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am 1. Juni 2014
Thomas Nagel ist vielen durch sein "Was bedeutet das alles? - Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie" bekannt. Mit "Der Blick von nirgendwo" legt der Autor nun eine faszinierende existenzphilosophische Betrachtung vor. Das Buch ist gut lesbar und von Michael Gebauer hervorragend übersetzt. (Beides ist ja bei philosophischen Werken nicht selbstverständlich.)

Je nach persönlichem Interesse kann man mit Gewinn auch einzelne Abschnitte aus "Der Blick von nirgendwo" studieren, zumal wesentliche Kapitel (II, IV, VII, VIII, IX) zuvor schon als Vorlesungstexte bzw. als Essays editiert worden sind. Das Buch ist folgendermaßen gegliedert: I. Vorrede; II. Bewußtsein; III. Das psychophysische Problem; IV. Das objektive Selbst; V. Erkenntnis; VI. Begriff und Realität; VII. Freiheit; VIII. Werte; IX. Ethik; X. Das rechte und das gute Leben; XI. Geburt, Tod und Sinn des Lebens.

In seiner Vorrede erklärt Thomas Nagel, um was es ihm hier geht: 'Dieses Buch ist das Ergebnis der Bemühung um eine einzige Frage: Wie ist die subjektive Perspektive einer einzelnen und besonderen Person mit einer objektiven Auffassung von ebendieser Welt zu vermitteln, welche die Person und ihren Standpunkt einschließt? Vor diesem Problem sieht jedes Wesen sich gestellt, das den Impetus und das Vermögen besitzt, seine je eigene Perspektive zu transzendieren und das Weltgeschehen als ein Ganzes zu begreifen.' (S. 11) Bescheiden fügt der Autor an: 'Was ich über diese Fragen zu sagen habe, ist nicht einheitlich genug, um auf diesen Titel ["philosophische Weltanschauung"] Anspruch zu haben; eine meiner Thesen wird sein, dass das Streben nach einer in hohem Grade vereinheitlichten Auffassung des Lebens und des Weltgeschehens oft einen genuinen philosophischen Irrtum nach sich zieht ' verfehlte Reduktion oder die Weigerung, irgendeinen Teil der Realität überhaupt anzuerkennen."

Der erkenntnistheoretischer Realismus: Die Welt ist von unserem Geist unabhängig

"In der Philosophie unserer Tage [herrscht] eine einflußreiche Strömung des Idealismus vor, für welche die Dimension dessen, was es gibt und der Fall ist, nicht über die Dimension dessen hinausreichen kann, was wir im Prinzip zu Denken vermögen." (S. 21) "Auch der Materialismus [beruht] letzten Endes auf einer Spielart des Idealismus: auf einem Idealismus der restringierten Objektivität." (S. 49) Daran übt Nagel scharfe Kritik: Der philosophische Idealismus sei "nichts weiter als der Versuch, sich das Universum auf das eigene Format zurechtzuschneidern." (S. 190) Ihm ermangle es an einer Demut, die transzendente Tatsachen und das Geheimnis des Universums zur Kenntnis nimmt (S. 190), denn die Welt hänge ja nicht von irgendeiner unserer Beschreibungen ab. (S. 188) Im Gegensatz zu solchen Idealisten, ist der Atheist Thomas Nagel - im "Streben nach einer objektiven Weltbeschreibung" - ein Verfechter des epistemologischen Realismus: "Der Realismus ist, wenn wir ihn auf eine einfache Formel bringen, die Auffassung, daß die Welt von unserem Geist unabhängig ist." (S. 157, siehe auch S. 47ff) "Ein solches Weltbild enthält uns Menschen zwar als Bestandteile der Welt, die in der Lage sind, ein Stück von ihr objektiv zu erfassen, aber ein wesentlicher Ausschnitt der Welt könnte uns aus konstitutionell bedingten Gründen für immer unzugänglich bleiben." (S. 181) Übrigens ist die große weltanschauliche Auseinandersetzung zwischen Realisten und Antirealisten ("Universalienproblem") schon seit dem späten Mittelalter das entscheidende Streitthema zwischen Katholiken und Protestanten - und seit der Moderne zwischen atheistischen Inhärentisten und Konstruktivisten.

Der Werterealismus: Dürfen wir an objektive Gründe für unser Wirken glauben?

"Werte sind Ausdruck des objektiven Willens. Insbesondere ethische Werte resultieren aus der Kombination zahlloser Leben und Interessengruppen zu einem einheitlichen System des Urteilens. ... Die Ethik ermöglicht es dem Willen, zumindest ein Stück weit den Weg der Transzendenz zu verfolgen, der dem Verstand offensteht." (S. 234f) Wer speziell nach areligiösen Argumenten im Streit zwischen Werterealisten und Antirealisten sucht, wird in Kapitel "VIII Werte" fündig. Nagel stellt fest: 'Ich bin davon überzeugt, daß die Beweislast in dieser Debatte häufig falsch verteilt worden ist und es ' bis man uns eben das Gegenteil bewiesen hat ' völlig rational ist, von der gleichsam annullierbaren Voraussetzung auszugehen, dass Werte nicht mit Notwendigkeit illusorisch sind. ' Vieles hängt also davon ab, ob man den Realismus zunächst einmal als Möglichkeit anerkennt.' (S. 247f) Letztlich geht es schlicht und einfach darum, ob folgende besondere objektive Voraussetzung für unseren gesunden Menschenverstand wirklich eingängiger und "glaubhafter ist als ihre Negation: daß erstens unser Bewußtsein, die Welt statte uns mit Gründen für unser Wirken aus, nichts als eine subjektive Täuschung ist, die darauf zurückgeht, daß wir unsere eigenen präexistenten Motive in die Welt hineinprojizieren, und daß es zweitens aus objektiver Sicht für unser Wirken keine Gründe gibt - obgleich es freilich `Motive` gibt, die teilweise ihrer Form nach solche normativen Gründe imitieren." (S. 246f)

Die existentiellen Grenzen der Rationalität: Es geht immerhin um Leben und Tod.

Wer zweifelt, ob ihn Nagels philosophische Gedankengänge inspirieren könnten, wird die Lektüre des XI. Kapitels: 'Geburt, Tod und der Sinn des Lebens' empfohlen. In diesem zentralen Teil des Buches wir überdeutlich, dass das Ringen um Objektivität und Subjektivität keine philosophische Spitzfindigkeit ist, sondern eine wesentliche existentielle Frage, die unweigerlich auf jeden Menschen zukommt. Nagel schreibt:

'Hat man es bei Werten auf Objektivität abgesehen, läuft man immer auch Gefahr, diese Werte ganz und gar hinter sich zu lassen. Es kann dann sein, daß man zu einem Standpunkt gelangt, der sich von der Perspektive des menschlichen Lebens so radikal entfernt, dass man dieses Leben nur noch von außen beobachten kann: nichts hat dann offenbar mehr jenen Wert, den es von innen her zu haben scheint, und man observiert nur noch menschliche Wünsche, menschliche Anstrengungen ' menschliche 'Wertungen', die man dann als bloße Aktivitäten oder Situationen erfasst. Im Kapitel über Werte kam ich auf die Gefahr zu sprechen, dass wir, wenn wir den Weg weiterverfolgen, der von persönlichen Neigungen zu objektiven Werten und zu Ethik hinführt, in den Nihilismus zu geraten drohen. Es wird demnach zu einem Problem, wo und wie hier haltzumachen ist, und dieses Problem hat sich immer schon in philosophischen Fragen Luft gemacht, die wir als eher persönlich beunruhigend empfinden. [siehe S. 298ff: Es geht um das Spannungsfeld zwischen individueller Ethik und politischer Theorie, deren absolut unpersönliche "Moral" wesentlich zum kollektiven Leid in der Menschheitsgeschichte beigetragen hat.]
Die problematische Beziehung der Innenansicht und der Außenansicht, die uns auf je eigene Weise unausweichlich erscheinen, macht es schwer, eine kohärente Einstellung zu der Tatsache aufrechtzuerhalten, dass wir überhaupt bestehen, sowie zu unserem Tod und zum Sinn und Zweck unseres Lebens, denn eine distanzierte Auffassung unserer Existenz lässt sich, wenn wir sie einmal erzielt haben, nicht ohne weiteres in einem subjektiven Standpunkt integrieren, von dem aus dieses Leben geführt wird. Von weit genug außerhalb gesehen, ist meine Geburt offenbar zufällig, mein Leben zwecklos, mein Tod unerheblich. Aus der Innenperspektive ist im Gegenteil das Faktum, dass ich auch nicht hätte geboren werden können, so gut wie unvorstellbar, mein Leben von ungeheurer Wichtigkeit und mein Tod eine Katastrophe. Obgleich diese einander diametral entgegengesetzten Perspektiven unleugbar ein und derselben Person angehören ' wäre dem nicht so, dann entstünde erst gar kein Problem -, arbeiten sie unabhängig genug voneinander, um die jeweils andere Perspektive in Erstaunen versetzen zu können ' ganz wie eine Identität, die wir für eine Weile vergessen haben.' (S 360f) Offensichtlich steht die rationalistische Philosophie hier vor einem Dilemma: "Das philosophische Problem des Sinnes des Lebens ist in Wahrheit eine Spielart des Skeptizismus: ein Skeptizismus nämlich auf der Motivationsebene. Wir können Ziele, die wir ohne Reserve ernst nehmen, ebensowenig willkürlich aufgeben, wie wir skeptische Argumente mit der Preisgabe unserer Überzeugungen hinsichtlich der Welt beantworten können - für wie persuasiv wir diese Argumente auch halten mögen." (S. 377) Und Nagel verweist die Objektivität in ihre Schranken: "Eine Sicht des eigenen Seins von weit außerhalb, daß die Frage sich stellen kann, warum es nicht gleichgültig ist, hat doch etwas Gestörtes an sich. ... Doch in Wirklichkeit liegen die Dinge anders. Wir sind in erster Linie - und zwar mit Notwendigkeit - individuelle menschliche Wesen. Unsere Objektivität ist und bleibt die Folge unseres Menschseins und erlaubt es uns daher nimmermehr, aus ihm auszubrechen. Sie hat folglich unserer Humanität zu dienen, und in dem Maße, in dem sie dies nicht zu leisten vermag, dürfen wir uns ihrer erledigen." (S. 381)

Die Beschreibung der Realität im Spannungsfeld skeptischer und heroischer Theorien

Thomas Nagels schärfste Kritiker sind typischerweise Verteidiger der darwinistischen Denkschablone. Im Glauben an den Materialismus behaupten sie, dass der Geist ein in der Evolution spät aufgetretenes Zufallsprodukt der toten Materie sei. (Emergenztheorie) Das Leben in all seinen Variationen habe keinen tieferen Sinn: Der "Wert des Leben" existiere nur in unseren Köpfen. Für die Anhänger des heute so dominierenden weltanschaulichen 'wissenschaftlichen' Evolutionismus findet Nagel in "Der Blick von nirgendwo" (Kapitel 'Evolutionäre Epistemologien') deutliche Worte: 'Manche Leute mögen versucht sein, wenigstens eine evolutionäre Erklärung zu geben oder vielmehr zu erahnen, wie man dies ja heute für alle Dinge zwischen Himmel und Erde zu tun pflegt. Gehaltloses Herumfuchteln mit evolutionären Thesen ist ein weiteres Beispiel für die Tendenz, eine Theorie, die anderswo erfolgreich war, heranzuziehen, um sie auf etwas anzuwenden, das man gerade nicht versteht ' oder vielmehr wendet man diese Theorie nicht eigentlich an, sondern man stellt sich ihre Anwendung bloß vage vor. Auch dieser Versuch ist ein Beleg für den allgegenwärtigen reduktionistischen Naturalismus unserer Kultur.' (S. 137) Und weiter: "Alles hängt also von der Unterstellung ab, dass schlechterdings jedes bemerkenswerte Merkmal menschlicher und anderer Organismen auch eine darwinistische Erklärung haben müsse. Doch welchen Grund gibt es eigentlich dafür, an so etwas zu glauben?" (S. 141)

"Die Beantwortung der Frage, was Wissen sei, verhilft mir nicht zu einer Entscheidung darüber, was ich selbst glauben soll. Wir haben uns vielmehr zu fragen, worin unsere Weltbeziehung eigentlich besteht und wie sie sich ändern läßt." (S. 122) Und Nagel stellt fest, dass im Grunde unsere Fähigkeit zur Objektivität ein großes Geheimnis sei, obgleich es sie offenkundig gibt und wir von ihr Gebrauch machen. (S. 137) Wer also Thomas Nagels Gedankengänge kritisieren will, sollte sich nicht mit semantischen oder und definitorischen Argumenten begnügen; er sollte sich vielmehr auf das schwierige philosophische Terrain der Erkenntnistheorie begeben (Kapitel "V Erkenntnis") Ohne gesunden Menschenverstand und ohne a-priori-Beweisführung (im Spannungsfeld skeptischer und heroische Theorien: S. 121) ist eine Realitätsbeschreibung nicht möglich. (Positivisten sollten zumindest die Möglichkeit offen lassen, dass es eine umfassendere Realität gibt, dass also zwischen Himmel und Erde mehr sein könnte, als es die "reduktiven Theorien" ihres streng naturwissenschaftlichen Weltbilds besagen: S. 121) Geistigkeit ist für Nagel kein spät aufgetauchtes, blind zufälliges kontingentes Epiphänomen der Materie, das Ergebnis einer Aneinanderreihung mehrerer mysteriöser Alles-oder-Nichts-Ereignisse (Emergenzen), sie hat vielmehr von Anfang an die Entwicklung des Universums entscheidend geprägt. Für den Atheisten Nagel ist der reduktionistische Materialismus also keine glaubwürdige Weltanschauung: 'Der Theismus bietet uns ein stellvertretendes Verständnis, indem er es einem transzendenten Geist zuschreibt, dessen Absichten und Weltverständnis wir selbst nicht ganz teilen können. ' Der evolutionäre Naturalismus dagegen überträgt auf alles, einschließlich uns selbst, eine Form des wissenschaftlichen Verstehens, die wir in der Anwendung auf andere Bereiche der Welt entwickelt haben.' (Thomas Nagel, Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, S. 40) Die Trennung der Materie vom Geist, der Geist-Körper-Dualismus des René Descartes, war das Erfolgsrezept bei der Erforschung der materiellen Natur. Thomas Nagel kommt nach eingehender Analyse zu dem Ergebnis: Wenn es uns allerdings um das Verständnis des Geistes gehen soll, ist die reduktionistisch materialistische Theorie einfach nicht ergiebig genug, um Geist und verwandte Phänomene zu erklären. (S. 50, 94) "Der Skeptiker dagegen gelangt zu seinem Skeptizismus, indem er ausgerechnet jene Gedanken in Anspruch nimmt, die der Skeptizismus in der Folge undenkbar werden lässt" (S. 153 FN, siehe auch S. 50f) - und der materialistische Evolutionist torpediert die Vertrauenswürdigkeit seiner eigenen theoretischen Erwägungen, sobald er die Vernunft als "emergentes" nützliches Zufallsprodukt der Materie relativiert.

Fazit:

Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die Gesamtheit der materiellen Welt durch irgendeine physikalische Theorie restlos erklärbar sei: "Auch die Physik ist schließlich bloß eine Tätigkeit unseres Geistes, und wir dürfen nicht unterstellen, dass seine Fähigkeiten - so bemerkenswert sie sein mögen - in jeder Hinsicht der Realität vollkommen angemessen sind." (S. 37) In der 'Blick von nirgendwo' führt uns Thomas Nagel die Zwiespältigkeit der menschlichen Existenz vor Augen: 'Von weit genug außerhalb gesehen, ist meine Geburt offenbar zufällig, mein Leben zwecklos, mein Tod unerheblich. Aus der Innenperspektive ist im Gegenteil das Faktum, dass ich auch nicht hätte geboren werden können, so gut wie unvorstellbar, mein Leben von ungeheurer Wichtigkeit und mein Tod eine Katastrophe.' (S. 361) Wer das menschliche Streben von zu weit außen und 'ganz objektiv' betrachtet, dem mag es absurd erscheinen. Nagel: 'Im Kapitel über Werte kam ich auf die Gefahr zu sprechen, dass wir, wenn wir den Weg weiterverfolgen, der von persönlichen Neigungen zu objektiven Werten und zu Ethik hinführt, in den Nihilismus zu geraten drohen.' (S. 361) Um dieser Gefahr zu begegnen, trägt Nagel den Entwurf einer "neuen Realitätskonzeption" vor, wonach die menschliche Subjektivität einen wesentlichen Anteil an der objektiven Realität hat: "Was wir durch ein solches Verfahren aber aufzudecken suchen, ist keine neue Qualität der Außenwelt, die wir nunmehr einen `Wert` nennen, sondern schlicht und einfach die Wahrheit darüber, was wir und andere tun und wollen sollen." (S. 239f)

Es gibt diesen uralten Mythos vom verlorenen Paradies, dem sich auch die fortschrittsgläubigen Atheisten (incl. Marxisten, Anarcho-Libertarier, Evolutionisten) nicht entziehen können. Obwohl streng objektiv und unpersönlich betrachtet nicht notwendig, ist Wohlbefinden offensichtlich für alle menschlichen Individuen ein (subjektiver) normativer Wert, der sich letztlich einer logisch rationalen Hinterfragung und wissenschaftlichen Durchdringung entzieht. Die Menschen hoffen auf "sozialen Fortschritt", und sie streben nach dauerhaftem individuellen Wohlbefinden, das sie aber nur in der Gemeinschaft mit allen anderen erlangen können. Dieses Streben nach einem dauerhaft glücklichen Leben ist wahrhaftig eine wirksame Tatsache in der Welt. (siehe S. 294ff "Persönliche Werte und Unparteilichkeit", S. 346ff: "Moralität, Rationalität und Pflichterfüllung" und S. 354ff: "Politik und Konversion")

Übrigens lassen Nagels Überlegungen einen Freiraum für die Überzeugung, dass es statt der rationalen Selbstbespiegelung als 'Blick aus dem Nirwana' den 'Blick eines Irgendwer' gibt, der uns warm ums Herz werden lässt. Er erinnert uns daran, dass "Descartes versuchte die Erkenntnis `wiederzugewinnen`, indem er sich seine Weltbeziehung aus dem Gesichtspunkt Gottes vorstellte." (S. 224) Nagel: "Vielleicht sollte man geradezu sagen: der Cartesische Gott ist nichts anderes als die Personifizierung jener Übereinstimmung zwischen uns und der Welt, für die wir keine Erklärung besitzen, die es aber dennoch geben muß, soll ein Gedanke überhaupt zur Erkenntnis werden können." (S. 147) Von sich selbst sagt der Atheist Nagel allerdings, dass ihm der "sensus divinitatis", der Sinn für das Göttliche fehle. ("Geist und Kosmos", S. 24)
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Wie passt das Subjektive in eine objektiv beschreibbare Welt, deren Bestandteil es letztendlich sein muss? Mit dieser (nicht nur) philosophischen Frage beschäftigt sich Thomas Nagel ausführlich in "Der Blick von nirgendwo". Das Verhältnis von Innenansicht und Außenansicht betrifft u.a. die Metaphysik des Geistes, die Erkenntnistheorie, das Freiheitsproblem und die Ethik. Ohne Einbeziehung der Subjektivität ist eine Wirklichkeitsauffassung unvollständig. Damit ist das Problem umrissen.

Autor Nagel ist davon überzeugt, dass wir nicht über die notwendigen Mittel verfügen, um uns selbst zu verstehen. (22) Wer wollte ihm da widersprechen. Dem Thema kann man sich nur dialektisch annähern, indem unterschiedliche Argumentationsketten gegenübergestellt werden und die Lösung letztlich offen bleibt. Wie sollte auch der Mensch als Teil dieser Welt, sich und diese verstehen können?

Der physikalischen Objektivität sind Grenzen gesetzt, wie der Autor mit dem K.O.-Kriterium "Selbstbezug" deutlich macht. "... ganz zu schweigen von der psychischen Tätigkeit der Konstruktion einer objektiven Auffassung der materiellen Wirklichkeit, die nicht ihrerseits einer physikalischen Analyse zugänglich zu sein scheint." (30)

Noch problematischer ist die psychische Objektivität. "Wir sollten", so der Autor, "... auch uns selbst aus der Außenperspektive denken können - und zwar in einer psychologischen und nicht in einer materialistischen Begrifflichkeit." (34) Auf diese Weise solle eine objektive Konzeption des Bewusstseins ermöglicht werden. Das halte ich nicht für möglich. Das Bewusstsein ist - aus dem Blickwinkel des eigenen Erlebens - subjektiv und kann ohne materiellen Bezug nicht objektiv gedeutet werden. Es sind primär die physischen Prozesse im Gehirn, die naturwissenschaftlich untersucht werden können und nicht die damit in Beziehung stehenden psychischen Erlebnisse. Letztere haben kein von der materiellen Welt unabhängiges Dasein. Grenzen räumt aber auch der Autor ein, indem er resümiert, dass die notwendige Unvollständigkeit jeder objektiven Konzeption des Bewusstseins offensichtlich bleibt.

Objektivität ist nicht das (alleinige) Kriterium für Realität, wie der Autor am Beispiel der uns unzugänglichen Erlebniswelt einer Küchenschabe deutlich macht. Und daraus folgt, dass die objektive Wirklichkeit nicht die gesamte Wirklichkeit ist. Nagel diskutiert nicht den Epiphänomenalismus, für den nur die neuronalen Prozesse zählen und der das psychische Erleben als nutz- und wirkungsloses Beiwerk bezeichnet. Die Antwort besteht lt. Nagel auch nicht im Dualismus, da die Beziehung zwischen Psychischem und Materiellem seiner Ansicht nach enger sein muss. Er schlägt die Doppelaspekt-Theorie vor als Lösung für das psychophysische Problem, bei der es nicht um Substanzen, sondern um Eigenschaften geht. Die Doppelaspekt-Theorie führt den Autor zwangsläufig zum Panpsychismus und zur Frage (nicht vorstellbarer) proto-psychischer Eigenschaften.

Mit dem Begriff des objektiven Selbst nähert Nagel sich auch dem "Blick von nirgendwo" an, indem die Welt als ganzes betrachtet wird, ohne individuelle subjektive Perspektive. (108) Das ist natürlich eine Idealisierung, da es eine Betrachtung der Welt ohne konkrete Perspektive nicht gibt. Nagel bezieht sich in seinen nachfolgenden Ausführungen auf das objektive Selbst.

Der Autor erläutert verschiedene Theorien der Erkenntnis, wohl wissend, dass auch eine objektive Auffassung über uns und die Welt nicht das beinhalten kann, was diese Auffassung bildet. (120) Immer wieder zeigt der Selbstbezug die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit auf. Nagel beschreibt skeptische, reduktive und heroische Theorien, die allesamt dieses Problem behandeln. Für eine sich selbst transzendierende Weltbeschreibung gibt es keine Gewähr auf Richtigkeit. (130) Nagel äußert sich skeptisch zur evolutionären Erkenntnistheorie, bietet aber keine Alternative an. (142)

Autor Nagel vertritt eine realistische Position, wonach die Welt von unserem Geist unabhängig ist. (157) Dabei sind wir eingeschränkt hinsichtlich des für uns Erkennbaren und Denkbaren und damit befindet er sich in Opposition zum Idealismus. "Der philosophische Idealismus ... ist nichts weiter als der Versuch, sich das Universum auf sein eigenes Format zurechtzuschneiden." (190)

Handlungen, betrachtet unter objektiven Gesichtspunkten, führen zum Eindruck der kausalen Festlegung. So stellt sich die Frage, ob wir überhaupt verantwortlich sind, für das, was wir tun. Objektivität bedroht die Annahmen über menschliche Freiheit. Nagel diskutiert zwei Aspekte der Willensfreiheit, das Problem der Autonomie und das Problem der Verantwortlichkeit. Beide Probleme erscheinen je nach Perspektive (Innenperspektive, Außenperspektive) unterschiedlich und lassen Zweifel am freien Willen aufkommen. Die Experimente von Libet zur Willensfreiheit fließen nicht in Nagels Überlegungen ein.

In der Ethik geht es um die objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv ausgehandelter Spielregeln. Nagel widmet sich diesem Thema ausführlich, wenngleich nach seiner eigenen Einschätzung seine Diskussion allgemein und unvollständig ist. Er erläutert u.a. Extremfälle, wo z.B. ein Mensch geopfert werden muss, um fünf Menschen zu retten.

"Von weit genug außerhalb gesehen, ist meine Geburt offenbar zufällig, mein Leben zwecklos, mein Tod unerheblich. Aus der Innenperspektive ist im Gegenteil das Faktum, dass ich auch hätte nicht geboren werden können, so gut wie unvorstellbar, mein Leben von ungeheurer Wichtigkeit und mein Tod eine Katastrophe." (361) Die subjektive Perspektive bestimmt unseren Alltag. Objektivität führt zur Distanzierung. Der Sinn des Lebens sollte daher nicht in der Außenperspektive gesucht werden.

Das Buch ist umfassend, anspruchsvoll und tief gehend. Für den schnellen Überblick gibt es leichtere Lektüre. Allerdings ist mein Eindruck, dass manche Probleme einfacher und strukturierter hätten dargestellt werden können. Dennoch handelt es sich um ein lesenswertes Buch, in dem Thomas Nagel ausführlich auf die Problematik "Objektivität - Subjektivität" eingeht.
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am 9. April 2016
Denkmögliche Perspektive durch humane Exzentrizität nachvollziehbar und überraschend fruchtbar, psychologisch auch interessant (Derealisation,
Depersonalisation), wenn auch letztlich offen bleibt, wie weit Gewinn an Objektivität "in Wirklichkeit" durch dieses "Manöver" erreicht wird. Positionsänderungen im bipolaren Subjekt-Objekt-Spannungsfeld erscheinen jedenfalls nicht nur aus philosophischer Sicht sondern auch im
Alltagsleben als ziemlich wichtig und überraschend, das vermittelt die sehr gut lesbare Darstellung des Autors.
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