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148 von 151 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt zweimal lesen!, 3. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Ich habe zwei Jahre gebraucht, um die "Suche nach der verlorenen Zeit" (jawohl, alle 7 Bände!) zu lesen. Deshalb gleich ein Hinweis für alle, die den ersten Band geschafft haben: Es geht genau in diesem Stil weiter! Die Eindrücke, Gedanken, Beschreibungen nehmen unendlich viel Raum ein, die eigentliche Handlung läuft unspektakulär und fast nebenbei. Genau wie im richtigen Leben eben! Jeder von uns ist viel mehr damit beschäftigt, über andere und sich selbst nachzudenken, als äußere Ereignisse wahrzunehmen. Und auch wir wissen bei einer ersten Begegnung noch nicht, ob der Mensch, den wir gerade kennenlernen, eine zukünftige Bedeutung für uns haben wird, oder ob wir ihn schnell vergessen werden.

Hat man sich erst einmal damit abgefunden, dass man nicht auf spektakuläre Handlungsentwicklungen warten muss (so etwa ab Band 3 oder 4 hat man das verinnerlicht), dann fängt man überhaupt erst an, den Roman richtig zu lesen. Am Ende dann weiß man, welche Personen und Eindrücke die wirklich wichtigen waren. Und wenn man danach wieder von vorne anfängt - und das sollte man UNBEDINGT tun - dann bekommt schon der erste, so unscheinbar, ja langweilig wirkende Band eine unglaubliche Spannung. Man erfährt nun nicht mehr die Erinnerungen eines Unbekannten, man teilt diese Erinnerungen, als wenn es die eigenen wären. Und so wie man selber äußerlich unwichtige Ereignisse ein Leben lang im Gedächtnis behält, so versteht man beim zweiten Lesen, wenn man weiß, wo die Geschichte hinführt, warum es so ungeheuer wichtig ist, sich fünf Seiten lang an den Geschmack eines "Madeleine"-Törtchens zu erinnern. Und erst dann bemerkt man verblüfft, wie sehr uns Proust - in einer völlig anderen Lebenswelt als der heutigen - unsere ureigenene Geschichte erzählt.

Deshalb nicht aufgeben und die ganze "Suche" lesen, in aller Ruhe, gerne auch mit zeitlichen Abständen (man kann nicht nur Proust lesen, sonst wird man irgendwann weltfremd), aber unbedingt bis zum Ende. Und wenn man dann zum zweiten Mal "Unterwegs zu Swann" ist, dann will man überhaupt nirgends sonst mehr sein - so wie Proust selbst auch nirgendwo mehr sein wollte, sondern sich in ein schall- und sonnenlichtisoliertes Schreibzimmer einschloss, um nichts anderes mehr zu tun, als die verlorene Zeit seines Lebens wiederzufinden.
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23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Labyrinth der Erinnerung, 28. August 2007
Von 
Rolf Dobelli (Luzern, Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist ein Leselabyrinth von gigantischen Ausmaßen: Sieben Bände, über 4200 Seiten, mehr als 2000 Romanfiguren sowie Satzkonstruktionen mit fast 1000 Wörtern lassen auch die ehrgeizigsten Leser vor Ehrfurcht erblassen. Figuren und Motive werden eingeführt, um bald darauf hinter einer Biegung zu verschwinden und wer weiß wo wieder aufzutauchen. Am Anfang vieler Schachtelsätze ist zudem kein Ende in Sicht, so weit das lesende Auge reicht. Der erste Band "Unterwegs zu Swann" erzählt von der meist glücklichen Kindheit des Ich-Erzählers im ländlichen Combray, von der tragischen Liebe des Familienfreundes Swann zu einer Prostituierten und von der erwachenden Leidenschaft des Erzählers für Swanns Tochter Gilberte. Dass es kaum möglich ist, sich im Proust'schen Irrgarten nicht zu verlieren, diese Einsicht haben die Monty-Python-Komiker in ihrem köstlichen Sketch über den 'Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb' auf die Spitze getrieben: Die Teilnehmer haben 15 Sekunden, um die sieben Bände auf den Punkt zu bringen '- und scheitern alle kläglich.
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27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gewaltige Inszinierung der menschlichen Empfindsamkeit, 18. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Wenn wir bei einer Rezension von Prousts Werk sprechen, so in erster Linie auch von der Übersetzung. Hochsprache ist nur sehr schwer zu übersetzen und die Erfolgsaussichten sind gering.

Habe ich die 2000er Ausgabe gelesen und war sichtlich enttäuscht von der etwas flachen Übersetzung, so reichten mir nur wenige Zeilen dieser Ausgabe, um mich vollkommen in Prousts Werk zu verlieren. Ich muss mit dem Lesen etwa gegen 4 Uhr begonnen haben. Als sich mein Blick dann endlich nochmal von diesem Buch löste, um mir eine Verschaufpause dieser einzigartigen intensiven Erfahrung zu geben, war es schon dunkel draussen, es war halb 7. Dieses Buch, insbesondere diese Übersetzung, haben einfach eine magische Wirkung auf den Leser. Die Fülle der Gedanken, die völlige Erschöpfung des Momentes, mir fällt es schwer von einem Überladen zu sprechen. Man schwebt einfach über die Zeilen hinweg, getragen von schönen Erinnerungen und Gefühlen. Wenn man sich einen Moment Zeit lässt, und analysiert, was genau geschrieben steht, so muss man erkennen, dass ein Großteil der Bilder, die dieses Buch hervorruft, durch die eigene Phantasie zustande kommt. Die Informationen sind minimal. Doch ist man einmal im Lesefluss, so scheint eine neue Welt um einen herum zu enstehen, und es baut sich eine atemberaubende Szenerie um den Leser herum auf, in welcher man sich Gefangen sieht, und aus welcher man nicht so schnell wieder ausbrechen möchte.

Für alle Menschen, die sich schon einmal gefragt haben, wie komplex und einfühlsam ihre Mitmenschen die Welt wahrnehmen, und wie viel genauer man selbst noch auf die Schönheit der Dinge achten kann, ist dieses Buch zu empfehlen. Wer sich für Literatur interessiert, der kommt nicht um die Lektüre dieses Buches herum. Ich hoffe, und bin zuversichtlich, dass auch die folgenden Bände des umfassenden Werkes "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", dem Anspruch des ersten Bandes gerecht werden.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für Geniesser, 12. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Sie werden Proust vielleicht nicht auf Anhieb mögen, wenn Sie Bücher mit spannender Handlung, einem handfesten Romanhelden, einem schnellen Erzähltempo und solidem Satzbau bevorzugen - aber ein Versuch lohnt sich!

Sie werden Proust wahrscheinlich mögen, wenn Sie sich auf minutiös genaue, opulente Beschreibungen des Alltäglichen einlassen und sich in langen, langen Sätzen verlieren können, ohne ungeduldig zu werden, denn Proust liest man nicht unbedingt der Handlung wegen, sondern aus Liebe zu seiner Sprache, mit der er aus kleinen Begebenheiten, aus normalen Menschen und deren Alltag eine reiche Welt an Gefühlen und Erinnerungen zu formen vermag, mit der er uns auf jeder Seite aufs Neue verführt und weil er seiner Erzählung - wenn diese auch nicht im eigentlichen Sinne komisch ist -doch immer eine Prise Humor beigibt.

Definitiv lesenswert - nicht, weil man "Proust gelesen haben muss" oder weil er "Weltliteratur" schrieb, sondern weil es unendlich schade wäre, dieses großartige Werk nie gelesen zu haben.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Gipfel der Gattung, 23. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen". So einfach beginnt es. So einfach kann ein Anfang sein. Der Rückblick auf eine bereits vergangene Zeit klingt in diesem ersten Satz bereits an und das Motiv der Zeit selber wird im Wortlaut auch schon genannt. Viele Literaturliebhaber kennen diesen Satz schon, bevor sie sich tiefer mit Proust beschäftigt haben - vom zögerlichen Aufschlagen, vom skeptischen Herumblättern in diesem Vieletausendseitenbuch. Als Einstiegssatz ist es der klassische Leseverführer: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" - Ja, und dann?, fragt sich das lesende Bewusstsein - und schon ist man eingetaucht in einer Welt, die sich - noch bevor es Abend wird - zu einem unendlichen Kosmos ausgeweitet haben wird, in dem kein Bleiben und kein Halten ist und als dessen Versicherung und Gewährsmann einzig der Erzähler bleibt - ein kleiner Junge zu Anfang des Romans - an dessen Mantel sich der orientierungslose Leser festhält wie Dante am Saum des Vergil, als dieser ihn durch die Hölle führt. Nur dass man sich in Prousts A la recherche du temps perdu nicht in der Hölle, sondern wohl eher in den Himmel versetzt findet, so herrlich sind diese Kostbarkeiten der Darstellung, so anmutig die Schilderungen der Figuren, so tief die Erkenntnisse über die menschliche Seele, so leicht die über allem liegende ironische Distanz und so sanft die schwelgende Melancholie über das vergangene Leben.
In Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat die Romankunst unzweifelhaft den Gipfel erklommen. Es ist der grandiose Versuch, das einzulösen, worum es dem Roman als Gattung zu tun war, als er als literarische Form angetreten ist: Das Leben in seiner Totalität darzustellen. Es blieb - dies sei hier angemerkt - nicht der einzige Versuch. Es gab andere Unternehmungen dieser Art zu jener Zeit. Keine davon aber hat den Weg Prousts gewählt: Hier wird tatsächlich der Weg beschritten die menschliche Seele, ihren Bezug zur Welt und zu sich selbst in all ihren Facetten, in ihren Verästelungen, ihrer Verschlungenheit und schließlich in ihrem Gewordensein kompakt und abgeschlossen erzählend zu erfassen. Die Methode Prousts besteht darin, dass Bewusstsein in seiner Selbstvergegenwärtigung, in seiner Erinnerung des eigenen Lebens darzustellen. Symbolisch für diese Darstellung des Selbst als sich erinnerndes Subjekt steht die wohl berühmteste Stelle aus dem Mammutwerk: als der Erzähler seine Madleine in den Tee tunkt und anhand des Geschmackes, der ihn an gleiche Situationen in seiner Kindheit erinnert, ihm der gesamte Kosmos dieser vergangenen Welt aufgeht. Im Wortlaut heißt die Stelle:
"Viele Jahre hat von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. [...] Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man Madeleine nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Musche benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt von etwas Ungewöhnlichen [zwei Seiten ausgelassen]. Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray [...] sobald ich in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen Lindenblütentee getaucht hatte." (S. 63-65)
Diese Stelle über die unfreiwillige Erinnerung ist das Zentrum des ersten Teils (Combray) des ersten Bandes (In Swanns Welt) von den insgesamt sieben Bänden des gesamten Werkes. An dieser unfreiwilligen Erinnerung hängt im ersten Teil die gesamte Darstellung der Welt Combrays, ein Dorf im Norden Frankreichs, wo der Erzähler die Sommer seiner Kindheit verlebt. Prinzipiell aber erweist sich dieser Einbruch der unfreiwilligen Erinnerung als Zentrum des gesamten Werkes. Aus ihm heraus generiert sich der immer fortlaufende Erzählfluss. In unendlichen, kaskadenartigen Sätzen werden die zum Teil skurrilen Figuren dieser Welt und Schönheiten der Natur geschildert. Aber auch hierbei geht es nicht um diese selber, sondern darum, wie der Erzähler sie empfindet, um ihre Wirkung, wie alles in diesem Roman Darstellung von psychischen und emotionalen Innenwelten ist. Bereits im ersten Teil Combray taucht ein mysteriöser Monsieur Swann auf, ein Großbürgerlicher, der in den Pariser Salons in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrt. Ihm gilt im ersten Teil die gesamte Verehrung des jungen Erzählers, welcher Swann im Grunde nur durch die Erzählungen der Eltern wahrnimmt. Den Großteil der Erzählung Combray nimmt dann die Darstellung des dörflichen Alltags im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Die Spaziergänge, die entweder über das eine, oder über das andere Dorf führen und die Ausnahme des Sonntags, an dem das Mittagessen eine Stunde früher eingenommen wird. "Eine Liebe von Swann", der zweite Teil des ersten Bandes spielt zeitlich vor der ersten und behandelt die unglückliche Liebe Swanns zu der leichtlebigen Odette. Swann steht gesellschaftlich weit über dieser jungen Frau, ist ihr aber in unendlicher Liebesqual verhaftet und führt dem staunenden Leser ein weiteres Mal jenes unendliche Rätsel namens Liebe vor Augen, das er selber sicher auch in irgend einer ihrer proteischen Spielarten kennt. Dieser Teil (Eine Liebe von Swann) ist eine geschlossene Erzählung in sich und ist auch als einziger Teil im gesamten Werk in der Er-Erzählform geschrieben. Als Studie über die Formen und Abgründe der Eifersucht mag er so manchem Leser die Wunden geleckt haben
Der letzte Teil des ersten Bandes nennt sich "Ortsnamen. Namen überhaupt". Dieser Teil spielt wiederum in der Kindheit des Erzählers, diesmal allerdings größtenteils in Paris, dem eigentlichen Wohnort der Familie. Ausgehend von der magischen Anziehungskraft von Ortsnamen wie Florenz oder Künstlernamen wie Giotto erlebt der Erzähler in dieser hyper-affizierbaren Befindlichkeit des kindlichen Bewusstseins seine erste Liebe - und zwar zu Gilberte, der Tochter Swanns und - der Leser nimmt dies mit Überraschung und Erstaunen wahr - Odettes, die gegen alle Erwartung offenbar doch ein Paar wurden. Der erste Band schließt mit den Sätzen: Die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre." (564)
Wenn man bis hier gelesen hat, hat man vielleicht das Basislager dieses viereinhalbtausend Seiten Buches erreicht. Zum Gipfel hinaufschauend fragt man sich, welche nachbarschaftlichen Gebirge man wohl von dort oben sichten kann. Welche anderen Romanprojekte wohl noch in diese Höhe wachsen. Es gab, wie bereits bemerkt, zu dieser Zeit auch andere Würfe, die das Versprechen des Romans, die Totalität des Lebens in erzählter Form darzustellen, einzulösen versuchten. In nächster Nähe - und doch vollkommen anders - muss wohl James Joyce Ulysses" genannt werden. Weiter hinten am Horizont taucht Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften auf".
Joyce Totalitätsversuch arbeitet nach einem völlig andern Prinzip als das Prousts. Seine Darstellung von allem in allem besteht gerade nicht in der immer differenzierteren Ausgestaltung und spiralenartigen Umkreisung des immer Gleichen, sondern in der Verdichtung, der Verkürzung, der Verrätselung und damit in der ungeheuren Aufladung eines Verweisungszusammenhangs, der potentiell unendlich ist. Sowohl Proust als auch Joyce lebten in Paris, als sie an ihren Weltromanen schrieben. Ein einziges Mal sind sie sich begegnet. Die Unterhaltung wird in verschiedenen Formen wiedergegeben. Einem Bericht William Carlos Williams zufolge sagte Joyce: "Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen. Meine Augen sind fürchterlich." Proust erwiderte: "Mein armer Magen. Was soll ich nur tun? Ich muss eigentlich gleich wieder gehen." "Mir geht's genauso. Auf wiedersehen". "Charmé", sagte Proust, "ach, mein Magen". Margaret Anderson schreibt, Proust habe gesagt: "Ich bedaure, dass ich Joyce Werk nicht kenne." und Joyce parierte: "Ich habe Proust nie gelesen", womit die Unterhaltung zu Ende gewesen sei. Da haben wir heutigen Leser es besser: Wir können beide wieder und wieder lesen und brauchen auf ihre künstlerischen Eitelkeiten keine Rücksicht zu nehmen.

Thomas Reuter
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Guter Beginn :), 18. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Seit ein paar Monaten habe ich eine Komplettausgabe von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit im Regal stehen; wie man sich denken kann, habe ich sie mir nicht nur gekauft, weil sie dekorativ ist (das ist die Gesamtausgabe allemal), sondern weil ich Prousts Hauptwerk gerne gelesen haben möchte. Die ersten drei Bände kenne ich bereits, doch wird mich dies nicht davon abhalten, diese ebenfalls erneut zu lesen. Mit etwas Glück, schaffe ich die sieben Bände ja vielleicht bis Ende des Jahres.

Unterwegs zu Swann, der erste Teil Prousts siebenteiliger Suche nach der verlorenen Zeit, führt in das Leben des Ich-Erzählers ein und steckt zugleich den Rahmen ab, innerhalb dessen die Romane erzählt werden. Packende Handlungen sucht man hier zunächst vergebens - dies ist jedoch kein Makel. Der Ich-Erzähler berichtet vor allem über die Darstellung seiner Erinnerungen, Emotionen und Sinneseindrücke. Zu Beginn ist er ein junger Heranwachsender, der sich nur langsam in seine Adoleszenz hineinbewegt; sein Vater scheint diese Entwicklung abzusehen und versucht ihn diesbezüglich zu steuern, vermag dies allerdings nur mäßig.

Eine wichtige Rolle spielt Swann, der ein Freund der Familie ist. Der Ich-Erzähler ist von ihm fasziniert und versucht ihn zu imitieren. Die Bedeutung Swanns für den Ich-Erzähler wird zudem durch den zweiten Teil des Romans deutlich, der detailliert das Aufflammen, langsame Abflauen und schlussendliche Scheitern einer Liebes-beziehung Swanns dokumentiert und, deutlicher noch als das erste und letzte Kapitel, die Motive des Romans darstellt. Die Art, wie Swann sich ver- und entliebt, ähnelt zudem der des Ich-Erzählers.

Große Handlungen wird man, wie oben bereits erwähnt, in Unterwegs zu Swann vergeblich suchen, doch ist dies weder die Intention Prousts gewesen, noch die erzählerische Funktion des ersten Bandes. Stattdessen wird in die zentralen Themen des Werkes eingeführt - Erinnerungen und die erzählerische Subjektivität des Erlebens. Zugleich ist Prousts Unterwegs zu Swann von einer solchen sprachlichen Kunstfertigkeit, dass ich mich bereits auf die weiteren Teile freue: Menschen mit einem Interesse an Literatur ist dieses Buch zweifelsohne ans Herz zu legen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderschön, 16. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Unterwegs zu Swann ist in drei Teile gegliedert.

Im ersten Abschnitt begleiten wir den jungen Erzähler durch seine Kindheit im französischen Combray. Er beschreibt mit sehr viel Fantasie und Beobachtunggabe kleine Begebenheiten in seiner Umgebung und vor allem eigene Bewusstseinszustände, die einem trotz der ausgeprägten Liebe zum Detail nie langweilig werden. Denn Proust ist wahrlich mit einem wunderschönen sprachlichen Ausdruck gesegnet. Auch noch so kleine und vermeintlich unbedeutende Details werden mit einer Poesie und Sinnlichkeit beschrieben, dass man als Leser ganz verzaubert ist und sich fühlt, als wäre man in Watte gepackt.

Im zweiten Teil wird die Liebesbeziehung zwischen Swann und der Kurtisane Odette de Crécy beschrieben. Swann ist fasziniert von ihr, weil sie für ihn die Ästhetik der Figuren von Botticelli widerspiegelt. Odette jedoch hält Swann zum Narren, was dieser viel zu spät merkt. Diese sehr ungesunde Beziehung spitzt sich langsam zu, endet jedoch anders, als man es als Leser erwartet hätte. In diesem Abschnitt wird ebenso die Gesellschaft des Fin de Siècle in Frankreich zwar sehr ironisch, aber dennoch liebevoll dargestellt. Nichts ist so, wie es scheint, und am besten sind die Menschen der gehobenen Schicht im Heucheln und Intrigieren.

Im letzten Abschnitt kehren wir zum Erzähler aus dem ersten Teil zurück, der nun einige Jahre älter geworden ist und seine erste Verliebtheit erlebt. Und wir erfahren hier, was aus Swann und Odette geworden ist.

Auch wenn ich mich mit "Wie Proust ihr Leben verändern kann" von Alain de Botton auf dieses Werk eingestimmt habe, so ist mir der Einstieg in die Geschichte nicht immer leicht gefallen. Die langen verschachtelten Sätze fordern schon einiges an Aufmerksamkeit vom Leser, man sollte sich also Zeit und Ruhe nehmen, um dieses Meisterwerk ganz unbeschwert genießen zu können. Hat man sich aber erst einmal an die Ausdrucksweise gewöhnt (man merkt hier erst einmal, wie verkümmert unser Wortschatz heutzutage geworden ist), entwickelt die Sprache ihren ganz eigenen Fluss, dem man schwer widerstehen kann. Proust malt förmlich mit Worten und kreiert dadurch eine unheimlich dichte und sinnliche Atmosphäre, in die man mit allen Sinnen eintauchen kann. Man kann förmlich die Blüten des beschriebenen Weißdornbusches riechen und schmeckt die Madeleine, die beim Erzähler einen Strom aus Kindheitserinnerungen weckt. Proust arbeitet viel mit Motiven und Andeutungen an zukünftige Geschehnisse, die den Leser neugierig machen auf das, was noch kommen mag.

Dieses Buch ist eines der schönsten, die ich je gelesen habe, und kann auch als Anleitung dafür dienen, im Alltag genauer hinzuschauen und die Schönheit der kleinen und einfachen Dinge zu erkennen.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Belle Époque, 18. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Nur wenige Leser schaffen es, die zehn Bände von Marcel Proust Meisterwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wirklich zu lesen. Wer es bis zur Hälfte schafft, nimmt sich vor, die zweite Hälfte irgendwann in Angriff zu nehmen. So kommt es, dass der Band in Swanns Welt unser Bild von Marcel Proust prägt, weil der zumeist wirklich gelesen wird. In ihm wird die Kindheit des Helden, seine Familie, deren Freunde und Bekannte beschrieben. Proust überschüttet uns mit Landschaftsbeschreibungen und Details, als gebe es nur das Jetzt, kein Morgen mehr. Eine Oase, eine Idylle, die einen Korb von kindlichen Beobachtungen ausschüttet, und einem sofort einen behäbigeren Rhythmus beim Lesen als gewohnt auferlegt. Proust schafft es, einem nicht nur die Zeit nahe zu bringen, in der seine Geschichte spielt, es gelingt ihm auch, dem Leser die Frage nach der Zeit selbst zu stellen. Was haben wir verloren? Wie hektisch sind die Zeiten jetzt? Natürlich liest sich dies alles aus einer großbürgerlichen Sicht heraus. Zola hätte Proust Geschichte vollkommen anders dargestellt Trotzdem zieht sie einen in seine Sicht der verlorenen Dinge hinein, in der Umstürze sich höchstens in kleineren oder größeren Skandalen äußert. Es scheint am Vorabend jeden Krieges, Umbruchs so, als könne der eigenen Welt nicht Schlimmeres geschehen, als dass man sich für die falsche Garderobe entscheidet, als nicht kultiviert genug erscheint.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Ich biege in eine Straße ein … aber … in eine meines Herzens“, 19. Mai 2013
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Der erste Band ist in drei Teile geteilt: 1. Combray, 2. Eine Liebe Swanns; 3. Namen und Orte: Namen.
Der Protagonist erinnert sich an seine Kindheit und an den Ort Combray, wo er mit den Eltern jeden Sommer verbrachte, aber auch an die verliebte Liebe, die Charles Swann für Odette empfindet. Im dritten Teil dann beginnt die Liebe zwischen dem Ich-Erzähler und Gilberte, der Tochter von Charles Swann und Odette, Konturen anzunehmen. Bereits im ersten Band ist der Aufbau des Gesamtwerks ersichtlich, das aus Erinnerungen und detaillierten Beschreibungen von Außen- und Innenwelt, von punktuellen Ereignissen und Details in der Landschaft bestehen. Gefühlnuancen werden seitenlang detailliert beschrieben aber auch bereits abstrakte Themen, wie die Vorteile des Lesens, die Kraft der Bilder, die Bedeutung der Musik und allgemeine Überlegungen hinsichtlich Glaube, Zufall und Beziehung.

Zum besseren Verständnis erfolgt in der Folge die Rezension zum Gesamtwerk:

Proust zu lesen bedeutet eine Welt zu betreten, deren Luft so dünn wird, dass man das Gefühl hat, in eine eigene sterile, saubere Geisteswelt einzutauchen. In diesem Roman kommen nur die subtilsten, „saubersten“ Gedanken vor. Es gibt nur Geist, keine Erde. Die Keime, die wahrgenommen werden, strahlen ausschließlich aus dem Gewissen aus. In diesem Roman geschieht nichts ruckartiges, die „Action“ findet im Inneren des Protagonisten statt, die äußeren Ereignisse lösen eine Lawine an Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen und Überlegungen aus, die der Autor meisterhaft in allen Details darlegt.
14 Jahre hat Proust an diesem 7-Bändigen Werk gearbeitet, immer wieder Änderungen und Korrekturen vorgenommen. Von schwächlicher Gesundheit, aber reich, konnte sich Proust ein Leben lang mit Kunst und Kultur befassen und in Kontakt mit Persönlichkeiten aus den höchsten Bildungs- und Aristokratiekreise treten.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Werke. Frankfurter Ausgabe: 7 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch) ist ein grandioses Werk, das allgemein von Zeit, Erinnerung, Liebe, Eifersucht und bürgerlichem, aristokratischen Leben in der Zeit der Belle Epoque in Frankreich erzählt. Als Bildungsroman breitet sich die bürgerliche Welt des 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Greifen nahe vor dem Leser aus, manche der zahlreichen Protagonisten, wie dem Ich-Erzähler oder Odette und Madame de Guermantes wird man nie wieder vergessen können. Minutiös werden sämtliche Landschaften beschrieben, Proust schreibt seitenlang nur über Sträucher und Blumen zum Beispiel, die er in einem Park sieht und zwei Bücher später tauchen dieselben Sträucher und Blumen wieder in seiner Erinnerung auf. Die Stärke von Proust Romans liegt aber nicht so sehr in der Beschreibung der äußeren Ereignisse und der materiellen Welt, sondern viel eher in der stilistisch und inhaltlich brillanten Beobachtung und minutiösen, bis ins letzte Detail ausgefeilten Beschreibung von Bewusstseinszuständen, Gefühlen und Gedanken, welche sich so in die Länge und Breite ziehen, dass die Zeit ausgedehnt wird und darin keine Chronologie, keine Messung mehr möglich ist. Am Ende der Lektüre wird man gewahr, wie unmerklich die Zeit vergangen ist.

Ich persönlich hatte das Gefühl, ins Innere, in die Gedanken- und Gefühlswelt vom Ich-Erzähler zu treten, als würde ich mit seinen Augen und seinen Gefühlen alles erleben, aber noch mehr, als würde ich in einem in jeglicher Hinsicht ausgedehnten Geist schweben, um aber immer wieder doch diese Art von punktueller Realität zu erleben und zwar immer dann, wenn der Protagonist, meistens durch andere Menschen und sich in Gesellschaft begebend, auf den Boden der Tatsachen katapultiert wird und die Mauer zwischen seinem Inneren und der Außenwelt dadurch durchbrochen wird.

Ein einzelner, bestimmter Bewusstseinszustand wird in diesem Werk oft auf mehr als zweihundert Seiten beschrieben und analysiert. Den zerhackten Assoziationsfluss, der uns heutzutage von einem Thema zum anderen springen lässt und unsere Gedanken infiziert, gibt es in diesem Buch nicht; ein Gedanke wird nicht nur zu Ende gedacht, sondern von allen, einem Menschen möglichen Blickwinkeln betrachtet und gefühlsmäßig erfasst, in seiner Oberfläche und seiner Tiefe. Ein Gedanke wird mit den Sinnen erfasst, mit dem Körper, mit dem Geist und Proust spielt fast damit, setzt diesen Gedanken mit anderen Gedanken in Bezug, mit der Welt, mit der Realität, mit der Phantasie. In Prousts Werk einzutauchen, sich darauf einzulassen zahlt sich schon deshalb aus, weil man am Ende das Gefühl hat, den eigenen Geist bereichert, das eigene Leben um eine wichtige Dimension erweitert und vertieft zu haben.

Die Gabe Prousts besteht darin, dem Leser vor Augen zu führen, wie man sich bei Ausführung bestimmter Tätigkeiten, beim Denken bestimmter Gedanken fühlt; die Beschreibungen darüber sind dermaßen ausführlich und doch sensibel und leicht nachvollziehbar, dass sämtliche Geisteswissenschaftler von ihm noch etwas lernen könnten.

Ein großer Teil des Romans untersucht das Phänomen der Liebe, der verliebten erwiderten und unerwiderten Liebe, der Leidenschaften, die Menschen füreinander empfinden. Proust wird nie ausfällig oder grob, alle leid- und freudvollen Regungen, selbst die stärksten und intensivsten, die negativsten und positivsten, werden auf sublime, geistreiche Art beschrieben. Darin liegt auch eine große Stärke des Autors, Gegenstände und materielle Manifestationen davon, ausschließlich mit seinem feinen Geist zu erfassen und zu beschreiben. Proust würde nie das Wort „Sex“ benützen, nicht einmal „Geschlechtsverkehr“ oder „küssen“, diese Tätigkeiten kommen alle im Buch vor, werden aber ganz anders beschrieben, seitenweise von Gedanken und Gefühlen geschmückt, so dass die Tätigkeit an sich ein kleiner Punkt inmitten eines großen Ozeans an Innerlichkeit bleibt. Und dies verhält sich mit allen äußeren Tätigkeiten und gesehenen Gegenständen und Landschaften auf die gleiche Weise. Proust lässt jemanden etwas sehen, berühren, sagen oder hören und bettet dies in einem großen Ganzen ein, so dass sich das Gesehene, Berührte, Gehörte und Gefühlte in einem breiten Raum im „Gehirn“ verliert und mehr noch, im Geiste sublimiert wird.
Proust gelingt außerdem eine genaue Interpretation und Darlegung des Phänomens der Erinnerung.

Die Übersetzung ins Deutsche durch Eva Rechel-Mertens und Luzius Keller ist sehr gut gelungen, ich fragte mich ständig, wie es jemand schaffen konnte, dieses Werk zu übersetzen und jene inneren Regungen und Bewusstseinszustände so meisterhaft in eine anderen Sprache zu übertragen.

Mich interessierten am meisten die philosophischen Passagen, derer es viele gibt und in meisterhaftem Stil von Proust zur Sprache gebracht wurden. Im Folgenden eine kleine Kostprobe aus diesem Band:

Was ich den Zeitungen vorwerfe, ist, dass sie uns alle Tage auf unbedeutende Dinge aufmerksam machen, während wir drei oder viermal in unserem Leben die Bücher lesen, in denen Wesentliches steht. In dem Augenblick, wo wir jeden Morgen fieberhaft die Zeitung auseinanderfalten, sollte eine Vertauschung der Dinge stattfinden und in der Zeitung sollten, ich weiß nicht was, die … Pensées von Pascal stehen!

Und war nicht die Welt meiner Gedanken selbst eine Art Krippe, ein Raum, in dessen Tiefe ich sogar auch dann geborgen blieb, wenn ich einen Blick auf die Dinge warf, die sich draußen zutrugen? Sobald ich einen Gegenstand außerhalb meiner wahrnahm, stellte sich das Bewusstsein, dass ich ihn sah, trennend zwischen mich und ihn, umgab ihn mit einer geistigen Schicht, die mich hinderte, jemals unmittelbar seine Substanz zu berühren.

Auf der Art von Schirm, wo, während ich las, bunt schillernd die von meinem Bewusstsein gleichzeitig entfalteten Zustände erschienen, angefangen bei den geheimsten, in meinem Inneren verborgenen Sehnsüchten bis hin zu der rein äußerlich wahrgenommenen Aussicht auf den Garten, den ich vor Augen hatte, bildeten – ganz gleich, welches Buch es gerade war – mein Glaube an den philosophischen Gehalt und die Schönheit des Buches, das ich las, sowie mein Verlangen, mir diese zu eigen zu machen, den unmittelbar vorgegebenen, tiefen Grundton, den ständig bewegten, alles regulierenden Hebel.

Unser Glaube, dass jemand an einem unbekannten Leben teilhat, in das seine Liebe uns mit hineintragen würde, ist unter allem, was die Liebe zu ihrer Entstehung braucht, das Bedeutungsvollste, demgegenüber alles andere nur noch wenig ins Gewicht fallen kann.

Zu anderen Malen aber begann der Regen zu fallen, den uns der kleine Kapuzenmann im Schaufenster des Optikers schon vorausgesagt hatte; wie Zugvögel, die gemeinsam den Abflug unternehmen, stürzten die Tropfen dicht gedrängt zusammen vom Himmel herab. Sie trennen sich nicht, sie weichen auf ihrem raschen Durchzug nicht vom Weg ab, sondern jeder bleibt an seinem Platz und zieht den folgenden hinter sich her, so dass der Himmel verdunkelter ist als beim Aufbruch der Schwalben. Wir flüchteten in den Wald. Als ihre Reise beendet schien, kamen noch ein paar Schwächere, Säumige hinterher. Wir aber verließen wieder unseren Unterschlupft, denn es gefiel den Tropfen im Laub, und der Boden war schon wieder fast trocken, als noch der eine oder der andere sich im Spiel auf den Rippen eines Blattes verweilte, an der Spitze hängen blieb, sich dort ausruhte, in der Sonne funkelte, um sich dann plötzlich von der ganzen Höhe des Zweiges heruntergleiten zu lassen, und uns auf die Nase fiel.
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5.0 von 5 Sternen Proust, 23. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Ist einfach ein sehr gutes Buch, die überarbeitete Übersetzung finde ich auch sehr gut.
Außerdem ist in diesem Band die berühmte Madeleines-Szene.
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Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann.  Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
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