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4,2 von 5 Sternen
Jakob der Lügner.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Der Jude Jakob lebt in einem Ghetto und muss dort auf den Abtransport von sich und seinesgleichen warten. Zufällig hört er von einer Schlacht um "Bezanika" im deutschen Radio als er sich bei der Wache melden muss. Mit dieser neuen Nachricht ermuntert er die hoffnungslosen, zum Suizid neigenden Menschen im Ghetto und erfindet stets neue Nachrichten, behauptet ein Radio zu haben und sagt die Befreiung durch die Russen dauere nicht mehr lange. Nur Mut. Die Selbstmordrate nimmt ab, die Menschen sehen in seinem Radio einen Hoffnungsträger. Jakob gibt dann doch zu kein Radio zu besitzen, doch keiner will ihm glauben. Die Juden werden dennoch abtransportiert, doch die Russen befreien das Ghetto trotzdem, auch wenn sie zu spät eintreffen...

Die Sprache Beckers wirkt kühl, distanziert, pragmatisch. Es gibt nur wenige Dialoge innerhalb des Romans, der Fokus wird eher auf die Erzählung des Ich-Erzählers gesetzt. Es ist erstaunlich wie schnell und gut eine Lüge als Hoffnung in existenziellen Situationen für Menschen fungieren kann und wie hier die Figur Jakob sich selbst in Lüge und Wahrheit verstrickt, um es erst den Menschen recht zu machen, ihnen Mut zuzusprechen, und dann sich in die Wahrheit zurückschleust, um doch nicht als Lügner dazustehen. Doch seine Wahrheit wird als Lüge angesehen. "Wer Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!" Becker hat ein einmaliges, in solch einer Form noch nicht gekanntes (Meister)werk erschaffen, dass Anerkennung verdient, zumal Becker auch ein Autor ist, der nicht irgendwas palavert, sondern aus Erfahrung spricht und eigene Einflüsse in sein Werk bringt, da er das Ghetto von Lodz überlebt hat.

Ein durch und durch lesenswerter, literarisch anspruchsvoller Roman also, der die Themen Ghetto, Lüge und Wahrheit und Recht auf Freiheit kaum besser behandeln oder treffender ausdrücken könnte.

~Bücher-Liebhaberin~
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 30. August 1999
Die Zeit nähert sich dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Deutschen sind auf allen Fronten auf dem Rückmarsch; die vernichtenden Niederlagen in Stalingrad und El Alamein haben dazu beigetragen.
In diese Zeit aus Bewegung und Umbruch, die Angst vor der Niederlage und Hoffnung auf Befreiung, hat Jurek Becker seinen Roman plaziert. Der Protagonist Jakob lebt in einem Ghetto, das sich weiter östlich befindet. Als er einmal gegen die Sperrstunde verstößt und daraufhin zum Revier muß, hört zufällig die verstümmelte Nachricht, daß die Deutschen bis kurz vor Bezanika zurückgeschlagen wurden. Zwar kennt er die genaue Lage des Ortes nicht, weiß aber, daß er nicht unendlich weit sein kann. Eine ungeheulich hoffnungsvolle Nachricht für Jakob, denn Ghettobewohnern wird der Zugang zu Informationen verwehrt.
Er erzählt heimlich Mischa davon, und so erfährt es das ganze Ghetto. Doch um die Nachricht glaubwürdig erscheinen zu lassen, damit sie keine vergebliche Hoffnung weckt, erzählt Jakob, er habe sie mit seinem eigenen Radio gehört, was unter Strafe verboten ist.
Und so wird Jakob zu einem vermeintlichen Lügner: Um den anderen Hoffnung auf Rettung zu verleihen, muß er immer wieder neu Erfundenes von sich geben. Doch inwieweit stimmen Jakobs Berichte? Kommen die Russen wirklich näher?
Geschildert wir auch sehr gut das alltägliche Leben der Ghettobewohner mit Zwangsarbeit, Züchtigungen, den Wohnverhältnissen.
Das Buch ist unbedingt lesenswert. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 26. November 2002
Unversehens gerät der Gettoinsasse Jakob Heym ins deutsche Polizeirevier, schnappt dort die Meldung auf, die Russen seien auf dem Vormarsch und kommt ungesehen heil wieder heraus. Und steht somit vor dem Dilemma : Wie denn seinen Leidensgenossen diese erfreuliche Nachricht mitteilen, ohne sich selbst zu gefährden ? Schließlich hat ja noch kein Jude das Revier lebend wieder verlassen, es sei denn, er sei ein Spitzel. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit gibt Jakob also vor, einen Radioapparat zu besitzen und Fremdsender abgehört zu haben. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit deshalb, weil einen solchen Apparat zu besitzen strengstens verboten ist und unter Todesstrafe steht. Somit lässt sich Jakob aber auf ein Spiel mit unabsehbaren Folgen ein. Denn statt - gefährlich genug - eine einmalige Nachricht zu übermitteln, erlegt er sich selbst den Zwang auf, von nun an neue Nachrichten von der Front und den anrückenden Befreiern immer wieder zu streuen. Ob unmittelbar oder über Drittmänner, bald hängt das ganze Getto an seinen Lippen, es wird wieder gehofft, und sogar die Selbstmorde hören auf. Verkehrte Welt : Der einzige, der an diesen neuen Zuständen leidet und mitunter verzweifelt, weil sie ihm über den Kopf zu wachsen drohen, ist Jakob selbst, ausgerechnet er, der den anderen soviel Hoffnung einflößt. Eine durch und durch verzwickte und verstrickte Lage, und eine doch ach wie einfühlsame, feinfühlige, und packende Erzählung, die, obwohl von Lügen nur so strotzend, den Nagel auf den Kopf trifft und der Getto-Wahrheit wohl sehr nahe kommt. Nicht der Wahrheit im historischen Sinne mit Daten, Zahlen, Fakten usw..., sondern der subjektiven und emotionalen Wahrheit derer, die ins Getto gezwungen wurden. Vielleicht war kein anderer berufener, dieser einen Wahrheit auf die Spur zu kommen, als Jurek Becker, der als Kind ins Getto von Lodz eingewiesen wurde, in der Nachkriegszeit aber keine bewusste Erinnerung daran bewahrt hatte. Dafür aber sicherlich ein Einfühlungsvermögen, das ihn hinterher befähigen sollte, solch einen unter die Haut gehenden Roman zu schreiben. Literatur im besten Sinne des Wortes : Erfinden - mitunter sogar lügen -, um der inneren Wahrheit Ausdruck zu verleihen. In einem ergänzenden und gleichwohl unentbehrlichen Atemzug zu lesen mit „Der Pianist" von Wladyslaw Szpilman und „Das Getto kämpft" von Marek Edelman.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 4. November 2013
Dieses Zitat aus dem Buch „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker beschreibt die aufkeimende Hoffnung der Ghettobewohner, nachdem sie die frohe Botschaft des Vormarschs russischer Truppen vernahmen. Urheber dieser Nachricht ist der Jude Jakob Heym, welcher in den Straßen des Ghettos umherwandert und, beobachtet von einem Aufseher, einer willkürlichen Bestrafung zugeführt werden soll. Furchtsam begibt er sich zum Revier, wo er vom Zufall überrumpelt einen Radiobeitrag hört, welcher von der Stadt Bezanika berichtet und den dortigen Vormarsch der russischen Soldaten thematisiert. Nachdem Jakob seiner Bestrafung entgehen konnte beschließt er die frohe Botschaft unter den Ghettobewohnern zu verbreiten, die in der düsteren Welt Hoffnung schöpfen, die sie schon lange begraben hatten. Getrieben von friedensstiftenden Gedanken beschließt Jakob kurzerhand, dass er den neugewonnenen Optimismus der Menschen im Ghetto aufrechterhalten möchte und beginnt eine Geschichte nach der anderen zu erfinden...

Zum Buch selbst muss man nicht sonderlich viel sagen. Es ist ein Roman, den jeder Mensch lesen sollte, beschreibt er das Leben, die Willkür, die Gefühle und die Hoffnungslosigkeit in einem Ghetto in der Zeit des Nationalsozialismus auf eine ergreifende und zugleich fesselnde Art und Weise. Der Ich-Erzähler gibt dabei aus seiner Perspektive die Geschichte um Jakob Heym sowie anderen Bewohner derart plastisch wieder, dass die Empathie eines jeden Lesers bis zum Äußersten beansprucht wird und ein Mitfühlen, Zittern und Bangen unausweichlich macht. Dadurch, dass der Autor Jurek Becker selbst in einem Ghetto gefangen war und den Holocaust am Leib spüren musste, ermöglicht er einen tiefen Einblick in die Seele und das Leben der Bewohner, dass der Rezipient die ein oder andere Träne nicht unterdrücken werden kann. Unbedingt lesen!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Der Jude Jakob lebt in einem Ghetto und muss dort auf den Abtransport von sich und seinesgleichen warten. Zufällig hört er von einer Schlacht um "Bezanika" im deutschen Radio als er sich bei der Wache melden muss. Mit dieser neuen Nachricht ermuntert er die hoffnungslosen, zum Suizid neigenden Menschen im Ghetto und erfindet stets neue Nachrichten, behauptet ein Radio zu haben und sagt die Befreiung durch die Russen dauere nicht mehr lange. Nur Mut. Die Selbstmordrate nimmt ab, die Menschen sehen in seinem Radio einen Hoffnungsträger. Jakob gibt dann doch zu kein Radio zu besitzen, doch keiner will ihm glauben. Die Juden werden dennoch abtransportiert, doch die Russen befreien das Ghetto trotzdem, auch wenn sie zu spät eintreffen...

Die Sprache Beckers wirkt kühl, distanziert, pragmatisch. Es gibt nur wenige Dialoge innerhalb des Romans, der Fokus wird eher auf die Erzählung des Ich-Erzählers gesetzt. Es ist erstaunlich wie schnell und gut eine Lüge als Hoffnung in existenziellen Situationen für Menschen fungieren kann und wie hier die Figur Jakob sich selbst in Lüge und Wahrheit verstrickt, um es erst den Menschen recht zu machen, ihnen Mut zuzusprechen, und dann sich in die Wahrheit zurückschleust, um doch nicht als Lügner dazustehen. Doch seine Wahrheit wird als Lüge angesehen. "Wer Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!" Becker hat ein einmaliges, in solch einer Form noch nicht gekanntes (Meister)werk erschaffen, dass Anerkennung verdient, zumal Becker auch ein Autor ist, der nicht irgendwas palavert, sondern aus Erfahrung spricht und eigene Einflüsse in sein Werk bringt, da er das Ghetto von Lodz überlebt hat.

Ein durch und durch lesenswerter, literarisch anspruchsvoller Roman also, der die Themen Ghetto, Lüge und Wahrheit und Recht auf Freiheit kaum besser behandeln oder treffender ausdrücken könnte.

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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. Januar 2001
Beckers "Jakob der Lügner" ist zeitlos und doch untrennnbar mit der jüngsten Vergangenheit verbunden. Das Ghettoleben in Lodz (1940-1944) wird nachgezeichnet. Becker erzählt eine Geschichte über einen "Alltagsjuden",der zum Helden avanciert.Jakob schafft mit seinen Lügen wieder eine Zukunft. Das ist das herausragende Werk Jakobs. Und so beruhen die Hoffnungen Tausender auf ein Menschenleben. Jakob, Held wider Willen, nimmt sich dieser Aufgabe an und meistert sie mit dem Einsatz seines Leben.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. November 1999
Die gesegnete Zeit, wo Jakob eine kleine Eisdiele besass und zur kalten Jahreszeit fuer seine Gaeste Puffer buk, und als im Ghetto noch Katzen und Baeume und Uhren erlaubt waren, ist endgueltig vorbei. Jurek Becker, der selbst einen Teil seiner Kindheit im Ghetto und im KZ verbrachte, berichtet anhand der Geschichte des Jakob Heym den Alltag im Ghetto. Er schafft es, eine scheinbare Normalitaet zu beschreiben, wo man trotzdem um die Absurditaet, um den Schrecken der Ghettos weiss. Doch das alles, die Demuetigungen durch die Deutschen, die fortwaehrende Evakuierung in die Ungewissheit, von der jeder weiss, ist es nicht, was Jakob so aengstigt. Ein Zufall hat ihn zum "Radiobesitzer" gemacht, zu einem Luegner seinesgleichen. Nun quaelt ihn die Art, wie sie ihn alle anschauen, wie sie ihn um Neuigkeiten anbetteln, wo doch das Erfinden von Wahrheiten ganz und gar nicht sein Metier ist. Doch bald sagt er sich, ein Luegner mit schlechtem Gewissen bleibt ewig ein elender Stuemper und erfindet Sclachten und Eroberungen der Russen, Riesenverluste der Deutschen ohne Vorsicht und Zurueckhaltung. Und seine trostreichen Luegen sind es, die alte, fast vergessene Schulden zu neuen Gespraechsstoffen machen, Heiratsplaene befluegeln und die Selbstmordziffer im Ghetto auf den Nullpunkt sinken lassen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. September 2013
Das Buch hat mir gut gefallen, auch wenn es mich nicht von den Beinen reißen konnte - wobei das bei dieser Thematik auch schwer anzustellen ist. Zwar hat es durchaus ein zwei langwierige Stellen, aber abgesehen davon ist es sehr gut geworden.

Obwohl der Autor ja ziemlich ungewöhnlich mit dieser Thematik umgegangen ist, ist es ihm gelungen, nichts abzuwerten. Er zeigt zwar keine neuen Seiten dieser Jahre, doch liest man doch mit einem anderen und durchaus leichteren Gefühl, als bei allen anderen Schriftstücken zu diesem Thema. Auch wenn man den Eindruck haben könnte, dass er mit seiner lockeren Schreibweise unziemlich das Leiden Vieler "in den Dreck zieht", so kann man einfach (s)eine Geschichte erfahren, ohne ununterbrochen in tiefster Traurigkeit oder Schuldgefühlen oder Mitleid zu verharren, trotz dem man die Ernsthaftigkeit und Bitterkeit des Stoffes erkennt und zu verstehen versuchen kann.
Denn es ist zwar nicht genau die Geschichte des Autors, der ja zu der Zeit noch ein kleiner Junge war und - wie er selbst sagt - sich kaum erinnern kann, dennoch konnte er mit ihr seine Erfahrungen und die Last verarbeiten.

Ich empfehle das Buch allen, die es in der Schule lesen müssen, aber auch allen, die mal ein "fröhlicheres" bzw. leichter verdauliches Buch über die dunkle Zeit der jüdischen Ghettos während der Herrschaft der Nationalsozialisten lesen möchten. Ich denke, dass man es mit Recht dem Lesestoff der gymnasialen Oberstufe in Sachsen hinzugefügt hat, denn man kann es durchaus zur Allgemeinbildung zählen lassen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 13. März 1999
'Jakob der Luegner' ist eines der besten Buecher, die ich je gelesen habe. Wenn man den Eindruck gewinnt, das Buch lebt von seinem Thema, dann ist dies Beckers Gelingen zuzuschreiben, dem schwierigsten Thema der deutscher Literatur durch wertfreie distanzierende Beschreibung, gerecht geworden zu sein. Die Situation der Juden ist bei Becker eine Welt, in der diese sich scheinbar leicht zurechtfinden, weil alle wissen was vor sich geht: Juden werden strassenweise abgeholt, Familien zerissen und Thema der Familienunterhaltung ist die Frage, ob die Russen denn noch rechtzeitig die eigene Vernichtung verhindern. Becker gibt vor, dass die Figuren nicht unter den Umstaenden leiden, sondern diese handhaben. Die erdrueckenden Zustaende im Ghetto von Warschau werden lapidar und wie einfacher Alltag geschildert. Scheinbar unertraegliche Momente werden als alltaegliche und damit ertraegliche Momente beschrieben. Gezeigt wird nicht die Ungeheuerlichkeit der Umstaende, sondern die Umstaende in der Ungeheuerlichkeit und die Frage nach dem 'Warum' taucht nur durch Ignorieren auf. So lapidar die Situation im Ghetto beschrieben wird, so lapidar dann auch die letzte Zugfahrt, fuer die das gleich gilt wie fuer jeden Ausflug: "Wir fahren wohin wir fahren." Das Buch ist Anklage ohne jedes Werturteil!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. Oktober 2004
Lügner. So tituliert Jurek Becker seinen Romanprotagonisten im Titel seines Erstlingswerk „Jakob der Lügner". Gleich zu Beginn stellt er fest, „Jakob war kein Kerl wie ein Baum", jemand der in der Menge untergeht, ein Mitläufer, der nicht besonders stark oder mutig ist und sich auch durch nichts besonders auszeichnet. Genau dies ist wohl der richtige Weg, wenn man 1944 eingepfercht im Ghetto den Willen hat die Grausamkeiten des Holocaust zu überleben. Bäume im abgeriegeltem Bezirk sind von den Nazis verboten worden, genau wie der Besitz von Ringen und sonstigen Wertgegenständen, Tiere zu halten oder nach Acht auf der Straße sein. Es gibt noch viel, viel mehr Verordnungen, Verbote oder allgemeingültige Regel die man für ein unbemerktes Überleben zu beachten hatte. Diese Ausgangssperre an jenem Abend, der die ganze Geschichte erst entstehen lässt, aber brachte Jakob in berechtigte Todesangst. Der guten Laune eines anwesenden Offiziers hat er es wohl nur zu verdanken, dass er nicht nur als erster Jude das deutsche Revier lebend verlässt und sich somit der Willkür eines wahrscheinlich nur gelangweilten Wachmannes entzieht, sondern auch noch eine aktuelle Frontlage aus einem Radiobericht belauscht und dem vollkommen abgesperrtem Ghetto nun eben diese Neuigkeit präsentieren kann. Die Russen sind auf dem Vormarsch. Sie kämpfen kurz vor in einer nur 400 bis 500 Kilometer entfernten Stadt. Bei dem Arbeitsdiensten will er diese Neuigkeit aufmunternd und stolz vortragen. Aber niemand schenkt ihm glauben. Ausgerechnet jemand wie Jakob will Frontberichte gehört haben? In der Höhle des Löwen? Dem deutschem Revier? Er wollte Hoffnung schaffen und wurde nur müde belächelt. Aus einem anderen Grund, seine Sorge um einen Freund, entwirft er aber eine Notlüge um sich und die Nachricht glaubhaft zumachen. Das Radio entsteht. Eigentlich verboten, hat Jakob nun eines im Besitz und hört darüber Neuigkeiten aus aller Welt. Schneller wird das vermeintliche Radio zum Lebensgrund der Menschen. Die Nachrichten wecken Hoffnung, die Selbstmorde hören auf. Jetzt hat Jakob eine Verantwortung. Er zerbricht sich den Kopf bei den Erfinden neuer, glaubwürdige Neuigkeiten. Die Lügen scheinen ihn zu überrollen.
Becker gelingt es in seinem Roman, dem Leser das Geschehen immer wieder aus einer anderen Perspektive zu zeigen. Die Handlungsebenen wechseln mehrmals innerhalb eines nur kurzen Zeitraums. So wird die episodisch, linear erzählte Geschichte durch Sprünge zum von Becker eingesetzte Erzähler mit Dokumentarischem und Erfundenem vermischt und durch Rückblicke einzelner Figuren unterbrochen. Dadurch gewinnt die Erzählung letztendlich ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität. Besonders an Beckers Roman ist die wenig emotionale, beinahe beiläufig und lapidar wirkende Erzählweise. So steht im Vordergrund des Romans das Alltagsleben der Juden im Ghetto. Sei es die heimliche Hochzeit von Mischa und Rosa, die Mütze Herschels, die er nie absetzt oder die kleine Lina die zum Schutz auf dem Dachboden versteckt wird. Es geht Becker nicht um die Anklage der Täter und die Tragik des Romans liegt nicht in der Aufzählung von Verbrechen an den Juden. Die Ghettoaufseher sind lediglich namenlose Vertreter des Antisemitismus, ihre Taten werden kaum benannt, sie tauchen nur beiläufig auf.
Am Ende des Buches steht wie schon zu Beginn dieser schattenspendende Baum unter den man sich gerne an einem lauen Sommerabend setzen würde. Sinnbild vor allem für Lebenskraft, die so vielen im Ghetto doch fehlte.
„Jakob, der Lügner" ist vor allem durch diesen Erzähler, der in seinem Ghettoalltagsbericht die Grausamkeiten und Probleme durch seine Erzählweise auflockert und so nicht wie viele anderen thematisch ähnlichen Romane den Leser durch das deprimierende Leid und die Schuldzuweisungen erdrückt, trotz eben dieser Thematik erfrischend zulesen und jedem zu empfehlen.
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Jakob, der Lügner von Alan Arkin (DVD - 2000)
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Jurek Becker: Jakob der Lügner. Lektüreschlüssel
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EUR 4,00