Fashion Sale Hier klicken Fußball Fan-Artikel calendarGirl Cloud Drive Photos Philips Multiroom Learn More madamet designshop Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Lego Summer Sale 16

Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

1-10 von 14 Rezensionen werden angezeigt(4 Sterne). Alle Rezensionen anzeigen
am 12. August 2002
Frisch setzt sich in diesem Roman vermutlich stärker und deutlicher als zuvor mit dem Problem der Identitätsfindung auseinander: indem das erzählende Ich verschiedene Situationen als einer der drei Protagonisten ,,durchspielt", sucht es nach seiner eigenen Identität. Dabei findet es besonders Gefallen an Gantenbein, deshalb der Titel. Gantenbein ist in der Lage seine Rolle zu wechseln, sein Spiel mit der Gesellschaft hat Erfolg. Svoboda wird nie richtig angenommen, er ist von vornherein der Verlierer. Enderlin kann seine Rolle nicht verändern. Enderlin endet in der Vorausschau eines alltäglichen Ehelebens, eines Lebens, in dem alles voraussehbar ist, indem der Erzähler erstarren würde.
Der Roman bietet eine unendliche Fülle von Randgeschichten, die das Wichtigste sind. Eine eigentliche "Story" gibt es ja nicht zu suchen, da das erzählende "Ich" keine Geschichte, sondern nur eine Erfahrung hat. Ein Teil von ihnen offenbart Witz bis hin zu hintergründigem Humor, andere sind voller Irrationalität, manche voller Lebensphilosophie oder leben von Frischs Thesen, die durchaus nicht ohne Widerspruch bleiben müssen. Er erfindet durch sein "Erzähler - Ich" viele Wirklichkeiten, viele mögliche Begebenheiten, und ebenso erfindet er mehrere mögliche Rollen für das "Ich" sowie für die Partnerin.
Was hinter der Blinden - Rolle des Gantenbein steckt, wird im Roman deutlich ausgesprochen. Man wird ihm eine Welt vorstellen, wie sie in der Zeitung steht, und indem Gantenbein tut, als glaube er's, wird er Karriere machen. Mangel an Fähigkeit braucht ihn nicht zu kümmern; was die Welt braucht, sind Leute wie Gantenbein, die nie sagen, was sie sehen, und seine Vorgesetzten werden ihn schätzen. Hier wird hinter der speziellen Intention des Blind - Spielens eine scharfe Zeitkritik sichtbar, welche die vielen, tatsächlich lebenden "Gantenbeins" aufs Korn nimmt.
4 Sterne für das Meisterwerk und auch nur weil es Anfangs doch schwer war sich in diese "Nicht-Story" hineinzulesen.
0Kommentar|21 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 28. September 2015
Es findet sich nicht oft, dass eine durchaus reale, gescheiterte Liebesbeziehung Anlass ist für gleich zwei Romane, geschrieben von den Betroffenen selbst: «Malina» von Ingeborg Bachmann, «Mein Name sein Gantenbein» von Max Frisch. Sexuelle Untreue, vom Schwerenöter Frisch wie selbstverständlich praktiziert, wird der Bachmann nicht zugestanden, er reagiert im Gegenteil mit starker Eifersucht, ihre problematische Beziehung zerbricht daran. Der vorliegende, 1964 erschienene Roman gehört zusammen mit «Stiller» und «Homo faber» zum Hauptwerk der Prosa von Max Frisch, ist durch seinen komplexen Aufbau aber auch sein schwierigster, hohe Ansprüche an den Leser stellend. Gemeinsam sind den genannten Romanen das Spiel mit den Identitäten ihrer Figuren und jene schwierige Thematik, welche die problematischen Beziehungen zwischen Mann und Frau darstellt, die sich einer halbwegs schlüssigen Klärung so hartnäckig widersetzt.

«Ich erlebe lauter Erfindungen» lässt der Autor seinen Helden sagen, wobei er unbekümmert die Fähigkeit der Leser voraussetzt, dass sie ihm folgen können, wenn er in seiner komplizierten Geschichte vom Ende einer Ehe verschiedene Identitäten und Erzählvarianten ausprobiert. Dieses Trial and Error jedoch führt, trotz literarisch durchaus raffinierter Varianten, auch nicht zu befriedigenden Ergebnissen, das Wesentliche bleibe für die Sprache unsagbar, hat Frisch später eingeräumt. «Was wäre wenn» also ist seine Methodik, im Roman durch den häufig eingeschobenen Satz «Ich stelle mir vor» eingeleitet, der nicht nur die Perspektive ändert, sondern auch den Kontext, Standpunkt und Haltung der Figuren mithin. Was dann zwangsläufig zu neuen, alternativen Geschichten führt, und man staunt nicht schlecht als Leser, zu welchen! Es schleichen sich nämlich Zweifel ein, was Realität letztendlich denn überhaupt bedeutet, von Identität ganz zu schweigen! Menschenwürde, die Annahme des Ich und seiner Selbstverwirklichung, könne sich nur auf freier Wahl gründen, so das Credo des Autors. Ein Kontinuum der Handlung ist also nicht zu erwarten, womit Frisch auch die Illusion zerstört, diese Geschichte könnte tatsächlich passiert sein, er erwartete vielmehr eher, dass sie zu «artistisch» sei für das deutsche Publikum.

Der Erzähler ist von seiner Frau verlassen worden, in der leer geräumten Wohnung sitzend erfindet er zu dieser realen Erfahrung eine, wie er glaubt, dazu passende Geschichte jenes Gantenbein, der nach einem Unfall seine Erblindung vortäuscht. So kann er tun, als merke er nicht, dass seine Frau Lila ihn betrügt. Eine weitere imaginierte Figur ist Enderlin, ein Wissenschaftler mit einem Ruf nach Harvard, dem er nicht folgt, weil er annimmt, todkrank zu sein. Eine dritte Figur ist Svoboda, mit Lila verheiratet, die eine Affäre mit Enderlin beginnt. Gantenbein wiederum wird zunehmend gequält von Anzeichen für die Untreue seiner Lila: ihr Kontakt zu einem Mann aus Uruguay, mysteriöse Briefe aus Dänemark, die sie vor ihm verbirgt, ein Rat suchender junger Schauspielschüler, den sie im Schlafzimmer empfängt. Als Lila eine Tochter bekommt, hat er den Verdacht, ein Mann namens Siebenhagen könnte der Vater sein.

Den drei Männern Gantenbein, Enderlin und Svoboda steht eine Lila gegenüber, die mal Schauspielerin ist, mal Ärztin oder venezianische Contessa, mal verheiratet mit Svoboda und mal mit Gantenbein, ein Kind hat oder auch nicht, die streckenweise sogar als Baucis auftritt an der Seite von Philemon, Ovids treuem Ehepaar, das sich den gleichzeitigen Tod erbat von Zeus. Wenn schließlich eine männliche Wasserleiche im Kiefernsarg die Limmat hinunter schwimmt, eine Hand scheinbar winkend in der Strömung, ist das letzte der assoziationsreich montierten Textfragmente dieses Romans erreicht. Es mag einer der drei Männer sein, der uns da zuwinkt, - «weiß man's?» würde Marcel Reich-Ranicki sagen. Der übrigens diesen «artistischen» Roman für gut hielt und damit so falsch nicht lag, wie ich meine.
0Kommentar|3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Landläufig wird angenommen, dass eine Biografie etwas Festes ist, gerade der Teil, der hinter einem liegt. Und doch hat jeder in seinem Leben kleinere und größere Ereignisse und Informationen zu verarbeiten und auch zu verkraften, die die eigene Biografie und den Blick auch manches im Nachhinein ändert. Und da muss man gar nicht Beispiele denken, bei denen die Eltern gar nicht die eigenen Eltern sind, der Partner einem seit Jahren betrügt oder ähnliches. Das funktioniert auch im Kleinen und eben nicht nur mit Fakten und retrospektiv, sondern auch mit Gedanken und in die Zukunft gerichtet. Konstruktivismus heißt die philosophische Richtung, die solches behandelt.

In Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" steckt die Konstruktion der eigenen Biografie bereits im Titel. "Mein Name SEI Gantenbein" definiert da ein Erzähler und erbaut sich ein eigenes Leben. Und dann ein zweites und ein drittes, bis es dem Leser schwer bis unmöglich fällt, den Überblick zu behalten, wer denn nun eigentlich wer ist in der Erzählung.

Der Roman ist gehobene und damit anspruchsvolle Literatur, keine leichte Kost. Auch mir als geübtem Leser solcher Texte fiel das Folgen und Dranbleiben phasenweise schwer. "Literatur als Arbeit" schrieb ich bei anderem Buch und könnte es hier wieder schreiben. Aber der Roman ist auch ein Stück Zeitgeschichte mit Figuren, die es so wohl nicht gab, die es aber sehr wohl hätte geben können. Und schließlich steckt darin auch vieles über den Autor, nicht nur, wenn ausgiebig Pfeife geraucht wird.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 15. Mai 2016
Ich habe mir eine Fischer-Taschenbuch-Ausgabe dieses Romanes von 1972 aus einer Grabbelkiste gekauft, da ich Frisch von "Homo Faber" und "Andorra" her kannte. Dieses Buch überraschte mich allerdings durch seinen unkonventionellen Stil, den man heute wohl als postmodern bezeichnen würde. Die eigentliche Handlung des Romanes - sofern davon die Rede sein könnte - wird von einem Ich-Erzähler erzählt, aber nicht etwa in Form einer Rahmenhandlung wie etwa bei Michael Köhlmeier, sondern ... Ja, wie eigentlich? Stellenweise wechselt er Erzähler innerhalb eines Satzes von der ersten in die dritte Person, und doch (so verstand ich es zumindest) ist von der gleichen Person die Rede. Aber von fix gegebenen Personen kann bei diesem Buch ohnehin nur bedingt die Rede sein: Zwar gibt es eine Reihe von Charakteren, die sich nach und nach herausschälen: Eben Gantenbein, dessen (spätere) Frau Lila, deren Ex Svoboda, ihren Liebhaber Enderlin, um die wichtigsten zu nennen. "Bin ich Svoboda?" fragt sich der Erzähler an einer Stelle. Ehrlich, ich weiß es auch nicht!

Lila, die eigentliche Zentralfigur, um die die anderen Charaktere kreisen, ist Schauspielerin - doch wird sie zwischendurch, wenn auch nur kurz, zur Contessa, zur Hausfrau, dann doch wieder Schauspielerin ... Das hat mich anfangs doch etwas verwirrt; nachdem ich mich in den Stil eingelesen habe, war es aber eine interessante Lektüre-Erfahrung. Ein brillanter Kunstgriff des Autors ist es, mit Gantenbein eine Figur zu erfinden, die vorgibt, blind zu sein, und dadurch eine völlig neue Perspektive auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten ermöglicht. Am unterhaltsamsten ist das Buch in den Passagen, wo Frisch schildert, wie Lila und Gantenbein (der Vorname Theo wird nur ein einziges Mal erwähnt) ein glückliches Paar bilden - nicht obwohl, sondern weil er blind ist bzw. spielt!

Dem Impressum des Buches entnehme ich, dass von dieser Taschenbuchausgabe allein zwischen 1969 und 1972 gut 200.000 Stück verkauft wurden! Ich frage mich, ob ein eher sperriges Buch wie dieses heute noch zu solch einem Verkaufserfolg werden könnte - ja ob es überhaupt erscheinen könnte. Es wäre jedenfalls zu wünschen!
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 1000 REZENSENTam 10. Februar 2013
Max Frisch (1911-1991), ausgebildeter Architekt und sicher einer der wichtigsten schweizerischen Schriftsteller veröffentlichte diesen sehr interessanten 3. und letzten großen Roman 1964, also 10 Jahre nach dem "Stiller" bzw. 7 Jahre nach "Homo Faber".

In "Mein Name sei Gantenbein" setzt Frisch sein schon 1960 theoretisch umschriebenes Wissen um, dass es so etwas wie Wahrheit eigentlich nicht zu erzählen gibt. Von seiner Frau verlassen, sitzt der Erzähler in einer leeren Wohnung mit abgedeckten Möbeln und sagt: er habe eine Erfahrung gemacht und suche jetzt die Geschichte seiner Erfahrung. Dazu jedoch schlüpft er in die Rollen verschiedener männlicher Figuren und wechselt deren Geschichten, indem er sie anprobiert "wie Kleider". Da ist zum Beispiel Theo Gantenbein, der durch einen Autounfall zu erblinden droht (Frisch war selbst kurz zuvor mit dem Auto verunglückt und hatte sich vorgestellt, was ihm hätte passieren können). Als der Augenverband abgenommen wird, kann er zwar sehen, beschließt jedoch, die Rolle des Blinden zu spielen. Daneben erfindet er Felix Enderlin, der einen Ruf nach Harvard ausschlägt, weil er sich für todkrank hält und Frantisek Svoboda, dessen Ehefrau Lila eine Affaire mit Enderlin beginnt. Auch Gantenbein lebt mit einer Schauspielerin namens Lila zusammen, der er seine Blindheit allzu lange vorspielt, und die ihn verlässt, als er ihr bekennt, gesehen zu haben. - Insofern verbindet alle drei Männer diese Frauengestalt (Gantenbein als Ehemann, Enderlin als Geliebter und Svoboda als ehemaliger Ehemann). Eine eigentliche Handlung gibt es bei dem Roman nicht, es reihen sich in sich schlüssige tastende Assoziationen des Ich-Erzählers aneinander und deuten verschiedene Möglichkeiten des Erlebens an.

Die Lektüre ist aufgrund dieses assoziativen Charakters schwierig und holprig, als Leser hat man nun mal gern eine zusammenhängende "Wahrheit" bzw. Story. Dem versperrt sich Frisch hier konsequent. Dennoch gibt es immer wieder für den Leser viel zu entdecken über die behandelten Themen Eifersucht, Ehe, Untreue, Glück und Trauer, so dass wahrscheinlich beim zweiten Lesen erst der ganze Charme dieses lesenswerten Werkes durchkommt. (10.2.13)
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. August 2001
Ein Protagonist ohne Identität - Max Frisch gelingt mit "Gantenbein" ein Drahtseilakt in Prosa. Lebensrollen werden wie ein Skatspiel gemischt und über die dreihundert Buchseiten verteilt. Der Leser darf puzzlen und tut es nur zu gern, denn Frisch bestückt sein Werk mit einer Sprache, die seinem Nachnam Ehre macht. Schwermut ist der Tenor des Romans, für leichte Stunden am Strand gehört er deshalb verboten. Mit schwerem Rotwein unter herbstlichem Himmel sehr zu empfehlen.
0Kommentar|3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 17. Februar 2006
...wie man das Buch verstehen soll. Wer einen flüssig zu lesenden Roman erwartet, den man mal schnell im Zug lesen kann, wird enttäuscht. - An sich ist "Gantenbein" eine Sammlung von kürzeren Geschichten, die einzeln funktionieren, aber trotzdem zusammengehören. Es sind die Gedanken eines Mannes, der sich vorstellt jemand zu sein. Mal der, mal der. Der Erzähler spielt mit Situationen in denen er sein könnte. Er verfolgt eine Vorstellung, verwirft sie wieder und nimmt einen anderen "Faden" auf.
Interessant und verhältnissmäßig komplex.
0Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 21. Juli 1999
In „Mein Name sei Gantenbein" probiert Max Frisch, so scheint es, verschiedene Biografien wie Anzüge an. Gantenbein, der eines Tages im Schaufenster eines Optikers eine Blindenbrille entdeckt, kauft sie und spielt fortan den Blinden. Dieser Kniff gestattet ihm eine völlig neue „Sicht" auf die Dinge, bringt aber auch viele Probleme mit sich. So kommt es, daß die Biografie an einigen Stellen abbricht und von vorn beginnt oder kurz vor einer heiklen Situation wieder einsetzt. Menschen, die sich in Gantenbeins Beisein völlig unbeobachtet vorkommen, enthüllen ihr wahres Ego, und andererseits gestattet sich Gantenbein gern ein offenes Wort über üble Kriecher, von denen er ja nicht wissen kann, daß sie gerade neben ihm stehen...
Bei all dem wird immer klarer, daß alles nur Gedankenspiel ist und dem einzigen Zweck dient, den wahren Menschen von seiner Zurückhaltung, Falschheit und Befangenheit zu lösen. Das Gleichnis vom Patienten, der ein Attest über verbleibende Lebenserwartung mit Erschrecken liest, als sein eigenes zu erkennen glaubt und daraufhin sein Leben völlig umkrempelt, weil der Arzt sich nicht traut, ihn zu fragen, ob er es gelesen habe, weil er fürchtet, ihn mit solchen Gedanken nur unnötig zu verunsichern, ist nur ein interessanter Spielzug des Buches, der zwischenmenschliche Beziehungen und Verhältnisse schonungslos offenlegt. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
0Kommentar|4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 1. Dezember 2011
Max Frisch gelingt es in diesem Buch die Vorstellung des Menschen, dass nur das Erfahrene, das so zu sagen Wirkliche, von Bedeutung ist zu überwinden. Der Erzähler gelangt immer wieder in Situationen in denen sich sein Leben in zwei verschieden Wege aufgabelt. Frisch nutzt diese Situationen, um dem Leser zu verdeutlichen dass beide Wege gangbar sind, der eine in der Realität und der andere in der Vorstellung. Frisch zeigt somit die Willkür des menschlichen Lebens auf. "Der nämlich bleibt, stellt sich vor, er wäre geflogen, und der nämlich fliegt, stellt sich vor, er wäre geblieben, und was er wirklich erlebt, so oder so, ist der Riß, der durch seine Person geht,..."

Ein bemerkenswertes Buch
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Um einen Zugang zu diesem komplizierten Roman Max Frischs zu gewinnen, kann man auf die biografischen Hintergründe Bezug nehmen, wobei natürlich klar ist, dass diese Beobachtungen nicht eins zu eins mit der realen Biografie identisch sind. Als die vierjährige Beziehung zwischen Frisch und Ingeborg Bachmann 1962 zu Ende ging, veröffentlichte er 1964 seinen "Gantenbein", einen Roman, in dem er diese Beziehung offensichtlich in vielen Brechungen und Gedankenspielen reflektierte. Ingeborg Bachmann - tief verletzt durch seine Darstellung - setzte sich 1971 mit ihrem Roman "Malina" ihrerseits damit auseinander. Die Frau in "Malina" beendet ihre Gemeinschaft mit ihrem Geliebten, Ivan, weil dieser sie zwar in einem elementaren Sinne glücklich macht, sie in seiner Gegenwart aber nicht ihre ganze Person realisieren kann - sie kann mit ihm nicht über ihre Depressionen reden, sie kann sich bei ihm nicht emanzipieren. Wie stellt nun Frisch diese Beziehung in seinem Roman dar?

Der Erzähler spaltet sich in mehrere Personen auf, um in ihnen Facetten seines Ich durchzuspielen. So sieht er sich z.B. als Gantenbein, der mit der schönen Schauspielerin(!) Lila verheiratet ist und mit ihr glücklich ist, weil er sich als Blinder ausgibt. Als realistisches Modell mutet einen das aberwitzig an, aber man merkt beim Lesen, wie nahe die Vorstellung dem Erzähler bzw. Autor geht, indem er sie unendlich differenziert variiert und auffächert, und man begreift, dass die Blindheit für ihn eine Metapher für seine wirkliche Beziehung gewesen ist. Gantenbein/Frisch mag sich in der Beziehung also einerseits selbstkritisch als Blinder gesehen haben, aber andererseits stellt er es als großen Vorteil dieser Blindheit immer heraus, dass er so Lilas Fehler, ihre Schwächen (ihre Unordnung z.B.) und vor allem ihre Seitensprünge mit anderen Männern nicht wahrnehmen konnte. Er konnte ihr so angeblich ohne Misstrauen und Hintergedanken begegnen, was eben ihrer beider Glück ausgemacht habe.

Man fragt sich, wie eine Beziehung wohl auf einer solchen Fiktion beruhen kann. Wie sollte das etwas anderes sein als ein ebenso krampfhafter wie aussichtsloser Versuch, das gemeinsame Glück eine Zeitlang zu bannen! Die Haltung Gantenbeins "der Frau" gegenüber erscheint mir überdies mehr als fragwürdig. Man hat nie den Eindruck, dass er seine Lila als Person sieht. Sie ist immer nur die schöne, reizende Frau - schon der Name "Lila" ist fragwürdig. Für ihn ist sie offensichtlich durch die Farbe charakterisiert, in der sie ihm durch seine Blindenbrille erscheint. Sie erscheint außer als Schauspielerin noch versuchsweise als Wissenschaftlerin bzw. als drogenabhängige "Comtessa" - wobei man natürlich auch wieder an Ingeborg Bachmann denkt. In einem "Männergespräch" ist in brutaler Direktheit die Rede von Gantenbeins "Verachtung" der Frauen: "daher müssen (die Männer) sie verherrlichen und stellen sich blind" (188). Man kann sich leicht vorstellen, was Ingeborg Bachmann bei solchen Stellen empfunden haben muss.

Es gibt immer wieder eindrucksvolle Passagen, in denen der Sprecher sich dessen zu vergewissern versucht, was für ihn Wirklichkeit ist, was im Leben wirklich zählt. Faszinierend sind auch die Passagen, in denen er die subtilen Schattierungen und halb unbewussten Übergänge in der Gefühlswelt seiner Personen auslotet. Andererseits ist der Antrieb hinter seinem Welt-Erleben oft befremdlich und für den Leser ermüdend, nämlich Eifersucht und Narzissmus in unendlichen Variationen.
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden