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22
4,3 von 5 Sternen
Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud
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15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. August 2010
Christa Wolf erinnert sich in diesem (Hör-) Buch an ihren neunmonatigen Aufenthalt in Los Angeles in den Jahren 1992 und 1993. Auf Einladung der Getty Stiftung beschäftigt sie sich mit einem erzählerischen Projekt: Ihre verstorbene Freundin Emma hatte ihr Briefe einer gewissen L. vermacht, einer in den 30er Jahren nach Kalifornien emigrierten Psychoanalytikerin. Nicht einmal den vollen Namen jener L. kennt sie. Wolf begibt sich auf Spurensuche.

Wir erleben eine ess- und trinkfreudige Autorin, die in einem Hotel mit dem passenden Namen Ms. Victoria" wohnt und Freundschaften mit ihren Mitbewohnern, Ko-Stipendiaten und einer Reihe deutsch-jüdischer Emigranten schließt.

Doch ist diese Zeit alles andere als unbeschwert: Die Autorin / Christa Wolf leidet am Bekanntwerden ihrer "Täterakte". Als "IM Margarete" war sie von 1959 bis 1962 bei der Staatssicherheit geführt worden. Zwar steht dies in keinem Verhältnis zu dem Umfang ihrer 42 Aktenordner umfassenden "Opferakte", doch stellt sie sich die Frage "Wie hatte ich das vergessen können?" Und dies ist der Kern des Buches: Eine quälende Selbstbefragung.

Auf Ihrem "Maschinchen" hält sie fest, was ihr durch den Kopf geht: "Ich will herausfinden, wie ich damals war." (...) "Der Fremde in mir oder DAS Fremde in mir." (...) "Warum ich überhaupt mit denen geredet habe. Weil ich sie noch nicht als DIE gesehen habe, glaube ich." (...) "Nur zwei, drei Jahre später hätte ich DIE nicht mehr zur Tür hereingelassen." (...) "Zum Schreiben haben mich immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte." (...) "Warum bin ich bei der Fahne geblieben?"

Der titelgebende Mantel Sigmund Freuds wird zum Bild dieser Befragung: Sein Schutz ist nur zu haben um den Preis völliger Entäußerung. Freud und die von ihm etablierte Psychoanalyse liefern Erklärungsansätze der menschlichen Fähigkeit zu vergessen und zu verdrängen. "Man ist nicht auf der Welt, um sich zu bessern, aber um sich zu öffnen." (...) "Der Mantel, den man von innen nach außen wenden muss, damit das Innere sichtbar wird."

Ihr Nachbar Peter Gutman ist es, der das zweite Stichwort zum Romantitel liefert, den Verweis auf Walter Benjamins "Engel der Geschichte", der unaufhaltsam vorwärtsgetrieben wird, auf die Katastrophen der Menschheit zurückblicken muss und nichts heilen kann.

Und so wandert denn auch die mit der Autorin auswechselbare Hauptfigur und Erzählerin durch lange Strecken von Larmoyanz und Selbstgerechtigkeit noch einmal durch das 20. Jahrhundert. Daraus entstanden ist dieser aus verschiedenen, komplex verwobenen Erzählebenen des aktuellen Seins und der nicht abgeschlossenen Vergangenheit konstruierte und letztlich fälschlich als Roman deklarierte Text Christa Wolfs, der nichts weniger ist als der Versuch einer autobiographischen Vergangenheitsbewältigung - und der Suche nach (Selbst-) Vergebung. Ob jemand Schuld auf sich geladen hat ist das Eine, das Andere ist, ob er sich damit - wie Christa Wolf - selbstkritisch auseinandersetzt.

Nachweislich bin ich selten ein Freund von Hörbüchern, die vom Autor selbst vorlesen werden. Und - kein Vertun - Christa Wolfs schleppende, wenig intonierende Vortragsweise und müde bis deprimierte, manchmal nuschelnde bis lallende Stimme macht es dem Hörer nicht leicht, sich neun CDs und 763 Minuten Hörzeit vorstellen zu können. Doch eben weil wir es hier mit Autobiographie zu tun haben, ist dies die einzige richtige, zum Zeitdokument gewordene Lösung, eine "oral history", an der sich noch Generationen nach uns an deutscher Geschichte interessierte Menschen delektieren können.
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28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 18. August 2010
'Nun ist ja Schreiben ein Sich-Heranarbeiten an jene Grenzlinie, die das innerste Geheimnis um sich zieht und die zu verletzen Selbstzerstörung bedeuten würde, aber es ist auch der Versuch, die Grenzlinie nur für das wirklich innerste Geheimnis zu respektieren und die diesen Kern umgeben, schwer einzugestehenden Tabus nach und nach dem Verdikt des unaussprechlichen zu befreien. Nicht Selbstzerstörung, sondern Selbsterlösung, den unvermeidlichen Schmerz nicht fürchten.'
Mit diesem Zitat aus dem neuen Buch der Christa Wolf versuche ich eine Rezension zu schreiben. Gleich was man über die Autorin sagt und schreibt, sie ist und bleibt eine der großen deutschen Autorinnen dieser Zeit.
Mit diesem Zitat, für mich eine Quintessenz des gesamten Romans, ist im Grunde genommen schon sehr viel über 'Stadt der Engel' gesagt. Es ist ein Buch über das Nachdenken und Verarbeiten der eigenen Vergangenheit, verknüpft mit den historischen Ereignissen. Dabei lässt Christa Wolf eine andere Figur sprechen. Ein schöner Griff, der anfangs beim Lesen noch ein wenig gewöhnungsbedürftig ist.
Christa Wolf weilte Anfang der 90er in Los Angeles und es ist auch die Zeit, in der die 'Hexenjagd' in Deutschland im vollen Gange ist. Immer wieder stellt sich die Protagonistin die Frage: Wie konnte ich das vergessen? Sie, die später selbst zum 'Opfer' wurde, war in den ersten Tagen selbst 'Täter'. Moralisch darüber zu urteilen soll jeder nach seinem eigenen Ermessen und Wissensstand.
Es ändert nichts daran, dass sie eine großartige Schriftstellerin ist, die mit diesem vorliegendem Buch das auch mal wieder recht eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Wie sie schreibt, ihre Sätze, die Wortwahl, wie alles zueinander passt, das ist für mich schon beeindruckend. Sie beschreibt die Welt, in der sie vorübergehend lebt, auf ihre eigene Art und Weise, sehr anschaulich, aber ohne Pathos. Und dennoch nie zu knapp. Wortkarg ist sie nicht, die Wolf. Sie weiß, was sie sagen will und wie sie es ausdrücken muss. Gleich, ob sie die Natur, die Umgebung oder die Menschen beschreibt, da passt alles. So gut, dass man sich die Personen alle sehr gut vorstellen kann, wie sie aussehen und wie sie Autofahren, essen oder miteinander reden.
Und immer wieder flichtt sie historische Ereignisse ein, sei es das dritte Reich, die DDR oder die neudeutsche Zeit. Immer und immer wieder stellt sie fragen, erinnert sich und überlässt es doch dem Leser, die Antwort zu finden. Sie drängt niemand ihre Meinung auf, sie gibt sie nur preis. Was der andere damit anfängt, bleibt ihm überlassen.
Besonders gefallen hat mir nachher das Ende dieses Buches. Ohne ein zu viel an Gefühlsausbrüchen verabschiedet sich die zusammengewachsene Gruppe in Los Angeles und die Protagonistin unternimmt mit zwei Freunden eine Fahrt durch die Rocky Mountains und besucht den Stamm der Hopi-Indianer. Sehr interessant, wie sie die ganzen Eindrücke beschreibt, ganz besonders gelingt es ihr mit Las Vegas.
Nein, die Wolf ist und bleibt eine ganz große Schriftstellerin. Man mag ihr Verhalten sehen, wie man es möchte. Sie ist wie jeder andere Mensch ein Kind der Zeit, in der sie lebt und gelebt hat. Damit will ich nichts beschönigen oder die DDR nachträglich rehabilitieren. Es geht hier um das Werk der Christa Wolf.
Und sollte 'Stadt der Engel' wirklich ihr letztes Buch sein, es wäre ein würdiger und großartiger Abschluss einer beeindruckenden Schriftstellerlaufbahn.
'My whole life is a process of learning how to make friends with myself.'
Mit diesem Zitat möchte ich diesen Versuch einer Rezension beenden.
Vollste Punktzahl! Unbedingt lesen!
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107 von 118 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Woher kommen wir? Aus welchem gesellschaftlichen Stoff sind wir gemacht? Und warum leben wir dann so wie wir leben, gelebt haben? Diesen Grundfragen an sich, diesen Grundfragen an die Gesellschaft aus der sie stammt, geht die Autorin Christa Wolf in ihrem Buch "Stadt der Engel" mit jener Strenge nach, die ihre Arbeiten immer wieder auch als Selbstprüfung erscheinen lassen. Als Prüfung des Ich des Lesers, wie auch als Analyse des Ichs der Schriftstellerin. Wer sein Leben im stillen Teich der Konformität verbracht hat, wer nie die Frage nach einem anderen Leben, die Frage nach der Besserung der Lage aller gestellt hat, der wird dieses Buch nicht verstehen. Und man darf jetzt schon prophezeien, dass eine Mehrheit der Kritiker dazugehören wird.

Denn die Majorität, wie sie sich seit der deutschen Einheit formiert hat, will von der Wolf immer nur das Eine: Geständnisse über moralische Verfehlungen, Bekenntnisse über ihre Tätigkeit für die DDR-Staatssicherheit, Unterwerfung unter ein Urteil das, wie viel man auch bekennen mag, immer nur heißen wird: Unmoralisch. Am Buch der Wolf - das auf einer Ebene in der Stadt der Engel, in Los Angeles, handelt und von dieser Ebene aus viele Täler und Gipfel der deutschen Geschichte aufsucht - wird erneut die deutsche Spaltung und die deutsche Einheit verhandelt werden. Ohne Waffengleichheit versteht sich: Denn die Akten aus dem Westen bleiben verschlossen. Über die westdeutschen informellen Mitarbeiter, die bei der mehr als einer Million "Regelanfragen" für die Berufsverbote der 70er und 80er Jahre eine Rolle spielten, werden wir zu unseren Lebzeiten kaum etwas erfahren.

In jener Stadt, in der Christa Wolf Anfang der Neunziger mehrere Monate lebte, trifft sie auf die Spuren von Feuchtwanger, Brecht, Eisler, Mann, auf jenes deutsche intellektuelle Exil, das damals auch in Los Angeles lebte, auf der Flucht vor den Nazis und das für einen anderen deutschen Staat plädierte, einen Staat, den manche von ihnen später in der DDR erkannt hatten. Ein Staat, der nicht einfach anders und besser sein sollte als die mörderische Diktatur der Nazis, sondern ein Staat, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". So zumindest hatte das kommunistische Manifest es formuliert, so sollte das neue Land sein. Hier liegen die Wurzeln der Christa Wolf, aus dieser politischen und literarischen Landschaft stammt sie, aus diesem Denken bezog und bezieht sie ihre Moral.

Eine Autorin erschafft eine zweite Autorin, die ihr ziemlich ähnlich sieht und lässt sie dort leben und nachdenken, wo die eigentliche Autorin auch gelebt und nachgedacht hat: Dieser Kunstgriff in "Stadt der Engel" mag dem Leser manchmal eine Bürde sein, Christa Wolf kann damit die Last des Konkreten abwerfen, kann neben sich treten und sich kritisch beobachten. Damit nicht genug findet oder erfindet sie der zweiten Autorin einen ständigen Gesprächspartner, einen Sohn von Emigranten, der ihre Selbstzweifel ebenso ernst wie spöttisch aufnimmt und in Verhältnisse setzt. Und sie gibt der Autorin eine Spurensuche auf, die in Briefen einer verstorbenen Kommunistin zu finden ist, einer, deren Hoffnungen aus der Zeit des Widerstandes gegen die Nazis stammen und mit der Entwicklung der DDR zunehmend zerrinnen. Wem das verzwickt erscheint, der sollte sich den Prozess ansehen, den Christa Wolf eine Revolution nennt: Die Erhebung der DDR-Bürger, um Meinungs- und Reisefreiheit zu erzielen, die sie auch erreicht haben, um festzustellen, dass ihre Meinung wenig wert ist und nicht wenigen das Geld zur Reise fehlt.

Mit Wehmut erinnert sich die Wolf an die Tage der Volkserhebung, an denen sie selbst, auf dem Berliner Alexanderplatz sprechend, beteiligt war und "die Staatsmacht es als schlimmste Drohung empfand, als die Massen auf den Strassen die Losung riefen: Wir bleiben hier!" Sie hat auch nicht jene Offiziere der DDR-Armee vergessen, die ihr erzählten, wie sie in dieser Zeit die Munition der Truppe einsammelten, denn: "Einen Volksarmee schießt doch nicht auf das Volk". Und, an einer anderen Stelle des Textes, den die Schriftstellerin mit gutem Grund eine Gewebe nennt, weiß sie noch von der anderen Erhebung zu erzählen, der am 17. Juni 1953, als ihr, der jungen Kommunistin, in der Leipziger Innenstadt von einer Menge abverlangt wurde ihr Parteiabzeichen abzumachen und sie sagte: "Nur über meine Leiche". Unbelehrbar wird der eine Leser sagen, das hätte sie doch weglassen können der andere. Aber die Wolf prüft ihre Erinnerung unerbittlich und will sich vergewissern wer sie ist und warum.

Warum einer ist, wer will denn solche Fragen heute stellen oder gar beantworten? Diese Suche nach dem Sinn des Lebens, die Christa Wolf in ihren Text webt, ist, angesichts einer bunten, spektakulären Bilderwelt längst beantwortet: Zuschauen und im Heute leben, das Gestern vergessen und das Morgen auf jene lange Bank schieben, die keine Zinsen zahlt, nur solche fordert. In Los Angeles erreicht die Wolf das Gestern in Form von Zeitungsartikeln, von Faxen, in denen die Frau, die gestern noch als Dissidentin und große Schriftstellerin galt, heute zur Parteidichterin und Denunziantin verzerrte. Sie soll Zinsen zahlen für den Untergang ihres Landes: Warum sie denn nicht die Länder gewechselt habe, wird sie drohend gefragt. Und noch einmal bekennen sich die Sieger zur unerbittlichen Logik der zwei Seiten, wovon man eine wählen sollte, eine Wahl, die sie verweigert hatte, nach einem Ausweg suchend, einem Weg dazwischen.

Ein Jahrhundertbuch schenkt Christa Wolf ihren Lesern. Eines, dass ein ganzes Jahrhundert umspannt und das die Fragen der Jahrhunderte aufwirft. Sie hat Fragen gestellt, keine Antworten gegeben. Dem Leser und seiner Haltung werden die Antworten abverlangt. Sie selbst, die Autorin von einer Autorin geschaffen, zweifelt so sehr an sich, dass sie eines Engels bedarf: "Übrigens habe ich nicht vor, mich für das Auftreten des Engels Angelina zu rechtfertigen oder irgendwelche Erklärungen abzugeben." schreibt sie. Der Engel ist schwarz und weiblich. So könnte er auch ein Teil der Antwort der Christa Wolf sein. Die aber formuliert: "Wohin sind wir unterwegs? Das weiß ich nicht." Und doch hat sie erneut einen Stein in das Wasser unseres Denkens geworfen und er wird Kreise ziehen, solche, die Wellen machen können.
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24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 8. September 2010
OK, so recht kann ich das mit meinem Laienverstand nicht berteilen, ob man dieses Buch nun Roman nennt oder nicht. Nach vielen Jahren habe ich mich wieder an ein Buch von Christa Wolf gewagt. Ja, gewagt, denn außer geteilter Himmel und Kassandra konnte ich den Büchern von Christa Wolf wegen der doch sehr deutlichen Neigung zur Literatur zwar eine Menge an Kunst abgewinnen, habe mich aber mit dem Lesen schwer getan. Speziell Kindheitsmuster hat mich sehr an meinem literarischen Verstand zweifeln lassen. Ich war einfach neugierig, wie denn nun 20 Jahre in einem gemeinsamen Deutschland die Erinnerungen einer der wohl bekanntesten Autorinnen der ehemaligen DDR aussehen würden. Ich bin absolut nicht enttäuscht worden, im Gegenteil, sie hat mir - ehemaliger DDR Bürger - in vielen Sätzen aus der Seele gesprochen. Ich kann vieles (wahrscheinlich auch aus Altersgründen), was sie bewegt sehr gut verstehen. Die Liebe zu diesem Land, zum Versuch eine neue bessere Gesellschaft zu bauen und die Enttäuschung, die sich einstellte, als die Erbauer nicht hielten, was sie versprachen. De Versuch selbst beizutragen immer mehr falsch verstanden und gar bekämpft wurde.
Ich kann auch nicht finden, dass das Buch nichts zu sagen hat außer der eigenen Sicht, im Gegenteil es gibt dem Leser soviel Raum zur eigenen Rückbesinnung und wer - das muss man schon fragen dürfen - will denn, dass ein Autor dem Leser sagt so oder so ist es richtig. Nein, ich muss sagen gerade die Zweifel sind es, die das Buch so interessant machen, die Frage "was hätte ich anders machen können" und natürlich die Frage "warum habe ich so gehandelt". Es geht nicht um richtig oder falsch, es geht einfach um das WARUM.
Wie verletzlich das Individium ist, wie schnell aus Begeisterung und Patriotismus Verletzlichkeit und Depression entstehen zeigen die Erinnerungen allemal und ich kann diese gut nachvollziehen. Und um sich nicht immer mehr verletzen zu lassen, dazu gibt es den "Overcoat", der dann aber letztendlich sein Inneres zum äußeren kehrt.
Ich finde gerade die fehlenden Vorwürfe im persönlichen Bereich und das quasi Abhaken der Vergangeheit mit Bespitzelung und Denunziation einen sehr postiven Zug in diesem Buch, denn verteufelt und beschimpft hat man diese Republik doch nun oft genug. Es wird jeder angefeindet, der die guten Seiten des Landes sucht, dabei geht es gar nicht darum, mit dieser Suche die DDR wieder auferstehen zu lassen oder zu verklären, sie war einmal und was alles falsch gelaufen ist und was hätte sein können, soll nicht etwas wieder auferstehen lassen, was überwunden ist, aber lernen aus den Fehlern das ist es doch, was jedem auch heute nutzt.
So finde ich, sollte man das Buch - Roman oder nicht Roman - egal - lesen.
Empfehlung meinerseits, unbedingt lesen, je mehr eigener Bezug zur DDR vorhanden, desto besser findet man sich selbst beim lesen.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. September 2010
"Stadt der Engel" ist ein spürbar persönliches Buch, in dem Christa Wolf über ihr Leben im Kontext der deutschen Vergangenheit reflektiert. Und natürlich ist es zunächst ein ostdeutsches Buch, auch wenn das immer wieder bestritten wird (wahrscheinlich will Suhrkamp keine westdeutschen Leser verprellen oder ist vorausschauend ...). Es geht um deutsche Schuld, es geht um ihre mögliche oder vermeintliche. Zumindest geht es um die Frage, wie sie ihre "IM-Unterschrift" hat verdrängen, vergessen können. Hier kommt Freuds Mantel oder besser Überzieher ins Spiel, eine zwar naheliegende Metapher, aber meines Erachtens ein wenig zu sehr konstruiert (im Gegensatz dazu, ist der am Ende des Romans auftretende Engel Angelina eine tolle "Erfindung"). Vielleicht ist dies aber auch die Quintessenz: Es gibt keine erschöpfende Antwort. Und dementsprechend gibt das Buch auch keine solchen. Es reflektiert über das eigene Sein im jeweils historisch (sowohl zeitlich als auch lokal) vorgegebenen Kontext; bei Frau Wolf Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Deutschland, später dann in der kleinen sozialistischen DDR. Es stellt Fragen, kluge Fragen. Zum Beispiel: "WAS WÄRE DENN DAS RICHTIGE LEBEN IM RICHTIGEN GEWESEN. WENN ES BEI KRIEGSENDE GEGLÜCKT WÄRE, MIT UNSEREM FLÜCHTLINGSTRECK NOCH ÜBER DIE ELBE ZU KOMMEN ... WÄRE ICH UNTER DEN ANDEREN, DEN RICHTIGEN VERHÄLTNISSEN EIN ANDERER MENSCH GEWORDEN? KLÜGER, BESSER, OHNE SCHULD? ABER WARUM KANN ICH IMMER NOCH NICHT WÜNSCHEN, MEIN LEBEN ZU TAUSCHEN GEGEN JENES LEICHTERE, BESSERE?" Und es ist damit natürlich ein philosophisches Buch, das über die Grundfragen des Lebens reflektiert: "Daß jetzt erst in Träumen ... eine Ahnung mich anflog, worum es wirklich gehen müsste. Hätte gehen müssen. Die Erde ist in Gefahr, Angelina, und unsereins macht sich Sorgen, dass er an seiner Seele Schaden nimmt. Das seien die einzigen Sorgen, um die es sich lohne, fand Angelina, weil alles andere Unheil sich aus diesen ergebe."
Mein Fazit: Der Roman ist absolut lesenswert und es wird die Zeit kommen, wo es tatsächlich ein gesamtdeutsches Buch sein wird.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. August 2013
Zunächst sperrig -wie die Autorin wohl selbst - zunehmend fesselnd und faszinierend. Mehr noch als in ihrem Buch "Ein Tag im Jahr" stellt sich C. W. hier ihrer Vergangenheit, ihren damit verbundenen Ängsten in beinahe schonungsloser Offenheit. Sie stellt Ereignisse, Erlebnisse, Begegnungen, Beobachtungen in Los Angeles in Beziehung zu ihren Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen , die sie in ihr auslösen.
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21 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. Juli 2010
Allzu lange mußten wir auf dieses Werk einer großartigen Chronistin warten. Die "Stadt der Engel" ist von mehr als literarischem Belang. Sie schließt auch eine Lücke im stets autobiographischen Schreiben von Christa Wolf, die ihre Leserschaft gewiß ebenso schmerzte wie die Autorin selbst. Es geht um die Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, in denen auf 'linke' Kunst und Ästhetik eine regelrechte Hexenjagd veranstaltet wurde, mit oft frauen-, ja menschenfeindlichen Untertönen. Stichwort 'Literaturstreit', wie er von Karl Heinz Bohrer und dem bürgerlichen Großfeuilleton angeheizt wurde. (Ein wenig rühmliches Kapitel der bundesdeutschen Literaturgeschichte, dessen längst fällige Aufarbeitung das kürzlich erschienene Buch "Ernstfall Nietzsche. Debatten vor und nach 1989" von Jürgen Große leistet.) Das hysterische Eifern gegen vorgebliche 'Gesinnungsästhetik' handelt Christa Wolf mit wahrhaft souveräner Gelassenheit ab.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 10. September 2013
Christa Wolf, eine der größten, deutschen Schriftstellerinnen und Denkerinnen des letzten Jahrhunderts, hat auch hier wieder bewiesen, dass sie ein gottbegnadetes Talent hat, andere Menschen zum Denken anzuregen und ihnen ihren Platz auf Erden zu zeigen. Alle Bücher von ihr werden den Menschen immer sagen, wer sie sind und warum.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Auch ich bin mit sehr hohen Erwartungen an dieses Buch gegangen - basierend auf den fiktiven Werken, die ich bereits von ihr kenne - und habe zwar einen autobiografischen Inhalt, doch zumindest den in Romanform erwartet. Natürlich ist dieses Buch kein Roman. Und lange, vielleicht sogar bis zur Buchhälfte, war ich enttäuscht von dem Dahingeplänkel ihres Aufenthaltes in L.A., gespikt von den mir endlos scheinenden Erinnerungen und Gedankengängen bezüglich des ehemaligen Ostdeutschlands. Von ihrer Schreibweise, die regelmäßig ins "Du" übergeht und doch sich selbst meint, dann aber wieder in die Ich-Form zurückfällt, war ich stellenweise genervt. Erst zum Ende hin fand ich mich versöhnt mit dem Buch, das letztendlich doch (wieder) sehr sympathisch und vor allen Dingen rund und koherent geschrieben ist. Als ihr letztes Werk gewinnt es sicherlich an Bedeutung. Wer (noch) kein Christa-Wolf-Fan ist oder DDR-interessiert, sollte unbedingt mit einem anderen ihrer Werke beginnen.
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 5. März 2011
Kontakt zur Stasi gehabt zu haben, gilt denen, die auf einem anderen Stern lebten, ohne weitere Nachfrage als Sündenfall schlechthin. C.W. hatte in jungen Jahren diesen Kontakt. Die Akten belegen dies, machen aber auch offenkundig, daß es sich hierbei um eine Affäre handelte, die kaum eine war: Einige Aufzeichnungen, die einen schmalen Hefter füllen, berichten über den Versuch dieser schändlichen Organisation, sich ihrer zu bemächtigen. Dagegen stehen Reihen von Ordnern, die ihre Überwachung als Suspekte belegen.
C,W. gibt und gab den Kontakt mit der Firma unumwunden zu. Sie sagt, sie habe ihn vergessen gehabt, er sei ihr (wie ein böser Geist) erst wieder bewußt geworden, als die Custodin der Akten ihr nach der Lektüre der Ordner den besagten Hefter einhändigte.
Dies ist der Hintergrund des besprochenen Werkes, das fast tagebuchhaft einen Aufenthalt in Kalifornien beschreibt.
C.W. erzählt, wie sie es immer getan hat, persönlich zurückgenommen, objektiv, zweifelnd, analytisch. Ihre aus der Sachlichkeit schöpfende Sprachkunst macht dieses Buch zu einem lesenswerten und das Verständnis für die Befindlichkeit eines Intellektuellen, der in der DDR gereift ist, unverzichtbaren Werk.
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