Kundenrezensionen


4 Rezensionen
5 Sterne:
 (2)
4 Sterne:
 (2)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Nationalheilige verlässt das Piedestal, 20. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Wilhelm Tell für die Schule (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Max Frisch nimmt den Mythos vom Schweizer Nationalhelden nach Strich und Faden auseinander, und das nicht nur scharfsinnig, sondern auch noch mit kaum zu überbietendem süffisantem Witz -- so lob ich mir meine Generalüberholung der Nationalgeschichte. Schon der Anfang ist hinreißend -- es geht um den bösen Geßler, bei dem es sich wahrscheinlich um Konrad von Tillenburg handelte: Ein Dickerchen, das unter dem Föhnwind leidet und den die Leber zwickt. Der Auftrag, den ihn ins reichsfreie Uri führt, wird ihm immer mehr zuwider, und eigentlich will er nur seine Ruhe haben. Aber wie wir aus Schillers "Wilhelm Tell" wissen, kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt...

Lakonisch rekonstruiert Frisch, was tatsächlich geschehen sein könnte, unter Heranziehung historischer Quellen (u.a. das Weiße Buch von Sarnen und die Chronik von Aegidius Tschudi) und historischer und volkskundlicher Forschungsliteratur. Nach und nach begegnet man fast dem kompletten Personal von Schillers Drama; allerdings haben die Damen und Herren hier etwas andere Charaktereigenschaften: Geßler (bzw. Ritter Konrad) agiert als armer Teufel, mit dem man vor allem Mitleid empfindet; er hat es nicht leicht mit den eigenbrötlerischen Bewohnern abgelegener Alpentäler, und der Sinn für die landschaftliche Schönheit geht ihm, wie allen seinen Zeitgenossen, gründlich ab. Tell hingegen, dessen Apfelschuss zahlreiche "Kollegen" in der nordeuropäischen Mythologie hat, ist eher ein jähzorniger, nicht allzu heller Bauer, und was den hehren Rütlischwur und das einig Volk von Brüdern angeht: Stauffacher, Melchtal und Genossen ist vor allem an ihrer eigenen Freiheit (von Habsburg) gelegen; ihre Leibeigenen hingegen sind verpflichtet, die Unabhängigkeit ihrer Herren mit Leib und Seele zu verteidigen... der Rütlischwur als Verschwörung, wie es sie überall gab und gibt, mit dem Zweck, die gegenwärtigen Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Klingt alles nicht so heldenhaft, wie's der Mythos will. Und was Geßlers, pardon: Konrads unrühmliches Ende in der Hohlen Gasse angeht: Tells Geschoss war kein edler Aufruf zu Ehren der Freiheit, sondern ein banaler Terrorakt, der in keinem Rechtsstaat der Welt ungestraft bliebe.

Frisch macht aus diesen Tatbeständen eine brillante Erzählung im lakonischen Ton, mehr noch: In seinen insgesamt 74 Anmerkungen kontrastiert er Mythos, tatsächlichen Hergang und Schweizer Gegenwart und spickt diese Gegenüberstellung mit wunderbar hinterlistigen Seitenhieben auf das Schweizer Selbstverständnis der Gegenwart; Frisch tritt den Gralshütern des Mythos im Vorbeigehen saftig ans Schienbein. Ein besonders brillantes Beispiel hierfür ist die Anmerkung (23), wo er Bezug nimmt auf den zweifelhaften Wahrheitsgehalt mündlicher Überlieferung (die Voraussetzung dafür, dass der Tell-Mythos überhaupt entstehen konnte) und ein Beispiel aus der neusten Geschichte zur Illustration wählt: Man sieht förmlich seinen unschuldigen Augenaufschlag, wenn er die mündliche Überlieferung, also das Selbstverständnis der Bevölkerung, mit dem durch historische Quellen belegten tatsächlichen Geschehen vergleicht: "Hätten auch wir, wie damals die Urschweiz, nur die mündliche Überlieferung (Stammtisch, Volksschule usw.), so gäbe es in der Schweiz beispielsweise keine hitler-freundlichen Großbürger und Offiziere usw., und dies schon nach einem Vierteljahrhundert mündlicher Überlieferung." Tja -- nicht nur 1970, beim ersten Erscheinen von "Wilhelm Tell für die Schule", wird der Aufschrei gewaltig gewesen sein.

Max Frischs "Wilhelm Tell für die Schule" ist keine dröge historische Abhandlung, sondern eine gescheite Erzählung von gediegen boshaftem Witz; Lachen ist erlaubt (erwünscht wohl eher). Historische Richtigstellung und süffisanter Witz dienen aber nicht nur der Unterhaltung (das allerdings auch, und zwar sehr!), sondern auch dazu, die Perspektive der Leser zurechtzurücken: Weder wollte Schiller mit seinem Drama Geschichtsschreibung leisten, noch sollte man das nationale Selbstverständnis ohne genauere Prüfung für bare Münze nehmen.

Merke: Es kann einen Heidenspaß machen, sich näher mit Geschichte zu befassen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Heiterer Geschichtsunterricht, 3. März 2002
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Wilhelm Tell für die Schule (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Eins vorweg: noch nie habe ich ein Buch mit historischem Hintergrund gelesen, dass mich dermassen zum Lachen brachte. In humorvoller, lakonischer Art und Weise erzählt Max Frisch, die Geschichte des schweizer Nationalhelden Willhelm Tell nach. Die Geschichte beginnt damit, dass ein völlig entnervter Gessler, (oder wie er auch immer geheissen haben mag) in die Idylle der Innerschweiz eindringt. Ein Mann ohne Sinn für Landschaft, geschweige denn die Eigenbrödlerei der Urschweizer, ist dienstlich in der Schweiz und will nichts, als so schnell wie möglich wieder weg. Dass er die schweizer Geschichte mitprägen würde, hätte er wohl nicht im Traum geglaubt und doch, durch eine Aneinanderreihung höchst unglücklicher Zufälle, kommt er zu dieser zweifelhaften Ehre.
Es ist ein Genuss, wie Frisch die Urschweiz, ihre Bewohner und Willhelm Tell auf die Schippe nimmt, etwas was wohl nur einem Schweizer gestattet ist. Ein Buch, das endlich einmal die bierernste Thematik Geschichte etwas auflockert.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sockelsturz des Nationalhelden, 25. Mai 2004
Von 
zueribueb (Zürich) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Wilhelm Tell für die Schule (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Mit "Wilhelm Tell für die Schule" aus dem Jahr 1971 demontiert Max Frisch den schweizerischen Nationalmythos. Die politische Aussage des Buches ist, dass die Tell-Geschichte von reaktionären Kreisen propagandistisch missbrauch wird, um ein verklärtes Schweizerbild zu schaffen. Zu jener Zeit kämpfte Schwarzenbach mit seiner Volksinitiative gegen die Überfremdung der Schweiz. Heutzutage kämpfen diese rückwärts gewandten Kreise für ein idealisiertes Bild einer neutralen und unabhängigen Schweiz und gegen den EU-Beitritt. Frisch stellt in Frage, dass mit dem Mythos "Tell" überhaupt noch etwas über die heutige Schweiz ausgesagt werden kann. Statt in der Vergangenheit müssen wird in der Gegenwart leben und in die Zukunft blicken.
Max Frisch erzählt die Geschichte von Wilhelm Tell neu nach, und zwar in einer sehr knappen Sprache und völlig emotionslos, weit entfernt vom ursprünglichen Heldenepos. Zudem erläutert er die Erzählung in 74 Anmerkungen. Dabei kontrastiert er die Legende von Tell mit historischen Quellen (Weisses Buch von Sarnen, Chronik von Tschudi), dem Drama von Schiller sowie Sekundärliteratur. Dabei zeigt sich, dass die Tell-Geschichte überhaupt nichts mit der historischen Realität zu tun hat, sondern ein Mythos ist. Es ist nicht einmal klar, ob Tell und Gessler überhaupt gelebt und wie sie geheissen haben. Die Tell-Geschichte basiert auf skandinavischen Legenden und wurde im Laufe der Zeit immer wieder angepasst und neu erzählt.
Dialektisch bedient sich Frisch schliesslich der Verfremdungslehre von Bertolt Brecht: kennen - nicht kennen - erkennen. Der Bösewicht Gessler wird bei Frisch als dicklicher, kränklicher, gelbsüchtiger Ritter dargestellt. Er ist mehr subalterner Beamter als Bösewicht, ein armer Tropf, mit dem die Leser Mitleid haben. Tell ist dagegen ein kindischer Trotzkopf, dessen Heldentat ein feiger Meuchelmord ist. Folglich vergleicht Frisch Tell mit libanesischen Terroristen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mal anders, 5. Dezember 2004
Von 
Rezension bezieht sich auf: Wilhelm Tell für die Schule (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Die Tell-Sage zählt zu den berühmten nationalen Mythen. Doch warum die klassische Version lesen, wenn es die von Max Frisch gibt.
In Wilhelm Tell für die Schule gibt Max Frisch die Sage in der Sprache der 1970er wieder. Lakonisch, souverän, heiter. Er demontiert den nationalte Mythos, interpretiert die Vorgänge von 1291 neu.
Doch nicht, wie der Titel vermuten lässt, trocken wie ein Schulbuch, sondern aufgelockert. Abschnittsweise erzählt er die Geschichte nach, dann folgen einige Seiten Erklärungen der Fußnoten mit Bezug auf passende Literatur, Zitaten und mehr.
Wir alle kennen die Tell-Sage, doch dieses Buch lässt sie uns in einem neuen Blick sehen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Lesen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Wilhelm Tell für die Schule (suhrkamp taschenbuch)
Wilhelm Tell für die Schule (suhrkamp taschenbuch) von Max Frisch (Taschenbuch - 29. September 1971)
EUR 6,00
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen