Kundenrezensionen

21
4,7 von 5 Sternen
Wunschloses Unglück: Erzählung (suhrkamp taschenbuch)
Format: TaschenbuchÄndern
Preis:7,00 €+Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

20 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. Dezember 2007
Die Art und Weise des Berichtens: voller Entsetzen zeichnet Handke die Lebensgeschichte seiner Mutter nach. Mal in leichten, fließenden Wendungen, mal mit schweren, eigenen, ungelenken Worten das Unbegreifliche darlegend. In einem eigenen Kapitel überlegt er, wie die kurze Zeit, die seine Sprachlosigkeit freiläßt, für die Geschichte seiner Mutter genutzt werden kann. Er stellt fest, daß schon die Suche nach einer Formulierung eine Entfernung vom Inhalt bedeuten kann und nimmt sich vor, nur gängige Formulierungen aus dem "gesamtgesellschaftlichen Sprachfundus" zu verwenden. Wie viele andere Schwierigkeiten und Gefahren, die er sieht, kann er auch diese nur feststellen und hineinstolpern. Komprimiert und holprig ist die erzählte Lebensgeschichte der Mutter, mit einfachem Vokabular ist dem halt nicht beizukommen.

Vom Altern einer ehemals lebenslustigen Frau ist die Rede, die von Armut, trinkendem Ehemann und den familiären Pflichten um die Erfüllung selbst der kleinen Sehnsüchte betrogen wurde. Das Kärntener Dorfleben bietet keinen Freiraum für Einmaligkeit und Eigenarten, nicht mal für offene Verzweiflung. Sie klagt nicht oft, die Enttäuschung und Freudlosigkeit münden in schwere Kopfschmerzen. Alternativen zum Selbstmord sind nicht in Sicht.

Die Lebensgeschichte seine Mutter muß auch für Handke voller Unverständlichkeiten sein, anmerken läßt er sich das aber nicht. Die Schilderung klingt linear und umfassend. Aber was war Handke für seine Mutter, was war er für sie? Hochbemüht ist er im Lebensbericht, die Erzähllinie seiner Mutter nicht die seine kreuzen zu lassen. Er scheint ein Außenstehender zu sein. Als Leser kann man nur mutmaßen, was der Hintergrund ist: große Schuldgefühle ob der verpaßten Chancen, seine Mutter kennenzulernen? Der frische Schmerz, der die Annäherung nicht gestattet? Die eigene Verzweiflung als erschreckende Parallele ?

Fazit: Ein beeindruckendes und sehr lesenswertes Stück voller Verzweiflung und Entsetzen, schmerzhaft aus der Distanz reflektiert.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. September 2005
"Wunschloses Unglück" ist eines der frühen Werke Handkes. Es handelt von seiner Mutter, wobei das Verb "handeln" hier vielleicht falsche Assoziationen weckt: Handke malt ein Bild von seiner Mutter, das klar und durchsichtig ist, sachlich und dabei so wunderbar bewegend, weil es den Leser fühlen lässt, was jene Frau durchgemacht haben muß.
Als Mädchen auf dem Lande wächst sie auf, erhält dort kaum Bildung, obwohl sie wissbegierig ist und sicherlich auch begabt, doch sie muß sich in die Gesellschaft einpassen, die Rolle der damaligen Frau spielen: Haushalt und Kinder. Sie erträgt dieses Leben auf Dauer nicht, zu viel Langeweile und Einsamkeit, ein trunksüchtiger Ehemann, den sie nicht liebt, drei Abtreibungen und immer diese Lust auf das Leben, das Erleben, welche sie aber nicht stillen kann. Daran geht sie am Ende zu grunde.
Der Ich-Erzähler und Sohn greift in die Beschreibung hinein, berichtet von dem Schreibprozess, die Arbeit und Kraft, die er erfordert. Handke verbindet hier innere und äußere Realität, schaft damit eine "Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt".
Ein sicherlich sehr persönliches Buch, welches aber trotzdem kein Denkmal für eine Mutter wird, oder das wenigstens versucht zu werden. Nur eine Beschreibung, ein Bild, mit erzählerischen Qualitäten die mindestens an Stefan Zweig heranreichen.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Wie geht man mit dem Tod der eigenen Mutter um, der noch dazu ein Selbstmord war? Der Schriftsteller Peter Handke wird im Alter von 30 Jahren mit dieser Herausforderung konfrontiert. Er nähert sich der schwierigen persönlichen Aufgabe, indem er wenige Wochen nach dem Tod der Mutter eine Erzählung über sie schreibt. Er hält fest, was er von ihr und ihrem Leben weiß. Einerseits distanziert, andererseits so nah wie möglich rekonstruiert der Autor das Leben seiner Mutter, die unter dem Zwang ihrer Frauenrolle und der schwierigen wirtschaftlichen Umstände nie zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit kommt. Von den äußeren Verhältnissen zunehmend entindividualisiert und zutiefst einsam, setzt sie ihrem Leben schließlich im Alter von 51 Jahren ein Ende. Handke reflektiert in der Erzählung ständig die Voraussetzungen seines eigenen Erzählens, gibt Einblick in den Schaffensprozess, macht diesen für den Leser transparent. "Wunschloses Unglück" ist keine leichte Unterhaltungs- oder Erbauungsliteratur und schon gar nicht komisch. Auch wenn Handke in klarer Sprache und nahezu nüchtern die Lebensgeschichte seiner Mutter erzählt, löst die Lektüre eine beklemmende Stimmung aus, der sich der Leser nur schwer entziehen kann.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. Dezember 2004
Die Lebensgeschichte einer Mutter, ewig gefangen in ihrer Umwelt. Von der Geschichte herumgeworfen, nie ihr eigenes Leben leben könnend, bis sie Erlösung im Selbstmord findet. Der Erzähler dabei im Zwiespalt wie nahe oder wie weit man sich von der Protagonistin einer Geschichte entfernen kann und darf. Anhand eines persönlichen Schicksals stellt sich der Schriftsteller selbst in Frage, bestimmt für sich Erzähler und Autor, Protagonistin und leibliche Mutter, erfahrenes und mystifiziertes. Handke hat mit diesem schmalen Bändchen ein literaturtheoretisches Meisterwerk am eigenen Leib exerziert, Theorie und Praxis mittels eines Fallbeispieles verwebt. Großartig.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. November 2012
Peter Handke schildert in Form einer Erzählung das Leben seiner Mutter bis zu deren Freitod mit 51 Jahren. Er selbst, erstgeborenes und uneheliches Kind, war damals 30.

Zunächst fragte ich mich, wie kann es sein, dass man als Autor zum Leben der Mutter (zumindest hier) nur 89 Seiten zusammenbringt. Oder verfasst? Dann wäre es ein Grund, keine Offenbarung oder Fehlbarkeit.

Als ich das Buch das erste Mal begann, legte ich nach 25 Seiten eine Pause ein. Dies war keine geplante Pause und auch keiner Unverträglichkeit geschuldet. Ich fand offenbar keinen Zugang, war mehr beim Überlesen als dem Lesen und Verstehen. Intransparent gab es schon auf den ersten Seite Anknüpfungen umhüllt von Unbehagen, dem gelernten Verbot einer Neugier. Also Weglegen. Was anderes tun.

Ich legte es schließlich für einen Neustart zurück ins Regal. Solche Neustarts folgen aufgrund der Masse der ungelesenen Bücher in diesem Regal manchmal Monate, manchmal Jahre später oder vielleicht gar nicht mehr. Diesmal war es anders, denn nach drei Tagen beschäftigten mich Sätze und Textfragmente, die ich nie bewusst gelesen hatte, die sich aber dennoch begründbar bei mir eingegraben hatten. Hiernach beendete ich das Buch sogleich am Tag des Neubeginns.

Einen Neubeginn hatte die Mutter nie, allenfalls mal einen Beginn von was, was über Ansätze von Ausdruck oder Entfaltung nicht hinauskam. Ja, es war ein unglückliches Leben, aber auch wunschlos. Wie geht das zusammen? Das erklärt Peter Handke besonders und bemerkenswert, distanziert und nah. Dabei ist man fragen und wissend. Und es zu verstehen, ist nicht so schwer, doch Verständnis oder gar eine Befriedigung und Auflösung bringt dieses Verstehen nicht.

Ich müsste schreiben, dass das Buch mich tief bewegt hat. Hat es auch, würde aber nicht passen. Meine Großmutter war im Alter von Handkes Mutter und meine Urgroßmutter kam ebenfalls aus Kärnten. Von dort wo viele Slowenen lebten und heute noch leben, bäuerlich, ärmlich, freudlos, früher. Irgendwann mischte sich meine österreichische Ursprungsfamilie mit slowenischen Familien, ich verstand die Problematik nicht. Meine Urgroßmutter hatte sich da schon das erste Mal entfernt und meine Großmutter als Deutsche zur Welt gebracht. Sie wollte sich vollkommen von ihrer Herkunft entzweien, schaffte es aber nie. Und fast als Strafe für die eigene Mutter zog es meine Großmutter immer wieder dorthin, wo die eigene Mutter doch weg wollte. Als Kind war ich oft dabei. So spärlich die Erzähllungen meiner Großmutter später von ihrem früheren Leben oder dem der Urgroßmutter auch waren, vieles davon und darüber hinaus, was dem Schweigen und Verdrängen zum Opfer gefallen, aber doch bekannt war, las ich in den Erzählungen von Peter Handke. Das war erschaudernd, tief greifend und erklärend.

Dass dies so kommen konnte, liegt an einzigartigen, nicht vertrauten, isolierten Sätzen und auch kompromisslos, gradlinigen Textteilen, die alle keiner Übersetzung bedurften, sondern nicht konsequenter einer Beschreibung und Vermittlung dienen könnten als sie es hier tun.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. Dezember 2011
"Wunschloses Unglück" war mein erster Versuch mit Handke. Sieben Wochen nach dem Freitod der Mutter hat er dieses kleine Werk geschaffen. Er nähert sich der Erinnerung an seine Mutter langsam an, sachlich, aber nicht lieblos. Von Zeit zu Zeit steckt er im Detail fest, merkt dies aber und zieht den Fokus wieder etwas weiter. Es entsteht ein zartes und zerbrechliches Bild der Mutter, doch Handke wird zu keinem Zeitpunkt sentimental oder kitschig. Hin und wieder fand ich seine Erzählweise sehr distanziert, da er von sich und seinen Geschwistern immer nur als "die Kinder" spricht, sich selbst bezieht er in dieser Erzählung nicht ein, es ist, als hätten er und seine Mutter keine gemeinsame Vergangenheit gehabt. Aber eine gewisse Distanz gehört zum Verarbeiten auch dazu, denke ich. Ein kurzes, aber intensives Leseerlebnis.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Vielleicht das Erschütterndste, was ich je gelesen habe:

Lebens- und Sterbensweg einer stets unbedeutenden Frau, die viel aus sich hätte machen können. Ein Schicksal, das in irgendeiner Variation dieses wohl ewigen Themas in der Lebensbilanz unzähliger Frauen durchscheint. Noch in unserer Zeit.

Ich hätte gedacht, nur eine Frau, die neben der Dankbarkeit, "die man(!) dem Leben ja auch schuldig ist", nicht ohne Bitterkeit zurückblickt, hätte ihren Lebensweg so schildern können. Daß aber ein Mann, 1972 noch ein recht junger, sich derart einfühlen kann, ist in all der Tragik tröstlich.

Peter Handke hat eine scheinbar "sachliche", angemessene, vielschichtige Sprache mit differenzierten Ebenen gefunden, die doch die tiefe Lebens-Wahrheit stets hinter den Worten nur von denen erspüren läßt, die sich auf die Psyche einer scheinbar gar nicht bemerkenswerten Frau einzulassen bereit sind - und dabei in sich selbst "offene Wunden" klarer als zuvor erkennen.

Weltliteratur. Eine Bereicherung, wenn auch eine, die schmerzt.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 5. September 2011
Die Erzählung "Wunschloses Unglück" von P. Handke erzählt von seiner vom Leben und den Umständen wahrlich geschändeten Mutter - eine Rahmengeschichte, welche auf Tatsachen beruht und im Grunde nicht außergewöhnlich einzigartig wäre, wenn da nicht Handkes Sprache und seine Fabulierungen stünden, sodass letztendlich mehr über das Leben, die damalige Zeit und die Bedeutung bleibt, als von der Mutter und ihrem Schicksal selbst.

Dies ist eine beeindruckende Erzählung, die das ein oder andere Mal tiefe Einschnitte in die Erkenntniss macht und somit Literatur im Sinne von Kafka bildet: Als Axt für das gefrorene Meer in uns.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. Januar 2008
"Wunschloses Unglück" hat mich von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann gezogen. Ich habe das Werk auf einen Rutsch gelesen, zwischen einzelnen Absätzen immer wieder inne gehalten, habe das Gelesene auf mich wirken lassen und gleich darauf weitergelesen. Erst von Handkes einzigartigen Stil in den Bann geschlagen, ist es unmöglich, sich wieder loszureißen.

In unvergleichlicher Weise beschreibt Handke das bittere Schicksal seiner Mutter, die nach einem Leben in stereotyper Gefangenschaft der Hausfrauen den Freitod wählt. Im Zuge der Erzählung gesteht Handke ganz offen, sich einer Verallgemeinerung zu bedienen, und nach dem Tod seiner Mutter schreibt er sogar von ihren Freundinnen: "Ich spürte, wie sie beim Anblick der Toten allmählich an sich selber zu denken anfingen."

Das Leben als Mutter und Hausfrau wollte sie nicht erfüllen, sie war wissbegierig, unruhig, strebte nach Höherem - und war einfach fehl am Platz. Zwei Ehemänner, drei Abtreibungen, drei Kinder - so würde ein Außenstehender die Höhepunkte ihres Lebens zusammenfassen.

Mit "Wunschloses Unglück" versuchte Handke, den Selbstmord seiner Mutter zu verarbeiten, was von der ersten bis zur letzten Zeile deutlich spürbar ist. Vieles ist erschreckend greifbar, und Handkes Zwischengedanken scheinen beinahe eine Art persönliches Verhältnis mit dem Verfasser zu schaffen.

"Natürlich ist es ein bisschen unbestimmt, was da über jemand Bestimmten geschrieben steht; aber nur die von meiner Mutter als einer möglicherweise einmaligen Hauptperson in einer vielleicht einzigartigen Geschichte ausdrücklich absehenden Verallgemeinerungen können jemanden außer mich selbst betreffen - die bloße Nacherzählung eines wechselnden Lebenslaufs mit plötzlichem Ende wäre nichts als eine Zumutung", sinniert er zum Beispiel.

Peter Handke verwendet einen Stil, der nicht leicht zu lesen ist; er bedient sich vieler Metaphern, bildlicher Sprache, schreibt sehr feinfühlig und lyrisch und beansprucht damit die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Hat man sich erst auf seine faszinierende Art zu schreiben eingelassen, versinkt man teils vollkommen in der Erzählung.

Auf jeden Fall eine Empfehlung, die auch in der heutigen Zeit noch Aktualität besitzt.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Der Lebenslauf der Mutter von Handke, die in einem Dorf in Kärnten im Jahre 1971 durch die Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten Selbstmord begeht. Dies der Rahmen der Geschichte. Die große Leistung Handkes besteht darin, den Lebenslauf der Mutter so zu generalisieren, dass er auf mehrere Frauen zutrifft und doch kommt die Einzigartigkeit seiner eigenen Mutter zum Vorschein, denn ihre ganz besonderen Eigenheiten werden auch erzählt. Im Prinzip versucht Handke sowohl individuell als auch allgemein sich und seine Mutter zu beschreiben. Bei der Mutter handelt es sich um eine gescheite aber nicht gebildete Frau, die die Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten von heute nicht besitzt, da sie noch zur älteren Generation jener gehört, die auf dem Land leben und keine Möglichkeiten des selbständigen Lebens haben. Im Gegenteil, ihr Mann arbeitet und säuft abwechselnd und ihre Ehe ist nicht einmal mit einer Gütergemeinschaft zu vergleichen, geschweige denn mit einer Liebesehe. Schlagen steht noch immer auf den Programm, die Mutter lacht ihren Mann aus, wenn er sie schlägt, der Mann hingegen provoziert sie so lange bis er einen Grund findet sie zu schlagen.

Die individuellen Eigenschaften von Handkes Mutter sind das Lachen und das Verabscheuen von Geräuschen. Diese beiden Themen kehren in den Romanen von Handke immer wieder. Auch Handke selbst kann Lärm nicht ausstehen, weil der Lärm und die Geräusche etwas mit der Außenwelt zu tun haben und diese steht im krassen Gegensatz zu seiner Innenwelt.
Ich finde, dass es Handke gelingt, den Unterschied zwischen subjektivem Fühlen und Denken und der "Außenwelt" zu beschreiben. In diesem Roman kommt speziell die Lebensweise der breiten Masse während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg auf dem Land in Österreich gut zur Geltung.
Frauen, die sich für die Familie aufopferten ohne vom Mann jegliche Unterstützung zu bekommen, ungebildete Frauen, die den ganzen Tag im Haushalt oder auf dem Feld Tag ein Tag aus arbeiteten und für die ein kurzer Ausflug oder ein Stück Fleisch zum Mittagessen schon das Höchste der Gefühle bedeutete. Männer die immer wieder arbeitslos waren und zu trinken und zu spielen (vorzugsweise Karten) begannen. Kinder, die keine Liebe übermittelt bekamen, geschweige denn Geborgenheitsgefühl in der Familie.

Dieser Roman ist ziemlich tragisch und bedrückend, nur leider, nach einigen Zeugnissen zu urteilen, auch mehr als die Wahrheit. So lieblos und gewalttätig ging es wirklich zu in den Familien (bis heute).
Die Mutter von Handke bekam starke Kopfschmerzen, ließ sich auch behandeln, aber im Laufe der Jahre wurde ihr Leiden stärker, sie hielt die Menschen und das Leben im Allgemeinen nicht mehr aus, schlafen konnte sie jedoch auch nicht, sie fand nirgends zuflucht. Obwohl sie gerne etwas gelernt hätte, denn gerade beim Lernen fühlte sie etwas positives, sie fühlte sich selbst und das Leben. Aber damals kam das nicht in Frage, etwas zu lernen war verpönt und dumm. Man kennt heute noch die Wendung "Du hast ja zwei linke Hände". Gesellschaftlich angesehen (beim gemeinen Volk) waren handwerkliche Berufe und Traditionsbewusstsein, nicht nur bei der Frau, sondern auch beim Mann. Noch vor kurzer Zeit war es in der breiten Gesellschaftsschicht verpönt oder noch mehr lächerlich Bücher zu lesen oder sich mit geistigen Belangen auseinanderzusetzen. Jeder, der sich außerhalb dem von der Gesellschaft vorgegebenen Rahmen, außerhalb des engstirnigen, vom Zeitgeist diktierten Rahmen bewegte wurde verlacht, geschlagen oder als Minderwertig und dumm betrachtet, im besten Fall hatte man vor so jemandem Angst.

Ein weiteres Thema, dass in diesem Roman angesprochen wird, sind die negativen Folgen der Gemeinschaftsaktivitäten, wie sie tatsächlich während dem Hitlerregime aufkommen sind. Man lebte für und in der Gemeinschaft. Alles Individuelle wurde eben ausgelöscht. Jeder, der sich damals gefragt hat "Für wen, wofür tue ich etwas?" wurde sofort zurechtgewiesen. Fragen wie "Wer bin ich? Was will ich?" kamen im Menschen erst gar nicht auf. Meiner Meinung nach endete der ganze Spuk, außer für jene wenigen "Gebildeten", erst nach "Woodstock", erst heute beginnt man in der breiten Gesellschaftsmasse einzusehen, dass jeder einzelne Mensch etwas wert ist und dass jeder einzelne Mensch ein Individuum ist.

Die Mutter von Handke - sowie er sie beschreibt - repräsentiert den Versuch, sich aus diesem engstirnigen Rahmen zu befreien. Sie wollte selbständig sein und sie lehnte sich auch teilweise gegen das Negative auf, indem sie eben lachte oder indem sie geistig abschaltete. Nur wurde ihr dieses "geistig abschalten" zum Verhängnis. Was den Sohn Peter betrifft und wahrscheinlich viele andere Söhne, hier fällt mir z.B. Albert Camus ein, so gingen sie ihren eigenen Weg, ohne wegen ihrer Mütter zu verzweifeln aber doch, indem sie sie hochhielten als eine wunderbare, einzigartige Person.

Peter Handkes Stärke in all seinen Romanen ist die Sprache. In seinen Frühschriften überhaupt setzt sich Handke mit sprachlichen Ausdrücken und deren Bedeutung auseinander. Das was gesagt oder geschrieben wird, hat eine bestimmte Bedeutung für den Hörer und diese Bedeutung ist ihm wichtig. Wie nimmt mein Gegenüber meine Aussagen auf? Versteht er das, was ich zu verstehen geben will? Wie oft werden Sätze und Wörter so dahingesagt, ohne zu merken, dass die ausgesprochenen Sätze eigentlich falsch oder zu allgemein oder zu mehrdeutig sind. Hier erinnert mich Handke an jene Philosophen wie Wittgenstein, Bertrand Russell und die nachfolgende Generation, die versuchen die Philosophie von sprachlichen Missverständnissen zu befreien (linguistic turn). Zunächst muss man lernen Sprache richtig anzuwenden, erst dann kann Bedeutung zustande kommen. Gerade in diesem Roman versucht Handke auf dieses Problem einzugehen, indem er die Sätze, die Aussagen, die er tätigt in Frage stellt. Handke schafft es einige inneren psychologischen Gefühle und Gedanken des Menschen so zu beschreiben, dass der Leser sie nachvollziehen kann bzw. wenn der Leser sie selbst schon gefühlt hat, dass er dann staunt, dass diese überhaupt beschrieben werden können.
Ein weiteres Hauptmerkmal in den Büchern Handkes ist, dass er immer wieder sehr viele Fragen stellt. Seine Aussagen werden von ihm selbst infrage gestellt, so dass der Leser indirekt zum Mitdenken angeregt wird. Der Leser muss ständig seine Behauptungen und Gedanken selbst noch einmal für sich überprüfen. Das gefällt mir sehr gut an Handkes Schreibstil. Ich finde, dass Handke einen außergewöhnlich schönen Schreibstil hat der wie der Schreibstil von Schriftstellern wie Thomas Bernhard und Thomas Mann sehr ausdrucksstark ist.

Hier einige Textbeispiele aus dem Roman:

Das Schlimmste in diesem Moment wäre die Teilnahme eines anderen, mit einem Blick oder gar einem Wort. Man schaut sofort weg oder fährt dem anderen über den Mund; denn man braucht das Gefühl, dass das, was man gerade erlebt, unverständlich und nicht mitteilbar ist: nur so kommt einem das Entsetzen sinnvoll und wirklich vor. Darauf angesprochen, langweilt man sich sofort wieder, und alles wird auf einmal wieder gegenstandslos.

... aber ist nicht ohnehin jedes Formulieren, auch von etwas tatsächlich Passiertem, mehr oder weniger fiktiv? Weniger, wenn man sich begnügt, bloß Bericht zu erstatten; mehr, je genauer man zu formulieren versucht? Und je mehr man fingiert, desto eher wird vielleicht die Geschichte auch für jemand andern interessant werden, weil man sich eher mit Formulierungen identifizieren kann als mit bloß berichteten Tatsachen?

Das persönliche Schicksal, wenn es sich überhaupt jemals als etwas Eigenes entwickelt hatte, wurde bis auf Traumreste entpersönlicht und ausgezehrt in den Riten der Religion, des Brauchtums und der guten Sitten, so dass von den Individuen kaum etwas Menschliches übrig blieb, "Individuum" war auch nur bekannt als ein Schimpfwort.

Nur was man bereden konnte, war Sache der Politik; mit dem andern musste man allein fertig werden oder es mit seinem Herrgott abmachen. Man würde auch zurückschrecken, sobald ein Politiker wirklich auf einen einginge.

Der Wald sprach für sich. Außer diesen unzähligen Baumgipfeln zählte nichts; davor ein episodisches Getümmel von Gestalten, die immer mehr aus dem Bild gerieten.

Es gibt vielleicht neue, ungeahnte Arten der Verzweiflung, die wir nicht kennen.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
     
 
Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen
Der kurze Brief zum langen Abschied (suhrkamp taschenbuch)
Der kurze Brief zum langen Abschied (suhrkamp taschenbuch) von Peter Handke (Taschenbuch - 25. Juni 2001)
EUR 9,00

Immer noch Sturm (suhrkamp taschenbuch)
Immer noch Sturm (suhrkamp taschenbuch) von Peter Handke (Taschenbuch - 13. Februar 2012)
EUR 8,99

Versuch über die Müdigkeit
Versuch über die Müdigkeit von Peter Handke (Gebundene Ausgabe - 4. September 1989)
EUR 13,80