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42 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überwältigend
Der ganze Roman ist ein einziger Bewußtseinsstrom. Bernhards Sprache gelingt es, den Leser vollkommen in seine Gedanken, seine Assoziationen und seinen endlosen Haß hineinzuziehen. Oft erkennt man eigene Gedanken wieder, die einem jedoch zu zynisch anmuteten, als das man sie offen äußern wollte. Die Lektüre selbst gleicht einem Rausch: Man...
Veröffentlicht am 12. Mai 2002 von Listior

versus
5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Begegnung mit der Titiseetante - eine Bedrohung
Ist Franz Murau der Erzähler, oder sind das zwei Personen? Diese Frage bleibt ungeklärt, aber sonst erfahren wir eine ganze Menge über ihn. In einem imaginierten Dialog mit seinem Schüler Gambetti zeichnet er ein umfassendes Bild seiner eigenen Persönlichkeit und Herkunft; so wie er gesehen werden möchte.

Meinungsstark und...
Veröffentlicht am 4. September 2010 von o-o


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42 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überwältigend, 12. Mai 2002
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung (Taschenbuch)
Der ganze Roman ist ein einziger Bewußtseinsstrom. Bernhards Sprache gelingt es, den Leser vollkommen in seine Gedanken, seine Assoziationen und seinen endlosen Haß hineinzuziehen. Oft erkennt man eigene Gedanken wieder, die einem jedoch zu zynisch anmuteten, als das man sie offen äußern wollte. Die Lektüre selbst gleicht einem Rausch: Man beginnt distanziert, in Rom, mit dem Telegramm in den Händen. Seitenlang hält man es dort fest, hält es auf Distanz und verfolgt mit dem geistigen Auge einen gruseligen Film aus der eigenen Vergangenheit. Dann ist man in Wolfsegg, spukt um das Anwesen herum, flüchtet in den Garten, ins Schulhaus usw und durchlebt dabei ein Wechselbad der Gefühle, wie man es nur aus einem bemerkenswerten Traum gewohnt ist. Ohnehin hat das ganze etwas Traumhaftes, wie im Rausch eben. Die Abscheu Murnaus vor seinem Zuhause, vor seiner Herkunft, seiner Familie und so weiter wird mit jeder Seite greifbarer und man beginnt selbst das Bedürfnis zu verspüren, das alles endgültig auszulöschen. Sein Heim ist Murnau eine elementare Bedrohung, ein tiefsitzendes Unheil, das mit jedem darauf abgefeurten Wort mehr und mehr zerfällt. So wird jedes Wort zu einem Schwertstreich der seelischen Befreiung, und der Schluß endlich exorziert die sich aufbauende Spannung, den Druck und den sich auftürmenden Haß wie heimtückische Geister und Dämonen, die die Seele vergiftet haben.
Es gibt wenig Romane, die mit einer derartigen Intensität auf den Leser einstürmen und ihn nicht mehr loslassen, bis auch er seine eigene, ganz persönliche Auslöschung vollendet hat.
Ein bemerkenswertes Buch!
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39 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bittere Abrechnung, 3. Juli 2005
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Zugegeben, man muss sich den Stil Thomas Bernhards anlesen, geradezu erarbeiten. Das ist nicht jedermanns Sache. Wer sich jedoch dieser literarischen Herausforderung stellt und wer die Literatur Bernhards zu mögen lernt, wird belohnt wie bei wenigen zeitgenössischen Autoren.
Mit dem Roman „Auslöschung" findet das prosaische Werk Bernhards ein grandioses Ende. Bernhard rechnet ein letztes Mal mit Österreich ab, mit dem Deutschtum, mit dem Katholizismus und nicht zuletzt und vor allem mit dem Nationalsozialismus.
Sein Stil, geprägt durch endlose Wiederholungen, durch Übertreibungen und ein Schreiben ohne jede optische Unterbrechung, im gesamten Buch gibt es lediglich einen Absatz zwischen dem ersten und dem zweiten Teil, erzeugt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte und wollte. Es ist vorstellbar, dass nur ein Mensch eine solche Verachtung, einen solchen Radikalismus entwickeln kann, der selbst in Jugend und Kindheit gelitten hat.
„Auslöschung" empfehle ich sehr, jedoch halte ich für den Bernhard-unkundigen Leser zuerst die kürzere Abrechnung mit der Kulturszene Österreichs, „Holzfällen" für den besseren Einstieg. Der Einstieg mit der „Auslöschung" bürge die Gefahr, beim Lesen zu scheitern. Und das wäre schade, jammerschade.
„Auslöschung" gehört fortan zu den von mir am meisten geachteten Werken der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.
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33 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Hubertusmantelgesellschaft, 2. August 2002
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
"Kinder sind fleischfressende Dummköpfe", heißt es in "Auslöschung", und dieser Satz steht exemplarisch für den ganzen Romanstil, in dem Bernhard seine Übertreibungs- und Wiederholungskunst und seinen Österreichhass auf die Spitze treibt.
Alle bekannten Bernhard-Sujets werden in diesem opus magnum ausgebreitet: Heimat, Erziehung, Katholizismus, Nationalsozialismus.
Wer Thomas Bernhard (tatsächlich) kennenlernen will, muss "Auslöschung" lesen. Das großartige an diesem Buch ist, dass jedes Detail der österreichischen Gesellschaft angesprochen und weil als bösartig ("stumpfsinnig") entlarvt, schließlich aus der Erinnerung der Romanfigur Franz Josef Murau ausgelöscht werden muss.
Der Protagonist lebt in Rom, muss aber ins elterliche Herrenhaus nach Oberösterreich zurückkehren, weil seine Eltern und sein Bruder bei einem Autounfall tödlich verunglückt sind und er jetzt Alleinerbe des großen elterlichen Vermögens ist. Im ersten Teil des Buches reflektiert Murau seine Beziehung zu Familie, Erziehung und Umgebung. Im zweiten Teil kommt er zurück ins Heimathaus, um das Begräbnis zu organisieren und trifft dabei alle Bekannten und Verwandten seiner Familie.
Bruchstücke einer Auslöschung: Der Protagonist beschreibt das Landvolk in Oberösterreich als "Hubertusmantelgesellschaft". Die Ehe ist ein "Gefängnis". Die Bauern, mit ihren "dümmlichen, eingedickten Gesichtern". Die Deutschen, die "sich ihren Goethe wie ein Marmeladenglas aufs Regal stellen und zu jeder passenden Gelegenheit hervorholen."
Die Romanfigur ist freilich ein Abbild Bernhards, des Österreicherhassers, der wie kein anderer vor ihm, ein schrecklich vernichtendes Urteil über sein Heimatland fällt. Bernhards alter ego sagt: "Die meinigen haben mich immer gehasst." Das gleiche könnte Bernhard selbst freilich über "seine" Österreicher gesagt haben.
Was haben wir aus diesem Buch gelernt? Dass einen die österreichische Herkunft, egal wohin man flüchtet, schließlich und endlich zerstört und auslöscht. Conclusio: Bernhard eben, in prosaistischer Perfektion.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Opus magnum Bernhards, 6. März 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Zunächst sei bemerkt, daß dieses, 1986 erschienene Buch bereits die zweite Beschäftigung Bernhards mit dem Stoff über Wolfsegg ist, nach der (kurzen) Erzählung "Der Italiener" aus dem Jahre 1963. Der Italiener ist in "Auslöschung" eben Muraus Schüler Gambetti aus Rom. Der Roman vermittelt, auch als zuletzt publiziertes längeres Prosawerk Bernhards, einen Gesamteindruck von dessen Weltsicht. Das dem Roman vorangestellte Montaigne-Zitat: "Ich fühle, wie der Tod mich beständig in seinen Klauen hat. Wie ich mich auch verhalte, er ist überall da." ist besonders in Anbetracht des nicht spät darauf folgenden Todes Bernhards nicht nur als Thema des Buches zu verstehen. In "Auslöschung" treibt Bernhard seine Kunst ein letztes (?) Mal an die Spitze und schreibt sein wohl bestes Werk, bis auf die autobiographischen Bücher (Ursache, Keller, Atem, Kälte, Kind) und die beeindruckenden Romane "Beton" und "Alte Meister". Man kann wohl getrost behaupten, daß auch die anderen in den 80ern entstandenen Prosatexte (Untergeher, Wittgensteins Neffe, Holzfällen) zu seinen besten Büchern zählen, doch wenn jemand in Thomas Bernhards Werk interessiert ist, ist dieses Buch ein ebenso guter Start...
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen missverstanden, 12. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
nie schrieb ich eine buchrezension; und davor, eine solche im internet zu veröffentlichen, verspürte ich auch immer eine gewissen abneigung. was nun aber in den früheren kommentaren hier zu lesen ist, lässt mich daran zweifeln, warum menschen überhaupt lesen. wie kann man durch dieses buch kommen, wenn man nichts anderes in ihm erkennt, als eine (verzeihung: billige) abrechnung mit kleinstädten und -bürgern respektive österreich oder der ganzen welt? wenn es nur das wäre, ich hätte das buch nicht lesen können, denn auf diese gedanken wäre ich auch ohne das zu tun gekommen (bzw. hätte ein zweiseitiger aufsatz genug raum für diese gedanken gegeben). vielmehr legt dieses buch den charakter des misanthropischen menschen frei. um bernhardisch zu sprechen: der welthass des erzählers ist nicht "naturgemäß", sondern aufgesetzt, krankhaft eingeredet. warum sonst gibt er zu, dass das schönste für ihn die übertreibung ist oder, an späterer stelle, dass er selbst eigentlich der charakterlose sei, weil er, um seine mitmenschen zu erniedrigen, diese lächerlichen fotographien benötigt. könnte er nicht über die ganze welt herziehen, er wäre nicht überlebensfähig. oft genug sagt er doch, dass er gambetti nicht die welt darstellt, wie sie objektiv ist, sondern so, wie sie in seiner wahrnehmung ist. sogar sein gehirnwäscheopfer gambetti bemerkt dies - ihm gegenüber durch sein lachen.

der zweite punkt, der mich ärgert, ist, dass ständig alle davon schreiben, dass BERNHARD in diesem buch mit österreich abrechne. woher wissen wir das denn bitte? über bernhard erfahren wir - nichts! wir erfahren nur etwas über murau. ein fehlschluss vom erzähler auf den autor.

um jetzt gleich mir selbst widersprechend zu handeln, möchte ich dazu noch anmerken, dass ich bernhards höchsteigenen welthass nicht für ernst, sondern entweder für ein riesengroßes schauspiel oder selbst eingeredet halte; das dachte ich schon vor der lektüre dieses buches, die genau diese psychologische eigenschaft zumindest bei murau freilegt.

also noch einmal: wie kann man 650 seiten lesen, wenn man nicht mehr erkennt als eine abgeschmackte abrechnung mit österreich?! man sollte heute wieder weniger, dafür sorgsamer lesen.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn man einen Bernhard gelesen haben muss - dann diesen!, 8. Januar 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Hat man erstmal drei oder vier Bernhard-Romane gelesen, stellt sich bald ein gewisser Sättigungsgrad ein. Man kann es nicht abstreiten, seinbevorzugtes Sujet ist äußerst begrenzt: Wieviele Romane möchten Sie lesen, indem es einzig und allein darum geht, wie verkommen, widerlich, ekelerregend oder grauenhaft Österreich, seine Kultur, Bewohner, Architektur und Geschichte ist?
Bernhard hat viel geschrieben, und ich habe vieles davon gelesen – und bin geneigt zu sagen, dass er gerade in seinen letzten Jahren häufig nur noch ermüdet: Sein letzter Roman "Auslöschung“ zeigt ihn aber nocheinmal in aller Spannkraft und als ein Genie der deutschsprachigen Prosa – "Korrektur“ ist fesselnd, "Holzfällen“ ist brillant – aber "Auslöschung“ ist überragend.

Franz-Josef Murau ein "Privatgelehrter“ und Bonvivant kehrt nach langer Zeit der Trennung wieder in das Haus seiner Kindheit zurück, um das Begräbnis seiner Eltern zu organisieren, die kurz vor Einsetzen der Handlung bei einem Autounfall ums Leben kamen.
Hier trifft er auf alles, was ihn einst aus Österreich drängte: Kleingeistigkeit, Spießigkeit und nicht zuletzt seine verhasste Familie.
In typisch Bernhard-scher Manier ergeht er sich Seite um Seite in einem ellenlangen Monolog und begießt Heimatland und Mitmenschen mit ätzendem Spott; im Gegensatz zu Bernhards anderen Werken wirkt diese Litanei aber niemals polemisch oder langweilig, sondern tatsächlich begründet: Bernhards Stil strotzt vor Kraft, und seine humoristische "Übertreibungskunst“, die schon in anderen Werken deutlich wurde, erreicht einen absoluten Höhepunkt.

Bernhard schreibt in gewohnt langen Sätzen, und da das Buch in nur zwei Kapitel aufgeteilt ist, ohne dass jemals ein Absatz den Leser ein Innehalten bietet, ist auch dieser Roman keine leichte Lektüre. Trotzdem – wenn man einen Bernhard gelesen haben muss, dann die "Auslöschung“. Die Tiraden dieses exzentrischen und nicht sonderlich sympathischen Ich-Erzählers bringen mich immer noch zum Lachen, egal welche Seite ich aufschlage.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein mit kaum übertreffbarer Radikalität geschriebenes Werk, 28. März 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung (Taschenbuch)
Mit diesem Buch hat Thomas Bernhard alles ausgelöscht, was ihn anwiderte und er nicht mehr ertragen konnte, er hat es zerstört, Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegt und vernichtet. Man muß nicht Österreicher sein, um das Werk verstehen zu können, aber man muß es wahrscheinlich sein, um es lieben zu können - und das tue ich; ich liebe dieses Buch. Der Umfang des Buches schreckt zwar zunächst ab (ca. 700 Seiten), aber es zu lesen ist wirklich eine (Bewußtseins-)Erweiterung und ich kann es nur jedem empfehlen. Aber vielleicht sollten Menschen außerhalb Österreichs es nicht lesen - sonst bekommen jene ein noch schlechteres Bild von uns...*g*
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bernhard im Wunderland, 21. August 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Thomas Berhard demonstriert in diesem Roman seinen vollendeten Witz, seine sprachliche Perfektion und seinen ungebrochenen Willen zur Authentizität, denn was sollten wir uns anderes vorstellen unter diesem Titel = Arbeitstitel?. Amüsant an der ganzen Geschichte ist zudem, das Berhard immer weit über Österreich hinausdenkt. Bernhard spricht in diesem Roman von sich selbst und alle seine Figuren umkreisen dieses selbst, auch wenn sie vordergründig als eigenständige Persönlchkeiten erscheinen mögen. Für jeden, der Thomas Berhard kennen und lieben gelernt hat, ist dieser Roman ein unglaubliches Vergnügen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Art literarische Realitätenvermittlung, 3. Juli 2011
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung (Taschenbuch)
Einen vernichtenden, destruktiven Titel hat sich Thomas Bernhard für seinen letzten Roman einfallen lassen. Doch wie er selbst gegen Ende des großartigen Buches schreibt, denkt er nicht an etwas Ungeheuerliches, "auch nicht an etwas Einmaliges, aber doch an etwas mehr als nur eine Skizze, mehr als eine Existenzskizze, an etwas, das sich sehen lassen kann und dessen ich mich nicht zu schämen habe." Schämen braucht er sich mit Sicherheit nicht. Denn der österreichische Autor hat mit diesen 650 Seiten wohl sein substantiellstes, bestes und tiefgreifendstes Werk vorgelegt.

Das Buch offenbart sich als ein Abtauchen ins tiefste Innere eines Menschen, ein Wühlen und Zerren an Verletzungen, Demütigungen und traumatischen Kindheitserlebnissen: eine Abrechnung mit dem Begriff Heimat im engeren genauso wie im weiteren Sinn, ein angestrebtes Zur-Ruhe-Finden in der Konfrontation mit dem Unruhigen, ein Hineinschauen in die berühmt-berüchtigte gähnende Leere seiner Kindheit. Das Enge kommt dabei Wolfsegg zu, dem eigentlich weitläufigen, ja herrschaftlichen "Besitzklumpen" der Familie des Erzählers Franz-Josef Murau. Dieser hat seit Jahren dem elterlichen Anwesen den Rücken gekehrt. In Rom lebend, wird er von einem Telegramm seiner Schwestern zu einer unfreiwilligen Rückkehr in heimische Gefilde gezwungen. Seine Eltern und der ältere Bruder sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Murau avanciert zum alleinigen Erben des verhassten Ortes seiner Kindheit. "Sie mussten tödlich verunglücken und zu diesem lächerlichen Papierfetzen, der sich Fotografie nennt, zusammenschrumpfen, um dir nicht mehr schaden zu können. Der Verfolgungswahn ist zu Ende."

Alles Angestaute, Vergrabene, unter Schichten gelebten Lebens Versteckte bricht nach der tragischen Nachricht und einer kurzen Starre mit ungeheurer Kraft aus ihm heraus: "... ich muss diesen Bericht über Wolfsegg schreiben, über die Wolfsegger Menschen, über die Wolfsegger Verhältnisse, über ihr Unglück und über ihre Gemeinheit, über ihre Hinfälligkeit und ihre Charakterlosigkeit, über alles, das sie mir vorgeführt haben und das mir, solange ich lebe, mehr oder weniger die Nächte meines Lebens schlaflos gemacht und ruiniert hat...". Gleichzeitig schlägt Bernhard, ganz wie man es von ihm gewohnt ist, im Großen um sich: gegen Österreich und Deutschland.

Als einziger Lichtpunkt im Grauschleier seiner Familie sticht dessen schwarzes Schaf - sein weltoffener Onkel Georg, von jenen als "nichtsnutziger Schurke" bezeichnet - hervor. Er führt den Jungen in die Literatur, die Welt der Musik und Kunst ein und eröffnet ihm dadurch "das Paradies ohne Ende". "Erst wenn wir einen ordentlichen Kunstbegriff haben, haben wir auch einen ordentlichen Naturbegriff, sagte er. Erst wenn wir den Kunstbegriff richtig anwenden und also genießen können, können wir auch die Natur richtig anwenden und genießen." Alle anderen Protagonisten schrammen mal mehr, mal weniger als parodistische Karikaturen, ja menschliche Wracks durchs gezeichnete Bild des Widersprechers, Verweigerers und Abtrünnigen.

Als Übertreibungsfanatismus, der zur Übertreibungskunst stilisiert wird, versucht sich der Erzähler "aus der Armseligkeit [seiner] Verfassung zu retten, aus [seinem] Geistesüberdruss". Da ist zum einem der Vater, der wirkt, als wäre er bei sich selbst angestellt, zum anderen der Bruder, der als Kaspar und "Ersatzhampelmann" seiner kaltherzigen, opportunistischen Mutter fungiert sowie die beiden altjüngferlichen Schwestern, von denen der einen letztendlich noch ein tumber Ehemann widerfährt: ein Weinflaschenstöpselfabrikant aus dem Allgäu.

Thomas Bernhards Roman lässt sich wohl allgemeingültig über viele Personen stülpen, denn wir "tragen alle ein Wolfsegg mit uns herum und haben den Willen, es auszulöschen zu unserer Errettung...". "Auslöschung" ist ein allgemeingültiges, grübelnd-philosophierendes, ironisch-bitteres Gedankenbuch. Ein Lesevergnügen auf allerhöchstem Niveau par excellence. Der "österreichische Nestbeschmutzer" schreibt selbst in seinem Werk: "Ich halte mich für befähigt und zuständig, das aufzuschreiben, das mir des Aufschreibens wert erscheint, weil es mir wichtig ist und dazu auch noch ein großes Vergnügen macht, wie ich denke. Ich bin ja nicht eigentlich Schriftsteller, (...), nur ein Vermittler von Literatur und zwar der deutschen, das ist alles." Hier gibt es schlussendlich nur einen Satz hinzuzufügen: Und was für einer!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auslöschung, 7. Juni 2009
Von 
Think Gmbh "Stowasser" (Zell im Wiesental) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Auslöschung (Taschenbuch)
Thomas Bernhard: "Auslöschung"

Für mich sprudelt aus diesem Buch ein Quell der Freude, ergießt sich eine Leselust, wie ich es sonst nur bei sehr wenigen Büchern erlebt habe. In seinem letzten großen Prosawerk stellt Thomas Bernhard seine Kunst, Alltagssätze durch elegante Drehungen immer wieder neuen Erkenntnissen zuzuführen, in fast vollendeter Weise vor. Fast vollendet, weil der Schluß des Buches leider etwas gewollt wirkt, nicht mehr so fein verwoben wie die ersten 600 Seiten. Selbstreflexion und Situationsreflexion, genaue Beobachtung, dargestellt in eleganter Dialektik und das Ganze ohne die üblichen Tabus und Anbiederungsversuche an den "Mainstream". Das Buch beginnt mit der Schilderung eines Lehrer-Schüler Verhältnisses und zeigt in seiner Entfaltung viele weitere Aspekte der Herr-Knecht Interaktion. Ritualisierte Aspekte der unterschiedlichsten Hierarchien werden dargestellt und auf so elegante und sprachlich faszinierende Weise einer schematischen Beurteilung enthoben, dass fast jede Seite zur Erkenntnisquelle wird. Bernhard nutzt, wie in seinen anderen Werken auch, das Mittel der Übertreibung. Er bezeichnet den Erzähler Murau in der Auslöschung als einen Meister der Übertreibung und er weist nach, dass selbst die stärkste Übertreibung nicht in die Lage kommt, die Absurdität der Wirklichkeit zu beschreiben.
Dieses Buch hebt sich von der "Leitzordnerliteratur" so wohltuend ab, dass es sicherlich als "bedingungsloses Geschenk an die Weltliteratur" gelten kann.
Ein Tipp: Lesen Sie die Auslöschung laut, am besten ihrem Partner, ihrer Partnerin vor.

Franz Stowasser, Mai 2009
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Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch)
Auslöschung: Ein Zerfall (suhrkamp taschenbuch) von Thomas Bernhard (Taschenbuch - 28. August 1988)
EUR 13,00
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