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In der Einleitung seines Buches konstatiert Halbig sowohl eine Überforderung als auch eine Unterforderung der Tugend in derzeitigen Diskussionen. Auf der einen Seite werde versucht, hier eine ganz eigenständige Ethik neben deontologischen und konsequentialistischen Ansätzen als ein Konkurrenzmodell zu kreieren. In diesem Fall würde es ganz davon abhängen, ob eine Handlung von der Tugend oder vom Laster des Charakters der ausführenden Person geleitet wäre um sie entweder als gut oder als schlecht bewerten zu können. Dann erscheint aber zum Beispiel bei Michael Slotes Ethikentwurf die Tugend selbst nicht mehr als erläuterungsbedürftig mit der paradoxen Folge, dass eine gehaltvolle Untersuchung, was eigentlich die Tugend selbst ist, ausbleibt. Auf der anderen Seite steht für Halbig die Unterforderung der Tugend, wenn neuzeitliche Philosophie versucht, Tugenden bloß in schon bestehende kosequentialistische oder deontologische Systeme so einzubauen, dass ihnen kein intrinsischer, sondern nur noch ein instrumenteller Wert entspricht. Sie sind hier bloß noch nützlich zum guten Handeln und, wenn sich das gute Handeln auch anders erreichen lässt, prinzipiell entbehrlich. Halbig meint nun, die beste Weise aus dieser Falle der strukturellen Über- und Unterforderung von Tugend herauszukommen, sei es wieder zunächst einmal auf die fundamentale Frage zurückzugehen, was denn eigentlich Tugenden sind. Erst dann könne man wirklich die Fragen beantworten, was Tugend in der Ethik zu leisten vermag und wie sich der zurzeit unübersichtliche Bereich der Tugenden sinnvoll strukturieren lässt. Dieser Ontologie der Tugend geht er im ersten Teil („Der Begriff der Tugend“) seines Buches, im ersten Kapitel, denn auch ausführlich nach, unternimmt dann im 2. Kapitel einen grundlegenden Klassifizierungsversuch von Tugenden, um dann im 3. Kapitel einmal die Struktur des Lasters und dessen Verhältnis zur Tugend näherhin zu beleuchten. Im 4. Kapitel geht er dann der Frage nach der Einheit der Tugend nach, im 5. untersucht er das Verhältnis von Glück und Tugend. Im zweiten Teil des Buches geht es schließlich um die Grenzen der Tugendethik: Erst werden im 6. Kapitel verschiedene moderne Varianten von Tugendethik analysiert (Elizabeth Anscombe, Alasdair MacIntyre, Michael Stocker) und schließlich 4 Formen von Tugendethik festgestellt (der Autor analysiert hier unter anderem die Werke der Tugendethiker Michael Slote, James Martineau, Rosalind Hursthouse und Christine Swanton), bevor dann ausführlich die Grenzen dieser festgestellten Formen von Tugendethik in Kapitel 7 besprochen werden, mit dem ernüchternden Ergebnis, dass das Projekt einer eigenständigen Tugendethik nach Meinung von Halbig gescheitert ist. Er weiß aber zugleich die positiv-bleibenden Beiträge von Tugend für eine moderne Ethik für den Leser gut fassbar herauszustellen und zu würdigen.

Das Buch von Halbig besticht meiner Meinung nach durch seine begriffliche Schärfe. Die Tugend wird eben als solche erst einmal bestimmt, sodass man dann tatsächlich auch eine feste Grundlage dafür hat, worüber man dann später spricht. Dabei plädiert Halbig Tugend als etwas zu verstehen, was in Bezug auf andere intrinsische Grundwerte wirkt und aus ihnen schöpft: Tugend als intrinsisch wertvolle Einstellung zu anderen intrinsischen Werten (von Halbig als „rekursive Theorie“ bezeichnet). Das hat mir gefallen und ich fand es auch gut nachvollziehbar. Im Buch kommen allerdings hin und wieder fremdsprachliche Begriffe vor, die nicht übersetzt werden, altgriechische Zitate werden zwar übersetzt, sind aber in altgriechischer Originalschrift wiedergegeben, was den Lesefluss für den Nichtkenner dieser Sprache etwas behindert. Ganze, längere, nicht übersetzte fremdsprachliche Passagen kommen aber zum Glück nicht vor, was, wie ich aus Erfahrung weiß, beim Suhrkamp Verlag bisher noch keine Selbstverständlichkeit bei philosophischen Büchern gewesen ist.

Das Buch selbst ist natürlich schon ein etwas anspruchsvolleres Fachbuch, wer sich aber tatsächlich für die Tugend im Leben interessiert, sollte sich an dieses Buch ruhig einmal herantrauen. Ich finde, es liest sich nicht zu schwierig und bietet obendrein noch einen schönen Überblick über die zeitgenössischen Tugenddiskussionen. Von meiner Seite aus gibt es für dieses hochinteressante und sehr gut strukturierte Buch eine ganz klare Leseempfehlung.
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am 12. Februar 2014
Als "Fan" der Tugendethik war ich sehr gespannt auf dieses Werk. Es hat mir geholfen, die Chancen, aber auch die Grenzen einer Tugendethik zu erkennen. Der Autor gibt eine guten und aktuellen Überblick über die verschiedenen Ansätze in der Tugendethik. Mit diesem Buch wird (endlich!) die intensive angelsächsische Diskussion für deutsche Leser und Leserinnen fruchtbar gemacht. Es sei allerdings bemerkt, dass es hierbei um eine philosophische Grundlegung handelt, und nicht um die Frage, wie einzelne Tugenden aussehen und wie sie gelebt werden können.
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am 10. April 2014
Christoph Halbig hat ein sehr dickes und ausführliches Buch geschrieben, das meines Erachtens aber konzeptionell misslungen ist. Wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass die Tugendethik letztlich doch nicht haltbar ist, wieso schreibt man dann ein Buch darüber? Ich hatte mir erwartet, dass hier eine (i) EIGENE und (ii) NEUE Tugendethik entfaltet wird und nicht bloss Positionen aus der Literatur diskutiert werden. Wenn man aber nichts wirklich Konstruktives beizutragen hat, sollte man doch lieber über ein Buch über ein anderes Thema schreiben. So profunde die Kenntnisse des Autors der gegenwärtigen Literatur auch sein mögen, systematische Philosophie sieht für mich anders aus.
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