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4.0 von 5 Sternen DON QIUCHOTTE VON DER LAUSITZ, 24. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer (Gebundene Ausgabe)
Da war mal Arbeit. Da wurden die Winterschlachten der DDR geschlagen. Brigadiere setzten Brigaden ein, monströse Maschinen förderten Braunkohle und die Helden der Arbeit wärmten die Stuben der Menschen und die Herzen der Funktionäre. In diesem Stück Lausitz, rund um Lauchhammer, hat Volker Braun seine Helden entdeckt: Flick und seinen Enkel, die sorbische Ausgabe von Quichotte und Sancho Pansa, die auf der Suche nach der verlorenen Arbeit durch den Abraum stolpern und in die neuen Seen des abgesoffenen Tagebaus tauchen. "Machwerk" hat Braun sein Buch genannt und das Werk ist gut gemacht.

Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer, so schreibt sich der Untertitel des Machwerk, ist ein einziger großer Gesang, ein klingender, rhythmischer Sprachteppich, ausgebreitet von einem, der Wörter in die Hand nimmt, sie seziert, um sie neu zu fügen und in ihnen andere Bedeutungen zu entdecken: "Da ergab sich in der Bekümmernis - die mein ganzes Kümmern ist - eine Gelegenheit, die wir nicht vorbei gehen lassen an unseren Leuten" skandiert der Autor und lehrt den Flick das Arbeitsamt kennen und den Ein-Euro-Job und das ganze andere Elend, wo dem doch das halbe schon gereicht hätte.

Es ist eine Art Phantom-Schmerz, der den Flick antreibt: Die Arbeit hat man ihm genommen, ihm, der doch berühmt war für seine Einsätze im Produktionskrieg, dem Kampf um höhere Arbeitsproduktivität, der verloren ging wie die gesamte DDR. Und weil der Erfinder des Mannes aus Lauchhammer von luzider, produktiver Intelligenz ist, hat er ihm den Namen des anderen Flick übergeworfen wie ein Narrenkostüm: Jenes Friedrich Flick, dem die Braunkohlegruben rund um Senftenberg durch Arisierung zugefallen waren und der dann bald, im Lauchhammer-Werk, an die Tausend KZ-Häftlinge, für täglich 250 Gramm Brot, 5 Gramm Fett und einem halben Liter Suppe, zu Tode beschäftigte.

Kaum zufällig lässt Braun seinen Flick einen Job als Museumswärter im "Hamburger Bahnhof" aufnehmen, jenem Berliner Tempel zeitgenössischer Kunst, in dem auch die Sammlung des Friedrich Flick Enkels, Friedrich Christian Flick, ein warmes Plätzchen gefunden hat. Und weil Flick von der Lausitz, seinem Kollegen von der Mancha hierin ähnlich, der ausgestellten Kunst mit unverstellter Naivität begegnet, versucht er eine Skulptur "künstlich zu beatmen (nachdem es künstlerisch nicht gelungen war)" und fliegt aus diesem Arbeitsersatz in einen anderen. Dass ihm der Dichter einen Einsatz gegen Windräder verordnet, "die auf dem gubener Landrücken standen" ist der deutlichste Gruß an Cervantes.

Wer annehmen wollte, Braun würde der Nostalgisela, dem Zwillingspferd der Rosinante, die Sporen geben und die untergegangene DDR zum zweiten Tode loben, der irrt. In einem Dialog mit einer alten Sorbin lässt er den Flick über die "Werktagskinder" denken, jenes Geschlecht das noch ausreichend Arbeit kannte und weiß über das Volkseigentum: "Unentwegt, sie sprachen ja nur davon! Es war ihnen gleich. Sie haben sich nichts daraus gemacht. Sie haben es nicht besessen." Das war es: Herrenloses Eigentum, heute versunken. Wie die Arbeitsgeräte im "Bernsteinsee", einem gefluteten Tagebau, dessen Name für die neue Freizeitromantik steht, das Lausitzer Seenland.

Zwei arbeitslose Generationen - der alte Flick der Arbeit noch kannte und der Enkel, der Arbeit nie kennen lernte - lässt Braun durch eine globalisierte Welt wandern, die Wanderarbeiter kennt und Arbeit, die weggewandert ist. In ferne Länder, in denen nun unsere alte Arbeit wohnt doch ohne die Kenntnis der Arbeiter von Arbeitsschutz und Gewerkschaft, vom Unten, das dem Oben auf die Finger gucken muss, wenn es überleben will. Wenn Braun uns auf diesem Weg einen "Interim Manager" vorstellt, einen der Firmen saniert, indem er Menschen rausrationalisiert, dann gibt er Hinweise auf den Weg, auf dem die Arbeit scheinbar unwiederbringlich verschwunden ist.

Volker Braun hat ein kluges und vergnügliches Buch geschrieben, dessen Sprachrätsel zu gesellschaftlichen Lösungen treiben sollen. Und weil er manchmal das Sprachspiel zu weit treibt ("Elise, eh Lise, Liebste!") will ich mich ein wenig rächen: Hie und da lauert kahl der Kopf in seinem Buch, einen Witz zu erhaschen. Ein Kapitel über die Calauer darf deshalb im "Machwerk" nicht fehlen. Der Ort stirbt aus, weil die Jungen wegziehen, in den Westen, nun werden keine Calauer mehr gemacht.
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Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer
Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer von Volker Braun (Gebundene Ausgabe - 15. September 2008)
EUR 19,80
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