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32 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Demokratie auf der Anklagebank
"Tintenhaft kroch die Unsicherheit durch die Fugen und Risse spröde gewordener Tage, schlich sich unter die Oberfläche der Dinge. Man vermochte in den Gesetzen der Wohnung, aber kaum noch denen des Gebäudes zu leben, und so hatte man das Gefühl, etwas schwer Greifbarem ausgesetzt zu sein, das keine Züge besaß, kein Gesicht, keine Gestalt,...
Veröffentlicht am 5. Oktober 2006 von euripides50

versus
25 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überfrachtet
Nicht gerade leichte Kost ist es, die uns Uwe Tellkamp mit seinem Roman "Eisvogel" zumutet. Das Werk besteht größtenteils aus Erinnerungsbruchstücken des Protagonisten Wiggo Ritter, aber auch anderer Figuren, die an dessen Verteidiger in einem Mordprozess gerichtet sind. Ziel dieser Fragmente ist es zu erhellen, warum Ritter seinen Freund Mauritz...
Veröffentlicht am 8. April 2005 von Andreas Hutt


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32 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Demokratie auf der Anklagebank, 5. Oktober 2006
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Tintenhaft kroch die Unsicherheit durch die Fugen und Risse spröde gewordener Tage, schlich sich unter die Oberfläche der Dinge. Man vermochte in den Gesetzen der Wohnung, aber kaum noch denen des Gebäudes zu leben, und so hatte man das Gefühl, etwas schwer Greifbarem ausgesetzt zu sein, das keine Züge besaß, kein Gesicht, keine Gestalt, die man zum Ziel einer Verteidigung hätte nehmen, gegen die man sich hätte zur Wehr setzen können. Die Menschen kämpften, aber sie kämpften gegen Spiegelbilder, es schien mir, als bemerkten sie, dass es nichts half, so dass sie sich aus Furcht vor den schleichenden Wandlungen auf die Verteidigung dessen verlegten, was sich mit ihren Mitteln verteidigen ließ: das, was sie sahen, was sie hatten, was sie besaßen. Mir schien, dass sie immer bösartiger, besessener, irrsinniger vor Angst wurden, weil sie spüren mochten, dass das nicht genügte, denn es war so, als ob sie sich gegen das Untergehen eins Schiffes versicherten bei dem, der selbst auf dem Schiff war und nicht bei einem, der sie retten konnte aus ihrer Not" (S. 69/70)
Das ist die Grundstimmung von Uwe Tellkamps Buch "Eisvogel", einer der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Wiggo Ritter, ein gegen seinen Vater rebellierender Philosophiestudent, ein nörgelns-labiles Abbild seiner Zeit, trifft auf einen wirklich Radikalen: auf den "Eisvogel" Mauritz Kaltmeister, den Spiritus Rektor der "Organisation Wiedergeburt", der als einziger die Frage wagt, "ob diese Gesellschaft vielleicht deshalb nicht funktioniert, weil der ihr zugrunde liegende Gedanke, das sie bestimmende System: die Demokratie, nicht funktioniert." (S. 150). Die Frage zu stellen, bedeutet sie zu bejahen, denn "Die Demokratie ist die Gesellschaftsordnung des Mittelmaßes, des Geschwätzes und der Unfähigkeit, aus dem Geschwätz heraus fruchtbares Handeln werden zu lassen. Alle Räder sind festgefressen in gegenseitiger Hemmung, fordern die Ungernehmer dies, blocken es die Gewerkschaften ab, sollen die Steuern herunter, laufen die Sozialverbände Sturm, die Arbeitslosenraten steigen, die Wirtschaft wandert ab, die Gesellschaft vergreist, die Jugend hat kaum noch Perspektiven."(S. 150/1) Die Menschen sind "krank von Demokratie", konstatiert Mauritz, und das kann nur durch ein Mittel geändert werden: durch Terror, einen Terror, der die Verhältnisse aufbricht und die Menschen nach einer Ordnung rufen lässt, aus der der künftige "Ordens- und Elitestaat" hervorgehen soll. Die RAF lässt grüßen, allerdings diesmal aus einer nicht rechtsradikalen sondern ständestaatlich-konservativen Seite.
Dem Leser stockt der Atem, wenn er liest, wie knallhart hier jemand über die Ränder des common sense hinausdenkt und wie radikal hier ein Ketzer die wahre Religion unserer Zeit, die Demokratie, auf die Anklagebank zerrt. Aber keine Sorge, die Einwände gegen diese Radikalität werden in dem Buch gleich mitgeliefert, ein ganzer Chor der Gegenargumente flattert dem Leser entgegen, sogar innerhalb der "Organisation Wiedergeburt" schreckt man vor dem Fanatismus Mauritz Kaltmeisters zurück, auch wenn sich Wiggo Ritter, der nörgelns-labile Romanprotagonist, eine Zeitlang dem Einfluss des radikalern Mauritz erliegt. Am Ende aber wenden sich alle vom Eisvogel ab, seine Gönner, seine Freunde, selbst seine schöne Schwester Manuela und schließlich auch Wiggo.
So weit so spektakulär - wie aber wird dieser Plot literarisch umgesetzt? Denn es ist eine Sache, eine brisante Thematik aufzugreifen, eine ganz andere aber sie künstlerisch zu meistern. Steht Tellkamp für sein Thema eine Sprache zur Verfügung, die nicht in Klischees und Banalitäten abrutscht sondern das Außergewöhnliche, um das es geht, mit einer ebenso außergewöhnlichen Sprache beschreibt? Uneingeschränkt ja. Tellkamps Sprache ist wie ein Skalpell, mit dem durch das Hundertmal Gesagtes zu immer neuen überraschenden Formulierungen durchstößt. An der formalen Konstruktion des Romans allerdings werden sich die Geister scheiden. Ob die gesamte Handlung wirklich im anstrengenden Antunes'haften Absatzschreddderstil. erzählt werden muss, bei dem auf einer einzigen Seite zwei- bis dreimal die Zeitebenen gewechselt werden, sei dahingestellt. Auf der andern Seite fällt auf, dass die formale Gesamtkomposition als Ganzes genau jeder Kreisbewegung ähnelt, die an verschiedenen Stellen des Buches als Misere einer Demokratie bezeichnet wird, mit der es nicht vorangeht.
Das Problem des vorliegenden Romans aber ist seine Handlung.. Außer einigen Szenen (beeindruckend: S. 275ff., wo ausgerechnet der Eisvogel ein arabisches Pärchen gegen eine Horde Skinheads in der U-Bahn verteidigt ) wird in dem Roman fast nur palaverert, eine wirkliche Geschichte, in der die Personen, das was sie sagen auch durch ihre Handlungen beglaubigen, findet nicht statt. Dem eiskalten und konsequenten Demokratieverächter Mauritz stehen nur Deppen oder Zögerlinge, Egomanen oder Quietisten gegenüber, die eine mögliche und gehaltvolle Gegenposition zur Verteidigung der Demokratie nicht artikulieren können. So sehr es aber längst überfällig ist, die Sackgassen der Massendemokratie und den Bankrott der politischen Gutmenschenklasse ("Morbus 68" - übrigens das Geburtsjahr des Autors ) kritisch zu thematisieren, so kann dies doch nicht geschehen, ohne nicht der demokratische Position einen ähnlich glaubhaften und charismatischen, jedenfalls gleichberechtigten Handlungsträger zuzuordnen wie ihn der "Eisvogel" Mauritz auf der anderen Seite darstellt. Mit anderen Worten: dem "Eisvogel" Mauritz, der in dem Romans ein aktivistischer Naphta auftritt, fehlt der Settembrini als Widerpart. Das ist schade, denn durch diese Einseitigkeit wurde die Chance vertan, einen wirklichen wegweisenden Roman zu schreiben, der das Tor zu ganz neuen Debatten aufstoßen könnte.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Frust am Sein. Ein Rückblick, 1. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
Was für ein komischer Zufall es doch war, der mir dieses Kleinod in die Hände gespielt hat.

Es war spätabends, und ich zappte bereits schlaftrunken durch das mitternächtliche Abendfernsehen als ich plötzlich auf eine Sendung über Literatur stieß, die, welch schicksalhafte Fügung, den 'Eisvogel' als Thema hatte.

Dabei wurde viel gelobt, viel gesprochen und noch viel mehr gelobt. Der Inhalt so schien mir war lesenswert, die Bachmann-Preis-Jury war 2004 übrigens der selben Meinung.

So kam es wie es kommen musste, ich kaufte mir das Buch und kurz darauf begann ich zu lesen. Ganz vorsichtig und ohne Hast. Ich genoss es, in vollen Zügen. Das wieso will ich ihnen hier kurz erläutern.

Uwe Tellkamps' Eisvogel ist, ähnlich wie auch Hesses Steppenwolf, den ich im übrigen zu einem meiner Lieblingsbücher zähle, eine Geschichte über einen Menschen, der nicht so recht weiß was er mit seinem Leben anfangen soll. Er liest viel, reist auf Kosten seiner Eltern durch die Lande und versucht sich als ein Philosoph zu beweisen, in jeder Hinsicht.

Er stellt alles in Frage, alles was ihm in die Quere kommt wird beinahe kriminell angefochten, jede Existenz wird verbal vernichtet und jedwedes Leben, das anders ist als das einen großen Denkers wird verdammt. Er lebt die geistige Freiheit ohne jedoch zu bedenken, dass es auch eine Welt außerhalb seiner Geisteswelten gibt. Bis er eines Tages auf einen Gleichgesinnten trifft, einen Freund fürs Leben, einen der ihm die Tür zu seiner geistigen Freiheit weist, einem Rebellen, einem Umstürzler, kurz gesagt, einen Mann der Wiggo Ritters Traumwelt, so im übrigen der Name unseres Philosophen, Wirklichkeit werden lassen kann. Seine Name ist Mauritz. Und zu allem Überfluss hat Mauritz noch eine Schwester in der Wiggo die Frau seines Lebens gefunden zu haben scheint, doch der Schein trügt manchmal, vor allem wenn er golden glänzt und lange Beine hat.

Zurück zur Geschichte, Wiggo ist der Sohn von einem der erfolgreichsten Bankiers Deutschlands, er schwelgt in Luxus und duelliert sich verbal mit seinem mächtigen Vater um seine Zukunft, bis dieser zuletzt an seinem Sohn scheitert. Ab dann beginnt Wiggos wahres Leben, das Leben eines Philosophen, in einem Rückblick. Erzähltechnisch genial. Vor allem die eingeflochtenen Sprachfetzen, die, die jeweiligen Handlungsstränge durchziehen, tragen zu der Intensität dieses Buches bei. Mancher wird sie lieben und viele werden an ihnen verzweifeln. Ich vergöttere sie. Von der Schärfe der Sprache die diesen Roman durchfließt und der, wie mit literarisch goldenem Garn durchwunden, in Form von lieblicher Akustik durchflutet wird ganz zu schweigen. Tellkamp versteht sein Handwerk.

Und wer den Eisvogel zu Ende gelesen hat, wird erkennen, dass er soeben einen modernen Klassiker der deutschen Literatur genießen durfte.
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16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anschwellender Bocksgesang, 1. August 2005
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Tellkamps Buch ist ein großartiger Roman, der mich beeindruckt hat wie schon lange kein Buch eines lebenden Autors. Sprachlich wagt Tellkamp mehr als sonst ganze Jahrgänge von Jungautoren zusammen, da ist wohl zu erwarten, dass es zu Missverständnissen kommt: Wo die Metaphorik ins allzu Gesuchte abgleitet, sollte man dafür den Erzähler verantwortlich machen und nicht den Autor; und dann passt das Geschmäcklerische der Sprache hervorragend zu einem Protagonisten, der sich viel auf seinen erlesenen Geschmack einbildet.
Dieser Protagonist Wiggo Ritter ringt mit der Sprache; in immer neuen Wortkaskaden versucht er, der Wahrheit nahezukommen; verschiedene Erinnerungsebenen verschränken sich dabei und kommentieren sich gegenseitig, dazu kommen die ganz anderen Stimmen der Bekannten Ritters. Zunächst mag diese Konstruktion anstrengend wirken, doch immer mehr entsteht ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Wer die Handlung abstrus findet, hat wohl vergessen, dass Peter Handke Deutschland schon lange einen Bürgerkrieg wünscht und dass Botho Strauss die bundesrepublikanische Sattheit herzlich verachtet. Uwe Tellkamp hat es gewagt, diese intellektuelle Attitüde wörtlich zu nehmen, und sich ausgemalt, wie ein Bürgerkrieg à la Handke aussehen könnte. Ein Buch also, das schon lange notwendig war.
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25 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überfrachtet, 8. April 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nicht gerade leichte Kost ist es, die uns Uwe Tellkamp mit seinem Roman "Eisvogel" zumutet. Das Werk besteht größtenteils aus Erinnerungsbruchstücken des Protagonisten Wiggo Ritter, aber auch anderer Figuren, die an dessen Verteidiger in einem Mordprozess gerichtet sind. Ziel dieser Fragmente ist es zu erhellen, warum Ritter seinen Freund Mauritz Kaltmeister erschossen hat. Was die Sprache betrifft, so zeichnet sich das Werk durch komplexe, scheinbar nicht endenwollende Sätze und eine nicht immer gelungene Bildlichkeit aus ("dunkleres Land, das unnahbar und still hinter den sichtbaren Dingen begann").
Was meines Erachtens besonders stört, ist, dass Tellkamp keinen Willen zur Form zeigt: Er springt vor und zurück, verharrt über lange Zeit hinweg detailverliebt auf einem Fleck und kanalisiert das, was er dem Leser mitteilen möchte, nicht. Dazu kommt auch noch erschwerend hinzu, dass der Roman thematisch überfrachtet ist: Es geht um Terrorismus, Vaterkomplexe, böse Kapitalisten, fehlende Orientierung, Sado-Maso-Sex, Arbeitslosigkeit, eine Gesellschaft ohne Ideale und vieles mehr...
Was Tellkamp wirklich gut gelingt, ist die bis ins Detail glaubwürdige Zeichnung seiner Figuren. Hier hat er echte Stärken.
Vielleicht hafte ich mit meinen Erwartungen an ein Buch zu sehr im Trivialen, aber meines Erachtens ist Tellkamps Roman "Eisvogel" zu ambitioniert, es ist ein Buch, dem ich nicht so viel abgewinnen konnte.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gesellschaftsterror "on the top", 4. Dezember 2007
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
- "Regisseur" Uwe Tellkamp präsentiert in Form eines "Romans" Germanisierungsoptimismus in "Der Eisvogel"

Perspektivlosigkeit, Familienproblematiken und der Abrutsch eines intelligenten Menschens in ein Leben, fixiert auf eine revolutionsorientierte Terroreinheit. Eine nicht von der Hand zu weisende Realitätsnähe ist es, was dieser Geschichte eine fesselnde Wirkung verabreicht. Wie ein Fakir liegen die Entwicklungen bereits zu Anfang in der Luft, doch der Weg zu dem Ende ist hier das Ziel, wie bei Konfuzius. Dieser Weg wird auf sehr individuelle Tellkamp-Art nicht gerade auf dem Silbertablett serviert. Viel mehr sind die zu servierenden Stücke zerschnitten und im Raum verteilt. Um das 318 Seiten starke Ostereibuch in einen Korb zu sammeln, braucht man als Leser Energie und Ruhe. Es scheint als wäre Tellkamp ein Prajnaparamita, der das gesamte Buch mit mehreren Armen geschrieben hat. In jedem Arm eine Geschichte und abwechselnd benutzt, da jedem Arm wohl mal Ruhe gegönnt sein solle.

So bestand das Jurorentum des Bachmannpreises wohl aus Menschen des Interessegebietes der alten chinesischen Thangkas-Kunst. Oder doch aus Bekennern der komplizierten Montage. Wie auch immer; Uwe Tellkamp wurde hoch gelobt und so bekam er den Bachmann-Preis. Der damit zusammenhängende Geldregen, den er von Tausenden Schülern des Zentralabiturjahrgangs gespendet bekommen hat, wird für ihn nicht nur nebenläufig sein, wie Bodyguards, auch wenn er sich solche nun leisten könnte. Man muss seinen diskutablen Schreibstil also einfach als in der Öffentlichkeit angesehen akzeptieren, da er nun populär ist und über ihn dikutiert wird. Seine Werke werden nicht Jedermann umhauen wie ein Ringer, viel mehr ist es klar individuell veranlagt. Es soll ja auch Menschen geben, die einen Rembrandt auf den Müll wandern ließen. Wenn er nicht so viel wert wäre. Ich möchte Tellkamp nicht mit Rembrandt vergleichen, aber es scheint ja so, als würden die in der Literatur Inhaftierten sein Werk hoch ansehen. Doch man kann auf keinen Fall sagen, dass er so hoch anzusehen ist, dass er unantastbar wird, wie die Luft selbst. Er hat einfach seinen unverwechselbaren Stil, wie jeder Leser bemerken wird. Nach dem Vollenden des Lesens wird also jeder etwas mit dem Tellkampischen Stil anzufangen wissen, der vielleicht schon vorher von anderen Autoren angewandt wurde, aber auch Tellkamp soll ja einen Begriff prägen dürfen.

Mit diesem Stil erzählt Tellkamp nun die Geschichte von dem aus einer wohlhabenden Bankierfamilie stammende Wiggo Ritter, der ein studierter Philosoph ist, welcher in Kluft mit seinem Vater steht. Dieser ist ein tyrannischer Erfolgsmann, der die junge Generation für Waschlappen hält. Aufgrund der Perspektivlosigkeit Wiggos nach einem Streit mit seinem ihn eigentlich hoch ansehenden Professor schließt er sich einer radikalen "Einheit" an, die die Abschaffung der Demokratie anstrebt und diese durch eine radikal konservative Regierung ersetzen will. So soll die "Terroreinheit", die aus der intelligenter Bevölkerung aus vielen sozialen Schichten besteht, die gesamte übrige Bevölkerung beherrschen, was als "Utopia" durchgängig thematisiert wird. Diese Revoluvergruppe wird geführt von Mauritz, der verrückte Züge annimmt. Er und seine hübsche Zwillingsschwester Manuela ziehen Wiggo in ihren Bann.

Der Schreibstil des Autors ist gewöhnungsbedürftig und es bedarf einiger Zeit, die vielen Perspektivenwechsel einzuordnen. Nachdem man sich allerdings an die Personenwechsel, die teilweise in unpassender Abfolge dargeboten werden, gewöhnt hat, werden dem Leser viele Informationen auf engem Raum geliefert. Man verliert nie den Anschluss an die Gedankengänge der Einzelnen und so wird das Werk nicht zu einem langweiligen Einheitsbrei. Denn es wird Konzentration und Kombinierungssinn gefordert, entgegengesetzt zu den allzu bekannten lahmen, chronologisch abfolgenden Hypnotikas. Es ist, als solle man ein kompliziertes Gebilde aus mehreren verschiedenen Mosaikteilen zusammenpuzzeln. Der Effekt einer Palette Red Bull wird im Kopfe des Lesers verlangt, woraufhin man annehmen kann, dass das Lesen nur mit salzsäuriger Konzentration einen Stromfluss im Caput auslöst und diesen nicht kaputt macht. Doch wie bereits erwähnt, ist der Vorteil, dass man dank dem ständigen Wechsel von den wichtigen Personen, wie auf der Bayern-Ersatzbank, nie den Anschluss verliert. Im Gehirn des Konsumenten wirkt nach jedem Personenumschwung ein Alarm, der das Gehirn aufweckt aus den vorgehenden autobahnlangen Passagen. Nun können sich die Gehirnleitungen den Stecker zu der neuen Person suchen und sich schon bereit machen für den nächsten Marathonlauf.

Das Thema des Inhalts ist ansprechend, weil im aktuellen Leben vorstellbar. Die Arbeitslosigkeit von Wiggo ist ein typisches Schicksal der heutigen Gesellschaft. Der daraus folgende Anschluss an eine terroristische Vereinigung ist zwar etwas fern - aber ist es nicht gerade diese possible Lebensführung die ein Werk so schmackhaft macht? Denn terroristische Vereinigungen sind derzeit oft in den Nachrichten vertreten und somit ist es nicht auszuschließen, dass ein intelligenter, aber abgespaltener Mensch in eine solche Organisation gerät. Denn Gehirnwäsche wirkt ja im Gehirn...und da wo viel Hirn ist, kann man förmlich kästenweise Terroristen-Persil durch die Ohren und Augen einflößen und bei 180 Mitterroristen waschen. Üble Kritik und der Drang nach radikaler Umstürzung des heutigen Systems sind Merkmale von Mauritz, der wohl die Grundzüge eines typischen Terroranführers repräsentiert. Wie er auf seine Umwelt wirkt und welche Veränderungen ein solcher Mensch bei seinen Anhängern bewirken kann, ist mit der neusten Waschpulverformel von Oxi-clean zu vergleichen. Ernsthaft ein sehr umstrittenes und interessantes Thema, welches zur richtigen Zeit behandelt wurde. Ein geschickter Schachzug des Autors.

Das Resultat der Anreihung von Sätzen, die die Augen zu marathonartigen Anstrengungen zwingt, und Konzentration fordert, als wenn man bei laufendem Fernseher und dunkelem Licht mathematische Formeln verstehen möchte, hat Uwe Tellkamp, wie zu Anfang erwähnt, zu dem Bachmann Preis verholfen. Seine gefühlskalten und präzisen Beschreibungen schaffen eine Athmosphäre ohne ungeklärte Fragen, aber die Emotionslosigkeit lässt die Geschichte etwas ungewürzt. Seine Redewendungen sind wohl oft übertrieben in Hinblick auf Länge und auch Formulierung. Er setzt Vergleiche an, die ein durchschnittlicher PISA-Studie-Absolvent erst einmal in den Weiten des World-Wide-Web nachforschen muss, um des Rätsels Lösung herbeizurufen. So versucht Tellkampissimo, seinem wohl nicht letztem Mahl die so vermisste Würze beizufügen. Ob diese Methode allerdings nicht das Maß an Red-Bull-Vorrat in Deutschland übersteigt, ist eine Frage, die sich in Fuschl am See gestellt werden muss. Vielleicht hätte Herr Tellkamp Tim Melzer hinzuziehen sollen, der ihm die richtige Art zu würzen beibringen dürfte. Doch möglicher Weise muss ein Leser dieses Werkes einen E.on-Anschluss für Gehirnströme haben, um dem Standart der Charaktäre der Elite zu genügen. Wer weiß ob ein solcher Sinnzusammenhang zwischen Thema und Leser gewollt ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Erstling mit großen Ambitionen, 14. Oktober 2008
Von 
Günter Nawe "Herodot" (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
Gerade unter dem Eindruck des preisgekrönten Romans "Der Turm" ist ein Hinweis auf ein früheres Buch von Uwe Tellkamp sicher nicht verkehrt.
Mit "Der Eisvogel" hat sich schon herauskristallisiert, was in diesem Autor steckt.

Wiggo Ritter, ein Mann mit besten Voraussetzungen für eine glanzvolle Karriere. Statt Bankier allerdings ist er gegen den Wunsch des Vaters Philosoph geworden - und gescheitert. Sehr gut vom Autor herausgearbeitet: der Vater-Sohn-Konflikt. Da begegnet er dem Geschwisterpaar Mauritz und Manuela. Sie gehören einer Art Geheimbund von konservativen Terroristen an, die durch einen Umsturz eine neue Elite etablieren wollen. Tellkamp schildert ausführlich in Gesprächspartien das Gedankengut dieser Gruppe, finanziert von Reichen und Superreichen dieser Republik. Manchmal ein wenig zu ausführlich, sodass der Handlungsablauf etwas gestört wirkt.

Dieser Gruppe ist Wiggo ein willkommenes Mitglied. Er, der nichts mehr zu verlieren hat, entwickelt sich zu einem hoffnungsvollen Mitverschwörer. Die Mittel, mit denen die Gruppe agieren will, ähneln allerdings verteufelt dem, was wir in den Achtundsechzigern erlebt haben ' nur mit anderen Vorzeichen. Doch dann verliebt sich Wiggo in Manuela, gefährdet so nicht nur den Umsturzplan, sondern die gesamte Organisation und nicht zuletzt sich selbst.

Uwe Tellkamp erzählt mit für einen Erstling erstaunlicher großer Professionalität, weiß die dramatischen Akzente richtig zu setzen, schreibt kraftvoll und poetisch. Der gesellschaftskritische Ansatz gibt Stoff zum Nachdenken. Und die Geschichte von Liebe und Sehnsucht, von tödlicher Gefahr und einem Schuss Sozialpathos ist auch in ihrer literarischen Ausgestaltung sehr schlüssig.
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4.0 von 5 Sternen Am Ende doch sehr gelohnt., 18. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
Uwe Tellkamp spannt in seinem Roman einen weiten Bogen: vom gescheiterten Sohn aus gutem Hause über Vater-Sohn-Konflikte, Sinnfragen des Lebens, Sinn und Unsinn von Demokratie, Materialismus, Konsumismus, und Medienzeitalter, über Radikalismus und Terrorismus, Gewalt bis zur Liebesgeschichte.

Hier treffen zwei ganz unterschiedliche Personen aufeinander, die sich durch ihr Einzelgängertum vereint fühlen. Während Wiggo durch Sinnsuche, Depression und Faszination in die Arme von Mauritz getrieben wird, handelt es sich bei diesem um einen gewaltbereiten, intellektuellen Radikalen mit Macht- und Herrscherphantasien. So ist auch bald klar, daß die Trennung der beiden eine unausweichliche Sache ist.

In der ersten Hälfte findet der Roman überhaupt kein Konzept. Dem Leser ist schon irgendwie klar, daß es hier um ganz verschiedenartige Romanfiguren und deren Konflikte geht. Doch Tellkamp bringt hier recht wenig und verrennt sich in die überbordenden Schilderung von verbalen Stilleben. Das beherrscht er erstklassig, erscheint nur so, als hätte er das falsche Werkzeug für das dabei, was er bezweckt. Tellkamp ist ein Meister darin, mit ein paar Worten eine Atmosphäre zu gestalten. Er benutzt die Sprache als ein nach seinem Willen formbares Etwas und bereichert den Leser durch schöne Neologismen, die die Grenzen der einzelnen menschlichen Sinne zum Teil überschreiten. Das ist verbale Synästhesie! Als Anhänger der deutschen Sprache muß man einfach begeistert davon sein. Aber das erträgliche Maß wird mehr als ausgereizt. Die Figuren des Romans bleiben zunächst grau und platt. Sie haben mir zunächst einfach keine Geschichte erzählt. Alles ertrinkt in wild verschlungenen atmosphärischen Momentaufnahmen.

Warum kann Tellkamp nicht auf die Klischees verzichten, die er zeitweise so großflächig aufträgt? Vom bibliophilen Professor, den er zufällig erstmalig im Gewächshaus trifft bis zum blaublütigen Bankettgelage im Chateau und andere klischeehafte Details. Die magische Erzählkraft zerfällt in diesen Momenten recht schnell.

Ein Wirbel von ungeordneten Fragmenten des gehobenen Allgemeinwissens ergießt sich zeitweise über den Leser, wie um etwas zu beweisen, wie ein Einserschüler bei der Leistungskontrolle. Der Autor sollte sich bewußt machen, daß diese partielle Unergründbarkeit für den Leser erst einmal beeindruckend ist. Im Grunde jedoch kalkuliert er mit dem minderen Wissen des Lesers und verrät ihn damit ein stückweit.

Ab der Mitte des Romans scheint Uwe Tellkamp deutlich besser die Kurve zu bekommen. Die Protagonisten geraten aneinander, die verbalen Stilleben verlieren den Selbstzweck und dienen der Handlung. Die Dreiecksbeziehung Wiggo-Manuela-Mauritz fesselt und wird Wiggo und Manuela, den Mitläufern, zum Verhängnis. Die Szene in der Straßenbahn macht es dem Leser schwerer, Mauritz zu verurteilen, und hält so perfekt die Spannung. Der Kreis schließt sich beim Scheitern von Mauritz' Vorhaben, als alle ihm die Unterstützung versagen, und die ehemaligen Freunde einander mit gezogener Waffe gegenüberstehen.

Fazit: Ein zeitweise wirrer und ungeordneter Roman, etwas ärgerlich und nur mit Mühe verdaulich am Anfang, brillant und fesseln in der zweiten Hälfte.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwere, aber nicht uninteressante Kost, 23. März 2006
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
Das Leben hat dem promovierten Philosophen Wiggo Ritter nicht viel zu bieten: das Geld reicht hint und vorn nicht mehr, einen Job kann er trotz hervorragender Noten nicht finden und sein Vater, ein schwerreicher und mächtiger Bankier, macht dem in seinen Augen nichtsnutzigem Sohn ständig nur Vorwürfe. Wiggos Leben ändert sich nachhaltig, als er den charismatischen Mauritz Kaltmeister und dessen Schwester Manuela kennenlernt. Fasziniert von Mauritz' radikalen Ideen tritt Wiggo schließlich dessen Organisation Wiedergeburt bei, deren Ziel es ist, mit Hilfe des Terrors die Welt wach zu rütteln und zu verändern. Als Wiggo der Organisation den Rücken kehren will, ist es längst zu spät und es kommt zu einer Katastrophe...
Ein sehr interessanter Plot, eine herrlich bilderreiche Sprache, die trotz ihrer Alltäglichkeit manchmal auch poetische Züge annimmt, und etliche gewagte Gedankengänge, die einen oftmals tief bestürzen und selbst zum Nachdenken anregen, vermögen ebenso zu überzeugen wie die detailierten Alltagsschilderungen und bissigen Spitzen gegen die heutige Gesellschaft, bei denen man oft denkt: Genau so ist es!
Aber dennoch ist es nicht durchwegs ein Vergnügen, den "Eisvogel" zu lesen. Äußerst verschachtelte, oftmals über mehr als 15 Zeilen reichende Sätze, eine Erzählperspektive, die ständig zwischen ca. einem Dutzend von Charakteren wechselt und viele Zeitsprünge, der Tod Mauritz' etwa bildet Auftakt und Schluß des Romans, machen es oft unheimlich schwer, dem Gesagtem zu folgen und am Ball des Geschehens zu bleiben. Und so war ich auch mehrmals nah dran, das Buch zur Seite zu legen und mir etwas Leichteres zu besorgen. Aber in der zweiten Hälfte gewinnt der Roman enorm an Tempo und so habe ich doch bis zum Schluß durchgehalten.
Alles in allem ist "Der Eisvogel" ein äußerst komplexer Roman voller zeit- und gesellschaftskritischer Gedanken, der dem Leser einiges abverlangt, der aber nichtsdestotrotz einen starken, bleibenden Eindruck hinterlässt.
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11 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zu hoch gegriffen, 19. Juli 2005
Von 
slanbriack (Wuppertal, NRW Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Uwe Tellmann widmet sich in seinen neuen Werk einem Thema von Brisanz: Was, wenn faschistoide Gedankenzüge und Handlungskompetenzen sich nicht allein auf desavouierte Altnazis und tumbe Skinheads erstreckten? Sondern auch auf jene Kreise übergreifen würden, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Arriviertheit "so etwas" gar nicht benötigten? Auf die geistig-monetäre "Elite"?
Es geht um Wiggo (man beachte die Namensgebung), einem im Seminar gescheiterten Philosophen und u.a. um eine Männerfreundschaft, mit Mauritz, mutmaßlichem Vordenker einer elitären Gesellschaft, die sich den Eisvogel zum Symbol genommen hat - und ein W - für Wiedergeburt - als Signet, zum Logo.
Eine spannende Konstellation, doch gelingt es dem Autor nicht, seinem Thema gerecht zu werden. So treffend und schmerzvoll wahr seine Gesellschaftsbeobachtung auch ausfallen mag, spätestens ab der Mitte, dort wo das Gedankenwerk der Protagonisten einer terrorristischen Aktion weichen soll, vertritt sich der Autor - von einem Klischee-Fettnäpfchen ins nächste: Wiggos Vater: ein am Erfolg gescheiterter Broker, Mauritz: eine Kampfmaschine, die marodoierenden Skins so richtig einen einschenkt - und alle Frauenfiguren seltsam blass, so dass man auf sie auch hätte verzichten können. Nichts will mehr glaubwürdig stimmen, alle Figuren wirken zunehmend hölzern, der Plot, innerhalb einer kaum motivierten Rahmenhandlung, schematisch -. eine Enttäuschung, gerade angesichts der beeeindruckend geschriebenen, (zu) viel versprechenden Exposition.
Sicher, so manche Beiläufigkeit trifft - aber nur ins Kennerherz. Wenn Wiggo sich z.B. (als Probelauf für spätere terroristische Großtaten) an seinem Doktorvater, der ihn, aus Erwägungen eines philosophisch fundierten Gutmenschentums, aus dem Seminar geworfen hatte, rächen soll (was peinlichst scheitert), sich erstmals und unerlaubterweise in den privaten Räumlichkeiten des Professors aufhält, und dort einer bevorzugt aufgebahrten Heidegger-Edition ansichtig wird - ja, das erfreut den Connaisseur.
Doch Tellmann, als Mediziner, haut sein philosophisches (Halb-) Wissen vehement in die diegetische Pfanne und bereitet dem Leser ein Gericht mit schalem Nachgeschmack zu: Das Thema - relevant. Die Umsetzung - unzureichend und mit Sicherheit an der (durchaus nicht avisierten) Zielgruppe derjenigen vorbei, in der sich faschistoides Gedankenschlecht durchaus breit macht.
Reden wir nicht über Skins oder Altnazis - es ist der sich Tag für Tag, aus gutem Grund, um seines Standes bedroht fühlende Mittelstand, in dem es gärt. In der schöngeistigen, vergeistigten, Fiktion Tellmanns, gilt aber gerade dieser Mainstream als Abschaum, als das zu Bekämpfende. Das ist, mit Verlaub, heikel.
Tellmann, so stehts zu vermuten, wollte einen interessanten Roman für Interessierte schreiben. Diejenigen, die ihn rezipieren, werden ihm, bzw. seinen Figuren, zustimmen und bestenfalls noch mal einen Blick in ihen Ezra Pound und Stefan George werfen (was ja an sich auch nicht verwerflich ist).
Als Beitrag zum Thema "Schleichende Faschistoisierung der Gesellschaften infoge grassierender, hedonistischer Diskontierung" taugt "Der Eisvogel" indes nicht. Schade auch.
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6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The artist in accord with himself, 4. November 2008
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
When critics disagree, the artist is in accord with himself (Oscar Wilde)

Leider gibt es - übrigens nicht nur bei Amazon, aber besonders dort - immer wieder Rezensenten, die die Grenzen ihrer eigenen Auffassungsgabe, ihres Verständnisses zum Maßstab eines Urteils machen. Sie beschweren sich dann (alle folgenden Bsp. stammen von Amazonkunden zu Tellkamps Büchern), dass ein Buch zu langatmig oder zu kompliziert sei, dass sie dieses oder jenes Wort nicht kennen, dass sie anspruchsvollen Satzkonstruktionen nicht folgen können, dass ihnen das Buch zu ernst oder - je nach Gusto - zu verspielt wäre etc., kurz, sie machen ihren Geschmack zum Richtmaß an dem Qualität festzumachen wäre. Aber ob jemandem ein Buch gefällt oder nicht, ist in dieser Hinsicht vollkommen irrelevant, die Frage lautet: ist es gut oder schlecht? Und dass dieses Buch - Tellkamps "Eisvogel" - gut, sehr gut, ja exzellent ist, kann einfach nicht bezweifelt werden oder eben nur mit handfesten, wenn man so will: objektiven Argumenten.
Das Buch ist unglaublich clever konstruiert, es ist in seinen Aussagen und der Gesamtaussage durchdacht und oft sogar tief (und das soll kein Vorwurf sein!), es besticht durch originelle Wahrnehmungen, es ist sprachlich anspruchsvoll, es spielt gekonnt mit Witz, Ironie und Zynismus (ein Rezensent schrieb, dass der Roman kein gutes Gefühl bei ihm hinterlassen habe, weil er völlig ohne Lächeln geschrieben zu sein scheint - kaum zu glauben! Ich musste unzählige Male lachen und lächeln), in ihm sind überzeugende, wenn sicher hin und wieder auch zu überspitzte (Mauritz, Vater, Wiggo selbst), Psychogramme enthalten, es zeigt ein beeindruckendes Szene-Verständnis, es problematisiert auf vielschichtige Weise die postmoderne Nachwendegesellschaft, vor allem, und das ist das Wichtigste: es stellt die entscheidenden Fragen!
Was will man also mehr? Was, bitteschön, soll ein Buch noch leisten, um allgemeine Anerkennung zu finden?
Mag sein, dass es den ungeübten Leser, ohne eine gewisse philosophische, artistische, kulturhistorische, ästhetische Vorschule überfordert, doch sollte man sich dagegen wehren!: gegen den Ruf nach Nivellierung und Niveausenkung! Wer den Mann ohne Eigenschaften als zu überladen ansieht, wem Jünger politisch zu gewagt ist, Joyce zu wirr, wer den Zauberberg zu intellektuell findet und Henry James langweilig, wird, ja muss an diesem Autor scheitern. Der Connaisseur darf es freilich anders sehen. Tellkamp jedenfalls scheint das Zeug zu haben, wenn nicht alles täuscht, in obige Phalanx literarischer Meister einzudringen. Sapienti sat.

NB: Ein Buch, das ich persönlich enorm genießen konnte - aber das spielt selbstredend bei der Beurteilung keine Rolle.

Und für alle, die vom weltanschaulichen, politischen oder gar ethischen Gesichtspunkt her argumentieren und kritteln, noch einmal Oscar Wilde: There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all.
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Der Eisvogel: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Der Eisvogel: Roman (suhrkamp taschenbuch) von Uwe Tellkamp (Taschenbuch - 19. April 2010)
EUR 10,99
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