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43 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychogramm mit Pferd
Ein ruhiges Urlaubsdomizil am Bodensee. Seit Jahren schon pflegt Oberstudienrat Helmut Halm zusammen mit seiner Frau Sabine hier seinen Urlaub zu verbringen. Es sind diese vier Wochen im Sommer, die es Halm einmal im Jahr erlauben, dem alltäglichen Trott zu entfliehen und mal ganz er selbst zu sein. Und dann steht da plötzlich dieser Klaus Buch vor ihm, dieser...
Veröffentlicht am 24. August 2007 von Martyn

versus
5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Leichte Lektüre?
Beim anfänglichen Lesen dieses Buches, das ich übrigens wahllos aus der Büchersammlung eines Bekannten gefischt hatte, kam mir der Eindruck, dies sei ein einfach zu lesendes, von der Handlung her dahin plätscherndes, unspektakuläres Buch, das man schnell mal zwischen "größere" Werke schiebt. Erst zum Ende der Geschichte hin formte sich...
Veröffentlicht am 31. Juli 2005 von Kristin Hogk


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43 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychogramm mit Pferd, 24. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Ein ruhiges Urlaubsdomizil am Bodensee. Seit Jahren schon pflegt Oberstudienrat Helmut Halm zusammen mit seiner Frau Sabine hier seinen Urlaub zu verbringen. Es sind diese vier Wochen im Sommer, die es Halm einmal im Jahr erlauben, dem alltäglichen Trott zu entfliehen und mal ganz er selbst zu sein. Und dann steht da plötzlich dieser Klaus Buch vor ihm, dieser ehemalige Schul- und Studienfreund, der so anders ist als Helmut, jung, aktiv, lebensfroh, der von dessen angestammten Urlaubsort so spricht: "Das ist schon ein Scheißsee. (...) Das sei vielleicht was für Opas, in deren Wipfeln Ruh ist. Jetzt schau dich doch einmal um, diese Gegend, eingeschlafen für immer. Ich schwör' dir. Hier geht nichts mehr. Wir sind im Totenreich. Farbloses farblos im Farblosen."

Nicht segeln, nicht schwimmen oder Rad fahren - alles was er sich für diesen Urlaub vorgenommen hat, ist die fünfbändigen Tagebücher des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zu lesen. Auch wenn er letztlich über ein paar Seiten nicht hinauskommt, allein diese Vorstellung von Urlaubsbetätigung sagt viel über Helmut Halm aus, den Lehrer, der nichts mehr vom Leben erwartet. Der, obwohl erst Ende Vierzig, bereits in einem lebensträgen Phlegma gefangen ist. Der in seiner Isolation vor dem Leben in stiller Angst vor jeder Geselligkeit, vor menschlicher Nähe, vor sozialen Kontakten lebt. Der in seiner kühlen, abweisenden Natur den einzigen Weg gefunden hat, von Mitmenschen nicht erkannt und durchschaut zu werden. Ohne nahestehende Freunde oder Bekannten, die ihn, seine Lebensweise und Spleens kennen, muss er nicht fürchten, seelisch entblößt zu werden, muss er nicht fürchten, seine Gefühle preiszugeben, die alleinige Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Ein Leben ohne Emotionen - ohne sichtbare Emotionen. Helmut Halm - ein Misanthrop, dem plötzlich aufgezeigt wird, dass seine selbstgewählte Lebensabstinenz keineswegs alternativlos ist, dass doch auch er auf eine leutselige Jugend zurückblicken kann, damals, als er noch der "Ha-Ha" genannt wurde, der Ha-Ha, der jeden Unfug mitmachte. Klaus Buch steht vor ihm.

Klaus Buch? Aufs Verrecken nicht will er sich erinnern an diesen braungebrannten, athletischen Sunnny-Boy, der sein einstiger Kommilitone gewesen sein soll.
Hatte Helmut anfangs nur skeptisches Kopfschütteln für den zwanghaft trendigen Habitus Klaus' übrig gehabt, so entwickelt sich der zufällige Urlaubstreff zunehmend zu einem Wettkampf zweier Charaktertypen: In Gestalt von Klaus Buch steht dem introvertierten, menschenscheuen Helmut der personifizierte Widerspruch gegenüber: lebensfreudig, aufgeschlossen, jovial, attraktiv, vollschlanke Freundin im Arm.
Während er sich die ersten gemeinsamen Urlaubsaktivitäten über gänzlich unberührt zeigte von der Dynamik, vom Aktivitätendrang und der körperlichen Fitness seines Pendants, lässt ein Ereignis Helmut aufzeigen, dass diese Koinzidenz am Bodensee immer mehr zur Wachablösung einer Lebenseinstellung wird: Ein fliehendes Pferd, das selbst der Besitzer nicht zu bändigen weiß, kommt auf die Wandergruppe zugeschossen. Während Helmut hastig zurückweicht und gar Mühe hat, seine Spanielhündin zurückzuhalten, nähert sich Klaus, scheinbar in seiner Manneskraft herausgefordert, dem Tier, als dieses am Wiesenrand rastet.
Indem er blitzartig auf dessen Rücken springt, trotz heftigem Widerstreben des Pferdes dessen Herr bleibt und, nach wildem Ritt triumphal zurückkehrend, das Tier seinem Besitzer demonstrativ übergeben kann, hält Klaus seinem gleichaltrigen Schulfreund den Spiegel vor: Klaus' Leben in seinem offenkundigen Erfolg, seiner Unbekümmertheit und ausgelassenen Heiterkeit konterkariert eindringlich die halmsche Einsiedelei, und auch Helmut wird bewusst, dass ihm, dem routinierten und in dieser Routine erschlaffenden Biedermann, unwillkürlich der Staffelstab aus der Hand genommen wird vom Abenteuer, der Nonchalance und Lebensfreude seines Schulfreunds. Dennoch wird der Wunsch nach Veränderung in Helmut erst - und auch da nur latent - hervorgerufen, als dessen Frau Sabine auf die beständige Sexualunlust ihres Mannes hin mürrisch repliziert: "Dann frag ich eben Klaus, ob er mit mir schlafen will."

Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" ist gleichsam eine Synkrisis zweier Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Indem dem braven, pflichtbewussten Kleinbürger Helmut durch die Konfrontation mit seinem ehemaligen Kommilitonen Klaus aufgezeigt wird, dass auch ein vitales, abenteuerlustiges, leutseliges Leben zu Erfolg und Anerkennung führen kann, wird in ihm schließlich das ungute Gefühl evoziert, etwas verpasst zu haben im Leben. Auch wenn er mit sich selbst, seiner Reserviertheit und Apathie voll zufrieden ist, auch wenn er weder Willen, noch Kraft zur Selbständerung hat, so ruft dieser Klaus in seinem plötzlichen Auftreten und der Penetranz seiner Selbstdarstellung in Helmut die Unruhe hervor, sein Leben derweil verschenkt zu haben und zum "schicksallosen Kleinbürger" geworden zu sein, der nach Klaus' Meinung nichts anderes sei als ein "spießig verwitterndes Harnsäurekonzentrat."
Das Psychogramm zweier Charaktere, das Walser in dieser Novelle zeichnet, ist in seiner schonungslosen Offenheit und seiner Authentizität beeindruckend. Und ebenso warnend: Indem ich Wesenszüge Helmuts so deutlich in mir selbst wiederentdeckt habe - Selbstverschluss, Emotionsleere, Distanz, Abgleiten aus Ruhe in Trägheit -, indem ich fast fatalistisch sicher bin, mal so zu enden, wie Helmut in seiner unberührbaren Lebensweise dargestellt wird, und trotz allem Widerstreben glaube, dies nicht beeinflussen, geschweige denn ändern zu können, hat "Ein fliehendes Pferd" mich endlich mit der Frage konfrontiert, was ich denn selbst von meinem Leben erwarte, wie meine Zukunft aussehen soll, was mir wichtiger ist: Anerkennung oder Spaß? Erfolg oder Freiheit? Ruhe oder Party?
Zumal da ich gerade vor der wichtigen Frage nach der idealen Berufs- und Studienwahl stehe und damit vor meiner kurz- bis mittelfristigen Lebensplanung, diente Walsers Novelle als dankbare Orientierungshilfe, auch wenn sie letztlich keine eindeutige Hilfe gibt:

"Du musst gerettet werden. Du brauchst mich, Helmut, das spür' ich." - Auf dem gemeinsamen Segeltörn, auf dem Klaus das Angebot an Helmut ausspricht, mit ihm auf die Bahamas zu kommen, um dort den Neuanfang eines anderen, aufregenden, forschen Lebens zu setzen, kommt plötzlich ein wütender Sturm auf, der nochmals beide Charaktere in ihren Extremen gegenüberstellt: Während Klaus sich an immer stärker werdenden Böen erfreut, bittet Helmut ängstlich, doch bitte das nächste Ufer anzusteuern. Auf dem Höhepunkt des Unwetters - Klaus frohlockt ob des maritimen Abenteuers - stürzt der Bonvivant (unter unglücklicher Mithilfe Helmuts) von Bord. Helmut erreicht das Ufer. Ohne Klaus.
Was dann geschieht, kehrt die bisherige Konstellation gänzlich um: Während Helene, die wohlgeformte Freundin Klaus Buchs, von ihrer Abstinenzler- und Low-Fat-Trennkost-Linie abkommt, zu trinken, rauchen und gar Kuchen zu essen beginnt, gehen die Halms plötzlich in Aktivitätendrang und Vitalität auf, kaufen Fahrradausrüstung und Sportkleidung.
Und dann steht plötzlich Klaus vor der Tür...
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Walsers bestes, 14. März 2005
Von 
Berthold Knoche (Waldsolms / Hessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Es gibt Bücher, die sind so gut, das die entsprechenden Autoren danach immer ein Sternchen weniger bekommen, um die Relativität zu wahren. "Ein fliehendes Pferd" ist meiner Meinung nach das beste von Martin Walser, alles danach habe ich gerne gelesen, aber dieses Level hat er bisher noch nicht wieder erreicht.

Die Geschichte nacherzählt, hört sich profan an: Zwei Studienfreunde treffen sich nach Jahren zufällig im Urlaub am Bodensee, beide haben sich total unterschiedlich entwickelt, und beide beneiden heimlich ein bisschen den anderen. Das besondere an diesem Buch: zum einen natürlich Walsers Umgang mit der deutschen Sprache, ich könnte ihm ewig "zuhören", egal, wie die Handlung ist, zum anderen die Einblicke in das Leben dieser 2 Hauptakteure und ihrer Frauen. Dazu ein fulminante Ende, kein Satz zuviel, keiner zuwenig, ein Buch, das man immer mal wieder in die Hand nimmt, Walsers bestes.

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles wird in Frage gestellt, 2. April 2006
Von 
Mag Wolfgang Neubacher "wolfgang_neubacher" (A - 5203 Köstendorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Die Welt des 46jährigen Studienrates Helmut Halms und seiner Frau Sabine scheint wohlgeordnet. Man leistet sich einen Urlaub am Bodensee und gutes Essen und Trinken - bis plötzlich Klaus Buch, ein ehemaliger Schulkollege Helmuts, zusammen mit seiner Frau Hel auftaucht. Die Welt des Herrn Studienrats gerät plötzlich aus allen Fugen...
Fast 30 Jahre nach ihrem Erscheinen hat diese Novelle nichts von ihrer Frische verloren. Man hat das Gefühl, dass Walser dieses Buch (vielleicht sein bestes) in einem Zug "komponiert" hat. Jeder Satz sitzt und passt; die Konstellation der Figuren zueinander ist klar. Und doch (und das ist das Faszinierende) bleibt am Schluss so einiges offen - vielleicht ein Grund für eine Zweit- (oder Dritt-)Lektüre, bei der man immer wieder neue, interessante Facetten des Werkes entdecken wird!
Summa summarum: Ein auch heute noch mit großem Genuss zu lesendes Buch, das man fast schon als "klassisch" (im besten Sinn des Wortes!) bezeichnen kann!
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht nur ein verkrampfter Versuch, mein Lieber..., 9. September 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd (Gebundene Ausgabe)
Helmut Halm, der Reflektor des Buches, ist ein Charakter, wie man ihn einerseits verflucht in seiner Pedanterie, seinem Eigensinn, Starrsinn, seinem konservativen, zurückgezogenen Leben - andererseits ist man dankbar, daß es angesichts seines Antagonisten - ein Möchtegern, der niemals genug kriegen kann, ein richtig ekliger Typ (Klaus Buch, der über lange, lange Passagen auch überzeugen kann, Sympathien weckt, die er aber kurz darauf wieder verschenkt, geradezu verschleudert) - solche Menschen wie Helmut noch gibt.

Klaus Buch dazu (Auszug): "Sie müßten, wenn ihnen vormittags einfalle, nach Teneriffa zu fliegen, mittags ihr Häuschen in Starnberg verlassen und abends in Los Rodeos landen können, sonst habe er einfach das Gefühl, eine Küchenschabe zu sein."

Das Spiel, ja, der Kampf dieser beiden Menschen, die innere Auseinandersetzung mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit, die der eine verdrängt, aus der der andere immer peinlichere, sinnentleertere Geschichten preisgibt, um seine Freundin zu beeindrucken - dieses ganze Buch ist eine Persönlichkeitsstudie, für die ich sehr, sehr dankbar bin.

Das Buch wird oft in der Schule behandelt, wofür die Schüler meist nicht sehr dankbar sind; meiner Meinung nach ist es eher ein Buch für eine einsame Abendstunde. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zufällig, 27. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Novelle, den Begriff kennt man doch aus der Schulzeit und schon da wußte nicht jeder gleich eine Antwort darauf, was eine Novelle ausmacht. Martin Walsers Geschichte von Helmut und Sabine Halm, Klaus Buch und seiner Frau Helene hat das Verfallsdatum überschritten, in dem deutsche Literatur spätestens zehn Jahre nach dem Erscheinen versinkt. Es werden immer noch Filme danach gedreht, Walser selbst hat die Geschichte in ein Stück verwandelt. Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein in der Präsentation nach außen. Wie viel Neid kommt da bei Halm in Bezug auf Buchs Leben auf? Er selber hegt eher ein Faible für die Vernichtung. Dies vor Augen geführt zu bekommen, kann einen schon aus der Bahn werfen.

Es bedarf eines Unwetters bei einer Segelpartie, um auch Klaus Buchs Existenz in Frage zu stellen. Was bleibt vom Leben, wenn der eine davor flieht und der andere es ausbeutet? Eine wunderschöne Erzählung, die der klassischen Forderung nach dem einen Ereignis im Mittelpunkt nachkommt, und auch nach all den Jahren sehr Deutsch anheimelt, jedoch nicht verblaßt.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dürfen wir sein, wer wir sind? Mit dem Anderen (Besseren?) vor Augen?, 10. August 2011
Von 
Timo Brandt "Ways are, there you go" (Quickborn) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Es gibt einen sehr einfachen, sehr berühmten Satz von van Gogh: Ich lebe, um zu malen.

So wie von Gogh ging es und geht es wenigen Menschen. Kaum einer weiß dergleichen wirklich, vielleicht wusste es nicht mal van Gogh ganz sicher. Wofür lebt man? Wohin lebt man? Und was kann man tun, um herauszufinden, wer man ist... oder ist man einfach der, der man ist, ganz automatisch?

Ich habe Martin Walsers Novelle schon vor einer Weile gelesen und doch ist mir das Buch noch heute, nicht nur in seiner Geschichte, sondern vor allem in seiner Stimmung präsent. Es ist eines dieser Bücher (à la Der Fremde oder Das Urteil), die einen noch - oder vor allem - nach dem Lesen, nachhaltig beeindrucken und sich wie ein komprimiertes und ausklappbares Gemälde in unserem Geist festsetzen. Ich glaube, ich könnte das Buch, wie die beiden oberen ebenfalls, immer wieder lesen. Und ich würde wohl auch immer wieder überrascht feststellen, dass dies Buch wie ein Gewittersturm ist: Es ist zwar umwerfend, aufwühlend und geradezu übermächtig, doch ist es auch wunderschön und nach der Lektüre wirkt alles etwas geklärter, ruhiger. Und man glaubt man hätte nicht nur ein Buch gelesen, sondern sogar ein bisschen mitgelebt, in diesen Stunden.

Walsers kleines Buch wäre vielleicht eines für die Insel - mit Sicherheit ist es eins, dass man in seinem Leben gelesen haben sollte. Es ist beinah so etwas wie eine moderne Sage, eine moderne Parabel, ein modernes Märchen.

P.S.:
Die Geschichte ist, wie bereits oft gesagt, sehr simpel und es ist auch nicht die Geschichte, sondern die Art wie sie erzählt und dargestellt wird, die dieses Buch lesenswert macht und gerade deswegen sollte sie jeder unvoreingenommen selbst entdecken.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Walsers ewiges zeitloses Meisterwerk, 11. September 2007
Von 
Fabian Osbahr (Bad Segeberg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Mit dieser Novelle aus den 70er Jahren ist Walser sein insgesamt bestes und makellosestes Buch gelungen. Eine geschliffene Sprache, ein zügiger Lesefluss und eine sehr realistisch geschilderte und lebensnahe Geschichte machen das Buch zu einem wahren Lesevergnügen. Die Charaktere sind brillant, authentisch und in ihrer Tiefendimension sehr plastisch angelegt, die gesellschaftskritische Komponente schwingt während der gesamten Erzählzeit unaufdringlich, aber dennoch präsent mit und gibt dem Leser einen tiefschürfenden Einblick in das Seelenleben insbesondere der Hauptfigur, der Lehrers Halm, der vom Alltag, den gesellschaftlichen Erwartungen und jugendlichem Fitnesswahn angeekelt ist und eine Fassade um sein Leben baut, nicht nur, um sich zu schützen, sondern auch um sein Leben erträglich zu gestalten.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verweigerung muss wohl gelernt sein, 27. Juli 2006
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd (Gebundene Ausgabe)
"Wenn eine große Lebensregel die ist, dass man zu verweigern verstehe, so folgt, dass es noch eine wichtigere ist, dass man sich selbst, sowohl den Geschäften als den Personen, zu verweigern wisse." So schreibt Baltasar Gracián im 17. JH in seiner "Kunst der Weltklugheit".

Helmut Halm mit seiner Frau führt ein für ihn so gewähltes aber ereignisloses Leben. Gern geniessen sie die Zweisamkeit. Klaus Buch, ein ehemaliger Mitschüler Halms ist anders: dynamisch, aufregend und bestimmend. Die Ruhe im Urlaub ist dahin. So einfach ist Walsers Novelle.

Doch sie gebiert einen Strom menschlicher Details und Empfindungen, wie es besser nicht sein kann. Walsers sprachliche Gewalt und Präzision begeistern bereits im Erstlingswerk. Wie Buchs wachsende Aufdringlichkeit und Bestimmtheit nur den schwachen Widerstand durch Ironie bei Halm aufkeimen lässt, ist fast quälend für den Leser. Dass dann seine Ehefrau sich der überspannten Aktivität Buchs nun näher hingezogen fühlt, bringt nahezu Halms Ehe in Gefahr, wo er doch belesen und mit Kierkegaard gewappnet seine Angst zum Leben unter Kontrolle zu haben glaubt.

Der Schluss ist ein Gefecht auf einer Männer-Segeltour auf dem Bodensee. Seiner Frau erzählt er sein Erlebnis, kein Zufall, dass er den ersten Satz der Novelle wieder verwendet.

Vielleicht lässt sich Halm in Zukunft von Gracián leiten, damit er sich selbst in Abgrenzung besser lernt zu verstehen. Eines von Walsers besten Werken.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nachdenken, 17. Juni 2004
Von 
Michael Kahnt (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
... dazu regt diese Buch an. Zum Nachdenken.

Eine merkwürdige Geschichte um 2 Ehepaare, bzw. eigentlich um 2 Schulfreunde, die eigentlich nie Freunde gewesen sein können. 2 völlig entgegengesetzte Menschen, völlig verschiedene Leben. Mit viel Tiefgang erzählt, die Charaktere bis ins kleinste analysiert.

Walsers Stil ist einfach fantastisch aber auch gewöhnungsbedürftig. Das Buch endet wie es beginnt. Was bleibt ist die Frage nach dem richtigen Weg. Gibt es den überhaupt? Soll nicht jeder so leben wie er es für richtig hält? Ist das Leben von anderen schlechter oder besser als andere Leben nur weil es anders ist? Viele Fragen. Ein sehr gutes Buch.

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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Psychogramm der Extraklasse, 24. November 2003
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd (Gebundene Ausgabe)
Walser stellt zwei Männer in deren Lebensmitte dar, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine angepasst, fast spießbürgerlich - jedenfalls aber vergangenheitsverhaftet und kopflastig. Der andere lebensfroh bis zum Exzess, auch wenn es nur Kulisse ist. Diese Darstellung klingt zunächst nach nichts Besonderem, doch die Tatsache, dass diese beiden in einen Dialog gezwungen werden, bietet einen Stoff der besser nicht bearbeitet werden hätte können.

Die beiden Schulkameraden deren Leben so unterschiedlich ist, treffen einander in einem Urlaub am Bodensee wieder und dort beginnt ein Kampf zwischen beiden Lebensbildern. Zunächst entlarvt Walser den lebensmüden (im wahrsten Sinne des Wortes) Protagonisten, als angepasst und antriebslos. Als dieser am Höhepunkt der Geschichte mitverantwortlich für den vermeintlichen Tod des Antagonisten wird, entlarvt er diesen als Blender, der seinen Lebenshunger als Fluchthilfe vor sich selbst und dem herannahenden Alter einsetzt.

Die Darstellung der Psychen dieser beiden Männer hätte wohl kaum besser gelingen können. Dafür gibt es klar 100% der möglichen Punkte. Warum dann nur vier von fünf Sternen? Nun, sprachlich ist das Werk zunächst absolut abstoßend. Walser verletzt sämtliche "Regeln" des Schreibens. Er baut Sätze die kürzer sind als in Groschenromanen und wiederholt das Wort "sagt" bis zu erbrechen. Zusätzlich entschied er sich, auch direkte Rede nicht unter Anführungszeichen zu setzen. Dieser Stil quält über lange Strecken des Buches, bis man *endlich* daran gewöhnt ist und ihn vielleicht sogar als interessant empfindet. Man mag diese Art zu schreiben als künstlerisch interessant empfinden, sogar als bahnbrechend ansehen, mir jedenfalls hat es lange Zeit kalte Schauer über den Rücken gejagt. Dafür erlaube ich mir einen Stern abzuziehen. Sie finden das ist ungerecht, weil es schließlich Teil des Kunstwerkes ist? Dem kann ich Nichts entgegensetzen. Addieren Sie diesen Stern im Geiste dazu.

Eines jedoch kann ich abschließend jedenfalls sagen. "Ein fliehendes Pferd" ist ein Buch das ich nicht missen möchte, ein Buch das man auch ein weiteres Mal lesen muss. Vielleicht sollte ich doch fünf Sterne geben.

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Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch)
Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) von Martin Walser (Broschiert - 4. Mai 1980)
EUR 6,50
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