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VINE-PRODUKTTESTERam 7. Dezember 2012
Viele Lobeshymnen hab ich gelesen, ich weiß nicht, von welcher Zeitschrift die letzte. Immer war es sehr intellektuell & geistreich; es war wichtig. Setz treffe den Kern einer Sache (einer Generation!!), sein Zynismus, sein Spiel sei Zeitgeist & brilliant. Es war trotzdem nicht auf meiner persönlichen Shortlist, & wäre mein Buchclub nicht gewesen, ich hätte vermutlich nie danach gegriffen. Sei's drum. "Indigo" also, das hab ich grade weggelegt, & bin... entnervt.

Schon wieder so ein intellektuelles Heißgebläse, dem man den Stempel "postmodern" aufdrückt, um es rechtfertigen zu können. Pynchon soll ich vorher lesen, um die Tragweite zu begreifen. Die ganzen Spielereien, das In-die-Irre-Führen... Ja, mei. Vielleicht versteh ich auch den österreichischen Schmäh - Augenzwinkern, Augenzwinkern -, nicht... Ja, theoretisch ist das alles möglich. Was ist aber das faktische Haben?

Setz bzw. Seitz ist (1) Mathematiklehrer in einem Institut für Kinder mit dem Indigo-Syndrom; einer Art... Krankheit, die andere Menschen krank macht (um es mal komplett zu vereinfachen); (2) ein Journalist auf der Suche nach verschwundenen Indigo-Kindern; oder (3) eine Mischung aus beiden. Dann haben wir Robert, einen ausgebrannten Dingo, ein Indigo-Twen, der keinen mehr krank macht, weil seine "Werte" im Laufe der Jahre weniger wurden, & er damit "schwächer" in seiner Brennglaswirkung. Seine Freundin hat zwar ein kleines Tablettenproblem, & vielleicht gibt es da einen Zusammenhang, aber wie auch immer. Dazwischen findet sich desweiteren die Familie Stennitzer (in deren Mittelpunkt das nächste Indigo-Kind, Christopher, steht), & noch viele andere wunderliche Charaktere, wie Ferenc bspw. (der mit dem Glühbirnenkopf). Ein bisschen SciFi, ein bisschen Fantasy, durchgemischt mit vielen popkulturellen Verweisen & Gesprächen, wie man sie in der Generation 20+ schon überall auf jeder Party mal gehört hat. Legen wir es noch als Puzzle an, dann haben wir eigentlich eine gute Geschichte. Denn alles ist mysteriös, geheimnisvoll. Man weiß nicht, woher das Indigo-Phänomen kommt; auch nicht, wohin manche Kinder plötzlich verschwinden. Warum reagieren manche Menschen so empfindlich auf Tiere (oder Tierbilder), sobald sie längere Zeit den Indigos ausgesetzt sind oder waren? Was sind das für Schwitzkuren, warum wird Setz bzw. Seitz eigentlich wirklich aus dem Institut entlassen, &c. &c. &c. Die Kette an Fragen, die sich dem Leser im Laufe der Geschichte um den Hals wickelt, ist schier endlos. Kapitel um Kapitel sucht man nach Zusammenhängen, blättert manchmal vielleicht sogar zurück, weil man glaubt, etwas Wesentliches verpasst zu haben - immer ist Setz bzw. Seitz dem Leser einen Schritt voraus.

Was ist bei der Familie Tätzel bspw. wirklich passiert? Worum geht es bei den Interferenzen?
Oder mit anderen Worten: Was hat hier etwas überhaupt mit etwas anderem zu tun?
Aktueller Zwischenstand: nichts mit gar nichts.
Oder anders: Es ist alles ein großer Scherz, ein Augenzwinkern.

Natürlich sind Robert, eine Fiktion in der Fiktion, & Setz bzw. Seitz sich jeweils Spiegelbilder. Der eine malt Tierbilder, dem anderen wird davon schlecht. (Was mich übrigens an "Do Androids Dream of Electric Sheep?" von Philip K. Dick erinnerte, wo vermeintliche Menschen als Androiden entlarvt werden, weil sie unter anderem nicht genügend bzw. keine Empathie für (ausgestorbene) Tiere aufbringen können - auch das ein Querverweis? Möglich). Auch Roberts Freundin Cordula & Setz' bzw. Seitz' Freundin Julia sind sich Spiegelbilder, allerdings wiederum verdrehte (auch Cordula wird schlecht vom Anblick von Tieren während Julia in einem Tierheim arbeitet & manchmal sehr präzise Schilderungen von den Tieren gibt). Alles eine Frage des Mitleids? Eine Infrage-Stellung unserer Gesellschaft, in der gerade Empathie oft Mangelware ist? Immerhin: was täten wir mit Kindern, die so eine Symptomatik aufweisen?

Okay, gekauft. Meinetwegen, da gibt es also eine Meta-Ebene, & die funktioniert sogar in ihrer Vielschichtigkeit. Zumindest bis zur eigenen Grenze - zur Distanz, welche die Menschen im Buch zu den Kindern halten bevor sie krank werden. (Oder im umgekehrten Fall: zu Setz bzw. Seitz, der krank von anderen Menschen wird - egal, ob mit oder ohne Indigo-Syndrom). Aber muss das denn alles bitte so wirr sein?

Es ist nicht so, dass ich die Dialoge verdamme - sie sind ihrer stottrigen Fasrigkeit sehr realistisch -, oder das Zusammensuchen von Fragmenten (ich liebe "Die wilden Detektive" von Roberto Bolaño, oder "Leben Gebrauchsanweisung" von Georges Perec, wie könnte ich Puzzle also NICHT lieben?), sondern viel mehr die Plotentwicklung als solche. Dem Leser werden Fragmente gegeben & mit denen soll man spielen. Gesagt, getan. Am Ende aber bleibt nichts als ein Fragment zurück, & dieses will einfach nicht so recht passen. Es fiel mir schwer, mich auf "Indigo" zu konzentrieren; am Anfang, als die Erzählung konstant sein wollte, interessierte mich das Thema - bis zur halben Strecke, dann las ich aus Neugier. Bis zu den letzten zwei Teilen, da dann nur noch aus Verzweiflung, weil ich schon ahnte, dass es kein Ende geben würde. Zu oft spielt Setz bzw. Seitz auf offene Enden an (die Frauen in Brooklyn sind nur eine Episode von vielen).

Keiner der Momente will wirklich schlüssig sein - Spiegelbilderlogik hin oder her. Zu viel wird gequasselt & mit Bedeutung aufgeladen, nur um eine Seite weiter gegen die nächste Wand zu fahren; alles führt in die Übelkeit, ins Absurde. Ein Panorama ohne Grenzen. Das nennt man dann postmodern, & schon klatscht die Meute Applaus... ? Ich meine... ernsthaft? Will mir jetzt wirklich einer erzählen, der Sinn des Buches liege im Rätselraten auf das es keine Antworten geben kann, weil sie nicht im Buch sind? Seriously? & das funktioniert?

Ich für meinen Teil sitze jetzt neben dem zugeschlagenen Buch & frage mich, was es für mich bedeutet hat. Ein Puzzle darf offene Enden haben, ein surreales Bild darf mich verstören - beides schlüssige Argumente. Beide treffen aber auf "Indigo" nicht zu. Nicht für mich. Es ist nicht so, dass ich auf Erklärungen gewartet habe, auf Knoten in offenen Enden, o Gott nein. Dass sich ein Indigo im privaten Häuschen auf dem Grundstück der eigenen Eltern erhängt? Ja, das ist plausibel, das mag ich. Auch die Entwicklung einzelner Charaktere - wie Cordula, die Robert beglückwünscht, als er sie mit einem gezielten Schlag zur Trennung bringt, &c.

Ich mag das Gefühl nicht, dass mir als Leser damit vermittelt werden soll: das hier, das ist der postmoderne Roman, & so ist er beschaffen. Schau an, da läuft er über vor lauter Intelligenz. Wir haben Themen von 100 Jahren Kultur verpackt auf 475 Seiten; unsere Gesellschaft ist dies & das, & von allem zu wenig... La-ti-da. Okay... Ja, gut, dann, also... äh. Wenn das der postmoderne Roman ist, dann warte ich tatsächlich lieber auf die nächste Epoche, danke. Am Ende nämlich, da bleibt mir nichts - kein Mitgefühl für die Charaktere, kein Aha-Effekt der Rätsel wegen, kein - Nichts. Ich habe ein paar Tage mit diesem Buch zugebracht & mich zugegebenermaßen mitreißen lassen von der anfänglichen Geschwindigkeit; dass das jetzt aber ein "schlaues" Machwerk sein soll, dessen Bosheit auch noch mit Nabokov verglichen wird, empfinde ich fast schon als Beleidigung. Dieses Infrage-Stellen, das Rätselraten ist kein konstruktives, es führt nirgends hin. Daher... nein, für mich ist dieses Buch nicht mal ein Achtel seines Hypes wert.
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am 2. Dezember 2012
Dort, wo die Zusammenfassung der Handlung bei Amazon endet, da ist auch die Handlung des Buches beendet. Das Buch besteht in der zweiten Hälfte aus Einzelszenen,wie z.B. Männern bei Schwitzkuren, einer Videovorführung oder einer Beerdigung. Es hat zwar alles mit dem Thema des Buchs zu tun, bringt aber dem Leser keine Erkenntnisse zur Story.
Es sieht beim Lesen immer so aus, als steuere die Handlung auf etwas Wichtiges zu. Man liest und liest und hofft, endlich irgendwie Licht ins Dunkel zu bringen, doch dann gibt es plötzliche Themenwechsel oder die Handlung gleitet in Banalitäten und vage Andeutungen ab. Wie einfach ist es doch für einen Autor Geschichten ohne Ende zu schreiben? Es gibt da die Geschichte von den Frauen, die an einer Babyklappe Schlange stehen. Alle Frauen haben entweder ein Baby dabei oder sind hochschwanger (um ihre Kinder gleich rittlings auf der Babyklappe sitzend zu gebären!), ausser einer Frau, die allein ist und auch nicht schwanger. Die anderen Frauen wollen wissen, warum sie da steht und wartet, aber sie reagiert nicht. Dann ist sie dran und alle sind gespannt, was nun passiert. Und nun? Abrupter Themenwechsel, der Leser erfährt es nicht. Eine der vielen kleinen Stories ohne Ende. Das Buch liefert keine Erkenntnisse, sondern offene Enden und Andeutungen.
Am schlimmsten sind die Dialoge. Sie wirken konstruiert und die Sprecher fallen sich entweder dauernd ins Wort, so dass es niemals zu einer vernünftigen Aussage kommt, oder sie reden nur vage um den heissen Brei herum. Das ist schlicht unerträglich. Im Buch macht Herr Setz zwei Besuche bei Indigo-Familien. Die Gespräche dort sind wie eben beschrieben. Zusätzlich dazu wird dann noch dem Leser der Eindruck vermittelt, er hätte etwas Wichtiges überlesen, weil an anderer Stelle im Buch, diese Besuche betreffend, von anderen Leuten erstaunt gefragt wird: "Ja, haben Sie denn nichts gemerkt? Das hätte Ihnen doch auffallen müssen..." usw. Und wieder nur vage Andeutungen, aber keine konkreten Aussagen. Und so zieht sich das das ganze lange Buch hin.
Gewürzt wird das Ganze dann noch durch absichtlich eingestreute sinnlose Nebensächlichkeiten, wie z.B. der fast überall presente iBall, dessen Funktion scheinbar nicht mal der Autor kennt, der mit der Handlung absolut nichts zu tun hat, der aber dem nach Erkenntnis suchendem Leser den Eindruck vermittelt, er wäre noch irgendwann in dem Buch wichtig. Auch wird Herr Setz im Buch in der Anfangsphase ein paar mal mit i, also Seitz geschrieben, ohne Sinn, ausser vielleicht den Leser absichtlich zu verwirren.
Alle Protagonisten haben übrigens psychische Probleme oder irgendwie eine Schraube locker. Beginnend bei Herrn Setz, der zunehmend wahnsinniger wird, Robert Tätzel, der mit sich selbst in Batman-Sprache kommuniziert, seiner tablettensüchtigen Freundin Cordula, dem Professor in der Helianau, der ein seltsames Verhältnis zu seinen Patienten hat bis zur Mutter eines Indigo- Kindes, die nervös und gestört ist. Und noch ein paar andere, die ich nicht alle aufzählen möchte. Das ist der Grund, warum die Szenen mit diesen Menschen immer beklemmend wirken. Sie verhalten sich nicht logisch und normal.
Dazu kommen dann noch die merkwürdigen Tiergeschichten, die in dem Buch erzählt werden. Da geht es um Affen, die entweder einen Abflusshahn am Hinterkopf ins Hirn operiert haben oder denen Drähte aus der offenen Schädeldecke heraus ragen (und dann so gekreuzigt werden). Oder um Hähne, die im Keller gehalten werden, ohne das Tageslicht zu sehen und trotzdem morgens krähen. Es wird von einem Hahn erzählt, dem der Kopf abgehackt wurde und der trotzdem gelebt hat. Und natürlich die Maus mit dem menschlichen Ohr auf dem Rücken. Versuchstiere, einfach nur beklemmende Bilder. Auch sie haben nichts mit der Handlung zu tun.
Und dann hätten wir da noch die rote und die grüne Mappe, die für "go" und "no go" stehen. Zum Schluss des Buches erfährt man, wer da für wen Material in diesen Mappen gesammelt hat. Aber nicht, dass einen das weiter bringen würde oder einen echten Sinn machen... Das Material in diesen Mappen wird von Anfang an alle Paar Seiten willkührlich in das Buch gestreut. Ohne Erklärung natürlich. Da geht es um historische Artikel von "Indigo-Phänomenen", um einsame Telefonzellen in der Wüste und am Ende des Buches finden auch ein paar handgeschriebene Notizen von Herrn Setz dort hinein. Warum auch immer... Der im Dunkeln tappende Leser sucht auch hier nach Erleuchtung, ohne grossen Erfolg. Hier noch eine technische Anmerkung: Ich habe Indigo auf dem Kindle gelesen. Die Artikel aus den Mappen waren grösstenteils in so winziger Schrift, dass ich eine Leselupe gebraucht hätte.
Ach ja: Sie wollen wissen, was mit den relozierten Kindern passiert ist? Sie werden es nicht erfahren, evtl. können sie es ansatzweise ahnen. Aber diese Ahnung wird unbestätigt bleiben.
Fazit: Ein für mich absolut unbefriedigendes Leseerlebnis. Vielleicht würde ich noch zu der ein oder anderen kleinen Erkenntnis gelangen, wenn ich das Buch noch einmal lesen würde. Das tue ich mir aber sicher nicht an. Ich habe dieses Buch überhaupt zu Ende gelesen, weil ich bis zur letzten Seite auf ein "Aha"-Erlebnis gewartet habe, das aber nicht kam. Das Buch ist beklemmend und verwirrend. Ich würde es niemanden aus meinem Freundeskreis empfehlen.
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am 4. März 2013
"Indigo" ist ein Paradebeispiel für einen postmodernen Roman. Alles, was man so von Romanen weiß und erwartet, wird ein bisschen durchmischt. Am Ende weiß man dann: Man kann sich auf kein Ordnungskriterium verlassen außer darauf, dass alles Fiktion ist. "Indigo" ist ein bisschen Krimi, ein bisschen Science Fiction, ein bisschen Entwicklungsroman, ein bisschen Gesellschaftskritik, aber ganz sicher Literatur.

Entsprechend schwer ist es, eine Handlung nachzuerzählen, denn selbstverständlich gibt es keine richtige Handlung.
Die Handlung spielt von 2013 aus gesehen in der unmittelbaren Zukunft. In dieser Zeit sind manche Kinder von einer rätselfhaften Krankheit befallen, dem Indigo-Syndrom, das ihren Mitmenschen Migräne und Schwindel verursacht. Sie bilden eine einsame, von den Eltern gleichzeitig zur Plage und zur Erlösung stilisierte, Elite. An einem Internat soll der Mathelehrer Clemens J. Setz diese Jugendlichen unterrichten. Der etwas verwirrte Lehrer, der neben seiner Verwirrtheit vor allem darunter leidet, dass er keine Darstellungen von leidenden Tieren ertragen kann, macht die Beobachtung, dass aus diesem Internat, gelegentlich Kinder verschwinden. Keiner will über dieses Verschwinden reden. Er macht sich auf die Suche und trifft auf seltsame Verhaltensweisen. Während seiner Zeit im Internat rät ihm seine Freundin, seine Probleme mit den Jugendlichen zu therapieren, indem er über die Kinder schreibt.
Den zweiten Erzählstrang bildet die Geschichte Roberts, eines Schülers des Internats, der von dem Lehrer unterrichtet wurde. Zwischen ihm und dem Mathelehrer gibt es deutliche Parallelen.

Beide Erzählstränge werden in Fragmenten präsentiert. Man liest Aufzeichnungen und Rechercheergebnisse des Lehrers Setz in einer fingiert ungeordneten Reihenfolge.

Clemens J. Setz - der Autor - beherrscht das Erzählprinzip, das muss man ihm lassen. Der Roman ist großartig konstruiert, sprachlich gut gemacht: in ihrer Sinnlosigkeit beeindruckende Dialoge, witzig; verschiedene Stile werden gut getroffen.

Nur leider besteht der Witz dieser Art von Roman eben darin, dass alle Deutungen ins Leere laufen. Und dieser Witz ist mittlerweile ein alter Hut. Nach 50 Seiten hat man das Konstruktionsprinzip erkannt, man weiß, dass nichts aufgehen wird, dass alle Sinngebungsversuche Sackgassen sind, dass das Puzzle kein Bild ergeben wird. Die weitere Lektüre ist dann amüsant und intellektuell anregend, aber die Luft ist raus.

Ich habe mich über die Perfektion der Konstruktion gefreut, aber dann leider auch ein bisschen gelangweilt. 450 Seiten sind doch zu lang, um sich dauerhaft am Witz des Autors berauschen zu können.
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am 20. Februar 2015
Der Anfang war echt gut. Anders. Sowohl sprachlich als auch die Story. Aber mit der Zeit hat mich das "Namedropping" (gelesene/zitierte Bücher; Musik; Filme) etwas genervt. Der Schreibstil und auch die Geschichte wirkte auf mich zu gewollt, zu gekünstelt. Es schien mir, als wäre es dem Autor wichtiger, zu zeigen was er kann, was er weiß, als einfach nur eine spannende Geschichte zu erzählen.
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am 18. Februar 2016
In der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Alle Personen, die ihnen zu nahe kommen, werden von Schwindel, Übelkeit und heftigen Kopfschmerzen befallen. Der Lehrer Clemens Setz soll hier Mathematik unterrichten und beobachtet seltsame Vorgänge: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekannten Ziel davongefahren. Setz beginnt mit Nachforschungen, doch schon bald wird er aus dem Dienst entlassen. Jahre später berichten die Zeitungen über einen Prozess, der großes Aufsehen erregt: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird von dem Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben.

Der Roman Indigo von Clemens Setz ist nicht leicht zu lesen. Erzählt wird von zwei verschiedenen Protagonisten auf unterschiedlichen Zeitebenen. Verwirrt hat mich vor allem am Anfang, dass eine Hauptperson genau wie der Autor selbst heißt und dieser laut Klappentext bis heute an den Nachwirkungen des Indigo-Syndroms leidet. Zum einen wird also die Geschichte von Setz erzählt, seine Erfahrungen am Helianau Institut und seine späteren Nachforschungen. Die andere Geschichte ist von Robert Tätzel, einem ehemaligen Internatsschüler, der 15 Jahre nach der Entlassung von Setz in der Zeitung den Bericht zum Prozess gegen einen Mathematiklehrer liest. Dass sowohl Setz als auch Tätzel mit starken psychischen Problemen zu kämpfen haben, wird sehr schnell deutlich. Der Leser begleitet Setz bei der Recherche nach den Hintergründen des Indigo-Syndroms sowie Tätzel auf der Suche nach seinem ehemaligen Lehrer. Erzählt wird das Ganze sehr fragmentarisch. Häufig wird der Eindruck erweckt, als würde der Leser durch die tagebuchartigen Ausschnitte aus der Mappe von Setz an dessen Nachforschungen teilhaben. In der Mappe finden sich Notizen zu Gesprächen mit verschiedenen Personen, die Setz dabei helfen, das Indigo-Syndrom zu verstehen und ihn auf die Spur der verschwundenen Kinder bringen sollen, die „reloziert“ werden. In der Mappe sind zudem fiktive medizinische Protokolle, philosophische Abhandlungen und Photographien, die immer wieder den Eindruck erwecken, dass das Indigo-Syndrom in der hier geschilderten Form tatsächlich existiert. Die andere Figur, Robert Tätzel, lasst den Leser unmittelbar an seinen Gedanken teilhaben, die häufig verstörend sind. Meistens geht es um unheimliche oder grenzüberschreitende Dinge, die in den meisten Fällen von Gewalt geprägt sind.

Der Roman ist zudem voller Anspielungen auf Literatur, Musik, Filmen, Serien und Comics.

Indigo von Clemens Setz war für mich nicht immer leicht zu lesen. Die vielen Anspielungen, die dargestellten Phantasien der Protagonisten waren nicht gerade einfach. Der Roman ist mit Sicherheit keine Lektüre für Jedermann, vieles wird nur angedeutet und der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. Ein Buch, auf das man sich einlassen muss und das den Leser durch seine experimentelle Art sehr fordert.
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am 25. Juni 2014
Oh je, oh je, wie konnte sowas nur auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis landen?
Vielleicht liegt das Augenmerk hierzulande einfach mehr auf technischer Raffinesse als phantasievolle Geschichten. Technisch gut schreiben kann Clemens Setz, das steht außer Frage. Für mich hat Literatur aber zuerst einmal etwas mit erzählen zu tun und wer nichts zu erzählen hat, soll es doch einfach lassen.

Dabei lasen sich die ersten 50 Seiten dieses Buches noch super. Das Szenario der Indigo-Kinder wird langsam und dicht aufgebaut, man freut sich auf den Moment, in dem sich die Geschichte aus dieser düsteren Atmosphäre erhebt. Doch der kommt einfach nie. Statt dessen gibt es zuviel Geschwurbel über Star Trek und andere Belanlosigkeiten, wie sie vor etwa zehn Jahren in großstädtischen WG-Küchen typischerweise so durchgekaut wurden. Wers selbst erlebt hat, hat heute sicher genug davon. Wers nicht erlebt hat, nichts verpasst.

Setz versteckt die Phantasielosigkeit seines Buches hinter der großen Geste postmodernem Dekonstruktivismus. Alle möglichen Themen für eine tatsächliche Geschichte, die mir in zwei Minuten Überlegen zum Thema eingefallen sind, wurden irgendwann in Halbsätzen angedeutet, aber nicht ausformuliert. Natürlich soll diese Verweigerung meine Erwartung als Leser brechen, aber wenn aus der enttäuschten Erwartung keine weitere Erkenntnis erwächst, dann war die Übung umsonst (und um etwa 300 Seiten zu lang). Vielleicht sei Herrn Setz als Übungslektüre "A Visit From the Goon Squad" empfohlen. Jennifer Egan zeigt sehr schön, wie man aus ständig wechselnden Erzählperspektiven, Zeitsprüngen und abrupten Brüchen wirklich etwas entsteht. Bei "Indigo" treiben nur die ständigen Fontwechsel den Layouter in den Wahnsinn.
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am 24. Januar 2013
«Irgendwann gewöhnt man sich gegen alles». Bastian Sick, Autor von «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod», hätte seine helle Freude an diesem Wortspiel von Clemens J. Setz, das sich in seinem Roman findet und auch den Rückumschlag ziert. Ich glaube, irgendwann gewöhnt man sich an Allem, auch am Dativ, woran ich mich aber partout nicht gewöhnen kann, das sind solche Romane! Großangelegte Experimente mit Wörtern, die keinen Sinn ergeben, Nonsens pur in Buchform, dem nur unbeirrbare Esoteriker eine tiefere Bedeutung andichten können.

Judith Schalansky, selbst Autorin bei Suhrkamp (Der Hals der Giraffe), zeichnet für Typografie und Einband verantwortlich. Mit lila Vorsatzpapier, handgeschriebenem Inhaltsverzeichnis, wechselnden Schriftfonds, eingestreuten Bildchen und Notizen im Faksimile hebt sich das Buch schon vom rein Handwerklichen her deutlich ab, vom Inhaltlichen her aber ist es gegen alle Konventionen. «So böse wie Nabokov, so virtuos wie David Foster Wallace» steht auf dem Rückumschlag, das hatte mich neugierig gemacht, und natürlich auch die Platzierung auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Clemens J. Setz erweist sich als außerordentlich kreativer Kopf mit ausgeprägtem Sinn für schwarzen Humor, dem es gelingt, eine beklemmende, unheilschwangere Atmosphäre zu erzeugen, die bei manchen Lesern, glaubt man den diversen Rezensionen, sogar körperliche Wirkungen wie Kopfschmerzen zeitigt. Macht das ein «Meisterwerk» aus diesem Roman? Eine interpretierende Analyse dieser verwickelten, schwindelerregenden (sic!), manchmal sogar brutalen Textcollage erspare ich mir, der Autor gefällt sich nämlich in der Rolle des Nerds, der seine tumben Leser in einem ausgangslosen Labyrinth von Andeutungen, Rätseln und Geheimnissen umherirren lässt. Vieles ist abgründig und beiläufig gleichermaßen, nichts klärt sich auf. All das ist geschrieben in einer angenehm zu lesenden, klaren Sprache, die in einem auffallenden Gegensatz zu den sämtlich wirre erscheinenden Protagonisten steht, zu denen man, wie auch zum Plot, keinen rechten Zugang findet (ich jedenfalls). Kein Vergleich übrigens mit D.F.Wallace, der ist der wahre Meister der Postmoderne, Setz ist nur ein müder Abklatsch davon!
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am 20. April 2014
Zu Beginn sehr spannend verpackt und man geht fest davon aus, es hält was einem versprochen wurde. Leider findet man sich wieder in zusammenhanglosen Dialogen der Schlüsselfiguren, bei denen man selber irgendwann an seiner Auffassungsgabe zweifelt. Es entsteht das Gefühl eine wichtige Stelle überlesen zu haben, dieses stellt sich sehr schnell ein und zieht sich durch das gesamte Buch. Das Ende bleibt offen, was einen, nachdem man sich irgendwann zum Durchhalten zwingen muss, auch noch zusätzlich frustriert. Und nicht nur das Ende auch von den Charakteren im Buch werden immer wieder Geschichten begonnen und nicht beendet. Und zudem die wechselnden Übergänge zwischen den zwei Hauptcharakteren, die sich nicht nur in unterschiedlichen Zeiten und Situationen befinden, sondern auch beide so verschroben wirken, dass man sich irgendwann nur noch durch ihre Anwesenheit belästigt fühlt. Die Bewertungen von Literaturpreisen empfinde ich in diesem Fall leider als etwas fragwürdig, es entsteht schnell der Eindruck das der Autor möglichst innovativ sein wollte mit wechselnden Schreibstilen und einer verworrenen Handlung. Ich würde dieses Buch leider nicht weiterempfehlen.
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am 28. August 2013
Für Freunde und Liebhaber abgefahrener Literatur sicherlich ein Schmankerl - für Otto Normalverbraucher ein Sammelsurium an Erzählsträngen und Charakteren, sicherlich sprachlich wertvoll, aber alles in allem fragmentarisch, abgehackt; Der Lesefluss, geschweige denn das -vergnügen wollen sich nicht recht einstellen. Dabei verspricht der Klappentext viel, die Erwartungshaltung wurde geschürt. Auch die Kritiken, die das Werk ob seiner postmodernen Erzählstruktur und -technik und der sprachlichen Raffinesse loben laden ein. Doch die Geschichte bleibt rudimentär, nur in Ansätzen erzählt, ohne die inhaltliche Fort- bzw. Zuendeführung, auf die der Leser eigentlich wartet. Vor allem die Dialoge sind zermürbend: Gesprächsfetzen, unvollständige, dadaistische (?) Inhaltsbrocken, es mutet fast schon an wie Hemingways Stream of Consciousness. Die Unterfütterung der Story mit handschriftlichen Notizen, Fotos, Dokumenten unterschiedlicher Art, etc. ist sicherlich interessant als solche, jedoch bleibt die Geschichte an sich auf der Strecke. Schade für den interessierten Leser, ein Vergnügen für den Kenner...!?
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am 16. März 2014
Ein verstörender Roman. Erst dachte ich, hier ginge es um eine Kinderkrankheit (das Indigo-Syndrom) oder um eine Krimi-Geschichte (Psychopath häutet Tierquäler bei lebendigem Leib). Irgendwann sah ich bei Wikipedia nach und wurde aufgeklärt: "Als Indigo-Kinder bezeichnen Anhänger esoterischer Ideen eine Gruppe von Kindern, denen sie ganz besondere psychische und spirituelle Eigenschaften und Fähigkeiten zuschreiben: Sie haben ein hohes Selbstwertgefühl, akzeptieren keine Autoritäten, haben Disziplinschwierigkeiten, verhalten sich dissozial und sind oft hypersensibel gegenüber chemischen Stoffen, beispielsweise in der Nahrung." Aufgrund dieser Information las ich den Roman fortan mit einer anderen "Lesebrille" und fand ihn interessant: Bei C. Setz haben die Indigo-Kinder nämlich keine besonderen psychischen und spirituellen Eigenschaften und Fähigkeiten; vielmehr verursachen sie bei den Menschen, die ihnen zu nahe kommen, Brechreiz, Schwindel, Nasenbluten und Migräne. Der Roman ist keine verständnisvolle Dokumentation über eine bisher unbekannte Kinderkrankheit; der Roman ätzt gegen das pseudowissenschaftliche Gerede in der Esoterik-Szene; der Roman klagt auf einer gesellschaftspolitischen Ebene die allgemeine Vereinsamung, den Autismus, die Isolierung von Menschen heutzutage an.

Um was geht es im Roman? Die Romanfigur, die zufällig Clemens Setz heißt, unterrichtet ein paar Monate lang in einem abgelegenen Internat Indigo-Kinder, wundert sich, dass manche Kinder einfach abgeholt werden und verschwinden, verliert den Job und forscht ein paar Jahre später nach, was mit den verschwundenen Kindern geschehen ist. Parallel erleben wir den Alltag eines ehemaligen Internatsschülers namens Robert Tätzel im Jahr 2021, in dem "iballs"(öffentliche Kameras) das Leben der Menschen kontrollieren und man noch während des Liebesaktes im Internet surft. Die Abschnitte über Robert und seine Freundin Cordula (die sich nach einem Boxhieb in ihre Magengrube von ihm trennt), sind gute, gesellschaftskritische Science Fiction: Wo geht es hin mit uns, wenn wir immer mehr virtuelle Internet-Existenzen führen und uns im richtigen Leben mit richtigen Menschen immer weniger zurechtfinden? Was sind echte, verifizierbare Fakten, und was ist fiktiv, erfunden, fake? C. Setz streut zahlreiche "Dokumente", Fotos, Buchexzerpte, Zeitungsberichte in den laufenden Romantext ein, die scheinbar belegen, dass es das Indigo-Syndrom schon immer gegeben hat. Doch weder "Tommy Berlinger" noch die abgedruckte "Kurzgeschichte von J.P.Hebel" noch die "Jüttnerin von Bonndorf" gibt es wirklich; alles frei erfunden, pseudohistorische fake-Dokumente. Und damit ein massiver Angriff auf unsere Leichtgläubigkeit und Vertrauensseligkeit, wenn uns nur jemand ein einigermaßen authentisch wirkendes Dokument vorlegt ...

Also, ich habe diesen Roman mit Interesse gelesen, und auch bis zu Ende gelesen - aber richtig "gut" fand ich ihn nicht. Was soll der Unsinn mit dem Ich-Erzähler Clemens Setz, Mathelehrer, geboren 1982 in Graz? Das wäre als kurzfristiger Cameo-Auftritt wie in den alten Hitchcock-Filmen ganz witzig, aber über 470 Seiten fand ich das nur unglaubwürdig und unsinnig. Was soll die mehrfach wiederholte Information darüber, dass besagter Clemens Setz vor Gericht gestanden habe, weil er einem Tierquäler bei lebendigem Leib die Haut abgezogen habe - und dass er aber freigesprochen worden sei von dieser Tat? Was sollen die gewollt brutalen Tierquälerei-Andeutungen und die gewollt anstößigen Porno-Sex-Anspielungen? Vor allem aber: Muss ein Autor, der der deutschen Sprache durchaus mächtig ist, uns wirklich unbedingt, weil es zur Kunstform gerade dieses Romans gehört - uns 470 Seiten lang mit Andeutungen und Rätselraten in unvollständigen Halbsätzen quälen? Egal, trotzdem drei Sterne, weil das Thema durchaus interessant ist und weil C. Setz uns mit seiner großen, überbordenden Phantasie und seinen vielen liebevoll konstruierten Details einen bitterbösen, dunklen Blick auf die Abgründe der Menschenseele im Internetzeitalter werfen lässt.
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