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am 28. Juni 2013
Wenn es nur auf die Form ankäme, und wenn ich zu entscheiden hätte, würde ich Apostoloff noch einmal lesen. Weil Frau Lewitscharoff viele kleine und größere sprachliche Leckerbissen in ihre Erzählung eingestreut hat. Darunter die Beschreibung der Zwillinge Wolfi und Marco. Oder "die frisch geschlüpfte Geldgeneration" und "spatelförmige Nägel der parfümierten Sommerkellnerinnen". Frau Lewitscharoffs Spott ist gnadenlos, aber völlig in Ordnung. In dieser Hinsicht gibt es wenige, die ihr das Wasser reichen können. Auch nicht Eva Menasse, die in ähnlicher Absicht unterwegs ist. Allerdings erliegt auch Frau Lewitscharoff , leider, wie ihre Schriftsteller-Kolleginnen, nicht selten der Krankheit der sinnlosen Wort-Spielereien. "Dreck, Zwingdreck, Kraftdreck, Volldreck" habe ich stellvertretend für viele herausgegriffen, mit der sie die überwiegend monströse Denkmalkultur in Bulgarien zu geißeln versucht. Das sind nichts anderes als Zeilenfüller, in meinen Augen, das hätte sie nicht nötig. Sei's drum, es schmälert nicht den Wert der geglückten Szenen, wohl aber den Wert des Buches im ganzen.

Wenn es nur auf den Inhalt ankäme, und wiederum ich entscheiden dürfte, würde ich Apostoloff keinesfalls ein zweites Mal lesen. Schon beim ersten Mal hatte ich Mühe, bis zum Ende zu kommen. Die Exhumierung der Exilanten, davon betroffen vor allem der Vater, mit dem sie ganz offensichtlich Liebe und Haß verbindet; der sich dahin schleppende Konvoi; die endgültige(?) Bestattung in Bulgarien − all das ist an den Haaren herbeigezogen. Die Erzählung sagt mir wenig, sie bewegt mich nicht. Frau Lewitscharoff hat ihre Geschichte erfunden, um ein Buch zu schreiben. Besser anders herum: sie hätte ein Buch erfunden, um ihre Geschichte zu schreiben.
Aber ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Auch wenn ich die Geschichte für mißglückt halte, so enthält sie doch einige schöne Szenen, die ich nicht vergessen werde. Dazu gehört, wenn die kleine Sybille dem Vater die Zeitung vorliest und noch gar nicht lesen kann. Das Bild ist so schön, das läßt sogar das Gift vergessen, das sie von Anfang bis zum Ende über den Vater ausgießt, was nicht völlig abwegig erscheint, wenn er nach der Devise "Bitte mich zu entbehren", wie im Buch angegeben, sich aus dem Leben stiehlt. Angemerkt: die Geschichte mit ihren Eltern ist ganz und gar nicht "erzkomisch", wie das der lächerliche Klappentext des Buches verzeichnet, sondern im Grunde ziemlich ernst und traurig.

Wenn Frau Lewitscharoff ihre Messer an unserer Gegenwart wetzen und dabei auch die Dirigenten nicht verschonen würde, unter denen wir alle leiden, das wäre doch was. Wir brauchen ihre Fantasie, ihren Witz, Ernst und Mut für Kolumnen, die aus der Reihe tanzen. Vielleicht schreibt sie schon daran. Ich jedenfalls wünschte es mir.
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Zwei Schwestern auf einer Reise durch Bulgarien, das Land ihres Vaters. Gefahren und begleitet werden sie von Rumen Apostoleff, der dem Roman auch als Titelfigur gilt. Warum das so ist, wurde mir nicht so ganz klar. Die Ich-Erzählerin die etwas ältere der beiden in Stuttgart-Degerloch geborenen und aufgewachsenen, ungleichen Schwestern. Nicht auszuschließen, dass sie starke autobiografische Züge der Autorin trägt. Eine zum Sarkasmus neigende Frau, die etwas abschätzig über ihre Schwester erzählt, ohne jedoch punktuell durchaus neidvoll auf die beliebtere, apartere und umgänglichere der beiden zu schauen.

Der Grund ihrer Reise ist ein besonderer: Ein schwerreicher Bulgare, ein Bekannter ihres Vaters, entschließt sich, aus Amerika zurückzukehren, um eine ganze Reihe verstorbener Exilbulgaren in Deutschland zu exhumieren und im Heimatland zu bestatten. Dazu mietet er Luxuskarossen und lässt im Konvoi von Deutschland ins ehemalige Ostblockland fahren. Das ist der Hintergrund, der immer wieder angerissen und um Geschichten aus der Vergangenheit angereichert wird.

Die drei, zwei Schwestern und Apostoleff, reisen von Ort zu Ort, wobei er den Reiseführer gibt und später auch den Liebhaber der jüngeren Schwester. Die Ich-Erzählerin hat für das Land ihrer Wurzeln nur wenig mehr übrig als Spott und Häme, verfallen und korrupt wie alles ist. Ein böse Zunge, die die Autorin ihrer Hauptfigur verleiht.

Sibylle Lewitscharoff erhielt für diesen Roman den Preis der Leipziger Buchmesse im Jahr 2009. Ihr Bücher sind bei der Kritik hochgeschätzt, als massenkompatibel aber nicht zu bezeichnen. Es ist anspruchsvolle Literatur, an die man andere Maßstäbe anlegen muss als an reine Unterhaltungsromane. Sprachlich geschliffen, von Sarkasmus durchsetzt, rabenschwarz.
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am 20. Februar 2009
Auf einem skurrilen und aberwitzigen Transport begleiten Angehörige ihre verstorbenen Familienmitglieder in ihre Heimat Bulgarien, wo sie ihre letzte Ruhe finden sollen.
Apostoloff ist der ruhige, stille Teilnehmer dieser Reise in die Vergangenheit. Er chauffiert das Auto mit zwei Schwestern, die in das Land ihrer Vorfahren reisen. Der Vater war in den vierziger Jahren nach Schwaben ausgewandert.
Ein geschäftstüchtiger alter Freund des Vaters hat die Rücküberführung ehemals nach Schwaben ausgewanderter und inzwischen verstorbener Bulgaren durchgesetzt. Zu diesen gehört auch der Vater der beiden Schwestern, denn er hatte sich vor langer Zeit erhängt,..... und, wie es geschrieben steht, >der Strick schleifte noch lange in ihrem Gedächtnis!<
In einem endlosen Konvoi werden die Urnen auf der Heimreise von den Angehörigen der Verstorbenen begleitet.

Die beiden Schwestern sind von unterschiedlicher Mentalität: die eine ist kampflustig und hat eine scharfe Zunge. Die ältere ist sanft und scheint immer nur zuzuhören.

Es scheint keine besonders spektakuläre Geschichte zu sein. Doch was die Autorin Sibylle Lewitscharoff daraus gemacht hat, das ist von umwerfender Komik und zeugt von tief schwarzem Humor. Während der Reise spuken die Einfälle aus Vergangenheit und Gegenwart nur so durch den Kopf der älteren der beiden Schwestern. Von Vaterschwärmern und Muttermöbeln ist die Rede, und jede Beschreibung enthält eine Welt von Vorkommnissen! Erinnerungen verbinden sich mit Beobachtungen des Momentes und eine skurrile Familiengeschichte tritt zutage. Die hinreißenden Landschaftsbeschreibungen Bulgariens, die Essgewohnheiten, denkwürdigen Bauten und Charakteristiken des Landes zeigen ein Bild, das voller verrückter Einzelheiten und Merkwürdigkeiten steckt. Über allem schwebt der Geist des toten Vaters Kristo. Er war Arzt, kümmerte sich liebevoll um seine Kinder bis zu deren Eintritt in die Schule. Da war es um den Vater geschehen. Im Frühling jeweils zwei Monate lang umwölkte sich sein Geist, und Depressionen nahmen ihm und damit auch seinen Kindern jede Fröhlichkeit. Der Leichengeruch, der seinem Zimmer entströmte, wenn er sich zurückzog, gibt auf bewegende Weise Kindheitseindrücke preis.
Das Selbstgespräch der jüngeren der beiden Schwestern, die namenlos bleiben, unterhält den Leser mit witzigen, geistreichen, bissigen und makaberen Zwischenbemerkungen über die Vergangenheit und Gegenwart bis zum Schluss. Eine Fülle von Skizzen erzeugen Eindrücke von Familien, Freunden, ihren Taten und Eigenheiten. Kleinste Begebenheiten werden exakt aufgezeichnet.
Es ist eine Reise zwischen Ost und West, zwischen der Mentalität des bulgarischen Volkes und der Schwaben um Stuttgart herum, zwischen Familien in der einen und der anderen Hemisphäre von Politik und Geographie. Sogar zwischen den Schwestern herrscht Rivalität und Bissigkeit um Ansehen, Wertigkeit in der Beliebtheit und um das Auftreten.

Die Autorin nimmt mit ihrer Komik und Ideenvielfalt der Tragik des Lebens den Ernst und die Düsternis. Mit ihrem Humor schafft sie Distanz und verwandelt das Buch in eine nachdenkliche, anregende und anspruchsvolle Unterhaltung. Es ist ein aufs höchste zu lobendes Werk!
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am 29. Oktober 2010
Gerade einmal ein paar Tage unterwegs in dem Land ihres Vaters, sagt die Ich-Erzählerin: "Wir haben Bulgarien schon satt, bevor wir es richtig kennengelernt haben". Ja, so ähnlich ging es mir mit diesem Buch auch. Es mag ja sein, dass Bulgarien wirklich eine Art Land des schadhaften Lächelns ist, aber warum kehrt sie dann nicht um? Was treibt sie, mich auf 240 handlungs- und sinnfreien Seiten mit repetitiven Beschreibungen von schlechtem Essen, vergammelten Häusern und unsympathischen Mitreisenden zu langweilen, und noch mehr mit brutalstöden Reminiszenzen aus einer spießigen Kindheit in Stuttgart-Degerloch? Welche Schnittmengen die Autorin mit der Ich-Erzählerin gemeinsam hat - ich vermute einmal, sie sind recht großflächig - spielt wohl kaum eine Rolle. Wenn die Handlung authentisch ist, interessiert mich eine derart belanglose und noch belangloser geschriebene Autobiographie nicht, und wenn sie fiktiv ist, dann hat sich die Autorin vollends disqualifiziert, wenn es ihr nicht einmal gelingt, einem Reiseroman mehr einzuhauchen als eine Mischung aus ödem Geschimpfe, wie man es sonst von angetrunkenen Hartzies auf der Parkbank kennt und gespreizten, gesuchten und verblasenen Wendungen, die "erzkomisch" (so der Klappentext) finden will, wer mag: "Auf hochflorigen Teppichen schliefen die Möbel in scheuer Widersetzlichkeit". Was für ein unerträgliches Geschwurbel!

Ich hätte dieses Buch längst aus der Hand gelegt, wenn ich nicht auf der Suche danach gewesen wäre, was die Juroren dazu bewogen hat, dieses Geschreibsel um des Geschreibsels willen mit Literaturpreisen zu bekränzen. Ich habe es nicht herausgebracht. Vielleicht haben sie in diesem Buch des zahnlosen Grinsens endlich eine Landschaft gefunden, auf die sie mit dem Finger zeigen können, weil es in ihr noch öder zugeht als in ihrem eigenen Hirn.
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TOP 500 REZENSENTam 2. Juli 2009
Das neue Buch von Lewitscharoff, war für mich ermüdend, zäh,anstrengend, irritierend, unverständlich, undurchsichtig,ohne wirklich roten Faden, wenn man mal von der Handlung absieht, Pseudogeprappel und ausuferndes Blabla, das einem davon schlecht werden kann und letztendlich in der Erwartung ent-täuscht.

Typisch, dass man an eine Preisträgerin wie dieser, die ja immerhin mit diesem Werk, den Leipziger Buchpreis gewonnen hat, grosse Erwartungen gesetzt werden, doch bekommt man hier ganz klassisch den Eindruck, dass hier wohl eher ein Buch für Literatur-Kritiker(vielleicht müsste das ja deklariert werden) als interessierte Leser die einen Roman lesen können, der ihre Leselust befriedigen können. (Vielleicht sind das ja zwei Welten)

Obwohl ich anfänglich von der überaus virtuosen und kreativen Sprachkreativität-und Witz, dieser für mich neuen Autorin noch zum lachen und schmunzeln gebracht hat, desto mehr Fragezeichen traten beim Lesen immer mehr auf, dass man sich ehrlich frägt, welch Ironie, welch Enttäuschung, welch ein Hass, garniert von drastischen Urteilen, in dieser so aggressiven Erzählweise, die Schreiberin getrieben haben muss.

Sogar in der Buchbesprechung mit Iris Radisch, haben sich die Köpfe dort, immer mehr verdriesslich und verworren gewähnt, was meinem eigenen Unverständnis aus der Seele gesprochen hat. Vieles was erzählt wurde,fehlt irgendwie der Faden, wie oft hatte ich den Eindruck eigentlich gar nicht mehr zu verstehen, und überlegte mir ob ich nochmal nachlesen sollte und habe es dann doch gelassen.

Um was es der Autorin geht, ist mir nicht klar, um eine Aufarbeitung der Vaterbeziehung? (weil er Selbstmord begangen hat?) Um ein Land das sie nicht leiden kann? Um ein neues Konservierungsverfahren von Toten?

Und auch wenn Sibylle Lewitscharoff, die ja hier als Ich- Erzählerin eine drastische-kampflustige Position einnimmt,und sie gekonnt oder als stilistisches Mittel vielleicht auch ihre sanfte, zarte und verständnisvolle Schwester dagegen setzt um das Ganze irgendwo zu entschärfen, bekommt man als Leser leicht übersäuerte Gefühle.

Für mich stellt sich wirklich die Frage, ob ich als Leser Lust dazu habe, mich mit solcher brüllender Komik am Grauen, solch giftiger, aggressiver, und enttäuschter Erzählweise, auf eine solche überdrehte Transportfahrt, die die Überreste von Toten von Stuttgart nach Sofia celebriert, mir antue.

Für ein Lob an diesem Buch, (abgesehen, von der lustig sarkastischen Seite die man anfänglich vielleicht noch gut finden kann, weil man lachen muss) habe ich leider keinerlei Verständnis und kann die Lobeshymnen meiner Mit-Rezensenten ausser von "Sommerzeit", (die mir aus dem Herzen spricht) alles andere als nachvollziehen.

Wie kann man nur ein solches Buch gut finden???
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am 18. September 2009
Nach dem zweiten Weltkrieg fand sich in Stuttgart eine kleine Kolonie von 20 bulgarischen Auswanderern zusammen, die versuchten, in der Fremde ihr Glück zu machen. Nun, nach mehr als 50 Jahren, befinden sich die Nachfahren dieser schwäbischen Bulgaren auf einer sonderbaren Reise. In einem großen Autokonvoi sollen die sterblichen Überreste der Auswanderer in heimatliche Erde überführt werden.
Mit von der Partie ist die Ich-Erzählerin, die gemeinsam mit ihrer Schwester den Sarg des Vaters überführt, der sich mit Mitte 40 das Leben genommen hatte. Sie nutzt die Reise, um sich in der Heimat des Vaters mit ihm auseinanderzusetzen, der sich ihrer Auffassung nach zu früh aus der Verantwortung der Auseinandersetzung gestohlen hat.

Eigentlich ein interessantes Setting, das die Hoffnung auf skurrile Beschreibungen, humorige Anekdoten aus der bulgarisch-deutschen Familiengeschichte und pointierte Szenen der makabren Balkanfahrt verspricht. Doch die so genährte Hoffnung vermag das Hörbuch nicht zu erfüllen. Auch wenn gelegentlich ein wenig Humor aufblitzt, so stellt sich doch zusehends der Eindruck einer verhärmten, verbitterten und einsamen Beobachterin ein, die kaum dazu zu bewegen ist, sich von ihren aus schlichten Vorurteilen erwachsenen Klischees zu lösen. Auch die Auseinandersetzung mit der Vaterfigur, die wie ein Geist ihre Reise begleitet, folgt einem eher assoziativen Schema, das dieser griesgrämigen Grundstimmung unterworfen ist.

Das alles ist noch nicht wirklich schlimm und es gibt hinreichend Bücher, deren hervorstechendstes Merkmal die Abwesenheit von Handlung ist. Und oft sind das nicht die schlechtesten. Was dieses Hörbuch nicht über zwei Sterne kommen lässt die Mischung aus schlichten, unreflektierten Klischees und die Lesung. Der Verlag hat sich, warum auch immer, dazu entschlossen, die Autorin selbst lesen zu lassen und damit niemandem einen Gefallen getan. Weder der Autorin, die dieser Aufgabe zu keinem Zeitpunkt gewachsen ist, noch dem Hörer.

Frau Lewitscharoff liest ihr Buch mit einer überartikulierten Intonation, die stark an eine Grundschullehrerin erinnert, die ihren Kleinen eine Gruselgeschichte zum Besten gibt. Schlimmer aber ist der unentwegt stark durchklingende schwäbische Akzent, der mitunter zu völlig neuen, selten jedoch erfreulichen, Hörerlebnissen führt.

Schade um den Plot.
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am 24. Mai 2009
Chronologisch sieht die Handlung des in lauter Rückblicken erzählten Romans etwa so aus: Gemeinsam mit ihrer Schwester und einer Reihe anderer Nachkommen ehemals in Schwaben ansässiger, inzwischen verstorbener Bulgaren reist die Ich-Erzählerin nach Bulgarien. Nachdem der Termin, dem die Reise diente, absolviert ist, besichtigen die beiden, unter der Führung eines bulgarischen Verwandten, Rumen, noch einige kleinere und größere Städtchen und statten einem Bekannten Rumens, einem örtlichen Mafia-Boss einen Besuch ab. Die Erzählerin mag Bulgarien nicht, schimpft über das Essen, sieht die Reise als Anlass, mit ihrem verstorbenen Vater zu hadern und lässt ihre beiden Begleiter gerne an ihren streitbaren Gedanken teilhaben.

Die mit sich selbst und ihrer Umwelt nur leidlich zufriedene, gleichzeitig Orte, Begegnungen und die Familiengeschichte vorsichtig taxierende Erzählerin wird dem Leser sympathisch. Vielfach hält sie sich an Kleinigkeiten auf, dem Verhältnis der beiden Hunde des Mafia-Bosses untereinander oder der Anbringung des Bidets in einem der Hotels. Die Sprache ist eher überbordend und umfasst Wortschöpfungen wie "körpergenial" und "putzpraktisch". Teilweise entstehen daraus überzeugende Bilder und Charakterisierungen, teilweise wirkt es etwas überdreht. Die Autorin versteht ihr Handwerk jedenfalls außerordentlich, als Leser braucht man etwas Sinn fürs Romantische.

Es ist alles in allem recht unterhaltsam, der Erzählerin auf diese Reise nach Bulgarien und in die Vergangenheit zu folgen, bei der einem sonderliche Orte und Menschen begegnen, die es allemal wert sind, erinnert zu werden. Statt sie als skurril und abgefahren zu charakterisieren, wie es vielleicht gut in die aktuelle Balkan-Mode gepasst hätte, treten sie hier als tendenzielle Zumutung auf, wodurch sie allerdings nur umso ernster genommen werden. Zur Abwechslung jedenfalls ein interessant anderer Roman.
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am 29. Januar 2015
In ihrem im Jahre 2010 erschienenen Roman "Apostoloff" beschreibt Sibylle Lewitscharoff die Überführung der Asche von Auslandsbulgaren in Kisten in einem Trauerkonvoi von Stuttgart-Degerloch nach Sofia. Die sterblichen Überreste der Toten wurden exhumiert und kryotechnisch behandelt und in millimetergroße Teile zerlegt. Es findet eine Trauerfeier in der Kathedrale Sweta Nedelja in Sofia statt. Die Beisetzung erfolgt auf dem Sofiater Zentralfriedhof. Die Autorin beschreibt die Reise dieses Trauerzugs akribisch genau, wobei sie die Schauplätze (Veliko Tarnovo, Arbanassi, Schumen, Varna, Nessebar, Burgas, Plovdiv und Sofia) in Bezug auf Geschichte, Kultur, Kunst, Geografie, Klima, Küche, Hotellerie und Lokalkolorit so anschaulich beschreibt, dass man sie ohne große Mühe mit Hilfe von Karten, Nachschlagewerken oder dem Computer begleiten kann. Diese Fahrt durch Bulgarien wird unterbrochen durch Rückblenden, in denen Sibylle Lewitscharoff mit ihrem bulgarischen Vater, einem Gynäkologen, der sich im Alter von 43 Jahre erhängte, abrechnet. Sie hat ihn gehasst so wie sie dieses Land Bulgarien hasst. Der stark autobiografisch gefärbte Roman ist voller origineller Metaphern und Anspielungen, worin die Autorin ihre ganze Kindheit in Stuttgart-Degerloch in der Retrospektive aufrollt. Allein schon aufgrund der witzig-satirischen Sprache ist der Roman absolut lesenswert. Er hebt sich wohltuend von dem langweiligen Einheitsbrei ab, den viele Neuerscheinungen ausbreiten. Einen Nachteil muss man bei der Lektüre allerdings in Kauf nehmen: Man muss sich zwingen, langsam zu lesen, sonst entgehen einem viele versteckte "hints" im Text. Der Roman ist so gut, das man ihn auch ohne Weiteres zweimal lesen könnte. Nach all dem Lob muss ich aber auch auf einige sprachliche bzw. grammatikalische Fehlleistungen der Autorin hinweisen. So schreibt sie auf Seite 38: Ihre Schwester bittet Rumen, "um ein schärferes Messer zu fragen", anstatt "zu bitten". Auf Seite 112 steht folgender Satz: "- war's am Ende die Mutter, die Wolfi jeden erfreulichen Umgang mit Frauen 'versalzt' hatte?", anstatt "versalzen". Auf Seite 113 steht: "Eine sachlich 'gesonnene'" (Natur), statt "gesinnte". Auf Seite 118 geht es um einen "Sorgobesen"; sie meinte natürlich den "Sorghobesen". Und schließlich bedauert sie auf Seite 129 "Männer in 'sterchen' Kunstlederjacken", statt "störrischen" Kunstlederjacken.
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am 24. Februar 2014
Zwei Schwestern reisen in einem alten Daihatsu mit einem Chauffeur namens Apostoloff (= titelgebende Nebenfigur)durch Bulgarien. Ein reicher Mafioso namens Tabakoff hatte 19 bereits verstorbene Exil-Bulgaren in Stuttgart exhumieren lassen, per Kryotechnik in transportgerechte Urnen verpacken und in einem würdevollen Limousinenkorso nach Sofia überführen lassen. Nach der feierlichen Beisetzung beschließen die beiden namenlosen Schwestern, deren Vater auch bei den überführten Toten dabei war, ihr Heimatland Bulgarien, das sie eigentlich gar nicht kennen, mit Hilfe des Chauffeurs Apostoloff näher zu erkunden. Ihre Fahrt wird zu einer doppelten Reise in ein unbekanntes, vom Sozialismus verheertes Land, und in ihre eigene Vergangenheit, die vom Suizid des Vaters überschattet war.

Bevor ich das Buch las, lernte ich die Autorin bei einer Lesung kennen. Ich mochte ihren breiten, schwäbischen Dialekt, ihre energiesprühende, eindrucksvolle Art zu lesen, ihre Stimme. Mit dieser Stimme im Ohr war "Apostoloff" ein reines Lesevergnügen, kurzweilig, heiter, voller witziger Momente. Obwohl die Geschichte eigentlich traurig ist: Eine Frau in mittleren Jahren hat ihr Leben lang am Verlust des Vaters in früher Kindheit zu knabbern und kompensiert ihre Trauer mit einem grimmigen Hass auf diesen Vater, diesen Schwerenöter, diesen albernen Bulgaren, und dieses Land, dieses grauenhafte, schlimme Land, in dem das Essen nicht schmeckt, der Wein nichts taugt, die Kultur nicht erwähnenswert ist, die Städte grau und die Strände zubetoniert sind. Aber wie Sibylle Lewitscharoff das alles vom Rücksitz des Daihatsu aus beschreibt und kommentiert und niedermacht, das ist wirklich köstlich: dieser Wortwitz, diese erfundenen, gar nicht existierenden Ausdrücke, die doch so treffend sind, diese sich überschlagenden Gedankenkaskaden, ein Lesefest.

Warum dann nur 4 Sterne? Weil ich noch nie in Bulgarien war und nicht beurteilen kann, wieviel Wahrheit in dem Roman tatsächlich drinsteckt - und nach dem Lesen nicht gerade motiviert bin, irgendwann einmal nach Bulgarien zu reisen ... Weil die ganze Geschichte im Grunde völlig uninteressant und absurd ist - aber durch die Sprachform, die die Autorin ihr gibt, m.E. zu Kunst und hoher Literatur wird. Also: Man könnte dem Buch auch 5 Sterne oder 2 Sterne geben, aber ich bleibe bei 4 Sternen.
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am 21. November 2013
... aber auch einen wahren Kern. Ich mochte diese skurrile Heimführungsgeschichte, diese Abrechnung mit der Kindheit, mit dem Vater, mit dem Heimatland des Vaters im Besonderen, und dem geschmacklichen Verfall urbaner Räume im Allgemeinen, mit der Degeneration politischer Systeme - und mit sich selbst, das kann man nicht leugnen: Die Protagonistin schaut ja nicht nur auf Alles und alle Anderen mit Grimm, sondern auch auf sich selbst. Mir ist diese verkniffene Person mit der scharfen Zunge sehr sympathisch.
Die Gesellschaftkritik am Fall Bulgarien ist sicher nicht ganz unberechtigt, auch wenn Manche schreiben, Lewitscharoff verbreite Blödsinn.
Der Text ist in jedem Fall gekonnt und bestimmt aus Tausenden als "Lewitscharoff" erkennbar. Das muss man erstmal können!
Ja, der Text hat Längen, er ist ein wenig zu gleichbleibend geschwurbelt, aber wenn man es so macht, wie die Erzählerin - sich mit Humor durchbeißen - dann findet man großes Vergnügen! Und er hat auch seine zarten Seiten: Das Buch besteht mitnichten nur aus Bulgarien-Bashing; da passiert ja etwas in der Auseinandersetzung mit dem (Selbstmord des) Vaters, mit der Schwester und mit sich selbst. Eine Dynamik, die mich bei aller Überdrehtheit des Romans auch angerührt hat. Man muss sie nur mitkriegen bei dem Lärm.
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