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Längst war bekannt, dass Max Frisch (1911-1991) während seiner Berliner Jahre ein tagebuchartiges Journal geführt hatte. Als 2011 die zwanzigjährige Sperrfrist für seinen Nachlass ablief, stellte es also keine allzu große Überraschung dar. Nun liegt also eine Auswahl aus dem „Berliner Journal“ im Suhrkamp Verlag vor. Dabei konzentrierte man sich auf Passagen von allgemeinen literarischem Interesse, während private Notizen aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen weggelassen wurden. An Uwe Johnson, der eine Fotokopie von Teilen des Journals aufbewahrte, schrieb Frisch später: „Ich weiß nicht mehr, was darin steht, viel Krudes, viel Selbstgerechtigkeiten“.

Max Frisch war im Februar 1973 mit seiner Frau Marianne von Zürich nach Berlin gezogen, weil es ihn in der Schweiz einfach zu eng wurde und er einen künstlerischen Neuanfang suchte. Vom ersten Tag an machte er persönliche Notizen (vom Warten auf die Handwerker bis zum Einkauf auf dem Wochenmarkt). Dazwischen Anmerkungen über Treffs mit Schriftstellerkollegen ( Günter Grass, Uwe Johnson u.a.) oder erste Eindrücke, die die Stadt auf ihn macht: „Berlin ohne eine einzige Zeitung von Rang.“ Kritisch setzt er sich mit den Ansichten anderer Schriftsteller (Alfred Andersch) auseinander oder vermerkt seine tägliche Lektüre (z.B. Christa Wolf). Häufig trifft er sich auch mit ostdeutschen Schriftstellerkollegen (Wolf, Biermann, Kunert, Becker). Dabei hatte Frisch den Vorteil, die geteilte Stadt als Außenstehender ohne jegliche Befangenheit zu sehen.

Doch bereits nach einigen Tagen bemerkt er, dass er „beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denkt“. Trotzdem wird er seinem Journal noch bis 1980 seine Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse anvertrauen. Neben Betrachtungen zur Literatur und Auseinandersetzungen mit dem eigenen Werk finden sich auch ganz private Äußerungen über seine Frau und die Ehe allgemein: „M. wie jeder Partner, der viele Jahre mit einem Partner lebt und fast alle Tage des Jahres, muss oft anhören, was sie schon kennt.“

Die vorliegende Suhrkamp-Auswahl endet im März 1974, als Frisch zu einer Lesereise in die USA aufbrach. Dies war ein tiefer Schnitt in seiner Biographie, denn hier traf er die 32 Jahre jüngere Amerikanerin Alice Locke-Carey und diese Beziehung verarbeitete er noch im Herbst 1974 in seiner berühmten Novelle “Montauk“.

Eine Sensation ist das „Berliner Journal“ sicher nicht. Wer große philosophische Überlegungen sucht, blättert vergeblich. Die oft selbstkritischen Notizen legen vielmehr den Menschen Max Frisch frei und sind daher äußerst lesenswert - und das nicht nur für Frisch-Fans.
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am 1. Mai 2014
Max Frischs "Berliner Journal" steht in der Tradition seiner beiden vorherigen Tagebücher. Nach 20 Jahren Sperrfrist, Frisch sprach davon, dass die Hefte erst einmal in den deep freezer gehören, liegen die Auszüge aus den ersten beiden Heften (1973/74) nun vor. Die Eintragungen beginnen mit der Übernahme der neuen Wohnung und enden unmittelbar vor der Reise nach New York, die später in Montauk ihren literarischen Ausdruck finden wird. Die Hefte 3 bis 5 aus dem Archiv behandeln fast ausschließlich Frischs Privatleben (Ehe) und sind deutlich weniger ausgearbeitet als die ersten beiden Hefte.

Das vorliegende "Berliner Journal" enthält Beiträge über Fischs Leben in Berlin, in sich geschlossene fiktionale, meist kurze Texte, Gedanken & Beschreibungen zur DDR sowie zahlreiche Porträts über diverse Literaten (u.a. Uwe Johnson, Günter Grass, Jurek Becker, Wolf Biermann). Dass dabei allzu private Texte aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen ausgespart worden, empfinde ich im facebook-Zeitalter als wohltuend. Frischs Porträt von Johnson bspw. oder seine Beschreibungen einiger DDR-Literaten interessieren mich mehr als der Blick durchs Schlüsselloch und Krisentexte über das Scheitern der Ehe mit Marianne Frisch. Ich halte nichts vom öffentlich-gläsernen Menschen, ich bin gerne ein Privatmensch. Im "Stiller", "Mein Name sei Gantenbein" oder "Blaubart" finden sich genug Ansichten über die Problematik zwischen Mann und Frau.

Auffallend ist, dass Frisch kaum über seine Eindrücke vom West-Berliner Leben schreibt, aber um so neugieriger und ausführlicher Ost-Berlin betrachtet. Frischs Blick auf drüben ist klar, zuhörend und interessiert. Dabei teilt Frisch nicht den damals bei der westeuropäischen Linken populären naiv romantischen Standpunkt zum real existierenden Sozialismus. Auch hier ist er, wie bei den Porträts, um eine vielschichtige Zeichnung bemüht. Aus den Alltagsschilderungen und Gesprächsanalysen gewinnt Frisch grundlegende Einsichten. In diesem Zusammenhang typisch Max Frisch ist z.B. seine pointierte fiktionale Beschreibung der geteilten Stadt Zürich. Ein anderer dichter Text nimmt die grandiose letzte Erzählung "Blaubart" (1982) vorweg. Im Berliner Journal berichtet Frisch auch über die lange missglückten Arbeiten an der Erzählung "Regen", bzw. "Klima". Diese mündeten letztendlich in die 1979 veröffentlichte wunderbare und meisterlich knappe Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän".

Die Lektüre des "Berliner Journals" macht Lust auf Frischs Sprache, seine hervorragenden, angenehmen und berührenden Schilderungen und Analysen. Ein Autor, dem die Zeit nicht geschadet hat, ein Werk (und Gesamtwerk), das zum Lesen einlädt.
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am 22. Januar 2014
Über die nicht unproblematische Herausgebersituation und Textauswahl kann man sicher lange streiten, aber lässt man dieses (mit einem sehr genauen Kommentarteil ausgestattete) Journal, wie es nun einmal vorliegt, auf sich wirken, so fällt Folgendes auf: eine ungeheure Ehrlichkeit in der Selbstbefragung, gerade, was die Rolle des Schriftstellers angeht. Der Erfolg seiner Bücher ist Frisch nicht geheuer; er gesteht sich offen ein, dass erst die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit ihn die Lage versetzt hat, die Gesellschaft, in der er lebt, mit kritischer Distanz zu betrachten.
Als er 1974 mit seiner Ehefrau aus dem ihm zu behaglich vertraut gewordenen Zürich nach Berlin zieht, interessieren ihn vor allem die Verhältnisse im Osten, die er luzide, aber ohne die übliche Selbstgerechtigkeit des Westens entlarvt, als "Bürokratismus mit sozialistischer Phraseologie", ohne jede Mitbestimmung von der Basis.
Lesenswert, oft unter die Haut gehend sind die Portraits der Kollegen: die Geltungssucht des "Staatsschriftstellers" Günter Grass, der ohne wöchtenliche politische "Hirtenbriefe" nicht leben kann, der Aktualität nur erträgt, wenn er selbst drin vorkommt, die Sensibilität Uwe Johnsons (den Frisch siezt, gerade weil sie einander so sehr verbunden sind), die Gereiztheit von Alfred Andersch. Für einen Moment stellt sich der Tagebuchautor Biermann, den er schätzt, im Westen vor, und es erscheint gerade zu hellsichtig der Pausenclown von heute, ohne dass seine damaligen Verdienste geschmälert würden. Doch zugleich lässt Frisch diese Kollegen mit all ihren Schwächen gelten, sieht sich selber als im menschlichem Umgang oft tölpelhaft, ungeschickt an. Seine Bewunderung für den jungen Handke ("Wunschloses Unglück") verlieh er ja schon in dem parallel zu diesem Journal entstanden Roman "Montauk" Ausdruck. Wie unbestechlich sein literarisches Urteil war, zeigen auch seine Einträge zu dem damals im Feuilleton maßlos überschätzten "neuen Leiden des jungen W" von Plenzdorf.
Zwischendrin immer wieder fiktionale Textinseln - etwa die atemberaubende Vision von Zürich als einem zweiten Berlin, durch eine Mauer geteilt. Auch die Reflexionen übers Altern sind tiefgehend, ohne Larmoyanz, wenn er etwa konstatiert, dass seine Sprache unsinnlicher werde, die Wörte "keinen Hall mehr haben" oder er seinen Kampf gegen den Hang zum Alkohol schildert.
Man liest dieses "Berliner Journal" - der Titel ist eine Verbeugung vor Brechts "Arbeitsjournal" - und fragt sich,
ob es einen solchen Typus von Schriftsteller, der dezidiert politsch denkt und analysiert, aber ohne Allwissenheitsattitüde, der öffentlich agiert, ohne um Aufmerksamkeit zu betteln, und der dann folgerichtig auch tiefsinnig, mit eigenem Ton, aber immer verständlich und genau schreibt, überhaupt noch gibt?
So allezu viele Kandidaten fallen mir da leider nicht ein.
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Der Wert von Tagebüchern bezieht sich in seltenen Fällen auf literarische Güte. Zumal bei Schriftstellern stellte man sich ansonsten nicht umsonst die Frage, warum zur Klärung der sprachlichen und kompositorischen Qualität nicht das zu nehmen wäre, was von den Autoren selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Das Interesse an Tagebüchern ist vor allem aus der historischen Perspektive heraus dennoch nicht zu unterschätzen. Tagebücher geben Einlass in die Tagesroutinen, die ganz profanen Ängste, Sorgen, Quälereien oder Ausschweifungen. Daraus kann ein Bild entstehen, das das abgestimmte oder von den Feuilletons erschaffene relativieren. Und in besonders seltenen Fällen bekommt die Nachwelt noch Informationen, die nicht unbedingt das Bild der Person oder des Werkes präziseren, sondern Einblick geben in das, was man die Lebensbedingungen des Zeitalters zu nennen pflegt, zu denen auch die politischen Umstände der Existenz zählen.

Nun, lange nach seinem Tod, erscheint ein Band mit dem Titel Aus dem Berliner Journal. Es bezieht sich tatsächlich auf die täglichen Notizen Max Frischs während seiner Berliner Jahre, die 1973 in einer Wohnung in Friedenau begannen und den Rest des Jahrzehntes andauern sollten. Da das Journal vieles enthielt, was Personen des Zeitgeschehens betraf, war Max Frisch weise genug, die Publikation mit einer 20jährigen Sperrfrist zu belegen. Und die Max Frisch Stiftung, die nun letztlich darüber entschied, was aus den Journalen veröffentlicht werden sollte, war klug genug, das Private und die Beziehung Frischs zu seiner damaligen Frau nicht für die Publikation frei zu geben. In Zeiten, in denen der Voyeurismus zum Massenphänomen geworden ist, haben Charaktere wie Max Frisch und Marianne Oellers auch postum ein Recht auf Schutz.

Neben den nicht untypischen Krisen eines Schriftstellerlebens hinsichtlich akuter Schreibblockaden, Alterungshysterien und Alkoholübertreibungen bietet Aus dem Berliner Journal vor allem Einblicke in Lebensumstände und Studien von Psychogrammen interessanter Literaten jener Zeit. Die Leserinnen und Leser werden Zeugen der Auftritte Uwe Johnsons, sie erhalten Einblicke in die prekäre Existenz Wolf Biermanns in der Chausseestraße, sitzen zusammen mit Christa Wolf am Tisch, wenn sie ihr Verhältnis zur DDR erklärt. Damalige Upcomer wie Jurek Becker sind ebenso mit von der Partie wie Günter Kunert. Max Frisch nutzte das Interesse der DDR, mit literarischen Größen aus dem Ausland Verkehr zu pflegen. Als Etablierter mit einem Schweizer Pass passte er genau in den Fokus der Parteibürokraten. Er ließ sich auf das Werben ein und besuchte Ost-Berlin so oft wie möglich. Und erhielt Einsichten, die bis heute sehr wertvoll sind.

Gerade die Lebens- und Schaffensbedingungen der DDR-Schriftstellerinnen und –Schriftsteller sind vor allem aus heutiger Zeit sehr interessant, weil sie aus der Perspektive eines unabhängigen Geistes geschildert werden, der sich zu keinen Ressentiments verpflichtet sah. Frisch, der immer das Prätentiöse genauso ablehnte wie das gierige Understatement, korrigiert mit seinen Notizen nicht nur das Bild des einen oder anderen Zeitgenossen, sondern er schildert die geteilte Stadt Berlin als einen Status des Irrwitzes, für den beide Seiten teuer mit dem Stigma des Provinziellen bezahlten. Der freie Westen verströmte den gleichen Kleinbürgermief wie die Hauptstadt der DDR.

Aus dem Berliner Journal ist ein wichtiges Dokument. Es ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine und gibt Einblicke in das Leben wichtiger Figuren der Zeitgeschichte, es dechiffriert ideologisch beladene Darstellungen von Lebensumständen in Ost und West und es vermittelt eine Ahnung von den Krisen des literarischen Schaffens.
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am 2. August 2014
Der Schweizer Schauspieler und Dramaturg Franziskus Abgottspon liest sehr zurückhaltend, wohlklingend und auch meditativ die gesamte Buch-Ausgabe von Max Frischs AUS DEM BERLINER JOURNAL. Das "ungekürzt" auf dem CD-Cover bezieht sich auf den Text der Buchausgabe, nicht auf das Berliner Journal von Frisch, das ja erheblich gekürzt wurde, denn nur so wurde eine Veröffentlichung von der Max-Frisch-Stiftung erlaubt. Darüber wurde vor einigen Monaten als das Buch erschien, ausführlich in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen diskutiert.

Der Text von Frisch eignet sich hervorragend zum Vorlesen lassen; Frisch, der in West-Berlin wohnte, aber viel über Ost-Berlin und Ostberliner Befindlichkeiten schreibt, notierte hier keinen zusammenhängenden Text. Gedankenblitze, Momentaufnahmen, Emotionen, Einschätzungen, manchmal ein kaltes, höfliches Lästern über andere........ eine eiskalte Höflichkeit --- die durch die ruhige erkennbar Schweizer Stimme von Franziskus Abgottspon noch höflicher wird. Am Inhalt ändert es jedoch nichts.

Viele Kollegen von Frisch kommen vor in diesem Text, den meisten davon begegnet er - ständig - auf Augenhöhe und umgekehrt. Die Texte über Günter Grass rufen gelegentlich ein Schmunzeln hervor ("Schwierigkeit mit Günter Grass, meine Schwierigkeit").
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am 22. Februar 2014
Faszinierendes Zeitdokument aus den 70er Jahren.
Authentische Berichte Über DDR Autoren wie Kunert, Biermann , Wolf,
Becker .... Nichts ist vergleichbar mit dem lakonischen Erzählton von Max Frisch. Ein Meister der Sprache!
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am 27. April 2014
Das Berliner Journal ist legendär, 20 Jahre Sperrfrist, und jetzt? Leider muss ich sagen, ich habe doch einiges mehr erwartet. Im Vergleich zum Tagebuch 1966-1971 fällt der Text doch ab und ist schliesslich vor allem für Germanisten und Hardcore-Fans interessant. Max Frischs Selbstzweifel, Schilderung von Schriftstellerkollegen und Beschreibungen vom DDR-Kulturapparat. Die Höhepunkte fand ich das kritische Portrait von Günter Grass und die Zürich-Berlin-Analogie.
Beim Berliner Journal ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Edition ein grosses Thema. Nur zwei von insgesamt fünf Heften wurden publiziert. Die restlichen drei seien zu wenig ausgearbeitet, ein Konvolut, und vor allem sprächen persönlichkeitsrechtliche Gründe gegen die Veröffentlichung. Auch im publizierten Text gibt es erhebliche Auslassungen. Da fragt man sich, was da so persönlichkeitsverletztend sein soll. Wenn man die heutigen Anspüche an den Persönlichkeitsschutz auf das Werk von Max Frisch anwenden würde, könnte man das halbe Werk nicht veröffentlichen, wie z.B. Montauk, das in dieser Zeit entstanden ist. So ist zu hoffen, dass in ein paar Jahren das Berliner Journal doch noch umfassender ediert wird. Dann wird man es erst richtig würdigen können.
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am 3. März 2014
Lange hat es gedauert bis die FRISCH-Freunde an seine letzten Tagebuch (Journal)-Eintragungen gelangen konnten. Das Warten hat sich zweifellos gelohnt. Seine geschilderten Kontakte und Eindrücke die unter Beobachtung stehende DDR-Literaturszene betreffend vermitteln eine gute Vorstellung von den dortigen Verhältnissen zu Beginn der 1970er Jahre. Die grenzüberschreitenden Verbindungen aus der Perspektive eines neutralen Betrachters machen den besonderen Reiz seiner Schilderungen aus.
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TOP 500 REZENSENTam 18. Januar 2014
Dass ein Manuskript für 20 Jahre weggeschlossen bleibt, weil es der Autor so wünscht, vermag sicherlich eine gewisse Neugier auf seine Fan-Gemeinde auszulösen. Vor allem dann, wenn es als geheimnisumwitterte Sensation angeschürt wird. Dass bei der Auswahl der Textpassagen und Weglassungen [...] viele Leute ihre Finger drin hatten, ist wohl auch nicht ganz zu leugnen. Zeitungen bringen Vorabdrucke, um so noch die Neugier auf dieses Berliner Journal zu verstärken. Irgendetwas in uns verstärkt die Neugier, wenn ein Autor ein Manuskript mit einer 20jährigen Sperrfrist wie hier versieht. Doch nur 2 von 5 Heften finden den Weg in die Veröffentlichung, Auslassungen werden akkurat deklariert und lassen emotionale Ausbrüche erahnen. Ein Teildruck also. Ein Buch, das aus meiner Sicht viel zu hoch gehandelt wird, was seinen angeblichen literarischen Wert anbelangt. Vom Verlag hoch angepriesen, vom Feuilleton in den 7. Himmel gelobt, doch den Leser dürfte hier wohl eher ein durchzogenes Werk erwarten, das weit entfernt von seinen Versprechungen liegt.

Erfahren wir wirklich Neues, ist es lesenswert? Ich finde, nur teilweise. Die Stiftung des Herausgebers entscheidet also, was dem Leser erlaubt wird zu lesen und was nicht. "Persönlichkeitsrechtliche Erwägungen" sind es also, die hier das Grundkriterium der Auslassungen bestimmen. Soll verstehen, wer will. Die FAZ schreibt dazu am 10.1.2014: "Die Max-Frisch-Stiftung hat schon eine sehr eigenwillige Art, das Persönlichkeitsrecht je nach Stimmungslage und über alle betroffenen Personen hinweg auszulegen." Ehrlich gesagt, muss ich mich dieser Aussage vollumfänglich anschliessen.

Als Max Frisch Anfang 1973 nach Berlin zieht, hofft er auf Kontakte, Freundschaften, Abwechslung, Beziehungen zu Schriftstellerkollegen, Tapetenwechsel trotz einem Wohnsitz in Zürich und Berzona (Tessin). Viel Alltägliches wird hier erzählt und viel getrunken. Frisch bringt Eindrücke, Erlebnisse und Ereignisse aus dem Alltag zu Papier. Kleine Beschreibungen über Schriftstellerkollegen, wie etwa über Grass, Wolf, Enzensberger, Uwe Johnson oder Wolf Biermann, sind hier gegeben und werden literarische Gefährten, die hier leben. Interessant ist dabei, dass er seine Kollegen zwar porträtiert, aber eigentlich nie etwas zu ihren Werken sagt. Ein Schweizer Autor, der die Gesellschaft im Herzen der Literaturszene, also Berlin, zu deutschen Autoren sucht. Das politische Geschehen wird reflektiert, wir sind in den Jahren 1973/74. Die Ehekrise mit Frau Marianne (M.) kommt immer wieder zur Andeutung, mit der er von 68-79 verheiratet war. Mit der Bekanntschaft mit der Amerikanerin Alice Carey kommt für Frisch in der Erzählung Montauk aus dem Jahre 1975 eine wesentliche Veränderung auf ihn zu, die die kriselnde Ehe immer mehr beanspruchte. Entwürfe zu einem dritten Tagebuch gaben diesbezüglich Details preis, auch wenn sich Frisch ausdrücklich gegen eine Veröffentlichung wehrte. Eigenes Unvermögen, Selbstzweifel, Kritik und die Tatsache, mit dem eigenen Erfolg nicht umgehen zu können, persönliche Befindlichkeiten werden hier im Berliner Journal offen gelegt. Max Frisch schreibt am 17.2.1972: "Seit ich die Notizen, die anfallen, in ein Ringheft einlege, merke ich schon meine Scham;"

Leser werden Zeuge, wie ein Erfolgsschriftsteller sich selbst nicht ausstehen kann. Frisch mäandert ständig zwischen Erfolg und Krise, zwischen Selbstbeschäftigung, Arroganz und Selbstmitleid. Und das, obwohl er durch seine schriftstellerischen Erfolge steinreich wurde. Wer sich für diese Zeit der 70er Jahre in Punkto Literatur und Politik interessiert, dürfte sicher hier fündig werden. Für mich persönlich muss ich sagen: Eine sehr alltägliche und nicht gerade berauschende Lektüre, die einen packen könnte: viel Lärm um nichts. Wie jeden anderen Menschen auch, beschäftigen Frisch das Älterwerden und natürlich der nahende Tod. Auch das Sterben von Kollegen. Frisch gewährt uns einen kleinen Einblick in sein Schriftstellerleben, soweit der Herausgeber das zulässt. Irgendwann realisiert man: Auch Schriftsteller sind Menschen. Suhrkamp ist grosszügig mit der Seitenverteilung, selbst für eine Auslassung [...] auf Seite 155 widmet der Verlag/Herausgeber eine ganze Seite, das ist der Gipfel! Dass die im Anhang versehenen Anmerkungen nicht einmal im Text markiert sind (!), ist mehr als ärgerlich, wenn man einmal von den Anmerkungen vom Nachwort absieht.

Offenbar wurde auf seine über vierundsiebzigjährige Ex-Frau Marianne Rücksicht genommen, die bis heute noch in Berlin lebt und offenbar den Inhalt bis vor kurzem nicht kannte. Diese Passagen sind es wohl denn, die der Weglassung bedurften. Doch ist es vielleicht gerade das, was die Leser interessiert, also irgendwie paradox. (Gerade das ist vielleicht das Geheimnisumwitterte - dem spätestens hier seine strahlende Kraft genommen wird.) Die Regel ist einfach: Je intimer die Beschreibungen, desto grösser die Persönlichkeitsrechte. Doch um noch mitzukriegen, wie das damals war mit Ost- und Westberlin, bekommt man sicherlich authentische Eindrücke mit, welche Atmosphäre die damalige DDR eben hatte. Gerade Autor Frisch interessierte sich viel mehr für Ost- als für Westberlin. Ein kurzweiliges und karges Skizzenbuch, um das viel Lärm um Nichts gemacht wird, trotz penibler Stellungnahme des Herausgebers. (Was interessiert es mich, ob es heisst: "was unseren Gespräch zu gut kommt" oder "was unserem Gespräch zu gut kommt"? Seite 202 Herausgeberbericht / Eingriffe in den Text. Vielleicht wäre es besser gewesen, so manchen Flüchtigkeitsfehler zu belassen und dafür weniger Text zu streichen...(Nur die Stiftung hat anscheinend das Recht, seine kompletten 5 Ringhefte zu lesen und es den Lesern vorzuenthalten).

Zitat: "Wenn Deutsche nicht siegen, geben sie zu, dass sie Pech hatten und der Gegner viel Glück; was im umgekehrten Fall ganz anders ist." (Max Frisch über Schach und Fussball) S.126
"(..) man fühlt sich wie ein Rumpelstilz, während man die fremden Zeitungen liest.."

PS: Übrigens das gleiche Gezerre um den Briefwechsel Max Frisch mit Ingeborg Bachmann, wo vorerst die Erben dem Ganzen einen Riegel vorgeschoben haben, wenn man dem Artikel von Martin Ebel vom 17.1.2014 im "Der Bund" vertrauen darf. Manchmal ist es schon seltsam, wie viele Leute bei Nachlässen und unveröffentlichten Manuskripten bei Schriftstellern sich wichtig machen und meinen, auch hier noch ein Wörtchen mitzureden. Solch ein Gebaren dürfte sich auch in Zukunft nicht ändern, wenn ein Schriftsteller eine gewisse Bekanntheit oder Berühmtheit erlangt hat. Ob er nun Max Frisch oder sonstwie heisst, einen bitteren Nachgeschmack, angereichert mit einer Note Unverständnis, ist fast immer feststellbar, auch wenn das nicht immer eine wirkliche Freude ist, aber so ist es halt mit Nachlässen, im Grunde wird auch hier gestritten, nicht selten wie bei Erbschaften, aber vielleicht ist das ja allzu menschlich.

Empfehlung: Antwort aus der Stille: Eine Erzählung aus den Bergen (suhrkamp taschenbuch) / Hat mir persönlich besser gefallen.
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am 15. März 2014
Im Vorfeld wurde sehr viel Wirbel um dieses Buch gemacht. Nach 20 Jahren Verschluss jetzt erstmals zu kaufen.

Da ich momentan in Berlin bin, hatte mich das Buch und den Menschen Max Frisch sehr interessiert. Seine Zeit während der Teilung Berlins und seine Beschreibungen der damaligen DDR sind sehr authentisch rüber gekommen.

Anregendes wenn auch kurzweiliges Buch!
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