt in den nächsten Jahren entwickeln wird, zumal große kooperative Einheiten einzelnen Individuen in aller Regel weit überlegen sind.

Es ist erschreckend, dass über solche Themen so gar keine öffentliche Debatte zustande kommen will. Die im Buch formulierten erhabenen Gedanken des Autors werden meiner Meinung nach dagegen keinen Beitrag zur Bewältigung unserer anstehenden Zukunftsprobleme leisten können.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen raus aus der Horizontalen?, 15. Oktober 2010
Sloterdijks Ritt durch die Kulturgeschichte (vorwiegend der Westlichen) wird auf der Folie des übenden Individuums geschrieben. Sein Begriff der Übung wird nicht formal definiert, sondern orientiert sich an den jeweiligen Kulturkreisen. Gelegentlich wird er mit dem Ziel, eine Vertikaldimension zu erlangen, spezifiziert, eine andere Lesart ergibt sich aus der Anlehnung an Nietzsches Begriff des Übermenschen.
Doch das Ziel des übenden Menschen ist nicht ein bestimmter Zustand, sondern die Übung selbst. Hier knüpft er eng an Foucaults Begriff der Selbstsorge oder an einigen ostasiatischen Übungswegen an.
Leider sieht er aus meiner Sicht nur sehr marginal die kollektive Dimension des Übens, hier bleibt er sehr eng an dem Individuum haften. In dieser Hinsicht bietet sein Buch noch vielfältige Ausbaumöglichkeiten. Auch sieht er Übung eher unter dem Blick der geistigen Veränderung und lässt die körperliche Dimension oft links liegen.
Fazit: Ein Buch für Intellektuelle, die auch mit altgriechischen Zitaten etwas anfangen können.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 2 36 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch)
Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch) von Peter Sloterdijk (Taschenbuch - 20. Mai 2012)
EUR 12,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen