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Kundenrezensionen

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am 2. August 2013
Natürlich lässt sich an jeglicher großen Literatur etwas Negatives anmerken. Da ist einem Leser der "Zauberberg" von Thomas Mann schlicht zu lang, ein Anderer fragt sich beim "Ulysses" von James Joyce, warum er über diesen einen Tag in Dublin 1000 Seiten lang nachdenken soll. Und zuletzt gibt es bei "Moby Dick" von Herman Melville den Witz, wie man denn ein Buch über einen Fisch schreiben könne.

Ich höre und lese zu William T. Vollmanns "Europe Central", er hätte im Militärgeschichtlichen nicht genau genug recherchiert, die Geschichte mit und über Schostakowitsch sei zu lang und - immerhin ein bemerkenswerter Einwand - der Nationalsozialismus und der Stalinismus seien unkritisch in einen Topf geworfen worden. Manch andere Anmerkung will ich hier nicht wiederholen.

Mich hat das Buch über die "Schaltstelle Europa" berührt, nachdenklich gemacht und begeistert. Tatsächlich konnte ich, obwohl die Geschichte oftmals tragisch und schwer daher kommt, nicht aufhören, zu lesen. Ich empfand die Sprache, trotz aller Stilmittel, als flüssig. Wohl gilt hier auch ein Lob dem Übersetzer. Das Buch hat mich inspiriert, mich im Lexikon über so manchen Protagonisten neu schlau zu machen. Die Gegenüberstellungen der Hauptpersonen (z. B. Paulus - Wlassow), das Verzahnen der Kunst und das manchmal sehr stille Aufbegehren gegen die Diktaturen hat mich gefesselt. Höhepunkt waren für mich die Erzählungen über die Aufführung der 7. Sinfonie von Schostakowitsch vermischt mit der Kriegshandlung und das 8. Streichquartett op. 110.

Ganz ohne Zweifel hat derjenige viel von diesem Roman, der sein eigenes Wissen, seine eigene Lebenserfahrung und seine intellektuelle Reflexion mit einbringt. Wer den einen oder anderen Namen nicht kennt und ihn in der Geschichte nicht einordnen kann, tut sich tatsächlich schwerer. Das aber spricht für mich für ein Buch. Und fordert den Leser heraus. Diese Herausforderung kann man annehmen - oder bleiben lassen.

Ein Roman von bleibendem Wert und bleibender Größe. Für mich gehört "Europe Central" aufgenommen in den Kanon der größten Romane überhaupt. Daher eine unbedingte Empfehlung zum Kauf.
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am 27. Februar 2016
Einen umfangreichen Roman wie diesen mit rund 1.000 Seiten sollte man nur angehen, wenn man ziemlich sicher ist, dass man relativ gut durchkommt... Ich hatte nach flüchtigem Reinblättern das Gefühl, es könnte gelingen, zwischendurch allerdings eine Handvoll Momente, wo ich mich doch fragte, ob das eine gute Wahl war. Gleich das erste Kapitel ist schon eine hohe Hürde, denn es erschließt sich eigentlich erst, wenn man das ganze Buch gelesen hat.
Ein »Weltkriegsroman« im engeren Sinne ist das nicht: der Zweite Weltkrieg steht zwar im Zentrum des Geschehens und der Belagerung Leningrads, dem Ringen um Stalingrad und der Panzerschlacht bei Kursk wird einiger Raum gewährt, aber es gibt sowohl einen Vorspann, der etwa mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution beginnt, wie auch ein Nachspiel, das die deutsche Teilung, den Kalten Krieg und die Zeit nach Stalin in den Blick nimmt. Dass die erzählte Zeit sich der Gegenwart bis 1975 nähert, hat allerdings weniger mit politischen Zäsuren als der Lebensspanne der Hauptperson zu tun. Zwar haben HItler und Stalin ihren Platz, sie wirken jedoch die meiste Zeit eher dämonisch aus dem Hintergrund. Feldherren wie die Generäle Paulus oder Wlassow sind gewiss wichtige Figuren, aber sie treten alle hinter den Komponisten Schostakowitsch zurück. Vollmann widmet dessen Werk, seinem heiklen Liebesleben und seinem Lavieren zwischen Selbsterhaltung und künstlerischem Anspruch weite Passagen und gibt selbst zu, dass er den großen Bogen des jahrzehntelangen Schmachtens des Komponisten nach seiner ersten Liebe Elena Konstantinowskaja zu den ansonsten eingehend recherchierten Fakten hinzugedichtet hat. Neben den für meinen Geschmack zu raumgreifend angelegten Schostakowitsch-Kapiteln hat Vollmann aber auch viele weitere Kulturschaffende in das Personal seines Romans aufgenommen, von Käthe Kollwitz über den Regisseur Karmen bis hin zu kleineren Chargen wie dem mit nur 20 Jahren schon erloschenen Filmsternchen Lisca Malbran, die durch »EuropeCentral« wieder eine Chance auf Unsterblichkeit bekommen hat. Vielleicht sind es gerade diese Erst- und Wiederbegegnungen mit für mich bis dato randständigen Personen wie meinetwegen der Lyrikerin Achmatova oder dem widersprüchlichen Kurt Gerstein, die für mich den Hauptertrag der Lektüre bilden, denn die großen Linien der politischen Strukturen oder militärischen Aktionen waren mir als Historiker ja längst vertraut und sie wurden je nach Themenschwerpunkt und Blickrichtung schon oft genug zuvor literarisch bearbeitet. Dieser Ertrag hatte allerdings auch seinen Preis: denn während Vollmann über weite Passagen die Erwartungen an einen historischen Roman erfüllt und sich einer traditionellen Erzählweise bedient, schert er gerade in den unterschiedlichen Künstlern gewidmeten Teilen aus dem vertrauten Muster aus. Dadurch wird das Erzählte (nach des Autors eigenen Worten) »aufs Gleichnishafte reduziert und dann hier und da mit Spinnweben des Übernatürlichen verziert.« Dieses Dickicht muss man während der Lektüre mehr als einmal durchdringen und wieder auf den Boden der historisch (hier sogar in einem für Romane eher unüblichen Quellenverzeichnis) belegten Ereignisse zurückfinden. Diese Stilbrüche und manch andere Eigenwilligkeiten Vollmanns tragen zu meinem letztlich ambivalenten Gesamteindruck bei, der zwar nicht auf einen Verriss hinausläuft, aber auch nur eine bedingte Lesempfehlung beinhaltet.
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am 6. August 2014
Bernhard-Henry Levy schrieb in seinem Buch "Die Barbarei mit menschlichem Gesicht", dass Faschismus und Stalinismus die Kinderstube des Totalitarismus gewesen sei. Um diese Kinderstube geht es in diesem Roman und wie Menschen unter die Räder dieses ,das Individuum negierende, System geraten, wie sie missbraucht, gebrochen und verraten werden. Tatsächlich muss ich recht geben, dass nach '45 sich das geschehen hauptsächlich im Osten abspielt und die Poltik des Westens gänzlich vernachlässigt wird. Nun ja, hier empfehle ich die Underground Trilogie von James Ellroy. Während des Lesens musste ich die ganze Zeit an meinen Vater denken der mit 17 bzw. 18 Jahren in den Krieg ging und nach dem Zusammenbruch der Afrikafront nach Russland in die Ukraine kam, und dort einen völlig anderen Krieg erlebte. Ich hätte so ein Buch von einem amerikanischen Autor Jahrgang '59 nicht erwartet. Das Buch ist flüssig geschrieben, und ich habe es mit grossem Interesse gelesen.
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am 28. Dezember 2015
Es ist schon viel über den zweiten Weltkrieg geschrieben worden. Aber diese Romankonstruktion übertrifft alles an opulenter Schreibweise, an vielseitiger Perspektive: ein deutscher und ein russischer Spion kommentieren sarkastisch das Kriegsgeschehen, die implizierten Persönlichkeiten: Politiker, Generäle, Künstler, Frontsoldaten, ihr Privatleben, insbesondere das komplizierte Leben russischer Musiker wie Chostakovitch, Hauptperson, russischer Dichterinnen wie Anna Achmatova und ihrer deutschen Zeitgenossen. Ein hinreissender Roman, ein totales Lesevergnügen.
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am 28. September 2013
So ausladend, ja überwältigend dieser Roman daherkommt, das Ergebnis ist mehr als dürftig. Zentraleuropa - das heißt für den Autor: der Kampf der beiden ideologischen Grosssysteme in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, sowjetischer Bolschewismus kontra deutscher Faschismus. Der Zugang läuft über einzelne, untypische Protagonisten, die sich sperren, und dabei verfällt Vollmann auf Figuren wie Paulus, Wlassow und andere. Von den tatsächlichen Problemen und Eigenschaften dieser "Systeme" erfährt man so gut wie nichts. Gezeigt werden soll dagegen wohl: Ideologie ist generell schlecht - und Ideologie, die hatten (und haben) nur diese brutalen Sowjets und die in etwas milderem Licht erscheinenden Nazis. Vor allem der Stalinismus ist - so ein Schlüsselwort: "creepy" - unheimlich. Das ist eine der Vokabeln, die Schostakowitsch, der "reine" Künstler und konstruiertes alter ego des Autors, von seiner ebenfalls mysterösen bisexuellen Wunschgeliebten und Englischlehrerin Helena lernt. Der Faschismus lebt dann in der DDR weiter. Schostakowitsch, dem nahezu die Hälfte des Romans gewidmet ist, bekommt nach dem Tod Stalins immer größere Skrupel, was vor allem beim Besuch der "unheimlichen" DDR anfangs der Sechziger gezeigt wird, und seine (fiktive) Wunschgeliebte entpuppt sich als Schimäre. Ein Buch im ideologischen Stil der Fünfziger Jahre.
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am 26. Juli 2013
Leider ist dieser Riesenroman weitgehend gescheitert. Offensichtlich will Vollmann einen Eindruck von der Gewalttätigkeit des 20. Jahrhunderts vermitteln, doch er beginnt nicht etwa mit dem Ersten Weltkrieg, sondern mit dem gescheiterten Attentat auf Lenin und den diversen Reaktionen darauf. Im Hintergrund läuft der (weithin unverstandene) revolutionäre Prozess ab, im Vordergrund geht es anfangs um die individuelle Handlung einer Menschewikin, die in Lenin den kommenden totalitären Diktator wittert. Das Gros des Romans ist dem militärischen Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion gewidmet, und der Autor greift Großereignisse wie die Belagerung Leningrads sowie Stalingrads heraus, die aus der Perspektive diverser Akteure oder Zeitzeugen dargestellt werden. Dies ist zum einen der sowjetische Komponist Schostakowitsch, dessen Leben und Lavieren minutiös ausgebreitet werden. Die furchtbaren Folgen der Belagerung seiner Heimatstadt werden anhand der Siebten Symphonie dargestellt. Ist dieser Teil noch nachvollziehbar, so wirkt die ausführliche Beschreibung der Schicksale des Nazigenerals Paulus sowie des Sowjetgenerals Wlassow höchst problematisch, denn Vollmann scheint sich primär für das Handeln von Außenseitern interessieren, die - aus Gründen, die kaum klar werden - gegen das "Totalitäre" opponieren, auch wenn sie dann als Verräter gebrandmarkt oder erschossen werden. Der deutsche Massenmord an den Juden Osteuropas wird aus der Perspektive des christlichen SS-Mannes Kurt Gerstein gestreift, dessen moralisches Dilemma recht überzeugend dargestellt wird. Die Schilderung der Nachkriegsjahre fällt dann jedoch weiter ab: Da die Nazis als ideologische Großmacht ausgeschaltet sind, wird nur das Dogmatische der Ostseite hervorgehoben, wo sich das Faschistisch-Menschenverachtende angeblich fortsetzt. So wird Hilde Benjamin als "Rote Guillotine", als Neuausgabe des berüchtigten Nazirichters R. Freisler, hingestellt, die so lange unerschütterlich im Dogmatischen verhaftet bleibt, bis man sie an ihre jüdischen Wurzeln erinnert. Schostakowitsch, dem dann noch einmal 200 Seiten gewidmet werden, hat zwar das "Schwein" Stalin überlebt, leidet aber nach 1953 darunter, dass er zu viele Kompromisse gemacht habe. Gesteigert wird das Ganze durch eine höchst schmerzhafte (fiktive) Liebesgeschichte zu einer Studentin, die dem Komponisten Deutsch (oder Englisch?) beibringen sollte. Der Verlust dieser obsessiven Liebe ist genau so traumatisch wie das vermeintliche Scheitern des Komponisten, der vor allem "reine" Kunst schaffen wollte. Das Fazit: Geschichte insgesamt erscheint als gewalttätiger - und weitgehend unverstandener - Prozess. Vollmanns primäres Interesse gilt einzelnen Personen, deren Schicksale er weitgehend erfinderisch ausgestaltet, ohne dass deren Motive klar würden. Sehr oft landet er dabei im Kolportagehaften und kommt gern auch auf versteckte sexuelle Motive zu sprechen. So muss die mysteriöse Studentin Elena obendrein bisexuell sein, um das Ausweglose und Obsessive von Schostakowitschs Liebe herauszustreichen. Ideologisch folgt der Autor der altbekannten Formel: Rot gleich Braun, so dass man sich an das Klima des Kalten Krieges erinnert fühlt.
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am 6. August 2013
Viel Zutreffendes wurde in den vorangegangenen Rezensionen schon gesagt. Auch über die Konstruktion des Romans. Ist es ein weiteres Buch über den Zweiten Weltkrieg, über totalitäre Systeme, über Grausamkeit, Gewalt, Moral und Gewissen, gar über uns selbst ?
Der Mensch ist des Menschen Wolf, meinte schon Thomas Hobbes und stellte ihm den Leviathan, den ordnenden, regelnden und souveränen Staat entgegen. Das kann schon mal schiefgehen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Und jene, die den Zeitläuften mit feinem Sensorium folgen, die Künstlerinnen und Künstler, lassen sich besonders schwer einpassen, wenn der Leviathan unter der Fuchtel (dem Telefon, das damals noch nicht „ smart“ war) von allmächtigen Führern im Namen des Volkes zur zwar gezähmten, aber mordenden Bestie mutiert.
W.T. Vollmann zeigt dies an vier Beispielen, allen voran D.D. Schostakowitsch (Musik), dann A.A. Achmatova (Lyrik), K. Kollwitz (Bildnerei) und R.L. Karmen (Foto/Film). Letztlich müssen alle, sippenbehaftet, zwischen Anpassung und Verderben lavieren, mal so oder anders, aber sie können immerhin das Gift des Wahrhaftigen aus der der Deckung der Kunst versprühen. Der im Fokus stehende Schostakowitsch entwickelt, nicht ganz frei von Zynismus, ein eigenes Verfahren stotternden Hinhaltens, bis zur Erschöpfung, will heissen zum KP-Parteieintritt . Meisterhaft erzählt uns der Autor, wie Schostakowitsch die Erfahrungen seines Lebens in die Musik einwebt. Beispielhaft beim Opus 110; in Sprachsätze verpackte Musik.
Es gibt jedoch ausserhalb der Kunst andere Karrieren zu verfolgen, etwa jene des SS-Obersturmführers, Rassenhygienikers und Katholiken K. Gerstein. Sehen wir uns da etwa in der Rolle des Schweizer Konsuls Hochstrasser, der nicht glauben kann oder will, was er von Gerstein, der mit dem Notizblock bewehrt, tief im mörderischen Sumpf watete, hört ? Staatsräson; die sind gross und wir sind klein, also keine falsche Bewegung ?
Oder der in Stalingrad aus seinem Rattenloch kriechende, in letzter Stunde vom Führer zum Feldmarschall beförderten F. Paulus, der die Weihe nicht mit dem ehrenvollen Schuss ins eigene Hirn dankte, dafür im Gegensatz zu seinen Landsern von den Sowjets nett behandelt wurde und schliesslich den Verzehr des Gnadenbrotes in der DDR vorzog.
Sein russischer Kollege A.A. Wlassow wechselt gutwillig von einer falschen Seite zur anderen, wird vom Klassenfeind zum Rassenfeind und endet schliesslich, zurück in Moskau, an seinem zugewiesenen Platz, am Galgen.
Vollmann erzählt uns auch eine Geschichte von Verbiegungen, die einen am Ende zum Krüppel machen (buchstäblich bei Schostakowitschs schmerzvoller Arthritis).
Der Roman findet in uns die Resonanz, die uns fragen lässt, wo unser Platz ist, wenn die Fahnen wieder im Sturm zu wehen beginnen und das Laufen gegen den Wind unendlich viel Kraft kostet.
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am 13. Dezember 2013
ich bin gerade bei ca. Seite 800 des Romans angelangt und werde mich auch bis zum Ende durchquälen. Ja, quälen ist das richtige Wort war ich doch mehrmals kurz davor das Buch wegzulegen.
Europe Central enthält durchaus gute Passagen, besonders wenn die Geschichte von Randfiguren wie der
Lenin-Attentäterin, Kurt Gerstein, Roman Karmen oder auch Hilde Benjamin erzählt wird.
Was der Autor allerdings mit diesem Buch bezweckt ist mir ziemlich unklar geblieben, teilweise hat mich auch der manchmal recht merkwürdige Schreibstil gestört.
Hinzukommt die ewig lange und breit ausgetretene Geschichte des Komponisten Schostaskowitsch und seine unerfüllte Liebe zu Elena, welche sich dur den ganzen Roman zieht und ewig ausgetreten wird.
Ein Geschichtsbuch ist es sicher nicht, über Stalin, General Wlassow oder Paulus gibt es wesentlich
besseres. Doch was ist es dann ?
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am 16. April 2013
EUROPE CENTRAL (dankenswerterweise hat Suhrkamp sich entschlossen, den Originaltitel auch für die deutsche Fassung zu behalten) ist eine fiktionalisierte Multibiographie europäischer Stimmen, ein im wahren Wortsinn unerhörtes weil bislang nicht zu hörendes Gedanken- und Erlebniskonzert, eine historisch unkorrekte und deshalb wahrhaftige Parallelwelterfahrung, die dauernd auf ihrer eigenen und unser aller Realität beharrt, in Gedanken, Worten und Taten, in Erinnerungen, Wünschen, Bedenklich- und Oberflächlichkeiten.

Erstaunlicherweise hört man immer wieder, dieser Roman sei so etwas wie die moderne Version von Tolstois Krieg und Frieden. Das ist Mumpitz, typisch pseudo-literaturprofessioneller Marketing-Unfug, der nicht nur Tolstois großen Roman beleidigt, sondern auch Vollmanns.

EUROPE CENTRAL ist mehr Katarakt als Kaleidoskop, eine Ordnung, die sich erst im völligen Chaos materialisiert, eine Stimmenvielfalt, die sich bewegt zwischen Kakophonie und Sound of Silence.

Einigen Stimmen zu dieser Rezension entnehme ich, dass meine hier formulierten Eindrücke zumindest teilweise für Verwirrung sorgen. Dafür bitte ich um Entschuldigung, bin aber umso stärker davon überzeugt, dass sich diesem Buch nicht auf übliche Rezensentenweise, also vor allem nicht mit den üblichen Denk- und Vorgehensweisen, genähert werden kann. Lassen Sie alles hinter sich, was Sie bisher über Romane zu wissen glaubten - und vor allem, vergleichen Sie nicht oder nicht vorschnell mit Tolstoi oder anderen gerne in solchen Zusammenhängen herbeigezerrten Autoren. Ich gebe hier immer noch keine Inhaltsangabe, denn dieses Buch auf seine vermeintlich historisch beschriebene Matrix, den Zweiten Weltkrieg, zu fixieren, ist einfach nicht angemessen. Lesen Sie, wenn Sie etwas Inhaltliches vorweg wissen wollen, Suhrkamps Waschzettel oder was auch immer - aber lassen Sie sich nicht von Marketinggewäsch (wenn wir schon beim Waschen sind) à la Tolstoi-Vergleiche, Kriegsromangedöhns oder biographischen Schablonen von Schostakowitsch bis General Paulus aus dem eigenen Konzept bringen.

Vollmann fordert in allen seinen Werken den mitschreibenden Leser - EUROPE CENTRAL ist nur eines, wenn auch ein besonders dominantes Beispiel für diese deutliche Forderung.

Also nochmal: Wenn Sie Krieg und Frieden wollen, lesen Sie Tolstoi. Wenn Sie einen der interessantesten Autoren dieses jungen aber nicht unschuldigen 21. Jahrhunderts wollen, dann lesen Sie Vollmann, und verbinden Sie sich und Ihre Welterfahrung mit EUROPE CENTRAL.

Und noch eine etwas ausführlichere Nachbemerkung, rund zwei Wochen nach Veröffentlichung meiner ersten Eindrücke zu EUROPE CENTRAL: Es wundert mich ehrlich gesagt, dass die kritischen Stimmen sich besonders auf meine Formulierung 'mehr Katarakt als Kaleidoskop, eine Ordnung, die sich erst im völligen Chaos materialisiert...' beziehen - ich greife das hier also nochmals auf, zumal sich damit weitere Hinweise auf den sogenannten Inhalt des Romans ergeben (obgleich ich der Meinung bin, dass die Vokabel 'Inhalt' eher auf Flaschen und andere Gefäße bezogen ist, als auf literarische und andere Kunstwerke).

Wie Sie wissen ist ein Katarakt ein breiter, gewaltiger (Wasser-)Fall, ein Kaleidoskop hingegen ein kleines Rohr, gefüllt mit Flittersteinen, die von innen angebrachten Spiegeln bei entsprechender Drehung zu verschiedenen Figuren angeordnet werden.
Ein Kinderspielzeug, das allerdings eine geradezu philosophische Dimension aufweist und heutzutage stark unterschätzt wird.

Ein Katarakt hat, von seiner äußeren Gestalt abgesehen, eine besondere akustische Dimension: es donnert und rauscht, es grummelt und schmatzt, es grölt und wummert.
Das Kaleidoskop hingegen ist, von einem zarten Rauschen beim Drehen abgesehen, rein visuell. Verbunden sind Kaleidoskop und Katarakt aber in ihrer scheinbaren Unordnung kleiner Teile, die sich neu ordnen und verbinden in gegenseitiger rauschhafter Bewegung. Das leitet über zur Ordnung, die sich im völligen Chaos manifestiert - jeder Physiker und Mathematiker, der sich mit Fraktalen und Quanten beschäftigt, wird solch eine Aussage für redundant halten, denn jedes Chaos ist tatsächlich total geordnet. Im hier angebotenen Sinn setze ich diese eigentlich selbstverständliche Aussage aber als Verstärkung ein, und schließe ab mit dem dritten metaphorischen Vergleich 'zwischen Kakophonie und Sound of Silence' - und greife damit wieder das Bild vom Katarakt und der völligen Stille des Kosmos (und somit der echten chaotischen Ordnung) auf.

Was hat diese zugegeben komplexe fortgesetzte Metapher mit dem Inhalt von EUROPE CENTRAL zu tun?

Nun, eine der Bedeutungsebenen des Romans umfasst klassische Steckverbindungen in einer Telefonzentrale - somit Stimmengewirr 'aus aller Herren Länder', von den berühmten Fräuleins vom Amt aneinander gestöpselt, eigentlich auf Wunsch aber mitunter auch versehentlich, Stimmen, die von Membranen in elektrische Ströme umgewandelt (also entmenscht) werden, technoid und doch nur möglich aufgrund ihrer menschlichen Urheberschaft, Stimmen, die miteinander gegeneinander umeinander und aneinander vorbei reden und sich und ihre Welt somit neu erschaffen - frei nach Wittgenstein: Wirklich ist nur, was ausgesprochen wird. Was ist dieses Stimmengewirr anderes als ein Katarakt (mehr als ein Kaleidoskop, da letzteres visueller wirkt), anderes als chaotische Ordnung, anderes als Kakophonie und Sound of Silence?
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am 2. November 2013
Ein gigantisches Werk, über tausend Seiten lang. (Zu lang!)Das nationalsozialistische Deutschland und das kommunistische Russland sind vielfältig ineinander verwoben. Alles kreuzt sich, alles hängt mit allem zusammen. Für Gegner der Totalitarismustheorie eine Zumutung. Erzählt wird von Käthe Kollwitz, General Paulus und Kurt Gerstein, von General Wlassow, Hilde Benjamin, Lenins Frau Krupskaja, dem Komponisten Schostakowitsch und dem Dokumentarfilmer Roman Karmen. Zahlreiche weitere, teils fiktive Personen kommen vor. Die Belagerung Leningrads (sehr lange, detaillierte Schlachterzählung), der Kampf um Stalingrad und Kursk, die Todes-KZs der Nazis, die DDR sind Schauplätze.
Das Buch ist eine raffinierte literarische Montage, keinesfalls eine historische Dokumentation, über viele Seiten fantasievoll, aber plausibel erzählt. So könnte es gewesen sein, dabei ist es hervorragend ausgedacht, basiert aber auf profunder Literaturkenntnis Vollmanns und erstaunlichen Funden. Über 80 Seiten Anmerkungen zeugen davon. Er verdichtet Zitate, legt sie anderen in den Mund, macht das aber transparent. Zwei Erzähler, ein stalinistischer Geheimdienstmann und ein fanatischer Nationalsozialist schildern und beurteilen das Geschehen von ihrem, jeweils durchaus schlüssigen Standpunkt aus. Eine lebenslange Liebe des Komponisten zu Elena, der späteren Frau Karmens nimmt weite Teile des Romans ein. In Wirklichkeit war es nur eine kurze Romanze.

Am beeindruckendsten war für mich die Analyse der Schostakowitsch'schen Kompositionen. In seiner Musik steckt der Stalinismus und der Zweite Weltkrieg: Der Geschützdonner, das Leid der Soldaten, die Ketten der T 34-Panzer. Deutsche Volkslieder und Stalins Lieblingslied werden zitiert. Auch die stalinistische Kritik an „formalistischen“, ideologisch nicht auf Parteilinie liegenden Kompositionen lernt man kennen. Der allwissende Erzähler aus dem sowjetischen Geheimdienstmilieu würde das „Schwein“ Schostakowitsch am liebsten liquidieren. Man müsse bei Intellektuellen aufpassen, sagt der NKWDler.
Hat sich die Lektüre gelohnt? Bei allem Respekt vor der gigantischen Leistung: eher nicht.
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