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Das Buch war mein erster Sloterdijk, und so fand ich die Lektüre ziemlich gewöhnungsbedürftig, ja herausfordernd. Sloterdijk schreibt ja in einem Essaystil. Er arbeitet viel mit Wort- und Gedankenspielen, jongliert mit historischen Vergleichen und Aussagen früherer Philosophen. Für den, der den ausreichenden intellektuellen Hintergrund dafür hat, sicher ein Hochgenuss - für alle anderen (wie mich) : nun ja, etwas herausfordernd...

Aber wer die Lektüre durchhält, der wird auch belohnt. Es gibt nämlich durchaus Kapitel und Stellen, die (zumindest für mich) richtig packend sind, wo Sloterdijk in seiner ihm eigenen intellektuellen Schärfe Probleme unserer heutigen Zivilisationsgesellschaft benennt und auf den Punkt bringt. Für mich war z.B. Kapitel 3 so eine Passage, welches sich "Dieser beunruhigende Überschuss an Wirklichkeit" nennt. Da geht es also um die Feststellung, "dass die Summe der Freisetzungen von Energien in Zivilisationsprozessen regelmäßig die Leistungsfähigkeit kultivierender Bindekräfte übersteigt." Einfacher ausgedrückt könnte man es vielleicht auch so sagen: Unsere heutige Zivilisation produziert von allem zu viel, und dieser Überfluss könnte ihren Niedergang bedeuten. Sloterdijk nennt hierfür 25 Beispiele, von denen ich nur ein paar aufzählen möchte:

- Es werden in aller Welt viel mehr Wünsche nach Objekten des Konsums und des Genießens stimuliert, als durch real erarbeitete Güter bedient
werden können
- Es werden mehr Fahrten angetreten, mehr Transfers durchgeführt, als durch Vorkehrungen zur Kollissionsvermeidung schadlos abzuwickeln sind
- Es werden ständig mehr einklagbare Rechte von Inhabern formal gültiger Ansprüche geltend gemacht, als sich durch Prozesse vor bestehenden Gerichten bestätigen lassen
- Es werden ständig mehr Krankheiten entdeckt, beschrieben und diagnostiziert, als je durch bestehende Einrichtungen behandelt werden können
- Es werden ständig mehr Kunstwerke auf den Markt gebracht, als jemals durch Kennerschaft, Sammlungen und kunstwissenschaftliche Resümees gewürdigt werden können
- Es werden im aktuellen Kulturbetrieb ständig mehr Kandidaten auf Prominenz mit entsprechenden Wahrnehmungsprivilegien produziert, als durch die vorhandenen Aufmerksamkeitskapitale honoriert werden können
- Es werden von Schuldnern (namentlich Regierungen) stets mehr Kredite aufgenommen, als sich jemals mit Rückzahlungsabsichten rechtfertigen lassen
- Es werden viel mehr Abfälle aus konsumorientierten Lebensformen generiert, als sich auf absehbare Zeit in Recycling-Prozessen resorbieren lassen.

Doch was folgt nun aus diesem "Zuviel von allem"? Sloterdijk nennt unsere Zivilisation das "Zeitalter der Nebenwirkungen". Mit dem Ausdruck Nebenwirkung meint er also die Tatsache, dass die bewusst herbeigeführten Effekte von Unternehmungen und Innovation zu einen nicht beabsichtigten, ausufernden, und vor allem nicht mehr zu beherrschenden Konsumexzess geführt haben.

Und dies hat Konsequenzen für den modernen Staat. Dieser muss zur Einhegung der beschriebenen, entfesselten Nebenwirkungen von einer Gestaltungs- zu einer Kompensationspolitik übergehen. Sloterdijk schreibt: "War die Moderne das Zeitalter der Projekte, erweist sich die Postmoderne als das Zeitalter der Reparaturen. Größere Politik scheint nur noch als ausgeweiteter Pannendienst möglich - als defensives Hinterher-Regieren nach Zwischenfällen und Notständen" So wie Sloterdijk es beschreibt, dürften wohl die meisten Politik heutzutage empfinden, deshalb ist seiner treffenden Beschreibung von mir als Rezensent nichts mehr hinzu zu fügen.
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"Nach uns die Sintflut!" Dieses sprichwörtlich gewordene Bonmot der Madame de Pompadour steht leitmotivisch gleich am Beginn des neuen Buches von Peter Sloterdijk, welches mit "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" einen gewohnt Neugier erweckenden Titel verpasst bekommen hat. Nichts weniger als einen Paradigmenwechsel habe das Lieblingsflittchen König Ludwigs XV. dort formuliert, so Sloterdijk. Verabschiedet habe man sich hier vom urmenschlichen Prinzip, Sitten, Gebräuche, Institutionen und Machtkonstellationen tradieren zu wollen; nicht das Festhalten am Gewohnten, sondern das Nach-vorne-stürzen ins Unbekannte verbunden mit dem Abfackeln aller Brücken, die einen Weg zurück zumindest noch ermöglichen würden, sei, so die These der Darstellung, ein immer wieder und extremer werdendes Verhaltensmuster der Spezie Mensch. Dies habe der Welt eine große Anzahl eben jener schrecklichen Kinder beschert, mit deren Denken und Handeln, beginnend mit den Jakobinern, die mit der Ermordung des Königs das Paradebeispiel einer Traditionsvernichtung lieferten, über Napoleon und Lenin bis hin zur Konferenz von Bretton Woods 1944, uns Sloterdijk gewohnt kurzweilig und mit sprachlichem Elan vertraut macht und dabei stets mit einer Mischung aus Unglaube, Verwunderung und düsteren Gedanken auf die risikobesessene Alles-oder-Nicht-Strategie dieser Traditionsvernichter schaut.

Doch dabei belässt es Sloterdijk natürlich nicht. Richtig stark wird er, wenn er generalisierend, sich immer wieder auf seine Heroen wie Nietzsche oder Heidegger berufend, seine Betrachtungen zum Anlass nimmt, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu kommentieren. Wenn Sloterdijk über seine schrecklichen Kinder schreibt: "Wenn die Anreger, Exekutoren und Interpreten der Blutbäder immerzu von Freiheit und Gleichheit, von Eigentum und Fortschritt, von Menschenrecht, Verfassung und Herrschaft der Vernunft reden, ja, wenn sie uns alle mit ihren Ansprachen momenthaft begeistern, so beweist dies nur, daß sie den Rhetorikunterricht des Teufels mit Erfolg besucht haben" (59), so drängen sich Vergleiche mit gleich mehreren Personen des zeitgenössischen öffentlichen Lebens geradezu auf. Besonders erhellend ist auch seine Interpretation von Heideggers Maxime, dass das "Dasein" von einem "Vorlaufen" in den Tod mit anschließender Rückkehr ins Diesseits gekennzeichnet sei: "[I]ns Massengrab gestürzt und dank eines unbegreiflichen Zufalls aus ihm zurückgekehrt zu sein, "zurück" in ein vorgeblich ziviles Leben. [.....] Das Sein-zum-Massengrab ist der aktuelle Maßstab abendländischen Heroismus" (145). Wie leicht lassen sich mit dieser Metapher so viele vergangene und aktuelle Entwicklungen verständliche machen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele von Sloterdijks Streifzug durch die abendländische Philosophie- und Kulturgeschichte, die kaum ein anderer zeitgenössischer Autor mit so viel Lust an der sprachlichen Ausgestaltung, aber auch der Lust an der Provokation verbindet. Die Massenvergewaltigungen im Rahmen der katholischen Kirche bezeichnet er als das logische Resultat des "von Paulus und Augistinus vorgeprägte[n] sexualneurotische[n] Erbe[s] des Christentums" (303). Und auch über Frauenquote und den Hype um postkoloniale Identitäten hält er mit seiner dezidierten Meinung nicht hinterm Berg.

Fazit: Ist dies ein düsteres Buch, ein Abgesang auf Hoffnung, Zukunft und den naiven Glauben des Menschen, er habe sein Schicksal selbst in der Hand? Man kann in der Tat zu dem Schluss kommen, dass die Tendenz zum fatalistischen Nach-vorne-stürzen in einem sich immer mehr vernetzenden und beschleunigenden Zeitalter eine kaum mehr zu kontrollierende Konstante darstellt, die das Potential hat, uns alle mit den Abgrund zu ziehen. Es macht einen Unterschied, ob der Stürzende lediglich eine Guillotine oder ein ganzes Arsenal an Vernichtungswaffen zur Verfügung hat. Wie immer man zu seinen Thesen, seiner Sprache oder seinem oftmals assoziierenden Schreibstil auch stehen mag: Sloterdijk ist einer der wichtigsten Analysten unserer Gegenwart und es ist immer wieder eine Freude, sich in seine Bücher zu vertiefen und sich somit unterhalten, erhellen und provozieren zu lassen.
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Wir befinden uns zivilisationsgeschichtlich gesehen im Delta, so der Autor; dort wo Zivilisationsströme, die sich einst aus – jeder nach seiner Art - quicklebendig dahin sprudelnden Bächen und Flüssen speisten, zu behäbig auslaufenden Gewässern werden, Sumpflandschaften entstehen lassen, bevor sie ganz im konturlosen ozeanischen Einerlei aufgehen - eine „Vermassung“ der Menschheit, die schon Goethe, Max Weber, Gustav Le Bon voraussagten.

Es hätte „anti-genealogische“ Ansätze bereits in der griech.-röm. Antike gegeben. Den ersten entscheidenden Kultur- und traditionsübergreifenden Input lieferte aus Sicht des Autors jedoch das Christentum. Es stellte zum Einen alles Althergebrachte radikal auf den ethisch-moralischen Prüfstand und war zum Anderen universalistisch ausgerichtet. Jeder war eingeladen zu einem neuen Leben - frei von den Ansprüchen und Erwartungen der Herkunftsgesellschaft bzw. -kultur, einzig Gott und dem eigenen Gewissen verpflichtet. Doch erstarrte dieser Aufbruch bald wiederum in Traditionalismus und durch die konkrete religiöse Ausformung waren dem Vermögen, immer größere Teile der Menschheit einzubinden, Grenzen gesetzt. Das änderte sich erst mit der Aufklärung, die schließlich in der Französischen Revolution gipfelte.

Diese sieht Sloterdijk merkwürdiger Weise weniger als Folge untragbarer sozialer Verhältnisse an, als – wenn auch in vielem sehr fragwürdigen - Versuch, eine menschenwürdigere Gesellschaft zu erschaffen, denn als eine Art geistig-kultureller Intifada; vorrangig motiviert von dem Verlangen, sich von allen althergebrachten Bindungen befreien zu wollen. Die katholische Kirche, so der Autor, hätte die Jahrhunderte hindurch die Erbsündenlehre des Augustinus transferierte. In dieser käme zwar unzweifelhaft Richtiges zum Ausdruck (Wir sind immer auch Fortsetzung unserer Vorfahren und zu deren Erbe gehört, dass wir „nicht nicht sündigen können“), doch bewährt durch Himmel und Hölle, eine Erlösung, die nur ganz wenigen Auserwählten vorbehalten sei und einer der vielen harrende Verdammnis, sei diese existenzielle Wahrheit so negativ überfrachtet wurden, dass man schließlich das Kind mit dem Bade ausschüttete und den radikalen Neuanfang, unbelastet von allem Überkommenen suchte.

Sloterdijks Wiedergabe bzw. Deutung des Augustinus ist natürlich Unsinn und schon gar nicht findet dergleichen Rückhalt in neutestamentlicher Lehre. „Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden.“, heißt es dort. Doch kann man nicht leugnen, dass Missverständnisse dieser Art phasenweise tatsächlich weite Verbreitung fanden und sicherlich auch zu Triebfedern der Aufklärung wurden.

Ganz so radikal war der Bruch denn aber doch nicht. Die wenigsten Aufklärer kehrten der Religion ihrer Vorväter vollständig den Rücken, das Volk schon gar nicht. Doch hinterfragte, relativierte und selektierte man nun stärker. Vieles, was ursprünglich christlich war, so auch Sloterdijk, lebte fortan in säkularisierter Fassung fort. Aus der Gottesebenbildlichkeit leitete man die unveräußerliche Menschenwürde ab, die es durch grundlegende Rechte abzusichern galt. Der missionarische Impetus, der Anspruch auf universelle Gültigkeit blieb dabei erhalten.

Doch wohnt einem Minimalkonsens, wie ihn die Menschenrechte darstellen, keinerlei kulturstiftende Kraft inne. Sie schützen das Individuum vor den Übergriffen anderer Individuen; sagen ihm, was er um der anderen willen zu lassen, nicht aber, was er ihnen zu Gute zu tun habe. Dass dies ein Dasein legitimieren würde, das nichts anderem als den eigenen Bedürfnissen verpflichtet ist, was letztlich nur in einen immer weiter um sich greifenden Verfallsprozess münden könne, war ein Kritikpunkt, den die letzten großen Bastionen des Traditionalismus stets äußerten. Die katholische Kirche konnte sich letztlich nur zu einer Versöhnung mit der Menschenrechtsidee durchringen, weil sie ihr nach wie vor wirkungsvoll die MenschenPFLICHTsidee zur Seite stellen kann.

Mit der Französischen Revolution greift die Entropie vor der Zeit auf das Menschentum über. Analog zur Thermodynamik formuliert Sloterdijk seinen „zivilisationsdynamische Hauptsatz“, der da lautet: „Im Weltprozess nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung wieder gebunden werden können.“

Was er dann an „Untersätzen“ auflistet, überzeugt freilich nur teilweise. Dass die Summe erotischer Triebwünsche die Möglichkeiten ihrer Befriedigung übersteigt, die Aufstiegshoffnungen und -erwartungen die Zugänglichkeit zu den gesellschaftlichen Eliten, das Warenangebot die Kaufkraft der meisten Menschen, die Krankheiten, die Mittel diese zu lindern oder zu heilen etc. sind sicher nicht unbedingt Alleinstellungsmerkmale von Moderne oder Postmoderne. Eher schon das Faktum, dass mehr Schulden aufgetürmt werden, als jemals getilgt werden können, oder dass beständig mehr Müll geschaffen wird, als jemals recycelt werden kann.

Es lässt sich kaum leugnen – unter dem Schutzschirm aufgeklärter Humanität kann sich auch all das bestens ausbreiten, was zivilisationszersetzendes Potenzial hat: kapitalistische Gier, Raubbau an den natürlichen Ressourcen, (a-)soziales Monaden- und Nomadentum, ein übersättigender Konsumismus uvam. Kulturelle Strukturen, die geeignet sind, die degenerativen Kräfte im Menschen einzuhegen oder gar zu transformieren, werden immer brüchiger. Solidarische Netzwerke, die Menschen in Strukturen wechselseitiger Fürsorge, Verantwortung, Unterstützung einbinden, lösten sich mehr und mehr auf. Die Staaten, die dies ersetzen sollen, sind damit zunehmend überfordert. Familien werden immer instabiler, nicht zuletzt zulasten der Kinder. So man denn noch Kinder hat – die demografischen Schwergewichtsverschiebungen und Einbrüche, die die Menschheit spätestens zum Ende diesen Jahrhunderts hin erwarten, stellen wahrscheinlich die größte Herausforderung überhaupt dar.

Sloterdijk schildert verschiedene Stationen der „Geschichte dieser Drift ins Bodenlose“ und zieht hier verschiedene historische Ereignisse, Figuren oder geistige Größen heran. Von Jeanne-Antoinette Poisson alias Madame de Pompadour, die mit ihrem „Après nous le déluge“ in einem launischen Moment dem Wesensgehalt des Neuen Zeitalters bis heute gültigen Ausdruck verliehen hätte, bis zu Maria-Letizia Ramolino, der Mutter Napoleons, deren "Pourvu que ça dure!" auch Untertitel von Sloterdijks Buch hätte werden können.

Vom Marquis de Sade, dessen Dolmancé in „Philosophie im Boudoir“ in der Gegenwart der 15-jährigen Eugénie, deren Mutter mit sadistischer Wollust die Vagina zunäht bis zu Samuel Beckets „Warten auf Godot“, in dem man vom Pferde herab geradewegs in die Grube gebärt. Für Sloterdijk beides literarische Träume in denen sich die Verachtung gegenüber der Idee generationenübergreifender Verbundenheit und Kontinuität, die sich zu dieser Zeit bereits tief ins kollektive Unbewusste eingefressen hatte, Ausdruck verschaffen. Von Max Stirners Solipsismus bis zu Nietzsches armseligen „letzten Menschen“. Von der französischen, über die russische zur angloamerikanisch-neoliberalen Revolution.

Man kann vieles an Sloterdijks Buch kritisieren. Als Christ wird man sich an seinen unbeholfenen theologischen Einlassungen stoßen, als Ökonom an seinen stümperhaften Wirtschaftsanalysen, humanistische Kreise an seinem mangelhaften Sinn für humanitäre Errungenschaften, Linke an seiner fehlenden Sensibilität für Fragen sozialer Gerechtigkeit, Historiker an seinem einseitigen Geschichtsbild, Kollegen aus seiner eigenen Zunft an seiner lässigen Deutung mancher Philosophen, Politiker über seine Unkenntnis all dessen, was bereits längst erkannt, bedacht und in Programmen und Maßnahmen berücksichtigt ist. Wer ihn allerdings wie TAZ und SPIEGEL als ewig gestrigen Kulturpessimisten, als „Reaktionär“ und „Ultra-Konservativen“ in Bausch und Bogen verdammt und inhaltlich weg bügelt, hat ihn höchstwahrscheinlich nicht verstanden.

Sloterdijk geht es nicht um (konservative) Werte, sondern um Formen; nicht um Inhalte, sondern um Strukturen. Nachhaltige Entwicklung – das ist sein unterschwelliges Diktum – vollzieht sich als Evolution, nicht in Form immer neuer Revolutionen. Die Natur, zu der auch der Mensch gehört, kennt keine Entwicklungssprünge. Wo immer Sprünge auftauchen – zer-springt etwas. Destruktion und Disfunktion - Hiatūs, Beben, schreckliche Mutanten sind die Folge.

Sloterdijk plädiert für einen Blick auf das Dauerhafte, auf das, was sich im Laufe der Menscheitsentwicklung bewährt hat. Es bildet den Rahmen, für das, was als Fortschritt in einer nachhaltigen und konstruktiven Weise verwirklicht werden kann. Mag sein, dass man auch den Rahmen da und dort umgestalten und erweitern kann, doch dann nur in einem solchen Maße, dass auch eventuelle negative Konsequenzen reversibel bleiben. Bei all dem setzt er nicht auf neue Diktate und traditionelle Zwänge, sondern auf die sanfte Macht der Vernunft, auf die Einsicht der Frei-willigen. Das ist nicht der schlechteste Ansatz für jemanden, der selbst „nach Hegel und Deleuze existiert“, der selbst vom Scheitel bis zur Sohle ein „schreckliches Kind der Neuzeit“ ist.
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am 6. August 2014
Die meisten der hier versammelten Rezensionen sind deutlich über dem (erschütternden, wenn man die Presse noch erst nähme) miserablen Niveau von TAZ und SPIEGEL, mit Ausnahme von zwei unterirdischen Kommentaren, die das Scheitern des Geschichtsunterrichts schon im Minimalen (Was ist Moderne? Was ist Neuzeit?) überplakativ offenbaren. Ich kann hier nun keine profunde Bewertung oder gar Besprechung abliefern, da ich das Buch in 2 Tagen gelesen habe UND weiß, dass ich es noch gut zwei (oder drei oder 4) Mal lesen müsste. Aber soviel Zeit ist nicht in der Post-Postmoderne. Man muss was sagen und das möglichst rasch.

Ich vergebe 4 Sterne für das neue Buch von PS (trotz vehementer Kritik unten),weil Sloterdijk eines immer noch sehr gut kann: Er regt an, Bildungslücken zu füllen, die gerade er en masse und doch en passent immer wieder auf das schmerzlichste aufzeigt. Er weist auf tausend Wege, die intellektuell auszuleuchten wären. Auch führen seine wahrlich lawinösen sprachlichen und mentalen Verknüpfungen alles nur Erdenklichen mitunter zu überaus erstaunlichen Einsichten. Diese voraussetzungslose Beschau der scheinbar (?) disparatesten Dinge, ist ja Grundwesen des Philosophierens. Wie wohl sie auch ihre Tücken hat. Manchmal ist Disparates eben: disparat. Nicht zuletzt - auch wenn das freilich Geschmackssache ist - ist Sloterdijk ein meisterhafter Stilist, den zu lesen eine beständige Gratwanderung ist zwischen Genuss und Ärgernis. Man hört ihm zu, ist manchmal auch verstimmt, aber stets im Ganzen bereichert. Natürlich ermüden seine Rede oftmals, auch seine wirklich gewaltige Neologorrhö. Trotzdem beherrscht er das alles ganz erstaunlich. Seine Neuschöpfungen finde ich (fast) immer gelungen. Und es ist eben lohnend, das Buch zu lesen.

Wer aber nach wirklich fassbaren Antworten sucht, wird meines Erachtens doch sehr nachdrücklich alleine gelassen. Das ist umso ärgerlicher, als die Zeit nach Antworten schreit. Ich muss sagen, dass mich die Frage, was der Fall ist, sehr umtreibt, und deshalb greife ich nach jedem (hier irrlichternd-phosphoriszierenden) Strohhalm. Der Fall meint: Das Jetzt. Das Jetzt verstanden als diesen rätselhaften Aufenthaltsraum (mit Schleudersitz), der sich seit zumindest 1789 auftut. Was zum Henker ist diese verdammte Moderne? Simpel gesagt: Was geht da nun eigentlich ab? Nicht im schnöden Sinn, im wutbürgerlich, sondern im umfassendsten. Was ist der Fall mit uns schrecklichen Kindern in dieser schrecklichen und doch so bequemen Zeit? Was hat es mit den Letzten Menschen am Ende der Geschichte? Hat irgendjemand eine Antwort, die trägt? Kann man anders in dieser Zeit stehen als unter einem Heer aus Fragezeichen, friedlichen, konfortablen, die einen aber zermalmen, wenn man nicht aufpasst? Kann man anschließen? An was? Ist es erträglich in der Umwertungswelt der Werte, die alles entwertet - sogar das Papiergeld, das ab ovo schon wertfrei gestartet ist?

Sloterdijk entfaltet, was natürlich an seinem "Beruf" liegt, sämtliche Erklärungen auf einer rein geistesgeschichtlichen Ebene. Mit der wesentlichen Ausnahme natürlich der Bezugnahme auf das biologisch-soziale Faktum des genealogischen Abbruchs. Das ist ja auch der Kerngedanke des Buches: Moderne/Neuzeit (tw. nicht unterschieden) ist der Hiatus, der den Menschen der ererbten Tradition einerseits vom Vorfahren- und Vorgeschichte-losen homo novus der reinen Hier-und-Jetzt-Orientierung andererseits trennt. Dieser Menschentypus ist seit der Antike schon verbürgt, wird aber in der eigentlichen Moderne virluent.

Dieser Befund mag ja sehr erhellend sein. Ebenso die Bezugnahmen auf Phänomene, die damit verbunden sind oder diesen vorlaufen (Illegitimität im familiaren Sinn; Subjektivierung durch das Christentum etc). Nur: Die eigentliche Frage ist ja mE nicht, wie sich Dinge im Mentalen ändern sondern wodurch (dh. durch welche äußeren, nicht-mentalen Einflüsse) diese Änderungen bewirkt sind. Die Figur des illegitimen Sohnes mag an sich spannend sein und manches erklären, sie reicht aber nicht aus. Sie sagt eben nicht, warum es gerade die Illegitimen (die "Bastarde") in EUROPA waren, die modern wurden - und nicht in Afrika oder Asien etc.

Die Neuzeit und die Moderne und die Postmoderne sind allsamt europäische "Erfindungen" - sie sind nun global bekannt und wirksam, aber es geht eben darum, WARUM sie in Europa und wie und wodurch enstanden sind. Was hilft das Räsonnieren über "bastardische" Helden und Künstler und später Unternehmer, wenn nicht klar wird, was diese Bastarde von all den anderen andernorts unterscheidet. Warum denn gab es diese vielen Illegitimen überhaupt? Meine Kritik ist also, dass die Suche nach Fragen nicht tief geht. Sie geht wohl (zeitlich - zu Recht!) weit zurück und sie geht in unsägliche Flächen, aber sie ist doch letztlich nur ein flacher Befund und nicht mehr. Sloterdijk führt hier eine Maschinerie der gelehrten Assoziationen ins Feld, die wunderbar abläuft, sich zu anmutigen Spreizungen hochstelzt und ästhetisch anspricht - die sich aber zugleich im Ergebnis selbst verpufft ohne qualifizierte Antworten oder Vor-Antworten zu liefern.

Wahrscheinlich offenbart sich hier erneut das Elend der Philosophie in der Moderne: Denken alleine reicht eben nicht aus, um genuine Erkenntnisse zu bergen. Es hat leider seinen Grund, warum Philosophie ins Abseits gedrängt wurde. Erklärungswert kann sie kaum mehr schaffen. Ihre Wirkmacht behält sie aber ungebrochen n der Zusammenschau der Ergebnisse von Fachgebieten. Aber sie kann diese selbst nicht ersetzen.

Teilweise ist die Befundung durch Sloterdijk mithin tatsächlich falsch oder gering fundiert. Die ökonomischen Auslassungen haben mich eher befremdet, weil sie mir naiv erscheinen. Da gibt es tausendmal Informierteres an anderen Stellen. Die Golddeckung etwa als Magie abzustempeln, weil das eben so schön in den mystifikanten Rahmen des Buches einpasst, ist lächerlich. Gold ist nun mal Geld und alles andere ist abgeleitet, seit Äonen - was man in entsprechenden historischen Büchern nachlesen kann - und Papiergeld ist (ohne Golddeckung) schlicht Zettelwerk. Da gibt es keine tiefere Mystik. Die Mystik läge eher im Papier"geld" OHNE Gold-Unterfutterung. Zumindest prima facie. Auch ist die Überschuldung der Staaten und die aktuelle Krise kein Gegenstand fürs Philosophicum. Sondern eine an sich ganz, ganz simple Sache:

Bürger im Wohlfahrtsstaat will mehr Wohlfahrt. Politiker will Bürger als Wähler. Gibt darum mehr Wohlfahrt. Die ist nicht leistbar. Darum Schulden und Gelddrucken (=Inflation = verdeckte Besteuerung). Mehr Schulden. Und irgendwann Krise. Das ist so simpel wie es nicht simpler geht.

Gier wird immer wieder genannt als Auslöser der Krise. Wahre Ursache ist aber staatliche Intervention. Glorios einfach hat das Thomas Sowell beschrieben: Gier gab es immer, die Einmischung in die Hypothekargeschäfte seitens des Staates ist aber neu. Und auch die Implosion dieses Marktes. Somit kann jeder simpel erkennen, was die Ursache ist. Gab es den Faktor G immer ohne Probleme, und kam nun zu G auch der Faktor S dazu (Staatsintervention), dann wird wohl S Auslöser und Ursache sein. Zumindest spricht die Plausibilität dafür.

Die philosophische (oder soziologische oder was auch immer) Frage wäre hier, warum die Moderne in den Wohlfahrtsstaat führen muss - obwohl: muss sie?? DASS jeder Wohlfahrtsstaat zusammenbricht, weil Wohlfahrt nicht leistbar ist, ist klar. Das ist alles einfachste Faktizität, ist dutzendfach und erschöpfend beschrieben worden, auf einer "technischen" Ebene, hier ist kein Platz für höhere Philosophie. Man kann natürlich sich privat und persönlich Geld bis zum Abwinken ausleihen, das man nicht zurückzahlen kann - und dann hernach geschrauteste ontologische Analysen anstellen über das Faktum des eigenen Konkurses etc. Allein: Es ist wohl nur intellektuell erbaulich, faktisch aber eitel. Mache Themen sind einfach zu simpel für geistige Höhenflüge. Oder: Manche Erkenntnisse liefert nicht die reine Denkkraft.

Letztlich: Was hat der Kredit mit Moderne zu tun? Beziehungsweise verdreht man da nicht die Dinge? Wird Kredit nicht just dann massenhaft notwendig, wenn Wirtschaft selbst massiv geworden ist? Wurde etwa die Industrielle Revolution durch Kredite erschaffen - oder sind nicht doch eher sie notwendig als Begleiterscheinung und Werkzeug einer Wirtschaft, die sich hundertfach akzeleriert?

Die Verwechslung von Ursache und Wirkung erscheint mir in diesem Werk der Tenor zu sein bzw. das Beschreiben von Phänomenen - ohne jede Erforschung von deren Gründen. Denn wie gesagt: Nicht der Hiatus bringt die Dinge hervor - im Gegenteil: Der Hiatus ist die Bruchstelle, die sich auftut, nachdem die Verbindungsstellen malträtiert wurden. WER ABER, zum Henker!, hat an diesen herumgezogen und herumgehackt? Reichen nicht doch alte Erklärungen hier besser hin?

Wenn bspw. der Ritterstand seinen Dienst quittieren musste, weil die Schusswaffen sich als tauglicher erwiesen, ist dann nicht die eigentliche Frage die: Warum wurden diese vermaledeiten Schusswaffen nun erfunden? Genauer: Was waren die geänderten Voraussetzungen, die in die Lage versetzt hatten, diese Erfindungen überhaupt zu machen? Nicht aber tun philosophische Fragen über Rittertum und geburtliche Legimationen udgl. Not. Die schönsten Subjektmodelle taugen nichts, wenn es äußere Fakten sind, die über die Subjekte hinwegrollen.

Ich meine, man kann auch dann noch die falschen Fragen stellen oder beantworten, wenn man das auf die intellektuell köstlichste Art unternimmt. Selbst ein Sprachmächtiger kann die falsche Frage nicht zur richtigen ummodellieren.

Freilich, man kommt oftmals doch auf Mentales zurück, eben wie angedeutet: Es nicht zu diskutieren, warum bestimmte Erfindungen und Entdeckungen in der Neuzeit ihre transformierende Kraft hatten. Wohl aber ist erklärungsbedüftig, DASS sie gemacht wurden.

Ich schließe hier denkbar unrund. Ein geschlossenes Fazit kann ich nicht liefern. Man möge es mir nachsehen, dass ich hier überhaupt etwas schreibe, ohne das Buch viermal gelesen zu haben. Ich meine aber, dass das andere nicht anders gemacht haben.

Sloterdijk schreibt wie immer sehr anregend, mit einem enzyklopädischen Wissen, nach guter alter Manier, wenn auch immer wieder modernisiert nachjustiert (was freilich nicht immer überall gleich gut gelingt). Man kann nicht erwarten, dass er Antworten liefert auf Fragen, die wahrscheinlich nicht beantwortet werden können. Was die Moderne ist, was sie bewirkt hat, das sind Fragen, die (sprachlich) leicht gestellt sind, die aber wohl antwortsfremd sind. Die Moderne ist das, was wir ständig thematisieren und nicht fassen können. Befriedigend ist das allemal nicht. Keineswegs.

Trotzdem: Manche Antworten Sloterdijks sind mir zu flach oder schlichtweg nicht faktenfreundlich. Die Überlegungen über den HIATUS an sich alleine sind nichtsdestominder lohnend. Vielleicht muss man sich diese Bruchstellen von all diesen Blickwinkeln aus ansehen und mit allen erdenklichen Leuchten bestrahlen. Warum der Bruch eintrat, ist eine andere Sache. Die Ausleuchtung des Bruches reicht einmal. Momentan.
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am 1. Juli 2014
Die einen stehen Schlange, wenn die neue Xbox erscheint oder das neue Apple-IPhone, die anderen beim neuesten Sloterdijk. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Kategorie. Weit davon entfernt, ihm in allen seinen Argumentationen zu folgen – weil ich nicht seiner Meinung bin und weil ich ihn manchmal einfach auch nicht verstehe – halte ich ihn für den wachsten und aufmerksamsten Zeitkritiker unserer Tage, immer in der Lage, bislang unbemerkte Zusammenhänge überzeugend und als ästhetischen Genuss (sofern es den Geschmack trifft) aufzuzeigen.

„Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – auch das ein erfrischend anderer Blickwinkel – sind jene, die sich nicht mehr aus der Tradition heraus verstehen, sondern sich als Selbstbaukasten begreifen und den Ort, an dem diese Transformation einsetzt, nennt Sloterdijk den „Hiatus“ oder den „Bruch“. Von da an wird Zarathustras entgeisterte Frage, an der sich Sloterdijk orientiert, sinnvoll: „Stürzen wir nicht fortwährend?“ Es ist der Moment der Entdeckung der Zukunft und damit der Beginn der Inthronisierung des Neuen. Es ist auch der Moment, in dem die Söhne – es war und ist ganz wesentlich ein männliches Phänomen – nicht mehr wie ihre Väter sein wollten, in dem der genealogische Impetus durch einen Aktualismus ersetzt wird.

Wie in allen seinen späteren Werken seit der „Sphären-Trilogie“ taucht Sloterdijk tief in die Real- und Philosophiegeschichte ein, um der Entstehung auf den Grund zu gehen. Wie schon etwa bei der „Globalisierung“ oder dem „Zorn“ u.a. glaubt er die ersten Anfänge in der Antike festmachen zu können und holt daher viel weiter aus als die meisten Kollegen vom Fach. In vorliegender Arbeit geht er dabei nicht chronologisch vor, sondern changiert wild in Raum und Zeit, so als wollte er Deleuze' vielgelobte Rhizomatik in die Tat umsetzen, ein anderes „Mille Plateaux“ schreiben. All die Namen aufzuzählen (von Platon, Jesus, Augustinus über Napoleon und Hitler bis Nietzsche und Deleuze) wäre Unsinn; m.E. übertreibt er es in dieser Frage, da wirkt das Buch mitunter zu gelehrt, zu (besser)wissend, was zu einigen Längen führt, die auch durch mehr oder weniger gekonnte Sprachakrobatik nicht restlos überwunden werden können. Auch scheint manches fixe Urteil zu apodiktisch und wird den Protagonisten nicht gerecht (Meister Eckhart, Tschernyschewski, Lenin, Marx, Heidegger …) – hier darf man durchaus Provokationen erkennen, Reibungsflächen, Aufforderungen zur Diskussion. Andererseits gibt es auch immer wieder ekstatisch erhellende und witzige Abschnitte („Bretton Woods“, „Im Copy-Shop der Evolution“ u.a) und man zeige mir einen zeitgenössischen Philosophen, der einen zum Lachen bringen kann. Dass wir den Hiatus im griechischen und (ur)christlichen Erbe zu verorten haben, klingt vorerst wie ein alter Hut, aber dass er auf „Kopierfehlern“ beruhen soll, also vornehmlich subjektivistisch verstanden wird, ist eine steile These.

All dem liegt ein unüberhörbarer fortschrittskritischer, manche sagen sogar apokalyptischer Ton zugrunde. Das mag bei einem Affirmationsmeister verwundern und scheint auch eine gewisse Korrektur der positiven und entwarnenden letzten Werke zu sein, wenn man aber das Gesamtwerk überblickt, dann scheint sich ein virtuoser Kreis zu schließen, denn die frühen und frischesten Werke – „Kritik der zynischen Vernunft“, „Eurotaoismus“, „Weltfremdheit“, „Kopernikanische Mobilmachung“ – kreisten exakt um diesen Schwerpunkt. Vergleicht man mit diesen Arbeiten, dann bleibt zu konstatieren: Sloterdijk war schon mal frecher gewesen und auch flüssiger im Erzählfluss, was aber seine Meisterschaft im Umwerten und Neu- und Anderssehen betrifft, da bleibt er ein Unikum.
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am 5. März 2015
Sloterdijks sprachverliebte Art der Vortrags wirkt kurzfristig belebend, dann aber bald ermüdend, so daß man nur in kurzen Schüben vorankommt. Am Ende fällt es schwer, sich über den Ertrag der Lektüre klar zu werden.
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am 19. November 2015
A convincing description of the dynamics of Western civilization from the axial age to modernity, seen through the interplay between traditional genealogical legitimacy and the contra-legitimacy of ’bastards’, i.e., ‘new persons’, energetic persons who break (or intend to break) with established norms (‘culture’) in order to replace them with new ones. Traditional societies were based on an obligation to imitate the past; modernity is doomed to imitating the present (cf., René Girard's concept of "mimetic desire" as a dominating force in the present age). It is in line with Sloterdijk’s previous works, such as the Sphären-triology, Zorn und Zeit and Du must dein Leben ändern. It contains a rich and entertaining catalogue of ‘bastards’, good and bad, productive and disastrous, that stretch from Jesus to Hitler to everybody: These days, we are all 'bastards'.
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Dieses im Juni 2014 im Suhrkamp Verlag erschienene Buch des Karlsruher Professors für Philosophie und Ästhetik ist sicher neben seinem 1983 erschienenen Buch „Kritik der zynischen Vernunft“ eines seiner wichtigsten Bücher. Es ist ein Schwarzbuch über den Fortbestand unserer Zivilisation. Die im Fokus einer philosophiekundigen Recherche aufgeworfenen Fragen finden ihre Beantwortung in ungezählten Wortneubildungen, die in einer mutigen Kulturkritik provokativ und zynisch apokalyptische Szenarien in einem Erzählkonstrukt von hoher literarischer Qualität darstellen. Was ist von der kommenden Generation zu erwarten, entwickelt sie sich zu „Höherem“? Wie bedenklich ist Traditionsbruch? Was bedeutet es wenn wir etwas grundlegend „Neues“ anfangen?

Diese Kulturgeschichte ist ein respektables Kaleidoskop, große Literatur bei der man zwei Sachen genießen kann, nämlich das Medium der Darstellung und das Dargestellte, weil sich zwischen dem was erzählt wird und wie das erzählt wird ein imposantes, fesselndes Spannungsverhältnis aufbaut.
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am 14. April 2016
Gewaltiges philosophisch-kulturgeschichtliches Panorama, mit hinreißender Brillanz und Süffisanz serviert. Auf die Dauer findet man sich von der Sahnetorte aber wohl auch überfüttert, oder anders gesagt: Sloterdijk spielt die große Orgel fortwährend im grandioso-Register, pompös, und theatralisch. Dabei ginge es "nur" um das Thema der kulturellen Akzeleration und die ggf. gefährdete kulturelle Proliferation.
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am 20. Juli 2014
Wenn man die Regale einschlägiger Buchhandlungen entlangwandert, dann müssen einem die zahlreichen Titel in die Augen fallen, die die Schulden-, Banken-, Euro-, Staaten-, Finanz- und Kapitalismuskrise behandeln. Ein Zitat aus Sloterdijks neuem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit", das einer geheimnisvollen Dynamik der Moderne auf der Spur ist - nämlich der Ersetzung der Nachahmung des kulturellen Erbes durch die Nachahmung des Neuen im Zivilisationsprozess, mag die Lektüre jener die Krisensemantik aufnehmenden Abhandlungen repräsentieren und läßt sich so problemlos auf einem Mitredzettel vermerken: "Die wirkliche Krise des Systems zeigt sich in dem Umstand, dem zufolge die zukunft-eröffnende Kraft des authentischen Kredits mehr und mehr von den Zwängen chronischer Umschuldung überlagert wird. Immer häufiger erreichen Staaten, Unternehmen und Privathaushalte den Punkt, von dem an der Kredit auch dem Tüchtigen die Zukunft nicht mehr erschließt, sondern versperrt: Wachsende Schuldendienste zehren immer größere Teile aktueller Einkünfte auf - bis die Linie überschritten ist, jenseits welcher ältere Schulden nur noch durch eine Kaskade neuer Schulen in ein auf Dauer paralysiertes Morgen verschoben werden." (S. 218)
Der Philosophie fällt u.a. die Funktion zu, das Wesentliche im Chaos des Unwesentlichen in immer neuen Anläufen herauszuschälen. Die schrittweise und sprachlich elegante Herausschälung eines Motors neuzeitlicher Generationenprozesse ist dem Autor gelungen. Die "schrecklichen Kinder der Neuzeit" sind stets Kinder ihrer Zeiten und nicht Kinder vergangener Zeiten.
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