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In den Jahren zwischen 1954 und 1956 veröffentlichte Roland Barthes über 50 Essays mit Titeln, die es dem Leser auf den ersten Blick durchaus schwer gestalten, einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Beiträgen zu erkennen. Was hat Catchen mit Striptease zu tun? Und wo liegt bietteschön die thematische Verbindung zwischen der Tour de France und dem neuen Citroen? Und was ist überhaupt dieser 'Mythos', der das Verbindungsglied zwischen diesen so unterschiedlichen Themen darstellen soll? In "Mythen des Alltags" finden sich im ersten Teil die über 50 Essays zu den genannten Themen und im zweiten Teil theoretische Darlegungen zum Mythos.

Für Barthes ist der Mythos eine Art "System der Kommunikation" (259). Dabei handele es sich jedoch um eine Kommunikation, die im Dienste einer bestimmten Ideologie stehe, die bestimmte Dinge verberge oder gar deformiere, um gewisse Gesellschaftskonstrukte als natürliche Gesellschaftsphänomene darzustellen. Als Beispiel erwähnt Barthes ein Plakat, welches einen schwarzen Mann in französischer Uniform zeigt, welcher lachend die französische Flagge grüßt (vgl. 260f.). Hier werde die Ära des französischen Imperialismus ihrer geschichtlichen Entwicklung beraubt und als natürliches schon immer dagewesenes Phänomen konstruiert: "Hier sind wir beim eigentlichen Prinzip des Mythos: Er verwandelt Geschichte in Natur" (278).

Wie dieser Prozess der Naturalisierung in der Praxis funktioniert, wird in den einzelnen Essays verdeutlicht. In 'Die Welt des Catchens' zeigt Barthes, dass die wahre Bedeutung des Catchens darin liege, ein Schauspiel zu inszenieren, welches einem grundlegenden Bedürfniss der Menschen entspreche, nämlich der Herstellung von so etwas wie "diesseitiger[r] Gerechtigkeit" (23): "Sie [die Niederlage] ist kein Endpunkt, sondern vielmehr eine Dauer, eine Darbietung, sie nimmt die alten Mythen des öffentlichen Leidens und der öffentlichen Erniedrigung wieder auf: das Kreuz und den Pranger. Der Catcher wird gleichsam im hellen Tageslicht, vor aller Augen gekreuzigt" (22f.).

Ähnlich verhält es sich mit der Tour de France. In 'Die Tour de France als Epos' beschreibt Barthes, welches urmenschliche Bedürfnis mit dem Schauspiel der Tour angesprochen werde. Auch hier handele es sich um einen epischen Kampf zwischen gut und böse: "Der Mensch muß also naturalisiert, die Natur vermenschlicht werden. Die Steigungen sind dabei 'böse', werden auf [...] mörderische 'Prozentsätze' reduziert, und die Etappen der Tour [...] sind in erster Linie physische Persönlichkeiten, nacheinander zu bezwingende Feinde, individualisiert durch jenes Gemisch aus Morphologie und Moral, das die Natur im Epos ausmacht" (145). Doping, so Barthes, sei in diesem Schauspiel ein geradezu gotteslästerliches Verbrechen: "Den Rennfahrer aufzuputschen ist ebenso verbrecherisch, ebenso ruchlos wie der Versuch, Gott nachzuahmen; Doping heißt, Gott das Privileg des Funkens zu stehlen" (148).

Fazit: Kommunikation findet überall statt und am wirkungsmächtigsten ist sie genau dann, wenn man sich überhaupt nicht bewusst macht, wie diese Kommunikation funktioniert. Gerade im Zeitalter stetig zunehmender Kommunikationsformen erinnert uns Barthes daran, wie wichtig es ist in der Lage zu sein, hinter den Vorhang der Sprache mitsamt all ihren Ausprägungen zu schauen, um in der Lage zu bleiben, sich in Selbstbestimmung ein eigenes Urteil zu bilden.
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Es gibt nur wenige Sachbücher, die nach 55 Jahren noch immer aktuell und kaufenswert sind. Roland Barthes' "Mythen des Alltags" ist eines davon. Aus Angst, das Kleinod nicht mehr zurück zu bekommen, hatte ich mein Exemplar nicht oder nur gegen ein unbezahlbares Depot ausgeliehen. Zumindest während der Dauer zwischen vergriffen und neu aufgelegt. Jetzt habe ich zwar den Status eines Exklusivverwalters verloren, dafür haben Soziologen, Semiotiker und alle Freunde messerscharfer Ideologiekritik ein wichtiges Buch wieder gewonnen.

Was ist denn das Besondere an diesen Texten, die alle zwischen 1954 und 1956 verfasst wurden? Aus damaliger Sicht sicher die außergewöhnlichen Themen und Gegenstände von Barthes' Analysen. Da wird zum Beispiel die Welt des Catchens genauer unter die Lupe genommen, Wein und Milch miteinander verglichen, die Eigenart eines Beefsteaks oder von Pommes Frites herausgeschält und das Gesicht von Greta Garbo genauer betrachtet. Weil in der akademischen Welt des letzten Jahrhundert schon allein die Titel von Barthes' Essays für Aufsehen sorgten, führe ich noch einige der 53 intellektuellen Leckerbissen auf. Es sind dies: Die Kreuzfahrt des Blauen Blutes, Marsmenschen, Ehegeschichten, Romane und Kinder, Wie Paris nicht unterging, Bichon bei den Negern, Einsteins Gehirn, Die Tour de France als Epos, Striptease, Astrologie, Plastik, der neue Citroën.

Roland Barthes schrieb nicht um des Schreibens willen, sondern verfolgte das Ziel einer Ideologiekritik die sich auf die Sprache der Massenkultur richtet. Zudem wollte er diese Sprache semiologisch demontieren. Dass jede Betrachtung auch ein Kind seiner Zeit ist, war Roland Barthes natürlich bewusst. Daher schreibt er zur Neuauflage von 1970, dass die Ideologiekritik nach dem Mai 1968 der Verfeinerung bedarf und sich die semilogische Analyse weiterentwickelte, genauer, komplexer und vielfältiger geworden ist. Daher könnte er zumindest in der Form dieses Buches keine neuen Mythologien schreiben. Doch das war vielleicht auch nicht notwendig, da Barthes' Buch einen großen Einfluss hatte und den Untersuchungsgegenstand "Alltag" überhaupt salonfähig machte.

Erst nachdem Roland Barthes eine Reihe damals aktueller Ereignisse untersucht hatte, unternahm er den Versuch, den zeitgenössischen Mythos zu definieren. Dieser Text, der natürlich alles andere als nur ein schwacher Versuch ist, findet sich ebenfalls in diesem Band und umfasst lesenswerte 65 Seiten. Das Erstaunliche ist, dass vieles von Barthes' Theorie noch immer Gültigkeit hat. Klar, entwickelte sich auch die Semiotik weiter. Klar, trägt die Neurologie zur Wahrnehmung von Symbolen Neues bei. Doch ersetzt man einige Begriffe und reichert Barthes' Thesen mit Zeitgemäßem an, so sind sie noch immer erhellender als viele Publikation, die seine Berufskollegen in den letzten Jahrzehnten vorgelegt haben.

Mein Fazit: Der 1980 in Paris verstorbene Roland Barthes hat mit "Mythen des Alltags" nicht nur einen Klassiker geschrieben, sondern Untersuchungen über den Alltag salonfähig gemacht. Auf Vorschlag von Michel Foucault wurde er 1976 ans Collège de France auf den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl "für literarische Zeichensysteme" berufen. Dass er diese Ehrung mehr als verdiente, beweist die Neuauflage dieses Buches. Bitte lesen und sich an der Brillanz dieses außergewöhnlichen Intellektuellen erfreuen.
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am 20. April 2012
"Dass eine Literatur lebt in unseren Tagen, zeigt sich darin, dass sie Probleme zur Debatte stellt. So stellt z.B. George Sand das Verhältnis der beiden Geschlechter zur Debatte, Byron und Feuerbach die Religion, Proudhon und Stuart Mill das Eigentum, Turgenjew, Spielhagen und Emile Augier die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dass eine Literatur nichts zur Debatte stellt, ist gleichbedeutend mit dem voranschreitenden Verlust jeglichen Sinns". So Georg Brandes (1842-1927) in seiner Vorlesung über die "Hauptströmungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts". "Schreiben heißt also die Welt enthüllen und sie zugleich der Hingabe des Lesers als eine Aufgabe stellen." (Jean-Paul Sartre, (1905-1980) in: Was ist Literatur?)

Doch was macht Roland Barthes (1915-1980) zur Erhaltung jeglichen Sinns? Seine Texte und kleinen Essays aus den Jahren 1954-1956 kommen aus der zunächst unbedeutenden Wirklichkeit des Alltags. Sie erscheinen wie Anekdoten, erhalten über die vielfältigen Assoziationen eine neue Nuance und in ihrer Spitzfindigkeit verfolgen sie die Metamorphose zur Ironie. "Ich verlange den Widerspruch meiner Zeit voll zu leben, die aus einem Sarkasmus die Bedingung für die Wahrheit machen kann." So Barthes klares Statement für ein Schreiben, welches das Alltägliche durch Ironie als Mythos, welcher nur Aussage ist, entlarvt. Anlass dieser Reflexion über die Mythen im Alltag war insbesondere ein Gefühl der Ungeduld, wie er sagt. Ungeduld "angesichts der Natürlichkeit der Wirklichkeit", die nur verliehen wurde, aber dennoch "nicht minder geschichtlich ist".

So weiß er von den Universalien der menschlichen Gesten zu reden, von Geburt, Tod, Arbeit, Wissen und Spiel und vom immer gleichen Verhalten egal wo, eine Familie der Menschen, wie der Titel einer Ausstellung hieß, ein babelisiertes Bild von der Welt. Wiederholung von allem lehrt wörtlich eben nichts und so scheint die Unveränderbarkeit der Welt die Bürgschaft einer Weisheit und einer Lyrik.

Kunst und Theater als Fluchtversuch, Einsteins Gehirn als Mythos des formulierten Wissens, sein Kopf als Stahltresor für das Universum. Tautologien und Intelligenz, aus welcher der Krieg im Sinne des gesunden Menschenverstandes wächst. Über Kritk am Verstand, über Vorbehalte gegenüber Bildung als terroristische Position, über Philosophie, die den Leser erklärt. All diese Dinge, die im Alltag unvereinbar sind, werden geschildert unter dem Himmel eines Sarkasmus, einer aufklärerischen Reise der Taten, die aus dem Unbewussten erwachsen. Die genauso zu betrachten sind, wie ein Beefsteak in kompositorischer Eintracht mit Pommes frites. Jules Vernes Nautilus und die im Text liegende Kosmogonie zeigt die menschliche Absicht der Aneignung während mit Rimbauds Trunkenem Schiff eine Ich-Identifikation erstarkt, die dann zur Poetik der Erforschung führen kann.

Die mythologische Umdichtung von Geschichte in Natur muss offengelegt werden, Totalität, Kontinuität und natürlich Unüberwindbarkeit der Darstellung und des Denkens in der Literatur und deren Wiederholung als Mythos muss aufgeweicht werden im Zufälligen und in der Lust am Schreiben. Barthes bezieht feste Standpunkte, und doch packt man ihn nicht. Auf der Flucht vor der Fixierung oder Vereinnahmung durch eine Ideologie gilt für Barthes die Faszination: Theater, Sprache, Diskurs, Mythos - dann Semiologie und den Mythos als semiologischen System - und das rein Textuelle; wie in ein Bergwerk dringt er in den Text, vorbei an der Bedeutung der Worte, hin zum Signifikanten. Man denke an einen Rosenstrauß: Ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Verleidenschaftlichte Rosen als Geschenk, so ist Barthes und doch weiß er um die begriffliche Herkunft aus Leidenschaft und Rosen.

Mit Sprache umgehen wie mit einer Plastik, so scheint sein Ansinnen. Eine Plastik nicht als Substanz zu betrachten, sondern als Idee und fortan erkennt man sie in ihrer endlosen Umwandlung und doch als sichtbar gemachte Allgegenwart. Sprache wie Plastik als Spur einer Bewegung, darüber zu wissen, ist die Haut der Sprache, ihre Berührung verselbständigt sie in Staunen, Träumen angesichts der wunderbaren Assoziationen und Verbindungen "zwischen der Einzahl des Ursprungs und der Mehrzahl der Wirkungen".

Barthes zu lesen macht Spaß, man spürt, dass seine Mythen als erzählerische Verknüpfung von Ereignissen es auf das Gewöhnliche und nicht auf das Seltene abgesehen haben. Die Welt erscheint selbst im Alltag von der interessanten Seite. Die Theorie am Ende des Buches ist nach wie vor eine gültige. Der Mythos ist formatierter Sinn, wird zum Dieb der primären Sprache und schafft Zeichen und deren Bedeutung. Die Mythologie wird zur Zustimmung der sich schaffenden Welt. Brecht nannte es Einverständnis, eigentlich noch treffender, denn dort ist Verstehen des Wirklichen und Mitwisserschaft mit ihm gegeben. In diesem Sinne sollte man Barthes lesen.
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am 30. Dezember 2015
"Das Buch über die Alltagsmythen kann man heute noch - nach fast 60 Jahren - mit Gewinn lesen."
Frank Dietschreit, rbb kulturradio 12.11.2015
Diese Aussage kann ich voll unterstützen sie trifft den Kern dieses Buches.
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