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am 5. Februar 2013
Stephan Thome ist ein Schriftsteller. Und auch wenn das etwas profan klingt, ich meine das als höchstes Lob. Viele Autoren schreiben gute Geschichten, aber nicht viele schaffen es, einer eigentlich banalen, tagtäglichen Lebenssituation normaler Menschen derart viel abzugewinnen. Dazu noch in einem Stil, der fesselt, begeistert und in der Beschreibung der Charaktere und der Landschaft so viele Facetten aufzeigt, dass man sich selbst als Vielleser verwundert die Augen reibt, wie jemand derart brillant beobachten und verdichten kann, ohne bei jeder Gelegenheit den mahnenden Zeigefinger auszupacken und uns vor diesem und jenem zu warnen oder seine Weltanschauung aufzuzwingen.
Sicherlich kein Buch für jedermann und man sollte bereits eine gewisse literarische Erfahrung mitbringen, wenn man sich auf diesen "Grenzgang" einlässt. Denn der Stil Stephan Thomes fordert den Leser auf mitzudenken und hellwach dabei zu bleiben. Für mich ist dieses Buch ein Glücksgriff und ich bin bereits gespannt auf mehr von diesem Schriftsteller.
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am 7. September 2009
Grenzgang ist ein volkstümliches Fest im kleinen Städtchen Bergenstadt, das alle sieben Jahre ausgelassen und übermütig gefeiert wird. Da schlagen die Einwohner schon einmal über die Stränge!
Kerstin Werner ist eine der Mitbürgerinnen in dem kleinen Städtchen. Sie ist 44 Jahre alt, vom Leben enttäuscht und pflegt ihre Mutter, die an Alzheimer leidet. Dazu muss sie sich um ihren pubertierenden Sohn kümmern, der aufmüpfig und renitent nur noch wenig Grund zur Freude bietet. Hier in Bergenstadt hat sie einst im Übermut des Festes ihren Mann gefunden, ein Kind bekommen und lebt nun, längst geschieden, in einem wenig abwechslungsreichen Alltagstrott vor sich hin. Heute ist das Dorf zum Ort des Rückzugs geworden und bedeutet nur noch Resignation für die verlassene Frau, die einst große Pläne mit einem Tanzstudio hegte!
Der zweite Protagonist, Thomas Weidmann, hat seine geplante Universitätslaufbahn nicht erreicht und ist hier in seinem Geburtsort als Gymnasiallehrer gestrandet. Keiner von beiden ist wirklich glücklich und zufrieden mit dem Leben.

Selten liest man so delikat und eindeutig über Enttäuschung, Bitternis und über vergeudete Lebenszeit wie bei dem jungen Stephan Thome, der mit seinem Debütroman Furore macht.
Er kehrt das Innere nach außen und zeigt die Wut, den Hass, den Zorn und den überbordenden Sarkasmus, der Menschen befallen kann, wenn sie sich betrogen und getäuscht fühlen.
Spießig und langweilig ist das Leben hier, und kaum einer erwartet noch große Veränderungen.
Die psychischen Defizite stehen in krassem Gegensatz zu der blühenden Natur und dem fröhlichen Leben des Dorfalltags, in dem jeder Alteingesessene seinen Platz hat. Anonymität darf man nicht erwarten, denn hier kennt jeder jeden, und man weiß alles über einander.

In großen Zeitsprüngen folgt man dem Leben der beiden Hauptfiguren, die sich in der Lebensmitte befinden und wissen, dass das große Glück für sie vorbei ist. Mit feinem Gespür für die mittleren Lebenskrisen erlebt man die Frustrationen des Alltags, wenn die Visionen der Zukunft sich in Luft aufgelöst haben. Ein Leben als Studienrat ist nicht nur unterhaltsam und stimmt etwa froh, wenn man den Beruf nur als Notbehelf vor dem größeren Lebensentwurf einer Akademikerlaufbahn an der Universität angenommen hat. Die geschiedene Kerstin Werner erwartet ebenfalls keine großen Aufregungen mehr für ihre Zukunft; sie betrachtet sich in der Pflicht für die kranke Mutter und sieht alle Hoffnungen mit dem pubertierenden und renitenten Sohn dahinschwinden.
Dass jeder versucht, dennoch auf Lebenserfüllung zu hoffen, ja, darum zu kämpfen, das gibt dem Roman von Stephan Thome den realistischen Klang, mit dem man seinen pessimistischen Roman erträgt. Er zeigt uns mit seiner Geschichte: so ist das Leben!

Stephan Thome stammt aus dem hessischen Städtchen Biedenkopf und lebt und arbeitet heute in Taiphe/ Taiwan.
Man darf vermuten, dass die Enge seiner Heimatstadt nicht ohne Einfluss auf seine Arbeit und seinen Lebensort ist.
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am 7. Januar 2015
Die Größe der Erzählung "Grenzgang" rührt nicht zuletzt aus dem, was Stephan Thome NICHT erzählt: Er erzählt nicht, wie Kerstin Werner sich mit ihrem Ex-Mann einen brutalen Rosenkrieg liefert, sondern die verhaltene Bitterkeit bei der wöchentlichen "Übergabe" des Sohnes. Er erzählt nicht, wie sie im Swinger-Club Hüllen und Hemmungen fallen lässt, sondern wie sie sich an der Bar bloß an einem Drink festhält. Er erzählt nicht, wie Thomas Weidmann nach seiner gescheiterten Karriere auf den Fenstersims steigt, sondern wie er auf einsamen Spaziergängen wieder nach einer tragfähigen Identität sucht.

Stephan Thome erzählt einfach, und dabei unendlich subtil, über zwei Menschen, die nach Lebensenttäuschungen gelernt haben, vorsichtig zu sein. Kaum je verlässt er die Schwankungsbreite des Alltäglichen. Mit einem Satz: Er erzählt über das Leben. Und zwar so genau und so intim, dass es mir beim Lesen schlicht den Atem verschlagen hat.

Er braucht dazu keinen Krimi-Plot, keine wahnwitzigen Wendungen. Das meiste, das auf diesen 450 Seiten passiert, ist absehbar - und doch so spannend und so facettenreich, wenn es dann wirklich passiert. Wie im echten Leben halt. Es ist kein Buch, das meinen Blick auf die Welt verändert oder auch nur wesentlich bereichert hätte. Es ist eher ein Glück vergleichbar mit dem Betrachten eines Bildes aus der Blüte der niederländischen Malerei: Wie kann einer nur mit Pinsel und Farbe DIESEN Realismus auf die Leinwand bringen? Oder, im Fall von "Grenzgang": Wie schafft es Stephan Thome, allein mit der Kraft des Wortes die Wirklichkeit in und um uns so überwältigend zu evozieren, zu verdichten - und zu verzaubern?
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am 4. September 2009
Ein beeindruckendes Debüt des 37-jährigen Autors.
Er nimmt den Leser mit auf einen Grenzgang: Ein dreitägiges Fest, das auf dem historischen Abschreiten der Gemeindegemarkungen des kleinen hessischen Ortes Bergenstadt beruht. Ein Ritual, das nur alle sieben Jahre mit einer Art Volkslauf und ausgelassener, biergeschwängerter Jahrmarktsseligkeit gefeiert wird.

Dieser Zeitrhythmus bildet die Struktur der Handlung: Die Figuren werden über vier Grenzgang-Perioden an den jeweils drei Tagen beobachtet, also über eine Zeitspanne von achtundzwanzig Jahren. So lässt sich einerseits die Stagnation im eintönigen Alltag provinziellen Lebens zeichnen, andererseits der Versuch der Protagonisten, aus diesem auszubrechen und im Festtaumel ihre eigenen Grenzen auszuloten. Es wird daraus ein spannender und packender Bilderbogen des schleichenden Scheiterns unterschiedlicher Lebensentwürfe.
Das wäre vom literarischen Thema her nichts absolut Neues. Aber die Art, wie der Roman montiert ist, wie er durch geschickte Verschränkung von Zeitebenen, durch Rückblenden, Ausblicke und kleine Episoden stets überraschende Einblicke in die biografischen Entwicklungen seiner Figuren gibt, das ließe, wüsste man es nicht anders, auf einen Autor mit langer Schreiberfahrung schließen.

Kerstin Werner, Sport- und Tanzstudentin aus Köln, kommt mit einer leichtlebigen Freundin erstmals zu einem Grenzgangsfest nach Bergenstadt. In der Euphorie des Festes verliebt sie sich in einen angesehenen Anwalt. Baldige Heirat, Kind, junges Familienglück das sich allmählich erschöpft.

Thomas Weidmann flieht einst sein Bergenstadt, studiert in Berlin, strebt eine Unikarriere als Historiker an. Zehn Jahre später platzt der Traum von einer Habilitation. Wunderbar einfühlend beschrieben wird der Weg in seine Krise. Ein verhalten verärgerter, melancholischer Rückzug aus einer beruflichen Demütigung führt ihn zurück in seinen Heimatort, wo dann "ein Leben, das er nie wollte" als Gymnasiallehrer vor sich hindümpelt. Er "lebt auf einem Fundament des Pessimismus, dem besten Schutz gegen Enttäuschung". Um nach einer gescheiterten Beziehung als Mann Anfang vierzig nicht völlig zu vertrocknen, bemüht er gelegentlich Internet- Kontaktbörsen.

Kerstin, inzwischen geschiedene Mittvierzigerin, führt ein ereignisloses Dasein, genervt von einem verstockten, pubertierenden Sohn und einer dementen Mutter. Ein beklemmender Alltag in dem die Freude über einen schön gepflegten Garten und der Traum vom eigenen Tanzstudio doch nicht Alles sein kann? Thomas und Kerstin haben während einer zurückliegenden Grenzgangfeier eine kurze Annäherung. Aber beiden fehlt der Mut, ihren Kokon wirklich aufzubrechen.
Aus dieser Befindlichkeit wird Kerstin von einer, in ihrer bürgerlichen Ehe gelangweilten Nachbarin ermuntert, mit ihr mal einen Swingerclub zu besuchen. Sie macht bei dem kleinen tragik-komischen Abenteuer unbefangen mit um ihrem Selbstmitleid ein Schnippchen zu schlagen. Ein durchaus nicht lustvoller Schrei Kerstins in jenem Etablissement ist der Impuls, ihrem Leben eine entscheidende Wende zu geben. Sie findet neues Selbstvertrauen und will der Sache mit Thomas endlich Schwung zu verleihen.

In der Midlife-Situation der Figuren haben sich über die Jahre gesellschaftliche und soziale Zwänge ergeben, welche abzustreifen nicht ohne seelische Schrammen möglich ist.
Vermeintlich geordnete Lebensentwürfe kommen allmählich ins Schlingern. Kerstin wenigstens hat die Erkenntnis, dass es zum Versuch um ein kleines Glück zu kämpfen, keine Alternative gibt.
Der Roman hat zwar einen pessimistischen Grundton. Doch der Autor lässt seine Geschichte nicht enden wie eine Soap. Das Allgemeine unserer Zeit spiegelt er im Besonderen der Biografien: Realität eben, die sich nicht einfach in die erhoffte Traumwelt umbiegen lässt. Besonders zu vermerken ist der feinsinnige und rücksichtsvolle Umgang mit seinen Figuren.
Als vermeintliche Schwäche könnte man manche Längen empfinden. Man kann sie aber auch erleben als Metapher für zähes, bodenständig behäbiges Provinztum.
Aus vielen verklemmten Dialogen quellen herrlich schweifende Neben- und Hintergedanken. Woher, fragt man sich, nimmt Thome nur diese fantastisch detaillierten Einblicke in die Gedankenwelt insbesondere der Frauen? Formidable!
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TOP 1000 REZENSENTam 7. Januar 2011
Der Roman beginnt gut, da er das "Normale" erzählt. Nichts Außergewöhnliches, nichts vorgeblich Intellektuelles - nein, etwas Normales eben, das jeder schon mal gefühlt hat, das jeder kennt. Das macht der Autor auch gut - er verlässt diese provinzielle Denkweise nicht während des Schreibens - aber gerade das macht den Roman irgendwann quälend und die Figuren allesamt auch nicht sympathischer. Nein, die Protagonisten sind nicht sympathisch, sie bleiben seltsam "äußerlich", man hat immer das Gefühl, ihnen beim Leben nur zuzusehen - echtes Mitgefühl kommt da nicht auf. Eher eine Art der Gereiztheit möchte sich irgendwann zur Mitte des Romans einstellen, denn in diesem Debütwerk stilisieren sich alle Darsteller vornehmlich als "Opfer", und das nervt zunehmend beim Lesen.
Der Autor ist ein Meister der verschachtelten Erzählweise. Da muss man sich erst ein wenig dran gewöhnen, an diese Zeitsprünge, die sich alle um das Volksfest "Grenzgang" ranken, dessen seltsame Regeln und Gebräuche sich auch erst allmählich und nur zum Teil erschließen. Das macht Stephan Thome gut: Er erklärt nicht lange vorab, was es mit diesem Grenzgang, dem Dorf oder den Haupt- und Nebenfiguren auf sich hat, welche Geschichte sie mitbringen oder was sie zuvor alles erlebt haben, nein, er startet einfach mittendrin, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch die Provinz, in der Gewissheit, dass er schon irgendwann dahinterkommen wird, um was es geht.
Ja, aber: Um was geht es? Das bleibt ein wenig das Geheimnis des Autors. Es geht um banale Dinge, wie sie in jedem Leben vorkommen, aber subjektiv eben immer als etwas "Großes" erlebt werden. Es geht um das Scheitern von Karrieren, um das Platzen von Hoffnungsblasen, um das Ende von Beziehungen - alles erzählt vor dem Hintergrund eines alle 7 Jahre stattfindenden und etwas seltsam anmutenden Volksfestes, das es in der Realität alle 7 Jahre in der Nähe von Marburg gibt. Und das wird irgendwann zu langatmig, der Autor ergeht sich in endlosen Beschreibungen von Zuständen (wobei er allerdings insbesondere die Befindlichkeit seiner weiblichen Hauptfigur erstaunlich feinfühlig und psychologisch versiert zu Papier bringt!), seine Zustandsbeschreibungen werden irgendwann auch seltsam blumig und fast verschroben, und ab einem gewissen Punkt klebt einem dieses provinzielle Volksfest, das für die Bewohner dieses Örtchens hochpolitische Bedeutung hat, in der Kehle wie gebrannte Mandeln, und man hat Sehnsucht nach etwas Deftigem, Sehnsucht danach, dass endlich mal wirklich was passiert, dass etwas vorwärtsgeht und nichts mehr klebrig ist.
Das scheint dem Autor auch bewusst gewesen zu sein, so dass er die Szenerie plötzlich in einen Swinger-Club verlagert - der Himmel mag wissen, warum! Jedenfalls macht dies das Buch nicht spannender oder fröhlicher, es treibt auch die Story nicht wirklich voran, zumal der Autor die Szenerie auch nicht gut beschreibt - im Gegensatz zu den oft gar zu ausführlichen Beschreibungen des "Grenzgangs" fallen seine Ausführungen zum besagten Swinger-Club ziemlich dürftig aus. Warum er überhaupt diese Kulisse bemüht (und "bemüht" wirkt sie in jedem Fall...) ist etwas rätselhaft.
Fazit: Ein sprachlich gutes Buch mit gutem Beginn, dem ein paar weniger Seiten, ein paar weniger Beschreibungen der Depressionen seiner Protagonisten und ein wenig mehr Schwung, auch mehr Humor und ein paar Ideen mehr gut getan hätte.
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am 26. April 2010
Thome (Pseudonym für Schmidt) erzählt von Menschen um die Vierzig in der hessischen Kleinstadt Biedenkopf. - In Zeitsprüngen von jeweils sieben Jahren nimmt er wechselweise die Befindlichkeit von Thomas Weidmann und Kerstin Werner unter die Lupe. Beide hat es dorthin mehr oder weniger ungeplant verschlagen; jeder leidet an seinem Dasein, ohne dass wirklich etwas Spektakuläres geschieht. Mit Schwerpunkt Sommer 2006 (Fußball-WM in Deutschland) werden in loser Folge kurze Szenen eingeschaltet, die hauptsächlich 1999, z.T. aber auch 1985, 1992 und am Ende auch 2013 (verwirrende Projektion!) angesiedelt sind.

Die Stationen beinhalten: 1. Studentin mit Großstadtaffinität lernt bei zufälligem Besuch des Stadtfestes einen attraktiven Einheimischen kennen, 2. die beiden sind nun jung verheiratet, haben zweijährigen Sohn und eigenes Haus in B (=alles supi), 3. beim nächsten Grenzgang-Fest steht die Musterehe bereits vor dem Aus, Kerstin küsst den ihr fremden Thomas, 4. die geschiedene Kerstin muss mit Thomas wieder in Kontakt treten (sehr-sehr-sehr zögerlich), da er Klassenlehrer ihres etwas missratenen Sohnes geworden ist; dabei kommt es zwischen den beiden Hauptpersonen nach und nach zu Riesling ... (u.s.w.), 5. die Beziehung zwischen den beiden hat konkrete Form angenommen, verläuft aber absehbar problematisch.

Das Ganze liest sich überaus geschmeidig, der elegante Stil und die irgendwie doch interessante Entwicklung der Story nimmt den Leser gefangen. Die Hauptfiguren mussten ihre spezifischen Lebensträume zerrinnen sehen und kreisen in Gedanken und Dialogen auf (manchmal zu) hohem Niveau um die Frage: ist das alles, was das Leben mir zu bieten hat? So findet sich beim Lesen Identifikationsmöglichkeit zuhauf.

Doch vielleicht wundert sich mancher Leser am Ende: ist das alles, was das Buch mir zu sagen hat? Der sinnentleerte - dafür aber umso ausschweifender gefeierte - Grenzgang einer schläfrigen Provinz im Widerschein einer enttäuschten Akademikergeneration, deren hohe Ansprüche an ihren sinnentleerten Lebensentwurf den Alltag zum permanenten Grenzgang am Rande der nicht akzeptablen Wirklichkeit treiben.

Auch wenn Ortsangaben und Veranstaltungsabläufe vom Autor mit genüsslicher Präzision beschrieben werden, so tauchen doch die eigentlichen Vertreter des Provinziellen nur als Schemen oder graue Masse - zum Zwecke der Distanzierung - auf. Das (Abzieh-)Bild erheischt Zustimmung, besitzt keine differenzierten Konturen.

Der Erzähler vermeidet es konsequent, intellektuelle Interessen seiner Protagonisten oder auch ihre Auseinandersetzung mit den Lebensrealitäten zu thematisieren. Der um seine Historikerkarriere gebrachte Thomas wird (ohne sein Dazutun) stellvertretender Gymnasialleiter; Schul- und Erziehungprobleme von Kerstins Sohn verflüchtigen sich wie Schnee an der Sonne; eine vom Wohlleben trotz akuter Pleite ihres Mannes gelangweilte Nachbarin bietet Kerstin die Gründung eines gemeinsamen Tanzstudios an ... Thome selbst ironisiert diese (seine!?) realitätsfliehende Mentalität indem er am Ende Thomas vorschlagen läßt, man solle doch das leerstehende Nebenhaus erwerben, da das von ihm und Kerstin bewohnte "marode Rohre" habe. Probleme erledigen sich beim Wegdiskutieren.

Also, der klassische Roman alter Schule hatte für erwartungsvolle Buchfreunde oft Handfesteres zu bieten. Aaaber vielleicht taugt dieser hier später mal als brauchbares Quellenmaterial für Historiker künftiger Jahrhunderte, die erforschen wollen, wie die Menschen um den Jahrtausendwechsel tickten ...
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am 14. Oktober 2013
Der Leser begleitet eine junge Familie in der hessischen Provinz. Alle 7 Jahre findet dort das Volksfest "Grenzgang" statt, zu dessen Anlass der Leser, einem Besucher gleich, am Leben der Protagonisten teilhaben kann. So lebt sich das Ehepaar auseinander, findet neue Partner, das Kind wächst heran und gerät auf die schiefe Bahn. Ein ambitionierter Lehrer scheitert an seiner Unikarriere und kommt gedemütigt in die Provinz zurück.
Der scheinbar unaufregende Alltag mit all seinen Nöten und Sorgen wird sehr gut und nachvollziehbar geschildert, die größeren Zusammenhänge zwischen sämtlichen Protagonisten erhöhen zudem den Lesegenuss. Allerdings waren mir manche Beschreibungen und Gedankengänge dann doch etwas zu auführlich dargestellt, was den Lesefluss etwas ins Stocken geraten ließ.
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am 1. November 2012
Vorweg: der beste Roman, den ich in den letzten Jahren gelesen habe!

21 Jahre erleben wir mit – im Leben vor allem der zwei Protagonisten Thomas Weidmann und Kerstin Werner: Er scheitert in Berlin mit seiner Habilitation und geht zurück in seinen Geburtsort Bergenstadt, einem Provinznest an der Lahn, dort wird er Gymnasiallehrer. Sie bleibt in Bergenstadt nach ihrem Studium in junger Ehe hängen, erzieht ihren Sohn und pflegt später, nach gescheiterter Ehe, ihre demenzkranke Mutter. Einige Nebenfiguren: der Schulleiter, eine Nachbarin, der Exmann, eine Freundin, der Sohn natürlich – wenig Personal. Erzählt wird durchgehend personal in wechselnder Perspektive.

Bergenstadt: Alle sieben Jahre findet hier ein traditionelles dreitägiges Volksfest statt in einem sakrosankt unveränderlichen, merkwürdigen Ritual, an dem die ganze Stadt beteiligt ist, der Grenzgang – und dies gibt den Erzähl- oder Zeitrhythmus ab für den Zeitraum der 21 Jahre: Wir blenden uns jeweils ein in einem dieser Jahre und immer auch in dieses Fest. Erzählt wird nicht chronologisch, Thome springt, sicher nicht willkürlich, immer aber erhellend, Vorgeschichten wie den Ablauf des Geschehens betreffend. Am Ende, erst aber am Ende bilden Thomas Weidmann und Kerstin Werner ein Paar, auch sie berufstätig.

Was hat mich so beeindruckt?
• Zunächst einmal der Stoff: die bürgerliche Mittellage, Menschen in mittlerem Alter, das bedeutet zum einen Single-Existenzen, zum anderen Ehekrisen, Konfliktdialoge und die Frage nach Alternativen, Erziehungsprobleme, Umgang mit der demenzkranken Mutter.
• Die weitgehend gelungenen Darstellungen von Intimität und Sex.
• Die sehr sensible, einfühlsame Erzählweise, die gelegentlich ungemein genauen, eindringlichen sprachlichen Bilder zur Darstellung von Empfindungen, Stimmungen und Atmosphären, die weitgehend gelungenen Dialoge.
• Das spannende Spiel mit Rückblenden und Fortgang des Geschehens.

Was hat mich gestört?
• Die gelegentlich zu grobe, in ihrer Körperlichkeit zu grobe Sprache, überflüssig die Thematisierung von Verdauungsausscheidungen.
• Das zu Beginn wenig plausible Verhalten Weidmanns (Kündigung: S. 53, 58)
• Gelegentlich angestrengt künstliche, wenig plausible Dialoge (S. 178, 364f)
• Vor allem: Thome hat offenbar keine Ahnung vom System Schule (S. 350) und der Existenz eines Geschichts- und Französischlehrers; Weidmann ist in dieser Hinsicht unrealistisch gezeichnet, nämlich berufslos.

Trotz der kritischen Töne (ein wenig beckmesserisch?), ich bleibe dabei: einer der besten Romane der letzten Jahre, erschienen 2009.
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am 18. Juni 2016
Ich habe mir Grenzgang auf Empfehlung meines Bruders gekauft, denn es spielt in meiner alten Heimat und Grenzgang habe ich selbst schon miterlebt. Der Autor versteht es einen mit auf eine Reise zu nehmen und man findet sich in den Personen wieder.
Genial geschrieben.
Ein Buch dass man immer wieder lesen kann.
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TOP 500 REZENSENTam 15. Oktober 2009
Dieser Roman ist nichts für den Mainstream, ein Buch für das man einen langen Atem braucht, der unter der "Glocke der Ereignislosigkeit" dahinschwelt, wo die Selbstbestimmung gegen den eigenen Willen entschieden wird, die Frage nach den eigenen Bedürfnissen unentschieden wirkt, wo die Lähmung der Erwartung Anderer ausstrahlt, unter Selbstabkapselung, Empfindungslosigkeit und Selbstmitleid. Eine innere Abbildung von angepasster Lebensleere und einer auf Diät gesetzten Sehnsucht, doch für seine innerste Sehnsucht sich zu entscheiden. Ob beruflich oder in der Liebe.

Im Mittelpunkt steht zweifelsohne die Protagonistin Kerstin Werner, deren Ehe scheitert und die mit einer demenzkranken Mutter und ihrem pubertierenden jugendlichen Sohn lebt, mit dem halb aufgegebenen Traum, eines Tages eine Tanzschule zu eröffnen. Daneben Thomas Weidmann, gestrandeter Gymnasiallehrer, ebenfalls Beziehungsgescheiterter.

Vor dem Hintergrund der spiessig, verstockten, hessischen Kleinstadt Bergenstedt, zeigt uns Debutant Stephan Thome über einen grossen Zeitbogen von gut 20 Jahren, einen Einblick in ein dortiges Volksfest, das jeweils 3 Tage dauert, und alle 7 Jahre stattfindet.

Ein Roman der vom langweiligen Alltag erzählt, vom Scheitern im Leben, von Resignation, von Unzufriedenheit, vergeudeter Lebenszeit, von Pessimismus gezeichnet ist und als eine Art "Roman des Scheiterns" gesehen werden kann. Wo Enttäuschung über das Leben genauso zum Ausdruck kommt, wie die Frustration im Alltag.

Eine innere Beschreibung resignierter Menschen am Beispiel von Kerstin und Thomas, wo Leben gelebt werden will, "Dieser Ödnis um sie herum, wäre alles recht", wo die Abwesenheit des Ehepartners ertragen wird, "Mein Mann ist nicht da. Nie, verstehen Sie. Er ist einfach nie da", wo Menschen sich einer Kleinstadt fremd sind, "Sie kannten sich kaum und gingen einander nichts an", und letztendlich Unentschiedenheit in Ausweglosigkeit mündet, "Wir suchen nach Gründen es nicht zu tun, finden keine und tun es also. Oder finden welche, aber tun es trotzdem".

Mit vor allem grossen Einfühlungsvermögen in die weibliche Psyche, aber auch der "eingesperrten Seelen", zeichnet Thome ein Bild von Menschen ab, die sich verstellen, "Das Seltsame ist, er weiss nicht, ob er ihr gegenüber zu dieser Nichtverstellung fähig ist", sich nicht trauen, nichts riskieren und sich als Opfer ihres Lebens erleben "Diese schweigend untätigen Nachmittage hinter weissen Gardinen zehren an ihr..". Wo letztendlich keine Verantwortung übernommen wird, und eine Kerstin Werner und ein Thomas Weidmann, selbst wenn sie sich lieben, nur schwer aufeinander zu kommen können, und die Konsequenzen ihrer Unentschiedenheit ertragen müssen.

Wo trotz allem der Wille nach vorne beschrieben wird, " Jahre des Alleinseins stehen zwischen ihr und der Bereitschaft, sich das Kleid vom Leib zu reissen, um mit einem Mann ins Bett zu gehen, den sie kaum kennt", "...um die Dinge ins Rollen zu bringen..", "sondern ihn anschauen, bis er entweder nach ihr ausstreckt, oder die Arme verschränkt". Wo Kerstin intuitiv spürt: "Eines Tages wird sie Thomas Weidmann in die Arme fallen, das erscheint ihr vollkommen gewiss".

Fazit: Beim Lesen immer wieder ermüdet, hat sich meine Begeisterung leider in Grenzen gehalten, der Roman ist für meinen Geschmack zu sehr in Stagnation angesiedelt, dem Phlegmatischen gewidmet, vielleicht hätte mehr Initiative (was die Protagonisten anbelangt), Verantwortungsgefühl das in TUN umgesetzt wird gut getan, zumindest mich hat Stephan Thome an meinen eigenen Grenzgang geführt, vielleicht ist das ja die Absicht des Debutanten wer weiss, könnte ja sein...

Ein Roman für Leser, die einen langen Atem haben, eine Ereignislosigkeit auszuhalten, im Angesicht von Sehnsucht, der Annäherung und der (trotz allem) Kompliziertheit der Geschlechter, sich dem Sog der Anziehung zwischen Mann und Frau, wo wenig passiert, hinzugeben. Wo die Pole von Passivität und vorsichtiger Annäherung in verlangsamter Zeitlupen-Einstellung feinfühlig dargestellt wird. Ein Roman über Entscheidungen und Nichtentscheidungen, wie der Autor selbst schreibt:
"Die Wege, die man gegangen ist, die anderen, die man hätte gehen können, und die anderen, an die man nie gedacht hat." So far so good.
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