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Kundenrezensionen

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am 22. November 2010
Ich habe lange überlegt, ob ich über dieses Buch eine Rezension schreiben soll (bzw. kann). Aber da es mir partout nicht aus dem Kopf gehen will, werde ich es versuchen.

Dieses Buch besticht vor allem durch seine erstaunliche Ehrlichkeit. Völlig ungeschönt wird der von Geburt an behinderte Onkel J. so dargestellt, wie ihn die Kinderaugen des Erzählers wahrgenommen haben. Und obwohl einige der Ausführungen an die Grenze des Beleidigenden stoßen, schneidet der besagte Onkel beim Leser letztlich gut ab. Oftmals wurde betont, es ginge dem Autor um die Würde des Menschen. Ich habe mich ein wenig mit diesem Begriff befasst und kann damit nur übereinstimmen, wenn sich diese Würde auf ein "mit sich selbst im Reinen sein" beschränkt. Der Onkel lebt in einem funktionstüchtigen Mikrokosmos und ist zufrieden mit den kleinen Freuden seines Lebens. Insbesondere die vollkommene Abkoppelung von dem Werteverständnis der anderen (die ihn nicht respektieren) ist hier ein Thema.

Der Autor versteht es, zwischen realen und erdachten Erinnerungen hin und her zu wechseln, ohne dass man diese Grenze immer mitbekommt oder als relevant empfindet. In der Art, wie sich der Autor an seine Kindheit erinnert, habe ich meine eigene Wahrnehmung wiedererkannt. Ich werde fast ein wenig melancholisch ob der Selbstverständlichkeit, mit der er zu seiner Vergangenheit steht (und zu seiner Heimat und Familie). Ebenfalls erstaunlich ist, wie nüchtern er darüber berichten kann.

Dieses Buch hat mir alles gegeben, was ich von einem Roman erwarte. Es war unterhaltsam, hat mich zum Nachdenken gebracht und ich musste mir häufig eingestehen: "Das hättest du jetzt nicht so wahrgenommen. Und hättest du es doch so wahrgenommen, hättest du es nicht in Worte fassen können." Und das ist schließlich der Grund, warum man einem Künstler Geld für sein Werk gibt.
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am 7. Oktober 2010
In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen 2006 , die bei Suhrkamp unter dem Titel "Ich" veröffentlicht wurden, hatte der hessische Schriftsteller Andreas Maier schon einem breiteren Publikum Rechenschaft gegeben über die Hintergründe seines Schreibens:

"Ich bin nur ein Mensch auf der Suche nach Worten, die längst schon gefunden sind, die im Matthäusevangelium schon alle dastehen, in perfekten logischen Sequenzen, schärfer, als Wittgenstein es je gekonnt hätte, eine erschöpfende Analyse dessen, warum wir falsch sind und warum wir dadurch schuldig werden vor allem und vor jedem, nämlich bloß kraft unseres wahrheitsfernen Tuns. Eine literarische Form dafür zu finden ist sehr schwer, ich glaube, man kann keine Form dafür finden, dass wir falsch sind, keine ernste, denn eine Form, die sich vom Einverständnis des Lesers verabschiedet, ist keine Form, sondern für den Leser eine Zumutung, wie ja auch das Matthäusevangelium. Das größte philosophische Werk des Abendlandes. Das uns nichts sagt als bloß: Seid nicht. Das uns sagt: Wenn ihr aufhört, zu sein, dann seid ihr. Meine Damen und Herren, wenn wir uns im Matthäusevangelium wieder finden, dann immer nur auf der Seite der Hohepriester, immer auf der Seite der Kleingläubigen, der Rechthaber, der Schriftgelehrten und Sophisten. Also auf Seiten derer, die sich verteidigen, die verteidigen, was sie haben, als sei das richtig, das ist unser tägliches Brot, die Selbstverteidigung, aber dieses Brot hat uns Gott nicht gegeben, und übrigens auch die Philosophie nicht, und die Literatur auch nicht. Und Sie begreifen vielleicht gar nicht, was das ist. Da Sie alles, was Sie haben und tun und wollen und erlangen, für natürlich und gut halten, und wenn Sie kurz nachdenken würden, aber im Ernst nachdenken, kehrten Sie um, aber das werden Sie nicht tun."

Die unter dem Titel "Onkel J. Heimatkunde" vorgelegten gesammelten Kolumnen von Andreas Maier waren ein treffendes Beispiel dafür. Mit Spannung habe ich deshalb den ersten Band einer von ihm angekündigten, noch nicht begrenzten Romanreihe (man spricht von 10 Bänden) über seine Heimat, die Wetterau erwartet. Im Roman "Das Zimmer", vom autobiographischen Ich-Erzähler geschrieben, begegnet uns jener Onkel J. wieder. Sein Zimmer, in das sehr viel später der zu Lebzeiten des Onkels noch kleine Andreas Maier einziehen wird, sein Leben und seine Philosophie werden erzählt. Dazu nimmt Maier einen Tag aus dem Leben des Onkel und schildert seinen Ablauf vom frühen Aufstehen noch in der halben Nacht, seiner Fahrt nach Frankfurt, wo er arbeitet, seinen Diensten für die Familie nach seiner Rückkehr am Nachmittag und vor allen Dinge den Aufenthalt in seinem geliebten Forsthaus Winterstein, wo er seinen Schoppen trinkt. Onkel J. besitzt einen nazibraunen VW Variant, den er von seinem Schwager bekommen hat. Dieses Auto ist sein Ein und Alles, ermöglicht ihm die Momente von Freiheit, für die die lebt.

Maier schreibt (und deutet auch weitere Folgen seiner "Ortsumgehung" an):

"Ich bin bislang nie auf den Gedanken gekommen, über meinen geburtsbehinderten Onkel J. zu schreiben. Über ihn und sein Zimmer. Über das Haus und die Straße. Und über meine Familie. Und unsere Grabsteine. Und die Wetterau, die die ganze Welt ist. Die Wetterau, die für die meisten Menschen nach einer Autobahnraststätte benannt ist, A 5, Raststätte Wetterau. Und die heute in eine Ortsumgehungsstraße verwandelt wird. Die Wetterau ist eigentlich eine Ortsumgehungsstraße mit angeschlossener Raststätte. Wenn ich das sage, lachen sie. Und es war doch einmal meine Heimat. Meine Heimat, eine Straße, Und nun schreibe ich eine Ortsumgehung, während sie draußen meine Heimat ins Einstmals planieren, und ich beginne mit meinem Onkel in seinem Zimmer. Das ist der Anfang, aus dem sich alles ableitet."

Das Buch hat den Rezensenten, der unweit der Wetterau seine ersten drei Jahrzehnte verbracht und sie gut kennt, nachhaltig beeindruckt und bewegt. Jener vielversprechende Beginn einer traurig- verrückten Familiensaga, die mehr ist als das, eine Buchprojekt, das eine Reflexion sei will über Zeit und Zivilisation und, vergleiche das Eingangszitat aus Maiers Poetikvorlesung, die Würde des Menschen und wie sie erhalten werden kann.

Man wird abwarten müssen, ob Andreas Maier das hohe literarische Niveau über das ganze Romanprojekt über wird halten können. Das vorliegende Buch jedenfalls zeigt, dass er viel mehr ist als ein "Heimatdichter". Maier ist eine der wichtigsten Stimmen in der gegenwärtigen deutschen Literatur. Es nimmt deshalb nicht Wunder, dass "Das Zimmer" für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert worden ist.
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am 29. Februar 2012
Ich war so begeistert von dem zweiten Band - "Das Haus" - der "Familiensaga" von Andreas Maier, dass ich mir auch den ersten kaufen musste.

Aber wie das so ist, wenn man mit zu grossen Erwartungen an ein Buch rangeht, man kann fast nur enttäuscht werden. Und so war ich von diesem Auftakt der Saga nicht wirklich angetan.

Es ist keinesfalls ein schlechtes Buch!
Mir gefällt Maiers direkt Art, sein schnörkelloser Schreibstil und natürlich bin ich auch hier von dem "Heimatteil" des Buches begeistert. Auch die Geschichte, die er erzählt, berührt auf ihre eigene Weise.

Es geht um Maiers Onkel, den wir nur als J. kennenlernen. Onkel J. ist von Geburt an behindert. Für ihn selbst ist das nicht schlimm, denn er lebt in seiner ganz eigenen, unschuldigen Welt. Was jetzt passiert, hat er gleich wieder vergessen. Wenn die Mitschüler ihn fast totschlagen, steht er am nächsten Tag wieder da und will "dazu" gehören. Wenn der Vater ihn demütigt, himmelt er ihn am Abend wieder an, wenn die Kollegen sich über ihn lustig machen, freut er sich trotzdem auf seine Arbeit in Frankfurt.
Auch der Autor hat als Kind kein gutes Verhältnis zum stinkenden Onkel, der sich nicht wäscht und hat panische Angst davor, in das Zimmer oder die Werkstatt des Onkels gehen zu müssen ' das Zimmer in dem er nun als Erwachsener sitzt und dieses Buch schreibt.

Andreas Maier beschreibt das Leben seines Onkels anhand eines normalen Tages.
Aufstehen, anziehen, zum Bad Nauheimer Bahnhof laufen, Zugfahrt nach Frankfurt, die Arbeit bei der Post, Bier, Zigaretten, Rückfahrt, die Pflichten zu Hause, die Fahrt zum Winterstein, um dort seine "Freunde" und Jäger zu treffen.
Während seiner Erzählung, wechselt Maier zwischen echten und fiktiven Erinnerungen, springt in den Zeiten hin und her, nimmt den Tod des Onkels vorweg und landet dann wieder bei einer Schulgeschichte - es könnte so sein, man weiss es nicht, vielleicht war es doch anders und vielleicht ist es gar nicht passiert, schliesslich war er nicht dabei.
Das ist genau der Punkt, der mich an dem Buch gestört hat. Er schreibt über etwas, das er vielleicht weiss, springt in die Zukunft, um dann doch wieder auf das Ausgangsereignis zurück zu kommen. Für meinen Geschmack waren das zu viele Verschachtelungen und zu viel "könnte". Ausserdem scheint der Autor besessen zu sein von "Ortsumgehungen", speziell DER Ortumgehung in der Wetterau - der B3. Er erwähnt sie unzählige Male in dem Buch.

Was mir dagegen sehr gut gefallen hat, war die Tatsache, dass Maier ganz nebenbei ein Bild des hessischen Alltags in den 60er Jahren zeichnet. Indem er einen Tag im Leben seines Onkels beschreibt, lässt er uns teilhaben an der Arbeitswelt der damaligen Zeit, an den Familienzuständen, der Nachbarschaft, der Einstellung der Menschen, kurz dem Alltag und seiner Entwicklung. Es gab wirklich schöne Szenen, wie z.B. die, in der sich jeder bewusst wird, wieviel Verkehr es mittlerweile auf der Kaiserstrasse in Friedberg gibt. Für solche Zeilen liebe ich Maier.

Für den Rest des Buches eher weniger.
Trotzdem werde ich auch den dritten Teil der Saga lesen, denn wie gesagt, Andreas Maier hat seine ganz eigene Art, vom Leben zu erzählen. Und natürlich spielt auch der Faktor Wetterau eine grosse Rolle für mich. Aber wenn ich das Wort "Umgehungsstrasse" noch einmal lese, flipp ich aus ;)

3 von 5 Sternen.
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am 9. Oktober 2010
Andreas Maier erzählt hier die Geschichte seines Onkels J., der nach Geburtskomplikationen ("Zangengeburt") zeitlebens auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes verharrt.

Dieser reale Onkel gehörte offensichtlich zu den prägenden Kindheitserinnerungen des Autors, die er in diesem Buch reflektiert und literarisch verarbeitet hat. Eng verbunden mit der Lebensgeschichte des Onkels (und des Autors) ist Friedberg, ein Ort in der Wetterau bei Frankfurt/Main; hier steht das Haus, in dem der Onkel fast sein gesamtes Leben bei seiner Mutter (!) gelebt hat, darin J.s Zimmer, das auch die Mutter selten zu betreten wagte. Nach dem Tod des Onkels ist es zum Arbeitszimmer des Autors geworden, in dem auch diese Geschichte entstand.

Die Behinderung des J. führt dazu, dass er von seinem Vater ignoriert oder gedemütigt und faktisch enterbt wird. Sie lässt den Onkel bereits im Kindesalter zum Außenseiter und zur Zielscheibe grausamer Mitschülergewalt werden. Dieses Außenseitertum wird zusätzlich verstärkt durch die später hinzukommende Weigerung des erwachsenen J., sich zu waschen.

Das Gerüst des Buches bildet ein fiktiver Tagesablauf im Leben des J. Dieser Tagesablauf beginnt mit der Frühschicht bei der Frankfurter Post ("Pakete sortieren"); getragen von Bier und Zigaretten, setzt sich fort mit dem Feierabendabstecher in den Frankfurter Rotlichtbezirk, den kleinen Hilfsdiensten, die die Familie dem J. auferlegt, bevor ihm erlaubt ist, seine geliebten Gänge in den Wald und anschließend in die Waldwirtschaft anzutreten.

Wir lernen aus der Sicht des Autors einen Menschen kennen, der einerseits in kindlicher Unbedarftheit in den Tag zu leben scheint, der die Schläge seiner Mitschüler vergisst um am nächsten Tag erneut verprügelt zu werden, der sich für Maschinen und Technik begeistert, ohne sie zu verstehen, der für Panzer und die Wehrmacht schwärmt, ohne die Zusammenhänge zu begreifen und der sein Auto liebt, obwohl die Familie ihn damit ständig ungeliebte Besorgungsfahrten ausführen lässt. Andererseits kann dieses harmlose Mann-Kind jedoch auch zum bösartig-grollenden, brodelnden Vulkan werden, sogar zum wild-schreienden und um-sich-schlagenden Berserker, der im Kind Andreas Maier die Vorstellung von seinem Onkel als Amokläufer und Massenmörder entstehen lässt.

Andreas Maier schreibt atmosphärisch und bildhaft, mit genauem Blick für Details, Gerüche, Farben, menschliche Schwächen - darin vielleicht Wilhelm Genazino vergleichbar - und einem feinen, zuweilen ins boshafte spielenden Humor, der mir persönlich sehr zusagt. Dieses Beschwören von Emotionen und Erinnerungen gelingt Maier meisterhaft. So wirkt "Das Zimmer" auf mich, als sähe man seine alten, schwarz-weißen Familien-Fotoalben an: ehrlich mit ihren vergilbten, verwackelten und falsch belichteten Bildern, nicht gestellt oder geschönt und voller Reminiszenzen an eine Zeit, die gar nicht so lange vergangen ist und dennoch so fremd anmutend, wie Dokumente aus einer lange untergegangenen Epoche.

Maiers Erinnerungen gehen dabei weit über die Figur des Onkels hinaus. Sie zeigen ein authentisches Bild der Sechzigerjahre, das so in vielen Rückblicken fehlt: Die Selbstverständlichkeit mit der am Arbeitsplatz getrunken und geraucht wurde, mit der Frauen Hausfrauen waren und nicht Auto fuhren, wo "jeder, der arbeiten will auch Arbeit findet" und ein Verkehrsstau noch als einmalige Ausnahmeerscheinung bestaunt wurde.

Was man bei diesem Buch der Erinnerungen und Reflexionen allerdings nicht finden wird, ist ein Handlungsstrang im engeren Sinne, ein Plot, der die Geschichte vorantreibt oder in deren Verlauf sich die Figuren entwickeln. Dies basiert hier gewiss nicht auf der Unzulänglichkeit des Autors, sondern ist dem Thema und Maiers Intention geschuldet, die Erinnerung an seinen Onkel zu verarbeiten. Ich bin jedoch so ehrlich zu gestehen, dass ich mich aus diesem Grund einige Male gefragt habe, warum ich jetzt weiterlesen und noch mehr über Onkel J. erfahren soll: die Atmosphäre des Buches wird dann zwar wieder erstehen - das wird sie morgen oder nächste Woche auch - aber es kommt nichts Weiteres hinzu. Dieses Lesegefühl lässt mich hier vor der Vergabe des fünften Sterns für dieses ansonsten lesenswerte Buch zurückscheuen.

P.S. Mit der Veröffentlichung von "Das Zimmer" tauchten (sicher zufällig) Gerüchte auf, dies sei der Auftakt eines von Andreas Maier geplanten gewaltigen Romanzyklus - mindestens zehn (!) Bände, die sich unter dem Schlagwort "Ortsumgehung" über "Das Zimmer" zum Haus, dem Ort usw. in immer größere Zusammenhänge vorwagen sollen.

Es bleibt abzuwarten, ob ein solch ambitioniertes Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Aber falls ja, werde ich sicher wieder auf den Autor Andreas Maier zurückkommen.
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am 8. Dezember 2010
Andreas Maier beschreibt in einem eigentümlich lakonischen Stil ausführlich ein Familienleben, das skurril, zuweilen witzig, sicher aber zu einem guten Teil nostalgisch zu nennen ist.

Onkel J. ist das Faktotum der Familie Boll, einer Steinmetzfamilie in der Wetterau, genauer gesagt in Friedberg. Um ihn wird sich die Geschichte drehen und damit die anderen Familienmitglieder in Erinnerungen um sich scharen.

Der arme Onkel J. ist mit einer Behinderung geboren worden und wird ständig, immer und überall geärgert. Zu Ende des 2. Weltkrieges war er gerade einmal 14 Jahre alt. Schon immer und bis zu ihrem Tod lebt er bei seiner Mutter. Er bastelt gerne, erledigt kleine Botengänge und Besorgungen für die Steinbruchfirma der Familie, bis ihm sein Schwager später eine Lohnarbeit bei der Post verschafft. Wir schreiben das Jahr 1969.

Der Autor nutzt die Geschichte seines Onkels für einen eindrucksvollen Bericht über die Wetterau und die eigenwilligen Charaktere seiner Familie in den sechziger Jahren. Friedberg, Bad Nauheim und die bewaldete Umgebung sind Orte der Handlung.
Da wird dem Bier schon in den frühen Morgenstunden zugesprochen, das Butterbrot in der Dose, Kino, der Kiosk an der Ecke und das Wirtshaus sind häufig erwähnte Elemente, die sowohl Stimmungen als auch das Wohlbefinden der Bürger gewährleisten. Das letzte Lebensjahr des Onkels bietet den Anlass, um sich einer Zeit zu nähern, die Gemächlichkeit verbreitet und Zufriedenheit signalisiert. Der Onkel ist ein tumber Tor, ein Behinderter, der durch sein Verhalten zur Belustigung seiner Mitmenschen beiträgt. Immerhin durfte er noch Auto fahren lernen und konnte seine einfache Arbeit bei der Post verrichten. Betäubend ist sein Körpergeruch, den der kleine Andreas als ekelerregend und zum Fürchten empfindet.
Sein Auto und seine Polohemden besitzen die gleiche Farbe, die an militärische Tarnfarbe denken lässt. Frauen spielen für Onkel J. eine gewichtige aber schamhafte Rolle, doch traut er sich kaum über Pornohefte und das Frankfurter Bahnhofsviertel hinaus. Andreas Maier schildert diesen Onkel als Unikum, abstoßend und faszinierend zugleich. Er ist die zentrale Figur des Romans, um die sich die Familie und die ganz und gar durchschnittlichen Bürger des Städtchens versammeln.

Das schlichte Leben und die simplen Freuden werden atmosphärisch dicht und genau beschrieben. Man spürt das gemütliche und einfache Dasein am besten in den Worten und Taten der Protagonisten. Die Vorboten des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts lassen Befürchtungen aufkommen, dass es mit der Idylle in der Wetterau bald vorbei sein könnte.

Hinreißende Naturbetrachtungen komplettieren den Eindruck einer verhältnismäßig heilen Welt. Das Rotkehlchen oder ein unvergleichlicher Sonnenuntergang, "'den einem niemand nehmen kann, für das ganze Leben nicht'" führen immer wieder zur Atmosphäre des Ländlichen und Beschaulichen.

Der Autor Andreas Maier hat mit diesem Roman eine Familiengeschichte begonnen, in der man unschwer biographische Züge entdeckt,und von der man hofft, dass sie noch fortzuspinnen sein wird.
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am 18. September 2013
Mit hat der Roman sehr gut gefallen, und ich freue mich schon auf den zweiten Teil der Familiengeschichte. Maier beschreibt von seinem heutigen Standpunkt aus einen Tag im Leben seines Onkels J. im Jahre 1969 (an dem eigentlich rein gar nicht passiert) und schafft es, finde ich, sehr gut den Leser in die Zeit eintauchen zu lassen. Er springt in den Zeitläuften auch vor und zurück und bildet so die siebziger mit ab. Wie ein anderer Rezensent schrieb, beobachtet der Autor sehr gut, und bringt es gekonnt zu Papier, wenn auch vielleicht das ein oder andere Bild etwas schief oder der ein oder andere Satz zu lang gerät. Wobei ich zugeben muss, dass ich, fast gleichaltrig und ebenfalls in einer Kleinstadt in der unmittelbaren Nähr Frankfurts aufgewachsen, auch den idealen Leser abgebe. Von Vielem hatte ich selbst noch Bilder im Kopf. Ob das Buch einer 25-jährigen Oberbayrin auch so gut gefällt kann ich daher nicht sagen, lesenswert ist es aber auf allemal.
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am 26. Januar 2013
Eins der besten Bücher, die ich gelesen habe. Ungewöhnlich, unspektakulär, sehr persönlich, sehr berührend. Natürlich muss man dem Autor sowie den Akteuren eine gewisse Sympathie entgegenbringen. Sonst klappt's nicht.
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am 27. Oktober 2013
Keine Ahnung, warum dieses Buch so gute Rezensionen bekommen hat. Ich habe ewig gelesen und gewarten, wann dieses ewige "Onkel J. macht dies und Onkel J. mach das" aufhört und die richtige Geschichte anfängt, aber Überraschung... das war die richtige Geschichte. Habs nicht geschafft, es fertig zu lesen. Ich bitte um Verzeihung, falls es die letzten 40 Seiten noch rausgerissen hätten, aber es war einfach zu langweilig.
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am 31. Oktober 2011
In einfacher, schnörkelloser Sprache wird hier vom einfachen Alltag eines einfachen, im Sinne von einfältigen Menschen erzählt. Es ist eine Hommage an den geistig armen Onkel - Maier setzt ihm, gewissermaßen in der Tradition seiner Steinmetz-Vorfahren, statt eines steinernen ein literarisches Denkmal und verleiht ihm damit Bewusstheit und Würde. Nicht zu überlesen sind Anklänge an Peter Kurzeck, doch fehlt dessen feuriger Schwung. Ist dies nun ein Roman oder eher eine schöngesitige, statische Skizze ? Literarische Texte sind auch eine Frage des persönlichen Geschmacks, der Resonanz im Leser. Meine Resonanz blieb schwach, ich sehne mich nach solcher Lektüre nach einem Tolstoi, einem Balzac, einem Marquez ... nach Spannung, Bewegung, Leidenschaften und Abenteuer.
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am 6. Februar 2011
Dis bisherigen Elogen kann ich nicht nachvollziehen: Gepflegte Langeweile zieht sich durch das Buch, deswegen habe ich es auch nicht geschafft, es bis zu Ende zu lesen, da war mir meine Zeit doch zu schade.
Keine Höhen, keine Tiefen, es plätschert vor sich sich. Schade, dass der Autor auch - kann er nicht, will er nicht? - keine direkte Rede verwendet, das nimmt der Erzählung die Lebendigkeit. Aber vielleicht wird's ja noch...
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