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Kundenrezensionen

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am 18. Juli 2001
Schon lange nicht mehr an die Oberfläche meines Bewußtseins geschwemmte Kinderträume tauchten auf, als ich dieses Buch las. Die Körperhaltung, die ich beim Lesen einnahm, war die eines Zusammengekauerten, der nach Atem ringt und meint, er müßte sich schützen. Und das, obwohl Karl Roßmann, die kindlich jugendliche Hauptperson in Franz Kafkas Roman "Amerika", redlich bemüht ist, sich zu wehren und so seinen Peinigern zu entgehen.
In verschlungenen, stringierenden Engführungen kommt er immer wieder in Situationen, in denen ihm Unrecht getan wird. Aber das eigentlich ihn grob Bedrohende ist in ihm und sich dem durch Flucht zu entziehen, ist unmöglich. So taucht man als Leser in Alptraumwelten und Labyrinthe menschlicher Unberechenbarkeit, in ein Ausgeliefertsein, das einen bitten und betteln läßt, es möge vorübergehen.
Für mich schreibt Franz Kafka das schönste und klarste Deutsch, das jemals geschrieben wurde. Seine Sprache ist von bezwingender, suggestiver Kraft. Der Klang seiner Worte ist unbeirrbar. Satz für Satz ist ein Kunstwerk für sich, das man immer wieder staunend vor sich hin sagen kann, ohne zu ermüden. Kafka holt die Bilder aus einer Tiefe, die im Dunkeln liegt und die sich schnellen, fraglosen Blicken entzieht. Er zwingt zum Hinuntersteigen in die eigene Empfindlichkeit und nur wenn man es wagt sich der auszusetzen, erschließt sich dieser Roman in seinem vollen narkotisierenden Rausch.
Die Geschichte von Karl Roßmann hat keinen Anfang und kein Ende. Sie ist unsere eigene unüberhörbare nicht zum Verstummen zu bringende Stimme, ein kurzes Aufleuchten in einer sonst finsteren Welt.
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TOP 500 REZENSENTam 13. Juni 2016
Das Buch ist beinahe eine literarische Sinfonie über die neue Welt. Kafka nannte seinen ersten großen Roman "Der Heizer", in seinen Tagebüchern auch "Der Verschollene", aber auch seinen amerikanischen Roman. Er hat Amerika selbst nie gesehen und doch einen Roman geschaffen, durch den man sich die Erlebnisse seines Helden Karl Roßmann als wahrhaftig vorstellen kann. Diese Konstellation zwischen personlicher Erfahrungswelt und Phantasie erinnert an die Werke Karl Mays. Natürlich ist Kafkas Buch von ganz entschieden besserer literarischer Qualität.

Amerika ist ein Buch über das Scheitern des Helden dieses Auswandererromans. Eine endgültige Niederlage fehlt. Aber Kafka läßt in dieser ihm üblichen Art der Verfremdung die Option des Scheiterns oder des Erfolges offen. Nun wissen wir nicht, ob er bei einer Vollendung des Werkes zu einem Ergebnis gekommen wäre. In seinem Roman "Das Schloss" ist die Unerreichbarkeit des Zieles permanent. "Amerika" blieb unvollendet und damit eigentlich noch viel mehr der Eigenheit kafkascher Literatur verhaftet.

Kafka war als Versicherungsmitarbeiter mit seinem Beruf unglücklich. Amerika, der Start in ein neues Leben des ausgewanderten Roßberg entspringt wohl ein wenig dem inneren Drang Kafkas, sich aus den beruflichen Zwängen zu befreien.
Bestechend ist die klare, einfache und doch mitreißende Sprache. Der faszinierende Stoff hat es letztlich aus der ihm innewohnenden Dramatik auch in Adaptionen auf die Bühnen der Theater geschafft. Ein absolut lesenswertes Buch.
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am 17. Oktober 2002
Kafka war angeblich nie in Amerika. Er wählt Amerika als lichtesten und hoffnungsfrohesten Ort seiner "Trilogie der Einsamkeit". Karl Rossmann, ein von den Eltern verstossener, introvertierter Teenager, landet mit dem Schiff in Amerika und muss sich von nun an durchschlagen. Dies gelingt ihm nur unter Wert . Er setzt auf Vertrauen und Ehrlichkeit um den reichen Onkel oder Fremde auf der Wanderschaft als Freunde zu gewinnen. Keinem kann er trauen, keinem gegenüber zeigt er die Härte, die notwendig ist um sich Respekt zu verschaffen. Karl bleibt ein Getriebener, phasenweise bis zur unwürdigen Knechtschaft unter seinen zeitweiligen Weggefährten. Er nimmt den einen Job an und verliert ihn wieder, weil er nicht egoistisch oder nicht diszipliniert genug handelt.
Kafka hat in seinem -leider unvollendeten Werk- die Kehrseite des "American Dream" vorweg genommen: Nicht die Belohnung für Ehrgeiz und Fleiss sondern für den richtigen Deal, ein Verkäufertalent, die richtigen Beziehungen und das nötige Maß an Kaltschnäuzigkeit. Sehr gut beschrieben ist auch die innere Zerrisenheit Karls einerseits die Idee eines Traumjobs zu haben, anderseits nur Jobs zu bekommen, für die er (freudlose) Erfahrungen vorweisen kann.
Sehr interessant auch das letzte Kapitel "Das Naturtheater von Oklhoma": Ein riesiger Wanderzirkus (mit viel Phantasie eine in diesem Zusammenhang vorweggenomme Mischung aus Disney World und New Economy) zieht über die Städte um Personal für das grosse Schauspiel einzusammeln. Sie haben für jeden Verwendung und verbreiten buchstäblich mit Pauken und Trompeten viel Hoffnung unter den Arbeitssuchenden. Die Frage Karls, wie sich denn all der Marketingaufwand rechnen könne, wo das eigentlich Geschäft doch noch sehr unsicher sei wird beantwortet mit: "Darum mache dir mal keine Sorgen." Leider hat Kafka das Werk nicht zu Ende gebracht...
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am 24. Oktober 2004
Dieser Roman zeigt Kafka aus einem anderen Blickwinkel.
In "Amerika" werden zwar die selben Problematiken aufgerufen, die nach hermeneutischer Sichtweise auch in seinen anderen großen Werken zu finden sind, wie Anpassung, Labyrinth-komplex, Autorität als Waffe gegen das Individuum, doch gibt Franz Kafka hiermit, ohne je in Amerika gewesen zu sein eine naturalistisch, wohlgemerkt anmutende Sozialstudie über Amerika und dessen großen Traum. Der Erzählstil ist klar und rein, sodass es dem Leser leicht fällt, die intertextuell-topographischen Türen zu finden, die er hier baut zu finden und zu öffnen. Doch man darf nicht annehmen, dass dieser Roman, trotz des scheinbaren Optimismus ein positives Werk von Kafka ist. Der Protagonist ist ebenfalls dem Untergang unterlegen, doch trifft ihn diesmal keine Schuld an seiner Tragödie. Er wird einfach so hineingeworfen und ist zum Handeln verurteilt. Der existentialistische Aspekt in diesem Roman ist meiner Meinung nach viel umfangreicher, als in seinen anderen Werken. Ich will durch Amerika Kafkas andere Werke nicht in den Schatten stellen, oder irgendwie behaupten, sie sein schlechter als Amerika, das wäre Blasphemie, aber Amerika ist anders als die Anderen, und darum ein beeindruckendes Werk.
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TOP 1000 REZENSENTam 14. September 2011
Der 15-jährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern in Deutschland nach Amerika verfrachtet, da er ein Dienstmädchen verführt hat und ihm dies zum Verhängnis wurde. In Amerika angekommen, muss er sich in der neuen englischsprachigen Welt mit Hilfe seines Onkels durchkämpfen, jedoch entdeckt er sehr bald, dass das Leben in dieser Fremde ein ständiger, schier aussichtsloser Kampf ist, an dem er zunächst zu scheitern scheint...

Kafka arbeitete mehrere Jahre an diesem Roman und brachte ihn bis zu seinem frühen Tod 1924 jedoch nie zu Ende. Es blieben nur Fragmente übrig, die dennoch zusammengefügt wurden und ein einigermaßen klares Bild ergeben, hinter dem man die Intention des Autors unschwer erkennen kann: Die gesellschaftlichen Missstände in den Einstellungen zwischen den Menschen verdeutlichen anhand eines Romans. Kafka ist bekannt für seine Romane und Erzählungen, die oftmals absurde, entfremdete, verzweifelte und komisch-tragische Figuren beinhalten, die die Gesellschaft um sie herum wiederspiegeln und sich selbst als Opfer dessen auffassen lassen. Kafka kann einerseits dem Expressionismus aber auch dem magischen Realismus zugeordnet werden, der später stark von Gabriel García Marquez vertreten wurde, jedoch ist seine Erzählkunst und Stilistik eine ganz eigene Sparte, unter derer sich der Begriff "kafkaesk" gebildet hat. "Amerika" ist einer der Erstlingswerke und hat einen offeneren Schluß als beispielsweise "Der Prozess" und "Die Verwandlung" und scheint sich noch lange nicht so dramatisch zuzuspitzen als diese beiden anderen Werke, jedoch ist es nicht minder umgeben von Tragik. Es ist hohe deutsche, auch etwas schwer lesbare Literatur, die jedoch ganz interessant wirken kann, wenn man bemüht ist, den Faden an der Geschichte nicht verlieren zu wollen und die sich entwickelnden Dialoge erkennt, die sich aus dem Nichts weiter und weiter kumulativ zu agieren scheinen, bis sie ihren Höhepunkt in irgendeinem Verhängnis erreichen.

~Bücher-Liebhaberin~
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am 28. November 2010
Dieses Buch wurde morgens im Radio beworben, also habe ich es gekauft. Liest sich gut, ist aber nicht vollendet und hat auch eigentlich keinen Titel. Zwischendurch scheinen Passagen zu fehlen, Fragmente des Romans werden deshalb im Anhang nachgeschoben. Dadurch hat der Roman am Ende Lücken zwischen den Kapiteln und hört von der Handlung schließlich plötzlich auf. Das erste Kapitel 'der Heizer' wurde separat veröffentlicht, es wirkt auch etwas anders bearbeitet.

'Amerika' behandelt den Abstieg eines Neuankömmlings in den USA so um 1900. Abgeschoben von zu Hause, da sich das Kindermädchen hat von ihm schwängern lassen wollen, in den USA durch großen Zufall vom reichen Onkel aufgenommen, und dann durch Intrigen und Charaktereigenschaften ins untere einfache Milieu gedriftet. Der Held der Geschchte hätte seinen Weg auch in der Upper Class nehmen können, aber weil er von gutem Gemüt und die anderen Menschen schlecht sind, muss er sich durchs Leben kämpfen, wo ihn verschiedenste Charaktere ausbeuten wollen. Doch er trifft immer auch auf Menschen, die es gut mit ihm meinen, und sei es zB nur durch die gemeinsame Herkunft. Es ist anzunehmen, dass Kafkas Karl Rossmann doch noch seinen Weg finden würde, nachdem er durch verschiedenste Erfahrungen geprägt ist.
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TOP 500 REZENSENTam 17. August 2009
Der 15 jährige Karl Rossmann wird von seiner Familie nach Amerika geschickt, da er von einem Dienstmädchen verführt worden war, welches darauf ein Kind von ihm bekommen hatte.

Kaum legt sein Schiff in New York an, ist Karl bereits mit dem Heizer des Schiffes bekannt, für den er sich einsetzt, da der Heizer versichert, schlecht behandelt worden zu sein. Bei der anschließenden Debatte mit dem Kapitän und einigen anderen, stellt sich heraus, dass einer von ihnen Karls Onkel ist. Dieser nimmt ihn sofort mit sich und lässt in bei sich wohnen. Der talentierte Karl lernt Englisch und Reiten und unternimmt eines Abends einen Ausflug auf ein Landhaus, welches dem Freund seines Onkels gehört. Dort erfährt er, dass sein Onkel nicht will, dass er zurückkommt. Karl ergibt sich in sein Schicksal und ist entschlossen, sich so etwas wie den amerikanischen Traum selbst zu erfüllen.

Er wird von zwei Gesellen namens Delamarche und Robinson aufgenommen, die hoffen im Westen Arbeit zu finden. Karl begleitet sie auf ihrem Marsch, verlässt sie allerdings, als er in einem Hotel Arbeit als Liftjunge bekommt und in der Oberköchin dort eine Verbündete und Freundin findet. Eines Tages taucht jedoch Robinson auf, betrunken und in schlechtem Zustand. Nach diesem Skandal wird Karl schließlich entlassen und begleitet Robinson zu einer Wohnung, wo auch Delamarche zusammen mit der übergewichtigen, hysterischen und grässlichen Frau Brunelda, deren Liebhaber er ist, wohnt. Karl wird widerwillig Diener der ekelhaften Frau und reißt schließlich aus, um sich einem Wandertheater anzuschließen. Im letzten Kapitel fahren er und ein Freund als Angestellte des Zirkus in Richtung eines unbekannten Ziels.

Amerika ist der erste Roman Franz Kafkas und auch sein labilster, das aber hauptsächlich wegen dem offenen und daher glücklich wirkenden Endes, das Kafka, nach eigenen Angaben, noch ganz zum Guten wenden wollte.

Neben dem fast schon naiven Ausdruck der Sprache und der Detailgetreue der Schilderung, tauchen auch Ansätze und Motive wieder auf, die an 'Den Prozeß' oder 'Das Schloss' erinnern. An erster Stelle steht die Hoffnung, mit der Kafka in seinen Roman immer wieder bewusst spielt, in dem er sie zuerst aufzeigt, kurz zelebriert und dann meist ohne Gnade zunichte macht. Egal wie sehr Karl Rossmann auch versucht Fuß zu fassen, egal wie positiv es sich für ihn wendet und egal wie klar er selbst beteuert einfach nur arbeiten zu wollen, immer gibt es Missverständnisse oder eine unglückliche Verknüpfung von Geschehnissen und Aussagen und der arme Karl muss von vorne beginnen. Wie schon im 'Prozeß' erscheinen Gesellschaft/Bürokratie und herrschende Klasse brutal und unübersichtlich zu sein, all ihre Edikte, ihre Ignoranz und ihr fehlendes Interesse für andere zermürben jede Form von Zugehörigkeitsgefühl und Mut. Wie im Prozeß ringt man mit dem ständigen Pech und der Willkür der Umstände und will Kafka um Nachsicht mit seinen Helden bitten.

Auch an den Frauen lässt Kafka nur wenige gute Haare, angefangen beim Dienstmädchen, über Klara, die Tochter des Freundes seines Onkels, bis zu Brunelda, obwohl in diesem Roman wenigstens einige 'gute' Frauen vorkommen (Köchin und Dienstmädchen im Hotel).
Ein weiteres Motiv, ist die unterschwellige Kritik und der schwer erkennbare Humor, die beide Kafka so eigen sind. Die Kritik richtet sich teils an die Gesellschaft und teils wohl an die Menschheit und doch bleibt sie in allen Texten mehr aufzeigend, denn anzeigend. Sie ist eine Stimmungskonstante und kein Transparent.

Was aber wohl bei allem auch sehr faszinierend ist, sind die Personen die Kafka erdenkt. Sie scheinen normal, manchmal auch klischeehaft und doch sind sie wahrlich einzigartig in der Literaturwelt. Es liegt wohl an ihrer überzogenen Schnörkellosigkeit, dass diese Figuren einen Faszinieren; es liegt ein Anteil von Apathie in jeder Figur, die sie gleichsam übergroß werden lässt, unbeweglich, eigensinnig und auch irgendwie hoffnungslos - ein wesentlicher Zug der meisten "echten" Menschen.
Man kann gewiss noch viele Loblieder auf diesen Roman dichten, aber ein letztes sollte man noch singen, nämlich eins, auf die einzelnen Sätze Kafkas, die es steht's alle schaffen bedeutungsschwer und einprägend zu sein. Kafka schrieb nie die schönste, aber unzweifelhaft hat er die deutlischte Prosa von allen deutschen Schriftstellern geschrieben.
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am 3. September 2008
Die Geschichte des junge Karl Roßmman, der voller Naivität und Gutgläubigkeit nach Amerkia kommt hat mich sehr beeindruckt.
Mit Ausnahme des Heizers an Bord des Schiffes, das ihn von Europa nach Amerika bringt, wird er von allen ausgenutzt. Doch seine jugendliche Art macht ihn unempfindlich. Er trägt sein Schicksal ohne zu murren. Er erkennt Unrecht und setzt sich für andere ein. Er bleibt dabei oft auf der Strecke. Er bleibt allein und findet keine wirklichen Freunde. Das System zermürbt ihn mehr und mehr.
Beeindruckend für mich sind die Bilder im letzten Kapitel, wo Karl Roßmann versucht in einem riesigen Theater Arbeit zu finden. Auch hier hat ihn das System fest im Griff. Doch am Ende findet er "sein" Glück, als er in den Zug steigt und dieser mit unbekanntem Ziel abfährt. Schade, dass Kafka das Buch nicht wirklich vollendet hat. Wirklich beeindruckend.
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am 16. April 2010
Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene", bzw. in der von Max Brod herausgegebenen Ausgabe "Amerika" ist wohl sein heiterster literarischer Exkurs.

Der sechzehnjährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern nach Amerika abgeschoben, weil er vom Dienstmädchen der Familie verführt wurde und sie geschwängert hat. Eine recht eigenwillige Strategie zur Lösung des Problems, die jedoch symptomatisch für den Rest dieses Romans ist. Mit diesem Ereignis beginnt ein Abenteuer, dass den sehr menschlichen, aber in gewissen Punkten schwachen Karl Roßmann einen besonderen Abstieg hinlegen lässt, der nur im konsequenten Verschwinden, in einem Sichauflösen enden kann.

Skurrile, wenn man will, "kafkaeske" Situationen führen den Leser durch die Kajüte eines (gänzlich unbekannten) Heizers, in dessen Bett sich der junge Roßmann aus Platzmangel gerne legt und sich dabei geborgen fühlt; in weiterer Folge davon der Versuch, des Heizers Kündigung aufzuheben und die Bekanntschaft mit dem Onkel Roßmanns, der ihn aufnimmt und in die feine Gesellschaft einführt, ihn aber bei erster Gelegenheit abstößt.

Was Karl Roßmann in der Nacht auf dem Land widerfährt, ist eine zynische, sadistische Falle seines Onkels, die allerdings, auch mit den manischen Szenen um das Fräulein Klara und ihre fernöstliche Kampfkunst literarisch faszinierend gelöst ist.

Ausgestoßen, findet Karl mit dem Iren Robinson und dem Franzosen Delamarche Kameraden, die sich nahtlos in die Reihe derer einordnen, die den gütigen und von Grund auf ehrlichen Karl Roßmann ausnutzen, betrügen und weiter in den Abgrund mitreißen. Eine Beschäftigung als Liftjunge lässt ihn kurz hoffe, bevor auch diese Gelegenheit durch die Rückkehr Robinsons zunichte gemacht wird. Roßmanns Kündigung und Verhör durch den Oberkellner ist eine großartige Ausreizung des Ohnmachtgefühls, das man hat, wenn man zu Unrecht eines Vergehens beschuldigt, bzw. dafür auch noch verurteilt wird. Eine Ohnmacht, die auch hier durch resigniertes Handeln beendet wird. Als letzter Schritt in den Abstieg soll Karl der psychisch labilen Sängerin Brunelda und Delamarche als Diener zur Seite stehen.

In diesem Teil des Romans zeigt das Handeln Karl Roßmann erstmals erste Zeichen von Auflehnung gegen das Unrecht, das ihm angetan wird.

Ein Sprung in Geschehen und Zeit führt den Leser zu Karl Roßmanns Ausbruch und seinem erfolgreichen Bestreben, Mitglied im absolut absurden Naturtheater Oklahoma zu werden, das als größtes Theater Amerikas, bzw. der Welt gelten soll.

Mit der Figur Karl Roßmanns hat Franz Kafka ein Psychogramm eines grundgütigen jungen Mannes gezeichnet, der von Unrecht und Gemeinheit verfolgt, das Menschsein und seine Grundehrlichkeit nie aufgibt, bis zur endgültigen Flucht aus seiner Identität, die durch die Ablegung seiner Identität besiegelt wird.

Max Brods Version von Franz Kafkas Text ist vor allem der Versuch, die Eigenheiten von Franz Kafkas Rechtschreibung und vor allem auch, seiner Interpunktion, auszubessern, die Sprache Kafkas dem Leser näherzubringen.
Die beiden im Anhang angehängten Fragmente von Kapiteln, die Max Brod aus dem Roman herausgenommen hat, sind meiner Meinung nach für das Geschehen unwichtig und ablenkend. Beide Fragmente können als Versuche gedeutet werden, das Geschehen um Brunelda in andere Bahnen zu lenken. Möglicherweise blieben sie deshalb fragmentarisch, weil Frank Kafka sich dessen bewusst war, dass er, um das endgültige Verschwinden Karl Roßmanns zu inszenieren, nicht mehr in diese Richtung gehen kann.

Möglicherweise fehlt diesem Romanfragment die Überleitung zum letzten Kapitel um das Naturtheater Oklahoma; andererseits macht aber dieser doch recht ruppige Sprung, dieses Unvollständige hier den großen Reiz aus.
Nicht alles muss gesagt werden.
Meiner Meinung nach ist "Amerika", auch wenn nie wirklich vollendet, doch ein vollendeter und in sich geschlossener Roman, der durch das offene Ende sehr lange zum Nachdenken anregt.

"Amerika" ist von einer durchgehenden melancholisch-heiteren Stimmung durchleuchtet und hat u.a. mit seinem zwanghaft neurotischen Antihelden Karl Roßmann einen Protagonisten, der den Leser mitleiden, aber auch immer wieder mitschmunzeln lässt.
Sprachlich brillant, mit unvergesslichen Szenen und Sätzen, die immer in Erinnerung bleiben werden.
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am 9. April 2007
Ich habe unter anderem "der Prozess" und "die Verwandlung" gelesen, und weil mich gerade "der Prozess" ausserordentlich beeindruckt hat, war ich gespannt, was Kafka uns in seinem Emigrationsroman bieten würde. Nun, ich bin ziemlich enttäuscht.

Es mag sein, dass Kafka präzise und treffend schreiben konnte, aber das allein reicht nicht für einen gelungenen Roman. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass hinter "Amerika" kaum Recherche, resp das Erarbeiten einer kohärenten Handlung steht. Es scheint, als habe sich Kafka, mit ein paar grundlegenden Ideen zur Handlung im Kopf, hingesetzt und begonnen zu schreiben, eben was ihm gerade so einfiel. Und das alles wirkt nun seltsam ziel- und nutzlos. Kafka erreicht es nicht, mir eine Illusion von Wirklichkeit vorzustellen. Was er schreibt wirkt erfunden, ausgedacht. Worum geht es in dem Text eigentlich? Was soll dem Leser vermittelt werden? Wohin hätte dieses Fragment führen sollen?

Wer schon allen Kafka gelesen hat, mag "Amerika" zur Ergänzung lesen. Als Einstieg rate ich von "Amerika" ab. Kafka hat viel besseres geschrieben.
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