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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen bewegende Suche nach einer ukrainisch jüdische Familiengeschichte
Es hat mich einigen Anlauf gekostet, das Buch zu beginnen, aber es hat sich sehr gelohnt. In fast traumhafter Sprache erzählt die Autorin die Suche nach der Geschichte ihrer jüdischstämmigen Familie in der Ukraine, Russland, Deutschland und Österreich. Sie gibt damit einen Blick frei auf die tiefen Wunden, die im 2. Weltkrieg im Osten geschlagen wurden...
Vor 3 Monaten von chriba veröffentlicht

versus
2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen bin "Vielleicht zu blöd"....
habe die ersten 60 Seiten gelesen und hoffte, dass ich den Faden finde. Leider nicht.
Es wäre eine Tortur weiterzulesen, da ich diese einzelnen Kapitel nicht verstehe, nicht fassen kann.
Für mich hat es keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapitel und wenn ich eine Zusammenfassung über diese ersten 60 Seiten schreiben müsste, ich...
Vor 1 Monat von Adrian der Tulpendieb veröffentlicht


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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen bewegende Suche nach einer ukrainisch jüdische Familiengeschichte, 26. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Es hat mich einigen Anlauf gekostet, das Buch zu beginnen, aber es hat sich sehr gelohnt. In fast traumhafter Sprache erzählt die Autorin die Suche nach der Geschichte ihrer jüdischstämmigen Familie in der Ukraine, Russland, Deutschland und Österreich. Sie gibt damit einen Blick frei auf die tiefen Wunden, die im 2. Weltkrieg im Osten geschlagen wurden und auch auf die Zuschüttungen und Überwucherungen "drüben" und hier bei uns.
Das Buch ist ein "Muss" um die ukrainische und russische Seele zu verstehen; gibt aber auch tiefe Einblicke in die Narben, die die Schuld unserer Großelterngeneration in unsere Seelen gegraben hat - ohne jemals anklagend zu sein.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Russisch-judisch auf Deutsch, 5. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Kindle Edition)
Ich weiss nicht, wie man diese Buch ohne russisch (sovetiesch)-judisches hintegrund liest, aber fuer alle Enkelkinder judisches Omas - es ist ein muss. Das kulturelle und geschichliche Landschaften USSR, immigration, wuerzellose judische Familien, fliessen zusamen, und jedes Teil alleine waere schon genug um gute Buch zu machenb. Ich bin sehr beindrueckt. Aber, natuerlich, nichts fuer Aktion-fan
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53 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für das Unerträgliche gibt es kein Wort (247), 10. März 2014
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Katja Petrowskaja hatte schon im letzten Herbst durch Ihren Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises durch ihren Text "Vielleicht Esther", dem gleichnamigen Titel dieses Buches, aufmerksam gemacht, eine Hommage an ihre Babuschka (Ur-Grossmutter) während des 2. Weltkriegs. Auch wenn es kein Roman geworden ist, wie ich ursprünglich angenommen hatte, sind es doch Texte der biographischen Aufarbeitung, eine Art Synthese zwischen Fiktion und Wirklichkeit, ja sind Erinnerungen, Phantasien, Träume, Geschichte und literarische Verarbeitung, wie vor allem die eigenen Ur- und Grosseltern den Krieg erlebt haben. Eine Spurensuche, die in Kiew ihre Wurzeln hat und ihre Suche ausdehnt nach Polen (Warschau), nach Auschwitz, nach Österreich (Mauthausen). Manchmal klingt es wie eine Reportage, manchmal wie ein Tagebuchstil, dann wieder fast wie ein Roman...

Petrowskaja versucht hier Menschen, oder besser die Vorfahren der eigenen Familie zu porträtieren, indem sie Archive aufsucht (Berlin,Wien, Moskau, Kiew, Warschau) Menschen aufsucht, ja sich mit anderen gemeinsam jene Orte annähert, wo eigene frühere Familienmitglieder dem Leid des Krieges nur schwer entkommen konnten. Sehr intensiv wird etwa der Werdegang des eigenen Grossvaters erzählt, der nach 40 (!) Jahren wieder zurückkehrt. Auch die Schilderung wie die eigenen Ur-Grossmutter erschossen wurde, wird im Titeltext sehr berührend geschildert. (Sie folgte jenem Aufruf zur Besammlung zum Abtransport, obwohl sie hätte flüchten können, wie jemand der in sein Schicksal einwilligt, ohne wirklich zu wissen, in was er einwilligt) Eine Nachkriegsverarbeitung, die der Vergangenheit nachspürt und betroffen macht, weil die Autorin so nah wie möglich an die Einzelschicksale geht, als ob sie genauestens nachspüren wollte, wie es jenen Menschen damals wohl ergangen sein muss. Ein besonderes Kapitel: Babij Jar, ursprünglich eine Schlucht bei Kiew, liegt heute mitten in der Stadt. 10 Tage nach Einmarsch der Deutschen in Kiew, wurden im September 1941 eines der grössten Massaker der Nazis verübt, innert 2 Tagen wurden hier über 33'000 Juden getötet, eine Gesamtzahl ist schwierig einzuschätzen und liegt zwischen 100'000 und 200'000 Juden die gesamthaft in Kiew umgebracht wurden. Auch dem Grossonkel Judas Stern, der am 5. März 1932 ein Attentat auf den Botschaftsrat Fritz von Twardowsky machte, ist ein grösseres Kapitel gewidmet.

Somit wirft dieses Buch einen Blick auf die Regionen Polen und Ukraine während der 30er und 40er Jahren (und davor bis ins 19. Jhd.), vor allem aber der Kriegszeit und gibt einen guten Einblick wie dort die Auswirkungen des Krieges erlebt wurden. Petrowkajas Buch ist eine Geschichtsaufarbeitung und Würdigung, an die Menschen, die das damalige Leid im Krieg erlebt haben, oft - wenn gar immer von völlig unschuldiger Seite her. Auch wenn die Autorin die Tendenz hat sich literarisch in Vorstellungen fallen zu lassen (ohne manieriert zu wirken) , wo der Leser nicht mehr weiss ob es noch Wirklichkeit oder Traum ist, ist es eine wertvolle Porträtierung jener Zeit in jenen Regionen. Manchmal etwas trocken, manchmal phantastisch zu lesen. Hier geht wirklich eine Autorin an ihre russischen Wurzeln. Die Förderung von Taubstummen früherer Vorfahren, die Schaffung von Schulen ist von besonderer Kennzeichnung: "Sie unterrichteten taubstumme Kinder, sie gründeten Schulen und Waisenhäuser und lebten mit diesen Kindern unter einem Dach, sie teilten alles mit ihnen, sie kannten keinen Spalt zwischen Beruf und Leben. (..) Er (Schimon Heller) brachte Kindern das Sprechen bei, damit sie gehört wurden, sonst galten sie bei seinen Glaubensbrüdern als geisteskrank..)

'Vielleicht Esther' ist eine Forschungsarbeit in Sachen Kriegsaufarbeitung der eigenen Familie. Als ob sich Geschichte und Literatur die Hand geben würden. Der Hang jedoch ins Hypothetische zu schreiben, kann begeistern wie verunsichern. (Vielleicht Esther?) Eine Auslotung dessen was das Böse damals vollbrachte (die Deutschen) und wie sehr die Menschen um ihre Existenz und ihrem Leben rangen. Wer sie hört, wird die fühlen, die stille Wut die hier anwesend ist, die sich gegen damalige Macht und Ohnmacht und jene unglücklichen Geschichten richtet, die sich auch gegen das Vergessen von Wissen zumutet. Der Titeltext ist mit Sicherheit einer der Stärksten in diesem Buch. (Der auch auf der website des Ingeborg-Bachmann-Preises ausdruckbar ist, für diejenigen die vielleicht nicht das ganze Buch lesen wollen, oder sich in den Text einlesen wollen) Eine literarische Annäherung an das damals Unerträgliche, für das es eigentlich gar keine Worte mehr gibt. Auch wenn mich nicht alles hier überzeugt hat, kann sich das Debüt der Autorin sehen lassen, weil der Einblick in ihre Aufarbeitung, noch einmal einen ganz anderen Blick wirft, als den, den wir vielleicht schon kennen.

Eine Lektüre die berühren kann und gleichzeitig macht sie betroffen im gleichen Augenblick. Angesichts der Thematik ist es nicht ganz zu leugnen, dass während des Lesens eine gewisse Schwere aufkommen mag, was bei einer Kriegsaufarbeitung nicht verwundern mag. Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine ursprünglich in Kiew geborene Autorin ihre dortige Geschichte aufarbeitet, dazu in einer Sprache, (die Autorin musste ja deutsch lernen und schreibt in einer ihr fremden Sprache) die die dortige Familie nicht einmal versteht. Fast so als ob jemand die Seiten gewechselt hätte und sich in die Ursprüngliche wieder einfühlen will, wunderbar.

Nachtrag vom 8.4.2014

Nicht einmal die ihre eigenen Eltern verstehen deutsch und können ihr Buch nicht lesen. Es wäre also interessant, von ihnen zu hören, wie es ihnen damit geht, denn z.Zt. wird ihr Buch auch auf ukrainisch übersetzt.

Zitat: (212)

"Hier folgte jeder seinem eigenen Atem."

Nachtrag vom 13.5.2014

Elke Heidenreich im Literaturclub vom 13.5.2014: "Dieses Buch ist ein Meisterwerk".
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Seit langer Zeit endlich wieder ein tiefer, sprachlich zum Teil großartiger Text zum Thema, 16. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Katja Petrowskaja hat mich überrascht. Ich war mir sicher, alles zu diesem Thema irgendwie schon gelesen zu haben. Ein tiefer und starker Text voller Anspielungen, authentisch und berührend, der sprachlich dem großartigen Auftakt nicht immer gewachsen bleibt.
Dennoch großartig - Vergleichbares gibt es auf dem deutschen Markt derzeit nicht. Ich hoffe sehr, mehr von der Autorin zu lesen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es lohnt sich doch!, 7. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
...dieses Buch zu Ende zu lesen! Ich habe mehrere Anläufe gemacht, verstand nicht alles gleich, aber ich habe das Buch zu Ende gelesen und bin voller Bewunderung für die Autorin, die uns diese Bilder ihrer Geschichte geschenkt hat.
Es ist eine ganz andere Beschreibung des Krieges und dessen, was er aus uns, die wir ihn nicht erlebt haben, macht.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Varianten unseres Schicksals" oder: Lebenswege - Betreten auf eigene Gefahr, 1. Mai 2014
Von 
HG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.
.........................................Georg Trakl

Kalisz, jeweils rund 100 km von Breslau, Posen und £ódY entfernt und einst bekannt für seine Spitzen, war vor dem Zweiten Weltkrieg voll mit kleinen und größeren Fabriken, die ganz Russland mit dem begehrten Geflecht versorgten. Zudem darf sie sich als eine der ältesten urkundlich belegten Städte Polens nennen (150 n. Chr.). Die keltische Wortwurzel bedeutet Quelle oder Ursprung. Gleich in mehrfacher Hinsicht spielt Kalisz im Debütwerk der in Kiew geborenen und auf Deutsch schreibenden Autorin eine bedeutende und zugleich metaphorische Rolle. Da ist zunächst der Stammbaum. Auch er hat eine Quelle, einen Ursprung: seine Wurzel. In kompakter Form versucht man so weit wie möglich zu seinen Vorfahren und seiner Familiengeschichte vorzudringen. Beim Erforschen von diversen Familienstrukturen weist wiederum die alte Handwerkskunst der Spitzenherstellung mit ihrem systematischen Wechsel von Verdrehen, Verknüpfen, Verkreuzen und miteinander Verschlingen von Fäden eine gewisse Dualität auf. Und in Polen scheinen die jüdischen Wurzeln Katja Petrowkajas ihren Anfang genommen zu haben.

Um ihrer "manchmal schneidend scharfen, manchmal wermutherben Einsamkeit", die ihre Ursache im offensichtlichen Fehlen einer großen Familie hat, auf den Grund zu gehen und ihren Familienbaum vielleicht doch noch wachsen zu lassen, taucht die Autorin in ihre Vergangenheit ab. Dessen scheinbar undurchdringbares Gewebe erweist sich zunächst als beinahe gesichts- und geschichtslos. Doch nach und nach erkennt sie Strukturen im Netz und ihre Vorfahren erhalten Konturen. Allerdings entpuppt sich dieses Unterfangen alles andere als linear, durchgehend und vor allem simpel. Bei ihren Nachforschungen, ihrem Stöbern im "Baumüll der Geschichte", stört sie nicht selten die "Geister der Vergangenheit", die mitunter recht unwirsch reagieren, wenn sie deren Nebel lüften will. "Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche. Manche aus meiner Familie waren geboren, um ihren Berufungen nachzugehen in dem hellen, aber nie ausgesprochenen Glauben, sie würden die Welt reparieren. Andere waren wie vom Himmel gefallen, sie schlugen keine Wurzeln, sie liefen hin und her, kaum die Erde berührend, und blieben in der Luft wie eine Frage, wie ein Fallschirmspringer, der sich im Baum verfängt. In meiner Familie gab es alles, hatte ich überheblich gedacht, einen Bauern, viele Lehrer, einen Provokateur, einen Physiker und einen Lyriker, vor allem aber gab es Legenden."

Zunächst lernt sie Deutsch. Denn "dieses Deutsch war mir eine Wünschelrute auf der Suche nach den Meinigen, die jahrhundertelang taubstummen Kindern das Sprechen beigebracht hatten, als müsste ich das stumme Deutsch lernen, um sprechen zu können, und dieser Wunsch war mir unerklärlich." Sie fährt als Russin aus Deutschland, wo sie mittlerweile lebt, in das jüdische Polen ihrer Verwandten. Aus Erinnerungsfetzen, zweifelhaften Notizen und Dokumenten, gefunden in Archiven ("Geschichte ist, wenn es plötzlich kein Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen."), öffnet sie das versiegelte Fenster ihrer frühen Kindheit in Kiew in der sozialistischen Sowjetunion und auch das ihrer Ahnen, die Taubstummenschulen gründeten. Den meisten Widerstand verspürt sie beim "Entriegeln" ihres Judentums, das für sie bis dato gleichfalls sprachlos blieb, da ihre Familie einen großen Deckmantel des Schweigens darüber gelegt hatte. Blatt für Blatt, Baustein für Baustein, baut sie ihre verschüttete Geschichte wieder auf. Katja Petrowskaja lässt eine Zeile in die nächste hineinragen, legt eine weitere darüber und überlagert, genau wie bei gehäkelten und gewebten Spitzendeckchen. Was sich ihr beim Graben und Recherchieren offenbart und mit immer größerer Intensität zu Tage tritt, erinnert mitunter an eine "Rochade des Schicksals", an "Zufälle in Zeit und Raum" und lässt nicht nur einmal tief durchatmen. Beim Versuch, die inneren Verbindungen ihrer Familie und deren Leitmotive zu begreifen, wird die Suche fast zur Sucht.

Petrowskaja erzählt nicht in geraden Linien. Sie kreist und kreist, reißt ab, "wie die Kaliszer Spitzen, ich sah kein Ornament, nur kleine Fetzen..." Ihre Recherchen und Erkenntnisse offenbaren zuweilen mehr als ein gesunder Menschenverstand aufnehmen und begreifen kann. "Was wäre wenn, was wäre falls, was, wenn es nicht geschehen wäre, oder was wäre gewesen, wenn sie (...) geblieben wären..." Letztendlich stellt sie fest: "dass ich keine Macht über die Vergangenheit habe, sie lebt, wie sie will, sie schafft es nur nicht zu sterben." "Vielleicht Esther" bietet ein Gewebe, ein sprachliches Ornament, als befände man sich selbst "in der Windrose des Geschehens". Zuweilen treibt es einem Tränen in die Augen, man schluckt und hält den Atem an. Eine ehrliche, unverstellte Stimme, die geradeheraus, aber auch mit Witz und Charme das Unaussprechliche der Vergangenheit benennt. "Man sagt jüdisch, weiß aber nicht, womit das Wort gefüllt ist." Die Autorin füttert es wieder mit Leben, unverkrampft und eigenständig. "Ich wollte eine Lösung finden, für mich und für diejenigen, die heute hier wohnen und arbeiten, ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne absehbares Ende." Am Ende spürt sie, wie ihre persönliche Zukunft immer größer und ausgedehnter wird. Die Krone des eigenen Familienbaumes breitet sich schattenspendend über ihr aus.

Fazit: Ein ergreifendes, ein bewegendes Buch, das den Leser zuweilen mit einer ungeheuren Wucht aus Emotionen übermannt. Emotionen, die keineswegs rührselig oder sentimental daherkommen, sondern zutiefst im Inneren etwas zum Schwingen bringen. Doch Vorsicht. "Vielleicht Esther" fördert einen Text zutage, den man aufgrund seiner Tiefe und Substanz nicht mal nebenher liest, sondern den man nahezu körperlich verinnerlicht. Ein Text, der nicht einfach zu lesen ist und einige Konzentration erfordert, der aber unglaublich bereichert und vor allem "global" erinnert. Danke dafür, Katja Petrowskaja!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen wie im "beklemmendem Rausch" geslesen, 9. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
und wie schon oft davor, bei anderen Erzählungen zu diesen Themen gedacht: was haben wir für ein Schwein gehabt, mit der Zeit
in die wir geboren wurden und dem Ort, an dem wir aufgewachsen sind. Hier. Einfach nur Glück gehabt; kein Krieg, keine Gaskammern, keine Rassengesetze usw. keine Massenhinrichtungen. Das sage ich nicht nur hier und jetzt, aber das Buch hat es mir wieder bewusst gemacht; hatten wir ein Glück.
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5.0 von 5 Sternen Vielleicht hiess sie Esther, die Urgrossmutter, man hatte sie immer Babuschka genannt…., 10. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Als die jüdische Bevölkerung aus Kiew floh liess man sie zurück, diese vielleicht Esther, die aus Kiew verschleppt und unterwegs nach Babij Jar ums Leben gekommen ist.

Die Autorin hat sich von Berlin in Richtung Warschau aufgemacht ihre Familiengeschichte zu ergründen, sucht recherchierend Archive, Städte und Stätten auf um mehr darüber herauszufinden. So erzählt sie denn Geschichten. Wie z.B. erstmals 1864 ein Simon Geller, Leiter einer Taubstummen-Schule, in einer jiddischen Zeitung erwähnt wird und wie diese Schulen während 200 Jahren von ihren Angehörigen über die ganze Welt verstreut geführt worden waren. Und sie beschreibt all die mehr oder weniger liebenswürdigen, zuweilen etwas seltsamen, Charaktere die in jeder Familie vorkommen. Ebenso berichtet sie über Erschiessungen und Deportationen in Konzentrationslager durch die Nationalsozialisten die jene Zeit überschatten.
Das Buch umfasst 7 Kapitel, ein Nachwort und Danksagungen. Sieben unterteilte Kapitel ihrer Familiengeschichte, Fragmente die irgendwie zusammen gehören.

Ich glaube man muss das Buch mehrmals lesen um sich darin ein bisschen besser auszukennen. Es ist eben kein Roman sondern eine Sammlung von Geschichten, Familiengeschichten, Einzelgeschichten, Geschichten ihrer Vorfahren, ihrer Eltern und wen es sonst noch so gegeben haben mag.

Ein beeindruckendes Buch ganz sicher.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen WAS AN DIESEM BUCH WAR ANDERS, 20. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Kindle Edition)
Das WILDE. Der Namen-Strudel. Das Durcheinander in der Ordnung - wirklich so gemeint. Die Aufdringlichkeit - im positiven Sinn - des Persönlichen. Der Furor des Interesses der Autorin. Die Verlebendigung des Papiers und der Steine.Die Entschiedenheit der Bewertungen. Letztendlich die entstandene Betroffenheit über ETWAS, dem ich schon in rund hundert Büchern - aber nicht so - begegnet bin. Ein überstrapazierten Thema - wertfrei - aufgefrischt mit lähmender Wirkung. Die aufkommende Frage warum jetzt wieder Kiew, Ukraine, Polen. dennoch ein völlig anderes Szenario, aber Tote immer, immer wieder Tote, wenn bis heute (20. Mai 2014) weniger. Aber was bedeutet das schon, wenn es dein Grossvater, deine Großmutter, deine Mutter, dein Vater, dir Nahestehende sind? Oder vielleicht Esther.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen der Kampf mit den Windmühlen der Geschichte, 17. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Vielleicht Esther (Gebundene Ausgabe)
Achtung! Bei diesem Buch handelt es sich nicht um einen Roman oder eine zusammenhängende Erzählung. Petrowskaja umkreist hier vielmehr ihre Familiengeschichte. In immer neuen intensiven Ansätzen versucht sie das längst Entschwundene dem Vergessen zu entreißen, sie nähert sich dabei den Vorfahren in ihrer Familie mal auf diesem mal auf jenem Weg. Die Autorin kann sich dabei kaum auf Quellenangaben stützen, auch kaum auf Zeugenberichte. Das ist das Dilemma, dass nicht nur Petrowskaja hat: zu Lebzeiten der Großeltern ist man selbst zu jung und an der Lebensgeschichte der Alten nicht interessiert. Später wenn das Interesse für die Vorfahren erwacht, sind diese bereits tot. Geschichte beginnt, wenn plötzlich keine Menschen mehr da sind, die etwas erzählen können.

Warum überhaupt dieses Interesse an der Familie? Vielleicht ist es die Ferne und Entfremdung von der alten Heimat Kiew. Das fremde Deutsch wird für die nach Deutschland ausgewanderte Autorin die Wünschelrute auf der Suche nach den Ihrigen. Erst mit dem Tod der taubstummen Lida, der älteren Schwester der Mutter, ist unsere Autorin reif und bereit, sich den Windmühlen der Erinnerung zu stellen.
Gegen Windmühlen kämpfen, also einen aussichtslosen Kampf aufnehmen. Dies ist einer der Schlüsselstellen des Buches, die die sprachliche Versiertheit der Autorin zeigt. Aber auch die Einsicht, dass Sie auf verlorenen Posten steht und vieles mit ihrer Phantasie auskleiden muss.

Die Stelle offenbart zugleich eine zweite Ebene des Buches: wie wirkt das Erfahrene der Geschichte auf die Autorin, was erfährt sie über sich selbst dabei? Petrowskaja lässt uns einerseits daran teilhaben, wie sie sich mit der Geschichte beschäftigt, aber auch, wie sich die Geschichte mit ihr selbst beschäftigt. Immer wieder die Frage, wozu brauchst du diesen Vorfahren und wie ist es, mit ihm verbunden zu sein.

Wunderbar unverblümt und lakonisch erzählt Petrowskaja, wie es vielleicht nur eine Russin und Ukrainerin vermag, von ihrer ersten Reise ins Ausland - nach Polen, nach Ausschwitz. Betroffenheit im Angesicht des ehemaligen Konzentrationslagers? Fehlanzeige - sie weiß gar nichts mehr von dieser ersten Reise. Bis auf dies eine: wie sie mit sich vor einem der Souvenirläden gerungen hat, ob sie - wie alle anderen - ein Mitbringsel, eine Halskette kaufen solle. Sie kauft gleich drei Ketten. Eine erfrischend freizügige Erzählung, ohne Schuldgefühle und Betroffenheitslyrik.

Überhaupt diese frische, ungezwungene Sprache - eine Sprache, die sich nicht anpasst an die Konventionen, die Steifheit, die sich oft einstellt bei denen, die über Krieg oder die Judenvernichtung sprechen. Es ist ganz einfach die Sprache mit der eine moderne Deutsch-Russin ihre Gefühle im Hier und Jetzt ausdrückt. Die lockere und ungezwungene Sprache wird dabei trotzdem dem Gegenstand der Erinnerung völlig gerecht.
Das Buch hat etwas spielerisches, vielleicht weil die Autorin sowohl die russische als auch die deutsche Klaviatur beherrscht, weil sie weiß, dass es nicht den einen richtigen Blick auf die Geschichte gibt.

Wie wir doch alle abhängen von unseren Vorfahren. Was wäre, wenn Babuschka Rosa und Großvater Ozjel, die in Polen lebten und dann später nach Kiew zogen, was wäre, wenn sie in Warschau geblieben oder nach Amerika ausgewandert wären? Wie sehr schaukelt die Geschichte mit uns? Das wird der Autorin bewußt als sie als Russin aus Deutschland in das jüdische Warschau ihrer Verwandten, nach Polen, fährt. Sie denkt auf russisch, sucht ihre jüdischen Verwandten und schreibt auf Deutsch. In der Autorin kulminieren eigenartig viele Strömungen der europäischen Geschichte, die es ihr vielleicht erst ermöglicht mit leichter Sprache über die schreckliche Geschichte zu sprechen, ohne dass man ihr dies als Gedankenlosigkeit oder Oberflächlichkeit auslegen könnte.

Wir erfahren in dem Buch einiges über die Familie, mehr oder weniger große Bruchstücke einzelner Personen. Was immer im Dunkel bleibt, wird mit Phantasie ausgeschmückt: so hätte es sein können. Der Stammvater der Familie erweist sich als uneheliches Kind, Ozjel war nicht früh verwitwet, sondern geschieden und dann noch der Verwandte namens Adolf - und das in einer jüdischen Familie. Die Familie unterrichtete über Jahrhunderte taubstumme Menschen, überhaupt waren viele als Lehrer beschäftigt. Petrowskaja findet auch Spuren der ersten Ehefrau des Großvaters und der Kinder, deren Nachkommen heute in England leben, und entreißt sie dem Vergessen.
Dann gab es diesen Großonkel Judas Stern, der in Moskau im Jahre 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschafter verübte. Hier und nur hier greift Petrowskaja in die Truhe reichhaltiger Quellen. Sie fasziniert die Einfachheit des Gerichtsprozesses und die Vorhersehbarkeit des Ausgangs. Aber das Motiv und der dahinter stehende Sinn der Tat bleibt dunkel.

Eindrücklich beschreibt Petrowskaja auch die Massenmorde der Deutschen in Kiew. Und wie wenig hiervon davon nach Jahrzehnten in Kiew noch zu bemerken ist, so als wäre das alles nur ein böser Traum gewesen - kaum Erinnerungsorte, Mahnmale, und kaum Menschen, die bereit wären, über diese Zeit Auskunft zu geben. Erschreckend oder doch nur normal wie schnell die Zeit unbeirrt weiter geht und wie schnell Menschen vergessen, was eins, zwei Generationen vorher geschah.

Zum Schluss gibt die Autorin den Kampf mit den Windmühlen der Geschichte auf. Sie bemerkt: ich kehre zu oft hierher zurück - in die Vergangenheit. Es ist Zeit, sich wieder mit der Gegenwart zu beschäftigen. Als Leser hat man den Eindruck, dass Petrowskaja in der Tat irgendwann abgebrochen hat. Vielleicht hat sie erkannt, wie sehr sie sich in den Irrgängen der Vergangenheit verloren hat und diese nicht mehr zu einem Ganzen verknüpfen kann. So hält man etwas Unfertiges, Unabgeschlossenes in Händen. Aber den Tauchgang in die Tiefen der Familiengeschichte irgendwann zu beenden, vielleicht um des eigenen Lebens willen, ist das gute Recht der Autorin.
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Vielleicht Esther
Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja (Gebundene Ausgabe - 10. März 2014)
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